Name seit dem 18. Juli 1950, vorher ab 1872 Kaiserstraße und ab 1888 Kaiserallee. Um „die Verbundenheit Berlins mit der Bundesrepublik Deutschland“ zu betonen, wurde aus dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der „Königlich Preußischen Artillerieprüfungskommission“ (1893/95) am 18. Juli 1950 das „Bundeshaus“ (Nr. 216-218) und aus der Kaiserallee die Bundesallee. Die Grundstücke Nr. 1-60 und 156-222 gehören zum Ortsteil Wilmersdorf, die Grundstücke Nr. 61-142 zum Ortsteil Friedenau.

Bundesallee. Foto H&S, 2002
Hauptquartier Heeresgruppe Süd, Lagebesprechung, Paulus rechts neben Hitler, 1942. Quelle Bundesarciv

Bundesallee Nr. 67

Friedrich Paulus (1890-1957)

 

Der Wahnsinn endete im Keller des Kaufhauses Univermag im Zentrum von Stalingrad. Dort hatte sich der Stab der 6. Armee rund um Generalfeldmarschall Friedrich Paulus (1890-1957) eingenistet. Am 31. Januar 1943 um 7.45 Uhr setzte er seinen letzten Funkspruch an das Oberkommando der Wehrmacht ab: Russe vor der Tür, wir bereiten Zerstörung vor. Wir zerstören. Kurz darauf betrat Generalmajor Iwan Burmakow, Kommandeur der 38. Schützenbrigade der Roten Armee, die Kellerräume und war erschüttert: Paulus machte auf mich den Eindruck eines in die Enge getriebenen Tieres. Hager sei er gewesen, unrasiert, nachlässig gekleidet. Er gefiel mir nicht. In seinem Zimmer war es schmutzig.

 

 

 

 

 

Das Univermag-Kaufhaus war vor dem Krieg das größte Geschäft Stalingrads, nun hatten es die Deutschen in eine Kloake verwandelt. Es war unvorstellbar schmutzig, man konnte da nicht hergehen, weder durch die Hintertür noch durch den Vordereingang, hüfthoch stand da der Schmutz und der menschliche Kot und was nicht noch alles. Es stank unvorstellbar, schildert der sowjetische Major Anatoli Soldatow seine Eindrücke aus dem Kaufhauskeller.

 

Die Rote Armee hatte in Stalingrad rund 260.000 deutsche Soldaten eingekesselt. Bis zuletzt weigerte sich Paulus, Kapitulationsverhandlungen aufzunehmen. Knapp 150.000 seiner Männer kamen in der Schlacht um, weitere 108.000 gerieten in Gefangenschaft. Von ihnen kehrten bis 1956 nur 5000 lebend in ihre Heimat zurück. Da lebte der General bereits seit einigen Jahren in der DDR.

 

Hitlers feiger Feldherr, wie er in der Rückschau gelegentlich genannt wurde, stammte aus dem Ort Guxhagen bei Kassel. Als 20-Jähriger trat Friedrich Paulus 1910 als Fahnenjunker in die preußische Armee ein, wurde 1911 zum Leutnant befördert und heiratete am 4. Juli 1912 die rumänische Adelstochter Constance Elena Rosetti-Solescu (1889-1949). Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Olga (1914–2003) sowie die Zwillinge Friedrich (1918-1944) und Ernst Alexander (1918-1970).

 

Im Ersten Weltkrieg wirkte Paulus an allen Fronten, Elsass, Alpenkorps, Südtirol, Balkan. 1918 war er Hauptmann und Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse. Das Ende der Monarchie empfand Paulus wie viele seiner Offizierskollegen als Schande. Er schloss sich folgerichtig den Freikorps an und wurde 1919 in die neue Reichswehr übernommen. Die Versetzung an die Kriegsschule in Berlin führte die Familie 1931 in die Hauptstadt. Paulus wurde zum Major ernannt und Lehrgangsleiter für Taktik im Reichswehrministerium. 1935 wurde er Oberst und Chef des Generalstabs der Kraftfahrtruppen in Wünsdorf – des ersten deutschen Panzerkorps.

 

Etwa zu dieser Zeit bis 1939 wohnte Paulus mit Frau und Kindern in einer Wohnung des repräsentativen Mietwohnhauses in der heutigen Bundesallee Nr. 67/Ecke Mainauer Straße Nr. 1. Es ist nicht überliefert, welche Haltung der Wehrmachtsoffizier zu den Nationalsozialisten einnahm, doch sein weiterer Aufstieg in der Hitler-Armee kann ein Hinweis darauf sein. Anfang 1939, vier Jahre nach der Ernennung zum Oberst, wurde Paulus Chef des Generalstabs des 16. Armeekorps unter dem Kommando von Genrealleutnant Erich Hoepner, gleichzeitig wurde er zum Generalmajor ernannt.

 

Die Rangerhöhung brachte den Umzug ins feine Dahlem mit sich. Dort hatte sich beinahe die gesamte militärische Führung angesiedelt: die Generalfeldmarschälle Wilhelm Keitel, Walther von Brauchitsch, Walter von Reichenau, Albert Kesselring, Erich von Manstein sowie die Generalobersten Alfred Jodl und Heinz Guderian. Friedrich Paulus mit neuer Adresse Dahlem, Altensteinstraße Nr. 19 gehörte nun zu diesem Kreis.

 

Kurz nach dem Umzug nach Dahlem zog Paulus in den Krieg. 1939 ist der Generalmajor mit seiner Armee am Überfall auf Polen beteiligt. 1940 nahm er am Feldzug gegen Belgien und Frankreich teil. 1942 übernahm er den Oberbefehl über die 6. Armee im Russlandfeldzug. Als die Rote Armee Paulus‘ Truppen in Stalingrad eingeschlossen hatte und der Feldherr Hitler um die Erlaubnis zum Rückzug bat, lehnte der Diktator dieses Ansinnen ab und erklärte den Kampf um Stalingrad zur kriegsentscheidenden Schlacht.

 

Statt die Rettung der ihm anvertrauten Soldaten auf eigene Faust zu wagen, funkte Paulus noch am 29. Januar 1943 aus dem Keller des Kaufhauses Univermag an Hitler: An den Führer! Zum Jahrestage Ihrer Machtübernahme grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer! Paulus, Generaloberst. Tags darauf ernannte Hitler Paulus zum Generalfeldmarschall – eine unmissverständliche Aufforderung, sich der unmittelbar bevorstehenden Gefangennahme durch ehrenvollen Selbstmord zu entziehen.

 

Doch Paulus wollte überleben und nachdem ihn die Russen zwei Tage danach aus dem verdreckten Keller gezogen hatten, begann ein makabres Schauspiel um den geschlagenen Feldmarschall. Zunächst weigerte er sich, den noch kämpfenden Truppen die Einstellung der Kampfhandlungen zu befehlen. Er habe keine Befehlsgewalt, weil er sich nicht bei der Truppe befinde, so Paulus. Die kommenden Jahre verbrachte er dann in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern, ohne von Hitler abzurücken. Erst nach dem Attentat am 20. Juli 1944 und den Hinrichtungen in Berlin richtete er am 8. August 1944 über Radio Moskau einen Appell ans deutsche Volk: Es handelt sich um einen von Hitler mitten im Frieden vom Zaune gebrochenen Raub- und Eroberungskrieg, wie die Welt noch keinen sah.

 

Die Kehrtwende des Feldmarschalls, der selbst intensiv an den Planungen des Russlandfeldzuges beteiligt war, wirkt wenig glaubwürdig. Dennoch gaben ihm die Sowjets im Nürnberger Prozess gegen die deutschen Kriegsverbrecher 1946 die Gelegenheit, als Zeuge der Anklage gegen einige seiner ehemaligen Dahlemer Nachbarn auszusagen. Danach wurde Paulus in einer Datsche bei Moskau relativ luxuriös untergebracht. Auf wiederholtes Drängen erreichte der nach dem Tod seiner Frau depressive Wehrmachtsoffizier 1953 seine Repatriierung nach Deutschland – auf ausdrücklichen Wunsch siedelte er allerdings in die DDR um.

 

Im Arbeiter- und Bauernstaat ließ sich Paulus nun vor den sozialistischen Karren spannen und wurde zu einer bizarren Gallionsfigur gegen den West-Kurs der Bundesrepublik unter Konrad Adenauer aufgebaut. In einer Villa in Dresden untergebracht, durfte sich der ehemalige Feldmarschall mit Personal, West-Auto und Waffenschein ausgestattet wieder einmal privilegiert fühlen. Seine Kinder durften ihn sogar häufig besuchen. Friedrich Paulus, der einige wenige Vorträge in der DDR hielt und unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit stand, starb schließlich am 1. Februar 1957 in Dresden, seine Urne wurde später nach Baden-Baden überführt.

 

Meine geliebte Coca! ... Ich stehe als Soldat dort, wo ich jetzt stehe, auf Befehl. Was mein Schicksal sein wird, weiß ich nicht, ich muss aber nehmen, was Gott mir gibt. Dein Fritz. Diese Zeilen aus Paulus‘ Abschiedsbrief an seine Frau Constance vom Januar 1943 dienten 1960 als Motto für die Herausgabe seines dokumentarischen Nachlasses unter dem Titel Ich stehe hier auf Befehl! Es ist ein fragwürdig geschönter Blick auf die Ereignisse. Eine klare Haltung und Empathie hätten Friedrich Paulus besser zu Gesichte gestanden und womöglich tausenden Menschen das Leben gerettet.

 

 

Adressbuch Friedenau 1921, Kaiserallee 79

Bundesallee Nr. 79

 

Die Gedenktafel für Edith Wolff am rechten Balkon im ersten Stock des Hauses Bundesallee Nr. 79 ist ärgerlich. Mehr als eine billige Kunststofftafel in unerträglichem Dunkelrotbraun wollten wohl weder die Schöneberger Politiker noch das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU für die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Frau investieren. Das ist unwürdig und nährt den Verdacht, dass es nicht um eine Herzenssache, sondern nur noch um ein Gedenken des Gedenkens Willen ging.

 

Nichts gegen Edith Wolff (1904-1997). Sie hatte am 27. Februar 1943 mit Jizchak Schwersenz die Pfadfindergruppe Chug Chaluzi gegründet, wurde am am 19. Juli.1943 verhaftet, zu zwei Jahren Haft verurteilt und schließlich aus dem Zuchthaus befreit. 1953 wanderte sie nach Israel aus und arbeitete einige Jahre in der Gedenkstätte Yad Vashem.

 

Mit der einseitigen Orientierung auf diese Gedenktafel wird allerdings verschwiegen, dass in diesem Haus von 1917 bis 1925 die Ärztin Dr. med. Else Weil und von 1920 bis 1924 der Schriftsteller Kurt Tucholsky wohnten. Ihre Leistungen und Lebenswege sind mindestens ebenso erinnerungswürdig.

 

Bei dem im Friedenauer Adressbuch von 1921 unter dieser Adresse aufgeführten Schriftsteller Th. Wolff handelt es sich um Dr. phil. Theodor Wolff (1880-1943), der in seinen Veröffentlichungen als Autor den Namen Theodor Wolff-Thüring verwendete, um nicht mit seinem Namensvetter vom Berliner Tageblatt verwechselt zu werden.  Der dort am 5. Juni 2004 verlegte Stolperstein bezieht sich also auf einen Autor, der sich mit seinen Texten gegen die liberale Presse aussprach. Anfang 1943 wurde er in das KZ Auschwitz deportiert. Als Todestag wird der 20. Juli 1943 angegeben. Edith Wolff war seine Tochter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor der Kaiserallee Nr. 79 war der August 1911. Da machte der angehende Jurist Wölfchen mit der Medizinstudentin Claire einen dreitägigen Ausflug nach Rheinsberg. Da die Reise des unverheirateten Paares unziemlich war, reisten die Verliebten als Ehepaar Gambetta. Sie besichtigten Schloss, ruderten über den See und ergötzten sich an der Natur. Nach der ersten Nacht und einem späten Frühstück spazierten sie durch den Ort und stellten fest, dass die moderne Zeit auch vor dem Land nicht halt macht. Am dritten Tag kehrten sie mit dem Zug zurück in die große Stadt, in der es wieder Mühen für sie gab, graue Tage und sehnsüchtige Telefongespräche, verschwiegene Nachmittage, Arbeit und das ganze Glück ihrer großen Liebe.

 

Ein Jahr später erschien im Axel Junker Verlag Berlin Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte, illustriert von Kurt Szafranski (1890-1964). Die Sache war damals so, dass ich das Buch an der See schrieb, auf die Postille gebückt, zur Seite die wärmende Claire, und es, nach Berlin zurückgekehrt, Herrn Kunstmaler Szafranski vorlas. Der Dicke sagte, einen solchen Bockmist hätte er wohl alle seine Lebtage noch nicht vernommen, aber wenn ich es ein bisschen umarbeitete, und wenn er es illustrierte, dann würde es schon gehen. Ich arbeitete um, ließ die hübschen Stellen weg, walzte die mäßigen etwas aus. Der Verleger erwarb das Werk mit allen Rechten für 125 Mark und brachte es als Nummer 3 seiner Reihe Orplid-Bücher zum Preis von einer Mark heraus. Es wurde ein Bombengeschäft, so Tucholsky 1921 in der Weltbühne.

 

Als das Buch herauskam, machten wir eine Luxusausgabe. Es waren dreißig Exemplare – und weil wir es unseren Damen schenken mussten, malten wir in alle Exemplare, damit es keinen Ärger gäbe, eine schöne 1: M.W. steht für Mania, der späteren Ehefrau von Kurt Szafranski, mit K.F. war Tucholskys rätselhafte Verlobte Kitty Frankfurter gemeint und hinter C.P. verbarg sich Claire Pimbusch, entnommen dem Roman Im Schlaraffenland von Heinrich Mann, nun sein Spitzname für Claire, alias Else Weil, die nach Wölfchens Ansicht dem Mannesrausch verfallen war.

 

Kurt Tucholsky, 1918

Kurt Tucholsky

 

Noch vor Erscheinen von Rheinsberg war Tucholsky nach Prag gereist. Er traf Franz Kafka, der am 30. September 1911 über die Begegnung in sein Tagebuch schreibt: Ein ganz einheitlicher Mensch von 21 Jahren. Er wird bald heiraten. Gemeint war Kitty Frankfurther, die Verlobte von Kurt Tucholsky. Zur Bestätigung seiner Heiratsabsichten schickte er seiner Tante ein Profillichtbild mit dem Kommentar: Außen jüdisch und genialisch, innen etwas unmoralisch, nie alleine, stets à deux: - der neveu. Das bereits anderweitig verlobte Wölfchen unterhielt also zwischen 1911 und 1912 gleichzeitig zwei Beziehungen, zu Kitty und Claire. Dessen ungeachtet schrieb Tucholsky am 10. März 1913 Prolog und kleiner Vorwurf:

 

Hier steht es nun drin aufgemalen,

wie einzeln und im Essentialen

ich, K. gen T. mit ihr, C.P.,

gar oftens harmoniesetee ..

Sagt man gewisses, nun – es rächt sich:

siehe Seite acht – und neunundsechzig –

„sie meint man, und man spricht vom … Laub …

Nur mancher ist ein bischen taub.

Von allen hellen, blauen Tagen

Ist nun mal weiter nichts zu sagen …

Du weißt es nicht. Die Luft … die See …

und Du, C.P.,

nur Du! C.P.! …

Kurt

 

Die Geschichte der Kitty Frankfurther bleibt im Dunkeln. Sie wurde 1890 in Hamburg als Katharina Liefmann geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters heiratete ihre Mutter 1894 in Charlottenburg den Kaufmann Adolph Frankfurther. Aus Kitty Liefmann wurde Kitty Frankfurther. Die Verlobung, wie geschrieben, als gute Partie für Tucholsky hinzustellen, ist verwegen. Bekannt ist, dass Stiefvater Adolf und Mutter Agnes Frankfurther, inzwischen Rentiere, und die als Kunstgewerblerin tätige Kitty unter ihrem Mädchennamen Katharina Liefmann 1933 in der Trautenaustraße Nr. 11 in Wilmersdorf wohnten. 1937 gelang Mutter und Tochter die Flucht nach London. 1948 wurde Katharina Liefmann britische Staatsbürgerin. 1980 endet die Spur.

 

1915 war Tucholsky zum Kriegsdienst verpflichtet worden. Kitty war aus seinem Leben verschwunden. Das Eheversprechen wurde 1918 aufgekündigt. Der Kontakt mit Claire, Else Weil bzw. Claire Pimbusch blieb bestehen – trotz einer weiteren Beziehung, die sich für den Soldaten inzwischen an der östlichen Front aufgetan hatte.

 

Else Weil

Else Weil

 

Else Weil, geboren am 19. Juni 1889 in Berlin, setzte ihr Medizinstudium fort. Zwischen 1914 und Juli 1915 ist sie als Unterarztstellvertreterin in der Nervenklinik der Charité bei Karl Bonhoeffer tätig. Im Oktober 1916 bestand sie das Staatsexamen mit „gut". Nach einem praktischen Jahr von Januar bis Oktober 1917 an der inneren und chirurgischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses Charlottenburg-Westend wurde sie am 13. Oktober 1917 approbiert. Es folgte eine Assistenztätigkeit an der Hebammenlehranstalt am Urban-Krankenhaus in Berlin. Am 21. Januar 1918 erfolgte die Promotion mit Ein Beitrag zur Kasuistik des induzierten Irreseins.

 

Ab 16. Oktober 1917 war Dr. Else Weil bei der Ärztekammer Berlin als niedergelassene Ärztin mit einer allgemeinmedizinischen Praxis in der Kaiserallee Nr. 79 gemeldet. Nebenbei war sie als Assistenzärztin an der II. Medizinischen Klinik der Charité tätig.

 

Nach dem Krieg kehrte Kurt Tucholsky nach Berlin zurück. Im Dezember 1918 folgte er dem Ruf von Theodor Wolff, Herausgeber des Berliner Tageblatt, und übernahm die Chefredaktion des im gleichen Verlag erscheinenden illustrierten Wochenblatts für Humor und Satire ULK. Ein Jahr später erschien im Charlottenburger Felix Lehmann Verlag unter dem Pseudonym Theobald Tiger der Gedichtband Fromme Gesänge – dessen Kapitel Der Blauen Blume Else Weil gewidmet wurde. Neun Jahre nach dem Rheinsberg Wochenende heirateten die beiden am 3. Mai 1920. Trauzeugen waren Elses Vater Siegmund und der Herausgeber der Weltbühne Siegfried Jacobsohn. Kurt Tucholsky zog von der Nachodstraße Nr. 12 in die Wohnung von Else Weil in der Kaiseralle Nr. 79. An der Haustür das Schild Tucholsky, K., Dr. Redakteur und von da mit Doppelnamen Weil-Tucholsky, E. Dr., Ärztin.

 

 

 

 

 

Seit Rheinsberg ist bekannt, dass Else Weil eine lebenslustige Frau war. Ihr loses Mundwerk und eine auf Irritation angelegte wirre Sprache, machen ihren Humor aus. Ihre Sticheleien sind eigentlich Liebeserklärungen.

 

Claire: Weißt Du, lieber reise ich mit einem Flohzirkus wie mit dir.

Wölfchen: Als, Claire, als mit dir.

Claire: Ach Gott, konnste auch besser mir nicht zu bekorrigieren zu gebrauchs gehabs habs!“.Ich spreche dir das schiere Hochdeutsch!

 

Die Ehe zwischen Kurt Tucholsky und Else Weil ging nicht gut. Das Standesamt Wilmersdorf verkündete am 20. März 1924: Durch das am 14. Februar 1924 rechtskräftig gewordene Urteil des Landgerichts III Berlin ist die Ehe zwischen dem Schriftsteller Doktor der Rechte Kurt Tucholsky und der Ärztin, Doktor der Medizin, Else geborene Weil geschieden worden. In ihrer humorvollen Art fasste sie das Eheerlebnis zusammen: Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden. Sie gab die Wohnung in der Kaiserallee Nr. 79 auf, zog nach Steglitz in die Björnsonstraße Nr. 12, dann zu ihrer inzwischen verwitweten Mutter nach Charlottenburg in die Wielandstraße Nr. 33 und nach deren Tod 1933 nach Grunewald in die Fontanestraße Nr. 12.

 

Bereits am 30. August 1924 heiratete Kurt Tucholsky in Berlin Mary Gerold (1898-1987), die er während des Krieges an der Artillerie-Fliegerschule Ost in Alt-Autz (Kurland) kennengelernt hatte. Diese zweite Ehe mit der Frau seines Lebens wurde am 21. August 1933 geschieden. Im November 1935 setzte er sie dennoch als Alleinerbin ein. Unter dem Namen Mary Tucholsky baute sie nach 1945 das Kurt-Tucholsky-Archiv auf und bewahrte damit der Nachwelt sein schriftstellerisches Werk.

 

Und Else Weil: Sie praktizierte weiterhin als Ärztin und war obendrein von November 1. November 1932 bis zum 25. März 1933  an der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses Berlin-Friedrichshain tätig. Am 3. April 1933 bestätigt das Standesamt Wilmersdorf: Die geschiedene Else Tucholsky, geborene Weil, hat durch Erklärung vom 28. März 1933 beglaubigt vor dem Notar Herman Ber in Berlin, Jägerstraße 6, ihren früheren Familiennamen Weil wieder angenommen. Nach dem Gesetz vom 7. April 1933 war sie Jüdin. Damit verlor sie die Kassenzulassung. Sie arbeitete als Sekretärin und Kindermädchen. Im Mai 1938 mussten ihr Bruder und sie ihr Elternhaus in der Alten Jakobstraße Nr. 88 verkaufen. Im September 1938 wurde Else Weil die Approbation entzogen.

 

Sie ging nach Paris. Dort traf sie den Chemiker Friedrich Epstein (1882-1943) wieder, der sie bereits in Berlin verehrt hatte und sich nach seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut schon 1934 nach Frankreich begeben hatte. Die beiden wurden ein Paar. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich flohen beide im Mai 1940 in unbesetztes Gebiet nach Saint-Cyr-sur-Mer in das Haus der Familie Meier-Graefe. Wenige Monate später lebten beide in Salernes unter Hausarrest (résidence forcée). 1942 wurden sie als Staatenlose interniert und 1943 vom Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert.

 

Die Commune Salernes legte für Friedrich Epstein den 22. Dezember 1943 als Sterbedatum fest. Am 26. August 1961 fasste das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg folgenden Beschluss: Der Tod der Frau Dr. med. Else Weil, geboren am 19. Juni 1889 zu Berlin, zuletzt im Inlande wohnhaft gewesen in Berlin-Grunewald, Fontanestr. 12, 1938 nach Frankreich ausgewandert, wird festgestellt, weil sie im Laufe des 2. Weltkriegs durch die Gestapo nach Auschwitz verschleppt wurde und seitdem spurlos verschwunden ist. Als Todeszeitpunkt wird der 31. Dezember 1945 festgestellt.

 

Kurt Tucholsky bezeichnete Else Weil 1930 als die klügste Frau, die ich kennengelernt habe. Ich war ein bisschen mit ihr verheiratet.

 

Die Stimme der Kritik Friedrich Luft. Quelle RIAS Berlin

Bundesallee Nr. 74

Friedrich Luft (1911-1990)

 

Friedrich Luft wuchs in der Friedenauer Kaiserallee 74 (heute: Bundesallee) auf. Der Sohn eines deutschen Studienrates und einer schottischen Mutter besuchte das Gymnasium am Maybachplatz (heute Friedrich-Bergius-Schule am Perelsplatz). Er studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte in Berlin und Königsberg. Mit Vorliebe hörte er beim Theaterwissenschaftler Max Herrmann (1865-1942) an der Berliner Universität die Vorlesungen über Theatergeschichte. 1936 entschied er sich für den „freien Autor“ und schrieb Feuilletons für das „Berliner Tageblatt“ und die „Deutsche Allgemeine Zeitung“. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er zunächst für den „Tagesspiegel“. Nachdem die amerikanische Besatzungsbehörde die „Neue Zeitung“ gegründet hatte, „Eine amerikanische Zeitung für die deutsche Bevölkerung“, wurde er Leiter der Feuilleton-Redaktion.

 

 

 

 

 

 

 

Es konnte nicht ausbleiben, dass sich der von den Amerikanern initiierte RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in der Kufsteiner Straße die Mitarbeit von Friedrich Luft sicherte. Dort war er von der Erstsendung am 9. Februar 1946 bis zum 28. Oktober 1990 kurz vor seinem Tod jeden Sonntagmittag die „Stimme der Kritik“. So ist er in Erinnerung geblieben, seine rhetorischen Eigenheiten, sein schnelles, atemloses, abgehacktes Sprechen, seine mitunter drastische Ausdrucksweise und am Schluß immer wieder der Abschied: „Wir sprechen uns wieder, in einer Woche. Wie immer – gleiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle. Ihr Friedrich Luft.“ Die Sendereihe „Stimme der Kritik“ begann Friedrich Luft am 7. Februar 1946 mit folgendem PROLOG:

 

Wir werden an den Sonntagen der kommenden Wochen um diese Stunde wieder Zusammentreffen. Wir werden öfter miteinander reden. Wir werden uns aneinander gewöhnen müssen. Vielleicht ist es gut, daß ich mich Ihnen da vorstelle:

 

Luft ist mein Name. Friedrich Luft. Ich bin 1,86 groß, dunkelblond, wiege 122 Pfund, habe Deutsch, Englisch, Geschichte und Kunst studiert, bin geboren im Jahre 1911, bin theaterbesessen und kinofreudig und beziehe die Lebensmittel der Stufe II. Zu allem trage ich neben dem letzten Anzug, den ich aus dem Krieg gerettet habe, eine Hornbrille auf der Nase. Wozu bin ich da? - Ich soll mich für Sie plagen. Diese Stadt Berlin ist von einer ununterdrückbaren Regsamkeit. Was die Theater, die Kinos zudem betrifft, so kann ein einzelner schon jetzt nicht mehr übersehen, was sich auf den Brettern und den Projektionsflächen unserer Stadt tut. Wer hätte Zeit, die vielen Kunstausstellungen zu besuchen? Wer könnte entscheiden, welcher Opernabend einen Besuch wert ist?

 

Sehen Sie - da komme ich nun in den Lautsprecher, etwas atemlos vielleicht von dem letzten künstlerischen Erlebnis, etwas ausgekühlt vielleicht in dieser Jahreszeit. Aber das ist meine Aufgabe: für Sie sozusagen der Vorreiter und Kundschafter zu sein. Ich stürze mich von Beruf und Leidenschaft in den Strudel der Künste und Vergnügungen und gebe Ihnen Rapport und Bericht. Jede Woche. Um diese Zeit. Ich erzähle Ihnen, was ich gesehen habe. Und da Kunst erregbar machen soll und mitteilsam: nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich es auf meine Art tue. Wenn ich mit meinen Augen sehe. - Kein akademischer Vortrag. Das kann ich nicht. Der Himmel behüte! - Kein leidenschaftsloser Bericht - damit wäre niemand geholfen. Sondern: ich komme aus dem Theater, dem Kino, der Ausstellung, der Oper. Und ich berichte meinen Eindruck. Es gibt keine absolut treffsichere Kritik. Aber es gibt auch hier ein sauberes Handwerk und einen Willen zur Redlichkeit und zum Wahren. Das wollen wir treffen.

 

Gestern hatte ich Gelegenheit, einmal im Wagen durch die ganze Breite dieser Stadt zu fahren. Es war gespenstisch. Man ist an die Trümmer seiner Umwelt, seines Weges zur Arbeit, seines Bezirkes gewöhnt. Aber da wurde mir einmal bewusst, wie wenig von Berlin noch da ist. Ich fragte mich, ob wir uns nicht eigentlich nur etwas vormachen. Ich fuhr an einer Litfaßsäule vorbei, die beklebt war mit unzähligen Ankündigungen von Theatern, Opern, Konzerten. Ich sah nachher im Inseratenteil der Zeitung: an fast 200 Stellen wird Theater gespielt. Tatsächlich. Überall. In allen Bezirken. Täglich finden mindestens ein halbes Dutzend Konzerte statt. In allen Bezirken. Zwei Opernhäuser spielen ständig -welche Stadt der Welt hat das noch? Ob da nicht eine ungesunde Hausse in Kunst ausgebrochen ist - ob es nicht nötiger ist, Handfestes zu tun -, ob der Drang vor die Bühnen und in die Lichtspielhäuser nicht etwas Leichtfertiges und Frivoles an sich hat? Ich habe es mich gefragt. Und ich habe geantwortet: Nein! Wir sind tatsächlich durch ein Tal von Schweiß und Tränen gegangen, und zu Übermut, weiß Gott, ist auch heute kein Anlass.

 

Die Nöte stehen dicht an unserer Schulter. Die Arbeit bleibt zu tun. Aber gesegnet die Stunden, die uns über uns hinausführen. Die Stunden, die wieder Musik in unser Leben bringen und die Töne der großen Meister. Gesegnet die Stunden, die uns nachdenken lassen, die uns Ideen zeigen, die uns die Welt öffnen und uns über unseren kleinen, staubigen Alltag hinausführen in die Welt. Die Dichter - lasst jetzt endlich hören, was sie uns zu sagen haben! Der Krieg hat uns geschlagen zurückgelassen, in einer geistigen Dürre, voll Hungers nach guten und füllenden Gedanken und voller Neugier in die Welt hinaus, voll Aufhorchens nach dem neuen Ton der Güte, der unerbittlichen Liebe zum Nächsten, nach dem neuen Ton einer Menschlichkeit, die nun endlich laut werden muß, nachdem die Luft verzerrt war von Hassgesängen - zwölf lange Jahre hindurch.

 

Nein, Kunst ist nicht Sonntagsspaß und Schnörkel am Alltag, kein Nippes auf dem Vertiko. Kunst ist notwendig, gerade jetzt in der Not. Erst der Geist füllt das Leben, und ich will in keiner Welt leben, die ohne Musik ist. Was nutzt es, wenn wir uns nun das neue Haus bauen, und siehe: wir haben den Inhalt vergessen, den Geist, der in ihm wohnen soll. Nein, Kunst ist notwendig. Und kein Gedanke an sie, kein wirkliches Bemühen um sie ist zuviel.

 

***

 

Die nachfolgende PDF dokumentiert die erste „Stimme der Kritik“ von Friedrich Luft am 23. März 1946 mit einer Besprechung des Stückes DIE ILLEGALEN von Günter Weisenborn, dem damals in der Friedenauer Niedstraße Nr. 25 lebenden Schriftsteller.

 

Friedrich Luft: 1. Stimme der Kritik vom 23.03.1946

ePaper
Teilen:

Friedrich Luft: Stimme der Kritik vom 11.09.1977

ePaper
Teilen:
Friedenauer Presse

Bundesallee Nr. 133

Wolffs Bücherei & Friedenauer Presse

 

Anfang des Jahres 2017 kam die Nachricht, dass der von Andreas Wolff im Jahr 1963 gegründete und von seiner Tochter Katharina „Katja“ Wagenbach-Wolff weitergeführte Verlag der „Friedenauer Presse“ ab Ende März 2017 nicht mehr existieren wird. Das wurde einfach so hingenommen. Weder von der in Friedenau lebenden Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller noch von ihrem Gefolgsmann Ernest Wichner war dazu ein Statement zu vernehmen. Vergessen war, dass sich in „Wolffs Bücherei“ einst jene Schriftsteller einfanden, die ringsherum wohnten, Uwe Johnson, Günter Grass, Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger, Günther Bruno Fuchs, Volker von Törne, Nicolas Born, Hans Christoph Buch und natürlich auch „Die Stimme der Kritik“ Friedrich Luft, vergessen war auch, dass der Kleinverlag „Friedenauer Presse“ schöne Literatur in noch viel schöneren Büchern veröffentlichte.

 

Am 21. März 2017 kam dann eine erfreuliche Nachricht: Katharina Wagenbach-Wolff hatte mit der Slawistin Friederike Jacob und dem Verleger Andreas Rötzer doch noch zwei Nachfolger gefunden, deren bisheriges Wirken eine Fortsetzung des Verlages garantiert. Unter dem Dach des Verlages Matthes & Seitz Berlin werden Jacob und Rötzer die Arbeit fortsetzen. Mitgesellschafterinnen werden Tatiana Wagenbach-Stephan und Nina Wagenbach. Auch in Zukunft soll die Friedenauer Presse ihrer verlegerischen Tradition folgen − als Ort für Literatur in hervorragenden Übersetzungen und sorgfältiger Gestaltung und Ausstattung.

 

 

 

 

 

 

 

 

Begonnen hatte es mit „Wolffs Bücherei“ in St. Petersburg, als Maurycy Wolff (1825-1883) im Jahre 1825 im Kaufhaus Gostiny Dwor am Nevskij Prospekt in St. Petersburg eine Buchhandlung eröffnete. Schon bald, auch das wird später zur Friedenauer Literaturgeschichte gehören, reichte ihm das bloße Bücherverkaufen wohl nicht mehr aus. Er wurde Verleger, einer der einfluss- und erfolgreichsten Russlands. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Ludwig Buchhandel und Verlag. Mit der Oktoberrevolution 1917 wurde das Unternehmen verstaatlicht. Ludwig floh mit Familie nach Deutschland. 1929 eröffnete er schließlich im Westend eine Leihbücherei. Im gleichen Jahr wurde Tochter Katharina geboren. Ludwigs Sohn Andreas eröffnete 1931 in der Kaiserallee (heute Bundesallee) eine Buchhandlung. „Wolffs Bücherei“ wurde mit Lesungen stadtbekannt. Hier fanden sich Schriftsteller ein, die ringsherum wohnten: Uwe Johnson, Günter Grass, Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger, Günther Bruno Fuchs, Volker von Törne, Nicolas Born, Hans Christoph Buch und natürlich auch „Die Stimme der Kritik“ Friedrich Luft.

 

Aus „Wolffs Bücherei“ wurde 2009 die Buchhandlung „Der Zauberberg“, geführt von Natalia W. Liublina und Gerrit Schooff. Geblieben aber ist der Verlag „Friedenauer Presse“, den Andreas Wolff 1963 gründete, und der seit 1983 von seiner Tochter Katharina „Katja“ Wagenbach-Wolff, der Urenkelin von Maurycy Wolff, geleitet wird. Am 17. März 2006 wurde der Verlag mit dem Kurt-Wolff-Preis geehrt. Die Laudatio hielt damals der Chef des Münchener Carl Hanser Verlags Michael Krüger. Wir zitieren daraus auszugsweise:

 

Mein Vergnügen beginnt immer damit, dass ich Deine Bücher, wenn der Karton sie hergegeben hat, anders anfasse als die meisten anderen Bücher. Zum Beispiel die Friedenauer Presse-Drucke mit dem rauhen Umschlagkarton in englischer Broschur, die den maximal zweiunddreißigseitigen Heften im großen Format Halt und Stil geben, die sorgfältige, den Text zu höchster Lesbarkeit steigernde Typographie; der klare Druck, oft von der Druckerei Gericke, die ich noch aus den Tagen von Günter Bruno Fuchs kenne; die bei so vielen normalen Büchern schmerzlich vermisste Fadenheftung – jeder Pressen-Druck aus Friedenau ist ein kleines, bescheidenes, aber doch auch stolzes und selbstbewusstes, in jedem Fall ganz unwagnerisches Gesamtkunstwerk. Und weil die Serie im Format etwas größer angelegt ist als die meisten anderen Bücher, findet man die Hefte trotz der wegen des geringen Umfangs notwendigerweise fehlenden Rückentitel im Bücherregal wieder. Ich glaube, ich habe im Lauf der Jahre alle Hefte gelesen, die zusammengenommen eine stabile papierene Brücke aus dem 18. Jahrhundert ins 20. Jahrhundert schlagen: von Diderot und de Quincey bis zu Lenau und Leopardi, von Turgenev bis zu dem immer noch nicht hinreichend berühmten metaphysischen Clown Daniil Charms, von Alfred Döblin zu Wolfgang Hilbig und Jürgen Theobaldy. So ist eine Bibliothek der kurzen Schriften entstanden, die sich einmal Deinen sehr persönlichen Interessen verdankt, zum anderen den Zwängen des Umfangs: alles, was sich breiter macht als zweiunddreißig Seiten, muß draußen bleiben. Dieser „Zwangscharakter“, wenn ich so sagen darf, in Verbindung mit Deinen „östlichen“ Vorlieben und Deiner offenbar unstillbaren Neugier entwickelte eine besondere Logik, denn plötzlich stehen Texte nebeneinander, die vorher nie im Traum an eine solche Nachbarschaft gedacht hatten: der hinreißende französische Naturforscher Jean-Henri Fabre mit seinen Beobachtungen über die Luft verträgt sich plötzlich ganz ausgezeichnet mit Wolfgang Hilbigs „Über den Tonfall“, und Melvilles „Hunilla, die Chola-Witwe“ steht neben den „Küssen“ des Johannes Secundus in einem ganz anderen Licht da. Und dazwischen die Entdeckungen: Der Tscheche Ivan Wernisch und seine schon vergessen geglaubte Landsmännin Vera Linhartovà, die Holländerin Judith Herzberg und der englische Texaner Christopher Middleton, alles hochzivilisierte Herrschaften, die sich kurz fassen, um bei Dir Eintritt zu erheischen. Und Du kleidest sie alle in einen Traum von Druck und Papier, damit sie in Deinem Friedenauer Ballett bella figura machen ...

 

Katja hat den Willen zum schönen Buch als genetische Disposition in die Wiege gelegt bekommen, von ihrem Urgroßvater Moritz Wolff, dem großen russischen Verleger, aber auch vom Vater Andreas Wolff, der in Friedenau die Wolff’sche Bücherei betrieb und selbst wunderbar ausgestattete Pressendrucke herausgab, von Günter Grass bis Günter Bruno Fuchs, den Friedenauer Schriftstellern, die sich in der Buchhandlung die Klinke in die Hand gaben. Es ist ein Glück, daß Katja diese Tradition aufgenommen und fortgeführt hat nun schon seit fast fünfundzwanzig Jahren. Das beglückendste aber an diesem Spezialverlag für außergewöhnlich schöne und außergewöhnlich schöngemachte Bücher ist der Mangel an Willen zur Macht: Er wird größer nur durch Tradition, nicht aber, weil die Verlegerin mit Bertelsmann konkurrieren möchte. Wenn also jemand den Kurt-Wolff-Preis zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene verdient hat, dann ist es Katja Wagenbach und ihre Friedenauer Presse. Ihr Wappentier ist der Kranich, der, wie es heißt, Schleifen in der Luftröhre hat, die ihm seine trompetenden Rufe ermöglichen. Alle Trompeten sollen heute zu Katjas Lob ertönen.

 

Askania Werke AG nach 1921

Bundesallee Nr. 86-88

Bambergwerk und Askania Werke AG

 

Der Erfolg stieg Carl Bamberg zu Kopf. Irgendwann schlugen die Entbehrungen seiner Jugend um. Er fuhr nur noch mit der Equipage, obgleich recht beleibt, aß und trank er, was ihm schmeckte. War es die Leberzirrhose, die den Durst bewirkte, oder war es der Alkohol, der die Leberzirrhose förderte? 1892 kam das Ende – mit 45 Jahren – und der Grabstein auf dem Friedhof Stubenrauchstraße: „Hier ruht der Mechaniker und Optiker Carl Bamberg, * 12. Juli 1847, † 4. Juni 1892.“

 

Berlin gewährte dem Konstruktionskünstler eine Ehrengrabstätte – bis zum Jahr 2004. Dann war es mit der Ehrung des Verstorbenen genug. Der Senat strich Bamberg von der Liste. Vergessen wurde, dass sich der Mechaniker und Optiker um die Stadt besonders verdient gemacht hatte, dass seine Friedenauer Werkstätten 1889 für die Urania den Bamberg-Refraktor gebaut hatten, der mit seinem 12-Zoll-Linsenfernrohr und einer Brennweite von fünf Metern heute die Wilhelm-Foerster-Sternwarte ziert. Das spektakuläre Beispiel für die klassische Sternenbeobachtung ist inzwischen ein Anziehungspunkt für Jung und Alt.

 

 

 

 

 

 

 

Carl Bamberg war eine Entdeckung von Carl Zeiss (1816-1888) und Ernst Abbe (1840–1905). Sie erkannten dessen Intelligenz und sein Geschick für die Fertigung von feinmechanischen Geräten, eine Neigung, so kurios das für einen Spezialisten von optischer Präzisionsmechanik auch anmutet, die letztlich darauf beruhte, dass Bamberg kurzsichtig war. 1869 ging er nach Berlin, machte sich 1871 mit einer kleinen Werkstatt in der Linienstraße selbstständig. Den enormen Bedarf konnte er nicht befriedigen. Wer in der Reichshauptstadt feinmechanische Geräte kaufen wollte, musste sich weiterhin nach London, Prag oder Paris bemühen. Für Wilhelm Foerster (1832-1921), Leiter der Berliner Sternwarte, war dies nicht hinnehmbar. Er besprach die Lage mit seinen Kollegen vom Reichsvermessungsamt, Physikalischer Reichsanstalt und Admiralität: Man müsse dem jungen Mann auf die Beine helfen, damit er als deutscher Lieferant für den deutschen Bedarf sorgen könnte. Die Herren luden Bamberg 1873 zu einer Besprechung ein und teilten ihm mit, dass er Hoflieferant werden sollte. Bamberg aber sah sich außerstande, dieses Angebot anzunehmen. Es fehle ihm das Geld für Investitionen. Das wurde geregelt – unter der Bedingung, dass er seine Verlobte Emma Roux von Jena nach Berlin holt und heiratet, weil „ein ordentlicher Meister ohne Meisterin nichts tauge“.

 

Als die Urania 1887 ein Großteleskop mit 30 Zentimeter Öffnungsdurchmesser bestellte, musste für die Produktion Platz geschaffen werden. Bamberg erwarb das Grundstück in der Friedenauer Kaiserallee und ließ sich Werkstätten und Landhaus bauen. Für die Marine produzierten die Werkstätten für Präzisions-Mechanik und Optik Carl Bamberg Kompasse und Entfernungsmesser, für die Kartografie von Vermessungsamt und Generalstab Winkelmessinstrumente, für die Sternwarten Passagegeräte und Meridiankreise, für die physikalischen Universitätslabors Meß- und Richtungsgeräte.

 

Sohn Paul Bamberg (1876-1946) war beim frühen Tod des Vaters noch minderjährig. Witwe Emma Bamberg geb. Roux übernahm die Leitung der Firma. 1904 stieg der Sohn ein. Da er sich meist mit seiner Münzsammlung beschäftigte, geriet das Werk ins Schlingern. 1912 wurde die Notbremse gezogen und Vetter Max Roux (1886-1946) als Mitinhaber an das Haus gebunden. Max Roux hatte nach seinem Maschinenbaustudium an der Gewerbeakademie in Chemnitz als Ingenieur in Bremen gearbeitet. 1912 heiratete er die aus Rostock stammende Käte Bolzendahl (1887-1941). Sie hatten drei Kinder: Hans-Georg (1915-2011), Wilhelm (1916-1940) und Ingeborg (1920-2005). Roux war bewusst, dass eine Zukunft der Fabrik nur durch die Bindung von Spezialisten für Feinmechanik gewährleistet sein würde. Der Kriegsausbruch von 1914 bestätigte dies: Dem Militär fehlte eine moderne Wehrtechnik.

 

Die kaiserliche Marine verlangte magnetische Kompasse für U-Boote, weil der Kreiselkompass bei Unterwasserfahrten vom Feind abgehört werden konnte. Das Heer benötigte Peilgeräte zum Anpeilen feindlichen Artilleriefeuers, die Luftwaffe Visiereinrichtungen zur Flugzeugbekämpfung, die Ufa Kameras für die Kriegsberichterstatter. Der Umsatz stieg auf 5.000.000 Mark pro Jahr. Aus 65 wurden in den vier Kriegsjahren 750 Mitarbeiter.

 

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs fiel das Militär als Kunde weg. Roux setzte jedoch durch, dass die Marine alle Aufträge bezahlte, die sie bis Kriegsende erteilt hatte. Das Werk war gerettet, allerdings musste nach dem Versailler Vertrag ein Ersatz für die nun verbotene militärische Produktion gefunden werden. Für die weitere Entwicklung der Firma kam es gelegen, dass 1920 ein Gasmessgerät entwickelt worden war, für das sich die Deutsche Continental Gas AG interessierte. Da das Bambergwerk nicht bereit war, eine Baulizenz zu vergeben, kam es 1921 zur Fusion von Zentralwerkstatt für Gasgeräte GmbH Dessau und Carl Bamberg-Werk zur Askania-Werke AG. In Friedenau wurden weiterhin astronomische und geophysikalische Instrumente gebaut. Bereits 1919 wurde das Potsdamer Unternehmen für Feinmechanik und Optik Otto Toepfer & Sohn übernommen. Es folgten die Übernahmen der Berliner Konkurrenten Julius Wanschaff, Hans Heele und Adolf Koepsel samt ihrer Spezialisten. So konnten Instrumente für die Sternwarten Bosscha auf Java (1922) und Belgrad (1928) gefertigt werden. Askania überstand die Inflation und war obendrein in der Lage, im Bereich Kaiserallee und Stubenrauchstraße Grundstücke zu erwerben.

 

Noch vor Ende des Ersten Weltkriegs hatten sich Hans Altmann und Max Roux kennen gelernt. Der eine war ein angesehener Architekt, der andere ein gewiefter Geschäftsmann. Wem der Preis zu hoch war, entgegnete Roux: Wir sind eine Apotheke, vielleicht können Sie es in der Drogerie nebenan billiger einkaufen. Nachdem bereits 1919 nach Entwürfen von Hans Altmann der viergeschossige Stahlbetonskelettbau für das Konstruktionsbüro errichtet worden war, entstand unter seiner Ägide in den folgenden Jahren auf einer Fläche von 0,5 Hektar eine ausgedehnte Fabrikanlage, deren Fassaden generell mit Sichtziegelmauerwerk und farbigem keramischen Bauschmuck des Bildhauers Bernhard Butzke (1867-1952) verkleidet wurden.

 

Nach 1933 zeichnete sich ab, dass sich die Nationalsozialisten nicht mehr an den Vertrag von Versailles halten würden. Im Zusammenhang mit den Rüstungsplänen von 1935/36 stehen die Bauten auf dem Gelände des Gaswerkes Mariendorf. Der Continental Gas AG kaufte Askania eine Fläche von 115.000 Quadratmetern ab, auf der nach Altmanns Plänen noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs eine moderne Fabrikstadt entstand, mit Shedhallen, siebenstöckigen vollklimatisierten Justiertürmen, Kältekammern, Wasserwerk für die Klimaanlagen, Verwaltungsgebäude, Speisesaal mit 2.000 Sitzplätzen, Küche, Lagerhallen, Sportplatz – auch Wohnbaracken für Fremdarbeiter. 1939 beschäftigte die Askania-Werke AG rund 5.000 Arbeiter an drei Standorten – in Friedenau: Bau von wissenschaftlichen Geräten, Einzeloptik, Entwicklungslabors und Hauptverwaltung, in Mariendorf: Luftfahrtgeräte, Reihenoptik, Kreiselgeräte, Sonderbau für Marine und in den angemieteten Gebäuden der Berliner Telefonbaugesellschaft in Steglitz Regler. Anfang der 1940er Jahre wurden Produktionsteile an den Bodensee verlegt. Daraus entstand 1947 das Bodenseewerk Überlingen, das inzwischen der Diehl Stiftung gehört und sich Diehl Defence nennt.

 

Obwohl die Alliierten ausgemacht hatten, dass nach Kriegsende Friedenau und Mariendorf zum amerikanischen Sektor von Berlin gehören, sorgte die Rote Armee von April bis Juli 1945 dafür, dass die Askania-Werke AG geplündert wurde. Was nicht in die Sowjetunion geschafft wurde, kam nach Teltow, so dass dort 1946 eine Askania Feinmechanik und Optik GmbH Teltow gegründet werden konnte, aus der 1954 der VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow (GRW) wurde. Im Westen Deutschlands sind die Reste der Askania-Werke AG später von diversen Unternehmen übernommen worden.

 

Geblieben sind der Name Askania und das zur Krone stilisierte Markenzeichen – entstanden 1921 mit der Fusion von Zentralwerkstatt für Gasgeräte GmbH Dessau und Carl Bamberg-Werk Friedenau zur Askania-Werke AG. Die beiden Produktionsstandorte beriefen sich auf den Askanier Albrecht der Bär, der im Jahre 1157 die Mark Brandenburg gegründet hatte und als erster Markgraf in die Geschichte einging. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarben der Architekt Georg Becker und der Bankdirektor Günter Kries den Gebäudekomplex in der Bundesallee Nr. 86-89. Die Familienstiftung der heutigen Becker & Kries Unternehmensgruppe sorgte für eine wohlfeile Sanierung der denkmalgeschützten Askaniahöfe - Becker & Kries.

 

 

Georg Hermann, Jettchen Gebert. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart

Bundesallee Nr. 108

Georg Hermann (1871-1943)

 

 

Im Verlag „Das Neue Berlin“ hatten Gert und Gundel Mattenklott 1996 begonnen, das Werk von Georg Hermann in 21 Bänden herauszugeben. Erschienen sind 10 Bände. Der Tod von Gert Mattenklott im Jahr 2009 und finanzielle Schwierigkeiten des Verlages führten wohl leider zum vorzeitigen Ende des Projekts. Die Initiative, Hermanns Schriften wieder, zum Teil auch erstmals, Lesern zugänglich zu machen, war eine Bemühung, die Erinnerung gegen den Sog des Vergessens zu wahren:

 

„Georg Hermanns (1871-1943) Schriften sind geprägt von historischer und vor allem kunsthistorischer Kennerschaft, gediegener Erzählkunst und politisch gesellschaftlicher Gegenwärtigkeit, von aufklärerischem Weltbürgertum und Leidenschaft für Berlin als die Metropole des frühen 20. Jahrhunderts. Einige von Hermanns Romanen, allen voran Jettchen Gebert und Henriette Jacoby, die die Geschichte einer jungen Frau aus dem jüdischen Berlin erzählen, waren das, was man heute Bestseller nennt ... Im Vorwort zu Jettchen Gebert (1906) schlägt der Autor sein Lebensthema an: Erzählend will er dem vergangenen und so schnell vergessenen Leben ein Denkmal und einen Namen geben: ‚Warum soll nicht das Wort vom Leben Zeugnis geben? Warum soll nicht der letzte Hall von Menschen und Dingen aufgefangen werden?‘

 

Wer war Georg Hermann? Als Georg Borchardt ist er 1871 geboren, das jüngste von sechs Kindern einer alteingesessenen Berliner jüdischen Familie. Später nahm er den Vornamen seines Vaters als Künstlernamen an ... Georg Hermann lag der politische Dogmatismus so fern wie jeder religiöse. Er war einer anderen Tradition verpflichtet als dem puritanischen, auf Arbeit und Askese gerichteten dogmatischen Kommunismus: dem von Heinrich Heine und später von Paul Lafargue (1842-1911), dem Schwiegersohn von Karl Marx, formulierten Programm einer zukünftigen Welt, in der alle Menschen das Recht auf den Genuss der irdischen Güter und auf Müßiggang haben würden. Die poetische Devise hat Heine in ‚Deutschland, Ein Wintermärchen‘ formuliert.

 

Hermanns Stimme klingt liebenswert, subtil nuanciert – und heutiger Redeweise fremd - aus dieser unwiederbringlichen Vergangenheit herüber. Mehrfach hat er zum Judentum in Deutschland Stellung bezogen, ausführlich und prägnant vor allem im Essay ‚Der doppelte Spiegel‘ von 1926, in dem er sich mit dem lauter werdenden Antisemitismus auseinandersetzt. Gegen das übliche und auch in sogenannten philosemitischen Schriften vorgetragene Argument, die Juden seien ein Fremdkörper in Deutschland, weist er hin auf die 1900 Jahre alte jüdische Tradition, die sich mit der Römerkultur südlich des Limes deckt, auf die jüngere nördlich des Mains und östlich des Rheins, auf ihre große Bedeutung im kulturellen Leben vor allem des ausgehenden 18. Jahrhunderts: ‚Ihre Salons, ihre klugen Frauen sind der erste Nährboden für die deutsche Literatur, und sogar der Weltruf eines Goethe wurde hier geschaffen.“

 

Mit leichter Ironie schreibt er: „In deutsche Kunst und deutsche Kultur war er (der deutsche Jude) ohne Zweifel verliebter als die anderen Deutschen und setzte sie durch Anteilnahme reichlicher in Nahrung; oder es war im Verhältnis zum mindesten ein größerer Prozentsatz Juden, der das tat, als bei den Ariern der gleichen sozialen Stufe. All das sind Dinge, denen der deutsche Jude sich weder zu rühmen hat, noch zu schämen braucht.“

 

Indes geht es Hermann nicht um eine Rechtfertigung der jüdischen Existenz in Deutschland mit Hilfe der unbezweifelbaren Leistungen jüdischer Intelligenz, auch wenn er immer wieder Gefahr läuft, in der Auseinandersetzung mit den stereotypen Leitsätzen seiner Kontrahenten in diese problematische Argumentation abzudriften. Dagegen betont er das Lebensrecht jedes Menschen gleich wo auf dieser Erde. Mit entschiedenem Selbstbewusstsein lehnt er die Phrasen von den angeblichen jüdischen Minderwertigkeitsgefühlen ab. Sehr genau erkennt er die größte Gabe der Juden an Deutschland - ihr Weltbürgertum:

 

„Ja, ist denn der Jude kein Deutscher, weil er kosmopolitischer ist, nicht so engstirnig, enghorizontig wie die Arier ...? Weil er das Gute liebt, wo immer es zu finden ist. Wenn wir deutschen Juden mehr international und kosmopolitisch betont sind, so wollen wir noch lange nicht unser Deutschtum aufgeben, sondern wollen weiter nichts tun, als die Fenster aufmachen, um in ein Zimmer, in dem die Luft dumpf und muffig geworden ist, neue Luft hereinzulassen.“ Der jüdische Internationalismus ist auch Hermanns heftigstes Argument gegen den Zionismus, ein Thema, das in seinen Exilbriefen öfter auftaucht. Für ihn waren die Juden gerade durch ihren Kosmopolitismus das Salz der Erde.

 

Es kam, wie es kommen musste. 1933 floh er nach Holland. 1943 wurde er von den Deutschen interniert. Am 16. November kam er nach Auschwitz. Dort endet seine Geschichte.

 

Von Georg Hermann gibt es mehrere Berliner Adressen, so Kaiserallee Nr 108 (Bundesallee) und auch Laubenheimer Straße Nr. 2 (heute Kreuznacher Straße Nr. 28 und zum Ortsteil Wilmersdorf gehörend). An diesem Haus wurde 1988 eine Gedenktafel enthüllt. Bereits 1962 entstand auf dem Grundstück zwischen Stubenrauchstraße Nr. 6 und Goßlerstraße Nr. 24/25 der „Georg-Hermann-Garten“ – der nur mit Mühe zu finden ist – und eine Gedenkstele – in einem unwürdigen und verwahrlosten Umfeld.

 

Im Roman „Der kleine Gast“ machte er bereits 1925 seinem Wohnort eine Liebeserklärung: „Denn, man mochte gegen Friedenau sagen, was man wollte, es hatte in seinem alten Kern schöne Gärten mit Obst und Sträuchern, und reizende Vorgärten dazu, das Eldorado für Tonzwerge und weißgetupfte Tonrehe vor der Tropfsteingrotte.“

 

 

Vorwort zu Jettchen Gebert von Georg Hermann, 1906

ePaper
Teilen:

 

Bilder aus dem Stummfilm Jettchen Geberts Geschichte

 

Film von Richard Oswald, 1918

Drehbuch Richard Oswald

Kamera Max Faßbender

Produktionsfirma: Richard Oswald-Film GmbH Berlin

Produzent: Richard Oswald

Format: 35mm, 1:1,33

Bild/Ton: s/w, stumm

Prüfung/Zensur: 09.1918

Uraufführung: 08.11.1918

 

Besetzung

Mechthild Thein: Jettchen Gebert

Conrad Veidt: Dr. Friedrich Köstling

Leo Connard: Salomon Gebert

Martin Kettner: Ferdinand Gebert

Julius Spielmann: Jason Gebert

Clementine Plessner: Rikchen Gebert, Salomons Frau

Else Bäck: Hannchen Gebert, Ferdinands Frau

Max Gülstorff: Onkel Eli

Helene Rietz: Tante Minchen

Robert Koppel: Julius Jakoby aus Bentschen

Ilka Karen: Pinchen, seine Schwester

Hugo Döblin: Onkel Naphtali

Fritz Richard

 

Gedreht wurde der Film im Sommer 1918. Bei der Zensurvorlage im September 1918 erhielt „Jettchen Geberts Geschichte“ Jugendverbot. Die Uraufführung des ersten Teils fand am 8. November 1918 am U.T. Kurfürstendamm statt. Der Vierakter besaß eine Filmlänge von 1373 Metern. Der zweite, ebenfalls vieraktige Teil, „Henriette Jacoby“, war 1393 Meter lang und wurde am 13. Dezember 1918 am U.T. Nollendorfplatz erstmals gezeigt. Damit kamen beide Teile auf eine Gesamtspieldauer von etwa 135 Minuten. Quelle: DIF