Name seit dem 1. November 1962, vorher ab 1872 Ringstraße. Benannt nach Konrad Dickhardt (1899-1961), seit 1946 Schöneberger Bezirksverordneter der SPD, von 1947 bis 1959 Bezirksstadtrat für Finanzen, von 1955 bis 1957 zugleich stellvertretender Bürgermeister. Seit Dezember 1958 bis zu seinem Tode Bezirksbürgermeister von Schöneberg. Dickhardt wurde 1962 ein Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Friedhof Schöneberg II in der Eythstraße (Grabstelle 42-65) zugestanden. Durch einen weiteren Senatsbeschluss vom 23. Januar 1990 wurde die Laufzeit des Ehrengrabs verlängert. Über seine „Verdienste“ ist nur so viel bekannt, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg in Schöneberg die SPD aufbaute, und als Finanzstadtrat wohl dafür sorgte, dass die „Schöneberger Sängerknaben“ für ihre erste Chorreise nach Westdeutschland mit den weißen Kniestrümpfen, kurzen schwarzen Hosen und dunkler Weste mit dem Berliner-Bären-Emblem auf der Brust ausgestattet wurden.

 

In der Dickhardtstraße wohnten u. a. die Schriftsteller Nicolas Born und Hans Christoph Buch (beide Nr. 48) sowie der Komponist Friedrich Hollaender mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin und Diseuse Blandine Ebinger (Nr. 44). Im Berliner Adressbuch von 1932 wird der Medienunternehmer und Politiker Dr. Alfred Hugenberg als Eigentümer des Hauses Nr. 40 aufgeführt.

 

Kabinett Hitler, 1933. Rechts hinten stehend Alfred Hugenberg. Quelle Bundesarchiv

Dickhardtstraße Nr. 40

Alfred Hugenberg

 

Als der Leser Siegfried Andreschak aus der Friedenauer Hertelstraße sein Abonnement für das „Berliner Tageblatt“ gekündigt hatte, bat ihn der Verlag in einem Brief vom 5. April 1933, die Aufkündigung zu widerrufen: „Wenn Sie uns jetzt verlassen, so tun Sie dies in einem Augenblick, der unbedacht gewählt ist, denn der innere Zug des ‚Berliner Tageblatt‘ zum alten Charakter hin wird schon in den nächsten Tagen wieder erkennbar sein. Eine politische Umwälzung ohnegleichen machte es erforderlich, die Gesamtpolitik des ‚Berliner Tageblatt‘ auf eine Linie zu stellen, die es verhindert, dass Deutschland in eine geistige Isolierung gerät. Selbstverständlich werden wir dabei, unserer Tradition gemäß, für Freiheit und Gleichberechtigung aller Staatsbürger eintreten.”

 

Was war geschehen? 27. Februar Reichstagsbrand, 28. Februar Erlass der Notverordnung, 5. März Reichstagswahl. Im „Berliner Tageblatt“ forderte Chefredakteur Theodor Wolff Zivilcourage: „Diejenigen, die zu dem heutigen Regime in solcher Opposition stehen, haben ihre Überzeugungstreue zu bekunden, und der Tag, an dem ihr Abwehrwille sich bewähren muß, ist der 5. März.“

 

Das war zu viel. Immer wieder hatte Wolff schon während der Weimarer Republik leidenschaftliche Appelle gegen den aufkommenden Faschismus in die Zeitung gesetzt: „Wenn der Nationalsozialismus triumphiert“, dann werden „die letzten Reste von Freiheit und Bürgerrechte zerschlagen“ und das Volk „zu dumpfem Gehorsam und schweigender Unterwerfung“ gezwungen.“ Am 10. März 1933 wurde das „Berliner Tageblatt“ „im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ verboten.

 

Chefredakteur Theodor Wolff floh nach Tirol und Verleger Hans Lachmann-Mosse gab klein bei. Am 12. März druckte das „Berliner Tageblatt“ folgende Erklärung ab: „Verlag und Redaktion nahmen diese Maßnahmen zum Anlass, um mit den verantwortlichen Stellen über die Verbotsgründe in Verbindung zu treten. Hierbei wurde die Möglichkeit einer Vermeidung ähnlicher Verbotsanlässe für die Zukunft erwogen. Nachdem der Verlag dem Herrn Polizeipräsidenten eine in diesem Sinne befriedigende Erklärung abgegeben hatte und einen Wechsel in der Redaktion vorgenommen hat, erfolgte die Aufhebung des Verbots.“

 

Der Verleger rettete seine Zeitung und ließ seinen Chefredakteur fallen: „Der Verlag ist niemals Anstoß von Verboten gewesen ist, sondern lediglich die Arbeit der Redaktion wegen der Politik und der Kulturpolitik der vergangenen Jahre. Für unabsehbare Zeit wird sich das ‚Berliner Tageblatt‘ innenpolitisch im Wesentlichen neutral konzentrieren müssen. Aber wahre Demokratie und Gerechtigkeit verlangen, dass positive Leistungen des Staates, auch dann, wenn dieser Staat eine wesentlich andere Gestalt angenommen hat, sachliche Anerkennung erfahren. Ich kann mir nicht denken, dass Sie sich der Gefahr aussetzen wollen, von der Öffentlichkeit missverstanden zu werden, wenn Sie für das ‚Berliner Tageblatt‘ auch dann noch als Chefredakteur verantwortlich zeichnen“. Es half alles nichts. Bereits am 9. April 1933 musste der Verleger die Leitung des Hauses Rudolf Mosse niederlegen und die Geschäftsführung in die Hände „alter bewährter Mitarbeiter“ seines Hauses legen. Alfred Hugenberg (1865-1951) hatte ein weiteres Ziel erreicht. Er hatte das konkurrierende Verlagshaus von Mosse in die Knie gezwungen und sich obendrein als Minister im ersten Kabinett von Hitler Einfluss gesichert.

 

Der nationalkonservative Volkswirtschaftler Hugenberg hatte bereits 1916 den Verlag von August Scherl (1849-1921) übernommen. Bevor der auf Gut Rohbraken ansässige Geheime Finanzrat Dr. Alfred Hugenberg am 20. Oktober 1928 zum Vorsitzenden der „Deutschnationalen Volkspartei“ gewählt wurde, erwarb „der Abgeordnete von außerhalb, Wahlkreis 17, Westfalen Nord“, 1929 das Haus in der Ringstraße Nr. 40 (heute Dickhardtstraße Nr. 40). Es ist davon auszugehen, dass „der Mann im Dunkeln“, wie ihn die „Vossische Zeitung“ beschrieb, auch von diesem Ort die Weichen für den Aufstieg der Nationalsozialisten stellte. Hugenbergs Medienkonzern beherrschte Anzeigengeschäft, Nachrichtenagenturen, Tageszeitungen, Illustrierte, Journale, Buchverlage und UFA. Über sein „Zentralbüro für die deutsche Presse GmbH“ wurden die Provinzblätter kostenfrei mit druckfertigen Text- und Bildbeiträgen versorgt. Hugenberg wollte den „Bürgern die Freiheit lassen, die ein deutscher Vater den Kindern gibt, die in seinem Garten spielen“. Bürger, Freiheit, Vater, Kinder, Garten und Deutsch, dieses diffuse Gemisch aus halbseidener Information und einfältiger Unterhaltung kam an. Die Provinz griff zu. Verlage sparten Redakteure. Der Boden war bestellt.

 

Theodor Wolff nannte Hugenberg einen „Führer wie ihn missgünstige Menschen ihren schlimmsten Feinden gönnen“. Ein Jahr nach der Selbstaufgabe des „Berliner Tageblatt“ wurde die Familie Ullstein gezwungen, sich von ihrem Unternehmen trennen. Der Verlag wurde arisiert, dem Zentralverlag der NSDAP unterstellt und 1937 in Deutscher Verlag umbenannt. Die Zerschlagung des Mosse-Imperiums geschah scheibchenweise. Das „8 Uhr-Abendblatt“ wurde 1934 Teil der „National-Zeitung“ und dann 1938 eingestellt, das „Berliner Tageblatt“ und die „Berliner Morgen-Zeitung“ gab es noch bis 1939. Gleichgeschaltet waren sie längst.

 

Und Theodor Wolff? 1933 wurden seine Bücher verbrannt: „Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff.“ 1937 erkannte ihm das nationalsozialistische Regime die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Am 23. Mai 1943 wurde er in seiner Wohnung Promenade des Anglais Nr. 63 in Nizza von den italienischen Besatzern verhaftet, der Gestapo ausgeliefert und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Er starb am 23. September 1943 im Jüdischen Krankenhaus und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben.

 

Und Alfred Hugenberg? Er führte nach dem Ende seines „tausendjährigen Reiches“ einen mehrjährigen Rechtsstreit um seine Entnazifizierung: 1948 erfolgte die Einstufung in die Kategorie III (Minderbelastete), 1949 in die Kategorie IV (Mitläufer) und 1950 in die Kategorie V (Entlastete). Er erstritt eine millionenschwere Entschädigung. Anders entschied 2005 das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, als die Erben eine Ausgleichszahlung für die entschädigungslose Enteignung des ehemaligen Ritterguts Uhlmannsdorf bei Weißwasser forderten. Das Gericht begründete das Urteil damit, dass Hugenberg „dem nationalsozialistischen System erheblichen Vorschub geleistet habe. Als Eigentümer von Scherl-Verlag und UFA trage er auch die Verantwortung für dort erschienene Beiträge. Auch wenn es ihm nicht darauf angekommen sei, die NSDAP zu stärken, und nur für die Erreichung eigener politischer Ziele gehandelt habe, hätte er als erfahrener Politiker erkennen müssen, dass die NSDAP die Alleinherrschaft anstrebe“.

 

Kann die Macht heutiger Medienkonzerne mit dem Einfluss Hugenbergs verglichen werden? „Berlin ist nicht Weimar“, sagt Historiker Hans Bohrmann. Besorgniserregend sei allerdings die „Entpolitisierung der Öffentlichkeit“ in den Medien. Dort würden wie bei Hugenberg „Träume und Unterhaltung“ verkauft. Es fehle aber die klare weltanschauliche Ausrichtung.

 

Noch immer werden die großen deutschen Zeitungen nicht müde, den „vielseitigsten und dabei tiefsten und stilvollsten politischen Journalisten Deutschlands“ zu preisen, Theodor Wolff als „genauen Zeitbeobachter“. Bis heute hält die Bewunderung für den Berliner Journalisten Theodor Wolff an. Womit beeindruckte er seine Zeitgenossen und worauf gründet sich seine anhaltende Wirkung?

 

Seit 1962 verleiht der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger den „Theodor-Wolff-Preis“ an Journalisten, und natürlich ist es sinnvoll, heutzutage wenigstens einmal jährlich Theodor Wolff in Erinnerung zu rufen, weil er zwischen 1906 und 1933 als Chefredakteur des Berliner Tageblatts Maßstäbe gesetzt hat und weil sein Name für journalistische Qualität, für Brillanz in Sprache, Stil und Form steht.

 

Eine zwiespältige Veranstaltung ist dieser „Theodor-Wolff-Preis“ allemal, da immer mehr regionale Tageszeitungen von einer Zentralredaktion mit Beiträgen beliefert, gestandene Redakteure entsorgt, Praktikanten (für nichts), Volontäre (zum halben Preis) und freie Journalisten zu niedrigsten Zeilenhonoraren beschäftigt werden.

 

Hatten wir das nicht schon einmal? Am 13. April 1931, zwei Jahre vor der Regierungsübernahme durch die Hitler-Hugenberg-Koalition, appellierte der jüdische Chefredakteur Theodor Wolff an seinen ebenfalls jüdischen Verleger Hans Lachmann-Mosse: „Ich will abermals betonen, dass eine grosse politische Zeitung meiner Meinung nach eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit hat, die nicht ausschließlich nach den Grundsätzen irgendeines kaufmännischen Unternehmens geführt werden sollte.“

 

Nach dem Weltkrieg wurden die Karten neu gemischt. Aber schon zur Jahrhundertfeier der Gewerkschaft Druck und Papier 1966 merkte der SPD-Vorsitzende Willy Brandt an, man müsse vor dem „immer deutlicher werdenden Konzentrationsprozess in der deutschen Presse“ warnen. Fünf Jahrzehnte nach Brandt sah plötzlich auch Frank-Walter Steinmeier „die Medienlandschaft bedroht“. Zur Verleihung der Pressepreise im November 2014 bemerkte er, dass „Vielfalt einer der Schlüssel für die Akzeptanz von Medien ist. Wir brauchen Journalisten, die sich Zeit nehmen und in eine Materie tief einsteigen. Es müsse alles getan werden, damit Journalisten weiterhin gute Arbeit leisten können. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.“

 

Mehr als Geschwätz ist das nicht. Was tun die Sozialdemokraten gegen den fortschreitenden Verzicht von Journalisten auf Individualität, Norm und Meinung? Geradezu zynisch ist es, wenn die zum Besitz der SPD gehörende „Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH (ddvg)“ das „Zeitungsmachen den Journalisten überlässt, um Meinungsvielfalt zu fördern und die innere Pressefreiheit zu achten“. In der Realität lässt diese Medienholding wie die konkurrierenden Mediengiganten Zentralredaktionen einrichten, über die „überregionale Inhalte in einer besseren Qualität angeboten werden, die eine einzelne Regionalzeitung allein nicht liefern“ kann.

 

Das heißt Abbau von journalistischen Arbeitsplätzen und Gewinn für die SPD, „deshalb sperre man sich auch nicht gegen nötige Restrukturierungen“. Das ist niederträchtig und perfide, weil diese neue Steigbügelhalterei zum Verlust der Vielfalt führt, die doch laut SPD „einer der Schlüssel für die Akzeptanz von Medien“ sein sollte.

 

Daraufhin bündelten die Sozialdemokraten ihre Zeitungen in der Medienbeteiligungsgesellschaft „Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH (ddvg)“. Aktuell hält sie Anteile an mehr als drei Dutzend Zeitungen – das sind rund zwei Millionen Exemplare von insgesamt etwa 16 Millionen verkauften deutschen Tageszeitungen. Das ist wenig gegenüber den bekannten Mediengiganten.

 

Sie versuchen als Urheber und Beförderer flächendeckend massiv die Meinungsbildung abzudecken. Damit beim Volk diese Erkenntnis und die Erinnerung an dunkle Zeiten gar nicht erst aufkommen soll, bedienen sich die „Manager der Publizistik“ in zunehmendem Maße der These „Berlin ist nicht Weimar“.

 

Immer häufiger tauchen heute als Quelle zwei Namen auf: „Funke Mediengruppe“ in Essen und „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) in Hannover.

 

Im Lokalen und Regionalen sind Tageszeitungen häufig tonangebend – im Überregionalen hingegen setzen die meisten sehr ähnliche Schwerpunkte. Angenommen der Papst tritt zurück: Viele Redaktionen würden das Thema bearbeiten. Es entsteht x-facher Aufwand und die Ergebnisse der Bemühungen ähneln sich am Ende stark.

 

Eine Gemeinschaftsredaktion liefert die überregionalen Seiten und Texte für interne wie externe Partner. Den Redaktionen der regionalen Zeitungen bleibt dadurch mehr Zeit, sich um ihre Lokalthemen zu kümmern.

 

Das „Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)“ für „fast 4 Millionen Leser“ versorgt so 15 Tageszeitungen, darunter Dresdner Neueste Nachrichten, Göttinger Tageblatt, Hannoversche Allgemeine Zeitung, Neue Presse Hannover, Leipziger Volkszeitung, Lübecker Nachrichten, Märkische Allgemeine Zeitung und Ostsee-Zeitung.

 

Die Mediengruppe verkauft täglich etwa 850.000 Zeitungen.

 

Die „Funke Mediengruppe“ ist nach eigenem Bekunden „auf dem Weg, das beste nationale Medienhaus in Deutschland zu werden“ – mit Zeitungen und Zeitschriften, darunter Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Braunschweiger Zeitung, Neue Ruhr Zeitung NRZ, Westdeutsche Allgemeine Zeitung WAZ, Westfälische Rundschau, Ostthüringer Zeitung, Thüringer Allgemeine, Thüringische Landeszeitung – aber auch Bild der Frau bis GONG.

 

Das Misstrauen ist angebracht. Einfältige Menschen haben dafür den Begriff „Lügenpresse“ kreiert, wahrlich kein glückliches Kompositum. Den Leuten aber vorzuwerfen, dass die Verwendung des Ausdrucks „Lügenpresse“ zur „Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit“ beiträgt, ist pure Polemik. Damit wird kein Verständnis – und schon gar kein Konsens gesucht.

 

Immerhin gestand die Jury ein, dass die „Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist“.

 

Längst haben die Medien begriffen, dass ihnen die überwiegende Mehrheit nicht mehr vertraut. Mit schnellen Berichten und mangelhaften Recherchen und nicht tiefer hinterfragten Beiträgen ging der kritische Blick verloren. Der Verdacht auf Manipulation liegt nahe.

 

 

Blandine Ebinger & Friedrich Hollaender, um 1920. Archiv Helwig Hassenpflug

Dickhardtstraße Nr. 44

Blandine Ebinger & Friedrich Hollaender

 

Viele haben diesem Chanson ihren Stempel aufgedrückt: Voran Marlene Dietrich, auch Claire Waldoff, Greta Keller, Eartha Kitt, Milva, Daliah Lavi. Nichts gegen die Damen, nichts gegen ihre erotischen Interpretationen, aber einiges gegen ihre Eingriffe in den Text. Aus Neger wurde Geiger, aus brauner Haut blasse, aus schwarzem Haar schönes und auf die Pointe mit dem verlassenen (schwangeren) Liebchen wurde ganz und gar verzichtet.

 

Friedrich Hollaender hatte Jonny, wenn du Geburtstag hast für Blandine Ebinger geschrieben. Das Lied entstand 1920 in der Dickhardtstraße Nr. 44, die damals noch Ringstraße hieß. Ein Jahr zuvor hatten sie geheiratet. Da sie noch keine eigene Wohnung gefunden hatten, wohnten sie in der Wohnung von Tante Doni in Friedenau. Ganz in der Nähe am Lauterplatz wohnten in der Niedstraße Nr. 40/41 auch die Wezels, Blandines Großeltern.

 

Eines Tages war das Ehepaar zu einer Gesellschaft eingeladen. Blandine wurde und wurde mit dem Anziehen nicht fertig. Ich stand, eine Stunde, glaube ich, in Mantel und Hut, mit Handschuhen. Um mit meiner Ungeduld fertig zu werden, trat ich ans Klavier. Mit Handschuhen schlug ich den Deckel auf, mit Handschuhen legte ich die Hände auf die Tasten. Und so, in Hut und Mantel, mit Handschuhen und stehend, spielte ich den Jonny von A bis Z herunter, ohne nachzudenken und ohne anzuhalten. – Das Thema eben war sehr hübsch. – Nein, es war nicht hübsch, und wir kommen zu spät. – Das war Jonny:

Jonny, wenn du Geburtstag hast

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Helwig Hassenpflug. Foto Hahn & Stich, 2001

Der Kümmerer

 

Meine Damen und Herren, dass sich der Verlag Walter de Gruyter beehrt, uns zu einem Empfang in den Drucksaal der Druckerei einzuladen, könnte Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung sein. Wer wie ich in der Vergangenheit weder mit diesem Haus noch mit seinem geschäftsführenden Gesellschafter zu tun hatte, sondern ausschließlich mit Helwig Hassenpflug, sollte sich von der Wahl des Ortes nicht allzusehr in die Irre führen lassen. Der Verlag Walter de Gruyter ist vor allem ein Domizil des Geistes, in Berlin und in New York.

Als man mich im Zusammenhang mit dem heutigen Tag vor einiger Zeit darauf hinwies, dass es ja nicht nur den Doktor und den Doktor honoris causa, sondern auch einen anderen Helwig Hassenpflug gäbe, und fragte, ob ich an diesem 10. März Lust hätte, aus dem Nähkästchen zu plaudern, war das für mich keine Frage. Obwohl ich für die inoffiziellen Seiten des Lebens sehr empfänglich bin, war es leichter gesagt als in den letzten Tagen auf Papier gebracht.

 

 

 

Weil das so ist, weil heute Morgen auch offizielles und inoffizielles, bekanntschaftliches, freundschaftliches und verwandtschaftliches zusammen kommen soll, werde ich getreu der Tradition dieses Hauses vorab einen allgemeinen Kommentar über den speziellen Kommentar zum kommentierten Kommentar über die Gattung des gemeinen Kümmerers abgeben. Die Gattung des gemeinen Kümmerers ist in der ganzen Welt verbreitet, auch zu Hause natürlich. Zu den Kümmerern zählen zum Beispiel Freunde und Freundinnen, die einem ins Krankenhaus keine Blumen oder Pralinen schicken, sondern einen Schlafanzug oder vielleicht nur Briefmarken, was immerhin beweist, daß sie nachgedacht haben. Sie leeren den Briefkasten, wenn man nicht zu Hause ist; sie nehmen die Katze in Pflege. Ohne viel Aufhebens erledigen sie alle Geschäfte; sie sind immer da, wenn man sie braucht; man kann sich auf sie verlassen. Wenn man sie nicht mehr braucht, sind sie merkwürdigerweise auch nicht mehr da. Kümmerer sind anspruchslose Geschöpfe. Ihr bescheidenes Glück ist das Glück der anderen. So sieht es wenigstens aus. Denn es gehört zum Wesen der Kümmerer, daß man ihre Wohltaten zwar dankbar entgegennimmt, doch selten oder nie über sie nachdenkt.

 

Vor ziemlich genau zwanzig Jahren war ich damit beschäftigt, für die Berliner Festwochen das Unterhaltungsprogramm über die Zwanziger Jahre zu realisieren. Im alten Theater des Architekten Oscar Kaufmann an der Hardenbergstraße hatte ich damals einen späten Hauch jener Zeit erleben dürfen, über den Friedrich Luft schrieb, dass „der beste Geist, die flotte Gangart, die kesse Ironie, die traurige Lustigkeit und die hohe Intelligenz jener Jahre“ wieder da war. Ein halbes Jahrhundert schien plötzlich übersprungen und nach rückwärts vergessen. Die exzentrische Ausdruckstänzerin Valeska Gert bemühte sich aus ihrem Sylter Ziegenstall und wollte noch immer „eine sensitive Hure“ sein. Erwin Bootz, der letzte der sechs unvergeßlichen Comedian Harmonists, ließ uns noch einmal von „Wochenend und Sonnenschein“ träumen. Theo Lingen fragte, ob wir „den neuen Hut von Fräulein Molly schon gesehen“ hätten. Mischa Spolianksy, der einst „Heute Nacht oder nie“ komponierte, säuselte am Boesendorfer „Mir ist so nach dir“. Die Berliner Diseuse aus Paris, Margo Lion, die Frau des Revuetexters Marcellus Schiffer, ulkte und parodierte „Die Linie der Mode“, „Die Gesellschaft“ und „L'heure bleu“. Als dann noch Blandine Ebinger, die Dame des Berliner Chansons, die Bühne des Renaissance-Theaters betrat und ihre „Lieder eines armen Mädchens“ sang, schwelgte der Saal in Erinnerung an den besten, alten Kurfürstendamm und hinter den Kulissen stand einsam und überglücklich ein strahlender Helwig Hassenpflug, der nun erleben konnte, dass sein unermüdliches hintergründiges Wirken jetzt draußen laut bejubelt wurde.

 

Für die zerbrechliche Ebinger und nicht für die mondäne Dietrich schrieb Friedrich Hollaender 1920 das Chanson „Jonny, wenn du Geburtstag hast“. Es wird hier und heute nicht erklingen, weil es uns doch zu sehr in die entlegenen Seiten des Lebens führen würde. Wer aber dieses zum Schlager gewordene Lied einmal nicht von der Dietrich, sondern in der zurückgenommenen, brüchigen, zarten, pipsigen, lispelnden und verrucht-spielenden Machart der Ebinger hört, weiß um die Einmaligkeit, erfährt, was eine große Künstlerin aus Text und Musik zaubern kann.

 

Blandine Ebinger hatte mindestens zwei glückliche Hoch-Zeiten erleben dürfen. Weil sie für Friedrich Hollaender dem Bild glich, das ihm vorschwebte, „Wie warst du, was du spieltest! Wie spieltest du, was du warst“, wurden sie obendrein Mann und Frau. Die Ehe ging in die Brüche und auf den deutschen Kabarettbrettern war aus den bekannten Gründen für beide bald kein Platz mehr. Als die Ebinger einsam und allein nach Deutschland zurückkehrte, spielte sie manche Rolle auf mancher deutschen Bühne. Dass aber die zerbrechlichen Chanson-Balladen von Friedrich Hollaender, die er der Ebinger in den Zwanzigern auf den Leib geschrieben hatte, „Wenn ick mal tot bin“, „Mein Vater machte mir zum Wunderkinde“, „Mit eenem Ooge kiekt der Mond (gesprochen Mann) mir an“, nun in den Siebzigern noch einmal erklangen, dass wir diese hohe Kunst der Ebingerschen Brüchigkeit einmal hautnah erleben durften, zugleich auch authentisch ein Stück unserer Geschichte erfahren konnten, hatten wir nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass in ihrem Ausweis inzwischen „Hassenpflug-Ebinger“ stand.

 

Wenn am 18. Oktober dieses Jahres die Agenturen den 100. Geburtstag von Hollaender verkünden sollten, wird die Akademie der Künste eine Ausstellung abhalten und einige mehr werden vielleicht wissen, daß er uns 22 Bühnenmusiken von der „Wupper“ der Else Lasker-Schüler bis zu „Masse Mensch“ von Ernst Toller, 63 Filmmusiken vom „Blauen Engel“ bis zum „Spukschloß im Spessart“, Kabarett-Revuen und über 200 Chansons, Songs und Schlager hinterlassen hat. Tingeltangel zwar, aber besteht unser Leben nur aus de Gruyter? Das offizielle Berlin hat bisher noch nicht einmal darüber nachgedacht, diesem Mann für einen einzigen Abend das zu geben, wofür er gelebt hat, eine Bühne mit einem Flügel und einem kunterbunten Völkchen von Diseusen und meinetwegen auch Diseuren. Das war und ist doch auch Berlin.

 

Weil das so ist und weil es das alles nicht mehr gibt, hat sich inzwischen wenigstens Helwig Hassenpflug aufgemacht, die Archive zu durchforsten und die Musik von damals mit den Texten und Gesängen von Friedrich Hollaender und Blandine Ebinger demnächst auf einer CD vorzulegen, um den Verlust an Erinnerung zu begrenzen. Womit haben wir es nur verdient, dass die Kümmerer so freundlich zu uns sind, mag man sich zuweilen fragen. Sie geben uns viel mehr, als wir ihnen geben können. Mir würden die Kümmerer fehlen. Ich habe mir vorgenommen, über Kümmerer einmal nachzudenken.

 

Friedrich Luft registrierte einst „den besten Geist, die flotte Gangart, die kesse Ironie, die traurige Lustigkeit und die hohe Intelligenz jener Jahre“. Als ich vor ungefähr fünfzehn Jahren auf zwei Künstler traf, spielten sie in einem Kellerlokal vor fünf Leuten und einem Hund. Was ich sah, war Damals und Heute zugleich, zeitlos und zeitnah in einem, brüchig und stimmungsvoll obendrein, eine Idee vor allem. Morgen sind sie in der Philharmonie, heute hier im Drucksaal der Druckerei von Walter de Gruyter - für Blandine Ebinger, für Helwig Hassenpflug und für Sie. Freuen Sie sich auf eine Sternstunde mit Terry Truck und Georgette Dee. Peter Hahn am 10. März 1996.

 

Blandine Ebinger. Archiv Helwig Hassenpflug

Blandine Ebinger (1899-1993)

 

Blandine Ebinger geb. Loeser wurde am 4. November 1899 in Berlin geboren. Ihre Eltern waren die Schauspielerin Margarethe Ebinger, geb. Wezel (1878-1957) und der Pianist Gustav Loeser. Der Arzt Dr. Ernst Ebinger war ihr Stiefvater -alles einst Friedenauer.

 

Blandine Ebinger war Schauspielerin, Chansonsängerin und Liedermacherin. Sie begann ihre schauspielerische Laufbahn am Leipziger Schauspielhaus. 1919 heiratete sie den Komponisten Friedrich Hollaender und wurde 1926 wieder geschieden. Hollaender schrieb für sie den Liederzyklus Lieder eines armen Mädchens. In den 1920er-Jahren zählte sie zu den großen Stars der Cabaret- und Chansonszene Berlins. Sie sang Lieder von Klabund und Balladen von Walter Mehring im Kabarett der Komiker. 1937 emigrierte sie in die USA. Im Jahr 1946 kehrte sie nach Europa und 1948 nach Berlin zurück. 1965 heiratete sie in zweiter Ehe den Verleger Helwig Hassenpflug. Blandine Ebinger starb am 25. Dezember 1993. Begraben wurde sie in einem Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Waldfriedhof Dahlem. Der Nachlass befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin.

 

Nicolas Born und Hans Christoph Buch im Bundeseck, 1975

Dickhardtstraße Nr. 48

Hans Christoph Buch

Nicolas Born, Gedichte. Wallstein Verlag

Drei Wünsche

Sind Tatsachen nicht quälend und langweilig?

Ist es nicht besser drei Wünsche zu haben

unter der Bedingung daß sie allen erfüllt werden?

Ich wünsche ein Leben ohne große Pausen

in denen die Wände nach Projektilen abgesucht werden

ein Leben daß nicht heruntergeblättert wird

             von Kassieren

Ich wünsche Briefe zu schreiben in denen ich

             ganz enthalten bin-.

Ich wünsche ein Buch in das ihr alle vorn hineingehen

             und hinten herauskommen könnt.

Und ich möchte nicht vergessen daß es schöner ist

dich zu lieben als dich nicht zu lieben

Eine zu Tode erschrockene Gesellschaft

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nicolas Born 1972 in Friedenau. Quelle: Irmgard Born

Dickhardtstraße Nr. 48

Nicolas Born (1937-1979)

 

Den 31. Dezember 2017 wird er nicht erleben. Mit 39 Jahren hat ihn der Lungenkrebs besiegt. Nun wäre er achtzig geworden.

 

Nicolas Born zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der Nachkriegszeit. In den siebziger Jahren erreichte er mit seiner Lyrik eine bis dahin ungekannte öffentliche Aufmerksamkeit. Bekannt wurde er aber 1979 vor allem durch seinen Roman „Die Fälschung“ geworden. Davon erzählt der Film von Volker Schlöndorff: Der Journalist Georg Laschen kommt in den Libanon, um über den Bürgerkrieg zu berichten. Die Zweifel an seinem Beruf wachsen. Er weiß, wie gut sich die bebilderte Story verkaufen würde. Aber es geht nicht um den Krieg, sondern um den Mann, dem nicht klar wird, wer gegen wen warum kämpft und doch darüber berichten soll.

 

Borns Blick richtete sich stets gegen die Erstarrung, gegen alles, was Staat und Gesellschaft heißt und auf Vernichtung des Individuellen aus ist: „Der Staat erließ ja unentwegt Gesetze zu seinem Schutz, so dass wir uns bald in seinem Schutz nicht mehr bewegen können. Das Recht hatte sich in den Staat eingepuppt wie ein Vorrat vom Besten, an dem man sich nicht vergreifen konnte, ohne ein Rechtsbrecher zu sein.“ Nicolas Born fehlt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich gebe zu, daß ich schöne Gedichte schreiben wollte, und einige sind zu meiner größten Überraschung schön geworden. Nicolas Born

 

Die ersten Gedichte von Nicolas Born erschienen 1960-1962 in den Zeitschriften „Fliegende Blätter“ und „Neues Rheinland“. Unmittelbar nach der Gründung des „Literarischen Colloquiums Berlin“ lud dessen Initiator, der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Höllerer (1922-2003), Nicolas Born 1963 in die Arbeitsstätte für Autoren am Wannsee ein. Dort entstand 1965 „Das Gästehaus“, ein Gemeinschaftsroman von Peter Bichsel, Walter Höllerer, Klaus Stiller, Peter Heyer, Hubert Fichte, Wolf Simeret, Elfriede Gerstl, Jan Huber, Hans Christoph Buch, Wolf D. Rogosky, Martin Doehlemann, Corinna Schnabel, Nicolas Born, Joachim Neugröschel und Hermann Peter Piwitt.

 

In den folgenden Jahren lebte Nicolas Born in der Souterrain-Wohnung in der Fredericiastraße in Charlottenburg (1966), in der Wohnung von Peter O. Chotjewitz in der Leibnizstraße (1967), in Nürtingen bei Stuttgart (1968) und in Gailingen bei Konstanz (1970). 1971 zog er in die Friedenauer Dickhardtstraße Nr. 48. Nach einem Studienaufenthalt in der Villa Massimo in Rom zieht er sich ins niedersächsische Wendland zurück. Dort stirbt er am 7. Dezember 1979.