Plan von 1901

Im Jahr 1880 wurde für das Gelände zwischen Kaiserallee (Bundesallee), Varziner-, Handjery- und Bismarckstraße (Sarrazinstraße) unmittelbar an der Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau der Bau einer Gasanstalt geplant. Friedenauer Gemeindevorstand, Landerwerb- und Bauverein auf Actien und Gemeindekirchenrat erhoben beim Teltower Landrat Ernst von Stubenrauch (1853-1909) Einspruch. Dieser wurde abgewiesen. Die Anlage genehmigt. 1884 reichten sie eine Beschwerde bei Reichskanzler Otto von Bismarck ein. Er verfügte, dass der besondere Charakter des Vorortes Friedenau, die Bestimmung desselben als Villenanlage und als ein für Sommerwohnungen gesuchter Ort, eine gewerbliche Anlage, wie die hier projektierte Gasanstalt, ohne sanitäre Belästigungen und Nachteile für die einen gesunden Aufenthalt Suchenden nicht zulasse und deshalb die Genehmigung zu versagen sei. Durch die Anlage würden sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für die weitere Entwicklung des Ortes Friedenau und seiner nun einmal gegebenen Grundlage verschoben werden“.

Die Gasanstalt war vom Tisch. Im Sommer 1897 kam der Sportpark Friedenau mit Radrennen und Eisbahn. Anfangs fuhren die Züge auf der Ringbahn nachmittags nach Bedarf, sonntags regelmäßig. An Wochentagen lohnte es sich bald nicht. Sie tauchten nur an den Tagen wieder auf, an welchen im Sportpark irgendetwas los war, das heißt also nur selten. (Friedenauer Lokal-Anzeiger, 16.03.1899).

 

 

 

 

Damit war das Ende eingeläutet, zumal gewichtige Gemeindevertreter schon geraume Zeit für den Verkauf des Geländes und eine Bebauung plädierten: 70-80 Wohnhäuser. Die Mieter kämen schon, man gehe nur nach dem Viktoria-Luise-Platz, der ja unter ungünstigeren Verhältnissen von derselben Gesellschaft erbaut worden sei, man sähe nur hin, wie dort Steuerzahler 1. Klasse hingezogen seien.

 

Am 22. September 1904 konnte der Bauunternehmer Georg Haberland mit seiner Berlinischen Boden-Gesellschaft von der Gemeinde das Gelände erwerben. Zuvor hatte er allerdings dafür gesorgt, dass Friedenau die Berliner Traufhöhe von 22 Metern in den Bebauungsplan übernahm. So entstanden vierstöckige Mietshäuser mit bis zu 6-Zimmer-Wohungen für den „gehobenen Standard“.

 

Über die Benennung der Straßen wurde viel diskutiert, patriotische, militärische und altgermanische Namen. Die Berlinische Bodengesellschaft wollte als Gegenstück zu ihrem Bayerischen Viertel die Straßen mit den Namen oberbayerischer Seen bedenken. Mit Blick auf Schöneberg, wo den Malern und Bildhauern sowie den modernen Schriftstellern in den Straßennamen eine Ehrung zuteil geworden, sollten Komponisten in den Straßennamen verewigt werden. Andere wollten die unerfreuliche Tatsache aus der Welt schaffen, dass keine Straße in Friedenaum einen weiblichen Vornamen führt.

 

Das alles zusammen führte 1906 schließlich zu Richard Wagner, dem Wagner-Viertel, dem Richard-Wagner-Platz und zu Straßen mit den Namen Brünnhilde, Elsa, Eva, Isolde, Kundry, Ortrud, Senta und Sieglinde. Damit war vielen Genüge getan. Nach dem Tod von Cosima Wagner (1837-1930) hatte Schönebergs Bezirksbürgermeister Oswald Schulz (NSDAP) nichts Wichtigeres zu tun, als den Richard-Wagner-Platz 1935 in Cosimaplatz umzubenennen.

 

Sportpark Friedenau um 1902. Archiv Barasch
Oskar Höppner, Selbstbildnis

Evastraße Nr. 2

Oskar Höppner (1871-1923)

 

Im Frühsommer 2020 erreichte uns die Nachricht, dass Bewohner des Hauses Evastraße Nr. 2 einige Informationen aus Bauarchiv und Adressbüchern zusammengesammelt haben, die vielleicht als Ergänzung in Ihre Homepage Aufnahme finden könnten. Es gibt im Dachgeschoss ein ehemaliges Maleratelier, zu dem wir auch die Mieter recherchieren konnten. Außerdem fielen ein paar Informationen zu einem Architekturbüro ab, das rund um den Cosimaplatz vier Gebäude errichtet hat. Nichts weltbewegendes, aber dennoch spannend, wenn man sich mit Friedenau beschäftigt. Das sahen wir nicht anders.

 

Die Evastraße gehört zum Wagner-Viertel. Hier war einst der Sportpark Friedenau. Als dort nur noch selten irgendetwas los war, plädierten gewichtige Gemeindevertreter für den Verkauf des Geländes und eine Bebauung mit 70-80 Wohnhäusern. Am 22. September 1904 konnte der Bauunternehmer Georg Haberland mit seiner Berlinischen Boden-Gesellschaft von der Gemeinde Friedenau das Terrain erwerben. Zuvor hatte er dafür gesorgt, dass für die Bebauung eine Traufhöhe von 22 Metern genehmigt war. So entstanden vierstöckige Mietshäuser mit bis zu 6-Zimmer-Wohungen für den gehobenen Standard. Am 29. Juni 1906 waren die Straßennamen festgesetzt. Im Zentrum der Wagnerplatz (ab 1935 Cosimaplatz), drumherum Straßen, die nach den Frauengestalten Wagnerscher Opern benannt wurden: Straße A Isoldestraße, Straße B von Bismarckstraße (Sarrazinstraße) bis Wagnerplatz Evastraße, vom Wagnerplatz bis Kaiserallee (Bundesallee) Sentastraße, Straße C von Varzinerstraße bis Wagnerplatz Brünnhildestraße, vom Wagnerplatz weiter Elsastraße, Straße D Kundrystraße und Straße E Ortrudstraße.

 

Der Grundgedanke von Haberland war die Erschließung unbebauter Ländereien und der Verkauf baureifer Parzellen an die Baugewerbetreibenden. Diese errichteten auf den von ihnen erworbenen Bauparzellen Häuser, um sie alsdann an Leute zu verkaufen, die ihre Ersparnisse in Hausbesitz anlegen wollten. Wir richteten selbst ein technisches Büro ein, das die Grundrisse für die einzelnen Häuser aufstellte, fertigten Rentabilitätsberechnungen und setzten die Preise derart fest, dass für den Unternehmer ein nutzbringendes Geschäft herauskam (Georg Haberland, 1931). Das am Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 4 ansässige Atelier für Architectur und Bauausführungen Wilhelm Mixius & Heinrich Förstchen erwarb 1907 die baureifen Parzellen Evastraße Nr. 2 und Nr. 3.

 

Zu den uns überlassenen Dokumenten gehörten Lageplan, Fassadenansicht, Vorgartengestaltung, Grundriss vom Dachgeschoss und ein Schreiben vom 23. Dezember 1920 an die Baupolizei-Verwaltung Friedenau: Ich habe in meiner Wohnung im Hause Evastraße Nr. 2 anstelle eines bis dahin vorhandenen Gasofens einen kleineren eisernen Ofen setzen lassen. Zur Erlangung der baupolizeilichen Genehmigung bitte ich hierdurch, das Nötigste veranlassen zu wollen. Da die Weihnachtsfeiertage bevorstehen, bitte ich, wenn irgend möglich, die baupolizeiliche Abnahme noch morgen, Freitag zu bewerkstelligen zu wollen, weil ich den Ofen möglichst während der Feiertage in Gebrauch nehmen möchte. Oskar Höppner. Wer war das?

 

 

Unsere Recherchen führten nach Luckenwalde zu Eva-Maria Kallinich geborene Brodkorb. Ihre Urgroßmutter Anna Alwine Ida Lehmann geborene Höppner war die Schwester von Friedrich Wilhelm Oskar Höppner, der am 5. Juni 1871 in der Zinnaer Straße Nr. 21 in Luckenwalde geboren wurde und dort am 24. Februar 1923 im Alter von 51 Jahren auch verstorben ist. Da er ledigen Standes war, ging der Nachlass über die Nachkommen seiner Schwester letztendlich an Eva-Maria Kallinich. Hier können wir erstmals in die Welt von Oskar Höppner eindringen: Ein Selbstbildnis, das um 1919 entstanden sein dürfte, ein Porträt seiner Schwester Elisabeth, ein Gemälde mit Blick auf Hof und Garten des Elternhauses, ein Familienfoto von 1921.

 

 

Oskar Höppner war der Sohn des Kaufmanns Karl Friedrich Wilhelm Höppner und seiner Ehefrau Marie Wilhelmine Alwine geborene Bubbe. Es ist davon auszugehen, dass er in Luckenwalde eine Schule besuchte, in der eine gymnasiale Ausbildung möglich war. Im Jahr 1900 taucht Oskar Höppner erstmals im Berliner Adressbuch auf: Höppner, Oskar, Berlin S, Ritterstraße 4-5, Hinterhaus IV. Etage. Da war er 29 Jahre und nannte sich Genremaler. Was davor war, bleibt unklar. Besuchte er die 1869 gegründete Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums oder die Kgl. Akademie der Künste, an der ab 1897 Professor Max Liebermann lehrte?

 

Höppner erlebte einen Umbruch. Viele Künstler brachen mit der geschichtsorientierten Kunst des Kaiserreichs. Mit der Gründung des Vereins Berliner Künstler und der Berliner Secession traten Walter Leistikow, Franz Skarbina, Lovis Corinth, Max Slevogt und Max Liebermann in Opposition zur konservativen Malerschule und verschafften der Bildenden Kunst mit außergewöhnlichen Aktionen eine neue Aufmerksamkeit.

 

Oskar Höppner wurde Mitglied des Vereins Berliner Künstler, der ab 1893 gleichberechtigt mit der Akademie der Künste die Große Berliner Kunstausstellung ausrichten konnte. Von 1901 bis 1922 präsentierte Höppner jährlich seine Arbeiten – ausgewählt von der Ausstellungs-Kommission des Vereins Berliner Künstler. Noch unter seiner Adresse Ritterstraße Nr. 4-5 Hinterhaus zeigte er 1901 das Pastell Weibliche Bildnisstudie. 1904 – nun mit Wohnung in der Schöneberger Neuen Winterfeldtstraße Nr. 17 – war er mit den Gemälden Im Atelier und Der Nasenwärmer vertreten. Obendrein gehörte er inzwischen dem Verband deutscher Illustratoren an, in deren Ausstellungsabteilung 1904 er auch mit Illustrationen zu Die Pfeifer vom Dusenbach präsent war. Da die Geschichte von Wilhelm Jensen bereits 1884 erschienen war, können diese Zeichnungen nur für eine geplante Neuauflage entstanden sein. Beim Preisausschreiben der Berliner Turnerschaft zur Erlangung einer künstlerisch ausgeführten Ehrenurkunde musste sich der Kunstmaler Oskar Höppner in Berlin mit dem zweiten Preis begnügen.

 

1908 war er in die Atelierwohnung Evastraße Nr. 2 in Friedenau gezogen. Die Ausstellungs-Kommission des Vereins Berliner Künstler wählte für die Große Berliner Kunstausstellung vom 1. Mai bis 27. September 1908 von Oskar Höppner die Gemälde Steinstosser (Nr. 159, Saal 5b), Sommer (Nr. 491, Saal 8c) und Damenbildnis (Nr. 1730, Saal 39a) aus. Generell waren seine Arbeiten mit einem * gekennzeichnet, also verkäuflich. Der Verkauf erfolgt für Rechnung des Künstlers und durch ausschließliche Vermittlung des Verkaufsbüros des Vereins Berliner Künstler. Ein Drittel des Kaufpreises ist bei Abschluss als Anzahlung, der Rest vor Schluss der Ausstellung im Sekretariat zu erlegen. Leben konnte er davon nicht.

 

 

Bis dahin war Reklamekunst unter den Künstlern verpönt. 1898 aber läutete die Firma Stollwerck eine Wende ein. Um für ihre Sammelbilder qualitativ hochwertige Bilder und Texte zu beschaffen, veranstaltete sie ein Preisausschreiben, an dem sich u. a. die Maler Franz Skarbina, Walter Leistikow, Hans Baluschek, Max Liebermann und Adolph Menzel beteiligten. Mit der Zeit wurden Bilderkärtchen zu Gruppen von sechs Bildern produziert und die rückseitige Werbung wurde durch Bilderläuterungen ergänzt. Die Sammelbilder boten eine bunte Vielfalt. Es erschienen Serien zu Märchen, Ländern, Pflanzen, Tieren, zu Geschichte, Sport, Spiel und Zirkus, später kamen Zigaretten, Schauspieler, Mode, Flaggen, Uniformen und auch der Weltkrieg hinzu.

 

Als es Mode wurde, Schwarz-Weiß-Photographien zu kolorieren, fertigte er nach gängigen Vorlagen farbige Gemälde für Lichtdruckpostkarten: Zum 100jährigen Todestag von Friedrich Schiller (1905), Prinz und Prinzessin Eitel Friedrich von Preußen und Unser Herrscherhaus (1906). Auch das konnte weder befriedigend noch einträglich sein. Oskar Höppner, inzwischen fast vierzig Jahre alt, suchte noch immer seinen Weg.

 

 

1914 wurde er in den Arbeits-Ausschuss für Zeitgenössische Graphik der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig berufen. Für den Katalog schrieb er über Freie Illustration, wieder ein Versuch für einen Neuanfang:

 

Die Geschichte der Illustration lehrt uns, dass sich zu allen Zeiten die größten Meister der Kunst illustrativ betätigt haben. Es wäre deshalb durchaus verfehlt, die Illustration als einen minderwertigen Zweig des Kunstbetriebes anzusehen. Gerade die größere Freiheit und Vielseitigkeit im Gebrauch der Ausdrucksmittel, die dem Illustrator zu Gebote stehen und die Leichtigkeit des Arbeitens befähigen ihn, vieles schlagender, temperamentvoller und witziger auszudrücken, als dies bei Werken der sogenannten großen Kunst mit ihrer mühevollen und langwierigen Art der Herstellung möglich ist. Die Illustration ist außerordentlich geeignet, die Kunst in die breitesten Kreise zu tragen, sie kann vermöge ihrer vielfältigen Beziehungen in stärkster Weise zur Hebung des allgemeinen Kulturempfindens beitragen.

 

Dafür könnten auch die vier Fußballbilder stehen, die uns Eva-Maria Kallinich zeigt. Diese sind, wie uns Klaus Tamm, der Experte für Sammelbilder, versichert, nicht von Stollwerck ausgegeben worden. Es ist aber durchaus möglich, dass Höppner diese als Entwürfe eingereicht hat. Für die Firma Stollwerk hat er 1914/15 die Bilderserien 561, 562 und 563 (Thema Turnen) sowie die Serien 568 und 569 (Thema Sanitätswesen) gezeichnet. Diese Serien sind im Stollwerck-Album Nr. 15 ‚Jungdeutschland‘ und Nr. 16 ‚Der große Krieg‘ enthalten.

 

 

Es kam der Erste Weltkrieg. Die Preußische Armee steckte Oskar Höppner in die feldgraue Friedensuniform. Während seine Malerkollegen auf der Großen Berliner Kunstausstellung nun mit den Arbeiten Kriegsschauplatz, Feldlazarett und Trommelfeuer aufwarteten, zieht er sich zurück. Als Max Liebermann, Fritz Klimsch, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Wilhelm Lehmbruck, Otto Müller, Karl Schmidt-Rottluff, Max Slevogt und weitere ehemalige Mitglieder nach einem Eklat um Juryentscheidungen über die Wahl auszustellender Kunstwerke der Secession im Frühjahr 1914 die Freie Secession gründeten, bleibt Oskar Höppner außen vor.

 

Nachdem das Kaiserreich zur Republik geworden war, gab es von November 1919 bis April 1920 in der Akademie der Künste am Pariser Platz Nr. 4 die Ausstellung ehemals feldgrauer Künstler mit eigenen Arbeiten sowie der Werke gefallener oder noch in Gefangenschaft befindlicher Kollegen. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger berichtete am 18. Dezember 1919: Eine reiche, über 1600 Werke umfassende Austellung. Wir sehen die Werke von Künstlern nach altem Schlage wie auch solche von Sezessionisten, Expressionisten, Kubisten und wie die Vertreter der verschiedensten Richtungen sich sonst nennen. Die wirtschaftliche Lage der Kriegsteilnehmer unter den bildenden Künstlern ist erklärlicherweise eine recht schwierige. Es heißt von neuem aufbauen, sich wieder in Erinnerung zu bringen. Auch unsere Friedenauer Künstler sind mit zahlreichen Werken vertreten. Wir nennen die Maler Artur Borghard, Alfred Fuchs, Werner Hahmann, Walter Kiem, Georg Lebrecht, Max Mackott, Reinhard Pfaehler von Ottegraven, Bruno Richter, Max Stolze, Hugo Wilkens, Willibald Krain, Max Saltzmann, Franz Türke, die Plastiker Alfred Fuchs, Oskar Garvens, Paul Leibkücher, Heinrich Mißfeldt, Gerhard. Schipstein, Erich Schmidt-Kestner. Alwin Völkel, Bernhard Butzke, Gotthilf Jaeger, Wilhelm Kruse, die Graphiker Walter Buhe, Oskar Höppner, Otto Wiedemann, Paul Boehm. Insgesamt weist der Katalog 37 Friedenauer Namen auf.

 

Unmittelbar danach folgte eine Ausstellung im Bürgersaal des Rathauses Friedenau. Im Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 18. April 1920 heißt es: Oskar Höppner lässt in seinen Landschaften tadellose Ausführung und natürliche Farbenwirkung erkennen. So in seinen ‚Stadtbildern‘, ‚Im Elbkahn‘, ‚Sonnenuntergang‘ und in dem örtliches Interesse. beanspruchendem Bilde vom ‚Friedrich-Wilhelm-Platz‘. Buchschmuck, Illustrationen zeigen Spanger, Höppner, Meyer, Reuters. Auch die Steindrucke, Radierungen usw. von Funke, Krause, Holstein, Schäkel, Meyer, Krain, Höppner werden dem Kunstfreunde Beachtung abgewinnen.

 

Kurze Zeit später wurde bekannt, dass die Regierung der Weimarer Republik eine Erhöhung der Steuer für Werke lebender Künstler plant. Die Künstlerorganisationen protestierten. In solcher Reinkultur hatte sich der eminent kunstfeindliche Geist der neuen Regierung bisher noch nicht gezeigt. Was nützt alle staatliche Kunstpflege, wenn von Reichswegen die Existenz des Künstlers selbst untergraben wird. Die Steuer wurde trotzdem eingeführt. Im Oktober 1921 wies die Deutsche Mark noch ein Hundertstel ihres Wertes vom August 1914 auf, im Oktober 1922 nur mehr ein Tausendstel. Kurz vor Weihnachten 1920 hatte Oskar Höppner in der Atelierwohnung Evastraße Nr. 2 wohl aus Spargründen anstelle eines bis dahin vorhandenen Gasofens einen kleineren eisernen Ofen setzen lassen. Im Saal 14a der Abteilung des Vereins Berliner Künstler präsentierte er während der Großen Berliner Kunstausstellung von 1922 noch sein Gemälde Am Jagdschloss Grunewald mit dem * zu verkaufen. Danach gab er auf. Das Atelier übernahm der Kunstmaler H. Klusmeyer. Oskar Höppner zieht wieder in das Luckenwalder Elternhaus in der Zinnaer Straße Nr. 21.

 

Am 27. Februar 1923 teilte das Standesamt Luckenwalde unter dem Eintrag Nr. 79 mit: Die Polizeiverwaltung zu Luckenwalde hat heute angezeigt, dass der Kunstmaler Karl Friedrich Oskar Höppner, 51 Jahre alt, wohnhaft in Luckenwalde Zinnaer Straße Nr. 21, am 24. Februar 1923 nach mittags um neun Uhr verstorben sei. Standesbeamter Herrmann. Drei Jahre später – am 8. Dezember 1926 – vermerkt der Standesbeamte Herrmann auf Anordnung des Amtsgerichts in Luckenwalde berichtigend, dass es statt ‚Karl Friedrich Oskar Höppner‘ richtig ‚Friedrich Wilhelm Oskar Höpner‘ heißen muss.

 

Um die Verwirrung komplett zu machen, sei aus den Kirchenbüchern der Evangelischen Kirchengemeinde Luckenwalde zitiert: Taufregister 1866-1874, Blatt 228, Nr. 205: Taufname des Kindes Friedrich Wilhelm Oskar Höpner. Tag und Stunde der Geburt fünfter Juni Nachmittag 5 Uhr. Vater Kaufmann Karl Friedrich Wilhelm Höpner. Mutter Maria Wilhelmine Alwine geb. Bubbe. Taufe 18. Juni 1871. Prediger Koch. Paten Webermeister August Wittig, Miethken, Jungfrau Anna Wiethe. Sterberegister 1914-1925, Jahr 1923, Nr. 72: Name des Verstorbenen Karl Friedrich Oskar Höppner. Kunstmaler. 51 Jahre. Tag und Stunde des Todes 24. Febr. 1923 nachm. 9. Gasvergiftung. Standesamtliche Bescheinigung 24.2.1923, Nr. 79. Tag des Begräbnisses 28. Febr. ¾ 4 Uhr und 19.11 Uhr v. d. Halle. Begräbnisplatz Jüterboger Tor, Joh. 3 Glocken, Jac. 3 Glocken, Pfr. Micklny.

 

Höpner oder Höppner?

 

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen. (Bertolt Brecht, Der gute Mensch von Sezuan. Epilog)

 

Oskar Höppner über Freie Illustration

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Kunstausstellung im Rathaus Friedenau, 1920

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Fazit

 

Die wenigen Bilder von Oskar Höppner, die uns zur Verfügung stehen, zeigen doch, in welcher Weise sich seine Kunst in die Bewegungen des damaligen Berlin einordnen lassen. Seine Nähe zu zahlreichen Mitgliedern der Berliner Secession ist unübersehbar. Heinrich Zilles Fotografien und Grafiken des Alten Krögel in Berlin finden sich eindrucksvoll in Höppners Bildern aus „Alt Berlin“ wieder, die um 1905 entstanden sind. Dahin könnte auch seine Ansicht aus Brandenburg an der Havel gehören – eine Häuserschlucht mit der St. Gotthardt-Kirche im Hintergrund. Insbesondere Höppners Landschaften erinnern an ähnliche Arbeiten der Secessionisten Lesser Ury (1861-1931), Walter Leistikow (1865-1908), Max Liebermann (1847-1935), Franz Skarbina (1849-1910) oder auch von Karl Hagemeister (1848-1933), deren Motive aus der Umgebung von Berlin stammten. Höppners Birken am Fluss, seine Havellandschaft, aber auch die Luckenwalder Motive Tausendjährige Linde im Elsthal in Luckenwalde und Im Stadtpark von Luckenwalde nehmen die Themen Wasser, Bäume und Weite auf. Seine künstlerische Entwicklung ist dann in dem 1920 in der Feldgrauen Ausstellung gezeigten Bild Herbst am Fluss und dem Interieur Spinnrad von 1921 deutlich zu erkennen. Mit Oskar Höppner taucht ein Maler aus der Versenkung auf. Eine Entdeckung!

 

Zeitgenossen von Oskar Höppner und ihre Bilder

 

Gerhard Moll auf der Terrasse seines Ateliers in der Evastraße 2. Archiv Zimmer

Evastraße Nr. 2

Gerhard Moll (1920-1986)

 

Am 19. Januar 2020 wäre der Maler Gerhard Moll einhundert Jahre alt geworden. Von 1948 bis zu seinem Tod am 19. Dezember 1986 lebte und arbeitete er in der Atelierwohnung Evastraße Nr. 2. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße.

 

Die Galerie Irrgang in der Friedrichstraße Nr. 232 plant für November 2020 eine Ausstellung mit den Werken von Gerhard Moll.

 

In Zusammenarbeit mit den Nachlassverwaltern Claudia und Jutta Zimmer ist auf dieser Webseite ein Porträt von Gerhard Moll in Vorbereitung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einsame Bilder des Welttheaters

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Emil Jacobs (1868-1940)

Evastraße Nr. 3

Emil Jacobs (1868-1940)

 

Ich habe die bibliothekarische Gabe ererbt: Mein Urgroßvater war nicht nur ein berühmter Philologe, sondern auch ein bedeutender Bibliothekar, und mein Großvater war ein Buchhändler, der vom besonderen Vertrauen des Börsenvereins der deutschen Buchhändler getragen wurde. Mit 16 Jahren wusste ich, was ich wollte, und katalogisierte im Auftrag meines Großvaters seine große Bibliothek. Dienen soll der Bibliothekar, wissenschaftlich dienen. Es ist schwer, aber schön und den Einsatz des Lebens wert.

 

Emil Jacobs (1868-1940) entstammte einer alten thüringischen Gelehrten- und Künstlerfamilie. Mit 19 Jahren verließ er Gotha und studierte in Greifswald und Göttingen Philologie und Archäologie. 1894 trat er an der Königlichen Bibliothek in Berlin ein Volontariat an und wurde sogleich mit Erwerbungsangelegenheiten befasst. Aber erst die Versetzung in die Handschriftenabteilung war für ihn wirklich eine Auszeichnung. Dort katalogisierte er in drei Monaten die Handbibliothek. Er verband dies mit dem Wunsch, an der zukünftigen Bearbeitung mitzuarbeiten: Vorbildung, eigene Arbeiten und besondere Neigung haben mich zu den lateinischen Handschriften der Königlichen Bibliothek geführt, deren Verzeichnis nur zu einem Teil gedruckt vorliegt. Handschriften sind Individuen, die daher nicht nach einer Norm oder Instruktion beschrieben werden können, wenigstens nicht was die Kürze oder Länge der Beschreibung angeht.

 

Jacobs erlebte Ankäufe und Schenkungen, die den europäischen Rang der Handschriftenabteilung begründeten, das Evangeliar aus Prüm (um 850) und die Görres-Handschriften (1468). Er lebte mit Handschriften, beschwörte und idealisierte eine nicht wiederholbare Vergangenheit, und sah doch für sich als Gelehrten keinen Platz in der Gegenwart: Die Gegenden der Wissenschaft, in denen ich mich heimisch fühle, gelten heute für unmodern und abgetan. Ich aber kann nicht wohl von diesen alten Geleisen und habe mich überwunden sie zu befahren bis zum Prellbock der hora ultima.

 

Emil Jacobs, der Unzeitgemäße, starb am 18. März 1940 in Berlin. Begraben wurde er auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf in friedlicher Nachbarschaft mit den drei von ihm so oft gescholtenen Kollegen der Preußischen Staatsbibliothek: Paul Schwenke, Fritz Milkau und Hugo Andres Krüß. Zurückgelassen hat er in seiner Wohnung die unvollendeten Arbeiten über Prinz Heinrich und dessen leihweise überlassenen Rheinsberger Schreibtisch. Auch das ist nicht mehr. Eine Weltkriegsbombe zerstörte im August 1943 das Haus Evastraße Nr. 3.

 

Walter Krickeberg

Evastraße Nr. 4

Walter Krickeberg (1885-1962)

 

Es war mehr ein Zufall, dass wir während der Recherchen zum Wagner-Viertel auf den Eintrag Krickeberg, Walter, Prof. Dr. phil., Kustos, Evastraße Nr. 4 gestoßen sind. Krickeberg war 1939 von der Detmolder Straße Nr. 10 in Wilmersdorf nach Friedenau gezogen. 1943 überlebte er die Bombenabwürfe der Royal Air Force. Das Haus Evastraße Nr. 4 aber war eine Ruine. Eine neue Bleibe fand er wieder in Wilmersdorf, nun Deidesheimer Straße Nr. 24, wo er bis zu seinem Tod lebte.

 

Walter Krickeberg war Ethnologe. Sein Name könnte wieder stärker ins Blickfeld geraten, wenn die Ausstellungsobjekte des ehemaligen Museums für Völkerkunde in Dahlem, das 2000 in Ethnologisches Museum umbenannt wurde, im Humboldt Forum präsentiert werden. Dort wollen sich die Staatlichen Museen und das Ethnologische Museum mit dem Erbe und den Konsequenzen des Kolonialismus, mit der Rolle und Perspektive Europas kritisch auseinandersetzen sowie über Partnerschaften in Afrika, Asien, Ozeanien und Amerika einseitige eurozentristische Sichtweisen öffnen, ohne jedoch die gegebenen europäischen Bezüge zu verleugnen.

 

Das wird schwierig genug werden, weil sich bei Walter Krickeberg schon die Biografen nicht einig sind. Er studierte in Berlin anfangs Jura, dann Geographie, Archäologie, Alte Geschichte, amerikanische Sprachen und Völkerkunde. 1906 wurde er Volontär am Berliner Museum für Völkerkunde, 1907 wissenschaftliche Hilfskraft, 1924 Kustos. 1929 wurde er zum Professor ernannt.

 

 

 

 

 

Für Frauke Riese (1986) war er von 1939 bis 1954 Direktor des Museums für Völkerkunde in Berlin, daneben aber auch Mitherausgeber der NS-Zeitschrift für Rassenkunde, der trotzdem von der US-Militärregierung von allen Anschuldigungen freigesprochen und als Direktor des Berliner Museums für Völkerkunde und als Honorarprofessor wieder eingesetzt wurde, dessen Ämter er bis zu seiner regulären Pensionierung im Jahr 1954 innehatte.

 

1982 schreibt Klaus Zeller in Neue Deutsche Biographie: 1929 wurde K. unter Verleihung des Professortitels mit der Leitung der amerikanischen Abteilung des Völkerkundemuseums in Berlin betraut. 1945-54 leitete K. das Völkerkundemuseum in Berlin, wobei sein Lehrauftrag an der Universität Berlin 1946 erneuert worden war. Bis 1949 führte er die Neuaufstellung der amerikanischen Sammlungen durch.

 

Einig sind sich Riese und Zeller über Krickebergs Verhalten in der NS-Zeit seinen Fachkollegen gegenüber, als er sich z. B. in einem Artikel gegen die Nichtarier L. Adam und B. Malinowski wandte, die in dem von Preußen herausgegebenen Lehrbuch der Völkerkunde zu Wort kommen (Zeitschrift für Ethnologie, 1937(38). Für Zeller befremdlich, für Riese missbrauchte Krickeberg seine institutionelle Macht gegen Kollegen.

 

Klarheit brachte 2004 Nobert Díaz de Arce mit seiner Dissertation Plagiatsvorwurf und Denunziation. Untersuchungen zur Geschichte der Altamerikanistik in Berlin (1900-1945). Er entdeckte Dokumente über die behördliche Untersuchung (1947) der politischen Haltung des Altamerikanisten und Direktors des Völkerkundemuseums, Walter Krickeberg (1885-1962), in der Zeit des Nationalsozialismus. Über die Geschichte des Völkerkundemuseums äußerte Sigrid Westphal-Hellbusch 1973: Für die zehn Jahre von 1933 bis 1943 liegen wenig Unterlagen vor, die einen Einblick in museumsinterne Vorgänge gestatten. Es hat jedoch den Anschein, als ob die politischen Umwälzungen wenig Einfluss auf den gewohnten Gang der Dinge im Museum gewinnen konnten. In Anbetracht des im Archiv des Berliner Ethnologischen Museums und in anderen Archiven vorhandenen umfangreichen Aktenmaterials, das den Wandel des Betriebs im Berliner Völkerkundemuseum nach 1933 und zudem das nicht folgenlose ideologische Arrangement dort wirkender Wissenschaftler mit dem NS-Regime dokumentiert, muss genannter Autorin entschieden widersprochen werden. Erst in jüngerer Zeit wird die wissenschaftliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit des Berliner Völkerkundemuseums in Angriff genommen.

 

Die Dissertation von Nobert Díaz de Arce finden Sie im Original unter http://www.ethno-im-ns.uni-hamburg.de/kricke.htm. Auf der nachfolgenden PDF finden Sie daraus das Kapitel Der Falll Krickeberg.

 

Der Fall Krickeberg

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