Fehlerstraße

 

Es war schon ungewöhnlich, dass die Straße „Am Friedhof“ noch zu Lebzeiten von Adolf Fehler im Jahr 1897 in „Fehlerstraße“ umbenannt wurde. 1886 war der Eichmeister a. D. Adolf Fehler (1828-1903) von Magdeburg nach Friedenau gezogen. Schon bald saß der schon mit 58 Jahren pensionierte Beamte im Verschönerungsverein. 1889 war er im Gemeindekirchenrat. Als Major a. D. Albert Roenneberg (1842-1906) im Jahr 1892 von seinem Bruder Georg (1834-1895) das Amt des Gemeindevorstehers übernahm, holte er sich an seine Seite Adolf Fehler als Gemeindeschöffen und stellvertretenden Amts- und Gemeindevorsteher, zuständig für die Park- und Friedhofsverwaltung.

 

Da beide Herren davon überzeugt waren, dass Friedenau nur über eine Vereinigung mit der Stadtgemeinde Schöneberg eine Zukunft haben würde, bastelten sie bis 1899 an einem dann doch nicht wirksam gewordenen Vereinigungsvertrag von Schöneberg und Friedenau. Ein Jahr zuvor war Fehler für die nächste sechsjährige Amtsperiode von 1898 bis 1904 als Schöffe wiedergewählt worden: Seine Verdienste um unseren Ort sind in allen Kreisen der Bürgerschaft bekannt. Ungeteilte Anerkennung findet besonders seine rege Tätigkeit, die er für das äußere Aussehen Friedenaus stets entfaltet hat und auch zurzeit entwickelt. Die Schmuckanlagen und Plätze unseres Ortes sind denn auch unter dieser Pflege vortrefflich gediehen und das grüne stille Friedenau verdankt seine Berühmtheit nicht zum wenigsten seinem verdienstvollen Schöffen. Auch für die Verschönerung unseres Friedhofs hat Herr Fehler alles Erdenkliche getan.

 

Aufgeschreckt wurden die Gemeindevertreter durch eine Meldung im Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 17. März 1899: Der Bau zweier großen Bildhauer-Ateliers ist in Friedenau projektiert. Herr Noack (Deutsch-Wilmersdorf) errichtet zwischen Fehler-und Varzinerstraße ein Atelier, dessen Rohbau bereits stark gefördert ist, während Herr Bildhauer Casal in der Wilhelmstraße an der Ecke der Kaiserallee ein größeres Atelier erbauen wird, zu welchem die Bauzeichnungen bereits eingereicht sind. So ganz korrekt war die Sache mit den Baugenehmigungen wohl nicht gelaufen. Gemeindevertreter Kunow erlaubte sich während der Gemeindevertretersitzung am 17. März 1899 die Bemerkung, es handelt sich hier um eine Straße, welche noch nicht definitiv gepflastert und kanalisiert ist, weshalb ortsstatutarisch bei Bauten die Gemeindevertretung ihre Genehmigung zu erteilen hat. Nun aber sei das Haus schon halb heraus. Roenneberg erwiderte, die Sache datiere weiter zurück. Er ersuche jetzt um die Genehmigung für diesen Bau. Schöffe Adolf Fehler sprang zur Seite: Der Gemeindevorstand habe geglaubt, die im Villenterrain liegende Straße sei bebauungsfähig, da sie doch gepflastert sei. Der Gemeindevorstand werde sorgen, dass nicht wieder ohne Genehmigung gebaut werde. Gemeindevertreter Wille betonte die Notwendigkeit, dass nach gleichen Grundsätzen verfahren werden müsse. Bei Neubauten sei an den 30 M. pro laufenden Meter Straßenfront für die Kanalisation festzuhalten und die Pflasterkosten für definitives Pflaster seien zu bezahlen oder zu hinterlegen. Andere Herren erklärten, dass die Fehlerstraße ihres provisorischen Pflasters wegen als eine ,Fehler-Straße‘ zu bezeichnen sei und dass dies Pflaster nicht als definitives zu betrachten sei..

 

Als Albert Roenneberg aus gesundheitlichen Gründen den Posten aufgab, übernahm Fehler im Juli 1902 vorübergehend das Amt als Gemeindevorsteher. Da den Gemeindevertretern längst klar geworden war, dass die Geschicke des Ortes nicht länger im „Vereinsstil“ zu bewältigen waren, Verwaltung und Infrastruktur nicht im gleichen Maß wie die Siedlung mitgewachsen waren, holten sie zum 1. April 1903 den erfahrenen Verwaltungsfachmann Bernhard Schnackenburg (1867-1924) als Bürgermeister nach Friedenau. Diese Amtsübernahme hat Adolf Fehler nicht mehr erlebt. Wenige Tage zuvor war er am 27. März 1903 an den Folgen einer Blinddarmentzündung verstorben und auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt worden.

 

Mit den Bauplänen für den Westen von Friedenau erfolgte 1906 eine Änderung des Bebauungsplanes: Der Südwestkorso, der an der Ringbahnbrücke Kaiserallee beginnt, über den Hamburger Platz schräg nach Taunus- Ecke Rheingaustraße bis Wiesbadener- Ecke Laubacher Straße unsere Gemarkung durchschneidet, geht dann auf Wilmersdorfer Gebiet bis Dahlem. Gemeindebaurat Altmann erläuterte, dass die Straße am Friedhof weiter nach Süden verlegt wird, die Rheingaustraße wird von dieser Straße bis zur Fehlerstraße, die verlängert wird, unterbrochen und der Block bis zur Laubacher Straße dem Kirchhof zugefügt. Der Kirchhof bildet danach ein zusammenhängendes Stück.

 

Die Änderung des Bebauungsplans hatte eine neue Nummerierung der Grundstücke zur Folge. Aus der Anschrift für Bildgießerei Noack Fehlerstraße Nr. 2 wurde nun Fehlerstraße Nr. 8. Hinter diesem Anwesen erwarb Hermann Noack später das Areal Varzinerstraße Nr. 16 für Formerei, Gießerei, Ziselierwerkstatt und Wohnhaus.

 

Adolf Fehler (1828-1903)

Adolf Fehler (1828-1903)

 

Adolf Fehler war Königlicher Eichmeister in Magdeburg. Mit 58 hatte er sich 1886 pensionieren lassen. Sein Sohn Max (1861-1926) hatte Magdeburg bereits 1880 verlassen und eine Anstellung im Berliner Polizeipräsidium gefunden. 1885 war er in den I. Stock der Schmargendorfer Straße Nr. 11 gezogen, in das Haus von Rechnungsrat Otto Bauer (1845-1897), der seit 1874 mit seiner Schwester Emma verheiratet war.

 

Vater Adolf Fehler hatte sein Magdeburger Haus Thränsberg Nr. 37 verkauft und war 1887 mit Ehefrau Doris geb. Irmschläger (1823-1899) nach Friedenau auch in die 1. Etage der Villa Schmargendorfer Straße Nr. 11 seines Schwiegersohnes Otto Bauer und dessen Ehefrau Emma, seiner Tochter, gezogen. Der 59-jährige Eichmeister a. D. konnte sich mit dem Ruhestand nicht abfinden, sah wohl auch, dass die aufstrebende Gemeinde mit der Amtsverwaltung Schwierigkeiten hatte. So ließ er sich erst einmal zum Vorstand des Verschönerungsvereins und 1889 in die Kirchenvertretung wählen. Als Major a. D. Albert Roenneberg (1842-1906) von seinem Bruder Georg Roenneberg (1834-1895) das Amt des Gemeindevorstehers übernahm, holte der sich Adolf Fehler am 25. Mai 1892 als Gemeindeschöffen und stellvertretenden Amts- und Gemeindevorsteher – zuständig für Park- und Friedhofsverwaltung.

 

Sohn Max machte inzwischen Karriere als Beamter. Nachdem er zum Geheimen Registrator im Auswärtigen Amt erhoben worden war, heiratete er 1891 Clara Löbner (1867-1949). Das Ehepaar zog in die Ringstraße Nr. 19. Dort kam Tochter Hildegard Fehler zur Welt (1894-1988). Als die Löbnerschen Wohnhäuser Niedstraße errichtet waren, zog die Familie 1901 als Mieter in eine 7-Zimmerwohnung in Nr. 4. Der leidenschaftliche Turner Max Fehler wurde schließlich Geheimer Hofrat und kümmerte sich als Mitbegründer vor allem um den Männer-Turnverein von Friedenau. Nach dem Ende des Kaiserreichs zog der 57-Jährige den Gang in den Ruhestand vor. Sein Ende ist tragisch. Am 4. Dezember 1926 wurde er auf dem Lauterplatz von der Elektrischen überfahren. Seine Frau Clara überlebte ihn um 20 Jahre. Sie starb am 5. Februar 1949.

 

 

 

Zurück zum Vater Adolf Fehler: 1898 wurde er für eine weitere sechsjährige Amtsperiode als Schöffe einstimmig wiedergewählt: Seine Verdienste um unseren Ort sind in allen Kreisen der Bürgerschaft bekannt. Ungeteilte Anerkennung findet besonders seine rege Tätigkeit, die er für das äußere Aussehen Friedenaus stets entfaltet und entwickelt hat. Die Schmuckanlagen und Plätze unseres Ortes sind denn auch unter dieser Pflege vortrefflich gediehen und das grüne stille Friedenau verdankt seine Berühmtheit nicht zum wenigsten seinem verdienstvollen Schöffen. Auch für die Verschönerung unseres Friedhofs hat Herr Fehler alles Erdenkliche getan. Zu seinen Ehren wurde 1897 die am Friedhof entlang führende Straße Fehlerstraße getauft.

 

Roenneberg und Fehler betrieben Verhandlungen mit Schöneberg und unterzeichneten 1899 den nicht wirksam gewordenen Vereinigungsvertrag von Schöneberg und Friedenau. Als Albert Roenneberg aus gesundheitlichen Gründen den Posten aufgab, übernahm Fehler im Juli 1902 vorübergehend das Amt als Gemeindevorsteher. Da den Gemeindevertretern längst klar geworden war, dass die Geschicke des Ortes nicht länger im „Vereinsstil“ zu bewältigen waren, Verwaltung und Infrastruktur nicht im gleichen Maß wie die Siedlung mitgewachsen waren, holten sie zum 1. April 1903 den erfahrenen Verwaltungsfachmann Bernhard Schnackenburg (1867-1924) als Bürgermeister nach Friedenau. Diese Amtsübernahme hat Adolf Fehler nicht mehr erlebt. Wenige Tage zuvor war er am 27. März 1903 an den Folgen einer Blinddarmentzündung verstorben und auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt worden. Die Grabstätte (Abt. 18/1-1) ist erhalten – neuerdings mit einem Schild der Friedhofsverwaltung versehen: Nutzungsrecht abgelaufen – Bitte in der Friedhofsverwaltung vorsprechen.

 

Zu befürchten ist, dass das Bezirksamt Schöneberg die Gräber von Adolf Fehler (1823-1903), seiner Frau Doris geb. Irmschläger (1823-1899), seines Sohnes Max (1861-1926), dessen Frau Clara geb. Löbner (1867-1949) sowie die Urne von Hildegard Fehler (1894-1988) demnächst einebnet und damit wiederum ein weiteres Stück Friedenauer Familiengeschichte entsorgt - weil Schöneberg (einzig aus Kostengründen) keinen Schutz für regionalgeschichtlich bedeutsame Grabstätten für nötig befindet.

Wilhelm Lehmbruck, Der Gestürzte, 1915. Staatsgalerie Stuttgart

Fehlerstraße Nr. 1

Wilhelm Lehmbruck (1881-1919)

 

Die Sanitätskolonne vom Roten Kreuz wurde am 4. Januar 1915 abends 8 Uhr zu einem Lazarettzug gerufen, der mit 270 Schwerverwundeten auf dem hiesigen Ringbahnhof eingetroffen war. Am Morgen um 3 Uhr fand das Ausladen der Verwundeten und Überführen in die Lazarette statt. 200 Verwundete kamen in die zum Reservelazarett umfunktionierte Friedenauer III. Gemeindeschule. Laut Friedenauer Lokal-Anzeiger war die Aktion am 5. Januar um 12 ½ Uhr beendet.

 

 

 

 

 

 

Mit dabei der Bildhauer, Grafiker und Medailleur Wilhelm Lehmbruck (1881-1919). Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs kehrt er mit Frau Anita und den Söhnen von Paris nach Deutschland zurück. Anfang Dezember 1914 richtet er sich ein Atelier in der Fehlerstraße Nr. 1 ein, nahe der Bildgießerei Noack. Da Lehmbruck eine Schwerhörigkeit amtlich bescheinigt wurde, wird er vom Militärdienst freigestellt und dafür als Sanitäter für das Hilfslazarett in der Gemeindeschule Offenbacher Straße verpflichtet. Dort trifft er den auch als Sanitäter eingesetzten Malerkollegen Arthur Degner (1888-1972) aus der Steglitzer Humboldtstraße Nr. 11.

 

Nachdem am 10. November 1914 in der Schlacht von Langemarck 2.000 deutsche Soldaten ihr Leben verloren hatten, die Heeresführung deren Tod zum heldenhaften Opfergang stilisierte, wollte auch Duisburg ein Kriegerdenkmal errichten und lud Wilhelm Lehmbruck als den bekanntesten Künstler der Stadt zum Wettbewerb ein. Er verweigerte diese Heldenverehrung. Stattdessen gestaltete er im Atelier in der Fehlerstraße seinen Gestürzten. Der Maler und Aushilfssanitäter Arthur Degner stand Modell für die Skulptur, die Lehmbruck erstmals im Februar 1916 auf der Freien Secession in Berlin präsentierte: Ein nackter, schmalhüftiger Jüngling mit einem Schwertstumpf in der rechten Hand, vornüber gebeugt, auf den Knien liegend, mit seinen langen Gliedmaßen eine Brücke bildend, der seinen Nacken präsentiert. Kein sterbender Krieger, keine Brutalität – ein am Boden ausharrender zarter junger Mann.

 

Über 600 verwundete Krieger beherbergt jetzt unser Reservelazarett in der Offenbacher Straße. Leider hat auch der Tod schon manches Opfer gefordert. Fast täglich erliegt einer der Schwerverletzten seinen Wunden trotz sorgfältigster Pflege und aufmerksamster ärztlicher Überwachung und Behandlung. Lehmbruck und Degner brauchten den Bericht des Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 11. Januar 1915 nicht. Sie erlebten das tagtäglich. Erschüttert über den Krieg.

 

Anfang Dezember 1916 reist Wilhelm Lehmbruck allein in die Schweiz, um dort das Kriegsende abzuwarten. Im Januar 1917 holt er seine Familie nach. In Zürich begegnet Lehmbruck der jungen Schauspielerin Elisabeth Bergner (1897-1986). Sie sitzt dem Bildhauer Modell. Unzählige Zeichnungen im Nachlass dokumentieren seine Faszination durch diese Frau, in die er sich leidenschaftlich und zugleich vergeblich verliebt.

 

Nun kommt alles zusammen, die Schwierigkeiten mit seiner Frau, die unerwiderte Liebe zu Elisabeth Bergner und die Erlebnisse als Sanitäter mit dem Krieg. Vereinsamung und Depressionen sind die Folge. Anfang des Jahres 1919 fährt er nach Berlin. Für die Reise gibt es (vermutlich) zwei Gründe: Da ist die Arbeit an einer Bildnisbüste von Annemarie von Friedländer, die ihm das Honorar verweigert, weil ihr die Büste nicht ähnlich sei, und da steht am 24. Januar die Wahl neuer Mitglieder zur Preußischen Akademie der Künste in Berlin an. Lehmbruck gehört zu den Neugewählten. Die Nachricht wird an seine Züricher Adresse geschickt – und erreicht ihn nicht mehr. Am 25. März 1919 wählt er in seinem Atelier in der Fehlerstraße Nr. 1 den Freitod. Seine letzte Ruhestätte findet Wilhelm Lehmbruck auf dem Waldfriedhof seiner Geburtsstadt Duisburg.

 

Fehlerstraße Nr. 7. Wikipedia Bodo Kubrak, 2013

Fehlerstraße Nr. 7

Ecke Stubenrauchstraße Nr. 42

Baudenkmal Mietshaus

Ausführung & Bauherr Zimmermeister Hans Hoebke

1900-1901

 

Das freistehende dreigeschossige, villenartige Mietswohnhaus wurde auf winkelförmigem Grundriss errichtet. Der Flügel an der Stubenrauchstraße wird von einem breiten Risalit mit hohem Giebel beherrscht, dem ein zweigeschossiger Standerker vorgestellt ist. Im Hochparterre ist seitlich eine Holzveranda angebaut mit Treppe in den Vorgarten. Der Flügel an der Fehlerstraße enthält im Souterrain ein Eingangsportal mit ionischen Pilastern und einem Giebelaufbau, der das Rundfenster des Vestibüls einfasst. Beide Flügel zeigen jeweils einen Quergiebelabschluss. Das Souterrain weist eine feine Putznutung auf, die Hauptgeschosse sind glatt verputzt, die Fensterlaibungen in Formen der Neogotik und der Neorenaissance ausgeführt.

 

Noack präsentiert die wiederhergestellte Quadriga in Friedenau. Foto Noack, 1958

Fehlerstraße Nr. 8

Bildgießerei Hermann Noack

 

Am 3. August 1958 um sechs Uhr morgens klingelte Werkmeister Schenk seinen Chef aus dem Bett: Die Quadriga ist weg! Der 26-jährige hatte gerade erst die Leitung der Bildgießerei Hermann Noack von seinem Vater übernommen. Nun war er verantwortlich für die Fertigstellung der Schadowschen Figurengruppe auf dem Brandenburger Tor. Am Vortag hatte er die in seiner Werkstatt rekonstruierte – immerhin fünf Meter hohe und in Kupfer getriebene – Skulptur auf dem Pariser Platz abgestellt. Und nun sollte sie verschwunden sein? Ich hab mich sofort angezogen und bin dann mit dem Auto dahin gefahren. Und die Quadriga war wirklich weg! In der Nacht hatte die DDR die Einzelteile zusammengepackt und heimlich in den Neuen Marstall verfrachtet.

 

Als die Quadriga nach Monaten wieder auftauchte und auf dem Brandenburger Tor installiert wurde, fehlten der wagenlenkenden Siegesgöttin Viktoria das Eiserne Kreuz und der Preußenadler. Man hätte es sich denken können, dass Ost-Berlin die originalgetreue Rekonstruktion nicht so ohne weiteres hinnehmen würde. Als der Ost-Berliner Magistrat am 21. September 1956 beschlossen hatte, das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Brandenburger Tor zu erneuern, musste auch die Quadriga vollständig neugeschaffen werden – allerdings ohne die Embleme des preußisch-deutschen Militarismus.

 

 

 

 

 

 

 

Den Auftrag erhielt die West-Berliner Bildgießerei Hermann Noack. Die Firma hatte im Osten einen guten Ruf. Bereits 1945 hatte sie die von Bildhauer Lew E. Kerbel (1971-2003) geschaffene überlebensgroße Bronzefigur des Sowjetsoldaten für das Sowjetische Ehrenmal im Tiergarten gegossen. 1949 wurde Noack wieder gerufen, als es galt, den Entwurf des Schöpferkollektives unter der Leitung des Architekten Jakow S. Belopolski, des Bildhauers Jewgeni W. Wutschetitsch, des Malers Alexander A. Gorpenko und der Ingenieurin Sarra S. Walerius für das Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park in Bronze umzusetzen.

 

Das Familienunternehmen wurde 1897 gegründet. Zwei Jahre später entstand in der Fehlerstraße Nr. 8 die Werkstatt der Bildgießerei Hermann Noack, inzwischen die bedeutendste Bronzegießerei in Deutschland. Zur Geschichte des Hauses gehört, dass über mittlerweile vier Generationen der jeweilige Chef des Hauses den gleichen Vornamen trägt: Von Hermann I. (1867–1941) ging es zu Hermann II. (1895–1958). Gegenwärtig leitet Hermann III. (geboren 1931) zusammen mit seinem Sohn Hermann IV. (geboren 1966) die Firma.

 

Zur Tradition gehört aber wohl auch, dass gute Handwerker von je her ein gutes Verhältnis zu Künstlern, Kunsthändlern, Architekten, Galerien und Museen haben. Das begann mit dem  Tierbildhauer August Gaul (1869-1921), von dem 1899 (nicht nur) die Bronze der Stehenden Löwin gegossen wurde (heute im Museum Hanau-Großauheim), sondern nahezu sein gesamtes Lebenswerk – bis hin zur Skulptur Löwe im Kolonnadenhof der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel. Oder Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), dessen Kniende sich heute im Museum of Modern Art in New York befindet. Wer ging in der Fehlerstraße nicht alles ein und aus: Reinhold Begas, Ernst Barlach, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Bernhard Heiliger, Henry Moore, Anselm Kiefer, Joseph Beuys, Georg Baselitz und viele andere.

 

Noack hat mit seiner Handwerkskunst das Berlin-Bild geprägt: Die Goldelse auf der Siegessäule, der Große Kurfürst am Charlottenburger Schloss, Henry Moores Big Butterfly vor dem Haus der Kulturen der Welt, die Plastik Pieta von Käthe Kollwitz, 1937 erstmals in Bronze gegossen, dann 1993 als vergrößerte Kopie aufgestellt in der Neuen Wache, Rainer Fettings Willy Brandt im SPD-Haus an der Wilhelmstraße.

 

Nicht zu vergessen Renée Sintenis. Aus ihrer bereits 1932 geschaffenen Bronze Junger Bär wurde der Goldene Bär der Berliner Filmfestspiele. Hunderte Berlinale-Bären hat die Bildgießerei Hermann Noack in der Fehlerstraße Nr. 8 bisher gegossen. Weitere werden folgen, allerdings nicht mehr aus Friedenau, sondern vom neuen Standort Skulpturenzentrum am Spreebord in Charlottenburg.

 

El Madrid de Emmy Klimsch 1919-1940 von Karim Taylhardat, 2011

Fehlerstraße Nr. 13

Die Fotografin Emmy Klimsch

 

Es hat uns schon erstaunt, dass unsere Website auch außerhalb Deutschlands Freunde gefunden hat. Am 20. Oktober 2017 bekamen wir eine E-Mail aus Spanien, angehängt ein Foto von 1919. Es zeigt den Schulhof der „III. Friedenauer Gemeindeschule“.

 

Das Foto stammt von Emmy Klimsch (1885-1974). Sie war die Tochter von Richard Klimsch (1857-1921), einem deutschen Bankier, der in jungen Jahren nach Madrid gekommen war und schließlich Direktor der Bank von Kastilien wurde. Entdeckt wurde es von Karim Taylhardat. Sie hat 2011 bei „Ediciones temporae“ das Buch „El Madrid de Emmy Klimsch, 1919-1940“ veröffentlicht. Die bisher unveröffentlichten Aufnahmen fand sie in der Sammlung des Historikers Juan Zozaya Stabel-Hansen (1939-2017), dessen Familie einst 16 Kisten mit 900 Glasplattenphotographien von Emmy Klimsch erworben hatte.

 

Emmy Klimsch wurde in Madrid geboren. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs übersiedelte sie nach Berlin. Dort lernte sie den Bankprokuristen Franz Hause kennen. 1914 wurde geheiratet und wenig später die Wohnung im II. Stock der Fehlerstraße Nr. 13 in Friedenau bezogen. In diesen Jahren entstanden die Fotos. Das Haus existiert noch immer, allerdings ist der Fassadenbauschmuck, wie an so vielen Friedenauer Gründerzeitbauten, entfernt worden.

 

 

Im Jahre 1922 zog das Ehepaar von Friedenau (wieder) nach Madrid. Franz Hause wurde Manager der Bank von Bilbao, und Emmy, aufs Neue von Madrid fasziniert, zog durch die Stadt und fotografierte zwischen den 1920er und 1940er Jahren Straßen, Plätze, Landschaften und Figuren. Sie war keine professionelle Fotografin, sie war eine Frau aus einer wohlhabenden Familie, die viel reiste und die Fotografie zu ihrem Hobby machte. Sie hat wohl nie daran gedacht, dass ihre Aufnahmen einmal „historisch“ wertvoll werden könnten.

 

Das Foto vom Schulhof mit Blick auf die Rückseite des Columbariums vom Friedhof Stubenrauchstraße, die Schulgebäude und die versammelten Schüler ist aus dem II. Stock des Hauses Fehlerstraße Nr. 13 aufgenommen und muss Ostern 1919 nach der eigentlichen Eröffnung der Schule entstanden sein.

 

Die III. Gemeindeschule Friedenau (heute Ruppin-Grundschule), eine Doppelschule auf dem Grundstück zwischen Fehler-, Laubacher- und Offenbacher Straße wurde 1913/14 nach Plänen des Architekten Hans Altmann erbaut. An der Ecke Laubacher und Fehlerstraße entstand das Turngerätehaus. Es war der letzte Schulbau des Friedenauer Gemeindebaurats. Eröffnet wurde er erst einmal nicht. Es kam der Erste Weltkrieg und aus dem Haus wurde ab Dezember 1914 ein Lazarett. Auch im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zuerst von der Wehrmacht und nach 1945 von den Besatzungstruppen genutzt. Die Anlage aus rotem Sichtziegelmauerwerk und reichlichem Terrakotta-Bauschmuck besteht aus zwei dreigeschossigen, winkelförmig zueinander angeordneten Baukörpern, die durch ein Brückenbauwerk miteinander verbunden sind. Der ziemlich vielschichtige Bau, zwei Treppenhäuser, zwei Turnhallen sowie zwei Aulen, die übereinander angeordnet sind, fordert bei der nun geplanten Sanierung den Projektleiter Steven Damiano heraus. Vor allem der Denkmalschutz ist gefordert, da es neben der vom Bildhauer Bernhard Butzke geschaffenen erhaltenswerten „terrakotta-geschmückten“ Fassade auch um die mit Bühne und Emporenbrüstung ausgestattete Aula gehen muss – überwölbt mit einer Segmentbogentonne – die weitgehend original erhalten und reich dekoriert ist. Nicht zu vergessen ist auch das Brückenbauwerk mit der im dritten Obergeschoss angelegten Terrasse. Zu hoffen ist, dass die Sanierung auch das derzeit vom TSC Friedenau als Vereinshaus und Casino genutzte Turngerätehaus einschließt.

 

Fehlerstraße Nr. 14. H&S 2019

Fehlerstraße Nr. 14

Ecke Laubacher Straße Nr. 28

 

Für die Grundstücke Fehlerstraße Nr. 13 bis Nr. 16 gab es im Jahr 1910 noch den Eintrag Baustellen. 1912 ist für Fehlerstraße Nr. 14 Ecke Laubacher Straße Nr. 28 ein Neubau des Eigentümers A. Spandel aus Rixdorf eingetragen. Ein Jahr später eröffnet in diesem Eckhaus mit sieben Mietparteien die Bäckerei Spandel ein Ladengeschäft. Von 1939 bis 1943 ist die Hauseigentümerin Luise Spandel auch Inhaberin der Bäckerei. Ab 1955 wird der Laden als Konditorei & Café Spandel von Inhaber H. Geilich geführt. In den nachfolgenden Jahrzehnten gab es einige Wechsel. Aktuell versucht in den Räumen und im Vorgarten eine Trattoria ihr Glück. Erfreulich ist, dass zumindest Teile der uralten Bäckereieinrichtung bis heute erhalten wurden.