Valentino Casal

Der Venezianer Valentino Casal

Görresstraße Nr. 16, vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Da musste erst Donna Leon kommen – ohne Begleitung von Commissario Brunetti –  um in ihrem Buch „Gondala“ darüber aufzuklären, dass die heute gebräuchlichen venezianischen Gondeln von Giuseppe Casal (1834-1906) erdacht wurden. Die Casals kamen 1833 aus Val di Zoldo nach Venedig. In den Tälern der Dolomiten, eingeschlossen von den Pässen Staulanza, Cibiana und Duran, sahen sie keine Zukunft. In den folgenden Jahrzehnten tauchen auf Cannaregio viele Casals auf, Iseppo, Pietro, Giuseppe, Battista, Antonio, Angelo, was die Familiengeschichte nicht einfacher erzählen lässt. 1833 mietete Giuseppe Casal (1834-1906), genannt „Bepo el grando“, auf Cannaregio die Werft der Familie Servi. Dort entwickelt er mit seinen Söhnen Antonio und Anzolo jene schmale, asymmetrische und mit weit aufgebogenen Enden gebaute Gondel. Er wurde zum Protagonisten des Gondelbaus. 1852 konnte er die Werft kaufen. 1882 erwarb Cousin Michele Casal mit dem Gondelbauer Domenico Tramontin nebenan eine eigene Werft. Es kam zu Unstimmigkeiten, in deren Folge zwischen den Werften von Giuseppe, Antonio und Anzolo und jener von Michele eine Mauer gezogen wurde. Was auch immer dafür die Gründe waren, die Casals haben die Welt des venezianischen Schiffbaus tiefgreifend beeinflusst. Nach dem Tod haben sie auch wieder zusammengefunden. Auf der Insel San Michele haben sie unter einem Marmorrelief des Patrons ihre letzte Ruhe gefunden: „Kurz und bündig: Famiglia Casal."

 

Valentino Ludwig Maria Casal hatte mit Holz und Gondel nichts im Sinn. Der Sohn von Pietro Casal und seiner Ehefrau Maria de Fanti wurde am 7. Juni 1867 in Venedig geboren. Er besuchte die Scuola di arte applicata all‘industria und lernte vom Bildhauer Antonio Dal Zotto (1841-1918) Modellieren. Als Dal Zotto 1879 Professor an der Accademia di belle arti wurde, folgte er ihm. 1886 wurde aus der Werft am Campo San Trovaso eine Steinmetzwerkstatt. Der junge Scultore baute sich dort ein Atelier. „Dies war der erste Ort, an dem ich allein arbeiten konnte.“ 1887 gewann er bei einem Wettbewerb mit dem „San Giorgio Relief“ für das Haus Brown in Zattere den ersten Preis, bekam gute Presse und ahnte dennoch, dass er es als Bildhauer schwer haben würde. Als Gelegenheitsarbeiter versuchte er sein Glück in Grandisca sull'Isonzo, Santa Croce sul Carso, später in Budapest, Debrecin und Ljubljana.

 

Familie Casal in Friedenau, nach 1905. Archiv Schmiedeberg-Casal

Familie Casal in Berlin

 

Im Frühjahr 1891 zog es Valentino Ludwig Maria Casal zur Internationalen Kunstausstellung nach Berlin. In den Ausstellungshallen zwischen Invalidenstraße und Alt Moabit betrachtete er die Arbeiten der berühmten Bildhauer. „Ich hatte kein Geld, aber ich konnte arbeiten. In Berlin fand ich bald einen Job. Verdient habe ich wenig. Ich wohnte mit Fremden in einem Zimmer in der Linienstraße. Nach kurzer Zeit wurde meine Arbeit anerkannt und mit vollem Gehalt bezahlt. In der Zwischenzeit hatte ich die Bekanntschaft mit einer jungen Dame gemacht“ – gemeint ist Ida Eva Alexandra Sucht, die am 3. Februar 1872 als Tochter von Johann Friedrich Sucht und seiner Ehefrau Emilie geb. Göritz in Tilsit geboren wurde.

 

„Ich wollte auch nicht mehr mit Stein arbeiten. Das wäre schädlich für meine Gesundheit. Meine Freundin war außer sich. Sie bat mich, wieder an die Arbeit gehen, aber ich wollte nicht. In meinem Zimmer habe ich dann einige kleine Objekte für Gießereien geknetet.“

 

Am 29. Mai 1893 wurde geheiratet. Er katholisch, sie evangelisch, beide wohnhaft Alexandriner Straße Nr. 43. Im Standesamt waren als Zeugen zugegen Redacteur Carlo Dalbelli und Bildhauer Vittorio Rosa-Salva, beide wohnhaft zu Berlin. Nach der Hochzeit erfolgte der Umzug in die Wohnung Pfalzburger Straße Nr. 84. Bereits am 9. September 1893 erschien das Ehepaar Casal schon wieder auf dem Standesamt, nun in Deutsch-Wilmersdorf, und zeigte für den 7. September die Geburt der Tochter Leonora an. 1896 kam Tochter Eugenie zur Welt.

 

Valentino Casal fand Arbeit im Atelier des Bildhauers Max Kruse. „Dort habe ich wenig verdient, aber ich konnte mich zwei Jahre lang voll und ganz meiner Kunst widmen. Einige Zeit habe ich auch für Prof. Walter Schott gearbeitet, so an einer großen Marmorgruppe, die einst in Carrara entstanden und nun beschädigt war. Man wollte die Skulptur wegwerfen, aber ich habe sie restauriert“. Die Arbeit brachte viel Lob von den Berliner Bildhauern ein.

 

Im Herbst 1895 war er in der Lage, ein eigenes Atelier in der Charlottenburger Fasanenstraße Nr. 11 zu eröffnen. Das Haus gehörte dem Baumeister Bernhard Sehring (1855-1941), der dort Künstlern offensichtlich Arbeitsräume zur Verfügung stellte, darunter Komponist Xaver Scharwenke, Dirigent Felix Weingartner und die Bildhauer Fritz Heinemann, Ernst Seger, Johannes Götz, Ludwig Manzel. Untergebracht wurde dort auch Witwe Emilia Auguste Sucht geb. Göritz, Casals Schwiegermutter. Er war in bester Gesellschaft. Es wundert nicht, dass er sich aus Italien als Partner Annibal Pedrocchi holte. „Er war ein treuer Mann, einfach, in seiner Arbeit nicht genau, aber er hatte eine Menge Erfahrung. Das hat mir geholfen. Ich war davon überzeugt, dass ich mich nach und nach entwickeln konnte, so sehr, dass meine Werkstatt im Laufe der Jahre zum wichtigsten Marmoratelier in Deutschland werden könnte.“

 

Nachdem der Bildhauer Max Unger 1896 den Auftrag für die „Gruppe 2, Markgraf Otto I.“ der Siegesallee erhalten hatte, beauftragte er Casal mit der Umsetzung seines Gipsentwurfs in Marmor. Die Ausführung in Stein besorgte Casal in Italien. Da kurze Zeit später Aufträge von Joseph Uphues, Johannes Boese und Max Baumbach eingingen, zog er 1897 mit seinem Atelier in die Charlottenburger Leibnizstraße Nr. 34.

 

Es kam, wie es Akademiemitglied Reinhold Begas prophezeit hatte: Die beauftragten Bildhauer hatten „ja von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern lässt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben“.

 

Das ist die Stunde von Valentino Casal. Er hat den Umgang mit Marmor gelernt, kann mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrscht Konturieren und Ziselieren, und kann die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario unterscheiden. Dazu kommt sein Talent zum Improvisieren und Organisieren. 1897 übernimmt er Aufträge von Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer und Gustav Eberlein, 1898 von Johannes Götz und Joseph Uphues, 1899 von Gustav Eberlein und Reinhold Begas.

 

Um diese Arbeiten zu bewältigen, kauft er im Januar 1899 das Grundstück in der Wilhelmstraße in Friedenau – für den Bau von Ateliers und ein Haus für die Familie. Im März genehmigt die Gemeindevertretung „das Baugesuch zur Errichtung von Wohn- und Werkstattgebäuden“. Architekt Oskar Haustein musste sich mit dem Bau des Wohnhauses beeilen. Am 4. Oktober 1900 wurde in der Wilhelmstraße Nr. 7 „nachmittags um 3 Uhr ein Knabe geboren“. Der ersehnte Stammhalter erhielt den Namen Pietro Heinrich Valentin Casal.

 

Anmerkung

Am 18. Januar 2019 erreichte uns eine E-Mail, in der uns Herr Reinhard Sucht aus Linnich mitteilte, dass er „innerhalb meiner Familienforschung Ihre Webseite gefunden habe. Der Vater von Ida Eva Casal war Johann Friedrich Sucht geb. 1821 und hatte einen Bruder namens Otto. Dies ist mein Ururgroßvater. In der Folgezeit „versorgte“ uns Herr Sucht mit einigen uns bisher unbekannten Dokumenten zu den Familien Sucht und Casal und gestattete die Veröffentlichung auf dieser Webseite. Wir bedanken uns.

 

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Atelier V. Casal in der Bachestraße, 1910

Der Bildhauerhof: Atelier V. Casal

 

Im Jahr 1897 existierte die unnummerierte Wilhelmstraße mit den Grundstücksbezeichnungen Pählchen’sches Haus, Pötter’sches Haus, Zimmerplatz Eigentümer Architekt O. Haustein sowie Baustellen Baugesellschaft Bellevue. Am 24. Januar 1899 meldete der Friedenauer Lokal-Anzeige“, dass der Bildhauer Herr Valentin Casal eine 123 Quadratruten große Parzelle von dem in der Wilhelmstraße gegenüber dem Hausteinschen Grundstück liegenden Baulande gekauft hat. Herr Casal hat bekanntlich den Auftrag, mehrere Denkmäler für die Siegesallee auszuführen. Es wird vermutet, dass der berühmte Bildhauer sein Atelier nach Friedenau zu verlegen beabsichtigt. Friedenau würde dann Gelegenheit haben, öfter den Kaiser, der bekanntlich die Ateliers der betreffenden Bildhauer gern besucht, in seinen Weichbildgrenzen zu sehen. Der Kaufpreis des Bodens hat 280 M für die Rute betragen.

 

 

 

 

 

Am 16. März 1899 genehmigte die Gemeindevertretung zugleich den Bau zweier großer Bildhauer-Ateliers: Entsprechend dem Ortsstatut vom 27. März 1878 die Baugesuche von Hermann Noack (Bildgießerei) an der Fehlerstraße und Valentino Casal an der Wilhelmstraße unter den Bedingungen, dass die Bauherren sich verpflichten: a) der Gemeinde die anteiligen Kosten 1. für die noch nicht erfolgte definitive Pflasterung der genannten Straßen, 2. für die Anlage eines Entwässerungskanals nach dem Einheitssatze von 30 M für den lfd. m Grundstücksfront zu dem Zeitpunkte zu erstatten, wenn die Pflasterung und Kanalisierung der genannten Straßen erfolgt; b) den Bürgersteig vor ihren Grundstücken in voller Breite zu pflastern, in der Mitte mit einer 1 m breiten Granitplattenbahn zu versehen und gegen den Straßendamm mit Granitbordschwellen abzugrenzen; c) die Belastung zu a durch Kautionsleistung sicher zu stellen oder in das Grundbuch eintragen zu lassen.

 

Das Wohnhaus für die Familie Casal an der Wilhelmstraße (ab 1901 Nr. 7) wurde nach Entwürfen des Architekten Oskar Haustein gebaut, dessen Büro sich nebenan am Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 2 befand. Dahinter entstand auf dem weit in die Tiefe reichenden Grundstück ein Bildhauerhof mit mehreren Ateliers und Schuppen.

 

1905 erwarb der Bildhauer Johannes Götz nebenan ein gleichgroßes Anwesen (später Wilhelmstraße Nr. 6). Nachdem der Bauunternehmer Georg Haberland (1861-1933) mit seiner „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ große Teile des noch unbebauten Areals südwestlich der Kaiserallee erworben hatte und den Bau vierstöckiger Mietshäuser durchsetzte, änderte die Gemeinde Friedenau für eine weitere Verdichtung (offensichtlich ohne exakte Absprachen mit den Eigentümern) den Bebauungsplan. Es entstand als Straße 12 die Verbindungsstraße zwischen Kaiserallee und Mainauer Straße, die 1910 Bachstraße genannt wurde.

 

Nicht bedacht wurde, dass das Casalsche Grundstück mit Atelierbau und Schuppen bis in die Mitte der Bachestraße reichte. Am 27. Dezember 1909 ließ der Friedenauer Amtsvorsteher mittteilen, dass „infolge Blschafebauung eines Teiles der Straße 12 eine Umnummerierung derselben erfolgt“ und die u. a. die Grundstücke folgende Nummern erhalten: „Casal, Valentin, Bildhauer hier, bisher ohne Nummer, neu Nr. 10, Götz, Johannes, Professor, hier, bisher ohne Nummer, neu Nr. 11“.

 

Auf dem Foto von 1910 wird die Situation deutlich: Gebaut waren die vierstöckigen Häuser Nr. 1-13. Auf dem Grundstück Bachestraße Nr. 10 stand ein Flachbau, an dessen Außenwand in Versalien der Schriftzug ATELIER V. CASAL prangte. In den Verzeichnissen der Straßen mit sämtlichen Häusern und Bauplätzen nebst Angabe der Eigentümer heißt es für Wilhelmstraße Nr. 7 von 1911 bis 1917 „Eigentümer Casal, V., Bildhauer sowie für „Bachestraße Nr. 10 gehört zu Wilhelmstraße Nr. 7“. Ab 1918 heißt es dann für „Wilhelmstraße Nr. 7 und Bachestraße Nr. 10 Eigentümer Gemeinde Friedenau“.

 

Am 18. Juni 1908 stellt die Gemeindevertretung fest, dass „von den auf dem Casalschen Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7 befindlichen Atelier- und Werkstatträumen ein Teil derselben in die zukünftige Straße 12 soweit hineinragt, dass der Fuhrwerkverkehr auf derselben behindert werden würde, wenn dieselben bestehen blieben. Es wird daher deren Beseitigung erforderlich werden. Da Herr Casal diese Räume jedoch für seine Bildhauerwerkstatt nicht entbehren kann, wird der Wiederaufbau derselben an anderer Stelle des Grundstücks notwendig werden“.

 

Aktenkundig wurde auch, dass „Herr Casal seinerzeit seinen Widerspruch gegen die Fluchtlinien der Straße 12 nur unter der Bedingung hat fallen lassen, dass die durch die Veränderung entstehenden Kosten von ca. 4000 M nicht ihm zur Last fallen. Dieselben werden daher von den Anliegern der Straße 12 gemeinschaftlich zu tragen sein. Der Bauausschuss empfiehlt der Gemeindevertretung die Regulierung der Straße 12 unter der Bedingung, dass die Hauptanlieger die für die Regulierung der Straße und die bauliche Veränderung auf dem Casalschen Grundstücke entstehenden Kosten übernehmen und solange verauslagen, bis die entsprechenden Beträge bei einer Bebauung derselben fällig werden“.

 

Am 9. Juli 1909 vertrat Gemeindebaurat Hans Altmann die Ansicht, dass „nunmehr alle an der Straße 12 liegenden Grundstücke, außer dem Casalschen Grundstück bebaut werden sollen. Die Straße kann dann auch, ohne das Casalsche Grundstück zu berücksichtigen, reguliert werden. Man hofft, vielleicht auf diese Weise Herrn Casal zu veranlassen, dass er seinen Widerstand aufgibt und den Abriss seines in die Straße 12 hineinreichenden Ateliers veranlasst." Bürgermeister Schnackenburg möchte allerdings „nicht aufkommen lassen, dass Herr Casal der Gemeinde durchaus Widerstand leisten will, sondern dass Herr Casal die Absicht hat, dort wohnen zu bleiben und hierfür auch noch verschiedene Anordnungen getroffen hat. Man könne ja, da der Bebauungsplan der Straße 12 genehmigt ist, Herrn Casal zwingen, den nach der Straße gehörigen Teil des Grundstücks abzureißen. Doch dies verursache erhebliche Entschädigungskosten, die die Anlieger zu zahlen hätten; dieses könne man vermeiden".

 

Casal fühlte sich im Recht und unterbreitete Gegenvorschläge: Er will „mit seinem Grundstück bis zur Vorgartengrenze zurücktreten, verlangt aber, dass ihm die Gemeinde dann nach der Wilhelmstraße zu einem neuen Schuppen errichtet. Die Kosten hierfür würden etwa 10000 M betragen. Ferner beansprucht er die Freistellung von jeglichen Anliegerbeiträgen, was ebenfalls einen Betrag von 2700 M ergeben dürfte. Auch die Kanalisations- und gerichtlichen Kosten müsse die Gemeinde tragen, so dass 12-14000 M Kosten der Gemeinde erwachsen würden. Außerdem stellt Herr Casal aber noch die Bedingung, dass der Streifen, den er abtrete, ihn als bebauungsfähige Fläche angerechnet werde“. Die Vorschläge wurden einstimmig abgelehnt.

 

Schließlich kommt die Gemeindevertretung zu der Ansicht, dass „der Engpass nicht so schlimm sei, es ist Raum genug vorhanden für die Feuerwehr und der Verkehr werde auch sonst nicht behindert. Wenn sich die Nachbarn über das unschöne Aussehen beschweren. So mögen sie doch die Kosten der Beseitigung tragen".

 

Noch vor dem Weltkrieg wird der Ton rauer, selbst Enteignung wird vorgeschlagen. Am 27. August 1916 erklärt Italien dem Deutschen Reich den Krieg. Die deutschen Banken werden angehalten, „jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten und jede Zahlung hintan“ zu stellen. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ titelt am 22. September 1916 „Der ‚feindliche‘ Vorsprung in der Bachestraße“ und fordert die Gemeinde auf, „das dem italienischen Staatsangehörigen Casal gehörige, in die Bachestraße vorspringende und diese ganze Straße verunzierende und verunglimpfende Grundstück zum Besten der Allgemeinheit zu enteignen“.

 

Am 16. August 1917 handelt der Gemeindevorstand: „Zwecks Entgegennahme der Auflassung des von der Gemeinde käuflich erworbenen Casalschen Grundstücks, hier, Wilhelmstraße 7, ersuchen wir die Gemeindevertretung um folgende Beschlussfassung: Mit der Entgegennahme der Auflassung des dem Bildhauer Valentino Casal gehörigen, in der Wilhelmstr. 7 in Berlin-Friedenau gelegenen Grundstücks, im Grundbuche von Friedenau unter Band XVIII, Blatt 999, eingetragen, wird der Gemeindeobersekretär Borck bevollmächtigt."

 

Der Italiener Casal ist unerwünscht. Seine aus Ostpreußen stammende Ehefrau und die in Berlin geborenen Kinder dürfen im Haus Wilhelmstraße Nr. 7 bleiben. Das Grundstück ist 1917 in den Besitz der Gemeinde Friedenau übergegangen. Casal geht vorerst in die Schweiz.

 

Nach dem Waffenstillstand kommt er 1918 nach Friedenau zurück und beginnt den Kampf um sein Eigentum. Nach dem Vertrag von Versailles ist der deutsch-italienische Schiedsgerichtshof in Rom zuständig. Obwohl sich für Casal frühzeitig ein positiver Bescheid abzeichnet, geht das Anwesen Wilhelmstraße/Bachestraße 1921 an die „Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg“. Am 22. März 1922 werden die auf die Bachestraße ragenden Bauteile entfernt. 1925 geht das Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg). Am 18. Juni 1934 erklärt sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem Grundstück werden im Jahr 1935 ausgeführt.

 

Wilhelmstraße 7/Bachestreß 10, 1914. BA TS
Anmerkung: "Die markierten Gebäude wurden bereits am 23.3.1922 entfernt." Bezirksamt Schöneberg
Plan der Siegesallee, 1902

Die Siegesallee

 

Am 27. Januar 1895 verkündete Kaiser Wilhelm II., dass im Tiergarten eine Siegesallee mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens von Berliner Bildhauern geschaffen werden soll. Auf 750 Metern wurden für diesen Pilgerpfad im Abstand von jeweils 36 Metern ziemlich gleichartig anzuschauende Denkmale aneinandergereiht: Ein zentraler Held im Vordergrund, dahinter halbrunde marmorne Sitzbänke, auf deren Lehnen zwei kleinere Skulpturen von jeweiligen Zeitgenossen gesetzt wurden.

 

Akademiemitglied Reinhold Begas warnte: „Sie haben ja von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben!“

 

Die Publizistin Uta Lehnert hat in ihrer 1998 im Berliner Verlag Dietrich Reimer erschienenen Dokumentation Der Kaiser und die Siegesallee – Réclame Royale die Situation beleuchtet: Casal sah sein Künstlertum zwar zum Teil im Handwerklichen untergehen; aber da er dieses Handwerk wiederum als ‚edelste Kunst‘ betrachtete, war sein Ehrgeiz dennoch befriedigt. Die Arbeitsbedingungen in der völlig überlasteten Werkstatt Casals waren schlecht. Es fehlte an Platz, so dass die Arbeiten bei Wind und Wetter auch in Bretterbuden im Tiergarten ausgeführt werden mussten.

 

 

 

 

Am 22. März 1898 wurden die ersten drei Marmordenkmäler mit den Markgrafen von Brandenburg für die Via triumphalis der Hohenzollern eingeweiht. „Dieses Datum werde ich nie vergessen“, schreibt Casal in seinen Erinnerungen. „König Umberto I. von Italien (1844-1900) beorderte seinen Botschafter Graf Carlo Lanza di Busca (1837-1918) zur Eröffnung: In meiner langen diplomatischen Karriere ist es das erste Mal, dass mich Seine Majestät der König beauftragt, die Arbeit der Italiener im Ausland zu würdigen. Herr Casal, im Namen von Italien die herzlichsten Glückwünsche, und ich hoffe, dass Ihre Arbeit auch künftig unserem Vaterland zur Ehre gereicht.“

 

Das war der Anfang. Von nun an gingen die Bildhauer im Bildhauerhof ein und aus. Klein-Carrara nannte Wilhelm II. die Gegend und meinte damit Casals Werkstätten. Rücksicht nahm der Kaiser dennoch nicht. Er drohte sogar: Es bleibt beim 22. Dezember 1900; an diesem Tag muss die Gruppe enthüllt werden, und wenn der Italiener nicht fertig wird mit dem Abrüsten, so werde ich ihm eine halbe Compagnie Pioniere hinsenden.

 

Emil Graf von Schlitz genannt von Görtz (1851-1914), enger Freund des Kaisers seit der gemeinsam verbrachten Jugendzeit, gehörte damals wie Philipp zu Eulenburg (1847-1921) zur Liebenberger Tafelrunde, deren Treffen nicht ohne homoerotische Akzente blieben. Görtz, immer auf den kaiserlichen Nordlandreisen dabei, immer zu Späßen aufgelegt, sorgte auf der Yacht Hohenzollern für Unterhaltung. Zum Vergnügen von Wilhelm versuchte er es auch mit Ballett: Beim höchst dramatisch akzentuierten Pas d’action glitt er allerdings unglücklich aus und landete mit Donnergepolter unter dem Tisch.

 

Nun, so Eulenburg, musste Görtz, der sein Atelier in der Kunstschule in Weimar hatte, seinen Gipsentwurf von Markgraf Ludwig II. der Römer an Bord der Staatsyacht schleppen. Am Nachmittag des 5. Juli 1898 hatte Görtz auf der Fahrt durch den Geirangerfjord sein Modell für die Siegesallee in Berlin vorzuführen, und es knüpfte sich daran eine sehr anregende Unterhaltung über Stil- und Kostümkunde zwischen Kaiser, Eulenburg, Maler Carl Saltzmann (1847-1923) und Görtz. Auch die wunderschönen Photographien nach den bereits fertigen Standbildern und Modellen wurden betrachtet, und wir erfreuten uns an der eingehenden und interessanten Behandlung der darauf bezüglichen Fragen. Danach übernahm das Atelier von Valentino Casal die weitere Arbeit – die Übertragung der kleinen Gipsmodelle in Marmor auf eine Größe von bis zu 3,50 Meter.

 

Die Siegesallee zwischen Königsplatz (heute Platz der Republik) und Kemperplatz (Philharmonie) wurde am 30. März 1901 vollendet – und mit Spott überschüttet: Puppenallee, Marmorameer, Nippes-Avenue. Nachdem schon vor der eigentlichen Fertigstellung Skulpturen beschädigt worden waren, machte der Begriff Neue Invalidenstraße die Runde. So kam es, dass der Kaiser laut Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 9. Januar 1900 in seinem Extrazuge vom Militärbahnhof Schöneberg aus nach der Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau gefahren war. Er fuhr zum Atelier des Bildhauers Casal, dem die Reparatur der geschändeten Denkmäler in der Siegesallee übertragen wurde. Bei der Gruppe Albrechts des Bären sind an der Nebenfigur des Bischofs Wigger von Brandenburg die beschädigten Theile durch eine entsprechende Reparatur ersetzt worden. In ähnlicher Weise werden jetzt an der Gruppe Ottos II. den Begleitfiguren, Heinrich von Antwerpen und Johann Gans zu Putlitz, der zertrümmerte Gänsekiel und die Dokumentenrolle neu ersetzt. Hier lassen sich die abgeschlagenen Bruchstücke in künstlerischer Vollendung wiederherstellen. Dagegen lässt sich eine derartige ‚Flickarbeit‘ an vier Nebenfiguren nicht durchführen, da es sich bei denselben um eine Nachmodellierung von Gesichtszügen handeln würde, die von sachverständiger Seite für wenig erfolgreich gehalten wurde.

 

In der im Juni 1937 erstellten Werkliste hat Valentino Casal die für die Siegesallee „in Marmor ausgeführte Arbeiten nach Entwürfen von verschiedenen Künstlern“ aufgelistet. Es entstanden in Casals Werkstatt in der Leibnizstraße Nr. 34:

 

Gruppe 2 Markgraf Otto I. Max Unger/Auftrag an Casal 1896  Enthüllung 1898

Gruppe 3 Markgraf Otto II. Joseph Uphues/Auftrag an Casal 1896, Enthüllung 1898

Gruppe 4 Markgraf Albrecht II. Johannes Boese/Auftrag an Casal 1896, Enthüllung 1898

 

Im Friedenauer Bildhauerhof in der Wilhelmstra0e Nr. 7 entstanden:

 

Gruppe 5 Markgraf Johann I. und Markgraf Otto III., Max Baumbach/Auftrag an Casal 1896.(Punktierung in Italien), Enthüllung 1900

Gruppe 11 Margraf Ludwig II., Emil Graf Görtz zu Schlitz/Auftrag an Casal 1887, Enthüllung 1900

Gruppe 13 Kaiser Karl IV. Ludwig Cauer/Auftrag Casal 1897, Enthüllung 1899

Gruppe 15 Kurfürst Friedrich I. Ludwig Manzel/Auftrag an Casal 1898. Enthüllung 1900

Gruppe 26 König Friedrich I. Gustav Eberlein/Auftrag an Casal 1897, Enthüllung 1900

Gruppe 28 König Friedrich II., Joseph Uphues/Auftrag an Casal 1898, Enthüllung 1899

Gruppe 30 König Friedrich Wilhelm III., Gustav Eberlein/Auftrag an Casal 1899, Enthüllung 1901

Gruppe 32 Kaiser Wilhelm I. Reinhold Begas/Auftrag an Casal 1899, Enthüllung 1901

 

Den Plänen von Generalbauinspektor Albert Speer für die Welthauptstadt Germania waren die Monumente der Siegesallee im Weg. Für die Ost-West-Achse wurden sie ab- und in der Großen Sternallee wieder aufgebaut. Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 um Reichskanzlei, Brandenburger Tor und Reichstag kämpfte, wurden die preußischen Standbilder ziemlich beschädigt. Max Frisch, der im November 1947 wieder nach Berlin kam, schrieb in sein Tagebuch: „Mittagsrast im Tiergarten. Eine baumlose Steppe mit den bekannten Kurfürsten, umgeben von Schrebergärten. Einzelne Figuren sind armlos, andere mit versplittertem Gesicht. Einer ist offenbar vom Luftdruck gedreht worden und schreitet nun herrisch daneben. Für Robert Musil waren sie unvergesslich, weil eine Postenkette aus Marmor sonst nirgends in der Kriegsgeschichte vorkommt. 1947 ordnete die Alliierte Kommandantur die Einebnung an. An der Kreuzung der Siegesallee mit der Charlottenburger Chaussee entstand das Sowjetische Ehrenmal. Die Denkmäler wurden abgebrochen, vergraben, wieder ausgegraben, untergestellt. Was davon übriggeblieben ist, wird seit April 2016 in der Dauerausstellung Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler in der Zitadelle Spandau gezeigt. Der Anblick der einst in Friedenau in Marmor ausgeführten Arbeiten ist nicht immer erfreulich. Geschichte wird sichtbar. Das ist heute schon etwas wert.

 

1901: Kaiser Wilhelm II. mit Kaiserin Auguste Viktoria und den Söhnen (von links) Prinz Adalbert, Prinz August Wilhelm, Prinz Joachim, und Prinz Eitel Friedrich. Quelle Stadtarchiv Bad Homburg

Der Kaiser in Friedenau

Originalberichte des Friedenauer Lokal-Anzeiger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

08.11.1899

Gestern Nachmittag beehrte der Kaiser unseren Ort. Er besuchte das Atelier des Bildhauers Herrn Casal. Unserm Amtsvorsteher Herrn Major Roenneberg war der Besuch des Kaisers kurz vorher gemeldet worden, welcher in Uniform den Landesherrn begrüßte. Die Kunde, dass der Kaiser in Friedenau sei, hatte ein zahlreiches Publikum nach der Wilhelmstraße hingezogen. Dort nahm er die von Professor Max Baumbach modellierte Gruppe in Augenschein, die jetzt bei Casal in Marmor gearbeitet wird. Es ist das einzige Doppelstandbild in der ganzen Reihe der Denkmäler.Die ausdrucksvolle Gruppe stellt die askanischen Markgrafen Johann I. und Otto III. dar, die in Gemeinschaft miteinander von 1220-1266 regierten. Johann I. hat, auf einem Wegstein sitzend, den Bebauungsplan Berlins auf seinem Schoße; ihm zur Rechten steht der mehr kriegerische Otto III., auf einen langen Jagdspeer sich stützend. Es ist eine in der Ausfassung geschlossene, einheitliche Gruppe, die des Kaisers vollen Beifall hat. Die Ausführung würde, wenn sie ganz und gar hier erfolgt wäre, 18 Monate erfordert haben, und der dann zu transportierende Marmorblock hätte das kolossale Gewicht von 700 Centnern gehabt. Unter diesen Umständen ist die Gruppe mit Bewilligung des Kaisers in Carrara punktiert worden: man hat dadurch etwa vier Monate erspart. Die punktierte Gruppe kam im September hier an; sie wog immerhin noch rund 400 Centner. Es ist der größte Marmorblock, der nach Deutschland aus Carrara gesandt worden ist. Die technische Herstellung des Doppelwerkes nimmt naturgemäß eine besondere Zeit und Mühe in Anspruch. Obwohl mit aller Kraft daran gearbeitet wird, ist die Vollendung doch erst im Monat März n. J. zu erwarten. Die das Fürstenpaar umgebenden Büsten sind Marsilius, Schultheiß, Richter und Stadtgründer von Berlin, sowie Simeon, der nach den jüngsten Mitteilungen des Geh. Rats Koser nicht Propst von Köln, sondern von Berlin gewesen ist. Beim Abschied überreichte Frau Casal dem Kaiser einen herrlichen Blumenstrauß, den Se. Majestät huldvollst annahm

 

10.11.1899

Zum Kaiserbesuch im Casalschen Atelier weiß der Anzeiger von der Freude des Kaisers zu berichten, dass es gelungen sei, für das Doppelstandbild Johannes I. und Ottos III. von Professor Max Baumbach einen besonders schönen und gleichmäßigen Stein zu finden, und er interessiert sich lebhaft für die technische Marmorausführung, welche bei dieser zusammenhängenden Gruppe außerordentliche Schwierigkeiten verursacht. Herr von Lucanus wies Professor Degas auf den alten Stadtplan hin, den der sitzende Markgraf auf dem Schoße ausgebreitet hat, und zeigte, wie der Spreelauf und auch die heutige Museumsinsel dort erkennbar sei. Professor Baumbach bemerkte, er werde Einzelheiten selbst noch genauer einmeißeln. .Aber nur das, was in jener Zeit schon gestanden hat, („nicht etwa die elektrische Hochbahn oder den Sportpark von Friedenau“,  warf der Kaiser ein. Im Anschluss daran erzählte der Kaiser, dass ein solcher Anachronismus zuweilen recht fatal sei; so habe ein Bildhauer mal dem Großen Kurfürsten den Schwarzen Adlerorden beigegeben. Beim Besuch in der Werkstatt Casal war auch Professor Ludwig Manzel zugegen, um dem Kaiser die Figur des Kurfürsten Friedrich I. zu zeigen, welcher neuerdings, wie wir das bereits erwähnt, mit einer Kopfbedeckung versehen hat.

 

09.01.1900

Ganz unverhofft besuchte der Kaiser gestern unsern Ort. Er fuhr nach dem Atelier des Bildhauers Casal, dem die Reparatur der geschändeten Denkmäler in der Siegesallee übertragen wurde. Bei der Gruppe Albrechts des Bären sind an der Nebenfigur des Bischofs von Brandenburg die beschädigten Teile durch eine entsprechende Reparatur ersetzt worden. In ähnlicher Weise werden jetzt an der Gruppe Ottos II. den Begleitfiguren Heinrich von Antwerpen und Johann Hans zu Puttlitz, der zertrümmerte Gänsekiel und die Dokumentenrolle neu ersetzt. Hier lassen sich die abgeschlagenen Bruchstücke in künstlerischer Vollendung wieder herstellen. Dagegen lässt sich eine derartige .Flickarbeit an vier Nebenfiguren bei der Gruppe Ottos I. und Albrechts II. nicht durchführen, da es sich bei denselben um eine Nachmodellierung von Gesichtszügen handeln würde, die von sachverständiger Seite von vornherein für wenig aussichts- und erfolgreich gehalten wurde. An der Gruppe Ottos I. hatten die Vandalen in der Nacht zum 23. Oktober dem Fürsten Pribislaw die Nase abgeschlagen und das Gesicht zerhauen, dem Abte Sibold sämtliche Finger der rechten Hand, den Hirtenstab und die Nase zertrümmert; an der Gruppe Albrechts II. waren Hermann von Salza und Eike von Repkow ebenfalls die Nasen abgeschlagen worden. Der Kaiser will diese vier Figuren nunmehr entfernen und an der ein dergleichen Ausführung an ihre Stelle aufstellen lassen. Er hat zu diesem Zweck einen Wettbewerb unter den Künstlern veranstaltet, aus dem. Bildhauer Casal als Sieger hervorgegangen ist. Ihm ist vom Kaiser die Anfertigung der vier Nebenfiguren übertragen worden. Herr Casal ist augenblicklich mit der Ausführung des Auftrages beschäftigt. Und zur Besichtigung der Vorarbeiten begab sich der Kaiser in das Atelier und zwar ganz ohne vorherige Anmeldung. Herr Amtsvorsteher Major Roenneberg erfuhr die Anwesenheit Seiner Majestät zu spät und war erst zur Stelle, als der Kaiser schon Friedenau verlassen hatte.

 

05.03.1900

Der Kaiser erschien Sonnabendnachmittag nach 3 Uhr mit der Kaiserin, dem Prinzen Heinrich, dem Kronprinzen und den Prinzen Eitel-Friedrich und Adalbert in dem Atelier des Herrn Casal in der Wilhelmstraße, um die dort aufgestellte Professor Baumbachsche Doppelgruppe Ottos III. und Johanns I. in Augenschein zu nehmen, die für die Siegesallee bestimmt ist und am 22. d. M. mit drei anderen Gruppen enthüllt werden soll. Kurz vor seiner Ankunft hatte der Kaiser seinen Besuch Herrn Casal anmelden lassen. In den ausgedehnten Werkstätten wurde noch eifrig gearbeitet, als der Chef des Civilkabinets Herr von Lucanus vorfuhr und den Künstler auf größeren Besuch vorbereitete. Bald darauf fuhr der Kaiser, der die Uniform der Gardes du Corps trug, in Begleitung des Prinzen Heinrich, der Admirals-Uniform trug, im Zweispänner vor dem Atelier vor und wurde hier von Herrn von Lucanus und Herrn Casal empfangen. Im zweiten Wagen erschien dann die Kaiserin in Trauerkleidung  mit ihren drei ältesten Söhnen, die Civilkleidung und Spazierstöcke trugen. Es folgten weiter Excellenz Graf von Wedel und die beiden Flügeladjutanten des Kaisers Oberst von Mackensen und Major von Boehn. Im Atelier gab Herr Casal den hohen Besuchern Erklärungen über die von Professor Max Baumbach modellierten und von ihm (Casal) in Marmor ausgeführten Doppelfiguren und ihre Nebenbüsten, den Schultheiß von Berlin, Marsilius, und den Probst Simeon von Cölln. Insbesondere seine Söhne machte der Kaiser auf die künstlerische Vollendung des Werkes aufmerksam. Prinz Heinrich, der die Gruppe mit großem Interesse betrachtete, zog den Künstler in ein längeres Gespräch. Nachdem die hohen Herrschaften mehrere andere noch in Arbeit befindliche Denkmäler im Atelier besichtigt hatten, traten sie unter einem heftigen Schneesturm die Rückfahrt nach dem Schloss in Berlin an.

 

13.11.1900

Se. Majestät und die Kaiserin trafen heute Nachmittag 4 Uhr hier ein, um die Ateliers der Herren Haverkamp und Casal zu besuchen. Der Besuch des Kaisers, der von der Kaiserin begleitet wurde, galt gestern in erster Linie dem Atelier des Herrn Haverkamp zur Besichtigung der Statue des Großen Kurfürsten, die für die Stadt Minden bestimmt ist. Über die Ausführung der 3,16 m hohen Statue, die auf einem 3,84 m hohen Sockel zu stehen kommt, hat sich Se. Majestät sehr anerkennend ausgesprochen. Er gab den Auftrag, dasselbe Denkmal auch für Kiel herzustellen. Die Arbeiten im Atelier des Herrn Casal hat der Kaiser nicht näher besichtigt. Das Kaiserpaar traf um 4 Ubr im offenen Hofwagen, welchem drei Wagen mit der Gefolgschaft folgten, von Halensee kommend hier ein. Der Besuch dauerte eine halbe Stunde. Vor dem Atelier hatten sich nur wenige Einwohner unseres Ortes eingefunden. Der Kaiser trug Kürassierhelm und grauen Mantel, die Kaiserin war in tiefes Schwarz gekleidet. Auf der Rückfahrt fuhr das Kaiserpaar über den Friedrich-Wilhelm-Platz, durch die Kirchstraße und dann die Prachtstraße entlang nach Berlin zu.

 

14.06.1909

Der Kaiser hat unserem Mitbürger Herrn Bildhauer Valentino Casal, Wilhelmstraße 7, die Ausführung einer Marmorkopie der Schadowschen Gruppe, welche die Königin Luise und Prinzessin Friederike darstellt, übertragen. Die Gruppe will der Kaiser aus Anlass des hundertjährigen Todestages der Königin, der auf den 19. Juli 1910 fällt, der Stadt Hannover zum Geschenk machen.

 

Vom „berühmten Bildhauer“ und „unserem Friedenauer Mitbürger“ zum „italienischen Staatsangehörigen“ Valentino Casal

Aus dem „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ zwischen 1899 und 1917

 

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Unerwünscht

 

Valentino Casal hatte sich in Deutschland einen bemerkenswerten Besitz erarbeitet. „In Friedenau besaß ich ein Grundstück mit Gebäuden ohne Schulden im Wert von 125.000 Mark, zuzüglich 55.000 Mark stabile Vermögenswerte, die durch Gold abgesichert waren. Ich hatte ein gut ausgestattetes Atelier mit einem reichhaltigen Lager an Marmor in einem Gesamtwert von 45.000 Mark. Ich hatte keine Schulden.“

 

 

 

 

 

Casal spürte, dass die Zeit der Denkmäler vorbei war. Nun wollte er „in dem schönen Land leben, in dem ich geboren wurde“ – mit Frau und Kindern. Dafür setzte er alles in Bewegung. Im März 1910 fuhr er mit seiner Frau nach Florenz. „Ich hatte die Absicht, eine Villa in Fiesole zu kaufen, aber meine Frau stimmte nicht zu.“ Seine Alternative, ein Grundstück auf dem Lido, dass „innerhalb von zwei Jahren zu bauen war“, lehnte Ida Eva Casal ebenso ab. „In Venedig wären meine Verwandten, gute geehrte Menschen, aber kompliziert.“ Sie fürchtete sich vor der Isolation. Im Frühjahr 1912 bereiste er mit Tochter Eva ganz Italien. „Wir besuchten alle größeren Städte, sahen viele Kunstwerke und genossen die Schönheit der Natur.“ 1913 war er mit Tochter Dottel im Val di Zoldo, bei seiner Schwester und seiner Mutter Angelina.

 

Es kam der Erste Weltkrieg – und die Kriegserklärung Italiens an Deutschland. Dazu kam „die auf Betreiben des Kaiserlichen Auswärtigen Amtes an die deutschen Kreditinstitute und Bankiers gerichtete Aufforderung, wonach diese jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten und jede Zahlung, die ihm etwa geschuldet sein sollte, hintanhalten“ sollten. Viele Italiener verließen Deutschland und kehrten nach Italien zurück.

 

Am 7. Mai 1915 reiste ich mit meinem Sohn Peter nach Zürich. Vor Verlassen Berlins übergab ich meiner Frau 3000 Mark und eine Vollmacht (procura generale) für die Deutsche Bank, so dass sie unsere Interessen vertreten konnte. Im Juli 1915 hatte er „ein schönes Haus am Zürichsee gefunden“. Seine Frau aber wollte mit den Töchtern in Friedenau bleiben und wünschte sich die Rückkehr von Sohn Peter. Casal gab nach und war fast entschlossen, auch nach Berlin zurückzukehren. Im Oktober 1915 eröffnete er mit seinem Freund Plotti in Zürich ein Büro für Export von Lebensmitteln, Futter und Grassamen, bis die Schweizer Regierung den Handel für alle Kaufleute untersagte, die nicht vor dem Jahr 1912 eingetragen waren. „Da die Familie nicht in die Schweiz wollte, stellte ich im August 1916 den Antrag auf Wiedereinreise. Er wurde abgelehnt. Ich sei unerwünscht.”

 

1917 beantragte Casal in der Schweiz die Einbürgerung. „Da meine Familie jedoch noch immer in Deutschland wohnhaft war, könnte mein Antrag nur angenommen werden könnte, wenn ich mit meiner Familie in der Schweiz wohnhaft wäre.“ Meine Finanzen waren fast erschöpft ist. Meine Schwester Angelina hatte mir 1000 Franken geschickt, aber ich musste an die Zukunft denken. Im Kloster Einsiedeln bat ich darum, als Restaurator der Kunstwerke arbeiten zu dürfen, ohne Lohn, nur Unterkunft und Verpflegung. Eine Antwort kam nicht. Vielleicht ist diese Methode eine Art christlicher Nächstenliebe. 1917 bewarb er sich mit seiner Statue „Mädchen mit dem Spiegel“ in Zürich für die internationale Kunst-Ausstellung, schickte ein Foto, konnte aber nicht teilnehmen, da sein Kunstwerk in München und beschlagnahmt war.

 

Töchterheim Casal Heidelber, 1932. Archiv Schmiedeberg-Casal

Wieder in Deutschland

 

„Unmittelbar nach dem Waffenstillstand (vom 11. November 1918 in Compiègne) fuhr ich nach Berlin zu meiner Familie.“ Das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 7 war inzwischen beschlagnahmt und im Besitz der „Grundstücksverwaltung Schöneberg“. Im Adressbuch sind eingetragen Obergärtner Piekowski und der Bildhauer Heinrich Mißfeldt als Pächter eines Ateliers. Casal (51) zog 1919 vorerst mit Ehefrau Ida Eva (46), den Töchtern Leonora (25) und Eugenie (22) sowie Sohn Peter (18) nach Lichterfelde in die Hortensienstraße Nr. 12.

 

Am 22. März 1922 waren die auf die Bachestraße ragenden Bauteile entfernt. 1925 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg). Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten wurden 1935 ausgeführt.

 

Im März 1919 wollte die Familie „Zuflucht bei mir in der Schweiz finden. Ich bewarb mich für die Einbürgerung. Es war zu spät. Die Schweiz wollte keinem Ausländer die schweizerische Nationalität gewähren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine gewisse Vorahnung, dass ich nicht in der Schweiz, sondern in Italien hätte wohnen sollen, um gegen Deutschland auf Schadensersatz zu klagen. Am 16. Dezember 1920 nahm ich einen Wohnsitz auf italienischem Hoheitsgebiet. Meine Konten wurden von Treuhändern beschlagnahmt. Meine Guthaben wurden an die Regierung von Rom übertragen. Nach dem Vertrag von Versailles musste ich meine Rechte beim deutsch-italienischen Schiedsgerichtshof in Rom geltend machen. Im Dezember 1925 kam das Verfahren zum Abschluss. In Folge der Inflation reduzierten sich Casals Ansprüche: „Ich erhielt italienische Lira als Gegenleistung für meinen Goldwert. Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“

 

 

Nach dem Weltkrieg fanden Frau und Kinder in Heidelberg eine neue Heimat. Casal brauchte Zeit. Er reiste viel: Salzburg, Triest, Forno di Zoldo, Venedig. In Lugano entstand ein Grabdenkmal für die Familie Monti (1919), in Brescia ein Denkmal für die Gefallenen (1921).  Ab März 1923 arbeitete Casal als Porzellanmodellierer bei der „Königlich privilegierte Porzellanfabrik“ im oberfränkischen Tettau. „Was ich dort verdiente, teilte ich zur Hälfte mit meinem Sohn Pietro, der in Darmstadt Chemie studierte." Im Januar 1926 wurde er zum Professor h.c. für Bildhauerei an der Università degli Studi di Padova ernannt. Casal war ein Familienmensch. Er konnte nicht isoliert und allein leben. „Ich beschloss, nach Heidelberg zurückzukehren. Dies geschah am 22. Dezember 1927.“

 

Valentino Casal war inzwischen 60, seine Frau Ida Eva 55. Sie suchte nach einer Aufgabe und entschloss sich zur Gründung eines Töchterpensionats. Nachdem das Reichsausgleichsamt die Entschädigung überwiesen hatte, kaufte das Ehepaar 1929 die Villa in der Heidelberger Scheffelstraße Nr. 1. Er legte sich in der Oberen Neckarstraße Nr. 29 ein Atelier zu. Dort entstanden Statuen und Reliefs in Gips, Terracotta, Marmor, Bronze.

 

Tochter Eugenie Casal war inzwischen am Stadttheater Heidelberg als Sopranistin engagiert. Im Frühjahr 1923 gab sie die „Undine“ (Lortzing), die „Martha“ (Flotow), das Ännchen im „Freischütz“ von Carl Maria von Weber und die Prinzessin Marie in der Operette von Leo Ascher „Hoheit tanzt Walzer“. In der „Badischen Post“ wurde die Sängerin gefeiert. Sohn Peter war inzwischen Dr. chem. und zog 1939 wieder nach Heidelberg in die Oberbadgasse Nr. 10.

 

In Heidelberg sind beide gestorben, Ida-Eva Casal am 24. August 1948, Valentino Casal am 8. Juni 1951. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner "eigenen Kunst auch einen Namen hinterlassen haben würde, wenn es nicht 1914 den schrecklichen Weltkrieg gegeben hätte".

 

Lichterfelde, Hortensienstraße 12. Berliner Adressbuch 1919

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Stadtbuch Heidelberg 1924-1930

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Valentino Casal, Die Quelle, 1910

Werkliste von Valentino Casal

aufgestellt im Juni 1937

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Familie Schmiedeberg-Casal

 

Werkliste von Valentino Casal

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Memoiren von Valentino Casal, 1937. Original, italienisch

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Memoiren von Valentino Casal, 1937. Deutsche Übersetzung

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