Valentino Casal

Der Venezianer Valentino Casal

Görresstraße Nr. 16, vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Da musste erst Donna Leon kommen – ohne Begleitung von Commissario Brunetti –  um in ihrem Buch „Gondala“ darüber aufzuklären, dass die heute gebräuchlichen venezianischen Gondeln von Giuseppe Casal (1834-1906) erdacht wurden. Die Casals kamen 1833 aus Val di Zoldo nach Venedig. In den Tälern der Dolomiten, eingeschlossen von den Pässen Staulanza, Cibiana und Duran, sahen sie keine Zukunft. In den folgenden Jahrzehnten tauchen auf Cannaregio viele Casals auf, Iseppo, Pietro, Giuseppe, Battista, Antonio, Angelo, was die Familiengeschichte nicht einfacher erzählen lässt. 1833 mietete Giuseppe Casal (1834-1906), genannt „Bepo el grando“, auf Cannaregio die Werft der Familie Servi. Dort entwickelt er mit seinen Söhnen Antonio und Anzolo jene schmale, asymmetrische und mit weit aufgebogenen Enden gebaute Gondel. Er wurde zum Protagonisten des Gondelbaus. 1852 konnte er die Werft kaufen. 1882 erwarb Cousin Michele Casal mit dem Gondelbauer Domenico Tramontin nebenan eine eigene Werft. Es kam zu Unstimmigkeiten, in deren Folge zwischen den Werften von Giuseppe, Antonio und Anzolo und jener von Michele eine Mauer gezogen wurde. Was auch immer dafür die Gründe waren, die Casals haben die Welt des venezianischen Schiffbaus tiefgreifend beeinflusst. Nach dem Tod haben sie auch wieder zusammengefunden. Auf der Insel San Michele haben sie unter einem Marmorrelief des Patrons ihre letzte Ruhe gefunden: „Kurz und bündig: Famiglia Casal."

 

Valentino Ludwig Maria Casal hatte mit Holz und Gondel nichts im Sinn. Der Sohn von Pietro Casal und seiner Ehefrau Maria de Fanti wurde am 7. Juni 1867 in Venedig geboren. Er besuchte die Scuola di arte applicata all‘industria und lernte vom Bildhauer Antonio Dal Zotto (1841-1918) Modellieren. Als Dal Zotto 1879 Professor an der Accademia di belle arti wurde, folgte er ihm. 1886 wurde aus der Werft am Campo San Trovaso eine Steinmetzwerkstatt. Der junge Scultore baute sich dort ein Atelier. „Dies war der erste Ort, an dem ich allein arbeiten konnte.“ 1887 gewann er bei einem Wettbewerb mit dem „San Giorgio Relief“ für das Haus Brown in Zattere den ersten Preis, bekam gute Presse und ahnte dennoch, dass er es als Bildhauer schwer haben würde. Als Gelegenheitsarbeiter versuchte er sein Glück in Grandisca sull'Isonzo, Santa Croce sul Carso, später in Budapest, Debrecin und Ljubljana.

 

Valentino Casal in Berlin

 

Im Frühjahr 1891 zog es Valentino Casal zur Internationalen Kunstausstellung nach Berlin. In den Ausstellungshallen zwischen Invalidenstraße und Alt Moabit betrachtete er die Arbeiten der berühmten Bildhauer und suchte den Kontakt zu ihnen. Er wohnte mit Gastarbeitern in einem Zimmer in der Linienstraße, arbeitete als Skulpteur in den Ateliers der Bildhauer Max Kruse (1854-1942) und Walter Schott (1861-1938), der sich über eine einst in Carrara entstandene Skulptur ärgerte, die nun beschädigt war. Casal restaurierte sie und erntete viel Lob.

 

Am 27. Januar 1895 verkündete Kaiser Wilhelm II., dass im Tiergarten eine Siegesallee mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens geschaffen werden sollte. Auf 750 Metern sollten im Abstand von jeweils 36 Metern Denkmale aneinandergereiht werden. Für Akademiemitglied Reinhold Begas hatten aber die Berliner Bildhauer „von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben“.

 

Das war die Stunde von Casal. Er hatte den Umgang mit Marmor gelernt, konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrschte Konturieren und Ziselieren, und wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden. Dazu kam sein Talent zum Improvisieren und Organisieren. Er holte sich aus Venedig den Steinmetz Annibale Pedrocchi und eröffnete im Herbst 1895 eine Werkstatt in der Charlottenburger Fasanenstraße.

 

 

 

Nachdem der Bildhauer Max Unger 1896 den Auftrag für die „Gruppe 2, Markgraf Otto I.“ der Siegesallee erhalten hatte, beauftragte er Casal mit der Umsetzung seines Gipsentwurfs in Marmor. Die Ausführung in Stein erfolgte damals in Italien. Kurze Zeit später kamen die Aufträge von Joseph Uphues, Johannes Boese und Max Baumbach. Casal zog 1897 in ein neues Atelier in die Charlottenburger Leibnizstraße Nr. 34. 1897 übernimmt das „Atelier V. Casal“ die Aufträge von Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer, und Gustav Eberlein, 1898 von Johannes Götz und Joseph Uphues, 1899 von Gustav Eberlein und Reinhold Begas. Um die Arbeiten zu erledigen, kauft er im Januar 1899 ein großes Grundstück in Friedenau für ein Haus für seine Familie und eine Reihe von Ateliers.

 

Am 24. Januar 1899 hat der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ von einem „Terrain-Ankauf“ erfahren: „Der Bau zweier großer Bildhauer-Ateliers ist in Friedenau projektirt. Herr Noack aus Deutsch-Wilmersdorf errichtet zwischen Fehler- und Varziner Straße ein Atelier. Herr Bildhauer Casal wird in der Wilhelmstraße an der Ecke der Kaiserallee ein größeres Atelier erbauen, zu welchem die Bauzeichnungen bereits eingereicht sind. Es wird vermutet, dass der berühmte Bildhauer sein Atelier nach Friedenau zu verlegen beabsichtigt. Friedenau würde dann Gelegenheit haben, öfter den Kaiser zu sehen, der bekanntlich die Ateliers der betreffenden Bildhauer gern besucht.“

 

In Berlin hatte der Italiener inzwischen die Ostpreußin Ida-Eva geborene Sucht kennengelernt. Die Liebe seines Lebens war am 2. März 1872 in Tilsit geboren worden. Im Mai 1893 wurde geheiratet. Nach dem Umzug von der Wohnung in der Pfalzburger Straße Nr. 84, in der seine Töchter Eva (1894) und Eugenie (1896) geboren wurden, erfolgte der Einzug in das vom Friedenauer Architekten Haustein erbaute Haus Wilhelmstraße Nr. 7 (heute Görresstraße). Dort kam endlich am 4. Oktober 1900 der ersehnte Stammhalter Pietro zur Welt.

 

Anmerkung

Am 18. Januar 2019 erreichte uns eine E-Mail, in der uns Herr Reinhard Sucht aus Linnich mitteilte, dass er „innerhalb meiner Familienforschung Ihre Webseite gefunden habe. Der Vater von Ida Eva Casal war Johann Friedrich Sucht geb. 1821 und hatte einen Bruder namens Otto. Dies ist mein Ururgroßvater. In der Folgezeit „versorgte“ uns Herr Sucht mit einigen uns bisher unbekannten Dokumenten zu den Familien Sucht und Casal und gestattete die Veröffentlichung auf dieser Webseite. Wir bedanken uns für das nachfolgend veröffentlichte Material.

 

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Der Bildhauerhof

 

Im Jahr 1897 existierte die unnummerierte Wilhelmstraße mit den Grundstücksbezeichnungen „Pählchen’sches Haus“, „Pötter’sches Haus“, „Zimmerplatz Eigentümer Architekt O. Haustein“ sowie „Baustellen Baugesellschaft Bellevue“. Am 24. Januar 1899 meldete der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“, dass „der Bildhauer Herr Valentin Casal eine 123 Quadratruten große Parzelle von dem in der Wilhelmstraße gegenüber dem Hausteinschen Grundstück liegenden Baulande gekauft hat. Herr Casal hat bekanntlich den Auftrag, mehrere Denkmäler für die Siegesallee auszuführen. Es wird vermutet, dass der berühmte Bildhauer sein Atelier nach Friedenau zu verlegen beabsichtigt. Friedenau würde dann Gelegenheit haben, öfter den Kaiser, der bekanntlich die Ateliers der betreffenden Bildhauer gern besucht, in seinen Weichbildgrenzen zu sehen. Der Kaufpreis des Bodens hat 280 M für die Rute betragen“.

 

Am 16. März 1899 genehmigte die Gemeindevertretung zugleich den „Bau zweier großer Bildhauer-Ateliers“: Entsprechend dem Ortsstatut vom 27. März 1878 „die Baugesuche von Hermann Noack (Bildgießerei) an der Fehlerstraße und Valentino Casal an der Wilhelmstraße unter den Bedingungen, dass die Bauherren sich verpflichten: a) der Gemeinde die anteiligen Kosten 1. für die noch nicht erfolgte definitive Pflasterung der genannten Straßen, 2. für die Anlage eines Entwässerungskanals nach dem Einheitssatze von 30 M für den lfd. m Grundstücksfront zu dem Zeitpunkte zu erstatten, wenn die Pflasterung und Kanalisierung der genannten Straßen erfolgt; b) den Bürgersteig vor ihren Grundstücken in voller Breite zu pflastern, in der Mitte mit einer 1 m breiten Granitplattenbahn zu versehen und gegen den Straßendamm mit Granitbordschwellen abzugrenzen; c) die Belastung zu a durch Kautionsleistung sicher zu stellen oder in das Grundbuch eintragen zu lassen“.

 

Das Wohnhaus für die Familie Casal an der Wilhelmstraße (ab 1901 Nr. 7) wurde nach Entwürfen des Architekten Oskar Haustein gebaut, dessen Büro sich nebenan am Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 2 befand. Dahinter entstand auf dem weit in die Tiefe reichenden Grundstück ein Bildhauerhof mit mehreren Ateliers und Schuppen.

 

1905 erwarb der Bildhauer Johannes Götz nebenan ein gleichgroßes Anwesen (später Wilhelmstraße Nr. 6). Nachdem der Bauunternehmer Georg Haberland (1861-1933) mit seiner „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ große Teile des noch unbebauten Areals südwestlich der Kaiserallee erworben hatte und den Bau vierstöckiger Mietshäuser durchsetzte, änderte die Gemeinde Friedenau für eine weitere Verdichtung (offensichtlich ohne exakte Absprachen mit den Eigentümern) den Bebauungsplan. Es entstand als Straße 12 die Verbindungsstraße zwischen Kaiserallee und Mainauer Straße, die 1910 Bachstraße genannt wurde.

 

Nicht bedacht wurde, dass das Casalsche Grundstück mit Atelierbau und Schuppen bis in die Mitte der Bachestraße reichte. Am 27. Dezember 1909 ließ der Friedenauer Amtsvorsteher mittteilen, dass „infolge Bebauung eines Teiles der Straße 12 eine Umnummerierung derselben erfolgt“ und die u. a. die Grundstücke folgende Nummern erhalten: „Casal, Valentin, Bildhauer hier, bisher ohne Nummer, neu Nr. 10, Götz, Johannes, Professor, hier, bisher ohne Nummer, neu Nr. 11“.

 

Auf dem Foto von 1910 wird die Situation deutlich: Gebaut waren die vierstöckigen Häuser Nr. 1-13. Auf dem Grundstück Bachestraße Nr. 10 stand ein Flachbau, an dessen Außenwand in Versalien der Schriftzug ATELIER V. CASAL prangte. In den Verzeichnissen der Straßen mit sämtlichen Häusern und Bauplätzen nebst Angabe der Eigentümer heißt es für Wilhelmstraße Nr. 7 von 1911 bis 1917 „Eigentümer Casal, V., Bildhauer sowie für „Bachestraße Nr. 10 gehört zu Wilhelmstraße Nr. 7“. Ab 1918 heißt es dann für „Wilhelmstraße Nr. 7 und Bachestraße Nr. 10 Eigentümer Gemeinde Friedenau“.

 

Am 18. Juni 1908 stellt die Gemeindevertretung fest, dass „von den auf dem Casalschen Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7 befindlichen Atelier- und Werkstatträumen ein Teil derselben in die zukünftige Straße 12 soweit hineinragt, dass der Fuhrwerkverkehr auf derselben behindert werden würde, wenn dieselben bestehen blieben. Es wird daher deren Beseitigung erforderlich werden. Da Herr Casal diese Räume jedoch für seine Bildhauerwerkstatt nicht entbehren kann, wird der Wiederaufbau derselben an anderer Stelle des Grundstücks notwendig werden“.

 

Aktenkundig wurde auch, dass „Herr Casal seinerzeit seinen Widerspruch gegen die Fluchtlinien der Straße 12 nur unter der Bedingung hat fallen lassen, dass die durch die Veränderung entstehenden Kosten von ca. 4000 M nicht ihm zur Last fallen. Dieselben werden daher von den Anliegern der Straße 12 gemeinschaftlich zu tragen sein. Der Bauausschuss empfiehlt der Gemeindevertretung die Regulierung der Straße 12 unter der Bedingung, dass die Hauptanlieger die für die Regulierung der Straße und die bauliche Veränderung auf dem Casalschen Grundstücke entstehenden Kosten übernehmen und solange verauslagen, bis die entsprechenden Beträge bei einer Bebauung derselben fällig werden“.

 

Am 9. Juli 1909 vertrat Gemeindebaurat Hans Altmann die Ansicht, dass „nunmehr alle an der Straße 12 liegenden Grundstücke, außer dem Casalschen Grundstück bebaut werden sollen. Die Straße kann dann auch, ohne das Casalsche Grundstück zu berücksichtigen, reguliert werden. Man hofft, vielleicht auf diese Weise Herrn Casal zu veranlassen, dass er seinen Widerstand aufgibt und den Abriss seines in die Straße 12 hineinreichenden Ateliers veranlasst. Bürgermeister Schnackenburg möchte allerdings „nicht aufkommen lassen, dass Herr Casal der Gemeinde durchaus Widerstand leisten will, sondern dass Herr Casal die Absicht hat, dort wohnen zu bleiben und hierfür auch noch verschiedene Anordnungen getroffen hat. Man könne ja, da der Bebauungsplan der Straße 12 genehmigt ist, Herrn Casal zwingen, den nach der Straße gehörigen Teil des Grundstücks abzureißen. Doch dies verursache erhebliche Entschädigungskosten, die die Anlieger zu zahlen hätten; dieses könne man vermeiden.

 

Casal fühlte sich im Recht und unterbreitete Gegenvorschläge: Er will „mit seinem Grundstück bis zur Vorgartengrenze zurücktreten, verlangt aber, dass ihm die Gemeinde dann nach der Wilhelmstraße zu einem neuen Schuppen errichtet. Die Kosten hierfür würden etwa 10000 M betragen. Ferner beansprucht er die Freistellung von jeglichen Anliegerbeiträgen, was ebenfalls einen Betrag von 2700 M ergeben dürfte. Auch die Kanalisations- und gerichtlichen Kosten müsse die Gemeinde tragen, so dass 12-14000 M Kosten der Gemeinde erwachsen würden. Außerdem stellt Herr Casal aber noch die Bedingung, dass der Streifen, den er abtrete, ihn als bebauungsfähige Fläche angerechnet werde“. Die Vorschläge wurden einstimmig abgelehnt.

 

Schließlich kommt die Gemeindevertretung zu der Ansicht, dass „der Engpass nicht so schlimm sei, es ist Raum genug vorhanden für die Feuerwehr und der Verkehr werde auch sonst nicht behindert. Wenn sich die Nachbarn über das unschöne Aussehen beschweren. So mögen sie doch die Kosten der Beseitigung tragen.

 

Noch vor dem Weltkrieg wird der Ton rauer, selbst Enteignung wird vorgeschlagen. Am 27. August 1916 erklärt Italien dem Deutschen Reich den Krieg. Die deutschen Banken werden angehalten, „jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten und jede Zahlung hintan“ zu stellen. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ titelt am 22. September 1916 „Der ‚feindliche‘ Vorsprung in der Bachestraße“ und fordert die Gemeinde auf, „das dem italienischen Staatsangehörigen Casal gehörige, in die Bachestraße vorspringende und diese ganze Straße verunzierende und verunglimpfende Grundstück zum Besten der Allgemeinheit zu enteignen“.

 

Am 16. August 1917 handelt der Gemeindevorstand: „Zwecks Entgegennahme der Auflassung des von der Gemeinde käuflich erworbenen Casalschen Grundstücks, hier, Wilhelmstraße 7, ersuchen wir die Gemeindevertretung um folgende Beschlussfassung: Mit der Entgegennahme der Auflassung des dem Bildhauer Valentino Casal gehörigen, in der Wilhelmstr. 7 in Berlin-Friedenau gelegenen Grundstücks, im Grundbuche von Friedenau unter Band XVIII, Blatt 999, eingetragen, wird der Gemeindeobersekretär Borck bevollmächtigt.

 

Der Italiener Casal ist unerwünscht. Seine aus Ostpreußen stammende Ehefrau und die in Berlin geborenen Kinder dürfen im Haus Wilhelmstraße Nr. 7 bleiben. Das Grundstück ist 1917 in den Besitz der Gemeinde Friedenau übergegangen. Casal geht vorerst in die Schweiz.

 

Nach dem Waffenstillstand kommt er 1918 nach Friedenau zurück und beginnt den Kampf um sein Eigentum. Nach dem Vertrag von Versailles ist der deutsch-italienische Schiedsgerichtshof in Rom zuständig. Obwohl sich für Casal frühzeitig ein positiver Bescheid abzeichnet, geht das Anwesen Wilhelmstraße/Bachestraße 1921 an die „Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg“. Am 22. März 1922 werden die auf die Bachestraße ragenden Bauteile entfernt. 1925 geht das Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg). Am 18. Juni 1934 erklärt sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem Grundstück werden im Jahr 1935 ausgeführt.

Atelier V. Casal in der Bachestraße, nach 1920

Atelier V. Casal

 

Casal war der zweite Grundstückseigentümer in der Wilhelmstraße überhaupt. Von diesem Zeitpunkt an sind unter Wilhelmstraße Nr. 7 als Mieter von Ateliers die Bildhauer Paul G. Hüttig und Wilhelm Haverkamp vermerkt.

 

Casals Lage ist stabil. Mit der Arbeit hat er Glück. Die Einnahmen fließen kontinuierlich. Mit den marmornen Denkmälern wird Casal so bekannt, dass Staat und Privatpersonen weitere Aufträge erteilen. In seinen 1937 verfassten Memoiren schreibt er: „In einigen Jahren war es mir gelungen, einen bemerkenswerten Besitz zu erarbeiten. In Friedenau besaß ich ein Grundstück mit Gebäuden ohne Schulden im Wert von 125.000 Mark, zuzüglich 55.000 Mark stabile Vermögenswerte, die durch Gold abgesichert waren. Ich hatte ein gut ausgestattetes Atelier mit einem reichhaltigen Lager an Marmor in einem Gesamtwert von 45.000 Mark. Ich hatte keine Schulden.“

 

 

Bis zum Jahr 1901 fertigte Casal mit seinen aus Italien herbeigeholten Skulpteuren zwischen Wilhelm- und Bachestraße elf von insgesamt 32 monumentalen marmornen Denkmalgruppen mit Figuren bis zu 3,50 m Höhe für die Siegesallee im Tiergarten. So kam es, dass sich die bedeutendsten Bildhauer dort die Klinke in die Hand gaben: Max Unger (1854-1918), Joseph Upheus (1850-1911), Johannes Boese (1856-1917), Max Baumbach (1859-1915), Emil Graf Görtz zu Schlitz (1851-1914), Ludwig Cauer (1866-1947), Ludwig Manzel (1858-1936), Johannes Goetz (1865-1934), Gustav Eberlein (1847-1926) und Reinhold Begas (1831-1911). Und so kam es auch, dass sich Kaiser Wilhelm II. nebst Ehefrau Auguste Viktoria immer wieder hierher begaben, um den Weg vom Gipsentwurf zur Marmorskulptur zu erleben. Für den Kaiser wurde Friedenau zu Klein Carrara.

 

Die Gegend war im Gespräch. 1903 erwarb Ludwig Manzel das Grundstück Wilhelmstraße Nr. 9, 1904 folgte Johannes Götz mit seiner Villa Nr. 6. In ihrem Gefolge wartete eine Heerschar von Bildhauern mit einer (zeitweisen) Adresse Wilhelmstraße auf: Franz Rosse (1858-1900), P. Heift, O. Wesche, Johannes Hoffart (1851-1921), Franz Metzner (1870-1919), Edmond Gomansky (1854-1930), Paul Hubrich (1869-1948), Eberhard Encke (1881-1936), Heinrich Mißfeldt (1872-1945), Ludwig Isenbeck (1882-1958), Georges Morin (1874-1950) und Wilhelm Haverkamp (1864-1929).

 

In Friedenau wurden Denkmale nach den Gipsmodellen diverser Bildhauer am laufenden Band produziert: Schiller, Wagner, Lortzing, Liszt, Wilhelm I., Kaiserin Augusta, Großherzogin Alexandrine von Schwerin, Großherzog von Baden und Friedrich II. für Berlin, Wiesbaden, Potsdam, Kufstein, Mannheim und Magdeburg. Im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. entstand nach einem Entwurf von Gustav Eberlein im Casalschen Atelier als Geschenk an die Stadt Rom das Goethe-Denkmal für die Viale Goethe in der Villa Borghese. Das Werk aus Marmor wurde am 5. August 1904 von König Viktor Emanuel III. enthüllt – Valentino Casal wurde mit dem Ritterorden der Krone von Italien Cavaliere dell’Ordine della Corona d’Italia bedacht. Die Friedenauer kamen auch an die Reihe – mit Grabmalen, voran der Apotheker Albert Hirt (1905) und 1908 die Skulptur für das Grab von  Fabrikbesitzer Wilhelm Samuel Prowe auf dem Friedhof Stubenrauchstraße.

 

Familie Casal

Unerwünscht

 

Es kam der Erste Weltkrieg. Nachdem Italien am 4. Mai 1915 den Dreibund zwischen dem deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn gekündigt hatte, verließen viele Italiener Berlin. Casal, obwohl mit einer Deutschen verheiratet, hatte Angst: Come straniero temevo di venir internato in una Konzentrationslager, come si faceva in quel tempo dei francesi e degli inglesi. Am 7. Mai 1915 war er in Zürich. Im Juli hatte er ein Haus am Zürichsee gefunden und mit einem Freund ein Exportbüro für Lebensmittel, Tierfutter und Grassamen eröffnet. Da die Familie partout nicht in die Schweiz wollte, beantragte er die Wiedereinreise.

 

Am 28. August 1916 erklärte Italien Deutschland den Krieg. Nun war er unerwünscht. Die Reichsregierung hatte die deutschen Banken angewiesen, jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten und jede Zahlung, die ihm etwa geschuldet sein sollte, hintanhalten sollten, sowie die Unterbrechung der Zahlung der Renten an italienische Arbeiter. Umgekehrt verfuhr das Königreich Italien ebenso. Für Casal brach eine Welt zusammen. 15 Jahre hatte er für das Kaiserreich von Wilhelm II. Denkmale geschaffen. Nun war das Eigentum des Italieners beschlagnahmt. 1917 ist es in den Besitz der Gemeinde Friedenau übergegangen. Frau und Kinder durften im Haus Wilhelmstraße Nr. 7 bleiben. Die Schweiz lehnte seine Einbürgerung ab. Das Kloster Einsiedeln, dem er anbot, die Kunstwerke ohne Lohn, nur für Unterkunft und Verpflegung, zu restaurieren, verweigerte die christliche Nächstenhilfe. Als Casal sich 1917 an der XIII. Schweizerischen Kunstausstellung in Zürich mit seiner Skulptur „Mädchen mit dem Spiegel“ beteiligen wollte, war die Arbeit in München beschlagnahmt.

 

Unmittelbar nach dem Waffenstillstand 1918 fuhr er zur Familie nach Friedenau. Nun begann der Kampf um sein Eigentum. Mit der Weimarer Republik änderte sich erst einmal nichts. 1921 gingen seine Anwesen Bachestraße Nr. 10 und Wilhelmstraße Nr. 7 an die „Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg“. Bereits am 22. März 1922 waren die auf die Bachestraße ragenden Bauteile entfernt. 1925 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg) über.

 

 

Nach dem Vertrag von Versailles war für Streitfragen, die sich für Rechte und Interessen von Privatpersonen im Zusammenhang mit dem Krieg ergaben, die Geschäftsstelle des deutsch-italienischen Schiedsgerichtshofs in Rom zuständig. Nach einem Treffen mit Regierungsrat Benno Mergenthaler, den vom Auswärtigen Amt delegierten römischen Statthalter der Weimarer Republik, kam das Verfahren offensichtlich im Dezember 1925 zum Abschluss. Bis zur Vollstreckung reduzierten sich allerdings Casals Ansprüche in Folge der Inflation: „Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“

 

Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem städtischen Grundstück wurden im Jahr 1935 ausgeführt.

 

Das Haus der Familie Casal in Heidelberg Scheffelstraße 1, 1932. Archiv Casal-Schmiedeberg

In Heidelberg

 

Nach dem Weltkrieg fanden Frau und Kinder in Heidelberg eine neue Heimat. Casal brauchte Zeit. Er reiste viel: Salzburg, Triest, Forno di Zoldo, Venedig. In Lugano entstand ein Grabdenkmal für die Familie Monti (1919), in Brescia ein Denkmal für die Gefallenen (1921), an der Königlichen Porzellanfabrik im oberfränkischen Tettau modellierte er Porzellanfiguren. Im Januar 1926 wurde er zum Professor h.c. für Bildhauerei an der Università degli Studi di Padova ernannt. Casal war ein Familienmensch. Er konnte nicht isoliert und allein leben. Er beschloss, nach Heidelberg zurückzukehren. Dies geschah am 22. Dezember 1927. Tochter Eugenie war am Theater Heidelberg als Sängerin engagiert, Sohn Peter studierte Chemie in Darmstadt und Gattin Ida Eva suchte nach einer Aufgabe. Nachdem das Reichsausgleichsamt seine Entschädigung überwiesen hatte, kaufte Casal im Jahr 1929 die Villa in der Scheffelstraße Nr. 1, in der seine Frau das Töchter-Pensionat Casal gründete. Er legte sich in der Oberen Neckarstraße Nr. 29 ein Atelier zu. Dort entstanden Statuen und Reliefs in Gips, Terracotta, Marmor, Bronze. In Heidelberg sind sie beide gestorben, Ida-Eva Casal am 24. August 1948, Valentino Casal am 8. Juni 1951. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner eigenen Kunst auch einen Namen hinterlassen haben würde, wenn es nicht 1914 den schrecklichen Weltkrieg gegeben hätte.

Valentino Casal, Die Quelle, 1910

Memoiren von Valentino Casal

 

Im Juni 1937 schrieb Valentino Casal (1867-1951) „für seine Lieben“ in Heidelberg seine Erinnerungen. Am 8. Juni 1951 ist er im Alter von 84 Jahren in Heidelberg gestorben. Auf der nachfolgenden PDF veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Familie Casal-Schmiedeberg neben seiner selbstgefertigten Werkliste auch eine leicht gekürzte Fassung seiner ursprünglich in Italienisch verfassten Memoiren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Memoiren von Valentino Casal, 1937

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Werkliste von Valentino Casal, 1937

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Vom „berühmten Bildhauer“ und „unserem Bürger von Friedenau“ zum „italienischen Staatsangehörigen“ Valentino Casal. Aus dem „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ zwischen 1899 und 1917

 

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