Görresstraße Nr. 21-23

vorher Wilhelmstraße Nr. 15

Fuhrhof Hermann Pählchen

 

In Anbetracht dessen, dass sich die "Bauwert AG" als derzeitige Eigentümerin wohl kaum mit dem zum Denkmal erhobenen Grundstück abfinden und das Land Berlin mit kostenintensiven Klagen behelligen wird, hielten wir es für erforderlich, die am 13. 05.2019 vom Landesdenkmalamt veröffentlichte lückenhafte „Fortschreibung der Denkmalliste Berlin“ zum Grundstück Görresstraße 21/23 um einige Anmerkungen zu ergänzen. Wir haben daher in das übermittelte Dokument unsere Zusätze (gelb) hinzugefügt. Die Zitate wurden kursiv gesetzt.

 

Die Wilhelmstraße taucht im Friedenauer Adressbuch erstmals im Jahr 1894 mit dem Eintrag Pählchen’sches Haus auf. Eigentümer des Grundstücks war der Bauunternehmer Hermann Pählchen (1861-1895). Seit 1890 wohnte die Familie mit Ehefrau Johanna sowie den Söhnen Max (1886-1915) und Ernst (1890-1918) im Haus Rheinstraße Nr. 52. Der gelernte Maurer Hermann Pählchen hatte in den neuen Vororten Friedenau und Groß-Lichterfelde innerhalb weniger Jahre eines der größten Baugeschäfte geschaffen. Mehrfach war er für Entwurf und als Bauherr verantwortlich. Erhalten sind von ihm unter anderem die zwischen 1891 und 1894 entstandenen (denkmalgeschützten) Mietswohnhäuser Rheinstraße Nr. 17 bis Nr. 19 sowie das dreigeschossige Mietswohnhaus Perelsplatz Nr. 17. Pählchen war Gemeindeverordneter und bestimmte neben Georg Roenneberg, Adolf Fehler, Friedrich Bache und Johannes Homuth wesentlich Werden und Gestaltung von Friedenau.

 

Der Fuhrhof (Görresstraße 23):

 

Zunächst begann Hermann Pählchen 1892 seinen Firmensitz in der Wilhelmstraße (damals ohne Hausnummer, ab 1900 Nr. 15, später Golzheimer Straße 23, Aufbaustraße 23, heute Görresstraße 23). An der rechten und rückwärtigen Grundstücksgrenze entstand ein Fuhrunternehmen mit kappengewölbten Pferdeställen und Futterboden im Seitenflügel, im anschließenden Quergebäude Wagenremise, Geschirrkammer, darüber im OG zwei Kutscherwohnungen. Das Comptoir mit zwei angegliederten Stuben war straßenseitig im eingeschossigen Ende des Seitenflügels. Der Bauplan trägt den Stempel des bekannten Architekten James Ruhemann (19 Einträge in Berliner Denkmalliste), der auch die statische Berechnung dazu vorlegte. Die Baugenehmigung wurde am 30.12.1892 nach der Bauordnung vom 24.6.1887 erteilt. Am 10.3.1893 sind die Gebäude bereits in Benutzung. Am 4. Juli 1893 schließt die Fuhrunternehmerin Frau Pählchen einen Vertrag zur Ausführung der Müllabfuhr mit dem Friedenauer Haus- und Grundbesitzerverein ab.

 

Für die Bedeutung der Wilhelmstraße als Klein Carrara in Friedenau ist es nicht unwichtig, auf den zweiten Grundstückseigentümer hinzuweisen. 1899 gab es das Casal’sche Haus (später Wilhelmstraße Nr. 7, heute Görresstraße Nr. 16), auf dem der Italiener Valentino Casal bis hin in die später angelegten Bachestraße Wohnhaus und Bildhauerhof „Atelier V. Casal“ errichten ließ. Ihm folgten 1903 mit Landhäusern und Ateliers der Bildhauer Ludwig Manzel (1858-1936) mit dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 9 (heute Görresstraße Nr. 20) und 1905 der Bildhauer Johannes Götz (1865-1934) mit Wilhelmstraße Nr. 6 (heute Görresstraße Nr. 12).

 

Mit Schreiben vom 2. Februar 1895 teilte Hermann Pählchen der Gemeindeverwaltung Friedenau mit, dass das Fuhrunternehmen inzwischen auf seine Frau übergegangen“ sei, und daher den Gemeindevorstand bittet, den mit ihm abgeschlossenen Vertrag für die Müllabfuhr auf seine Frau zu überschreiben. Die Gemeindeverordneten sprachen sich sämtlich gegen die Übertragung des Vertrages aus, weil es Ehrensache der Gemeinde sei, derartige Schiebungen nicht mitzumachen.

 

Wenige Monate später hatte sich die Angelegenheit erledigt, da der frühere Gemeindevertreter, Herr Bauunternehmer Hermann Pählchen, am Sonnabend, 20. Juli 1895 gegen 7 Uhr abends im Alter von 34 Jahren an einem Lungenleiden verstorben ist.

 

Der im Friedenauer Lokal-Anzeiger veröffentlichte Nachruf beleuchtet die Situation: Der Rückgang im Baugewerbe (Mitte der 1890er Jahre) sowie die Übernahme einer zu großen Zahl von Bauten haben den Rückgang seines Geschäfts als Bauunternehmer veranlasst. Im Allgemeinen ist dem Verstorbenen nachzurühmen, dass er ein fleißiger und tätiger Mann war, der stets bereit war, für gemeinnützige und wohltätige Zwecke mit einzutreten, wie er zum Beispiel auch für unsere Kirche „Zum Guten Hirten“ zwei kunstvolle Altarfenster gestiftet hat.

 

Witwe Johanna Pählchen mit ihren minderjährigen Söhnen Max und Ernst musste handeln. Sie konzentrierte sich auf den übernommenen Vertrag mit dem Haus- und Grundbesitzerverein Friedenau für die Müllabfuhr, empfahl in Anzeigen „den sehr geehrten Herrschaften Müllabfuhrgeschäft und Arbeitsfuhrwerk zu soliden Preisen in der Wilhelmstraße Nr. 7“ und startete am 25. September 1895 die erste Zwangsversteigerung: Morgen, Donnerstag 10 ½ Uhr gelangen folgende Grundstücke des verstorbenen Bauunternehmers Hermann Pählchen zur Versteigerung und zwar: Die im Grundbuche von Friedenau, Band 1, Blatt Nr.166, und Band 43, Blatt Nr.1300 von Deutsch-Wilmersdorf eingetragene, zu Friedenau, Saarstraße 1 und Illstraßen-Ecke, bzw. zu Deutsch-Wilmersdorf, Bernhardstraße 1, Ecke Ringbahnstraße, belegenen Grundstücke. Flächenraum 11,29 Ar. Nutzungswert zur Gebäudesteuer 9800 M., bzw. 7,87 Ar und 8800 M. Nutzungswert zur Gebäudesteuer. Drei Tage später war das Grundstück Saarstraße 1 und Illstraßen-Ecke in den Besitz des Schneidermeisters Wolff übergegangen.

 

Johanna Pählchen blieb Eigentümerin des Grundstücks Wilhelmstraße Nr. 15, gab das Wohnhaus Rheinstraße Nr. 23 auf, zog mit den Söhnen in die Wilhelmstraße und betrieb dort das Fuhrgeschäft.

 

Am 4.1.1910 reicht Max Pählchen, vermutlich Sohn des um 1895 verstorbenen H. Pählchen, eine „Nachtragszeichnung“ zum Bauschein von 1892 ein. Rot schraffiert, als Veränderungen zum genehmigten Bauplan von 1892, sind ein Treppenvorbau zum Futterboden des rechten Seitenflügels und die Verlängerung des Quergebäudes bis an die linke Nachbargrenze. Anlass war keine Neubauabsicht, sondern Streitigkeiten mit dem Nachbarn um die Zulässigkeit der Stallnutzung des mit seinem Mietshaus in direktem Kontakt stehenden Seitenflügels. Nach Angabe von Pählchen war der 1910 dargestellte Bestand bereits seit Anbeginn so ausgeführt gewesen, bzw. bereits 1895 (Treppenvorbau) und 1902 (Umnutzung des Comptoirs als Stall) entstanden (Schriftverkehr Bauakte).

 

Tatsächlich ist im Lageplan zum Neubau des Landhauses von 1893 und analog im Lageplan von 1900 zum Atelier das Quergebäude bis an die Grenze des Landhausgrundstücks reichend gezeichnet. Weil gemäß Bauordnung 1887 ein Bauwich von 2,50 m zur Nachbargrenze vorgeschrieben war, wurde für die Verlängerung ein Dispens erforderlich. Nicht genehmigt wurde die Stallnutzung im ehemaligen Comptoir.

 

Der Vergleich der Pläne 1892 und 1910 zeigt eine Nutzungsverdichtung auf Kosten der Nebenräume. Die Verlängerung des Quergebäudes wird zu einer zusätzlichen EG-Wohnung und zur Vergrößerung der linken OG-Wohnung genutzt. Die Stallnutzung des Seitenflügels wird bis unter das Quergebäude ausgedehnt in die ehemalige Geschirrkammer und bis in das straßenseitige Ende des Seitenflügels, das nur noch einen kleinen Kontorraum direkt am Eingang besitzt. Der Vergrößerung des Stalls folgt die Verlängerung des Futterbodens bis zur Straße. Die Straßenfront ist zum Vorgarten ansprechend als Backsteinfassade mit Ziergiebel gestaltet.

 

Die Verdichtung wurde zum einen durch den Einzug Frau Pählchens notwendig, zum anderen wuchsen dem Abfuhrunternehmen durch die zunehmenden Einwohnerzahlen immer größere Aufgaben zu. Der Fuhrhof in der Wilhelmstraße war die Müllabfuhr Friedenaus von 1893-1904/1910. Seit 1907 bis 1910 wurde die Müllabfuhr auf dem Grundstück von dem Fuhrherrn Theodor Zimmermann betrieben.

 

Der Beginn der Umbauung des Grundstücks ab ca. 1904 mit Mietshäusern in Blockrandbebauung löste eine Flut von Beschwerden gegen die benachbarte Müllabfuhr aus. Der Schriftverkehr dazu in den Bauakten umfasst den Zeitraum von 1905 bis 1910 mit ca. 180 Blatt. Darin sind detaillierte Beschreibungen der Ausstattung und des Betriebs des Fuhrhofs erhalten, die Material für die Erforschung der Müllabfuhr bieten.

 

Exkurs: Debatte über die Müllabfuhr (Friedenauer Lokal-Anzeiger):

 

10.7.1895: Vom Vorstande des Haus-und Grundbesitzervereins geht uns hinsichtlich der Müllabfuhr die Mitteilung zu, dass nach dem von der Gemeindeverwaltung mit der Frau Pählchen abgeschlossenen neuen Vertrage die Mitglieder des Haus-und Grundbesitzervereins berechtigt sind, die Abfuhr des Mülls von ihren Grundstücken gegen den im Vertrage festgesetzten Tarif (6 vom Tausend des Gebäudesteuernutzungswertes) zu verlangen. Ist dieser Tarif jedoch hin und wieder höher als die der Frau Pählchen bisher gezahlten Beträge, so ist es den Mitgliedern unbenommen, im Einverständnis mit Frau Pählchen mit dieser ein Privatabkommen über die Müllabfuhr zu treffen und besondere Sätze zu vereinbaren. In diesem Falle haben die-Mitglieder aber nur ein Privatrecht gegen Frau Pählchen in Bezug auf die Regelmäßigkeit der Abfuhr.

 

4.2.1899 Es wurde dann in eine Debatte über die Müllabfuhr eingetreten. Herr Bierhan berichtete, dass er eine Müllabfuhrstelle in Machnow gefunden habe. Der Besitzer verlange für das Abladen des Mülls 3000 M. Pacht jährlich. Er halte es für das Beste, wenn Friedenau in der bisherigen Weise das Abfahren durch Frau Pählchen besorgen lasse.

7.4.1899: Der Vertrag mit Frau Pählchen wurde in der vorgeschlagenen Fassung mit einigen Zusätzen in erster Lesung angenommen. Die Unternehmerin erhält für Abfuhr des Straßenkehrichts, des Mülls von den Gemeindegrundstücken und des Schnees von den Bürgersteigen 2300 M. für die Besprengung der Straße u 23 Pf. Pro Kubikmeter versprengtes Wasser, 1000 M. für die Bedienung der Kehrmaschine und 175 M. für die Gestellung der Feuerwehr-Gespanne. Außerdem verpflichtet sich die Unternehmerin, auch die Abfuhr des Schnees von den Straßen und Plätzen auf Anordnung des Gemeindevorstandes zu bewirken. Der Preis pro Fuhre (2 ½ 2Kubikmeter Mindestmaß) ist auf 1,25 M. festgesetzt.

 

13.1.1900 Eine längere Debatte bringt noch die Unregelmäßigkeit der Müllabfuhr. Es haben Klagen während des vor Weihnachten eingetretenen starken Frostes nicht nur in Friedenau, sondern auch in Berlin und allen Vororten stattgefunden. Das Abfuhrwesen der Frau Pählchen wurde vielfach jetzt als die prompteste hingestellt, während .Prompt als sehr unprompt bezeichnet wurde.

7.4.1900: Mit der Verlängerung des mit der Unternehmerin Frau Pählchen bestehenden Vertrages über die Abfuhr des Mülls, Straßenkehricht usw.: Auf ein weiteres Jahr erklärt sich die Vertretung unter den von der Wegekommission beschlossenen Bedingungen einstimmig einverstanden

 

28.9. 1901: Zuschriften. Eine vorzügliche Einrichtung der Hygiene ist von der Firma Pählchen am hiesigen Orte getroffen worden, das ist die „Staubfreie Müllabfuhr". Wenn man bedenkt, welche unangenehmen Folgen das Einladen des Hausmülls in die offenen Kastenwagen früher mit sich führten, mit dem Staub und Schmutz und den nichts weniger als unangenehmen Gerüchen, kann man sich freuen, wenn man von der staubfreien Müllabfuhr liest.

 

20.3.1906: Herr Schöffe Sadée berichtet, dass die Abfuhrgelder bedeutend gestiegen sind, Frau Pählchen verlangte jetzt statt der 2600 M. 7750 M. Es sind von verschiedenen Fuhrunternehmern Offerten eingeholt worden. Herr Hewald (Fuhrgeschäft Lauterstraße Nr. 34) hat den Mindestpreis von 12760 M. geboten, dem dann auch die Arbeiten übertragen wurden. Die Position Arbeitslöhne ist niedriger; im vorigen Jahre wurden 26100 M. gefordert, dieses Jahr nur 21525 M., da weniger Arbeiter nötig sind. Es besteht die Straßenkolonne jetzt aus 14 Mann und einen Straßenmeister, diese verminderte Arbeiterzahl ist durch Einführung des Autokarsystems erzielt worden. Durch dieses System werden Kehrichthaufen vollends vermieden.

 Herr Schöffe Lichtheim fragt an, was unter b) Park-und Rasenwärter zu verstehen sei, worauf Herr Schöffe Sadée bemerkt, dass dieses im Dienst der Gemeinde ergraute Arbeiter sind, die nicht mehr zur vollen Arbeitsleistung herangezogen werden und die nur als Hilfsarbeiter noch Verwendung finden könnten, sie erhalten pro Tag 3,30 Mark.

Herr Bürgermeister glaubt nicht, dass noch Abstreichungen möglich sind. Es ist zu berücksichtigen, dass sich die Verhältnisse jetzt viel geändert haben, bisher bildete die Kaiserallee die kommunale Grenze, jetzt hat sich aber hinter dieser alles so gut entwickelt, dass diese Straßen ebenfalls sorgsamster Pflege bedürfen.

 

21.5.1911: Zurücknahme eines Grundstücks: Das früher im Besitz der Frau Pählchen gewesene Grundstück Wilhelmstraße Nr. 15 musste von dieser wieder übernommen werden. Auf dem Grundstück befinden sich Stallgebäude; die Nachbarn klagten nun über den durch den Fuhrverkehr auf diesem Grundstücke verursachten Lärm und es stellte sich bei Prüfung der Sachlage heraus, dass die Stallanlage ohne vorherige Einreichung einer Bauzeichnung, also ohne Genehmigung errichtet wurde. Der neue Besitzer des Grundstückes, Fuhrherr Zimmermann, gab darauf das für ihn ohne Benutzung der Stallanlage wertlos gewordene Grundstück an die frühere Eigentümerin zurück. Bei dem auf diese Weise wiedereingetretenen Besitzwechsel verzichtete der Kreis Teltow auf die nochmalige Zahlung der Umsatzsteuer. Die Gemeinde leistete jedoch nicht Verzicht, sondern besteht auf Zahlung der Umsatzsteuer.

 

Ab 1910 war der Fuhrhof wieder im Besitz von Frau Pählchen, die mittlerweile (seit dem Verkauf an Zimmermann) ihr eigenes „Bau-Fuhrgeschäft“ in der Jahnstraße 17 (vor 1.3.1908 Kaiserallee 112) betrieb und den Fuhrhof in der Wilhelmstraße nun an den Kohlenhändler Friesecke verpachtete. Vom 29.2.1912 ist ein Foto des Fuhrhofes erhalten, das die Anwohner im Hof vor dem Quergebäude zeigt. Zu sehen ist die Fassade des Quergebäudes, darüber aufragend das um 1904 angebaute Quergebäude des Mietshauses Eschenstr. 3 und ein Teil des rechten Seitenflügels des Fuhrhofs.12 Frau Pählchen blieb Eigentümerin des Grundstücks bis 1922, ohne weitere bauliche Änderungen durchzuführen. Kohlenhändler dort sind bis 1925 nachweisbar.

 

Das Schicksal meinte es nicht gut mit der Familie Pählchen. Mit dem Tod des Bauunternehmers Hermann Pählchen 1895 waren die Baupläne für die vier erworbenen Grundstücke hinfällig geworden. 1896 gibt es nur noch die Wilhelmstraße Nr. 15 mit der Eigentümerin „Johanna Pählchen, Witwe, Abfuhrgeschäft und Wohnung Rheinstraße Nr. 23“. Ab 1897 sind dort als Mieter die Kutscher W. Rogalla und St. Tietz eingetragen.

 

Johanne Pählchen übernahm, was bis dahin an der rückwärtigen Grundstücksgrenze entstanden war, Wirtschaftsgebäude, Pferdeställe, Unterstände für die Kutschen, Wohnungen für das Personal. Sie konzentrierte sich offensichtlich nur noch auf das Fuhrunternehmen. Zu einer Wohnhausbebauung im vorderen Teil des Grundstücks kam es nicht mehr. Im Jahr 1908 übernahm Theodor Zimmermann das Fuhrgeschäft. Bis heute ist ein ziemlich winkliges Grundstück erhalten, das mit seinem Garagenhof und diversen Wohngebäuden die Vergangenheit nicht verleugnen kann und zu den ältesten Gebäudeteilen in der Görresstraße gehört.

 

Mehr kann über die Familie Pählchen nicht berichtet werden. So bleibt als Dokument (bisher) nur die Nachricht aus dem „Zentralblatt der Bauverwaltung“ von 1915: „Auf dem Felde der Ehre sind gefallen: „Max Pählchen, Studierender der Technischen Hochschule Berlin, Inhaber des Eisernen Kreuzes.“ Sein Tod ist in den „Verlustlisten Erster Weltkrieg“ dokumentiert. Auf Seite 24743 der Liste Preußen 1178 heißt es außerdem: „Pählchen, Ernst (Berlin-Friedenau)“. Auf dem Friedhof Stubenrauchstraße wurde ein Gräberfeld mit Kriegsgräbern des Ersten Weltkrieges geschaffen. Unter den Grabkreuzen befindet sich ein Stein mit der Inschrift: „Leutnant d. R. Max Pählchen, * 6.1.1886; † 16.7.1915“. Darunter ist eine (private) Erinnerungstafel angebracht: „Zum Gedächtnis meines lieben Sohnes und Bruders Ernst Pählchen, * 29.9.1890; † 29.5.1918“.“

 

Erst unter dem neuen Besitzer, dem Lebensmittel-Kaufmann Gottlieb Herrmann, wird die Anlage umgenutzt für ein anderes Gewerbe, eine Wäscherei mit Plätterei. Die baulichen Veränderungen sind wesentlich am Bestand orientiert, der an die neuen Lebensverhältnisse angepasst wird.

 

1924 wird ein kleiner Lagerkeller unter den vorderen Teil des gewölbten Pferdestalls eingebaut. 1926 richtet Herrmann im Quergebäude bequeme Wohnungen ein, indem er die innenliegende Treppe durch einen überdachten Treppenvorbau ersetzt, der unten massiv, oben aus Fachwerk ausgeführt ist. Der freigewordene Raum des entfernten Treppenhauses wird im EG zur Kammer, im OG werden Küche und Bad eingebaut und ein Flur, der die ehemals zwei Wohnungen zusammenschließt. Die Anlage eines zusätzlichen Zimmers im Futterboden des Seitenflügels erweitert die Wohnung auf vier Zimmer. Das neue Zimmer ist direkt durch das angrenzende Eckzimmer und zusätzlich durch einen freien Gang von außen erschlossen, der vom Treppenvorbau ausgehend zugleich als Balkon dient. Das Zimmer wird zunächst noch nicht ausgeführt. Die ehemaligen Nebenräume und der Stall im Erdgeschoss werden umgewidmet zu Lagerraum und zwei Garagen. Im straßenseitigen Ende des Seitenflügels wird ein Laden eingerichtet mit großem Schaufenster und Eingang zur Straße. Darauf geht die heutige Öffnung zur Straße zurück. Laden und anschließender Lagerraum sowie der daran anschließende Teil des kappengewölbten Stalls sollen als Plättraum und Wäscherei genutzt werden. Der Stall ist nach hinten zu nach der achten von insgesamt dreizehn Kappen durch eine Wand abgeschlossen, hinter der sich nun eine Garage befindet. Diese Raumteilung entspricht dem heutigen Zustand. Die Umbaumaßnahmen werden ergänzt durch neue Außenanlagen: einen geräumigen Garten im Hof an der linken Grenze. Ein Staketenzaun mit massiven Pfosten teilt den Hof längs, hinten vor dem Quergebäude abknickend und schmaler. Der übrige Hof erhält neues Pflaster.

 

1935 wird der weitere Ausbau der Futterböden zu Wohnräumen gestattet, wobei die Decken erhöht werden müssen. Im OG gibt es danach, über Quergebäude und hinteren Seitenflügel reichend, eine Fünfzimmerwohnung mit 2 Küchen, zwei Bädern, einer Mädchenkammer. Über dem straßenseitigen Teil des Seitenflügels ist eine getrennte Zweizimmerwohnung mit Küche, erschlossen durch eine

Innentreppe vom Hof aus. Dieser Bauzustand ist im Wesentlichen bis heute so erhalten geblieben.

 

Zuletzt wird 1939 von Gottlieb Herrmann noch eine Garage für drei Wagen gebaut am hinteren linken Grundstücksrand. Etwa an dieser Stelle waren auch 1892, 1910, 1925 bereits Holz- oder Kohleschuppen. Diese Garage ist inklusive Details hervorragend überliefert.

 

Letzte Maßnahmen wurden notwendig durch Kriegsschäden. Die Instandsetzung der Wohnungen im Dach wird am 1948 genehmigt. Die Wiederherstellung des Quergebäudes, dessen linkes Ende zerstört ist, wird als unwirtschaftlich abgelehnt. Erst 1949 wird auch das Quergebäude instandgesetzt, jedoch ohne die zerstörte linke Achse und befindet sich damit wieder in der 1892 genehmigten Grundform. Der Treppenvorbau mit Balkon von 1926 blieb erhalten. Im Wiederaufbau wurde lediglich der Antritt der Treppe statt wie zuvor frontal zur Fassade nun parallel dazu geführt.

 

Der Überlieferungszustand des Fuhrhofs entspricht zwar im Detail nicht mehr dem Foto von 1912, jedoch der winklige Baukörper, die zweigeschossigen Gebäude, die noch heute den Eindruck der ursprünglichen Nebengebäude spiegeln und der freie Hofraum wirken im heutigen Stadtbild wie aus der Zeit gefallen. Auch im Inneren finden sich eindrückliche Reste: der kappengewölbte Pferdestall mit der darin eingebauten Abortanlage haben in der Raumhülle überdauert. Fenster- und Türöffnungen gehen im Wesentlichen zurück auf die Zeit von 1926 und 1935. Originale Fenster wurden bisher nicht entdeckt, jedoch ein paar alte Türblätter.

 

Wissenschaftliche Bedeutung:

 

Die Müllentsorgung und ihre Architekturen standen bisher wenig im Fokus der architektur-, technik- oder sozialgeschichtlichen Forschung, obwohl der Anfall von Müll und dessen Beseitigung integraler Bestandteil menschlichen Siedelns ist. Die grundlegende Buchreihe „Berlin und seine Bauten“ (1877-2009) geht wenigstens 1896 im Abschnitt zum städtischen Straßenreinigungswesen auch auf die Müllabfuhr ein. Während die Straßenreinigung städtisch organisiert war und die Kehrichtabfuhr von der Stadt an einen Unternehmer vergeben wurde, war die Müllabfuhr Privatsache der Hauseigentümer, was zu Übelständen führte, die „das Straßenbild oft in arger Weise verunzieren“. Berlin stellte drei öffentliche Abladeplätze zur Verfügung, die sich aus der Abladegebühr decken sollten. Ein Versuch, Hausmüll nach englischem Vorbild durch Verbrennung zu vernichten, war damals gerade angelaufen. Die Polizeiverordnung zur staubfreien Abfuhr von Hausmüll vom 1.6.1895 sollte den Anstoß geben, die Situation mit dem privaten Hausmüll zu verbessern. Erst nach der Eingemeindung der Vororte zur Bildung von Großberlin ging die Müllabfuhr in der Mitte der 1920er Jahre in städtische Hand über. In Berlin sind derzeit nur zwei Gebäude der Müllbeseitigung denkmalgeschützt. Eine Müllverladestation von 1936 und die Hauptwerkstatt der Berliner Stadtreinigung von 1970-78.

 

Der Fuhrhof ist das bisher einzig bekannte bauliche Zeugnis der Müllabfuhr aus der Zeit, als sie noch in privater Hand in der Verwaltung der Haus- und Grundbesitzervereine lag. Er ist das bisher einzig bekannte erhaltene Bauwerk der Müllabfuhr aus dem 19. Jh. Reichhaltige Quellen, ausführliche Beschreibung in den Bauakten zu Betrieb und Ausstattung, verbunden mit dem erhaltenen Ort, machen eine weitergehende wissenschaftliche Untersuchung zum Desiderat.

 

Gewachsenes Interesse an dem Thema zeigt die Gründung des Berliner Vereins „Saubere Zeiten“ mit Sitz im Betriebshof der BSR Ringbahnstraße seit 2008. Hier wird seit 2014 das Museum zur Geschichte der Berliner Straßenreinigung und Müllabfuhr betrieben mit jährlich wechselnden Ausstellungen, das regelmäßig am Tag des offenen Denkmals beteiligt ist. Die Satzung nennt als Zweck unter anderem historisch korrekte Sicherung und Archivierung von Dokumenten aus der Geschichte der Straßenreinigung und Müllabfuhr in Berlin, ihrer Auswertung und der Veröffentlichung,

 

Das Landhaus (Görresstraße 21):

 

1893 entwarf und realisierte Hermann Pählchen auf dem links benachbarten Grundstück (ab 1900 Wilhelmstraße Nr. 16, heute Görresstraße Nr. 21) sein massives Wohnhaus als Landhaus, das „Pählchen‘sche Haus“, direkt an der Grundstücksgrenze zum Fuhrhof. Ein seitlich links zurückgesetztes Treppenhaus, ehemals bekrönt von einem Spitzturmaufsatz aus Fachwerk (nach Kriegsschaden abgebrochen), erschließt Souterrain, Beletage und Dachgeschoss. Die Mitte des Baukörpers ist durch ein Zwerchhaus über einem Standerker akzentuiert, der im Dach Raum für einen Balkon bietet. In der Beletage schließt rechts an den Erker ein Balkon an. Das Haus besitzt zwei Wohngeschosse in Souterrain und Hochparterre. Im Zwerchhaus sind nur zwei Zimmer ohne Nebenräume, nicht als eigene Wohnung nutzbar. Die Baugenehmigung für das im Januar eingereichte Projekt wurde am 19.5.1893 erteilt. Das Landhaus entspricht den Vorschriften der Bauordnung vom 5.12.1892 für die Vororte von Berlin, die für Friedenau landhausmäßige Bebauung vorschrieb. Es ist das jüngste der Landhäuser in Friedenau und das letzte erhaltene Beispiel von nur dreien, die in der Wilhelmstraße noch erbaut wurden, ehe sich nach der Jahrhundertwende dort die geschlossene Bauweise ausbreitete. Nach dem Tod von H. Pählchen, vermutlich 1895, verkauft Witwe Johanne Pählchen das Landhaus, vermutlich um 1896, und betreibt das Fuhrgeschäft auf dem Nachbargrundstück weiter.

 

Im Gegensatz zum vereinfachten Äußeren ist im Inneren die meiste Ausstattung erhalten (Beletage, Treppenhaus, Außen- und Innentüren der Wohnungen). Der ganze Baukörper mit dem Klinkersockel, den originalen klinkergerahmten Fensteröffnungen inklusive der Dachkonstruktion mit ihren Schmuckelementen ist erhalten.

 

Während der Nutzung durch Otto Wesche, der die Beletage bewohnte, wurde 1930 ein Fenster zur Einfahrt in der gartenseitigen Raumzone angelegt. Einige hochwertige Gestaltungen der Raumausstattung in der Beletage könnten auch auf seine Initiative zurückgehen.

 

Unter dem Eigentümer Paul Gielsdorf, Eigentümer eines renommierten Fliesengeschäfts, fanden kleinere bauliche Veränderungen statt. 1951 Abtragen der beschädigten Turmspitze des Treppenhauses. 1954-55 Bau einer Garage an der hinteren Grundstücksgrenze. Dadurch wurde die Tür des hinteren EG-Ateliers verstellt. 1958 Anlage von Balkonen hinten. Außerdem wurde damals die Straßenfassade und der vordere Teil der linken Fassade in beigegelbem Mittelmosaik 4x4 cm belegt. Im Zeitraum von etwa 2006-10 wurde durch den Architekt Johannes Finger, Berlin, Souterrain und Dach des Landhauses ausgebaut, wobei die erhaltene Originalsubstanz integriert wurde. Die gesamte Bausubstanz ist daher in sehr gutem Zustand.

 

 

Das Ateliergebäude:

 

Im Jahr 1900 verkauft Johanna Pählchen einen Teil des Grundstücks. Aus Nr. 15 werden Wilhelmstraße Nr. 15 (Fuhrhof) und Nr. 16 (Landhaus). Eigentümer wird der Bildhauer Karl Johann Otto Wesche, gebürtig in Mecklenburg, ausgebildet in Hamburg. Er war Mitinhaber der Firma Wesche & Ramcke Nachf., Bildhauerei, Stuckgeschäft, Kunststeinfabrik, Grabdenkmäler in Zwickau, Bosenstraße Nr. 9. Aus Zwickau ist bekannt, dass Wesche „den Engel am Westportal des Doms und 1894 ein Relief für das Familiengrab Wesche (Wandstelle Abt. II/50) für seine 1887 verstorbene erste Ehefrau Ernestine Emilie gefertigt hat. 1897 soll er im Alter von 57 Jahren aus Sachsen nach Berlin übergesiedelt sein, wo er zunächst in der Schillerstraße Nr. 47 in Charlottenburg wohnte und ein Atelier in der Brückenallee Nr. 31 in Tiergarten nutzte.

 

Wesche erwirbt das ehemals Pählchen‘sche Landhaus und kauft 1900 einen 6 m breiten Landstreifen hinzu als Einfahrt für ein von Architekt Otto Rehnig (1864-1925) entworfenes Ateliergebäude am hinteren linken Grundstücksrand. Zu dieser Zeit existiert bereits ein Ateliergebäude schräg gegenüber, Wilhelmstraße 7 (Görresstraße 16), zu dem der Bildhauer Valentin Casal am 20.3.1899 das Baugesuch eingereicht hatte. Wesche ist mit seinem Baugesuch vom 24.2.1900 der Zweite, der in der Straße ein Atelier bauen möchte. Es folgten weitere Bildhauerateliers mit Landhäusern in Wilhelmstraße 5-6 (Görresstraße 14) und Wilhelmstraße 9 (Görresstraße 20). Die Nähe zum 1881 am nördlichen Straßenende angelegten Friedhof könnte die Standortwahl der Bildhauer begünstigt haben.

 

Otto Wesche starb am 31. Dezember 1914 und wurde später im Zwickauer Erbbegräbnis beigesetzt. Nach seinem Tod ist ab 1916 als Eigentümerin von Wilhelmstraße Nr. 16 Witwe Henriette Wesche geb. Sommer eingetragen. Die zweite Ehefrau von Otto Wesche verstarb am 8. Juni 1929 in Berlin und wurde am 29. Juni 1929 als Urnenbestattung in Zwickau beigesetzt. Ab 1931 ist Fräulein M. Wesche als Eigentümerin eingetragen. Sie blieb es bis mindestens 1943, nach Umbenennung in Golzheimer Straße und neuer Nummerierung nun Nr. 21. Danach verliert sich die Spur.

 

Im EG sind zwei gut 6 m hohe Bildhauerateliers, im OG darüber zwei Malerateliers mit knapp 5 m Höhe. Die große Fensterfront ist exakt nach Norden ausgerichtet. Durch das geschickte Einfügen in das spitzwinklige hintere Grundstückseck um einen kleinen Hof ergibt sich ein reizvoller Grundriss mit geräumigem freizügigem Treppenhaus im Inneren, das die Ateliers in den Hauptebenen und die Nebenräume der Ateliers in den Zwischenebenen erschließt, die in Höhe der Galerien der Ateliers liegen.

 

1900 baut Wesche einen Schuppen im dahinterliegendem kleinem Hof an der linken Grundstücksgrenze „zur Unterstellung von Eisengerüsten, welche beim Modellieren in Thon als Kern für die Modelle verwendet werden, ferner zur Unterbringung von Abgüssen der von den Künstlern geschaffenen Modelle und des Modellierthons.“

 

Von diesem Zeitpunkt an wurden die Räume, unterschieden im Adressbuch in Maler-Ateliers und Bildhauer-Ateliers, von diversen Künstlern genutzt, darunter von Johannes Hoffart (1851-1921), Edmund Gomansky (1854-1930), Franz Rosse (1858-1900), Max Levi (1863-1912), Leonhard Sandrock (1867-1945), Franz Metzner (1870-1919), Johann Bossard (1874-1950), Paul Hamann (1891-1973). Das Atelier mit dem großen Tor im Erdgeschoss wird gegenwärtig vom Bildhauer Michael Schoenholtz (* 8. April 1937) genutzt.

 

Die ausgefallene Grundrissorganisation mit Haupt- und Zwischengeschossen, das Treppenhaus, Türen zu Ateliers und Nebenräumen in den Haupt- und Zwischengeschossen sind original erhalten. Zum Hof und in den straßenseitigen Nebenräumen noch etliche originale Fenster. Nach dem Anbau der Garage 1954-55 durch Gielsdorf an der hinteren Grundstückgrenze vor dem Atelier wurden die EG-Ateliers zu einem zusammengelegt. Die OG-Ateliers sind heute Wohnungen, die Atelierhülle ist dabei von innen erfahrbar geblieben. Statt des schrägen Oberlichts zu der im OG um 2 m rückspringenden Atelierfassade ließ Gielsdorf 1951 die EG Fassade senkrecht höherführen bis auf Ebene des OG Fußbodens. Der Vorsprung dient heute als Terrassenfläche für die oberen Atelierwohnungen. Die Atelierfensterfront nach Norden ist erneuert. Wie das Landhaus wurde auch das Atelier von Architekt Finger in schonender Weise instandgesetzt und befindet sich baulich in einem sehr guten Zustand.

 

Allgemeine Einschätzung:

 

Bei der letzten Überprüfung der Erfassung Friedenaus im Zuge der Topographie, die 2000 erschienen ist, fand im Rahmen der üblichen strengen Priorisierung das Landhaus in der Görresstraße „mit stark verändertem Erscheinungsbild“ im Vergleich mit den anderen Landhäusern keine Berücksichtigung. Daher unterblieben weitere Forschungen. Die geschichtlichen Hintergründe, Zusammenhänge mit dem Fuhrhof und der Bildhauerkolonie in der Wilhelmstraße mussten daher verborgen bleiben, ebenso wie die „inneren Werte“ des Landhauses und die geschichtliche Dimension, die mit der Nutzungskontinuität durch die Künstler und durch den ehemaligen Standort der Müllabfuhr gegeben ist.

 

Die beiden ursprünglich zusammengehörigen Grundstücke sind ein einzigartiges Zeugnis für Friedenau, weil ihre Bebauung bis heute (mit Ausnahme von jüngeren unbedeutenden Garagen) noch aus den ursprünglichen Baukörpern mit Vorgärten besteht, ohne weitere nennenswerte Nachverdichtung.

 

Es handelt sich zugleich um die einzig erhaltene Anlage als „landhausmäßige Bebauung“ in Friedenau im Sinne der Bauordnung vom 5.12.1892. Landhaus und Atelier sind nach den Vorschriften der Bauordnung vom 5.12.1892 entstanden. Nachdem 1887 die Berliner Bauordnung, d.h. geschlossene Bauweise mit bis zu 5-geschossigen Mietshäusern, auch für die Vororte Anwendung fand, war die neue Bauordnung von 1892 ein Versuch des Gegensteuerns, um „Berlin nicht völlig einmauern zu lassen“. Obwohl für ganz Friedenau nach dem Übersichtsplan zur Bauordnung vom 5.12.1892 landhausmäßige Bebauung galt, gab es doch Unterschiede in verschiedenen Bauklassen. So konnten im Zentrum Friedenaus an regulierten Straßen mit geregelter Wasserzuführung und geregelter unterirdischer Abwasserableitung in der Bauklasse I viergeschossige Gebäude errichtet werden, dagegen galt im bis dahin unbebauten Westteil die landhausmäßige Bebauung nach § 5: nur zwei Wohngeschosse, mindestens an drei Seiten freiliegend mit 4 m Abstand zu der Nachbargrenze, genau wie beim Pählchen‘schen Landhaus ausgeführt.

 

Das Atelier wurde nach den Bestimmungen von §5 „10. Nebenanlagen“ errichtet, die auf dem hinteren Teil des Grundstücks unmittelbar an die seitliche und hintere Grundstücksgrenze gebaut sein durften. Die Höhe durfte dabei zur Traufe 7,50 m und zum First 10 m nicht überschreiten. Das Atelier mit seinen zum Hof entwässernden flachgeneigten Pultdächern (die keine Firste, sondern nur Traufen besitzen) übertraf mit seinen Fassadenhöhen von 12 m bzw. 10,50 m beim Treppenhaus die erlaubten Firsthöhen. Trotzdem schreibt Regierungsbaumeister Kriesmann, als Bausachverständiger für die baupolizeiliche Prüfung der Anträge zuständig, in seinem Gutachten zum Bauprojekt, nachdem er einleitend bemerkt, dass das Atelier mit rund 180 qm Grundfläche die Bezeichnung „Nebenanlage [ ] eigentlich nicht mehr rechtfertigt“: „so dürfte in dem vorliegenden Falle aus den weiter unten angeführten Gründen Nachsicht am Platze sein“ und plädiert dafür, den erforderlichen Dispens wegen „teilweiser“ Überschreitung der Firsthöhe beim Bezirksausschuss Potsdam zu beantragen „unter Hinweis auf das von mir an anderen Orten betonte Gemeindeinteresse [ ], welches darin besteht, in diesem Theile des Landhausviertels, dessen landhausmäßige Bebauung unter den heutigen Zeitverhältnissen kaum Fortschritte machen würde, bei einer ersichtlichen Bevorzugung jener Gegend in ihr eine Colonie von Steinsetzerwerkstätten entstehen zu sehen.

Auf diese Weise gewinnt die offene Bauweise an Ausdehnung, bevor eine Abänderung in der jetzt gültigen Bauweise [sic!] eintreten kann.“

 

Wenn Hans Altmann, seit 1906 Gemeindebaurat in Friedenau, 1924 zur Bauordnung von 1892 schreibt „Leider ist diese letztere Bauweise nicht zur praktischen Anwendung gekommen, da schon das Jahr 1903 eine neue Bauordnung mit neuer Bauklasseneinteilung brachte“, darf man davon ausgehen, dass die in der Wilhelmstraße erbauten Landhäuser tatsächlich die einzigen blieben und nach deren Zerstörung allein das Landhaus und das Ateliergebäude Görresstraße Nr. 21 erhalten sind. Analog wird aus Schöneberg 1899 berichtet: „In dem der landhausmäßigen Bebauung vorbehaltenen Gebiete sind Wohngebäude seit der Einführung der Bau-Polizei-Ordnung vom 5. Dezember 1892 nicht errichtet.“

 

Görresstraße 21, 23 ist also ein außergewöhnliches und seltenes Beispiel, wo, entgegen der damaligen Zeitströmung, noch einmal eine Anlage gebaut wurde, die den Wunsch nach Rückkehr zu den eher ländlichen Anfängen der Landhauskolonie in den 1870er Jahren verwirklichte. So erinnert das jüngste Landhaus Friedenaus an die älteste Zeitschicht des Orts und besitzt damit umso größere ortsgeschichtliche Bedeutung, als diese Zeitschicht bis auf überformte Reste aus dem Ortsbild verschwunden ist, wegen der schon früh einsetzenden Verdichtung im Kern Friedenaus.

 

Durch glückliche Umstände blieb in der Görresstraße 21, 23 die aufgelockerte Bauweise bis heute erhalten. Diese Umstände bestanden in der stetigen, jeweils langfristigen Nutzung von Landhaus und Ateliergebäude und in der gelungenen Umnutzung des Fuhrhofes mit einem anderen Gewerbe und ruhiger Wohnnutzung. Die ehemaligen Kutscherwohnungen im Quergebäude wurden zusammengelegt, die Futterböden des Seitenflügels unter Erhöhung der Pultdächer zu Wohnungen ausgebaut, so dass eine behagliche Fünfzimmerwohnung über dem Winkel des Quergebäudes mit dem angrenzenden Teil des Seitenflügels und eine getrennte Zweizimmerwohnung über dem straßenseitigen Laden entstand mit Licht von Nordost und Südost.

 

Geschichtliche Bedeutung hat die Anlage auch, weil das Atelier das letzte erhaltene Zeugnis der um die Jahrhundertwende entstandenen Bildhauerkolonie in der Wilhelmstraße ist und eine ungebrochene Nutzungskontinuität durch namhafte Künstler (alle in Künstlerlexika erwähnt!) nachgewiesen werden kann. Die Bedeutung des Ortes für die Künstler sowie die mit diesem Ort verbundenen Kunstwerke bedürfen noch eingehender Forschungen.

 

Die überlieferten Besuche im Atelier Casal, und im Atelier von Prof. Götz durch Kaiser Wilhelm II. und seine Wertschätzung des Orts als „Friedenauer Carrara“ belegen die geschichtliche Bedeutung.

 

Der überlieferten Anlage der privat betriebenen Friedenauer Müllabfuhr kommt ortsgeschichtlich Bedeutung, aber auch wissenschaftliche Bedeutung zu, weil ihre Erforschung noch ein Desiderat darstellt.

 

Die Anlage besitzt städtebauliche Bedeutung durch den Kontrast zu der umgebenden geschlossenen Mietshausbebauung, der den städtebaulichen Umbruch im westlichen Teil Friedenaus am Beginn des 20. Jahrhunderts offenbar macht und die unterschiedlichen dabei verfolgten städtebaulichen Prinzipien.

 

Das Ensemble stellt mit den Bauten Müllabfuhr, Landhaus, Ateliergebäude eine außergewöhnliche, vielschichtige Mischung dar. Es ist die Erstbebauung der Straße (Fuhrhof, Landhaus) mit ländlicher Anmutung durch eine offene Bebauung mit Nebenanlagen. Der Seltenheitswert ergibt sich aus dem Umstand, dass es eines der letzten in Friedenau gebauten Landhäuser darstellt.

 

Das Ensemble dokumentiert anschaulich den Bruch zwischen Landhauskolonie und geschlossener Miethausbebauung. Weil die Bauordnung 1892 als Instrument der Aufrechterhaltung der landhausmäßigen Bebauung in Friedenau letztlich scheiterte, bildet das Ensemble im städtebaulichen Kontext einen sprechenden Kontrast.

 

Das Atelier bezeugt die letzten Versuche der Gemeinde, die offene Bebauung voranzutreiben durch die Ansiedlung einer Bildhauerkolonie. Von dieser Bildhauerkolonie (Künstler, Friedenauer Carrara, Besuche W II.) mit einer nachgewiesenen Nutzungskontinuität bis heute, ist das Atelierhaus das einzige erhaltene bauliche Zeugnis, nachdem der Bildhauerhof Casals 1935 wegen zu teurer Restaurierungskosten abgerissen wurde. Durch die Viten der dort tätig gewesenen Künstler kommt dem Ort eine geschichtliche Bedeutung zu.

 

Die Formulierung „wegen zu teurer Restaurierungskosten abgerissen“ braucht eine Erklärung.

 

Nachdem Italien am 28. August 1916 Deutschland den Krieg erklärt hatte, war der mit einer Deutschen verheiratete Italiener Valentino Casal unerwünscht. Für Casal brach eine Welt zusammen. 15 Jahre hatte er für das Kaiserreich von Wilhelm II. Denkmale geschaffen. Nun war sein Eigentum beschlagnahmt. Er reiste in die Schweiz. Frau und Kinder durften im Haus Wilhelmstraße Nr. 7 bleiben. 1917 ging das Anwesen in den Besitz der Gemeinde Friedenau über. Nach dem Waffenstillstand von 1918 begann der Kampf um sein Eigentum. 1921 wurde sein Anwesen Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 von der „Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg“ übernommen. Am 22. März 1922 wurden die auf die Bachestraße ragenden Bauten des „Atelier V. Casal“ entfernt. 1925 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg). Im Dezember 1925 kam sein Verfahren zur „Wiedergutmachung“ zum Abschluss. Bis zur Vollstreckung reduzierten sich die Ansprüche in Folge der Inflation: „Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“ Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem städtischen Grundstück wurden im Jahr 1935 ausgeführt.

 

Genauso ist der Fuhrhof eine seltene erhaltene gewerbliche Nebenanlage im ansonsten verdichteten Kern von Friedenau. Als älteste bekannte bauliche Zeugnisse der Friedenauer Müllabfuhr haben die Bauten ortgeschichtliche Bedeutung. Zur Geschichte des Fuhrhofs Friedenau gibt es reiche Schrift- und Bildquellen. Ortsübergreifend haben sie aber auch wissenschaftliche Bedeutung, weil sie als älteste bekannte Bauten der Müllentsorgung in Berlin auch Aufschluss geben über die frühe Müllentsorgung im Raum Berlin.

 

Görresstraße Nr. 21-23 seit 13. Mai 2019 unter Denkmalschutz

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Görresstraße 21-23 H&S 2019

Mieter gegen Zerstörung

 

Vorstand Dr. Jürgen Leibfried hat es eilig. Seit Tagen versucht er, mit den Mietern von Görresstraße Nr. 21 und 23 ins Gespräch zu kommen. Nach unseren Informationen soll seine BAUWERT AG im Oktober 2018 von den betagten Eigentümern die Grundstücke Görresstraße Nr. 21 und 23 erworben haben, um dort nach dem Motto „Lückenschluss“ hochpreisige Luxuseigentumswohnungen mit Tiefgarage und Kfz-Aufzug errichten zu können. Nun befürchtet er wohl, dass ihm der Denkmalschutz die Suppe noch versalzen könnte. Da ist etwas dran.

 

Das Grundstück Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 (einst Wilhelmstraße Nr. 15 und Nr. 16) taucht im Jahr 1895 zum ersten Mal ohne Hausnummern unter „Baustelle Pählchen’sches Haus“ auf. 1901 haben die Häuser Nummern: Nr. 7 Bildhauer Valentino Casal, Nr. 15 Witwe Johanne Pählchen, Nr. 16 Bildhauer Otto Wesche, Nr. 17-21 Baugesellschaft Bellevue. 1905 stehen die Villen der Bildhauer Ludwig Manzel (Nr. 8) und Johannes Götz (Nr. 6).

 

Die Familie Pählchen gehörte zu den ersten Eigentümern dieser Straße und unterhielt dort ein Fuhrgeschäft. Mit der Zeit entstanden Landhaus, Wirtschaftsgebäude, Pferdeställe, Unterstände für die Fuhrwerke und Wohnungen für die Kutscher. Später kam in den zur Nr. 21 gehörenden Garten ein Atelierhaus hinzu, in dem Maler und Bildhauer gearbeitet haben, die Friedenau zum „Künstlerort“ und „Klein Carrara“ gemacht haben, darunter Edmund Gomansky, Johannes Hoffart und Leonhard Sandrock.

 

Nach dem Tod ihres Ehemannes verkaufte Witwe Johanne Pählchen Haus Nr. 16 an den Bildhauer Otto Wesche. Ab 1896 beschränkte sie sich auf die Wilhelmstraße Nr. 15 und ihr „Abfuhrgeschäft“. So kam eine eigentlich geplante weitere Bebauung nicht mehr zustande, was letztendlich dazu führte, dass auf dem Grundstück Nr. 21-23 eine bauliche Grundstruktur aus der Frühzeit von Friedenau erhalten ist. So kommt es, dass ziemlich verwinkelte Bauten erhalten sind, die mit Landhaus, Atelier, Kutscherwohnungen und Garagenhof die Vergangenheit nicht verleugnen können und mit 125 Jahren zu den ältesten erhaltenen Ensembles von Friedenau gehören.

 

Dass die Bauwert AG das Landhaus als „irreparabel“ bezeichnet, gehört zum Geschäft. Das ist es nicht. Das Haus wurde in den vergangenen zehn Jahren umfassend saniert. Es hat ein neues Dach erhalten. Geschädigte Dachbalken und Deckenträger wurden ausgewechselt. Das Fundament wurde freigelegt und neu isoliert. Eine neue Gasheizung wurde installiert, Glasfaserkabel gelegt, im Hof wurden Drainagen gebohrt und verlegt, um den in der Friedenauer Senke vorkommenden Hochwasser vorzubeugen. Das Haus ist nun für die nächsten 20 Jahre vorbereitet.

 

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat es die Denkmalschutzbehörde versäumt, das Ensemble aus historischen und städtebaulichen Gründen zu sichern. Nun droht der Abriss.

 

Die Mieter wurden spät von den Plänen informiert und werden nun von der Bauwert AG unter Druck gesetzt. Sie fürchten eine erzwungene Kündigung und die „unwiederbringliche Zerstörung“ des historischen Ensembles. Hilfesuchend haben sie sich deshalb an „Friedenau-Aktuell“ und an die Behörden gewandt. Sie wollen „alle Kräfte mobilisieren“, um den Wahnsinn in der Görresstraße zu stoppen, den Abriss und den Verlust an Erinnerung zu verhindern.

 

Es ist unverständlich, warum die Stadt Berlin und der Bezirk Tempelhof-Schöneberg es soweit haben kommen lassen. Der hochgelobte „Milieuschutz“ muss doch auch für Friedenau gelten. Es wäre möglich gewesen, dass Stadt oder Bezirk das Ensemble selbst erwerben und damit die Mieter vor Vertreibung schützen. Die Gebäude und die bauliche Struktur hätten sich ideal für die Etablierung weiterer Künstlerateliers angeboten. Wenn man sich die historische „Nachbarschaft“ in der Görresstraße anschaut, dann wäre dieser Weg der einzig richtige gewesen.

 

Nun sollten alle Friedenauer, denen der Erhalt des unverwechselbaren Charakters unseres Kiezes wirklich am Herzen liegt, Widerstand leisten und den Bewohnern der Görresstraße 21/23 zur Seite springen. Es darf nicht sein, dass der blinde Bauwahn immer zerstörerischer in die Strukturen der Wohnviertel eingreift. Diese Politik muss beendet werden.

 

Abriss oder Erhalt

 

Die Crux: In Berlin ist das Landesdenkmalamt für Denkmalpflege zuständig. Die Behörde ist bei der Senatsverwaltung für Kultur angesiedelt und kümmert sich um Bau-, Kunst-, Garten- und Bodendenkmale. Die nachgeordnete Untere Denkmalschutzbehörde ist beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg angesiedelt und dem bezirklichen Stadtentwicklungsamt unterstellt, das gleichzeitig Stadtplanung, Bauaufsicht und Denkmalschutz „bearbeitet“.

 

Im Fall Görresstraße Nr. 21-23 stellt sich die Frage, ob Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut vom Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Gerrit Reitmeyer über die „spezielle“ Geschichte dieser Straße sowie die „besonderen“ Gegebenheiten des Grundstücks informiert wurde, oder ob am Landesdenkmalamt vorbei im Rathaus Schöneberg bereits Abrisspläne und Bauentwürfe der „Bauwert AG“ zumindest „gesichtet“ wurden.

 

Um deutlich zu machen, was die Görresstraße bzw. Wilhelmstraße einmal war, für Berlin und Friedenau, veröffentlichen wir den Stand im Jahr 1914:

 

Wilhelmstraße Nr. 5-6 und Bachestraße Nr. 11

Eigentümer Bildhauer Johannes Götz, später Heinrich Sachs, dessen Grab sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße befindet. Mieter Bildhauer G. Enke. Villa und Atelier existieren nicht mehr.

 

Wilhelmstraße Nr. 7 und Bachestraße Nr. 10

Eigentümer Bildhauer Valentino Casal. Der Italiener Casal wurde im Ersten Weltkrieg enteignet. Das Grundstück mit Wohnhaus und den Ateliers ging in den Besitz von Schöneberg über. Die Gebäude wurden 1934 durch das Bezirksamt Schöneberg abgerissen und zum Spielplatz umfunktioniert. Mieter waren die Bildhauer Hinrichsen & Isenbeck, die den Fassadenschmuck für das Schöneberger Rathaus und das Weinhaus Huth geschaffen haben. Ein weiterer Mieter war der Bildhauer Heinrich Mißfeldt, dessen Skulptur in der Bildgießerei Hermann Noack in Bronze gegossen und dem scheidenden Bürgermeister Bernhard Schnackenburg von der Gemeinde zum Amtsantritt als Oberbürgermeister von Altona überreicht wurde.

Im Atelier von Casal arbeiteten zwischen 1898 und 1901 zeitweise die Bildhauer Joseph Uphues, Johannes Boese, Max Baumbach, Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer, Ludwig Manzel, Johannes Götz, Reinhold Begas und Gustav Eberlein. In dieses Atelier wurde der Marmor aus Carrara transportiert und das Goethe-Denkmal für die Villa Borghese in Rom gefertigt.

 

Wilhelmstraße Nr. 9

Eigentümer Bildhauer Ludwig Manzel, der u. a. das Marmor-Standbild von Wilhelm I. im Grunewaldturm, das Grabmal für den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau und das Christus-Relief auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf geschaffen hat. Zu den Mietern gehörte der Bildhauer Paul Hubrich. Die Villa existiert nicht mehr.

 

Wilhelmstraße Nr. 16

Eigentümer Bildhauer Otto Wesche. Mieter Bildhauer Edmund Gomansky (Bildhauer-Atelier), Bildhauer Johannes Hoffart (Bildhauer-Atelier), Maler Prof. B. Schmitt (Maler-Atelier) und der Maler Leonhard Sandrock (Maler-Atelier), dessen Werk 1923 im Rahmen der Ausstellung „Graphische Sammlung eines Schöneberger Sammlers“ im Rathaus Schöneberg gezeigt wurde.

 

In weiteren Häusern der Wilhelmstraße arbeiteten Kunstmaler H. Krause (Nr. 11a), Landschaftsmaler G. Holstein (Nr. 11b), Kunstmaler E. Stirz (Nr. 12), Bildhauer G. Franz (Nr. 13), Bildhauer J. Huber und Lithograph P. Kirschke (Nr. 14), Schriftsteller E. Brandt und die Kunstmaler Pilarski und R. Wittmann (Nr. 17), Landschaftsmaler A. Dressel (Nr. 19) und Bildhauer Otto Wenzel (Nr. 21).

 

Inwieweit die seit mehr als 120 Jahren bestehende Bebauung der Görresstraße (Wilhelmstraße) und jene des Grundstücks Görresstraße Nr. 21-23 (Pählchen’sches Haus, Fuhrgeschäft Wilhelmstraße Nr. 15) die Kriterien für Denkmalschutz erfüllt, kann nur eine unabhängige Einrichtung und nicht das auf einen politisch ausgerichteten Wohnbauaktionismus konzentrierte Bezirksamt beurteilen.

 

Es geht darum, ob das älteste bebaute Grundstück von Friedenau, auf dem die ursprüngliche Bebauung in ihrer Grundstruktur noch deutlich sichtbar und die einstigen Funktionen sowohl als Fuhrgeschäft wie auch als Atelier noch deutlich zu erkennen sind, erhaltenswert ist oder aber zum Abriss und Neubau freigegeben wird. Die Görresstraße (Wilhelmstraße) war mit der Bachestraße ein Zentrum der Berliner Bildhauerkunst.

 

Unser Vorschlag:

 

Das Grundstück bietet sich an, an diese Zeit zu erinnern, nicht rückwärtsgewandt, sondern als lebendiger Ort für zeitgemäßes künstlerisches Schaffen. Heute, wo Künstler kaum noch Atelierräume finden, wäre es angebracht, diesen Ort als „Künstlerhof“ für die Öffentlichkeit zu erhalten und ihm neues Leben einzuhauchen.

 

Zu guter Letzt:

 

Die „Bauwert AG“ von Vorstandschef Jürgen Leibfried hat in Berlin keinen guten Ruf. Die Firma ist schließlich dafür verantwortlich, dass die nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Friedrichwerdersche Kirche im Jahr 2012 als Museum geschlossen werden musste, da durch das Ausheben tiefer Baugruben für ihr „edelstes Bauprojekt Kronprinzengärten“ der Bau einsturzgefährdet ist. Wie kam die Genehmigung für diese Bausünde zustande?

 

Aus der Verantwortung stehlen

 

Mit E-Mail vom 06.03.2019 teilt uns Baustadtrat Jörn Oltmann (DIE GRÜNEN) mit, dass das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg für die Grundstücke Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 „keine eigenen Abriss- oder Neubauplanungen verfolgt“.

 

Gleichwohl muss Oltmann eingestehen, dass der seit Herbst 2018 existierende (neue) Eigentümer „allerdings in Bauberatungsgesprächen mit dem Stadtplanungsamt steht, da er die Beräumung der Grundstücke mit einer nachfolgenden blockrandschließenden Neubebauung beabsichtigt. Nach derzeitiger Rechtslage kann der Abriss nicht verhindert werden“. Der Baustadtrat zitiert die Rechtslage: „Es gilt der Baunutzungsplan, WA, Baustufe IV/3 (GRZ 0,3, GFZ 1,2, 13 m Bebauungstiefe). Danach sind (schon ohne Befreiungen) rd. 2.350qm GF zulässig.“

 

Jürgen Leibfried und seine Bauwert AG als neue Eigentümer spekulieren auch bei anderen Bauvorhaben öffentlich damit, dass „die einzelnen Bezirke für die Genehmigung von Wohnungsbauvorhaben nicht die erforderlichen Kapazitäten haben“. Das trifft auf das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg zweifellos zu, gilt aber ebenso für das Bezirksamt Mitte (Beispiel Kronprinzengärten) wie aktuell für das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (Bockbrauerei). Wurde der Protest der Evangelischen Kirche zur „hautnahen“ Bebauung der Friedrichswerderschen Kirche seinerzeit noch „weggebügelt“, konnte die „Initiative Wem gehört Kreuzberg“ die ursprünglichen Bauwert-Pläne zumindest teilweise verhindern. Noch ist in Kreuzberg für Baustadtrat Florian Schmidt (DIE GRÜNEN) aber „nicht alles geklärt, da im Bauvorbescheid keine Feststellungen zum Denkmalschutz mit der Bauwert AG getroffen wurden“.

 

Auch um den Bereich „Stadtentwicklung und Bauen“ in Tempelhof-Schöneberg muss es schlimm bestellt sein. Als wir im Mai 2018 Einsicht in die Bauakten Semperstraße (Ceciliengärten) nehmen wollten, waren die Unterlagen nicht aufzufinden. Der Sachbearbeiter „rettete“ sich schließlich in die Behauptung, Semperstraße „gehört“ zu Steglitz. Wir waren sprachlos und gaben auf.

 

Ähnlich unpräzise und fachlich falsch argumentiert Baustadtrat Oltmann, wenn er in der E-Mail vom 06.03. schreibt, dass die Grundstücke Görresstraße Nr. 23 und Nr. 21 bebaut sind mit:

 

„Nr. 23 mit 1 2-geschossigen Remisen

Nr. 21 mit 2-geschossigem Vorderhaus (mindestens teilweise gewerblich genutzt) sowie 3-geschossigem Gartenhaus (offenbar Wohnhaus).“

 

Das ist für eine Fachaufsicht ziemlich vage. Bei Nr. 23 handelt es sich in Wirklichkeit um gewerblich genutzte Räume und Garagen im Erdgeschoss sowie Wohnungen im Obergeschoss. Diese Anlagen existieren in ihrer Grundstruktur seit mehr als 125 Jahren und gehören zur frühen Bebauung von Friedenau.

 

Bei Nr. 21 handelt es sich nicht um ein 2-geschossiges Vorderhaus, sondern um ein Landhaus aus der frühen Bebauungszeit von Friedenau, über das es in der Bauverwaltung Bauakten geben müsste, denen Details zur Errichtung, zum Umbau und zur Sanierung zu entnehmen sein müssten.

 

Nicht wir, sondern Baustadtrat Oltmann hat Zugang zu den Bauakten für Nr. 21 und müsste wissen, dass das 3-geschossige Gebäude nicht einfach mit „Gartenhaus“ oder „Wohnhaus“ abgetan werden kann. Nicht wir, sondern der Baustadtrat müsste wissen, dass im hinteren Teil des Grundstücks Nr. 21 im Jahr 1905 ein Ateliergebäude für damals zwei Bildhauer und einen Maler entstanden ist. Nicht wir, sondern der Baustadtrat müsste wissen, dass es danach „Aufstockungen“ gegeben haben muss, denn 1914 nutzten das Gebäude drei Bildhauer und zwei Maler. Ein Blick auf dieses Gebäude, das riesige Holztor und durch die Fenster würde deutlich machen, dass das Haus zumindest im Erdgeschoss derzeit von einem nicht unbedeutenden Steinbildhauer als Atelier genutzt wird.

 

„Die Grundstücke liegen nicht in einem sozialen oder baulichen Erhaltungsgebiet und stehen nicht unter Denkmalschutz“, so Oltmann. Und weiter: „Aus meiner Sicht wäre aber mit der Bebauung des Grundstücks ein unverwechselbares Ensemble und damit ein Stück der Geschichte von Friedenau verloren.“

 

Wie glaubwürdig ist diese „Wendung“ des Baustadtrats in der Frage Erhalt oder Abriss eigentlich? Wenn es schon seit Herbst 2018 Bauberatungsgespräche zwischen Stadtplanungsamt und Bauwert AG gibt, in denen dem Bezirksamt bekannt gemacht wurde, dass die Bauwert AG „die Beräumung der Grundstücke mit einer nachfolgenden blockrandschließenden Neubebauung beabsichtigt“, dann fragen wir uns schon, warum sich Baustadtrat Oltmann erst am 25. Februar 2019 dazu aufraffen konnte, den Direktor des Landesdenkmalamtes, Herrn Dr. Rauhut, „um Prüfung des Ensembles Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 zur Aufnahme in die Denkmalliste“ zu bitten.

 

Bezirksverordnetenversammlung und Öffentlichkeit will Oltmann informieren, sobald das Prüfungsergebnis des Landesdenkmalamtes vorliegt. Danach käme das Übliche, die Farce der „frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit“.

 

Zweifellos waren es der öffentliche Druck und das energische Auftreten der Mieter, die den Baustadtrat dazu gebracht haben, in der Sache Görresstraße überhaupt aktiv zu werden. Doch warum erst jetzt? Die Abrisspläne der Bauwert AG liegen Oltmanns Abteilung seit Monaten vor, wie er selbst bestätigt. Längst hätten eine Vor-Ort-Besichtigung und eine intensive Beschäftigung mit der Materie die Bedeutung des Ensembles auch dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg klar machen müssen. Dies alles ist nicht geschehen. Stattdessen soll es nun das Landesdenkmalamt richten – Ausgang offen. Baustadtrat Oltmann und seine Mitarbeiter stehlen sich aus der Verantwortung, die wahrzunehmen sie bislang mit Hinweis auf die Rechtslage verweigerten. Doch wer ehrlich daran interessiert ist, ein „unverwechselbares Ensemble“ zu retten und „ein Stück Geschichte von Friedenau“ zu bewahren, der muss jetzt handeln und darf sich nicht hinter einer „Prüfung“ verstecken. Ein fachlich versierter Bezirksstadtrat könnte das – im Fall von Tempelhof-Schöneberg bleiben große Zweifel.

Kronprinzengärten. Foto Tagesspiegel Thilo Rückeis

Bauwert, Leibfried und die Kronprinzengärten

 

Der Immobilienentwickler Jürgen Leibfried hat mit der Bebauung der „Kronprinzengärten“ durch seine Bauwert AG trotz „erstklassiger Architekten“ sowie „hochwertiger Architektur für Menschen mit höchsten Ansprüchen an Stil und Wohnkomfort“ dafür gesorgt, dass Schinkels Friedrichswerdersche Kirche „nachhaltig geschädigt ist“. Die Bauarbeiten haben laut Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert „eine Verformung des Deckengewölbes zur Folge gehabt, die nicht korrigiert werden“ kann und die „statische Reserven dauerhaft reduziert“. Die Bauarbeiten hatten zu „erheblichen Bewegungen der Kirchenfundamente“ geführt.

 

 

 

 

 

 

 

Wöhlert erklärte, die noch laufende Sanierung – offensichtlich zu Lasten des Steuerzahler und ohne Beteiligung des Verursachers Leibfried – sei erfolgt, um den Bau statisch zu sichern, Risse zu schließen und den historischen optischen Gesamteindruck wiederherzustellen. Nach Abschluss der Gewölbesanierung würden derzeit der Wiedereinbau der historischen Fenster, die Sanierung der Altartreppen sowie die Reparatur der Böden und des Südportals vorbereitet. Es sei nicht absehbar, wann der Kirchenbau als Teil der Staatlichen Museen zu Berlin mit den Skulpturen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder eröffnet werden könne.

 

Die Vorgänge in den Jahren 2011 bis 2016 künden von einem sagenhaften Versagen Berliner Baubehörden und offenbaren die Rücksichtslosigkeit der Bauwert AG, wenn es um historische Bausubstanz und Zusammenhänge geht.

 

Bereits zu Beginn der Planungen hatte die Evangelische Kirche gegen die Bauarbeiten protestiert, die um die Kirche erfolgten. „Wir sind entsetzt, wie mit einem Denkmal von internationalem Rang umgegangen wird“. Die Bebauung führe nicht nur zu massiven Schädigungen an der Substanz der Kirche, sondern zwänge sie auch „bis zur städtebaulichen Bedeutungslosigkeit“ ein.

 

Doch Baubehörden und Bauwert taten die Bedenken ab. „Als eine Baugrube für zwei Parketagen sieben Meter tief ausgehoben wurde, fiel in der Kirche der Putz von der Decke, und es bildeten sich Risse vom Fundament bis in die Gewölbe. Marmorstufen vor dem Altar, tragende Rippen im Gewölbe und ein Fensterpfeiler im Chorbereich zerbrachen“, schildert der Tagesspiegel 2015 das „Debakel“. Im September 2012 verhängte der Bezirk Mitte einen Baustopp, es folgten die Evakuierung tonnenschwerer Marmorskulpturen von Schadow, Rauch und Tieck, darauf Schadensanalysen, Gutachten, erste Sicherungsmaßnahmen. Stephan Frielinghaus, als Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in der Friedrichstadt Hausherr der Kirche, war fassungslos: „Die linke Kirchenhälfte neigte sich in die Baugrube. Für den Laien bietet das Innere ein Bild der Verwüstung.“

 

„Bleibt die Frage: Ist das alles nur dumm gelaufen oder gibt es eine Art Grundmuster, das zur Preisgabe von Berlins historischen Kronjuwelen führt? Denkmalrechtlich ist die Kirche mit der Eintragung in die Landesdenkmalliste abgesichert – genützt hat es ihr nichts“, resümierte der Tagesspiegel. Denn obgleich Bauen in Berlin Chefsache ist, ist die Verantwortung für die Genehmigung von Wohnungsbauvorhaben an die untere politische Ebene delegiert. Die einzelnen Bezirke haben zu viel Macht. Und die Bezirke haben nicht die erforderlichen Kapazitäten, um sich gegen den Druck der Investoren zu stemmen. Die Bezirksbaustadträte wirken hilflos, sind auch fachlich oft nicht in der Lage, historische Bausubstanz wirksam zu schützen.

 

Das „Grundmuster“, von dem der Tagesspiegel schrieb, ist bei Investor Jürgen Leibfried und seiner Bauwert AG inzwischen eklatant sichtbar: Die Tatsachen werden auf der untersten Ebene, den Bauämtern der Bezirke geschaffen. Wird der öffentliche Druck gegen den Bau der Luxuswohnungen zu stark, folgt ein fauler Kompromiss, der die Gemüter beruhigen soll. Das war bei der Kreuzberger Bockbrauerei nicht anders als bei den Kronprinzengärten.

 

Der jüngste Fall spielt sich nun in der Friedenauer Görresstraße ab. Ein einmaliges Ensemble aus der Entstehungszeit des Kiezes will die Bauwert AG für den Bau von Luxuswohnungen abreißen lassen. Und wieder stehen Baustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) und seine Mitarbeiter teilnahmslos daneben. Verantwortung abschieben, Verständnis für Bürgerproteste vorspiegeln – am Ende steht der faule Kompromiss. Mitte, Kreuzberg und jetzt Friedenau – wie lange werden sich die Menschen die stadtplanerische Inkompetenz in den Bezirksämtern noch bieten lassen?

 

Bockbrauerei Kreuzberg. Quelle Bauwert AG

Bauwert, Leibfried und die Bockbrauerei

 

Das Gelände der ehemaligen Bockbrauerei im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurde von 1990 bis 2010 vom damaligen Eigentümer saniert und modernisiert. Es entstand ein Ort mit einem Mix aus Gewerbe und Kultur. 2016 wurde das Gelände an die Bauwert AG verkauft.

 

In Kreuzberg nahm sich Bauwert-Chef Jürgen Leibfried die Umwandlung der historischen (nicht denkmalgeschützten) „Bockbrauerei“ in ein Wohn- und Gewerbegebiet vor. Dafür gab es nach langem Ringen im Mai 2018 einen Bauvorbescheid, in dem aber „keine Feststellungen zum Denkmalschutz getroffen werden“. Für den Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (GRÜNE) „ist nicht alles geklärt“. Leibfrieds Bauwert sei aber gehalten, den Umgang mit den denkmalgeschützten Kellern mit den zuständigen Behörden abzustimmen. Dass Bauwert dafür verantwortlich sei, die Zustimmung der Denkmalschutzbehörden zu dem Bauvorhaben zu erwirken, betonte Schmidt ausdrücklich.

 

Die Vorgeschichte des Bauwert-Projekts Bockbrauerei liest sich wie eine Blaupause zum aktuellen Fall in der Friedenauer Görresstraße. Auch in Friedrichshain-Kreuzberg wurden Bezirksverwaltung und Bezirksverordnete erst wach, als eine starke Bürgerinitiative Alarm schlug. Bauwert hatte vor, das ganze Ensemble abzureißen und Wohnungen zu bauen, ohne Rücksicht auf die Geschichte des Ortes, schützenswerte Gebäude und den funktionierenden Mix aus Wohnen und Gewerbe.

 

Die Renditelogik des Investors konnte am Ende teilweise durchbrochen werden, weil die Geschichte des Ortes noch rechtzeitig ans Licht kam. Leibfrieds ursprüngliche Pläne sahen nämlich den Bau von Tiefgaragen vor. Durch ihr Engagement ist es den Kiez-Initiativen schließlich gelungen, zumindest den Teil der dafür vorgesehenen Brauereikeller unter Denkmalschutz stellen zu lassen, in denen die Telefunken mbH in den Jahren von 1944 bis 1945 unter dem Tarnnamen „Lore“ eine unterirdische Rüstungsfabrik eingerichtet hatte. Dort mussten Zwangsarbeiter aus allen Teilen Europas sowie zeitweise auch KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen Elektronenröhren herstellen.

 

Der Kompromiss, den der Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (GRÜNE) verhandelte, verpflichtet Bauwert zum Erhalt eines kleinen Teils der Brauereikeller als Gedenkstätte. Mit dem Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ hatte Leibfried bereits im Vorfeld im Gespräch mit Direktor Andreas Nachama eine Vorabstimmung herbeigeführt: Die laufenden Kosten einer Gedenkstätte könnte und würde wohl die „Topographie des Terrors“ übernehmen, hieß es hinterher also der Steuerzahler.

 

Im Ergebnis darf Bauwert wohl noch genügend Wohnungen auf dem Areal errichten – es soll sich ja „rechnen“. Ein Rest an Wohn- und Gewerbemix wird in eine „Stiftung“ gerettet und Baustadtrat Schmidt hat wieder einmal sein Gesicht wahren dürfen. Im Kern haben sich Jürgen Leibfried und seine Bauwert durchgesetzt. Motto: „Man kann Zuzüge nicht verbieten.“ Es fragt sich nur: Cui bono?

Atelierhaus Görresstraße Nr. 21. H&S 2019

Objektiver Dialog mit der BAUWERT AG

13.04.2019

 

Die BAUWERT AG hat uns am 05.04.2019 einen „objektiven Dialog“ über die aktuellen Pläne zur Görresstraße vorgeschlagen. Wir einigten uns auf ein Treffen am 15.04.2019, allerdings unter der Bedingung, uns vor dem Gespräch die aktuellen Pläne zur Verfügung zu stellen. Diesem Wunsch ist die BAUWERT AG nicht nachgekommen. Daraufhin haben wir das Treffen abgesagt:

 

Nachdem Sie uns am 05.04.2019 einen „objektiven Dialog“ über die aktuellen Pläne der Bauwert AG zur Görresstraße vorgeschlagen hatten, baten wir mit unserer grundsätzlichen Zustimmung zu diesem Treffen bereits am 07.04.2019 darum, uns für die Vorbereitung vorab aktuelle Pläne für die Görresstraße zur Verfügung zu stellen, damit wir im Gespräch mit der Bauwert AG informierter, schneller und effektiver vorankommen.

 

 

 

 

 

In Ihrer Antwort vom 08.04.2019 bestätigten Sie das Treffen am 15.04.2019, gingen allerdings nicht auf unseren Wunsch nach Übersendung der Pläne ein. Stattdessen kündigten Sie Hintergrundinformationen zu den Entwicklungen der Friedrichswerderschen Kirche sowie zur Historie der ehemaligen Bockbrauerei in Kreuzberg und den dort geplanten Baumaßnahmen an. Das Thema für www.friedenau-aktuell.de ist allerdings ausschließlich Abriss der Gebäude auf den Grundstücken Görresstraße Nr. 21 bis Nr. 23 und geplanter Neubau. Irritiert hat uns obendrein Ihr Hinweis, dass die Bauwert AG „von Anfang an vorgesehen hat, das geschichtsträchtige Ateliergebäude zu erhalten“. Wenn etwas „weniger geschichtsträchtig“ ist“, dann ist es das Atelierhaus, das erst Anfang des 20. Jahrhunderts in das Grundstück Görresstraße Nr. 21 gesetzt wurde und nach und nach weiter ausgebaut wurde, während Görresstraße Nr. 23 (Pählchen’sches Haus, Bau- und Fuhrunternehmen) bereits in den 1890er Jahren verzeichnet ist, und diese Firma jahrzehntelang mit ihren Kutschen und Fuhrwerken für Friedenau tätig war.

 

Aus bauchtechnischer Sicht macht es u. E. wenig Sinn, bei einer zukünftigen Bebauung ausgerechnet auf das „schmale Handtuch“ des Ateliergebäudes zu verzichten. Im Ergebnis würde ein Ateliergebäude erhalten bleiben, vor dessen Fenstern Neubauwände wohl auch noch über die Traufhöhe hochragen würden. Da das Ateliergebäude seit Jahren hauptsächlich vom Bildhauer und Akademiemitglied Michael Schoenholtz genutzt wird, vermuten wir keine „hehren geschichtsträchtigen“ Absichten der Bauwert AG, sondern eher „Absprachen“. Dies ist auch ein Grund dafür, dass wir uns vorab über die Baupläne informieren wollten.

 

In Ihrer Antwort vom 10.04.2019 bestätigen Sie lediglich den Termin am 15.04.2019, gehen aber wiederum auf unseren Wunsch nach Vorab-Ansicht der Baupläne nicht ein. Da es uns um das Erinnern und das Bewahren geht und das Aufzeigen bedenkenswerter aktueller Entwicklungen, was unsere Webseitennutzer zu schätzen wissen, und nicht um eine Imageaktion der Bauwert AG, ist für uns die Grundlage für einen „objektiven Dialog“ bislang nicht gegeben. Sobald uns die Pläne der Bauwert AG vorliegen, die ja inzwischen auch dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg bekannt sind, sind wir zu einem Gespräch bereit, das wir dann gerne unseren Nutzern zusammen mit den Plänen präsentieren würden. Peter Hahn & Jürgen Stich