Bevor die Straße am 31. Juli 1947 nach dem Publizisten und Gründer des „Rheinischen Merkur“ Joseph Görres (1776-1848) benannt wurde, hatte sie einige Umbenennungen zu überstehen. Auf dem ersten „Situationsplan von dem Wilmersdorfer Oberfeld“ (1874) erscheint sie als „Stuttgarter Straße“. Nachdem das Deutsche Reich mit Wilhelm I. (1797-1888) einen Kaiser erhalten hatte, wurde die Straße 1876 in „Wilhelmstraße“ umbenannt. Als die Nationalsozialisten Albert Leo Schlageter (1894-1923) als Märtyrer aufbauten, der während der Ruhrbesetzung wegen Sprengstoffanschlägen 1923 von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und in der Golzheimer Heide bei Düsseldorf hingerichtet worden war, hieß die Wilhelmstraße von 1937 bis 1947 Golzheimer Straße. Danach wurde der Name „Aufbaustraße“ diskutiert. Es kam zur „Görresstraße“ und damit auch ab 1947 zu der bis heute gültigen Nummerierung der Häuser.

 

Fuhrunternehmen Pählchen, 1912. Görresstraße 23, vorher Wilhelmstraße 15. Archiv Barasch

Pählchen’sches Haus

Görresstraße Nr. 23

Vorher Wilhelmstraße Nr. 15

 

Angefangen hat es mit der „Wilhelmstraße“ im Jahr 1895, ohne Hausnummern, aber mit dem Hinweis „Baustelle Pählchen’sches Haus“. Eigentümer des Grundstücks war der Bauunternehmer Hermann Pählchen aus der Rheinstraße Nr. 52. Hervorgetan hat er sich als Baumeister des dreigeschossigen Wohnhauses Perelsplatz Nr. 17 (1890) für den Fleischwarenhändler August Striesche. 1891 schuf er das für Friedenau ungewöhnlich hohe fünfgeschossige Eckhaus an der Rheinstraße Nr. 19 Ecke Schmiljanstraße Nr. 16 und das Haus Rheinstraße Nr. 17 mit Vorderhaus, Läden, Seitenflügel und Quergebäude (1893). Alle Häuser stehen längst unter Denkmalschutz.

 

 

 

 

 

Noch bevor der Bauunternehmer Georg Haberland (1861-1933) mit seiner „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ große Teile des damals noch unbebauten Friedenauer Westens erwarb, hatte Pählchen 1895 in der Wilhelmstraße vier Grundstücke gekauft. Er gehört damit zu den ersten Eigentümern dieser Straße. Die eigentlichen Bautätigkeiten begannen 1901: Nr. 1-6, Nr. 8-13 und Nr. 17-21 waren als „Baustellen“ deklariert. Nr. 14 diente vorerst als „Lagerplatz“. Das Haus Nr. 7 mit dem Grundstück bis hin zur Straße 12 (der späteren Bachestraße) war errichtet und gehörte dem Bildhauer Valentino Casal. Nr. 16 war Eigentum von Otto Wesche, Mitinhaber der Zwickauer Firma Wesche & Ramcke Nachf., Bildhauerei, Stuckgeschäft, Kunststeinfabrik, Grabdenkmäler. Architekt Oskar Haustein hatte die Grundstücke Nr. 22 (vorerst als Zimmerplatz) und Nr. 23 erworben.

 

Das Schicksal meinte es nicht gut mit der Familie Pählchen. Mit dem Tod des Bauunternehmers waren die Baupläne für die vier erworbenen Grundstücke hinfällig geworden. 1896 gibt es nur noch die Wilhelmstraße Nr. 15 mit „Witwe Johanne Pählchen, Witwe, Abfuhrgeschäft und Wohnung Rheinstraße Nr. 23“ als Eigentümerin. Ab 1897 sind dort als Mieter die Kutscher W. Rogalla und St. Tietz eingetragen. Johanne Pählchen übernahm, was bis dahin an der rückwärtigen Grundstücksgrenze entstanden war, Wirtschaftsgebäude, Pferdeställe, Unterstände für die Kutschen, Wohnungen für das Personal. Sie konzentrierte sich offensichtlich nur noch auf das Fuhrunternehmen. Zu einer Wohnhausbebauung im vorderen Teil des Grundstücks kam es nicht mehr. Im Jahr 1908 übernahm Theodor Zimmermann das Fuhrgeschäft. Bis heute ist ein ziemlich winkliges Grundstück erhalten, das mit seinem Garagenhof und diversen Wohngebäuden die Vergangenheit nicht verleugnen kann und zu den ältesten Gebäudeteilen in der Görresstraße gehört.

 

Mehr kann über die Familie Pählchen nicht berichtet werden. So bleibt als Dokument (bisher) nur das „Zentralblatt der Bauverwaltung“ von 1915 und die Meldung: „Auf dem Felde der Ehre sind gefallen: „Max Pählchen, Studierender der Technischen Hochschule Berlin, Inhaber des Eisernen Kreuzes.“

 

Atelierhaus Görresstraße Nr. 21. H&S 2019

Objektiver Dialog mit der BAUWERT AG

13.04.2019

 

Die BAUWERT AG hat uns am 05.04.2019 einen „objektiven Dialog“ über die aktuellen Pläne zur Görresstraße vorgeschlagen. Wir einigten uns auf ein Treffen am 15.04.2019, allerdings unter der Bedingung, uns vor dem Gespräch die aktuellen Pläne zur Verfügung zu stellen. Diesem Wunsch ist die BAUWERT AG nicht nachgekommen. Daraufhin haben wir das Treffen abgesagt:

 

Nachdem Sie uns am 05.04.2019 einen „objektiven Dialog“ über die aktuellen Pläne der Bauwert AG zur Görresstraße vorgeschlagen hatten, baten wir mit unserer grundsätzlichen Zustimmung zu diesem Treffen bereits am 07.04.2019 darum, uns für die Vorbereitung vorab aktuelle Pläne für die Görresstraße zur Verfügung zu stellen, damit wir im Gespräch mit der Bauwert AG informierter, schneller und effektiver vorankommen.

 

 

 

 

 

In Ihrer Antwort vom 08.04.2019 bestätigten Sie das Treffen am 15.04.2019, gingen allerdings nicht auf unseren Wunsch nach Übersendung der Pläne ein. Stattdessen kündigten Sie Hintergrundinformationen zu den Entwicklungen der Friedrichswerderschen Kirche sowie zur Historie der ehemaligen Bockbrauerei in Kreuzberg und den dort geplanten Baumaßnahmen an.

 

Das Thema für www.friedenau-aktuell.de ist allerdings ausschließlich Abriss der Gebäude auf den Grundstücken Görresstraße Nr. 21 bis Nr. 23 und geplanter Neubau. Irritiert hat uns obendrein Ihr Hinweis, dass die Bauwert AG „von Anfang an vorgesehen hat, das geschichtsträchtige Ateliergebäude zu erhalten“.

 

Wenn etwas „weniger geschichtsträchtig“ ist“, dann ist es das Atelierhaus, das erst Anfang des 20. Jahrhunderts in das Grundstück Görresstraße Nr. 21 gesetzt wurde und nach und nach weiter ausgebaut wurde, während Görresstraße Nr. 23 (Pählchen’sches Haus, Bau- und Fuhrunternehmen) bereits in den 1890er Jahren verzeichnet ist, und diese Firma jahrzehntelang mit ihren Kutschen und Fuhrwerken für Friedenau tätig war.

 

Aus bauchtechnischer Sicht macht es u. E. wenig Sinn, bei einer zukünftigen Bebauung ausgerechnet auf das „schmale Handtuch“ des Ateliergebäudes zu verzichten. Im Ergebnis würde ein Ateliergebäude erhalten bleiben, vor dessen Fenstern Neubauwände wohl auch noch über die Traufhöhe hochragen würden. Da das Ateliergebäude seit Jahren hauptsächlich vom Bildhauer und Akademiemitglied Michael Schoenholtz genutzt wird, vermuten wir keine „hehren geschichtsträchtigen“ Absichten der Bauwert AG, sondern eher „Absprachen“. Dies ist auch ein Grund dafür, dass wir uns vorab über die Baupläne informieren wollten.

 

In Ihrer Antwort vom 10.04.2019 bestätigen Sie lediglich den Termin am 15.04.2019, gehen aber wiederum auf unseren Wunsch nach Vorab-Ansicht der Baupläne nicht ein. Da es uns um das Erinnern und das Bewahren geht und das Aufzeigen bedenkenswerter aktueller Entwicklungen, was unsere Webseitennutzer zu schätzen wissen, und nicht um eine Imageaktion der Bauwert AG, ist für uns die Grundlage für einen „objektiven Dialog“ bislang nicht gegeben.

 

Sobald uns die Pläne der Bauwert AG vorliegen, die ja inzwischen auch dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg bekannt sind, sind wir zu einem Gespräch bereit, das wir dann gerne unseren Nutzern zusammen mit den Plänen präsentieren würden.

 

Aus der Verantwortung stehlen

 

Mit E-Mail vom 06.03.2019 teilt uns Baustadtrat Jörn Oltmann (DIE GRÜNEN) mit, dass das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg für die Grundstücke Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 „keine eigenen Abriss- oder Neubauplanungen verfolgt“.

 

Gleichwohl muss Oltmann eingestehen, dass der seit Herbst 2018 existierende (neue) Eigentümer „allerdings in Bauberatungsgesprächen mit dem Stadtplanungsamt steht, da er die Beräumung der Grundstücke mit einer nachfolgenden blockrandschließenden Neubebauung beabsichtigt. Nach derzeitiger Rechtslage kann der Abriss nicht verhindert werden“. Der Baustadtrat zitiert die Rechtslage: „Es gilt der Baunutzungsplan, WA, Baustufe IV/3 (GRZ 0,3, GFZ 1,2, 13 m Bebauungstiefe). Danach sind (schon ohne Befreiungen) rd. 2.350qm GF zulässig.“

 

Jürgen Leibfried und seine Bauwert AG als neue Eigentümer spekulieren auch bei anderen Bauvorhaben öffentlich damit, dass „die einzelnen Bezirke für die Genehmigung von Wohnungsbauvorhaben nicht die erforderlichen Kapazitäten haben“. Das trifft auf das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg zweifellos zu, gilt aber ebenso für das Bezirksamt Mitte (Beispiel Kronprinzengärten) wie aktuell für das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (Bockbrauerei). Wurde der Protest der Evangelischen Kirche zur „hautnahen“ Bebauung der Friedrichswerderschen Kirche seinerzeit noch „weggebügelt“, konnte die „Initiative Wem gehört Kreuzberg“ die ursprünglichen Bauwert-Pläne zumindest teilweise verhindern. Noch ist in Kreuzberg für Baustadtrat Florian Schmidt (DIE GRÜNEN) aber „nicht alles geklärt, da im Bauvorbescheid keine Feststellungen zum Denkmalschutz mit der Bauwert AG getroffen wurden“.

 

Auch um den Bereich „Stadtentwicklung und Bauen“ in Tempelhof-Schöneberg muss es schlimm bestellt sein. Als wir im Mai 2018 Einsicht in die Bauakten Semperstraße (Ceciliengärten) nehmen wollten, waren die Unterlagen nicht aufzufinden. Der Sachbearbeiter „rettete“ sich schließlich in die Behauptung, Semperstraße „gehört“ zu Steglitz. Wir waren sprachlos und gaben auf.

 

Ähnlich unpräzise und fachlich falsch argumentiert Baustadtrat Oltmann, wenn er in der E-Mail vom 06.03. schreibt, dass die Grundstücke Görresstraße Nr. 23 und Nr. 21 bebaut sind mit:

 

„Nr. 23 mit 1 2-geschossigen Remisen

Nr. 21 mit 2-geschossigem Vorderhaus (mindestens teilweise gewerblich genutzt) sowie 3-geschossigem Gartenhaus (offenbar Wohnhaus).“

 

Das ist für eine Fachaufsicht ziemlich vage. Bei Nr. 23 handelt es sich in Wirklichkeit um gewerblich genutzte Räume und Garagen im Erdgeschoss sowie Wohnungen im Obergeschoss. Diese Anlagen existieren in ihrer Grundstruktur seit mehr als 125 Jahren und gehören zur frühen Bebauung von Friedenau.

 

Bei Nr. 21 handelt es sich nicht um ein 2-geschossiges Vorderhaus, sondern um ein Landhaus aus der frühen Bebauungszeit von Friedenau, über das es in der Bauverwaltung Bauakten geben müsste, denen Details zur Errichtung, zum Umbau und zur Sanierung zu entnehmen sein müssten.

 

Nicht wir, sondern Baustadtrat Oltmann hat Zugang zu den Bauakten für Nr. 21 und müsste wissen, dass das 3-geschossige Gebäude nicht einfach mit „Gartenhaus“ oder „Wohnhaus“ abgetan werden kann. Nicht wir, sondern der Baustadtrat müsste wissen, dass im hinteren Teil des Grundstücks Nr. 21 im Jahr 1905 ein Ateliergebäude für damals zwei Bildhauer und einen Maler entstanden ist. Nicht wir, sondern der Baustadtrat müsste wissen, dass es danach „Aufstockungen“ gegeben haben muss, denn 1914 nutzten das Gebäude drei Bildhauer und zwei Maler. Ein Blick auf dieses Gebäude, das riesige Holztor und durch die Fenster würde deutlich machen, dass das Haus zumindest im Erdgeschoss derzeit von einem nicht unbedeutenden Steinbildhauer als Atelier genutzt wird.

 

„Die Grundstücke liegen nicht in einem sozialen oder baulichen Erhaltungsgebiet und stehen nicht unter Denkmalschutz“, so Oltmann. Und weiter: „Aus meiner Sicht wäre aber mit der Bebauung des Grundstücks ein unverwechselbares Ensemble und damit ein Stück der Geschichte von Friedenau verloren.“

 

Wie glaubwürdig ist diese „Wendung“ des Baustadtrats in der Frage Erhalt oder Abriss eigentlich? Wenn es schon seit Herbst 2018 Bauberatungsgespräche zwischen Stadtplanungsamt und Bauwert AG gibt, in denen dem Bezirksamt bekannt gemacht wurde, dass die Bauwert AG „die Beräumung der Grundstücke mit einer nachfolgenden blockrandschließenden Neubebauung beabsichtigt“, dann fragen wir uns schon, warum sich Baustadtrat Oltmann erst am 25. Februar 2019 dazu aufraffen konnte, den Direktor des Landesdenkmalamtes, Herrn Dr. Rauhut, „um Prüfung des Ensembles Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 zur Aufnahme in die Denkmalliste“ zu bitten.

 

Bezirksverordnetenversammlung und Öffentlichkeit will Oltmann informieren, sobald das Prüfungsergebnis des Landesdenkmalamtes vorliegt. Danach käme das Übliche, die Farce der „frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit“.

 

Zweifellos waren es der öffentliche Druck und das energische Auftreten der Mieter, die den Baustadtrat dazu gebracht haben, in der Sache Görresstraße überhaupt aktiv zu werden. Doch warum erst jetzt? Die Abrisspläne der Bauwert AG liegen Oltmanns Abteilung seit Monaten vor, wie er selbst bestätigt. Längst hätten eine Vor-Ort-Besichtigung und eine intensive Beschäftigung mit der Materie die Bedeutung des Ensembles auch dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg klar machen müssen. Dies alles ist nicht geschehen. Stattdessen soll es nun das Landesdenkmalamt richten – Ausgang offen. Baustadtrat Oltmann und seine Mitarbeiter stehlen sich aus der Verantwortung, die wahrzunehmen sie bislang mit Hinweis auf die Rechtslage verweigerten. Doch wer ehrlich daran interessiert ist, ein „unverwechselbares Ensemble“ zu retten und „ein Stück Geschichte von Friedenau“ zu bewahren, der muss jetzt handeln und darf sich nicht hinter einer „Prüfung“ verstecken. Ein fachlich versierter Bezirksstadtrat könnte das – im Fall von Tempelhof-Schöneberg bleiben große Zweifel.

Kronprinzengärten. Foto Tagesspiegel Thilo Rückeis

Bauwert, Leibfried und die Kronprinzengärten

 

Der Immobilienentwickler Jürgen Leibfried hat mit der Bebauung der „Kronprinzengärten“ durch seine Bauwert AG trotz „erstklassiger Architekten“ sowie „hochwertiger Architektur für Menschen mit höchsten Ansprüchen an Stil und Wohnkomfort“ dafür gesorgt, dass Schinkels Friedrichswerdersche Kirche „nachhaltig geschädigt ist“. Die Bauarbeiten haben laut Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert „eine Verformung des Deckengewölbes zur Folge gehabt, die nicht korrigiert werden“ kann und die „statische Reserven dauerhaft reduziert“. Die Bauarbeiten hatten zu „erheblichen Bewegungen der Kirchenfundamente“ geführt.

 

 

 

 

 

 

 

Wöhlert erklärte, die noch laufende Sanierung – offensichtlich zu Lasten des Steuerzahler und ohne Beteiligung des Verursachers Leibfried – sei erfolgt, um den Bau statisch zu sichern, Risse zu schließen und den historischen optischen Gesamteindruck wiederherzustellen. Nach Abschluss der Gewölbesanierung würden derzeit der Wiedereinbau der historischen Fenster, die Sanierung der Altartreppen sowie die Reparatur der Böden und des Südportals vorbereitet. Es sei nicht absehbar, wann der Kirchenbau als Teil der Staatlichen Museen zu Berlin mit den Skulpturen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder eröffnet werden könne.

 

Die Vorgänge in den Jahren 2011 bis 2016 künden von einem sagenhaften Versagen Berliner Baubehörden und offenbaren die Rücksichtslosigkeit der Bauwert AG, wenn es um historische Bausubstanz und Zusammenhänge geht.

 

Bereits zu Beginn der Planungen hatte die Evangelische Kirche gegen die Bauarbeiten protestiert, die um die Kirche erfolgten. „Wir sind entsetzt, wie mit einem Denkmal von internationalem Rang umgegangen wird“. Die Bebauung führe nicht nur zu massiven Schädigungen an der Substanz der Kirche, sondern zwänge sie auch „bis zur städtebaulichen Bedeutungslosigkeit“ ein.

 

Doch Baubehörden und Bauwert taten die Bedenken ab. „Als eine Baugrube für zwei Parketagen sieben Meter tief ausgehoben wurde, fiel in der Kirche der Putz von der Decke, und es bildeten sich Risse vom Fundament bis in die Gewölbe. Marmorstufen vor dem Altar, tragende Rippen im Gewölbe und ein Fensterpfeiler im Chorbereich zerbrachen“, schildert der Tagesspiegel 2015 das „Debakel“. Im September 2012 verhängte der Bezirk Mitte einen Baustopp, es folgten die Evakuierung tonnenschwerer Marmorskulpturen von Schadow, Rauch und Tieck, darauf Schadensanalysen, Gutachten, erste Sicherungsmaßnahmen. Stephan Frielinghaus, als Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in der Friedrichstadt Hausherr der Kirche, war fassungslos: „Die linke Kirchenhälfte neigte sich in die Baugrube. Für den Laien bietet das Innere ein Bild der Verwüstung.“

 

„Bleibt die Frage: Ist das alles nur dumm gelaufen oder gibt es eine Art Grundmuster, das zur Preisgabe von Berlins historischen Kronjuwelen führt? Denkmalrechtlich ist die Kirche mit der Eintragung in die Landesdenkmalliste abgesichert – genützt hat es ihr nichts“, resümierte der Tagesspiegel. Denn obgleich Bauen in Berlin Chefsache ist, ist die Verantwortung für die Genehmigung von Wohnungsbauvorhaben an die untere politische Ebene delegiert. Die einzelnen Bezirke haben zu viel Macht. Und die Bezirke haben nicht die erforderlichen Kapazitäten, um sich gegen den Druck der Investoren zu stemmen. Die Bezirksbaustadträte wirken hilflos, sind auch fachlich oft nicht in der Lage, historische Bausubstanz wirksam zu schützen.

 

Das „Grundmuster“, von dem der Tagesspiegel schrieb, ist bei Investor Jürgen Leibfried und seiner Bauwert AG inzwischen eklatant sichtbar: Die Tatsachen werden auf der untersten Ebene, den Bauämtern der Bezirke geschaffen. Wird der öffentliche Druck gegen den Bau der Luxuswohnungen zu stark, folgt ein fauler Kompromiss, der die Gemüter beruhigen soll. Das war bei der Kreuzberger Bockbrauerei nicht anders als bei den Kronprinzengärten.

 

Der jüngste Fall spielt sich nun in der Friedenauer Görresstraße ab. Ein einmaliges Ensemble aus der Entstehungszeit des Kiezes will die Bauwert AG für den Bau von Luxuswohnungen abreißen lassen. Und wieder stehen Baustadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE) und seine Mitarbeiter teilnahmslos daneben. Verantwortung abschieben, Verständnis für Bürgerproteste vorspiegeln – am Ende steht der faule Kompromiss. Mitte, Kreuzberg und jetzt Friedenau – wie lange werden sich die Menschen die stadtplanerische Inkompetenz in den Bezirksämtern noch bieten lassen?

 

Bockbrauerei Kreuzberg. Quelle Bauwert AG

Bauwert, Leibfried und die Bockbrauerei

 

Das Gelände der ehemaligen Bockbrauerei im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurde von 1990 bis 2010 vom damaligen Eigentümer saniert und modernisiert. Es entstand ein Ort mit einem Mix aus Gewerbe und Kultur. 2016 wurde das Gelände an die Bauwert AG verkauft.

 

In Kreuzberg nahm sich Bauwert-Chef Jürgen Leibfried die Umwandlung der historischen (nicht denkmalgeschützten) „Bockbrauerei“ in ein Wohn- und Gewerbegebiet vor. Dafür gab es nach langem Ringen im Mai 2018 einen Bauvorbescheid, in dem aber „keine Feststellungen zum Denkmalschutz getroffen werden“. Für den Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (GRÜNE) „ist nicht alles geklärt“. Leibfrieds Bauwert sei aber gehalten, den Umgang mit den denkmalgeschützten Kellern mit den zuständigen Behörden abzustimmen. Dass Bauwert dafür verantwortlich sei, die Zustimmung der Denkmalschutzbehörden zu dem Bauvorhaben zu erwirken, betonte Schmidt ausdrücklich.

 

Die Vorgeschichte des Bauwert-Projekts Bockbrauerei liest sich wie eine Blaupause zum aktuellen Fall in der Friedenauer Görresstraße. Auch in Friedrichshain-Kreuzberg wurden Bezirksverwaltung und Bezirksverordnete erst wach, als eine starke Bürgerinitiative Alarm schlug. Bauwert hatte vor, das ganze Ensemble abzureißen und Wohnungen zu bauen, ohne Rücksicht auf die Geschichte des Ortes, schützenswerte Gebäude und den funktionierenden Mix aus Wohnen und Gewerbe.

 

Die Renditelogik des Investors konnte am Ende teilweise durchbrochen werden, weil die Geschichte des Ortes noch rechtzeitig ans Licht kam. Leibfrieds ursprüngliche Pläne sahen nämlich den Bau von Tiefgaragen vor. Durch ihr Engagement ist es den Kiez-Initiativen schließlich gelungen, zumindest den Teil der dafür vorgesehenen Brauereikeller unter Denkmalschutz stellen zu lassen, in denen die Telefunken mbH in den Jahren von 1944 bis 1945 unter dem Tarnnamen „Lore“ eine unterirdische Rüstungsfabrik eingerichtet hatte. Dort mussten Zwangsarbeiter aus allen Teilen Europas sowie zeitweise auch KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen Elektronenröhren herstellen.

 

Der Kompromiss, den der Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (GRÜNE) verhandelte, verpflichtet Bauwert zum Erhalt eines kleinen Teils der Brauereikeller als Gedenkstätte. Mit dem Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ hatte Leibfried bereits im Vorfeld im Gespräch mit Direktor Andreas Nachama eine Vorabstimmung herbeigeführt: Die laufenden Kosten einer Gedenkstätte könnte und würde wohl die „Topographie des Terrors“ übernehmen, hieß es hinterher also der Steuerzahler.

 

Im Ergebnis darf Bauwert wohl noch genügend Wohnungen auf dem Areal errichten – es soll sich ja „rechnen“. Ein Rest an Wohn- und Gewerbemix wird in eine „Stiftung“ gerettet und Baustadtrat Schmidt hat wieder einmal sein Gesicht wahren dürfen. Im Kern haben sich Jürgen Leibfried und seine Bauwert durchgesetzt. Motto: „Man kann Zuzüge nicht verbieten.“ Es fragt sich nur: Cui bono?

Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 (Wilhelmstraße Nr. 15 und Nr. 16)

 

Berliner Adressbuch 1929

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Berliner Adressbuch 1931

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Berliner Adressbuch 1933

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Paul Hamann (1891-1973)

Spurensuche in der Görresstraße

 

Der Bildhauer, Zeichner und Grafiker Paul Hamann (1891-1973) hatte 1924 in Hamburg die Groupe artistique franco-allemand“ gegründet, die auch einen engeren Kontakt mit der Novembergruppe in Berlin pflegte. 1926 kam Hamann mit seiner Frau, der Malerin Hilde Guttmann (1898-1987), nach Berlin. Sie nahmen eine Wohnung in der Künstlerkolonie am Breitenbachplatz. Als die Bewohner dort Ende der 1920er Jahre mehr und mehr Ziel nationalsozialistischer Provokationen und Übergriffe wurden, mieteten die Hamanns 1929 von Eigentümerin Witwe H. Wesche ein freigewordenes Atelier in der Wilhelmstraße Nr. 16 (Görresstraße Nr. 21).

 

 

 

Das Atelier wurde Treffpunkt. Am 21. November 1931 veröffentlichte die Hamburger Illustrierte unter dem Titel Prominenten Rendezvous einen Artikel der Fotojournalistin Ursula Wolff-Schneider (1906-1977) mit einer Aufnahme aus dem Atelier Hamann, darauf abgelichtet (von rechts) Erich Engel, Fritz Kortner, Max Schmeling, Paul Hamann, Gustaf Gründgens, Francesco von Mendelsohn und Hilde Hamann.

 

Paul und Hilde Hamann stammten aus Familien mit jüdischen Wurzeln. Nicht entgangen war ihnen, dass einige Künstler der Novembergruppe schon 1932 im Fokus der Nazis standen und schließlich nach dem 30. Januar 1933 mundtot gemacht wurden. Im April 1933 emigrierten Paul und Hilde Hamann nach Paris. Mit der „Rheinlandbefreiung“ am 7. März 1936 und der Stationierung von Truppenteilen der Wehrmacht im Rheinland wurde den beiden die politische Situation in Frankreich zu unsicher. Das Ehepaar zog nach London. Nachdem Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Nordfrankreich 1940 von der Wehrmacht besetzt wurden, internierte die britische Regierung die Emigranten auf der Isle of Man. Dort trafen die Hamanns unter anderem auf Kurt Schwitters, Fred Uhlmann, Walter Nessler, Erich Kahn und den Kunsthistoriker Klaus Hinrichsen. 1941 wurde Hamann aus dem Lager entlassen. Die Ehe war im Exil gescheitert. 1950 erwarben beide noch die britische Staatsbürgerschaft, gingen aber fortan getrennte Wege. In London sind sie gestorben, er am 16. Januar 1973, sie am 1. November 1987.

 

Insbesondere für Paul Hamann führte die Emigration zum künstlerischen und beruflichen Desaster. Als er nach Berlin kam, hatte er ein neues, schonenderes Verfahren zur Abnahme von Lebendmasken entwickelt, das die zeitraubende und schmerzhafte Methode mit Gipsabdrücken erheblich verbesserte – eine Erfindung, die ihn über Nacht zu einem begehrten Porträtkünstler machte.

 

Mit der neuen Abformmasse war eine aufwendige Vorbereitung der abzunehmenden Körperpartie durch Einfetten oder Einölen oder gar ein Rasieren nicht mehr notwendig. Der Unterschied zwischen der gelatineartigen Abform-Masse von Hamann, die unter anderem aus Wachs und Glycerin bestand, und Gips war vor allem die Elastizität. Mit einem Pinsel trug er die angewärmte Abformmasse Schicht für Schicht auf. Bevor er die Nase bedeckte, steckte er den Klienten Strohalme in die Nasenlöcher, so dass diese während der kurzen Aushärtungsphase atmen konnten. So konnte das Gesicht vollständig bedeckt werden. Nach Abnahme der Negativform goss Hamann diese mit Gips aus, um eine Positivform zu erhalten, die er dann zur kompletten Kopfbüste ausarbeitete, von der er dann in der Kunstgießerei Gleiwitz einen Abguss herstellen ließ. Mit seiner „Vollmaske“ erreichte er eine enorme Detailgenauigkeit. Eine „Sitzung“ bei Paul Hamann dauerte nur noch 40 Minuten.

 

Nach Recherchen von Jens Kremb vom Kunsthistorischen Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn (2015) kann davon ausgegangen werden, dass im Atelier Wilhelmstraße Nr. 16 (Görresstraße Nr. 21) u. a. die Lebendmasken von Bertolt Brecht, Gustaf Gründgens, John Heartfield, Paul Kemp, Erich Knobloch, Carola Neher, Renée Sintenis und Conrad Veidt entstanden. Die Atelierregale mit den Lebendmasken deuten eine weitaus höhere Produktion an.

 

Die Lebendmaske von Lion Feuchtwanger konnte Hamann schon nicht mehr in Berlin fertigen. Feuchtwanger war im November 1932 zu Vorträgen nach London und in die USA aufgebrochen. Die nationalsozialistische „Machtergreifung“ Ende Januar 1933 machte seine Rückkehr nach Deutschland unmöglich. Er sich in Sanary-sur-mer nieder, dem Zentrum des deutschsprachigen Exils in Südfrankreich. Ob Feuchtwangers Maske dort oder aber in Hamanns Pariser Atelier Cité Fleurie entstanden ist, kann aus Feuchtwangers Tagebucheintrag vom 22.10.1934 nicht entschlüsselt werden: „Hamann … um meine Maske abnehmen zu lassen. Paul Hamann hatte ein schonendes Verfahren zur Abnahme von Lebendmasken entwickelt, das ihn bekannt machte.“

 

Hamann wollte mit seinen Lebendmasken eine Galerie bedeutender Zeitgenossen schaffen. Entstanden sind fast 100 Arbeiten, die wohl viel damit zu tun hatten, dass er „populär“ war und es eine Menge von Personen gab, die bereit waren, sich von ihm eine Lebendmaske abformen zu lassen. Dazu gehören u. a. Jean Cocteau, Noel Coward, Paul Eluard, Aldous Huxley, Raymond Mortimer, Edward Sackville-West und Man Ray. Für Hamann spricht, dass er diese „Produktion“ wohl nur als „handwerkliche Arbeit“ einstufte, die lediglich im Kunsthandel und nicht auf Kunstausstellungen vertreten war.

 

In Le masque du jour geht André Breton auf die Rolle von Paul Hamann während des Abformprozesses ein: „Während einer kurzen Sitzungspause bei Paul Hamann konnte ich in vollem Ausmaß die Gründe für seinen Erfolg schätzen lernen, den er als Erster bei diesem schwierigen Unterfangen errungen hat. Ich glaube, dass er diesen Erfolg der Tatsache verdankt, dass er es auf seine Art verstand, eine wirklich rationelle und in ihrer Ausgestaltung äußerst feinfühlige Methode zu entwickeln. Die Entwicklung dieser Methode verlangte ein äußerstes Feingefühl, das bei ihm sofort ins Auge fällt und vermuten lässt, dass ihm auf längere Zeit niemand gleichkommen wird.

 

Zunächst sei hier die psychologische Methode erwähnt: mit ihrer Hilfe wird versucht, die Haltung und den Ausdruck der Person zu ermitteln, die ihrem persönlichen und natürlichen Wesen am nächsten kommt, die sie am häufigsten einnimmt, und mit der sie sich am meisten vertraut fühlt. Jede leichte Unruhe, jede geringste Verkrampfung, die bei den Vorbereitungen zum Maskenabdruck, der sich eine Person unterzieht, etwas Ungewohntes oder Ungewöhnliches hervorrufen könnte, löst sich schnell auf, so als schaue man in den Spiegel mit dem Wunsch, sich sehr ruhig und sehr klar zu sehen. Der Empfang von Paul Hamann, die Sicherheit seiner Gesten, seine perfekte Zeiteinteilung, sein Bemühen, den Kontakt mit der Außenwelt auch nicht einen Augenblick zu verlieren, hilft dem Klienten, diese sonderbare Mauer, in die er eintritt, zu ertragen, die nur einen leichten nasalen Atem, einen winzigen Lichtschimmer zwischen den Augenlidern durchlässt.

 

Nachdem ich hin und wieder andere Techniken vergleichend beurteilen konnte, scheint mir die von Paul Hamann auf sein Ziel hin ideal abgestimmt zu sein. Man muss einfach gesehen haben, wie er mit seinen Händen behutsam um den Kopf herumgleitet, bis er das Gesicht allmählich erfasst hat, um zu wissen, welche Kenntnis der äußeren wie auch tiefer liegenden Sensibilität und der Vermeidung jeglicher reflexartiger Bewegung jeden einzelnen seiner Erfolge ausmachen. Das Gesicht ist so geschickt in Zonen eingeteilt, dass ein außergewöhnlich präzises Gleichgewicht entsteht, damit ein in die Mauer neu eingesetzter Stein nicht wie ein Fallbeil ins Auge rutschen kann. Um das zu erreichen, wird minutiös auf die feinen Unterschiede der Hauteigenschaften geachtet; vor allem aber wird das Versprechen eingehalten, nichts Unangenehmes geschehen zu lassen. Das gibt mir das sichere Gefühl, dass das Abbild, das ich von mir erwarte, auch wirklich das meinige ist. Dieses Ziel im Auge behaltend, hatte ich nicht einen Augenblick lang das Gefühl, mich von meiner gewohnten Gefühlswelt zu entfremden. Paul Hamann ist es gelungen, den unbarmherzigen kleinen Gott, der über unsere versteinernden Springbrunnen regiert, zu unserem Vorteil zu beugen.“

 

Durch Emigration, Exil und Weltkrieg sind von dieser Galerie bedeutender Zeitgenossen nur wenige Exemplare erhalten geblieben. Der Künstler Paul Hamann ist in Deutschland so gut wie unbekannt.

 

Wie bereits in mehreren Texten thematisiert, sehen die Pläne der Bauwert AG von Jürgen Leibfried vor, das gewachsene Bauensemble Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 in naher Zukunft zunichte zu machen. Wenn das geschieht, dann wird bald auch vergessen sein, dass Paul und Hilde Hamann und eine Reihe ihrer Atelierbesucher nach 1933 von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben wurden. Von der Eigentümerin Bauwert AG und den Behörden ist jetzt verantwortliches Handeln für das historische Erbe dieses Ortes gefragt. Was die Bauwert AG angeht, so hat die jüngste Vergangenheit gezeigt, dass der profitable Bau von Luxuswohnungen im Vordergrund steht. Was auch immer Jürgen Leibfried im Fall Görresstraße und dem möglichen Erhalt des Atelierhauses „versprechen“ wird, er hat längst seine Glaubwürdigkeit verloren. Politik und Behörden wollen oder können das offenbar nicht begreifen. Sonst würden sie diesem Verlust an Erinnerung nicht blindlings zustimmen, sondern mutig dagegen vorgehen.

 

 

Das Berliner Atelier von Paul Hamann

 

 

Galerie bedeutender Zeitgenossen

 

Abriss oder Erhalt

 

Die Crux: In Berlin ist das Landesdenkmalamt für Denkmalpflege zuständig. Die Behörde ist bei der Senatsverwaltung für Kultur angesiedelt und kümmert sich um Bau-, Kunst-, Garten- und Bodendenkmale. Die nachgeordnete Untere Denkmalschutzbehörde ist beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg angesiedelt und dem bezirklichen Stadtentwicklungsamt unterstellt, das gleichzeitig Stadtplanung, Bauaufsicht und Denkmalschutz „bearbeitet“.

 

Im Fall Görresstraße Nr. 21-23 stellt sich die Frage, ob Landeskonservator Dr. Christoph Rauhut vom Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde Gerrit Reitmeyer über die „spezielle“ Geschichte dieser Straße sowie die „besonderen“ Gegebenheiten des Grundstücks informiert wurde, oder ob am Landesdenkmalamt vorbei im Rathaus Schöneberg bereits Abrisspläne und Bauentwürfe der „Bauwert AG“ zumindest „gesichtet“ wurden.

 

Um deutlich zu machen, was die Görresstraße bzw. Wilhelmstraße einmal war, für Berlin und Friedenau, veröffentlichen wir den Stand im Jahr 1914:

 

Wilhelmstraße Nr. 5-6 und Bachestraße Nr. 11

Eigentümer Bildhauer Johannes Götz, später Heinrich Sachs, dessen Grab sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße befindet. Mieter Bildhauer G. Enke. Villa und Atelier existieren nicht mehr.

 

Wilhelmstraße Nr. 7 und Bachestraße Nr. 10

Eigentümer Bildhauer Valentino Casal. Der Italiener Casal wurde im Ersten Weltkrieg enteignet. Das Grundstück mit Wohnhaus und den Ateliers ging in den Besitz von Schöneberg über. Die Gebäude wurden 1934 durch das Bezirksamt Schöneberg abgerissen und zum Spielplatz umfunktioniert. Mieter waren die Bildhauer Hinrichsen & Isenbeck, die den Fassadenschmuck für das Schöneberger Rathaus und das Weinhaus Huth geschaffen haben. Ein weiterer Mieter war der Bildhauer Heinrich Mißfeldt, dessen Skulptur in der Bildgießerei Hermann Noack in Bronze gegossen und dem scheidenden Bürgermeister Bernhard Schnackenburg von der Gemeinde zum Amtsantritt als Oberbürgermeister von Altona überreicht wurde.

Im Atelier von Casal arbeiteten zwischen 1898 und 1901 zeitweise die Bildhauer Joseph Uphues, Johannes Boese, Max Baumbach, Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer, Ludwig Manzel, Johannes Götz, Reinhold Begas und Gustav Eberlein. In dieses Atelier wurde der Marmor aus Carrara transportiert und das Goethe-Denkmal für die Villa Borghese in Rom gefertigt.

 

Wilhelmstraße Nr. 9

Eigentümer Bildhauer Ludwig Manzel, der u. a. das Marmor-Standbild von Wilhelm I. im Grunewaldturm, das Grabmal für den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau und das Christus-Relief auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf geschaffen hat. Zu den Mietern gehörte der Bildhauer Paul Hubrich. Die Villa existiert nicht mehr.

 

Wilhelmstraße Nr. 16

Eigentümer Bildhauer Otto Wesche. Mieter Bildhauer Edmund Gomansky (Bildhauer-Atelier), Bildhauer Johannes Hoffart (Bildhauer-Atelier), Maler Prof. B. Schmitt (Maler-Atelier) und der Maler Leonhard Sandrock (Maler-Atelier), dessen Werk 1923 im Rahmen der Ausstellung „Graphische Sammlung eines Schöneberger Sammlers“ im Rathaus Schöneberg gezeigt wurde.

 

In weiteren Häusern der Wilhelmstraße arbeiteten Kunstmaler H. Krause (Nr. 11a), Landschaftsmaler G. Holstein (Nr. 11b), Kunstmaler E. Stirz (Nr. 12), Bildhauer G. Franz (Nr. 13), Bildhauer J. Huber und Lithograph P. Kirschke (Nr. 14), Schriftsteller E. Brandt und die Kunstmaler Pilarski und R. Wittmann (Nr. 17), Landschaftsmaler A. Dressel (Nr. 19) und Bildhauer Otto Wenzel (Nr. 21).

 

Inwieweit die seit mehr als 120 Jahren bestehende Bebauung der Görresstraße (Wilhelmstraße) und jene des Grundstücks Görresstraße Nr. 21-23 (Pählchen’sches Haus, Fuhrgeschäft Wilhelmstraße Nr. 15) die Kriterien für Denkmalschutz erfüllt, kann nur eine unabhängige Einrichtung und nicht das auf einen politisch ausgerichteten Wohnbauaktionismus konzentrierte Bezirksamt beurteilen.

 

Es geht darum, ob das älteste bebaute Grundstück von Friedenau, auf dem die ursprüngliche Bebauung in ihrer Grundstruktur noch deutlich sichtbar und die einstigen Funktionen sowohl als Fuhrgeschäft wie auch als Atelier noch deutlich zu erkennen sind, erhaltenswert ist oder aber zum Abriss und Neubau freigegeben wird. Die Görresstraße (Wilhelmstraße) war mit der Bachestraße ein Zentrum der Berliner Bildhauerkunst.

 

Unser Vorschlag:

 

Das Grundstück bietet sich an, an diese Zeit zu erinnern, nicht rückwärtsgewandt, sondern als lebendiger Ort für zeitgemäßes künstlerisches Schaffen. Heute, wo Künstler kaum noch Atelierräume finden, wäre es angebracht, diesen Ort als „Künstlerhof“ für die Öffentlichkeit zu erhalten und ihm neues Leben einzuhauchen.

 

Zu guter Letzt:

 

Die „Bauwert AG“ von Vorstandschef Jürgen Leibfried hat in Berlin keinen guten Ruf. Die Firma ist schließlich dafür verantwortlich, dass die nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Friedrichwerdersche Kirche im Jahr 2012 als Museum geschlossen werden musste, da durch das Ausheben tiefer Baugruben für ihr „edelstes Bauprojekt Kronprinzengärten“ der Bau einsturzgefährdet ist. Wie kam die Genehmigung für diese Bausünde zustande?

 

Görresstraße 21-23 H&S 2019

Mieter gegen Zerstörung

 

Vorstand Dr. Jürgen Leibfried hat es eilig. Seit Tagen versucht er, mit den Mietern von Görresstraße Nr. 21 und 23 ins Gespräch zu kommen. Nach unseren Informationen soll seine BAUWERT AG im Oktober 2018 von den betagten Eigentümern die Grundstücke Görresstraße Nr. 21 und 23 erworben haben, um dort nach dem Motto „Lückenschluss“ hochpreisige Luxuseigentumswohnungen mit Tiefgarage und Kfz-Aufzug errichten zu können. Nun befürchtet er wohl, dass ihm der Denkmalschutz die Suppe noch versalzen könnte. Da ist etwas dran.

 

Das Grundstück Görresstraße Nr. 21 und Nr. 23 (einst Wilhelmstraße Nr. 15 und Nr. 16) taucht im Jahr 1895 zum ersten Mal ohne Hausnummern unter „Baustelle Pählchen’sches Haus“ auf. 1901 haben die Häuser Nummern: Nr. 7 Bildhauer Valentino Casal, Nr. 15 Witwe Johanne Pählchen, Nr. 16 Bildhauer Otto Wesche, Nr. 17-21 Baugesellschaft Bellevue. 1905 stehen die Villen der Bildhauer Ludwig Manzel (Nr. 8) und Johannes Götz (Nr. 6).

 

Die Familie Pählchen gehörte zu den ersten Eigentümern dieser Straße und unterhielt dort ein Fuhrgeschäft. Mit der Zeit entstanden Landhaus, Wirtschaftsgebäude, Pferdeställe, Unterstände für die Fuhrwerke und Wohnungen für die Kutscher. Später kam in den zur Nr. 21 gehörenden Garten ein Atelierhaus hinzu, in dem Maler und Bildhauer gearbeitet haben, die Friedenau zum „Künstlerort“ und „Klein Carrara“ gemacht haben, darunter Edmund Gomansky, Johannes Hoffart und Leonhard Sandrock.

 

Nach dem Tod ihres Ehemannes verkaufte Witwe Johanne Pählchen Haus Nr. 16 an den Bildhauer Otto Wesche. Ab 1896 beschränkte sie sich auf die Wilhelmstraße Nr. 15 und ihr „Abfuhrgeschäft“. So kam eine eigentlich geplante weitere Bebauung nicht mehr zustande, was letztendlich dazu führte, dass auf dem Grundstück Nr. 21-23 eine bauliche Grundstruktur aus der Frühzeit von Friedenau erhalten ist. So kommt es, dass ziemlich verwinkelte Bauten erhalten sind, die mit Landhaus, Atelier, Kutscherwohnungen und Garagenhof die Vergangenheit nicht verleugnen können und mit 125 Jahren zu den ältesten erhaltenen Ensembles von Friedenau gehören.

 

Dass die Bauwert AG das Landhaus als „irreparabel“ bezeichnet, gehört zum Geschäft. Das ist es nicht. Das Haus wurde in den vergangenen zehn Jahren umfassend saniert. Es hat ein neues Dach erhalten. Geschädigte Dachbalken und Deckenträger wurden ausgewechselt. Das Fundament wurde freigelegt und neu isoliert. Eine neue Gasheizung wurde installiert, Glasfaserkabel gelegt, im Hof wurden Drainagen gebohrt und verlegt, um den in der Friedenauer Senke vorkommenden Hochwasser vorzubeugen. Das Haus ist nun für die nächsten 20 Jahre vorbereitet.

 

Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat es die Denkmalschutzbehörde versäumt, das Ensemble aus historischen und städtebaulichen Gründen zu sichern. Nun droht der Abriss.

 

Die Mieter wurden spät von den Plänen informiert und werden nun von der Bauwert AG unter Druck gesetzt. Sie fürchten eine erzwungene Kündigung und die „unwiederbringliche Zerstörung“ des historischen Ensembles. Hilfesuchend haben sie sich deshalb an „Friedenau-Aktuell“ und an die Behörden gewandt. Sie wollen „alle Kräfte mobilisieren“, um den Wahnsinn in der Görresstraße zu stoppen, den Abriss und den Verlust an Erinnerung zu verhindern.

 

Es ist unverständlich, warum die Stadt Berlin und der Bezirk Tempelhof-Schöneberg es soweit haben kommen lassen. Der hochgelobte „Milieuschutz“ muss doch auch für Friedenau gelten. Es wäre möglich gewesen, dass Stadt oder Bezirk das Ensemble selbst erwerben und damit die Mieter vor Vertreibung schützen. Die Gebäude und die bauliche Struktur hätten sich ideal für die Etablierung weiterer Künstlerateliers angeboten. Wenn man sich die historische „Nachbarschaft“ in der Görresstraße anschaut, dann wäre dieser Weg der einzig richtige gewesen.

 

Nun sollten alle Friedenauer, denen der Erhalt des unverwechselbaren Charakters unseres Kiezes wirklich am Herzen liegt, Widerstand leisten und den Bewohnern der Görresstraße 21/23 zur Seite springen. Es darf nicht sein, dass der blinde Bauwahn immer zerstörerischer in die Strukturen der Wohnviertel eingreift. Diese Politik muss beendet werden.

 

Valentino Casal

Der Venezianer in Friedenau: Valentino Casal

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Da musste erst Donna Leon kommen – diesmal ohne Begleitung von Commissario Brunetti –  um schließlich in ihrem Buch „Gondala“ darüber aufzuklären, dass die heute gebräuchlichen venezianischen Gondeln von Giuseppe Casal (1834-1906) erdacht wurden.

 

Die Casals kamen 1833 aus Val di Zoldo nach Venedig. In den Tälern der Dolomiten, eingeschlossen von den Pässen Staulanza, Cibiana und Duran, sahen sie keine Zukunft. In den folgenden Jahrzehnten tauchen auf Cannaregio viele Casals auf, Iseppo, Pietro, Giuseppe, Battista, Antonio, Angelo, was die Familiengeschichte nicht einfacher erzählen lässt.

 

1833 mietete Giuseppe Casal (1834-1906), genannt „Bepo el grando“, auf Cannaregio die Werft der Familie Servi. Dort entwickelt er mit seinen Söhnen Antonio und Anzolo jene schmale, asymmetrische und mit weit aufgebogenen Enden gebaute Gondel. Er wurde zum unbestrittenen Protagonisten des Gondelbaus.

 

1852 konnte er die Werft kaufen. 1882 erwarb Cousin Michele Casal mit dem Gondelbauer Domenico Tramontin nebenan eine eigene Werft. Es kam zu Unstimmigkeiten, in deren Folge zwischen den Werften von Giuseppe, Antonio und Anzolo und jener von Michele eine Mauer gezogen wurde. Was auch immer dafür die Gründe waren, die Casals haben die Welt des venezianischen Schiffbaus tiefgreifend beeinflusst. Nach dem Tod haben sie auch wieder zusammengefunden. Auf der Insel San Michele haben sie unter einem Marmorrelief des Patrons ihre letzte Ruhe gefunden: „Kurz und bündig: Famiglia Casal."

 


 

Valentino Ludwig Maria Casal, der Venezianer in Friedenau, hatte mit Holz und Gondel nichts im Sinn. Der Sohn von Pietro Casal und seiner Ehefrau Maria de Fanti wurde am 7. Juni 1867 in Venedig geboren. Er besuchte die Scuola di arte applicata all‘industria di Venezia und lernte vom Bildhauer Antonio Dal Zotto (1841-1918) Modellieren und Anatomie. Als Dal Zotto 1879 Professor an der Accademia di belle arti di Venezia wurde, folgte ihm sein Schüler für sechs Studienjahre. Als 1886 die Werft am Campo San Trovaso in eine Steinmetzwerkstatt umgewandelt wurde, mietete der junge Scultore eine Ecke und baute sich dort ein schlichtes Atelier. „Dies war der erste Ort, an dem ich allein arbeiten konnte.“ Ein Jahr später gewann er bei einem Wettbewerb mit dem marmornen „San Giorgio Relief“ für die Fassade des Hauses Brown in Zattere den ersten Preis, bekam gute Presse und ahnte dennoch, dass es mit einer Karriere als Bildhauer schwer werden würde. Als Gelegenheitsarbeiter versuchte er sein Glück in Grandisca sull'Isonzo, Santa Croce sul Carso, später in Budapest, Debrecin und Ljubljana.

 

Im Frühjahr 1891 zog es Valentino Casal zur Internationalen Kunstausstellung nach Berlin. In den Ausstellungshallen zwischen Invalidenstraße und Alt Moabit betrachtete er die Arbeiten der berühmten Bildhauer und suchte den Kontakt zu ihnen. Er wohnte mit Gastarbeitern in einem Zimmer in der Linienstraße, arbeitete als Skulpteur in den Ateliers der Bildhauer Max Kruse (1854-1942) und Walter Schott (1861-1938), der sich über eine einst in Carrara entstandene Skulptur ärgerte, die nun beschädigt war. Casal restaurierte sie und erntete viel Lob.

 

Am 27. Januar 1895 verkündete Kaiser Wilhelm II., dass im Tiergarten eine Siegesallee mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens geschaffen werden sollte. Auf 750 Metern sollten im Abstand von jeweils 36 Metern Denkmale aneinandergereiht werden. Für Akademiemitglied Reinhold Begas hatten aber die Berliner Bildhauer „von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben“.

 

Das war die Stunde von Casal. Er hatte den Umgang mit Marmor gelernt, konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrschte Konturieren und Ziselieren, und wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden. Dazu kam sein Talent zum Improvisieren und Organisieren. Er holte sich aus Venedig den Steinmetz Annibale Pedrocchi und eröffnete im Herbst 1895 eine Werkstatt in der Charlottenburger Fasanenstraße. Nachdem der Bildhauer Max Unger 1896 den Auftrag für die „Gruppe 2, Markgraf Otto I.“ der Siegesallee erhalten hatte, beauftragte er Casal mit der Umsetzung seines Gipsentwurfs in Marmor. Die Ausführung in Stein erfolgte damals in Italien. Kurze Zeit später kamen die Aufträge von Joseph Uphues, Johannes Boese und Max Baumbach. Casal zog 1897 in ein neues Atelier in die Charlottenburger Leibnizstraße Nr. 34.

 

1897 übernimmt das „Atelier V. Casal“ die Aufträge von Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer, und Gustav Eberlein, 1898 von Johannes Götz und Joseph Uphues, 1899 von Gustav Eberlein und Reinhold Begas. Um die Arbeiten zu erledigen, kauft er im Januar 1899 ein großes Grundstück in Friedenau für ein Haus für seine Familie und eine Reihe von Ateliers.

Am 24. Januar 1899 hat der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ von einem „Terrain-Ankauf“ erfahren: „Der Bau zweier großer Bildhauer-Ateliers ist in Friedenau projektirt. Herr Noack aus Deutsch-Wilmersdorf errichtet zwischen Fehler- und Varziner Straße ein Atelier. Herr Bildhauer Casal wird in der Wilhelmstraße an der Ecke der Kaiserallee ein größeres Atelier erbauen, zu welchem die Bauzeichnungen bereits eingereicht sind. Es wird vermutet, dass der berühmte Bildhauer sein Atelier nach Friedenau zu verlegen beabsichtigt. Friedenau würde dann Gelegenheit haben, öfter den Kaiser zu sehen, der bekanntlich die Ateliers der betreffenden Bildhauer gern besucht.“

 

In Berlin hatte der Italiener inzwischen die Ostpreußin Ida-Eva geborene Sucht kennengelernt. Die Liebe seines Lebens war am 2. März 1872 in Tilsit geboren worden. Im Mai 1893 wurde geheiratet. Nach dem Umzug von der Wohnung in der Pfalzburger Straße Nr. 84, in der seine Töchter Eva (1894) und Eugenie (1896) geboren wurden, erfolgte der Einzug in das Haus Wilhelmstraße Nr. 7 (heute Görresstraße). Dort kam endlich am 4. Oktober 1900 der ersehnte Stammhalter Peter zur Welt.

 

Atelier V. Casal in der Bachestraße, nach 1920

Casal hat als zweiter Grundstückseigentümer in der Wilhelmstraße überhaupt das Anwesen Nr. 7 erworben. Bereits am 16. März 1899 genehmigt die Gemeindevertretung „das Baugesuch zur Errichtung von Wohn- und Werkstattgebäuden an der Wilhelmstraße“. Unter dem Begriff „Casal’sches Haus“ entstehen das Wohnhaus für seine Familie und dahinter auf dem weit in die Tiefe reichenden Anwesen, das bis in die später angelegte Bachestraße reicht, der Bildhauerhof „Atelier V. Casal“. Von diesem Zeitpunkt an sind unter Wilhelmstraße Nr. 7 die Bildhauer Paul G. Hüttig und Wilhelm Haverkamp vermerkt.

 

Casals Lage ist stabil. Mit der Arbeit hat er Glück. Die Einnahmen fließen kontinuierlich. Mit den marmornen Denkmälern wird Casal so bekannt, dass Staat und Privatpersonen weitere Aufträge erteilen. In seinen 1937 verfassten Memoiren schreibt er: „In einigen Jahren war es mir gelungen, einen bemerkenswerten Besitz zu erarbeiten. In Friedenau besaß ich ein Grundstück mit Gebäuden ohne Schulden im Wert von 125.000 Mark, zuzüglich 55.000 Mark stabile Vermögenswerte, die durch Gold abgesichert waren. Ich hatte ein gut ausgestattetes Atelier mit einem reichhaltigen Lager an Marmor in einem Gesamtwert von 45.000 Mark. Ich hatte keine Schulden.“

 

 

Bis zum Jahr 1901 fertigte Casal mit seinen aus Italien herbeigeholten Skulpteuren zwischen Wilhelm- und Bachestraße elf von insgesamt 32 monumentalen marmornen Denkmalgruppen mit Figuren bis zu 3,50 m Höhe für die Siegesallee im Tiergarten. So kam es, dass sich die bedeutendsten Bildhauer dort die Klinke in die Hand gaben: Max Unger (1854-1918), Joseph Upheus (1850-1911), Johannes Boese (1856-1917), Max Baumbach (1859-1915), Emil Graf Görtz zu Schlitz (1851-1914), Ludwig Cauer (1866-1947), Ludwig Manzel (1858-1936), Johannes Goetz (1865-1934), Gustav Eberlein (1847-1926) und Reinhold Begas (1831-1911). Und so kam es auch, dass sich Kaiser Wilhelm II. nebst Ehefrau Auguste Viktoria immer wieder hierher begaben, um den Weg vom Gipsentwurf zur Marmorskulptur zu erleben. Für den Kaiser wurde Friedenau zu Klein Carrara.

 

Die Gegend war im Gespräch. 1903 erwarb Ludwig Manzel das Grundstück Wilhelmstraße Nr. 9, 1904 folgte Johannes Götz mit seiner Villa Nr. 6. In ihrem Gefolge wartete eine Heerschar von Bildhauern mit einer (zeitweisen) Adresse Wilhelmstraße auf: Franz Rosse (1858-1900), P. Heift, O. Wesche, Johannes Hoffart (1851-1921), Franz Metzner (1870-1919), Edmond Gomansky (1854-1930), Paul Hubrich (1869-1948), Eberhard Encke (1881-1936), Heinrich Mißfeldt (1872-1945), Ludwig Isenbeck (1882-1958), Georges Morin (1874-1950) und Wilhelm Haverkamp (1864-1929).

 

In Friedenau wurden Denkmale nach den Gipsmodellen diverser Bildhauer am laufenden Band produziert: Schiller, Wagner, Lortzing, Liszt, Wilhelm I., Kaiserin Augusta, Großherzogin Alexandrine von Schwerin, Großherzog von Baden und Friedrich II. für Berlin, Wiesbaden, Potsdam, Kufstein, Mannheim und Magdeburg. Im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. entstand nach einem Entwurf von Gustav Eberlein im Casalschen Atelier als Geschenk an die Stadt Rom das Goethe-Denkmal für die Viale Goethe in der Villa Borghese. Das Werk aus Marmor wurde am 5. August 1904 von König Viktor Emanuel III. enthüllt – Valentino Casal wurde mit dem Ritterorden der Krone von Italien Cavaliere dell’Ordine della Corona d’Italia bedacht. Die Friedenauer kamen auch an die Reihe – mit Grabmalen, voran der Apotheker Albert Hirt (1905) und 1908 die Skulptur für das Grab von  Fabrikbesitzer Wilhelm Samuel Prowe auf dem Friedhof Stubenrauchstraße.

 

Familie Casal

Unerwünscht

 

Es kam der Erste Weltkrieg. Nachdem Italien am 4. Mai 1915 den Dreibund zwischen dem deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn gekündigt hatte, verließen viele Italiener Berlin. Casal, obwohl mit einer Deutschen verheiratet, hatte Angst: Come straniero temevo di venir internato in una Konzentrationslager, come si faceva in quel tempo dei francesi e degli inglesi. Am 7. Mai 1915 war er in Zürich. Im Juli hatte er ein Haus am Zürichsee gefunden und mit einem Freund ein Exportbüro für Lebensmittel, Tierfutter und Grassamen eröffnet. Da die Familie partout nicht in die Schweiz wollte, beantragte er die Wiedereinreise.

 

Am 28. August 1916 erklärte Italien Deutschland den Krieg. Nun war er unerwünscht. Die Reichsregierung hatte die deutschen Banken angewiesen, jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten und jede Zahlung, die ihm etwa geschuldet sein sollte, hintanhalten sollten, sowie die Unterbrechung der Zahlung der Renten an italienische Arbeiter. Umgekehrt verfuhr das Königreich Italien ebenso. Für Casal brach eine Welt zusammen. 15 Jahre hatte er für das Kaiserreich von Wilhelm II. Denkmale geschaffen. Nun war das Eigentum des Italieners beschlagnahmt. 1917 ist es in den Besitz der Gemeinde Friedenau übergegangen. Frau und Kinder durften im Haus Wilhelmstraße Nr. 7 bleiben. Die Schweiz lehnte seine Einbürgerung ab. Das Kloster Einsiedeln, dem er anbot, die Kunstwerke ohne Lohn, nur für Unterkunft und Verpflegung, zu restaurieren, verweigerte die christliche Nächstenhilfe. Als Casal sich 1917 an der XIII. Schweizerischen Kunstausstellung in Zürich mit seiner Skulptur „Mädchen mit dem Spiegel“ beteiligen wollte, war die Arbeit in München beschlagnahmt.

 

Unmittelbar nach dem Waffenstillstand 1918 fuhr er zur Familie nach Friedenau. Nun begann der Kampf um sein Eigentum. Mit der Weimarer Republik änderte sich erst einmal nichts. 1921 gingen seine Anwesen Bachestraße Nr. 10 und Wilhelmstraße Nr. 7 an die „Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg“. Bereits am 22. März 1922 waren die auf die Bachestraße ragenden Bauteile entfernt. 1925 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg) über.

 

 

Nach dem Vertrag von Versailles war für Streitfragen, die sich für Rechte und Interessen von Privatpersonen im Zusammenhang mit dem Krieg ergaben, die Geschäftsstelle des deutsch-italienischen Schiedsgerichtshofs in Rom zuständig. Nach einem Treffen mit Regierungsrat Benno Mergenthaler, den vom Auswärtigen Amt delegierten römischen Statthalter der Weimarer Republik, kam das Verfahren offensichtlich im Dezember 1925 zum Abschluss. Bis zur Vollstreckung reduzierten sich allerdings Casals Ansprüche in Folge der Inflation: „Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“

 

Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem städtischen Grundstück wurden im Jahr 1935 ausgeführt.

 

Das Haus der Familie Casal in Heidelberg Scheffelstraße 1, 1932. Archiv Casal-Schmiedeberg

In Heidelberg

 

Nach dem Weltkrieg fanden Frau und Kinder in Heidelberg eine neue Heimat. Casal brauchte Zeit. Er reiste viel: Salzburg, Triest, Forno di Zoldo, Venedig. In Lugano entstand ein Grabdenkmal für die Familie Monti (1919), in Brescia ein Denkmal für die Gefallenen (1921), an der Königlichen Porzellanfabrik im oberfränkischen Tettau modellierte er Porzellanfiguren. Im Januar 1926 wurde er zum Professor h.c. für Bildhauerei an der Università degli Studi di Padova ernannt. Casal war ein Familienmensch. Er konnte nicht isoliert und allein leben. Er beschloss, nach Heidelberg zurückzukehren. Dies geschah am 22. Dezember 1927. Tochter Eugenie war am Theater Heidelberg als Sängerin engagiert, Sohn Peter studierte Chemie in Darmstadt und Gattin Ida Eva suchte nach einer Aufgabe. Nachdem das Reichsausgleichsamt seine Entschädigung überwiesen hatte, kaufte Casal im Jahr 1929 die Villa in der Scheffelstraße Nr. 1, in der seine Frau das Töchter-Pensionat Casal gründete. Er legte sich in der Oberen Neckarstraße Nr. 29 ein Atelier zu. Dort entstanden Statuen und Reliefs in Gips, Terracotta, Marmor, Bronze. In Heidelberg sind sie beide gestorben, Ida-Eva Casal am 24. August 1948, Valentino Casal am 8. Juni 1951. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner eigenen Kunst auch einen Namen hinterlassen haben würde, wenn es nicht 1914 den schrecklichen Weltkrieg gegeben hätte.

Valentino Casal, Die Quelle, 1910

Memoiren von Valentino Casal

 

Im Juni 1937 schrieb Valentino Casal (1867-1951) „für seine Lieben“ in Heidelberg seine Erinnerungen. Am 8. Juni 1951 ist er im Alter von 84 Jahren in Heidelberg gestorben. Auf der nachfolgenden PDF veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Familie Casal-Schmiedeberg neben seiner selbstgefertigten Werkliste auch eine leicht gekürzte Fassung seiner ursprünglich in Italienisch verfassten Memoiren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Memoiren von Valentino Casal, 1937

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Werkliste von Valentino Casal, 1937

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Eingang zum ehemaligen Buchhändlerkeller Görresstraße 8. H&S 2017

Der Buchhändlerkeller

Görresstraße Nr. 8

vorher Wilhelmstraße Nr. 5 & 6

 

Zwischen 1967 und 1976 gab es in der Görresstraße Nr. 8 den „Buchhändlerkeller“. Der literarische Veranstaltungsort wurde 1967 von Klaus-Peter (KP) Herbach (1944-2004), dem Pressereferenten der Akademie der Künste, und dem Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler e. V. im Keller einer ehemaligen Bäckerei eingerichtet.

 

Dr. Christian G. Pätzold hat am 3. Dezember 2017 auf http://www.kuhlewampe.net/ über „50 Jahre Buchhändlerkeller Berlin“ geschrieben. Wir veröffentlichen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

 

 

 

 

50 Jahre Buchändlerkeller

 

Eine 68er Institution in Berlin feierte 50. Jubiläum. Im Buchhändlerkeller werden vor allem Bücher und Lebensgeschichten vorgestellt und diskutiert, an den Wänden gibt es aber auch Kunstausstellungen. Es ist kein Wunder, dass der Buchhändlerkeller bis heute existiert, denn die Revolte von 1968 war eng mit Büchern verbunden. Alle Beteiligten lasen damals unheimlich viele Bücher. Nur sind die meisten alten 68er inzwischen in ihren 70er und 80er Jahren und relativ gebrechlich, wenn sie noch leben.

 

Im Buchhändlerkeller funktioniert alles durch persönliches Engagement der Vereinsmitglieder. So kommen etwa 2 bis 3 Veranstaltungen pro Woche zusammen. Um die Kosten zu decken, muss ein Eintrittsgeld verlangt werden. Der Buchhändlerkeller ist heute immer noch eine der angesehensten literarischen Adressen in Berlin, ist aber schon lange kein Keller mehr, sondern ein schicker Laden im Erdgeschoss der Carmerstraße 1 in Berlin Charlottenburg. Ich erinnere mich gern an die Veranstaltungen, die ich im Buchhändlerkeller besucht habe. Daher wünsche ich dem Buchhändlerkeller weitere 50 Jahre. Wünschen kann man sich ja was.

 

Anlässlich des Festes zum 50. Jubiläum schrieb der Buchhändlerkeller: 50 Jahre - nur wenige literarische Institutionen in Berlin blicken auf längere kontinuierliche Arbeit im Dienst der aktuellen Belletristik, des literarischen Erbes und der gesellschaftspolitischen Debatte zurück. 1967 richteten KP (Klaus Peter) Herbach und linke Buchhändler und Lehrlinge aus dem gewerkschaftsnahen „Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler e.V.“ ihren „Buchhändlerkeller“ unter einer ehemaligen Bäckerei in der Friedenauer Görresstraße ein. Es wurde gelesen, diskutiert und gemeinsam demonstriert - bis der Keller nach einer Überschwemmung unbrauchbar wurde.

 

1976 dann der Neuanfang in der Charlottenburger Carmerstraße 1 in den Räumen der ehemaligen Galerie Mikro von Michael S. Cullen, der hier u.a. erstmals in Berlin Christo ausgestellt hatte. Kein Keller mehr, sondern das Parterre eines noblen Gründerzeithauses und jeden Donnerstag eine aktuelle Lesung, gefördert von Verlagen, vom Senat und vom Börsenverein, bis zu KP Herbachs Tod im Januar 2004.

 

Ein neuer Vorstand aus dem Freundeskreis von Herbach erweiterte das Programm um Ausstellungen, Filmvorführungen und viele andere Formen und Sujets - die Senatsförderung versiegte trotzdem: Der Buchhändlerkeller als „Institution“ mit kontinuierlichem Programm passte nicht mehr in das Projektkonzept der permanenten Innovation. Doch gute 10 Jahre nach dem Ende der Subvention gibt es den sympathischen Buchhändlerkeller immer noch, und er erfährt nach wie vor viel Zuspruch für die Veranstaltungen und für den Ort selbst als originellem Treffpunkt von Liebhabern eines aktuellen, aber auch weit zurückreichenden Literatur- und Bildungsbegriffs, verbunden mit kritischer gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung."

 

Wie es mit dem Buchhändlerkeller weiter geht, weiß man nicht so genau, denn die jetzigen ehrenamtlichen Macher_Innen des Buchhändlerkellers sind doch schon sehr in die Jahre gekommen. Die jungen Leute leben heute im digitalen Cyberspace. Da ist so etwas wie ein Buchhändlerkeller ziemlich old school.

 

Skulpturengruppe von Eberhard Encke auf dem Dach der Deutschen Botschaft in St. Petersburg, 1913

Eberhard Encke (1881-1936)

Görresstraße Nr. 12

Vorher Wilhelmstraße Nr. 5-6

 

Eberhard Encke (1881-1936) war der Sohn des Bildhauers Erdmann Encke (1843-1896). Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München. Nach einer zweijährigen Studienreise in Rom wurde er 1907 mit dem „Rom-Preis“ der „Preußischen Akademie der Künste“ ausgezeichnet. Von 1908 bis 1911 war Encke Meisterschüler des Bildhauers Louis Tuaillon (1862-1919) an der Berliner Akademie.

 

Für den Bau der deutschen Botschaft in Sankt Petersburg nach Entwürfen des Architekten Peter Behrens (1868-1940) schuf Eberhard Encke die Skulpturengruppe „Rosse führende Dioskuren“. Kaum war die Botschaft 1913 fertiggestellt, wurde sie gestürmt. Die bekrönende Figurengruppe wurde heruntergerissen. Sie ist seither verschollen. In seiner Behrens-Monographie schrieb der Architekturhistoriker Stanford Anderson (1934-2016) den bemerkenswerten Satz: „Behrens konnte dem ‚Mob‘ kaum ein passenderes Symbol zum Attackieren geben.“ Das Gebäude gehört heute dem Justizministerium der Russischen Föderation – ohne die Skulpturen auf dem Dach. Eberhard Encke wurde neben seinem Vater auf dem Alten Friedhof Wannsee in einem Ehrengrab beigesetzt. Das Familiengrab existiert noch immer.

 

 

In Berlin sind von Eberhard Encke u.a. folgende Werke erhalten: „Faustkämpfer für den Fehrbelliner Platz“, „Figuren und Giebelrelief“ für das Krematorium Wilmersdorf, „Zwei Hasenfiguren“ auf dem Geländer der Hasensprung­-Brücke in Grunewald sowie die Kriegerdenkmale für die „Gefallenen des XXII. Reservekorps“ im Ersten Weltkrieg in Wilmersdorf (1924) und die „Gefallenen des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments“ in Kreuzberg.

 

Der siegreiche Achilles von Johannes Götz auf Korfu

Johannes Götz (1865-1934)

Görresstraße Nr. 12

Vorher Wilhelmstraße Nr. 6

 

Zwischen 1898 und 1900 entstand im Atelier von Valentino Casal nach dem Gipsentwurf von Johannes Götz für die Siegesallee die Denkmalgruppe 19 „Kurfürst Joachim I. mit den Büsten von Markgraf Albrecht von Brandenburg (Erzbischof von Mainz) und Dietrich von Bülow (Bischof von Lebus)“. Nachdem Wilhelm II. 1907 das ehemalige Sommerschloss von Elisabeth von Österreich-Ungarn erworben hatte, ließ er dort als Gegenstück zur 1884 von Ernst Herter (1846-1917) geschaffenen Marmorskulptur „Sterbender Achill“ von Johannes Götz 1909 den „Kämpfenden Achill“ erstellen – selbstredend aus Marmor, riesenhaft, männlich, heroisch.

 

Der Bildhauer genoss die besondere Wertschätzung des Kaisers. Immer wieder wurde er mit Aufträgen bedacht und zur Mitarbeit an kaiserlichen Projekten aufgefordert, sü für die Quadriga auf dem Nationaldenkmals Wilhelms I. (1897) oder den Fassadenschmuck für den Berliner Dom (1905). Neben dem Casal’schen Bildhauerhof erwarb Götz 1905 das bis an die spätere Bachestraße reichende Grundstück Wilhelmstraße Nr. 6. Ein Jahr später zog er ein. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ meldete einige Zeit später: Die Villa des Herrn Prof. Götz ist bekanntlich in den Besitz des Herrn Kommissionsrat Heinrich Sachs übergegangen. Herr Prof. Götz wird in nächster Zeit seinen Wohnsitz nach Berlin verlegen. Das Atelier bleibt jedoch hier bestehen, da nur das Wohngebäude von Herrn Kommissionsrat Sachs käuflich erworben wurde.“

 

 

 

Georges Morin, Reifentänzerin, um 1900

Georges Morin (1874-1950)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Georges Morin studierte an der Berliner Akademie der Künste. Nach dem Examen ging er nach Paris, war von den Auftritten von Tänzerinnen so fasziniert, dass er begann, diese zu modellieren und zu malen. Er kehrte nach Berlin zurück, ließ sich im Bildhauerhof von Valentino Casal nieder und fertigte eine Vielzahl von Tänzerinnen-Figuren, die eigentlich sein gesamtes Werk prägen. So kommt es, dass seine Kleinplastiken noch heute präsent sind und vor allem auf Auktionen angeboten werden.

 

Heinrich Mißfeldt im Atelier. Archiv Horst Mißfeldt

Heinrich Mißfeldt (1872-1945)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Heinrich Christian Ludwig Mißfeldt wurde am 20. Dezember 1872 in Kiel geboren. Der Vater war Inhaber einer Ziegelei und bestand offensichtlich darauf, dass sein Spross erst einmal eine Lehre als Holzbildhauer absolvierte. Mit 19 Jahren ging er an die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin. Sie war 1868 eröffnet worden, um dem wachsenden Gewerbe ein Mehr an künstlerischem Empfinden zu vermitteln, das wiederum zu besser gestalteten Produkten führen sollte. Die Schüler wurden in Tages- und Abendkursen unterrichtet. Es folgte ein Studium an der Akademie der Künste. 1899 trat Mißfeldt mit ersten Arbeiten an die Öffentlichkeit, zuerst in Kiel mit der Statuette des niederdeutschen Schriftstellers Klaus Groth (1899), dann für Husum das Grabmal aus Bronze und Granit für den Schriftsteller Johann Meyer (1904), später den Grabstein der Familie Taeschner auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Berlin und 1903 mit der Bronzestatuette „Kugelspieler“ – der künstlerische Durchbruch.

 

Am 5. Oktober 1906 gab es in Kiel die Hochzeit mit der 1867 in Kiel geborenen Ottilie Dorothea Friederike, Bertha geb. Meyer. Im Adressbuch von 1907 ist der Bildhauer Heinrich Mißfeldt in der Wilhelmstraße Nr. 7 eingetragen. Es ist davon auszugehen, dass mit dieser Adresse der Bildhauerhof von Valentino Casal gemeint ist, in dem er ein Atelier gemietet hatte. Dort müsste die Marmorfigur „Abschied“ entstanden sein, die Kaiser Wilhelm dann für das Schloss Wiesbaden erworben hat.

 

Als der Abschied von Bürgermeister Bernhard Schnackenburg anstand, bestellte die Gemeinde Friedenau bei Mißfeldt eine Bronze, die Schnackenburg 1909 zum Antritt als Oberbürgermeister von Altona überreicht wurde – gegossen in der Bildgießerei Hermann Noack. Heinrich Mißfeldt bleibt Friedenauer. Das Atelier in der Wilhelmstraße behält er. Dort entstehen 1921/22 eine Reihe von Kriegerdenkmalen, darunter 1923 aus Ziegeln und Muschelkalk das Mahnmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs (1923). 1910 zieht die Familie in die Eschenstraße Nr. 6 und 1936 in die Stierstraße Nr. 20. Zur Zeitgeschichte gehört allerdings auch, dass nach seinem Entwurf das bronzene „Reliefportrait Adolf Hitler“ in der Größe von 7,8 x 8,2 cm entstand, gegossen bei Noack, signiert mit H. Mißfeldt und von der Lehrgießerei der Vereinigten Aluminium-Werke AG vielfach vervielfältigt. Heinrich Mißfeldt starb am 27. Oktober 1945 in Torgau.

 

Wilhelm Haverkamp, Knabengruppe. Rom 1891

Wilhelm Haverkamp (1864-1929)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Das Aufsehen über das „Arbeiterdenkmal“ am Schlesischen Bahnhof ist 1898 auch Kaiser Wilhelm II. nicht entgangen. Der „Schmied mit seinem Sohn“ (Vatergruppe), der energisch nach dem Hammer des Vaters greift, obendrein in Marmor ausgeführt, bewegte den Hohenzoller zu einem Besuch im Atelier von Wilhelm Haverkamp in der Wilhelmstraße Nr. 7. Danach beauftragte er den Bildhauer, eine der Jagdszenen für den Großen Stern im Tiergarten zu konzipieren – ein Arrangement aus vier Freiplastiken von Fritz Schaper (Wisentjagd), Carl Begas (Eberjagd), Max Baumbach (Hasenhetze) und Wilhelm Haverkamp (Fuchsjagd).

 

Haverkamp, der die Volksschule besuchte, in sehr ärmlichen Verhältnissen in Senden bei Münster von den Großeltern Ferlmann absolvierte eine Lehre als Stein- und Holzbildhauer und studierte dann mit Hilfe eines Stipendiums, für das er sich an einem Wettbewerb beteiligt hatte, ab 1883 an der Preußischen Akademie der Künste. 1889 bewarb sich mit dem Relief „Gang zum Hades“ für den Rom-Preis der Akademie. Während seines zweijährigen Aufenthaltes schuf er 1891 für Wilhelm Hüffer (1821–1895) die im Entree seiner römischen Villa aufgestellte „Knabengruppe auf korinthischem Kapitell“.

 

Hüffers Versuche, den jungen Bildhauer an Rom zu binden, scheiterten. Haverkamp reiste im März 1892 ab, heiratete Hals über Kopf am 26. April 1892 Margaretha Ferlmann-Bringelmann, die Adoptivtochter seines Onkels Josef Ferlman und kehrte als Meisterschüler von Fritz Schaper (1841-1919) nach Berlin zurück. An Aufträgen mangelte es nicht. Jedes Jahr wartete er mit einer Auftragsarbeit auf: Kanzel für die Kirche in Rheydt (1902), Barmherziger Ritter für das Krankenhaus Schlachtensee (1903), Marmorherme für Schloss Küstrin und deren Zweitanfertigung für das Arbeitszimmer des Kaisers im Neuen Palais in Potsdam (1903), Krupp-Denkmal für den Kaiserlichen Yachtklub Kiel (1904).

 

Die Auftragsarbeiten befriedigten Haverkamp nicht wirklich: „Ich suchte mich zu befreien von all dem elenden Kram, der mich bedrückte und seit Jahren quälte.“ So schuf er 1906 die „Ringergruppe“ mit zwei lebensgroßen nackten Ringern für den Volkspark Rehberge – geehrt mit der Großen goldenen Medaille, der höchsten Kunstauszeichnung der preußischen Akademie der Künste. Seit Oktober 1901 lehrte er an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums figürliches Modellieren und dekorative Plastik. 1902 wurde er Nachfolger von Ludwig Manzel und zum Professor ernannt. Zu seinen Schülern gehört u. a, Renée Sintenis.

 

Unter der noch gänzlich unbebauten Schwalbacher Straße Nr. 9 ist 1903 das „Haverkamp’sche Haus“ mit dem Eigentümer Wilhelm Haverkamp eingetragen. Dort kommen die Kinder Wilhelmine, Otto und Helmut zur Welt, dort wird schließlich auch sein Onkel, der Rentner Josef Ferlmann aufgenommen. Zwanzig Jahre lebte Wilhelm Haverkamp in der Schwalbacher Straße Nr. 9. Das Haus gegenüber der Rheingau-Schule hat den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. Von der bauzeitlichen Ausstattung der katholischen Kirche St. Marien, die Haverkamp für seine „geliebte“ Pfarrkirche zu großen Teilen geschaffen hatte, ist nicht mehr viel erhalten: Geblieben sind zwei Fassadenreliefs aus Formziegel (1914) und die überlebensgroße Holzfigur „Herz Jesu“ (1928). Wilhelm Haverkamp starb am 13. Januar 1929 zurückgezogen in seinem Haus an den Auswirkungen einer Staublunge und an Herzversagen. Seine letzte Ruhestätte fand er neben seiner 1918 verstorbenen Frau Margarethe auf dem St. Laurentius-Friedhof in Senden. 1931 vermerkt das Adressbuch: „Haverkamp’sche Erben Kaufmann Otto Haverkamp“.

 

Rathaus Schöneberg. Foto H&S, 2015

Hinrichsen & Isenbeck

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Der Bildhauer Ludwig Isenbeck (1882-1958) und der Architekt Johannes Hinrichsen gehören nicht zur allerersten Garde, aber sie haben mit den Skulpturen am Schöneberger Rathaus (1911-1913) oder mit dem Fassadenschmuck am Weinhaus Huth (1911-1912) Werke hinterlassen, die gewürdigt werden sollten. Was sollen Bürger davon halten, wenn Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) während ihrer Führung durch das Rathaus Schöneberg am 16. Februar 2013 „zur Architektur nicht allzu viel erzählen möchte“ (oder nicht kann), und es dabei belässt, dass „der Fassadenschmuck und die vier Turmfiguren Werke der Friedenauer Bildhauer Johannes Hinrichsen und Ludwig Isenbeck sind“.

 

Schon in der vom Bezirksamt im Jahr 2014 höchst aufwändig erstellten Dokumentation über „Das Rathaus Schöneberg“ bleibt die Information dürftig. Wir zitieren: „Hinrichsen, Johannes (?), Bildhauer und Architekt (Werkstatt Hinrichsen & Isenbeck, Berlin-Friedenau); Bildhauerische Arbeiten in Stein, Keramik und Metall für zahlreiche öffentliche Bauten in Berlin, u.a. Fassadenschmuck Weinhaus Huth, Restaurationsgebäude im Berliner Zoo); Bauplastische Gestaltung am Außenbau, u.a. Figuren am Turm sowie in Eingangshalle, um 1914. - Isenbeck, Ludwig (1882-1958), Bildhauer (Werkstatt Hinrichsen & Isenbeck, Berlin-Friedenau); Bildhauerische Arbeiten in Stein, Keramik und Metall für zahlreiche öffentliche Bauten in Berlin, u.a. Fassadenschmuck Weinhaus Huth, Restaurationsgebäude im Berliner Zoo); Bauplastische Gestaltung am Außenbau, u.a. Figuren am Turm sowie in Eingangshalle, um 1914.“

 

Zu befürchten ist, dass die Fassadengestalter „Hinrichsen & Isenbeck“ demnächst ganz in Vergessenheit geraten. Obwohl der Bundestag schon vor Jahren eine „Deutsche Digitale Bibliothek" beschlossen hat, ist auch das ansonsten verdienstvolle Architekturmuseum der TU Berlin bisher nicht in der Lage, das 1912 von Hinrichsen & Isenbeck „als Bildhauer“ geschaffene Gipsmodell „Allegorie der Fruchtbarkeit“ für das Portal des Weinhauses Huth am Potsdamer Platz (Inventarnummer 42285) als Bild zu zeigen. Nach wie vor aber gilt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“

 

Von „Hinrichsen & Isenbeck“ sind in Berlin u.a. erhalten: „Skulpturen am Schöneberger Rathaus" (1911-1913), „Muschelkalkskulpturen“ als Fassadenschmuck am Weinhaus Huth Potsdamer Platz (1911-1912), „Fassadenschmuck Schiller-Oberschule“ (Leibniz-Realschule) Schillerstraße Charlottenburg (1911-1913), „Bildhauerarbeiten Vier Jahreszeiten“ Eosander-Schinkel-Grundschule (Gemeindeschule) Nithackstraße Charlottenburg (1913-1914), „Vier-Winde-Brunnen“ am Rathaus Lankwitz (1910), „Springer“ an der Fassade des Stadtbades Lichtenberg (1928).

 

Signatur Edmund Gomansky

Edmund Gomansky (1854-1930)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Edmund Gomansky (1854-1930) studierte an der Berliner Akademie der Künste. Er war Schüler von Fritz Schaper (1841-1919) und Rudolf Siemering (1835-1905). Unter Siemerings Anleitung entstand 1891 die Skulptur „Betende Knaben“ für die Königlichen Museen Berlin. 1895 nahm Gomansly am Wettbewerb für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Chemnitz teil. Der Entwurf wurde prämiert, ausgeführt jedoch der Entwurf von Wilhelm von Rümann (1850-1906). Erfolgreicher verlief 1900 der Wettbewerb für den Brunnen in Oppeln. Sein „Ceres-Brunnen“ auf dem ehemaligen Friedrichsplatz wurde 1907 zum 100. Jahrestag des Oktoberedikts von 1807 und damit der Preußischen Agrarreformen eingeweiht. Die Skulpturen von Demeter (Ceres) und ihrer Tochter Persephone (Proserpina) sowie Poseidon (Neptun) mit Meeresgott Glaukos und einem Fischernetz und Herakles mit einer Hacke symbolisieren Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau. Gomanskys Marmorskulptur „Mutter mit Kind“ (1898) war gemeinsam mit der „Vatergruppe“ von Wilhelm Haverkamp (1864-1929) bis 1960 Bestandteil einer Marmorsitzbank auf dem Andreasplatz. Sie befindet sich heute im Volkspark Friedrichshain.

 

 

Fritz Burger Bildnis Ludwig Manzel, 1912, Nationalgalerie Berlin

Ludwig Manzel (1858-1936)

Görresstraße Nr. 20

Vorher Wilhelmstraße Nr. 9

 

Der Bildhauer Ludwig Manzel (1858-1936) hatte die Nase allzeit vorn. 1891 schuf er zur Einweihung des Teltower Kreishauses in der Berliner Viktoriastraße eine Büste von Ernst von Stubenrauch. 1898 fertigte er für die Sommerresidenz von Kaiser Wilhelm II. in Cadinen ein kaiserliches Wappen. 1900 ließ er seinen Gipsentwurf von Kurfürst Friedrich I. für die Gruppe 15 der Siegesallee von Valentino Casal in Marmor fertigen. 1903, kaum hatte er des Kaisers Worte vom „Klein Carrara in Friedenau“ vernommen, ließ er sich das Landhaus in der Wilhelmstraße Nr. 9 errichten. In den allerletzten Wochen der Weimarer Republik stellte er zum 22. Oktober 1932 die Muschelkalksteinwand für das Grabmal von Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof her. Als die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, präsentierte er nach Ansicht des Berliner Lokal-Anzeigers „eine ausgezeichnete Bronzemedaille von Dr. Goebbels“.

 

Manzels Arbeiten demonstrieren Macht und Überlegenheit. Das Überschreiten der menschlichen Proportionen wurde vielfach zum Maßstab. Damit setzte er auffällige Zeichen, sowohl bei profanen Denkmalen als auch bei sakralen Bauten, wozu das 1924 gefertigte Monumentalrelief „Christus“ auf dem Südwestkirchhof. Der aus dem 11. Matthäus-Kapitel entnommene Titel, „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, stellt eine fragwürdige Botschaft dar.

 

 

 

 

Manzels Monumentalkunst kommt nicht von ungefähr. Seine Ausbildung erhält er an der Akademie der Künste bei Albert Wolff (1815.1892) und Fritz Schaper (1841-1919). Ihre idealistischen Schöpfungen, Kolossalstatuen, Reiterstandbilder, Marmorgruppen, Bronzereliefs, blieben nicht ohne Einfluss. Schaper geriet zum „väterlichen Freund“, an den er sich „in künstlerischen und menschlichen Nöten, auch noch lange nach der Schülerzeit“ wenden konnte. Später schlüpfte er selbst in diese Rolle. In sein Haus Wilhelmstraße Nr. 9 holte er sich als Untermieter den Bildhauer Paul Hubrich (1869-1948), seinen Schüler und wohl auch lebenslanger Bildhauer-Gehilfe.

 

Ludwig Manzel, seit 1912 Präsident der Preußischen Akademie der Künste, unterzeichnete zwei Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs neben Max Liebermann, Engelbert Humperdinck, Gerhard Hauptmann und Max Planck jenen Aufruf „An die Kulturwelt“, in dem diese „Protest gegen die Lügen und Verleumdungen erheben, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten“.

 

Das Grab von Ludwig Manzel befindet sich auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof (Block Heilige Geist, Gartenblock V, Gartenstelle 1) – darauf eine wohl von den Bildhauern Willibald Fritsch (1876-1948) und Paul Hubrich initiierte Porträtplakette mit der Inschrift: „Dem hochverehrten Meister zum fünfzigsten Geburtstage gewidmet von seinen dankbaren Schülern.“

 

Grab von Paul Hubrich auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. H&S 2007

Paul Hubrich (1869-1948)

Görresstraße Nr. 20

Vorher Wilhelmstraße Nr. 9

 

Geblieben ist vom Bildhauer Paul Hubrich (1869-1948) nicht viel. Einzig auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf ist einiges von ihm erhalten. Neben seiner eigenen Grabstätte (Block Heilig Geist, Gartenblock VI, Erbbegräbnis 27) die „Trauernde Maria“ (1912) am Grab Skaba, das „Muschelkalkdenkmal“ (1930) am Grab von Charlotte Birnbaum (Block Charlottenburg, Gartenblock III, Gartenstelle 79) und die Marmorskulptur „David“, die aus seinem Nachlass stammt und sich nun auf dem Grab Seefeld (Block Erlöser, Gartenblock II, Gartenstelle 19/20) befindet.

 

Das „Christus-Relief“ von Ludwig Manzel auf dem Südwestkirchhof gehört irgendwie auch dazu. Das monumentale Werk mit zwölf Meter Breite und zwei Meter Höhe „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28) wurde zuerst als Gipsentwurf auf der Großen Berliner Kunstausstellung von 1911 gezeigt. Um die Christusfigur im Zentrum gruppierte Manzel 24 Figuren. Die steinerne Ausformung für den Friedhof besorgte wohl nicht der Meister selbst, sondern sein Schüler.

 

Paul Hubrich war ein treuer Diener seines Herrn. Das kuriose Verhältnis begann auf der Berliner Kunstgewerbeschule. Nach 1904 war Hubrich mit Genrestatuen und Büsten auf der Großen Berliner Kunstausstellung vertreten, nach 1906 zog er als Mieter in das Eigenheim von Ludwig Manzel in die Wilhelmstraße Nr. 9. Als der Meister 1908 seine Villa in der Charlottenburger Sophienstraße bezog, blieb sein Schüler vorerst im Haus. 1919 zog Hubrich in das Haus der Privatiere Lindner in der Niedstraße Nr. 33. Dort wohnt er 1943 noch immer – nun mit Berufsbezeichnung „Steinmetzmeister“.

 

 

Leonhard Sandrock, 1912

Leonhard Sandrock (1867-1945)

Görresstraße Nr. 21

Vorher Wilhelmstraße Nr. 16

 

Als Alfred Bürkner 1996 sein Buch „Friedenau“ veröffentlichte, wies er unter Görresstraße Nr. 21 (Wilhelmstraße Nr. 16) darauf hin, dass „auf dem hinteren Teil des Grundstückes ein Atelierhaus steht, in dem die bildhauerische Tradition der Görresstraße mit dem Bildhauer Michael Schoenholtz (geb. 1937) fortgeführt wird. Er meinte damit auch die Bildhauer Franz Rosse (1858-1900), Johannes Hoffart (1851-1921) und Edmund Gomansky (1854-1930), die das Atelier zeitweise genutzt hatten. Nachzutragen ist, dass dort auch Schriftsteller, Zeichner, Kunstgewerbler und Maler gewirkt haben.

 

Dass dieses Anwesen ein „Künstlerdomizil“ wurde, hat wohl mit Otto Wesche zu tun, der einst für die Zwickauer Marienkirche den „Engel“ und für seine Familie auf dem Friedhof ein Wandgrab geschaffen hatte. Wesche war Mitinhaber der Firma „Wesche & Ramcke“, die in Zwickau ab 1871 ein „Bildhauerei und Stuckatur-Geschäft“ betrieb. 1901 legte er sich in Friedenau das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 16 zu. Da „die Stadt Meerane den Bildhauer Otto Wesche aus Berlin-Friedenau mit zwei Brunnenprojekten beauftragte“, entstand um diese Zeit wohl auch das Atelier. Genutzt hatte er es nicht. Jedenfalls sind bildhauerische Arbeiten von ihm nicht bekannt.

 

Ab 1909 mietete der Oberleutnant a. D. Leonhard Sandrock (1867-1945) das Atelier. Er war am 5. März 1867 im schlesischen Neumarkt geboren worden, hatte das Gymnasium in Schweidnitz besucht und war 1887 in die preußische Armee eingetreten. Ein Reitunfall beim Feldartillerie-Regiment in Verden beendete seine militärische Karriere. Der fortan gehbehinderte Mann zog mit Ehefrau Ellen geb. Schmidt nach Berlin und studierte ab 1894 Malerei. Er wurde Mitglied des „Vereins Berliner Künstler“, beteiligte sich ab 1899 regelmäßig an der Großen Berliner Kunst-Ausstellung und gehörte dem 1920 gegründeten „Künstlerbund Schöneberg-Friedenau“ an.

 

 

 

1912 entdeckte ihn Max Osborn (1870-1946), der Kunstkritiker der „Vossischen Zeitung“. Er bezeichnete Sandrock als „eins der stärksten und hoffnungsvollsten Talente der Berliner Malerzunft“, von dem „noch Vieles und Gutes zu erwarten“ ist. Sandrock wusste um den Einfluss der Zeitungen. Bereits am 28. Juni 1911 hatte er an Redakteur Ganske von der illustrierten Tageszeitung „Der Tag“ geschrieben: „Sie wollten mich doch immer einmal in meinem Atelier besuchen. Ich habe augenblicklich eine größere Zahl an Bildern da, so dass ich Ihnen doch wenigstens etwas zeigen kann. Passt es Ihnen an einem der kommenden Nachmittage? Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen. Mein Atelier liegt Friedenau, Wilhelmstraße 16 in derselben Straße, wo die Ateliers von Martin Götz und Casal liegen. Vielleicht ist es am einfachsten, Sie telephonieren mich einmal an (Amt Pfalzburg 8401). Ich bin mit ziemlicher Sicherheit morgens bis 9 Uhr und dann nachmittags von 2 1/2-4 Uhr zu Hause zu erreichen.“ Zu Hause, das war von 1907 bis 1918 die Wohnung in der Stubenrauchstraße Nr. 58. Im Jahr 1919 zog das kinderlose Ehepaar in die Niedstraße Nr. 31. Dort wohnten sie bis zu ihrem Tod. Leonhard Sandrock starb mit 78 Jahren am 30. Oktober 1945 (unter bis heute ungeklärten Umständen), die sieben Jahre jüngere Ehefrau Ellen geb. Schmidt ein Jahr später am 8. Dezember 1946. Nicht bekannt ist, wo die beiden begraben wurden. Der Mietvertrag für das Atelier Wilhelmstraße Nr. 16, aus der 1937 Golzheimer Straße Nr. 21 geworden war, existierte bis 1945.

 

Leonhard Sandrock, dies wird beim Betrachten seiner Gemälde deutlich, reiste viel. Immer wieder Hamburg, Nordsee, Ostsee, Adria, Mittelmeer, die „Marinebilder“, die vor Ort und in Ruhe entstanden sind, und dann Schlesien und Westfalen, die „Industriebilder“ der Stahlwerke, die wegen Hitze, Lärm, Dampf und Dreck vor Ort nur skizziert und später im Atelier in Öl umgesetzt werden konnten.

 

Nach seinem Tod wurde Sandrock zum „vergessenen Maler des Impressionismus“. Da „29 Gemälde, Aquarelle und Graphiken dem Hamburger Hafen direkt zuzuordnen und von den übrigen Hafenbildern wahrscheinlich eine ganze Anzahl in Hamburg entstanden waren", gab es 1992 eine erste Ausstellung im „Altonaer Museum“. Die Kunsthistorikerin Dorothy von Hülsen steuerte dazu den Katalog „Leonhard Sandrock - Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz“ bei. Es ist ganz zweifellos ihr Verdienst, dass Werk und Leben von Leonhard Sandrock vor der Vergessenheit bewahrt wurden. Für Dorothy von Hülsen war Sandrock „ein versierter Handwerker. Neben der Fähigkeit, das Gesehene naturgetreu malen zu können, besaß er die große Begabung, Wesentliches vom Nebensächlichen zu trennen, inhaltliche und malerische Akzente zu setzen, Bildausschnitte zu wählen, die den Beschauer direkt ins Bild führen“. Zu seinen Lebzeiten hatten neben der Nationalgalerie Berlin einige deutsche Museen seine Gemälde erworben. Weitere Bilder entstanden im Auftrag der Industriewerke in Schlesien und Westfalen.

 

Das Ehepaar Sandrock hatte keine Kinder. So ging Dorothy von Hülsen der Frage nach, was aus dem Nachlass wurde. Etwa fünfzig Gemälde, Zeichnungen, Lithographien, Radierungen und Skizzenbücher waren früh in den Besitz des Sohnes der Cousine von Ehefrau Ellen Sandrock übergegangen. In den 1930er Jahren hatte der Berliner Kaufmann Heinrich König eine größere Anzahl an Gemälden von Sandrock erworben. Während des Weltkriegs zog er – mit den Bildern – in den Spreewald. Nach der Währungsreform übersiedelte die Familie in den Rheingau und vertraute den Transport der Sandrock-Gemälde der Tochter Melanie an. Ihr gelang es, die Bilder ohne Keilrahmen Stück für Stück aus der damals sowjetisch besetzten Zone nach West-Berlin zu bringen. Von dort gingen sie per Post nach Westdeutschland. Zehn Jahre nach dem Tod des Ehepaars König wurde der Nachlass mit über 300 Bildern dem Kunsthändler Eduard Sabatier in Verden angeboten.

 

Sabatier sorgte (nicht uneigennützig) dafür, dass das Werk „des vergessenen Malers“ an die Öffentlichkeit kam. 1992 präsentierte das „Altonaer Museum“ in Hamburg die Ausstellung „Leonhard Sandrock 1867-1945: Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz“. 1997 folgte in der Zitadelle Spandau eine Würdigung Sandrocks mit „Maschinen-Dampfdome-Arbeit". Und zu seinem 150. Geburtstag erinnerten 2017 gleich zwei Bremer Museen an den deutschen Impressionisten: Das Overbeck-Museum Bremen zeigte den „Industriemaler“ und das Museum Schloss Schönebeck den „Marinemaler“. Das weitere Geschäft übernahmen Auktionshäuser, darunter die 1919 in Schöneberg gegründete Kunsthandlung Leo Spik. Sandrocks Werke, ob nun Darstellungen von Häfen, Schiffen, Lokomotiven oder Stahlwerken, gelten inzwischen als „Geheimtipp“.

 

Berlin ist mit den bisher bekannten Gemälden „Im Krögelhof“ (1914), „Bahnhof Schöneberg“, „Straßenbahndepot“ (1930), „Schlesischer Bahnhof“, „U-Bahnbau bei Nacht in der Motzstraße“ (Berlin Museum), „Gasometer“, „In der Zentrale der Berliner Elektrizitätswerke“ und „Ansicht von Schloss Köpenick“ (o. J) etwas „zu kurz“ gekommen.

 

 

Quelle: Katalog Pro Art

Graphische Ausstellung im Schöneberger Rathaus, 1923

 

Mit der Entstehung von Groß-Berlin und der Übernahme von Friedenau in den Verwaltungsbezirk Schöneberg wurde 1920 auch der „Künstlerbund Schöneberg-Friedenau“ gegründet. Leonhard Sandrock wurde Mitglied. Zu den Ereignissen dieser Jahre gehört die 1923 von der „Bezirks-Kunstdeputation“ und dem „Künstlerbund Schöneberg-Friedenau“ organisierte Ausstellung „Graphische Ausstellung eines Schöneberger Sammlers“ in der Halle des Schöneberger Rathauses. Basis war die Sammlung von Sebastian Malz (1873-1945), darunter u.a. Werke von Adolph Menzel, Hans Thoma, Wilhelm Steinhausen, Richard Albitz, Fritz Ascher, Wilhelm Blanke, Fritz Geyer, Hans Hartig, Ernst Kolbe, Carl Kayser-Eichberg, Max Fabian, Alfred Liedtke, Franz Müller-Münster, Paul Plontke, Cornelia Paczka, Hermann Sandkuhl, Franz Stassen, Georg Wolters und Leonhard Sandrock.

 

Sebastian Malz war Inhaber der „Kunstdruckerei Sebastian Malz und Sohn“ in der Gothaer Straße Nr. 16, die das lithografische Verfahren der Algraphie weiterentwickelt hatte. Der Begriff Algraphie setzt sich aus den Wörtern „Aluminium“ und dem griechischen „graphein“ (schreiben) zusammen, und weist daraufhin, dass bei diesem Verfahren eine „gekörnte Aluminiumplatte“ verwendet wird. Malz hat bereits 1910 seine Erfahrungen mit dem Flachdruckverfahren zur Buchillustration in „Die Techniken der Algraphie: mit besonderer Berücksichtigung der künstlerischen Herstellungsverfahren jeder Art und Behandlung derselben im Druck“ publiziert. Die Druckergebnisse von „Malz und Sohn“ genossen bei Künstlern einen hervorragenden Ruf.

Quelle: Katalog Pro Art

Die Kunsthistorikerin Dorothy von Hülsen veröffentlichte 1992 in ihrem Katalog „Leonhard Sandrock: Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz“ ein bisher unbekanntes Foto, das wahrscheinlich aus dem Landesarchiv Berlin stammt. Es ist etwa um 1925 entstanden und zeigt Leonhard Sandrock und seine Frau Ellen. Da die Sandrocks zu dieser Zeit in der Niedstraße Nr. 31 wohnten und hinter der Bank Birken zu sehen sind, liegt es nahe, dass dieses Foto im „Birkenwäldchen“ auf dem Maybachplatz (Perelsplatz) aufgenommen wurde.

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