Auf dem Plan vom Wilmersdorfer Oberfeld von 1874 ist der Weg vom Friedrich-Wilhelm-Platz zum Hamburger Platz als Stuttgarter Straße eingetragen. Nachdem es 1871 mit Wilhelm I. (1797-1888) den ersten deutschen Kaiser gab, wurde die Straße 1876 Wilhelmstraße benannt. Nach 1933 installierten die Nationalsozialisten Albert Leo Schlageter (1894-1923) zum Märtyrer, weil er während der Ruhrbesetzung wegen Sprengstoffanschlägen vom französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und in der Golzheimer Heide hingerichtet wurde. Aus der Wilhelmstraße wurde 1937 die Golzheimer Straße inklusive einer neuen Nummerierung. Bisher zählte die (vom Friedrich-Wilhelm-Platz) rechte Straßenseite zwölf Gebäude mit den Nummern 1, 2, 3/4, 5/6, 7 bis 11 und 11a, 11b und 11c, die andere Straßenseite zählte vom Südwestkorso aus von Nummer 12 bis Nummer 23. Von da an waren die geraden Hausnummern rechts und die ungeraden links). Bis heute fehlen die Nummern 5, 7 und 17. Nach 1945 wurde eine Umbenennung diskutiert. Der Vorschlag Aufbaustraße wurde verworfen. 1947 kam es zur Görresstraße, benannt nach dem Publizisten und Gründer des Rheinischen Merkur Joseph Görres (1776-1848).

 

Die Entstehung der Bildhauerkolonie in der Wilhelmstraße (heute Görresstraße) ist auf das Jahr 1899 zurückzuführen. Da erwarb der Italiener Valentino Casal für sich und seine aus Ostpreußen stammende Ehefrau Ida Eva Alexandra geb. Sucht das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10. Die Bauten entwarf der am Friedrich-Wilhelm-Platz residierende Architekt Oskar Haustein. Hinter dem Casal’schen Wohnhaus entstand der Bildhauerhof, in dessen Ateliers ab September 1899 aus Gipsentwürfen die marmornen Denkmäler für die Siegesallee gearbeitet wurden. Nebenan bauten sich Ludwig Manzel (Nr. 9) und Johannes Götz (Nr. 6) Landhäuser mit Ateliers.

 

Casal, Götz und Manzel bewirkten, dass in der Wilhelmstraße in den folgenden Jahrzehnten Bildhauer und Maler wohnten bzw. arbeiteten, darunter u. a. Wilhelm Haverkamp (siehe auch Schwalbacher Str. Nr 9), Paul Hüttig, Otto Wesche, Franz Rosse, Johannes Hoffart, Edmund Gomansky, Paul Hubrich, August Dressel, Otto Wenzel, Heinrich Mißfeldt, Leonhard Sandrock, Eberhard Encke, George Morin, Johannes Hinrichsen, Ludwig Isenbeck, Johann, Michael Bossard, Paul Hamann, Georg Hengstenberg und Michael Schoenholtz - sie machten Friedenau zu Klein-Carrara.

 

Mit Klein Carrara ist die Wilhelmstraße (Görresstraße) in Friedenau gemeint. Die Namensgebung geht mutmaßlich auf Kaiser Wilhelm II. zurück. Es ist davon auszugehen, dass die Formulierung erstmals in der Berliner Illustrirte Zeitung, 8.Jg./1899, Nr.47 zu lesen war und immer weiter kolportiert wurde: Casals Atelier, die ‚größte Handlangerei der Kunst‘, wurde vom Kaiser scherzhaft als ‚Klein Carrara’ bezeichnet.

 

Urheber soll Chefredakteur Arthur Brehmer (1858–1923) sein. Ihm wird nachgesagt, dass er dem Wiener Schmäh eher verpflichtet schien als der Wahrheit. Entsprechend seinem Motto, Interessant sein ist alles, war er wohl dabei, als der Kaiser mit großem Gefolge am 7. November 1899 nachmittags in die Wilhelmstraße kam, um die von Bildhauer Max Baumbach modellierte Siegesallee-Gruppe in Augenschein zu nehmen, die im Atelier von Valentino Casal in Marmor gearbeitet wurde.

 

Um das umfangreiche Material zur Görresstraße anschaulich zu präsentieren, haben wir uns zu eigenständigen Menüpunkten entschlossen. Weiteres finden Sie unter Exkurs Klein Carrara und Exkurs Atelierhaus sowie – was die aktuellen Baupläne in dieser Straße betrifft unter Exkurs Fuhrhof.

 

Eingang zum ehemaligen Buchhändlerkeller Görresstraße 8. H&S 2017

Der Buchhändlerkeller

Görresstraße Nr. 8 (vorher Wilhelmstraße Nr. 5 & 6)

 

Zwischen 1967 und 1976 gab es in der Görresstraße Nr. 8 den Buchhändlerkeller. Der literarische Veranstaltungsort wurde 1967 von Klaus-Peter (KP) Herbach (1944-2004), dem Pressereferenten der Akademie der Künste, und dem Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler e. V. im Keller einer ehemaligen Bäckerei eingerichtet.

 

Der in der Bennigsenstraße lebende Essayist Christian G. Pätzold hat am 3. Dezember 2017 über 50 Jahre Buchhändlerkeller Berlin geschrieben. Wir veröffentlichen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

Weitere empfehlenswerte Essays von Christian G. Pätzold finden Sie auf seiner Webseite http://www.kuhlewampe.net/.

 

 

 

50 Jahre Buchändlerkeller

 

Eine 68er Institution in Berlin feierte 50. Jubiläum. Im Buchhändlerkeller werden vor allem Bücher und Lebensgeschichten vorgestellt und diskutiert, an den Wänden gibt es aber auch Kunstausstellungen. Es ist kein Wunder, dass der Buchhändlerkeller bis heute existiert, denn die Revolte von 1968 war eng mit Büchern verbunden. Alle Beteiligten lasen damals unheimlich viele Bücher. Nur sind die meisten alten 68er inzwischen in ihren 70er und 80er Jahren und relativ gebrechlich, wenn sie noch leben.

 

Im Buchhändlerkeller funktioniert alles durch persönliches Engagement der Vereinsmitglieder. So kommen etwa 2 bis 3 Veranstaltungen pro Woche zusammen. Um die Kosten zu decken, muss ein Eintrittsgeld verlangt werden. Der Buchhändlerkeller ist heute immer noch eine der angesehensten literarischen Adressen in Berlin, ist aber schon lange kein Keller mehr, sondern ein schicker Laden im Erdgeschoss der Carmerstraße 1 in Berlin Charlottenburg. Ich erinnere mich gern an die Veranstaltungen, die ich im Buchhändlerkeller besucht habe. Daher wünsche ich dem Buchhändlerkeller weitere 50 Jahre. Wünschen kann man sich ja was.

 

Anlässlich des Festes zum 50. Jubiläum schrieb der Buchhändlerkeller: 50 Jahre - nur wenige literarische Institutionen in Berlin blicken auf längere kontinuierliche Arbeit im Dienst der aktuellen Belletristik, des literarischen Erbes und der gesellschaftspolitischen Debatte zurück. 1967 richteten KP (Klaus Peter) Herbach und linke Buchhändler und Lehrlinge aus dem gewerkschaftsnahen „Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler e.V.“ ihren „Buchhändlerkeller“ unter einer ehemaligen Bäckerei in der Friedenauer Görresstraße ein. Es wurde gelesen, diskutiert und gemeinsam demonstriert - bis der Keller nach einer Überschwemmung unbrauchbar wurde.

 

1976 dann der Neuanfang in der Charlottenburger Carmerstraße 1 in den Räumen der ehemaligen Galerie Mikro von Michael S. Cullen, der hier u.a. erstmals in Berlin Christo ausgestellt hatte. Kein Keller mehr, sondern das Parterre eines noblen Gründerzeithauses und jeden Donnerstag eine aktuelle Lesung, gefördert von Verlagen, vom Senat und vom Börsenverein, bis zu KP Herbachs Tod im Januar 2004.

 

Ein neuer Vorstand aus dem Freundeskreis von Herbach erweiterte das Programm um Ausstellungen, Filmvorführungen und viele andere Formen und Sujets - die Senatsförderung versiegte trotzdem: Der Buchhändlerkeller als „Institution“ mit kontinuierlichem Programm passte nicht mehr in das Projektkonzept der permanenten Innovation. Doch gute 10 Jahre nach dem Ende der Subvention gibt es den sympathischen Buchhändlerkeller immer noch, und er erfährt nach wie vor viel Zuspruch für die Veranstaltungen und für den Ort selbst als originellem Treffpunkt von Liebhabern eines aktuellen, aber auch weit zurückreichenden Literatur- und Bildungsbegriffs, verbunden mit kritischer gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung."

 

Wie es mit dem Buchhändlerkeller weiter geht, weiß man nicht so genau, denn die jetzigen ehrenamtlichen Macher_Innen des Buchhändlerkellers sind doch schon sehr in die Jahre gekommen. Die jungen Leute leben heute im digitalen Cyberspace. Da ist so etwas wie ein Buchhändlerkeller ziemlich old school.