Bevor die Straße am 31. Juli 1947 nach dem Publizisten und Gründer des „Rheinischen Merkur“ Joseph Görres (1776-1848) benannt wurde, hatte sie einige Umbenennungen zu überstehen. Auf dem ersten „Situationsplan von dem Wilmersdorfer Oberfeld“ (1874) erscheint sie als „Stuttgarter Straße“. Nachdem das Deutsche Reich mit Wilhelm I. (1797-1888) einen Kaiser erhalten hatte, wurde die Straße 1876 in „Wilhelmstraße“ umbenannt. Als die Nationalsozialisten Albert Leo Schlageter (1894-1923) als Märtyrer aufbauten, der während der Ruhrbesetzung wegen Sprengstoffanschlägen 1923 von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und in der Golzheimer Heide bei Düsseldorf hingerichtet worden war, hieß die Wilhelmstraße von 1937 bis 1947 Golzheimer Straße. Danach wurde der Name „Aufbaustraße“ diskutiert. Es kam zur „Görresstraße“ und damit auch ab 1947 zu der bis heute gültigen Nummerierung der Häuser.

 

 

Fuhrunternehmen Pählchen, 1912. Görresstraße 23, vorher Wilhelmstraße 15. Archiv Barasch

Pählchen’sches Haus

Görresstraße Nr. 23

Vorher Wilhelmstraße Nr. 15

 

Angefangen hat es mit der „Wilhelmstraße“ im Jahr 1895, ohne Hausnummern, aber mit dem Hinweis „Baustelle Pählchen’sches Haus“. Eigentümer des Grundstücks war der Bauunternehmer Hermann Pählchen aus der Rheinstraße Nr. 52. Hervorgetan hat er sich als Baumeister des dreigeschossigen Wohnhauses Perelsplatz Nr. 17 (1890) für den Fleischwarenhändler August Striesche. 1891 schuf er das für Friedenau ungewöhnlich hohe fünfgeschossige Eckhaus an der Rheinstraße Nr. 19 Ecke Schmiljanstraße Nr. 16 und das Haus Rheinstraße Nr. 17 mit Vorderhaus, Läden, Seitenflügel und Quergebäude (1893). Alle Häuser stehen längst unter Denkmalschutz.

 

 

 

 

 

Noch bevor der Bauunternehmer Georg Haberland (1861-1933) mit seiner „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ große Teile des damals noch unbebauten Friedenauer Westens erwarb, hatte Pählchen 1895 in der Wilhelmstraße vier Grundstücke gekauft. Er gehört damit zu den ersten Eigentümern dieser Straße. Die eigentlichen Bautätigkeiten begannen 1901: Nr. 1-6, Nr. 8-13 und Nr. 17-21 waren als „Baustellen“ deklariert. Nr. 14 diente vorerst als „Lagerplatz“. Das Haus Nr. 7 mit dem Grundstück bis hin zur Straße 12 (der späteren Bachestraße) war errichtet und gehörte dem Bildhauer Valentino Casal. Nr. 16 war Eigentum von Otto Wesche, Mitinhaber der Zwickauer Firma Wesche & Ramcke Nachf., Bildhauerei, Stuckgeschäft, Kunststeinfabrik, Grabdenkmäler. Architekt Oskar Haustein hatte die Grundstücke Nr. 22 (vorerst als Zimmerplatz) und Nr. 23 erworben.

 

Das Schicksal meinte es nicht gut mit der Familie Pählchen. Mit dem Tod des Bauunternehmers waren die Baupläne für die vier erworbenen Grundstücke hinfällig geworden. 1896 gibt es nur noch die Wilhelmstraße Nr. 15 mit „Witwe Johanne Pählchen, Witwe, Abfuhrgeschäft und Wohnung Rheinstraße Nr. 23“ als Eigentümerin. Ab 1897 sind dort als Mieter die Kutscher W. Rogalla und St. Tietz eingetragen. Johanne Pählchen übernahm, was bis dahin an der rückwärtigen Grundstücksgrenze entstanden war, Wirtschaftsgebäude, Pferdeställe, Unterstände für die Kutschen, Wohnungen für das Personal. Sie konzentrierte sich offensichtlich nur noch auf das Fuhrunternehmen. Zu einer Wohnhausbebauung im vorderen Teil des Grundstücks kam es nicht mehr. Im Jahr 1908 übernahm Theodor Zimmermann das Fuhrgeschäft. Bis heute ist ein ziemlich winkliges Grundstück erhalten, das mit seinem Garagenhof und diversen Wohngebäuden die Vergangenheit nicht verleugnen kann und zu den ältesten Gebäudeteilen in der Görresstraße gehört.

 

Mehr kann über die Familie Pählchen nicht berichtet werden. So bleibt als Dokument (bisher) nur das „Zentralblatt der Bauverwaltung“ von 1915 und die Meldung: „Auf dem Felde der Ehre sind gefallen: „Max Pählchen, Studierender der Technischen Hochschule Berlin, Inhaber des Eisernen Kreuzes.“

 

Valentino Casal

Der Venezianer in Friedenau: Valentino Casal

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Da musste erst Donna Leon kommen – diesmal ohne Begleitung von Commissario Brunetti –  um schließlich in ihrem Buch „Gondala“ darüber aufzuklären, dass die heute gebräuchlichen venezianischen Gondeln von Giuseppe Casal (1834-1906) erdacht wurden.

 

Die Casals kamen 1833 aus Val di Zoldo nach Venedig. In den Tälern der Dolomiten, eingeschlossen von den Pässen Staulanza, Cibiana und Duran, sahen sie keine Zukunft. In den folgenden Jahrzehnten tauchen auf Cannaregio viele Casals auf, Iseppo, Pietro, Giuseppe, Battista, Antonio, Angelo, was die Familiengeschichte nicht einfacher erzählen lässt.

 

1833 mietete Giuseppe Casal (1834-1906), genannt „Bepo el grando“, auf Cannaregio die Werft der Familie Servi. Dort entwickelt er mit seinen Söhnen Antonio und Anzolo jene schmale, asymmetrische und mit weit aufgebogenen Enden gebaute Gondel. Er wurde zum unbestrittenen Protagonisten des Gondelbaus.

 

1852 konnte er die Werft kaufen. 1882 erwarb Cousin Michele Casal mit dem Gondelbauer Domenico Tramontin nebenan eine eigene Werft. Es kam zu Unstimmigkeiten, in deren Folge zwischen den Werften von Giuseppe, Antonio und Anzolo und jener von Michele eine Mauer gezogen wurde. Was auch immer dafür die Gründe waren, die Casals haben die Welt des venezianischen Schiffbaus tiefgreifend beeinflusst. Nach dem Tod haben sie auch wieder zusammengefunden. Auf der Insel San Michele haben sie unter einem Marmorrelief des Patrons ihre letzte Ruhe gefunden: „Kurz und bündig: Famiglia Casal."

 


 

Valentino Ludwig Maria Casal, der Venezianer in Friedenau, hatte mit Holz und Gondel nichts im Sinn. Der Sohn von Pietro Casal und seiner Ehefrau Maria de Fanti wurde am 7. Juni 1867 in Venedig geboren. Er besuchte die Scuola di arte applicata all‘industria di Venezia und lernte vom Bildhauer Antonio Dal Zotto (1841-1918) Modellieren und Anatomie. Als Dal Zotto 1879 Professor an der Accademia di belle arti di Venezia wurde, folgte ihm sein Schüler für sechs Studienjahre. Als 1886 die Werft am Campo San Trovaso in eine Steinmetzwerkstatt umgewandelt wurde, mietete der junge Scultore eine Ecke und baute sich dort ein schlichtes Atelier. „Dies war der erste Ort, an dem ich allein arbeiten konnte.“ Ein Jahr später gewann er bei einem Wettbewerb mit dem marmornen „San Giorgio Relief“ für die Fassade des Hauses Brown in Zattere den ersten Preis, bekam gute Presse und ahnte dennoch, dass es mit einer Karriere als Bildhauer schwer werden würde. Als Gelegenheitsarbeiter versuchte er sein Glück in Grandisca sull'Isonzo, Santa Croce sul Carso, später in Budapest, Debrecin und Ljubljana.

 

Im Frühjahr 1891 zog es Valentino Casal zur Internationalen Kunstausstellung nach Berlin. In den Ausstellungshallen zwischen Invalidenstraße und Alt Moabit betrachtete er die Arbeiten der berühmten Bildhauer und suchte den Kontakt zu ihnen. Er wohnte mit Gastarbeitern in einem Zimmer in der Linienstraße, arbeitete als Skulpteur in den Ateliers der Bildhauer Max Kruse (1854-1942) und Walter Schott (1861-1938), der sich über eine einst in Carrara entstandene Skulptur ärgerte, die nun beschädigt war. Casal restaurierte sie und erntete viel Lob.

 

Am 27. Januar 1895 verkündete Kaiser Wilhelm II., dass im Tiergarten eine Siegesallee mit 32 Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens geschaffen werden sollte. Auf 750 Metern sollten im Abstand von jeweils 36 Metern Denkmale aneinandergereiht werden. Für Akademiemitglied Reinhold Begas hatten aber die Berliner Bildhauer „von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern läßt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben“.

 

Das war die Stunde von Casal. Er hatte den Umgang mit Marmor gelernt, konnte mit dem Punktierkreuz die Maße vom Gipsmodell auf den rohen Stein übertragen, beherrschte Konturieren und Ziselieren, und wusste die Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario zu unterscheiden. Dazu kam sein Talent zum Improvisieren und Organisieren. Er holte sich aus Venedig den Steinmetz Annibale Pedrocchi und eröffnete im Herbst 1895 eine Werkstatt in der Charlottenburger Fasanenstraße. Nachdem der Bildhauer Max Unger 1896 den Auftrag für die „Gruppe 2, Markgraf Otto I.“ der Siegesallee erhalten hatte, beauftragte er Casal mit der Umsetzung seines Gipsentwurfs in Marmor. Die Ausführung in Stein erfolgte damals in Italien. Kurze Zeit später kamen die Aufträge von Joseph Uphues, Johannes Boese und Max Baumbach. Casal zog 1897 in ein neues Atelier in die Charlottenburger Leibnizstraße Nr. 34.

 

1897 übernimmt das „Atelier V. Casal“ die Aufträge von Emil Graf Görtz zu Schlitz, Ludwig Cauer, und Gustav Eberlein, 1898 von Johannes Götz und Joseph Uphues, 1899 von Gustav Eberlein und Reinhold Begas. Um die Arbeiten zu erledigen, kauft er im Januar 1899 ein großes Grundstück in Friedenau für ein Haus für seine Familie und eine Reihe von Ateliers.

Am 24. Januar 1899 hat der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ von einem „Terrain-Ankauf“ erfahren: „Der Bau zweier großer Bildhauer-Ateliers ist in Friedenau projektirt. Herr Noack aus Deutsch-Wilmersdorf errichtet zwischen Fehler- und Varziner Straße ein Atelier. Herr Bildhauer Casal wird in der Wilhelmstraße an der Ecke der Kaiserallee ein größeres Atelier erbauen, zu welchem die Bauzeichnungen bereits eingereicht sind. Es wird vermutet, dass der berühmte Bildhauer sein Atelier nach Friedenau zu verlegen beabsichtigt. Friedenau würde dann Gelegenheit haben, öfter den Kaiser zu sehen, der bekanntlich die Ateliers der betreffenden Bildhauer gern besucht.“

 

In Berlin hatte der Italiener inzwischen die Ostpreußin Ida-Eva geborene Sucht kennengelernt. Die Liebe seines Lebens war am 2. März 1872 in Tilsit geboren worden. Im Mai 1893 wurde geheiratet. Nach dem Umzug von der Wohnung in der Pfalzburger Straße Nr. 84, in der seine Töchter Eva (1894) und Eugenie (1896) geboren wurden, erfolgte der Einzug in das Haus Wilhelmstraße Nr. 7 (heute Görresstraße). Dort kam endlich am 4. Oktober 1900 der ersehnte Stammhalter Peter zur Welt.

 

Atelier V. Casal in der Bachestraße, nach 1920

Casal hat als zweiter Grundstückseigentümer in der Wilhelmstraße überhaupt das Anwesen Nr. 7 erworben. Bereits am 16. März 1899 genehmigt die Gemeindevertretung „das Baugesuch zur Errichtung von Wohn- und Werkstattgebäuden an der Wilhelmstraße“. Unter dem Begriff „Casal’sches Haus“ entstehen das Wohnhaus für seine Familie und dahinter auf dem weit in die Tiefe reichenden Anwesen, das bis in die später angelegte Bachestraße reicht, der Bildhauerhof „Atelier V. Casal“. Von diesem Zeitpunkt an sind unter Wilhelmstraße Nr. 7 die Bildhauer Paul G. Hüttig und Wilhelm Haverkamp vermerkt.

 

Casals Lage ist stabil. Mit der Arbeit hat er Glück. Die Einnahmen fließen kontinuierlich. Mit den marmornen Denkmälern wird Casal so bekannt, dass Staat und Privatpersonen weitere Aufträge erteilen. In seinen 1937 verfassten Memoiren schreibt er: „In einigen Jahren war es mir gelungen, einen bemerkenswerten Besitz zu erarbeiten. In Friedenau besaß ich ein Grundstück mit Gebäuden ohne Schulden im Wert von 125.000 Mark, zuzüglich 55.000 Mark stabile Vermögenswerte, die durch Gold abgesichert waren. Ich hatte ein gut ausgestattetes Atelier mit einem reichhaltigen Lager an Marmor in einem Gesamtwert von 45.000 Mark. Ich hatte keine Schulden.“

 

 

Bis zum Jahr 1901 fertigte Casal mit seinen aus Italien herbeigeholten Skulpteuren zwischen Wilhelm- und Bachestraße elf von insgesamt 32 monumentalen marmornen Denkmalgruppen mit Figuren bis zu 3,50 m Höhe für die Siegesallee im Tiergarten. So kam es, dass sich die bedeutendsten Bildhauer dort die Klinke in die Hand gaben: Max Unger (1854-1918), Joseph Upheus (1850-1911), Johannes Boese (1856-1917), Max Baumbach (1859-1915), Emil Graf Görtz zu Schlitz (1851-1914), Ludwig Cauer (1866-1947), Ludwig Manzel (1858-1936), Johannes Goetz (1865-1934), Gustav Eberlein (1847-1926) und Reinhold Begas (1831-1911). Und so kam es auch, dass sich Kaiser Wilhelm II. nebst Ehefrau Auguste Viktoria immer wieder hierher begaben, um den Weg vom Gipsentwurf zur Marmorskulptur zu erleben. Für den Kaiser wurde Friedenau zu Klein Carrara.

 

Die Gegend war im Gespräch. 1903 erwarb Ludwig Manzel das Grundstück Wilhelmstraße Nr. 9, 1904 folgte Johannes Götz mit seiner Villa Nr. 6. In ihrem Gefolge wartete eine Heerschar von Bildhauern mit einer (zeitweisen) Adresse Wilhelmstraße auf: Franz Rosse (1858-1900), P. Heift, O. Wesche, Johannes Hoffart (1851-1921), Franz Metzner (1870-1919), Edmond Gomansky (1854-1930), Paul Hubrich (1869-1948), Eberhard Encke (1881-1936), Heinrich Mißfeldt (1872-1945), Ludwig Isenbeck (1882-1958), Georges Morin (1874-1950) und Wilhelm Haverkamp (1864-1929).

 

In Friedenau wurden Denkmale nach den Gipsmodellen diverser Bildhauer am laufenden Band produziert: Schiller, Wagner, Lortzing, Liszt, Wilhelm I., Kaiserin Augusta, Großherzogin Alexandrine von Schwerin, Großherzog von Baden und Friedrich II. für Berlin, Wiesbaden, Potsdam, Kufstein, Mannheim und Magdeburg. Im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. entstand nach einem Entwurf von Gustav Eberlein im Casalschen Atelier als Geschenk an die Stadt Rom das Goethe-Denkmal für die Viale Goethe in der Villa Borghese. Das Werk aus Marmor wurde am 5. August 1904 von König Viktor Emanuel III. enthüllt – Valentino Casal wurde mit dem Ritterorden der Krone von Italien Cavaliere dell’Ordine della Corona d’Italia bedacht. Die Friedenauer kamen auch an die Reihe – mit Grabmalen, voran der Apotheker Albert Hirt (1905) und 1908 die Skulptur für das Grab von  Fabrikbesitzer Wilhelm Samuel Prowe auf dem Friedhof Stubenrauchstraße.

 

Familie Casal

Unerwünscht

 

Es kam der Erste Weltkrieg. Nachdem Italien am 4. Mai 1915 den Dreibund zwischen dem deutschen Kaiserreich und Österreich-Ungarn gekündigt hatte, verließen viele Italiener Berlin. Casal, obwohl mit einer Deutschen verheiratet, hatte Angst: Come straniero temevo di venir internato in una Konzentrationslager, come si faceva in quel tempo dei francesi e degli inglesi. Am 7. Mai 1915 war er in Zürich. Im Juli hatte er ein Haus am Zürichsee gefunden und mit einem Freund ein Exportbüro für Lebensmittel, Tierfutter und Grassamen eröffnet. Da die Familie partout nicht in die Schweiz wollte, beantragte er die Wiedereinreise.

 

Am 28. August 1916 erklärte Italien Deutschland den Krieg. Nun war er unerwünscht. Die Reichsregierung hatte die deutschen Banken angewiesen, jeden italienischen Untertan als feindlichen Ausländer zu erachten und jede Zahlung, die ihm etwa geschuldet sein sollte, hintanhalten sollten, sowie die Unterbrechung der Zahlung der Renten an italienische Arbeiter. Umgekehrt verfuhr das Königreich Italien ebenso. Für Casal brach eine Welt zusammen. 15 Jahre hatte er für das Kaiserreich von Wilhelm II. Denkmale geschaffen. Nun war das Eigentum des Italieners beschlagnahmt. 1917 ist es in den Besitz der Gemeinde Friedenau übergegangen. Frau und Kinder durften im Haus Wilhelmstraße Nr. 7 bleiben. Die Schweiz lehnte seine Einbürgerung ab. Das Kloster Einsiedeln, dem er anbot, die Kunstwerke ohne Lohn, nur für Unterkunft und Verpflegung, zu restaurieren, verweigerte die christliche Nächstenhilfe. Als Casal sich 1917 an der XIII. Schweizerischen Kunstausstellung in Zürich mit seiner Skulptur „Mädchen mit dem Spiegel“ beteiligen wollte, war die Arbeit in München beschlagnahmt.

 

Unmittelbar nach dem Waffenstillstand 1918 fuhr er zur Familie nach Friedenau. Nun begann der Kampf um sein Eigentum. Mit der Weimarer Republik änderte sich erst einmal nichts. 1921 gingen seine Anwesen Bachestraße Nr. 10 und Wilhelmstraße Nr. 7 an die „Grundstücksverwaltungsgesellschaft Schöneberg“. Bereits am 22. März 1922 waren die auf die Bachestraße ragenden Bauteile entfernt. 1925 ging das gesamte Grundstück an das Bezirksamt XI. der Stadt Berlin (Schöneberg) über.

 

 

Nach dem Vertrag von Versailles war für Streitfragen, die sich für Rechte und Interessen von Privatpersonen im Zusammenhang mit dem Krieg ergaben, die Geschäftsstelle des deutsch-italienischen Schiedsgerichtshofs in Rom zuständig. Nach einem Treffen mit Regierungsrat Benno Mergenthaler, den vom Auswärtigen Amt delegierten römischen Statthalter der Weimarer Republik, kam das Verfahren offensichtlich im Dezember 1925 zum Abschluss. Bis zur Vollstreckung reduzierten sich allerdings Casals Ansprüche in Folge der Inflation: „Ich musste es hinnehmen, denn die miserable Rate wurde durch den berüchtigten Versailler Vertrag festgelegt.“

 

Am 18. Juni 1934 erklärte sich das Bezirksamt Schöneberg mit dem Abriss sämtlicher Gebäude auf dem Grundstück Wilhelmstraße Nr. 7/Bachestraße Nr. 10 und der Schaffung einer Parkanlage einverstanden. Die Abrissarbeiten auf dem städtischen Grundstück wurden im Jahr 1935 ausgeführt.

 

Das Haus der Familie Casal in Heidelberg Scheffelstraße 1, 1932. Archiv Casal-Schmiedeberg

In Heidelberg

 

Nach dem Weltkrieg fanden Frau und Kinder in Heidelberg eine neue Heimat. Casal brauchte Zeit. Er reiste viel: Salzburg, Triest, Forno di Zoldo, Venedig. In Lugano entstand ein Grabdenkmal für die Familie Monti (1919), in Brescia ein Denkmal für die Gefallenen (1921), an der Königlichen Porzellanfabrik im oberfränkischen Tettau modellierte er Porzellanfiguren. Im Januar 1926 wurde er zum Professor h.c. für Bildhauerei an der Università degli Studi di Padova ernannt. Casal war ein Familienmensch. Er konnte nicht isoliert und allein leben. Er beschloss, nach Heidelberg zurückzukehren. Dies geschah am 22. Dezember 1927. Tochter Eugenie war am Theater Heidelberg als Sängerin engagiert, Sohn Peter studierte Chemie in Darmstadt und Gattin Ida Eva suchte nach einer Aufgabe. Nachdem das Reichsausgleichsamt seine Entschädigung überwiesen hatte, kaufte Casal im Jahr 1929 die Villa in der Scheffelstraße Nr. 1, in der seine Frau das Töchter-Pensionat Casal gründete. Er legte sich in der Oberen Neckarstraße Nr. 29 ein Atelier zu. Dort entstanden Statuen und Reliefs in Gips, Terracotta, Marmor, Bronze. In Heidelberg sind sie beide gestorben, Ida-Eva Casal am 24. August 1948, Valentino Casal am 8. Juni 1951. Er war davon überzeugt, dass er mit seiner eigenen Kunst auch einen Namen hinterlassen haben würde, wenn es nicht 1914 den schrecklichen Weltkrieg gegeben hätte.

Valentino Casal, Die Quelle, 1910

Memoiren von Valentino Casal

 

Im Juni 1937 schrieb Valentino Casal (1867-1951) „für seine Lieben“ in Heidelberg seine Erinnerungen. Am 8. Juni 1951 ist er im Alter von 84 Jahren in Heidelberg gestorben. Auf der nachfolgenden PDF veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Familie Casal-Schmiedeberg neben seiner selbstgefertigten Werkliste auch eine leicht gekürzte Fassung seiner ursprünglich in Italienisch verfassten Memoiren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Memoiren von Valentino Casal, 1937

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Werkliste von Valentino Casal, 1937

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Eingang zum ehemaligen Buchhändlerkeller Görresstraße 8. H&S 2017

Der Buchhändlerkeller

Görresstraße Nr. 8

vorher Wilhelmstraße Nr. 5 & 6

 

Zwischen 1967 und 1976 gab es in der Görresstraße Nr. 8 den „Buchhändlerkeller“. Der literarische Veranstaltungsort wurde 1967 von Klaus-Peter (KP) Herbach (1944-2004), dem Pressereferenten der Akademie der Künste, und dem Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler e. V. im Keller einer ehemaligen Bäckerei eingerichtet.

 

Dr. Christian G. Pätzold hat am 3. Dezember 2017 auf http://www.kuhlewampe.net/ über „50 Jahre Buchhändlerkeller Berlin“ geschrieben. Wir veröffentlichen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

 

 

 

 

50 Jahre Buchändlerkeller

 

Eine 68er Institution in Berlin feierte 50. Jubiläum. Im Buchhändlerkeller werden vor allem Bücher und Lebensgeschichten vorgestellt und diskutiert, an den Wänden gibt es aber auch Kunstausstellungen. Es ist kein Wunder, dass der Buchhändlerkeller bis heute existiert, denn die Revolte von 1968 war eng mit Büchern verbunden. Alle Beteiligten lasen damals unheimlich viele Bücher. Nur sind die meisten alten 68er inzwischen in ihren 70er und 80er Jahren und relativ gebrechlich, wenn sie noch leben.

 

Im Buchhändlerkeller funktioniert alles durch persönliches Engagement der Vereinsmitglieder. So kommen etwa 2 bis 3 Veranstaltungen pro Woche zusammen. Um die Kosten zu decken, muss ein Eintrittsgeld verlangt werden. Der Buchhändlerkeller ist heute immer noch eine der angesehensten literarischen Adressen in Berlin, ist aber schon lange kein Keller mehr, sondern ein schicker Laden im Erdgeschoss der Carmerstraße 1 in Berlin Charlottenburg. Ich erinnere mich gern an die Veranstaltungen, die ich im Buchhändlerkeller besucht habe. Daher wünsche ich dem Buchhändlerkeller weitere 50 Jahre. Wünschen kann man sich ja was.

 

Anlässlich des Festes zum 50. Jubiläum schrieb der Buchhändlerkeller: 50 Jahre - nur wenige literarische Institutionen in Berlin blicken auf längere kontinuierliche Arbeit im Dienst der aktuellen Belletristik, des literarischen Erbes und der gesellschaftspolitischen Debatte zurück. 1967 richteten KP (Klaus Peter) Herbach und linke Buchhändler und Lehrlinge aus dem gewerkschaftsnahen „Arbeitskreis Berliner Jungbuchhändler e.V.“ ihren „Buchhändlerkeller“ unter einer ehemaligen Bäckerei in der Friedenauer Görresstraße ein. Es wurde gelesen, diskutiert und gemeinsam demonstriert - bis der Keller nach einer Überschwemmung unbrauchbar wurde.

 

1976 dann der Neuanfang in der Charlottenburger Carmerstraße 1 in den Räumen der ehemaligen Galerie Mikro von Michael S. Cullen, der hier u.a. erstmals in Berlin Christo ausgestellt hatte. Kein Keller mehr, sondern das Parterre eines noblen Gründerzeithauses und jeden Donnerstag eine aktuelle Lesung, gefördert von Verlagen, vom Senat und vom Börsenverein, bis zu KP Herbachs Tod im Januar 2004.

 

Ein neuer Vorstand aus dem Freundeskreis von Herbach erweiterte das Programm um Ausstellungen, Filmvorführungen und viele andere Formen und Sujets - die Senatsförderung versiegte trotzdem: Der Buchhändlerkeller als „Institution“ mit kontinuierlichem Programm passte nicht mehr in das Projektkonzept der permanenten Innovation. Doch gute 10 Jahre nach dem Ende der Subvention gibt es den sympathischen Buchhändlerkeller immer noch, und er erfährt nach wie vor viel Zuspruch für die Veranstaltungen und für den Ort selbst als originellem Treffpunkt von Liebhabern eines aktuellen, aber auch weit zurückreichenden Literatur- und Bildungsbegriffs, verbunden mit kritischer gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung."

 

Wie es mit dem Buchhändlerkeller weiter geht, weiß man nicht so genau, denn die jetzigen ehrenamtlichen Macher_Innen des Buchhändlerkellers sind doch schon sehr in die Jahre gekommen. Die jungen Leute leben heute im digitalen Cyberspace. Da ist so etwas wie ein Buchhändlerkeller ziemlich old school.

 

Skulpturengruppe von Eberhard Encke auf dem Dach der Deutschen Botschaft in St. Petersburg, 1913

Eberhard Encke (1881-1936)

Görresstraße Nr. 12

Vorher Wilhelmstraße Nr. 5-6

 

Eberhard Encke (1881-1936) war der Sohn des Bildhauers Erdmann Encke (1843-1896). Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste München. Nach einer zweijährigen Studienreise in Rom wurde er 1907 mit dem „Rom-Preis“ der „Preußischen Akademie der Künste“ ausgezeichnet. Von 1908 bis 1911 war Encke Meisterschüler des Bildhauers Louis Tuaillon (1862-1919) an der Berliner Akademie.

 

Für den Bau der deutschen Botschaft in Sankt Petersburg nach Entwürfen des Architekten Peter Behrens (1868-1940) schuf Eberhard Encke die Skulpturengruppe „Rosse führende Dioskuren“. Kaum war die Botschaft 1913 fertiggestellt, wurde sie gestürmt. Die bekrönende Figurengruppe wurde heruntergerissen. Sie ist seither verschollen. In seiner Behrens-Monographie schrieb der Architekturhistoriker Stanford Anderson (1934-2016) den bemerkenswerten Satz: „Behrens konnte dem ‚Mob‘ kaum ein passenderes Symbol zum Attackieren geben.“ Das Gebäude gehört heute dem Justizministerium der Russischen Föderation – ohne die Skulpturen auf dem Dach. Eberhard Encke wurde neben seinem Vater auf dem Alten Friedhof Wannsee in einem Ehrengrab beigesetzt. Das Familiengrab existiert noch immer.

 

 

In Berlin sind von Eberhard Encke u.a. folgende Werke erhalten: „Faustkämpfer für den Fehrbelliner Platz“, „Figuren und Giebelrelief“ für das Krematorium Wilmersdorf, „Zwei Hasenfiguren“ auf dem Geländer der Hasensprung­-Brücke in Grunewald sowie die Kriegerdenkmale für die „Gefallenen des XXII. Reservekorps“ im Ersten Weltkrieg in Wilmersdorf (1924) und die „Gefallenen des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments“ in Kreuzberg.

 

Der siegreiche Achilles von Johannes Götz auf Korfu

Johannes Götz (1865-1934)

Görresstraße Nr. 12

Vorher Wilhelmstraße Nr. 6

 

Zwischen 1898 und 1900 entstand im Atelier von Valentino Casal nach dem Gipsentwurf von Johannes Götz für die Siegesallee die Denkmalgruppe 19 „Kurfürst Joachim I. mit den Büsten von Markgraf Albrecht von Brandenburg (Erzbischof von Mainz) und Dietrich von Bülow (Bischof von Lebus)“. Nachdem Wilhelm II. 1907 das ehemalige Sommerschloss von Elisabeth von Österreich-Ungarn erworben hatte, ließ er dort als Gegenstück zur 1884 von Ernst Herter (1846-1917) geschaffenen Marmorskulptur „Sterbender Achill“ von Johannes Götz 1909 den „Kämpfenden Achill“ erstellen – selbstredend aus Marmor, riesenhaft, männlich, heroisch.

 

Der Bildhauer genoss die besondere Wertschätzung des Kaisers. Immer wieder wurde er mit Aufträgen bedacht und zur Mitarbeit an kaiserlichen Projekten aufgefordert, sü für die Quadriga auf dem Nationaldenkmals Wilhelms I. (1897) oder den Fassadenschmuck für den Berliner Dom (1905). Neben dem Casal’schen Bildhauerhof erwarb Götz 1905 das bis an die spätere Bachestraße reichende Grundstück Wilhelmstraße Nr. 6. Ein Jahr später zog er ein. Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ meldete einige Zeit später: Die Villa des Herrn Prof. Götz ist bekanntlich in den Besitz des Herrn Kommissionsrat Heinrich Sachs übergegangen. Herr Prof. Götz wird in nächster Zeit seinen Wohnsitz nach Berlin verlegen. Das Atelier bleibt jedoch hier bestehen, da nur das Wohngebäude von Herrn Kommissionsrat Sachs käuflich erworben wurde.“

 

 

 

Georges Morin, Reifentänzerin, um 1900

Georges Morin (1874-1950)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Georges Morin studierte an der Berliner Akademie der Künste. Nach dem Examen ging er nach Paris, war von den Auftritten von Tänzerinnen so fasziniert, dass er begann, diese zu modellieren und zu malen. Er kehrte nach Berlin zurück, ließ sich im Bildhauerhof von Valentino Casal nieder und fertigte eine Vielzahl von Tänzerinnen-Figuren, die eigentlich sein gesamtes Werk prägen. So kommt es, dass seine Kleinplastiken noch heute präsent sind und vor allem auf Auktionen angeboten werden.

 

Heinrich Mißfeldt im Atelier. Archiv Horst Mißfeldt

Heinrich Mißfeldt (1872-1945)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Heinrich Christian Ludwig Mißfeldt wurde am 20. Dezember 1872 in Kiel geboren. Der Vater war Inhaber einer Ziegelei und bestand offensichtlich darauf, dass sein Spross erst einmal eine Lehre als Holzbildhauer absolvierte. Mit 19 Jahren ging er an die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin. Sie war 1868 eröffnet worden, um dem wachsenden Gewerbe ein Mehr an künstlerischem Empfinden zu vermitteln, das wiederum zu besser gestalteten Produkten führen sollte. Die Schüler wurden in Tages- und Abendkursen unterrichtet. Es folgte ein Studium an der Akademie der Künste. 1899 trat Mißfeldt mit ersten Arbeiten an die Öffentlichkeit, zuerst in Kiel mit der Statuette des niederdeutschen Schriftstellers Klaus Groth (1899), dann für Husum das Grabmal aus Bronze und Granit für den Schriftsteller Johann Meyer (1904), später den Grabstein der Familie Taeschner auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Berlin und 1903 mit der Bronzestatuette „Kugelspieler“ – der künstlerische Durchbruch.

 

Am 5. Oktober 1906 gab es in Kiel die Hochzeit mit der 1867 in Kiel geborenen Ottilie Dorothea Friederike, Bertha geb. Meyer. Im Adressbuch von 1907 ist der Bildhauer Heinrich Mißfeldt in der Wilhelmstraße Nr. 7 eingetragen. Es ist davon auszugehen, dass mit dieser Adresse der Bildhauerhof von Valentino Casal gemeint ist, in dem er ein Atelier gemietet hatte. Dort müsste die Marmorfigur „Abschied“ entstanden sein, die Kaiser Wilhelm dann für das Schloss Wiesbaden erworben hat.

 

Als der Abschied von Bürgermeister Bernhard Schnackenburg anstand, bestellte die Gemeinde Friedenau bei Mißfeldt eine Bronze, die Schnackenburg 1909 zum Antritt als Oberbürgermeister von Altona überreicht wurde – gegossen in der Bildgießerei Hermann Noack. Heinrich Mißfeldt bleibt Friedenauer. Das Atelier in der Wilhelmstraße behält er. Dort entstehen 1921/22 eine Reihe von Kriegerdenkmalen, darunter 1923 aus Ziegeln und Muschelkalk das Mahnmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs (1923). 1910 zieht die Familie in die Eschenstraße Nr. 6 und 1936 in die Stierstraße Nr. 20. Zur Zeitgeschichte gehört allerdings auch, dass nach seinem Entwurf das bronzene „Reliefportrait Adolf Hitler“ in der Größe von 7,8 x 8,2 cm entstand, gegossen bei Noack, signiert mit H. Mißfeldt und von der Lehrgießerei der Vereinigten Aluminium-Werke AG vielfach vervielfältigt. Heinrich Mißfeldt starb am 27. Oktober 1945 in Torgau.

 

Wilhelm Haverkamp, Knabengruppe. Rom 1891

Wilhelm Haverkamp (1864-1929)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Das Aufsehen über das „Arbeiterdenkmal“ am Schlesischen Bahnhof ist 1898 auch Kaiser Wilhelm II. nicht entgangen. Der „Schmied mit seinem Sohn“ (Vatergruppe), der energisch nach dem Hammer des Vaters greift, obendrein in Marmor ausgeführt, bewegte den Hohenzoller zu einem Besuch im Atelier von Wilhelm Haverkamp in der Wilhelmstraße Nr. 7. Danach beauftragte er den Bildhauer, eine der Jagdszenen für den Großen Stern im Tiergarten zu konzipieren – ein Arrangement aus vier Freiplastiken von Fritz Schaper (Wisentjagd), Carl Begas (Eberjagd), Max Baumbach (Hasenhetze) und Wilhelm Haverkamp (Fuchsjagd).

 

Haverkamp, der die Volksschule besuchte, in sehr ärmlichen Verhältnissen in Senden bei Münster von den Großeltern Ferlmann absolvierte eine Lehre als Stein- und Holzbildhauer und studierte dann mit Hilfe eines Stipendiums, für das er sich an einem Wettbewerb beteiligt hatte, ab 1883 an der Preußischen Akademie der Künste. 1889 bewarb sich mit dem Relief „Gang zum Hades“ für den Rom-Preis der Akademie. Während seines zweijährigen Aufenthaltes schuf er 1891 für Wilhelm Hüffer (1821–1895) die im Entree seiner römischen Villa aufgestellte „Knabengruppe auf korinthischem Kapitell“.

 

Hüffers Versuche, den jungen Bildhauer an Rom zu binden, scheiterten. Haverkamp reiste im März 1892 ab, heiratete Hals über Kopf am 26. April 1892 Margaretha Ferlmann-Bringelmann, die Adoptivtochter seines Onkels Josef Ferlman und kehrte als Meisterschüler von Fritz Schaper (1841-1919) nach Berlin zurück. An Aufträgen mangelte es nicht. Jedes Jahr wartete er mit einer Auftragsarbeit auf: Kanzel für die Kirche in Rheydt (1902), Barmherziger Ritter für das Krankenhaus Schlachtensee (1903), Marmorherme für Schloss Küstrin und deren Zweitanfertigung für das Arbeitszimmer des Kaisers im Neuen Palais in Potsdam (1903), Krupp-Denkmal für den Kaiserlichen Yachtklub Kiel (1904).

 

Die Auftragsarbeiten befriedigten Haverkamp nicht wirklich: „Ich suchte mich zu befreien von all dem elenden Kram, der mich bedrückte und seit Jahren quälte.“ So schuf er 1906 die „Ringergruppe“ mit zwei lebensgroßen nackten Ringern für den Volkspark Rehberge – geehrt mit der Großen goldenen Medaille, der höchsten Kunstauszeichnung der preußischen Akademie der Künste. Seit Oktober 1901 lehrte er an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums figürliches Modellieren und dekorative Plastik. 1902 wurde er Nachfolger von Ludwig Manzel und zum Professor ernannt. Zu seinen Schülern gehört u. a, Renée Sintenis.

 

Unter der noch gänzlich unbebauten Schwalbacher Straße Nr. 9 ist 1903 das „Haverkamp’sche Haus“ mit dem Eigentümer Wilhelm Haverkamp eingetragen. Dort kommen die Kinder Wilhelmine, Otto und Helmut zur Welt, dort wird schließlich auch sein Onkel, der Rentner Josef Ferlmann aufgenommen. Zwanzig Jahre lebte Wilhelm Haverkamp in der Schwalbacher Straße Nr. 9. Das Haus gegenüber der Rheingau-Schule hat den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. Von der bauzeitlichen Ausstattung der katholischen Kirche St. Marien, die Haverkamp für seine „geliebte“ Pfarrkirche zu großen Teilen geschaffen hatte, ist nicht mehr viel erhalten: Geblieben sind zwei Fassadenreliefs aus Formziegel (1914) und die überlebensgroße Holzfigur „Herz Jesu“ (1928). Wilhelm Haverkamp starb am 13. Januar 1929 zurückgezogen in seinem Haus an den Auswirkungen einer Staublunge und an Herzversagen. Seine letzte Ruhestätte fand er neben seiner 1918 verstorbenen Frau Margarethe auf dem St. Laurentius-Friedhof in Senden. 1931 vermerkt das Adressbuch: „Haverkamp’sche Erben Kaufmann Otto Haverkamp“.

 

Rathaus Schöneberg. Foto H&S, 2015

Hinrichsen & Isenbeck

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Der Bildhauer Ludwig Isenbeck (1882-1958) und der Architekt Johannes Hinrichsen gehören nicht zur allerersten Garde, aber sie haben mit den Skulpturen am Schöneberger Rathaus (1911-1913) oder mit dem Fassadenschmuck am Weinhaus Huth (1911-1912) Werke hinterlassen, die gewürdigt werden sollten. Was sollen Bürger davon halten, wenn Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) während ihrer Führung durch das Rathaus Schöneberg am 16. Februar 2013 „zur Architektur nicht allzu viel erzählen möchte“ (oder nicht kann), und es dabei belässt, dass „der Fassadenschmuck und die vier Turmfiguren Werke der Friedenauer Bildhauer Johannes Hinrichsen und Ludwig Isenbeck sind“.

 

Schon in der vom Bezirksamt im Jahr 2014 höchst aufwändig erstellten Dokumentation über „Das Rathaus Schöneberg“ bleibt die Information dürftig. Wir zitieren: „Hinrichsen, Johannes (?), Bildhauer und Architekt (Werkstatt Hinrichsen & Isenbeck, Berlin-Friedenau); Bildhauerische Arbeiten in Stein, Keramik und Metall für zahlreiche öffentliche Bauten in Berlin, u.a. Fassadenschmuck Weinhaus Huth, Restaurationsgebäude im Berliner Zoo); Bauplastische Gestaltung am Außenbau, u.a. Figuren am Turm sowie in Eingangshalle, um 1914. - Isenbeck, Ludwig (1882-1958), Bildhauer (Werkstatt Hinrichsen & Isenbeck, Berlin-Friedenau); Bildhauerische Arbeiten in Stein, Keramik und Metall für zahlreiche öffentliche Bauten in Berlin, u.a. Fassadenschmuck Weinhaus Huth, Restaurationsgebäude im Berliner Zoo); Bauplastische Gestaltung am Außenbau, u.a. Figuren am Turm sowie in Eingangshalle, um 1914.“

 

Zu befürchten ist, dass die Fassadengestalter „Hinrichsen & Isenbeck“ demnächst ganz in Vergessenheit geraten. Obwohl der Bundestag schon vor Jahren eine „Deutsche Digitale Bibliothek" beschlossen hat, ist auch das ansonsten verdienstvolle Architekturmuseum der TU Berlin bisher nicht in der Lage, das 1912 von Hinrichsen & Isenbeck „als Bildhauer“ geschaffene Gipsmodell „Allegorie der Fruchtbarkeit“ für das Portal des Weinhauses Huth am Potsdamer Platz (Inventarnummer 42285) als Bild zu zeigen. Nach wie vor aber gilt: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“

 

Von „Hinrichsen & Isenbeck“ sind in Berlin u.a. erhalten: „Skulpturen am Schöneberger Rathaus" (1911-1913), „Muschelkalkskulpturen“ als Fassadenschmuck am Weinhaus Huth Potsdamer Platz (1911-1912), „Fassadenschmuck Schiller-Oberschule“ (Leibniz-Realschule) Schillerstraße Charlottenburg (1911-1913), „Bildhauerarbeiten Vier Jahreszeiten“ Eosander-Schinkel-Grundschule (Gemeindeschule) Nithackstraße Charlottenburg (1913-1914), „Vier-Winde-Brunnen“ am Rathaus Lankwitz (1910), „Springer“ an der Fassade des Stadtbades Lichtenberg (1928).

 

Signatur Edmund Gomansky

Edmund Gomansky (1854-1930)

Görresstraße Nr. 16

Vorher Wilhelmstraße Nr. 7

 

Edmund Gomansky (1854-1930) studierte an der Berliner Akademie der Künste. Er war Schüler von Fritz Schaper (1841-1919) und Rudolf Siemering (1835-1905). Unter Siemerings Anleitung entstand 1891 die Skulptur „Betende Knaben“ für die Königlichen Museen Berlin. 1895 nahm Gomansly am Wettbewerb für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Chemnitz teil. Der Entwurf wurde prämiert, ausgeführt jedoch der Entwurf von Wilhelm von Rümann (1850-1906). Erfolgreicher verlief 1900 der Wettbewerb für den Brunnen in Oppeln. Sein „Ceres-Brunnen“ auf dem ehemaligen Friedrichsplatz wurde 1907 zum 100. Jahrestag des Oktoberedikts von 1807 und damit der Preußischen Agrarreformen eingeweiht. Die Skulpturen von Demeter (Ceres) und ihrer Tochter Persephone (Proserpina) sowie Poseidon (Neptun) mit Meeresgott Glaukos und einem Fischernetz und Herakles mit einer Hacke symbolisieren Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau. Gomanskys Marmorskulptur „Mutter mit Kind“ (1898) war gemeinsam mit der „Vatergruppe“ von Wilhelm Haverkamp (1864-1929) bis 1960 Bestandteil einer Marmorsitzbank auf dem Andreasplatz. Sie befindet sich heute im Volkspark Friedrichshain.

 

 

Fritz Burger Bildnis Ludwig Manzel, 1912, Nationalgalerie Berlin

Ludwig Manzel (1858-1936)

Görresstraße Nr. 20

Vorher Wilhelmstraße Nr. 9

 

Der Bildhauer Ludwig Manzel (1858-1936) hatte die Nase allzeit vorn. 1891 schuf er zur Einweihung des Teltower Kreishauses in der Berliner Viktoriastraße eine Büste von Ernst von Stubenrauch. 1898 fertigte er für die Sommerresidenz von Kaiser Wilhelm II. in Cadinen ein kaiserliches Wappen. 1900 ließ er seinen Gipsentwurf von Kurfürst Friedrich I. für die Gruppe 15 der Siegesallee von Valentino Casal in Marmor fertigen. 1903, kaum hatte er des Kaisers Worte vom „Klein Carrara in Friedenau“ vernommen, ließ er sich das Landhaus in der Wilhelmstraße Nr. 9 errichten. In den allerletzten Wochen der Weimarer Republik stellte er zum 22. Oktober 1932 die Muschelkalksteinwand für das Grabmal von Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof her. Als die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, präsentierte er nach Ansicht des Berliner Lokal-Anzeigers „eine ausgezeichnete Bronzemedaille von Dr. Goebbels“.

 

Manzels Arbeiten demonstrieren Macht und Überlegenheit. Das Überschreiten der menschlichen Proportionen wurde vielfach zum Maßstab. Damit setzte er auffällige Zeichen, sowohl bei profanen Denkmalen als auch bei sakralen Bauten, wozu das 1924 gefertigte Monumentalrelief „Christus“ auf dem Südwestkirchhof. Der aus dem 11. Matthäus-Kapitel entnommene Titel, „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, stellt eine fragwürdige Botschaft dar.

 

 

 

 

Manzels Monumentalkunst kommt nicht von ungefähr. Seine Ausbildung erhält er an der Akademie der Künste bei Albert Wolff (1815.1892) und Fritz Schaper (1841-1919). Ihre idealistischen Schöpfungen, Kolossalstatuen, Reiterstandbilder, Marmorgruppen, Bronzereliefs, blieben nicht ohne Einfluss. Schaper geriet zum „väterlichen Freund“, an den er sich „in künstlerischen und menschlichen Nöten, auch noch lange nach der Schülerzeit“ wenden konnte. Später schlüpfte er selbst in diese Rolle. In sein Haus Wilhelmstraße Nr. 9 holte er sich als Untermieter den Bildhauer Paul Hubrich (1869-1948), seinen Schüler und wohl auch lebenslanger Bildhauer-Gehilfe.

 

Ludwig Manzel, seit 1912 Präsident der Preußischen Akademie der Künste, unterzeichnete zwei Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs neben Max Liebermann, Engelbert Humperdinck, Gerhard Hauptmann und Max Planck jenen Aufruf „An die Kulturwelt“, in dem diese „Protest gegen die Lügen und Verleumdungen erheben, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten“.

 

Das Grab von Ludwig Manzel befindet sich auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof (Block Heilige Geist, Gartenblock V, Gartenstelle 1) – darauf eine wohl von den Bildhauern Willibald Fritsch (1876-1948) und Paul Hubrich initiierte Porträtplakette mit der Inschrift: „Dem hochverehrten Meister zum fünfzigsten Geburtstage gewidmet von seinen dankbaren Schülern.“

 

Grab von Paul Hubrich auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf. H&S 2007

Paul Hubrich (1869-1948)

Görresstraße Nr. 20

Vorher Wilhelmstraße Nr. 9

 

Geblieben ist vom Bildhauer Paul Hubrich (1869-1948) nicht viel. Einzig auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf ist einiges von ihm erhalten. Neben seiner eigenen Grabstätte (Block Heilig Geist, Gartenblock VI, Erbbegräbnis 27) die „Trauernde Maria“ (1912) am Grab Skaba, das „Muschelkalkdenkmal“ (1930) am Grab von Charlotte Birnbaum (Block Charlottenburg, Gartenblock III, Gartenstelle 79) und die Marmorskulptur „David“, die aus seinem Nachlass stammt und sich nun auf dem Grab Seefeld (Block Erlöser, Gartenblock II, Gartenstelle 19/20) befindet.

 

Das „Christus-Relief“ von Ludwig Manzel auf dem Südwestkirchhof gehört irgendwie auch dazu. Das monumentale Werk mit zwölf Meter Breite und zwei Meter Höhe „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Matthäus 11,28) wurde zuerst als Gipsentwurf auf der Großen Berliner Kunstausstellung von 1911 gezeigt. Um die Christusfigur im Zentrum gruppierte Manzel 24 Figuren. Die steinerne Ausformung für den Friedhof besorgte wohl nicht der Meister selbst, sondern sein Schüler.

 

Paul Hubrich war ein treuer Diener seines Herrn. Das kuriose Verhältnis begann auf der Berliner Kunstgewerbeschule. Nach 1904 war Hubrich mit Genrestatuen und Büsten auf der Großen Berliner Kunstausstellung vertreten, nach 1906 zog er als Mieter in das Eigenheim von Ludwig Manzel in die Wilhelmstraße Nr. 9. Als der Meister 1908 seine Villa in der Charlottenburger Sophienstraße bezog, blieb sein Schüler vorerst im Haus. 1919 zog Hubrich in das Haus der Privatiere Lindner in der Niedstraße Nr. 33. Dort wohnt er 1943 noch immer – nun mit Berufsbezeichnung „Steinmetzmeister“.

 

 

Leonhard Sandrock, 1912

Leonhard Sandrocl (1867-1945)

Görresstraße Nr. 21

Vorher Wilhelmstraße Nr. 16

 

Als Alfred Bürkner 1996 sein Buch „Friedenau“ veröffentlichte, wies er unter Görresstraße Nr. 21 (Wilhelmstraße Nr. 16) darauf hin, dass „auf dem hinteren Teil des Grundstückes ein Atelierhaus steht, in dem die bildhauerische Tradition der Görresstraße mit dem Bildhauer Michael Schoenholtz (geb. 1937) fortgeführt wird. Er meinte damit auch die Bildhauer Franz Rosse (1858-1900), Johannes Hoffart (1851-1921) und Edmund Gomansky (1854-1930), die das Atelier zeitweise genutzt hatten. Nachzutragen ist, dass dort auch Schriftsteller, Zeichner, Kunstgewerbler und Maler gewirkt haben.

 

Dass dieses Anwesen ein „Künstlerdomizil“ wurde, hat wohl mit Otto Wesche zu tun, der einst für die Zwickauer Marienkirche den „Engel“ und für seine Familie auf dem Friedhof ein Wandgrab geschaffen hatte. Wesche war Mitinhaber der Firma „Wesche & Ramcke“, die in Zwickau ab 1871 ein „Bildhauerei und Stuckatur-Geschäft“ betrieb. 1901 legte er sich in Friedenau das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 16 zu. Da „die Stadt Meerane den Bildhauer Otto Wesche aus Berlin-Friedenau mit zwei Brunnenprojekten beauftragte“, entstand um diese Zeit wohl auch das Atelier. Genutzt hatte er es nicht. Jedenfalls sind bildhauerische Arbeiten von ihm nicht bekannt.

 

Ab 1909 mietete der Oberleutnant a. D. Leonhard Sandrock (1867-1945) das Atelier. Er war am 5. März 1867 im schlesischen Neumarkt geboren worden, hatte das Gymnasium in Schweidnitz besucht und war 1887 in die preußische Armee eingetreten. Ein Reitunfall beim Feldartillerie-Regiment in Verden beendete seine militärische Karriere. Der fortan gehbehinderte Mann zog mit Ehefrau Ellen geb. Schmidt nach Berlin und studierte ab 1894 Malerei. Er wurde Mitglied des „Vereins Berliner Künstler“, beteiligte sich ab 1899 regelmäßig an der Großen Berliner Kunst-Ausstellung und gehörte dem 1920 gegründeten „Künstlerbund Schöneberg-Friedenau“ an.

 

 

 

1912 entdeckte ihn Max Osborn (1870-1946), der Kunstkritiker der „Vossischen Zeitung“. Er bezeichnete Sandrock als „eins der stärksten und hoffnungsvollsten Talente der Berliner Malerzunft“, von dem „noch Vieles und Gutes zu erwarten“ ist. Sandrock wusste um den Einfluss der Zeitungen. Bereits am 28. Juni 1911 hatte er an Redakteur Ganske von der illustrierten Tageszeitung „Der Tag“ geschrieben: „Sie wollten mich doch immer einmal in meinem Atelier besuchen. Ich habe augenblicklich eine größere Zahl an Bildern da, so dass ich Ihnen doch wenigstens etwas zeigen kann. Passt es Ihnen an einem der kommenden Nachmittage? Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen. Mein Atelier liegt Friedenau, Wilhelmstraße 16 in derselben Straße, wo die Ateliers von Martin Götz und Casal liegen. Vielleicht ist es am einfachsten, Sie telephonieren mich einmal an (Amt Pfalzburg 8401). Ich bin mit ziemlicher Sicherheit morgens bis 9 Uhr und dann nachmittags von 2 1/2-4 Uhr zu Hause zu erreichen.“ Zu Hause, das war von 1907 bis 1918 die Wohnung in der Stubenrauchstraße Nr. 58. Im Jahr 1919 zog das kinderlose Ehepaar in die Niedstraße Nr. 31. Dort wohnten sie bis zu ihrem Tod. Leonhard Sandrock starb mit 78 Jahren am 30. Oktober 1945 (unter bis heute ungeklärten Umständen), die sieben Jahre jüngere Ehefrau Ellen geb. Schmidt ein Jahr später am 8. Dezember 1946. Nicht bekannt ist, wo die beiden begraben wurden. Der Mietvertrag für das Atelier Wilhelmstraße Nr. 16, aus der 1937 Golzheimer Straße Nr. 21 geworden war, existierte bis 1945.

 

Leonhard Sandrock, dies wird beim Betrachten seiner Gemälde deutlich, reiste viel. Immer wieder Hamburg, Nordsee, Ostsee, Adria, Mittelmeer, die „Marinebilder“, die vor Ort und in Ruhe entstanden sind, und dann Schlesien und Westfalen, die „Industriebilder“ der Stahlwerke, die wegen Hitze, Lärm, Dampf und Dreck vor Ort nur skizziert und später im Atelier in Öl umgesetzt werden konnten.

 

Nach seinem Tod wurde Sandrock zum „vergessenen Maler des Impressionismus“. Da „29 Gemälde, Aquarelle und Graphiken dem Hamburger Hafen direkt zuzuordnen und von den übrigen Hafenbildern wahrscheinlich eine ganze Anzahl in Hamburg entstanden waren", gab es 1992 eine erste Ausstellung im „Altonaer Museum“. Die Kunsthistorikerin Dorothy von Hülsen steuerte dazu den Katalog „Leonhard Sandrock - Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz“ bei. Es ist ganz zweifellos ihr Verdienst, dass Werk und Leben von Leonhard Sandrock vor der Vergessenheit bewahrt wurden. Für Dorothy von Hülsen war Sandrock „ein versierter Handwerker. Neben der Fähigkeit, das Gesehene naturgetreu malen zu können, besaß er die große Begabung, Wesentliches vom Nebensächlichen zu trennen, inhaltliche und malerische Akzente zu setzen, Bildausschnitte zu wählen, die den Beschauer direkt ins Bild führen“. Zu seinen Lebzeiten hatten neben der Nationalgalerie Berlin einige deutsche Museen seine Gemälde erworben. Weitere Bilder entstanden im Auftrag der Industriewerke in Schlesien und Westfalen.

 

Das Ehepaar Sandrock hatte keine Kinder. So ging Dorothy von Hülsen der Frage nach, was aus dem Nachlass wurde. Etwa fünfzig Gemälde, Zeichnungen, Lithographien, Radierungen und Skizzenbücher waren früh in den Besitz des Sohnes der Cousine von Ehefrau Ellen Sandrock übergegangen. In den 1930er Jahren hatte der Berliner Kaufmann Heinrich König eine größere Anzahl an Gemälden von Sandrock erworben. Während des Weltkriegs zog er – mit den Bildern – in den Spreewald. Nach der Währungsreform übersiedelte die Familie in den Rheingau und vertraute den Transport der Sandrock-Gemälde der Tochter Melanie an. Ihr gelang es, die Bilder ohne Keilrahmen Stück für Stück aus der damals sowjetisch besetzten Zone nach West-Berlin zu bringen. Von dort gingen sie per Post nach Westdeutschland. Zehn Jahre nach dem Tod des Ehepaars König wurde der Nachlass mit über 300 Bildern dem Kunsthändler Eduard Sabatier in Verden angeboten.

 

Sabatier sorgte (nicht uneigennützig) dafür, dass das Werk „des vergessenen Malers“ an die Öffentlichkeit kam. 1992 präsentierte das „Altonaer Museum“ in Hamburg die Ausstellung „Leonhard Sandrock 1867-1945: Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz“. 1997 folgte in der Zitadelle Spandau eine Würdigung Sandrocks mit „Maschinen-Dampfdome-Arbeit". Und zu seinem 150. Geburtstag erinnerten 2017 gleich zwei Bremer Museen an den deutschen Impressionisten: Das Overbeck-Museum Bremen zeigte den „Industriemaler“ und das Museum Schloss Schönebeck den „Marinemaler“. Das weitere Geschäft übernahmen Auktionshäuser, darunter die 1919 in Schöneberg gegründete Kunsthandlung Leo Spik. Sandrocks Werke, ob nun Darstellungen von Häfen, Schiffen, Lokomotiven oder Stahlwerken, gelten inzwischen als „Geheimtipp“.

 

Berlin ist mit den bisher bekannten Gemälden „Im Krögelhof“ (1914), „Bahnhof Schöneberg“, „Straßenbahndepot“ (1930), „Schlesischer Bahnhof“, „U-Bahnbau bei Nacht in der Motzstraße“ (Berlin Museum), „Gasometer“, „In der Zentrale der Berliner Elektrizitätswerke“ und „Ansicht von Schloss Köpenick“ (o. J) etwas „zu kurz“ gekommen.

 

 

Quelle: Katalog Pro Art

Graphische Ausstellung im Schöneberger Rathaus, 1923

 

Mit der Entstehung von Groß-Berlin und der Übernahme von Friedenau in den Verwaltungsbezirk Schöneberg wurde 1920 auch der „Künstlerbund Schöneberg-Friedenau“ gegründet. Leonhard Sandrock wurde Mitglied. Zu den Ereignissen dieser Jahre gehört die 1923 von der „Bezirks-Kunstdeputation“ und dem „Künstlerbund Schöneberg-Friedenau“ organisierte Ausstellung „Graphische Ausstellung eines Schöneberger Sammlers“ in der Halle des Schöneberger Rathauses. Basis war die Sammlung von Sebastian Malz (1873-1945), darunter u.a. Werke von Adolph Menzel, Hans Thoma, Wilhelm Steinhausen, Richard Albitz, Fritz Ascher, Wilhelm Blanke, Fritz Geyer, Hans Hartig, Ernst Kolbe, Carl Kayser-Eichberg, Max Fabian, Alfred Liedtke, Franz Müller-Münster, Paul Plontke, Cornelia Paczka, Hermann Sandkuhl, Franz Stassen, Georg Wolters und Leonhard Sandrock.

 

Sebastian Malz war Inhaber der „Kunstdruckerei Sebastian Malz und Sohn“ in der Gothaer Straße Nr. 16, die das lithografische Verfahren der Algraphie weiterentwickelt hatte. Der Begriff Algraphie setzt sich aus den Wörtern „Aluminium“ und dem griechischen „graphein“ (schreiben) zusammen, und weist daraufhin, dass bei diesem Verfahren eine „gekörnte Aluminiumplatte“ verwendet wird. Malz hat bereits 1910 seine Erfahrungen mit dem Flachdruckverfahren zur Buchillustration in „Die Techniken der Algraphie: mit besonderer Berücksichtigung der künstlerischen Herstellungsverfahren jeder Art und Behandlung derselben im Druck“ publiziert. Die Druckergebnisse von „Malz und Sohn“ genossen bei Künstlern einen hervorragenden Ruf.

Quelle: Katalog Pro Art

Die Kunsthistorikerin Dorothy von Hülsen veröffentlichte 1992 in ihrem Katalog „Leonhard Sandrock: Ausgewählte Werke aus öffentlichem und privatem Besitz“ ein bisher unbekanntes Foto, das wahrscheinlich aus dem Landesarchiv Berlin stammt. Es ist etwa um 1925 entstanden und zeigt Leonhard Sandrock und seine Frau Ellen. Da die Sandrocks zu dieser Zeit in der Niedstraße Nr. 31 wohnten und hinter der Bank Birken zu sehen sind, liegt es nahe, dass dieses Foto im „Birkenwäldchen“ auf dem Maybachplatz (Perelsplatz) aufgenommen wurde.

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