Johannes Götz 1865-1934

Vorwort

 

Nach unseren Entdeckungen zum Atelier von Valentino Casal und zum Fuhrhof von Hermann und Johanna Pählchen hatten wir herausgefunden, dass die Historikerin Barbara Ohm 2008 im Jungkunz Verlag Fürth die Biografie „Johannes Götz – Bildhauer in Fürth und Berlin“ veröffentlicht hatte. Da wir  bisher nur unzureichend über Johannes Götz und sein Haus in der Friedenauer Wilhelmstraße Nr. 6 informiert waren, telefonierten wir mit Frau Ohm. Wenige Tage später erhielten wir ihr Buch, in dem ein umfangreicher Bildnachweis neugierig machte: Familienarchiv Ursula Mennerich Unterhaching.

 

Am 18. August 2019 schrieben wir einen Brief an Frau Mennerich. Wenige Tage später hatte sie unsere Beiträge auf der Webseite über die Bildhauerkolonie „studiert“ und schickte am 23. August eine Mail: „Ihr Bericht hat mich sehr beeindruckt. Sie haben ja wirklich sehr umfangreiches Material zusammengetragen. Ich möchte gerne mit meinen Fotos dazu beitragen.

 

Ich halte es allerdings für sinnvoll, wenn Sie die Bilder aus dem Archiv selbst aussuchen. Aus diesem Grund wäre ich bereit, mit meinen Schätzen bei Ihnen anzureisen“. Noch bevor es dazu kam, ging am 25. August unter Betreff „Klare Verhältnisse“ folgende Vereinbarung ein: Ursula Mennerich überlässt das gesamte Fotomaterial, einschließlich Zeichnungen, Skizzen und Aufsätze aus dem Nachlass von Johannes Götz kostenlos den Herren Peter Hahn und Jürgen Stich zur Veröffentlichung auf der Webseite www.friedenau-aktuell.de.

 

Am 1. September setzte sich Ursula Mennerich in Unterhaching mit der (wirklich) „sehr pflegeleichten französischen Bulldogge“, Oskar genannt, ins Auto. Am Nachmittag war sie in Friedenau. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie hatte tatsächlich wahre Schätze im Gepäck. Über diese Dokumente und Fotografien wird die Berliner Zeit von Johannes Götz über die Bildhauer Fritz Schaper und Reinhold Begas bis hin zu Kaiser Wilhelm II. über bisher unveröffentliche Fotografien eindringlich beleuchtet. Das auf dieser Webseite erstmals veröffentliche Material vermittelt einen Eindruck von der Wilhelmstraße in den Jahren von 1905 bis 1911.

 

Am 12. Februar 1906 zogen wir ins neugebaute Haus Friedenau Wilhelmstraße 6. Mit dieser handschriftlich verfassten Seite eröffnet der Bildhauer Johannes Götz ein neues Kapitel in seinem Familienalbum. Wir, das waren Johannes und Marianne Götz geb. Schwartzkopff. Sie hatten zwei Kinder, Sohn Rudolf (1904-1979) und Tochter Dorothee (1906-1983). Die Ehe des Arztes Rudolf Götz blieb kinderlos. Dorothee heiratete den Dipl. Ing. Wilhelm Mennerich und brachte drei Söhne zur Welt: Gerhard (heute Tierarzt in Lauf a. d. Pegnitz), Konrad (heute Augenarzt in Dachau) und Klaus, dessen Ehefrau Ursula nach seinem Tod den Götz‘schen Nachlass unter dem Namen Familienarchiv Ursula Mennerich betreut.

 

Wir danken Frau Barbara Ohm für die Anregung und Frau Ursula Mennerich für die Überlassung der Dokumente für die Webseite www.friedenau-aktuell.de.

 

Johannes Götz in Fürth. Familienarchiv Ursula Mennerich

Von Fürth nach Berlin

 

Ich Unterzeichneter bin geboren am 4. Oktober 1865 zu Fürth in Baiern, absolvierte dortselbst die kgl. Realschule und besuchte dann die kgl. Kunstgewerbeschule zu Nürnberg. Im Jahre 1884 immatrikulierte ich mich an der kgl. Akademie der Künste zu Berlin. Nachdem ich ein Jahr die Aktklasse des Hr. Prof. Schaper besucht, trat ich ins akademische Meister-Atelier für Sculptur unter Leitung des Hr. Prof. Reinh. Begas ein. Ich bin gegenwärtig noch Schüler derselben.

 

Eine bessere Entscheidung hätte Johannes Götz 1885 nicht treffen können. Reinhold Begas (1831-1911), so zornig und rücksichtslos er (nach Meinung von Carl Ludwig Schleich) sein konnte, wer ihm ohne Hehl nahte, konnte alles von ihm erreichen. Begas war dafür bekannt, dass er die Meisterschüler in seine Projekte einbezog. Als er sich 1888 für den Magistrat an die Ausführung des Neptunbrunnen machte, gehörten neben seinem Bruder Karl Begas (1845-1916) auch Karl Albert Bergmeier (1856-1897), Karl Bernewitz (1858-1934) und Johannes Götz dazu. Bevor das Geschenk 1891 Kaiser Wilhelm II. überreicht wurde, hatte Götz mit einer ersten eigenständigen Arbeit aufgewartet: Balancierender Knabe (1888).

 

Die Landeskunstkommission erkannte die Vorzüglichkeit des Modells und empfahl der Nationalgalerie den Ankauf für 1000 Mark. Da Götz dringend Geld benötigte, machte er im Februar 1889 darauf aufmerksam, dass ich einen Bronzeabguss meines wohl von der Ausstellung bekannten ‚balancierenden Jungen‘, auf den mir die ehrenvolle Erwähnung zuteil wurde, zur Verfügung habe. Da meiner Arbeit schätzenswerter Seite Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und man mir eine Möglichkeit des Erfolgs von einer Eingabe an dieser Stelle versprach, erlaube ich mir, diesen Bronzeabguss der Kgl. National-Galerie zu einem Preise von 700 Mark anzubieten. Es ist vielleicht an dieser Stelle nicht gebracht, meine pekunären Verhältnisse auseinanderzusetzen, die wohl nicht viel ungünstiger und misslicher sein könnten, und denen eine kleine Unterstützung sehr nottun würde, darum erlaube ich mir nur die Bemerkung, dass die Ehre, die mir mit einem ev. Ankauf zuteil werden würde, gewiss fördernd auf meine Weiterentwicklung wirken würde und ich bestrebt sein würde, mich dieser Auszeichnung fernerhin voll und ganz würdig zu erweisen.

 

Die Nationalgalerie kaufte und hatte 300 Mark gespart. Die Gießerei Gladenbeck in Friedrichshagen brachte die Statuette unter dem Titel Kugelläufer auf den Markt, in Originalgröße von 76 cm sowie 48 und 25 cm). Diese Bronze, allerdings unsigniert und ohne Gießereistempel wird noch heute mit der Anmerkung reduzierte Fassung nach dem Modell von 1888 ohne die gegossene Plinthe, spätere Ausformung einer unbekannten Gießerei auf Auktionen zum Preis von 950 Euro offeriert. Zu den wenigen von Johannes Götz erhaltenen Werken gehört auch die Wasserschöpferin, die während seines einjährigen Studienaufenthalts 1882/83 in Rom entstanden ist und von der Gießerei Gladenbeck in mehreren Abgüssen vervielfältigt wurde. Für die Werbung sorgte auch der Fotograf Waldemar Titzenthaler (1869-1937), der sie Skulptur umgehend auf Platte dokumentierte. So kommt es, dass diese Jugendstilbronze nicht nur im Bestand der Berliner Nationalgalerie und der Städtischen Sammlung Fürth zu finden ist, sondern von einem Auktionshaus mit „Taxe 9.500 Euro“ angekündigt wird.

 

 

Nationaldenkmal. Zeichnung G. Halmhuber. Centralblatt der Bauverwaltung

 

 

Nationaldenkmal 1894-1897

 

Die Schloßfreiheit war eine Zeile von zehn Häusern, die der Große Kurfürst 1672 entlang des Spreekanals zwischen Schleusenbrücke und Schlossbrücke errichten ließ, weil er mehr Leben am Schloss wünschte. Kaiser Wilhelm II. missfielen diese Bauten, da sie den Blick auf das Berliner Schloss verstellten. 1894 wurden sie abgerissen. Auf dem freigewordenen Platz zwischen dem Eosanderportal des Schlosses und dem Spreekanal sollte das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. (1897-1888) entstehen. Nach zwei Wettbewerben und diversen Auseinandersetzungen errang der vom Kaiser hochgeschätzte Bildhauer Reinhold Begas (1831-1911) den ersten Preis. Begas erkannte den komplizierten Bauplatz. Ein Denkmal dieser Größe mit einer 21 Meter hohen Reiterstatue von Kaiser Wilhelm I. (1897-1888) im Zentrum brauchte einen neuen Ansatz, der nur im Zusammenwirken von Baumeistern und Bildhauern entstehen konnte.

 

Begas holte sich für die technisch-architektonische Umsetzung den Architekten Gustav Halmhuber (1862-1936), der ihm beim Reichstagsgebäude als Mitarbeiter von Paul Wallot aufgefallen war. Begas und Halmhuber brauchten Platz. Dazu wurden nach der Stadtschleuse hinter der Schleusenbrücke Mühlgraben und Spreekanal zusammengeführt. Danach konnte das Monument teilweise im Kanal errichtet werden, was die Breite von 42 Metern auf 18 Meter verringerte. Die Wasserbauverwaltung protestierte, da sie Probleme bei der Regulierung der Spree befürchtete. Begas und Halmhuber schufen unmittelbar gegenüber dem Eosanderportal als baulichen Hintergrund für das Reiterbild eine Kolonnade. Sie begrenzte den Platz und markierte parallel zur Wasserstraße auch den Übergang zur Schinkelschen Bauakademie. Die Bauarbeiten begannen 1894, Grundsteinlegung war 1895, die Enthüllung erfolgte 1897.

 

Die Kolonnaden wurden gefüllt mit Kunstwerken der Berliner Bildhauerschule: Eugen Boermel (1858-1932), Peter Christian Breuer (1856-1930), August Gaul (1869-1921), August Kraus (1868-1934), Ludwig Cauer (1866-1947), Hermann Hidding (1863-1925), Karl Begas (1845-1916). An den Enden entstanden Eckpavillons. Den südlichen mit dem bronzenen Viergespann der Bavaria gestaltete Carl Hans Bernewitz (1858-1934), den nördlichen mit der Borussia Johannes Götz. Seit jener Zeit, so das Centralblatt der Bauverwaltung in einem Rückblick vom 27. März 1897, ist nun in den Werkstätten Begas’ und derjeniger seiner Schüler, mit denen in Gemeinschaft er an die Bewältigung der großen Aufgabe ging, sowie später nicht minder auf der Baustelle und in den Architekturwerkstatten eine fieberhafte Tätigkeit entfaltet worden.

 

Es fügte sich, dass der Architekt Bernhard Sehring (1855-1941) mit dem Bau des Theater des Westens zu Ende kam und sein Grundstück Fasanenstraße Nr. 11 an den Stadtbahnbogen 561, 562 und 563 als Werkstätte nicht mehr benötigte. Die Bildhauer griffen zu, darunter Ludwig Manzel, Hans Dammann, Fritz Heinemann, Hans Latt, Norbert Pfretzschner, Ernst Seger – auch Valentino Casal und Johannes Götz. Nicht ungelegen war, dass in 561 die Firma Merluzzi & Co mit Marmor handelte, in 562 eine Schlosserei und in 563 eine Zimmerei ansässig war.

 

Dort entwarf Johannes Götz für den nördlichen Eckpavillon des Nationaldenkmals das später von der Bildgießerei Gustav Lind in Kupfer getriebene kraftvolle Viergespann der Borussia als Verkörperung von Norddeutschland. Am 22. März 1897 wurde das Nationaldenkmal enthüllt: Es bedarf kaum der Hervorhebung, dass allen diesen Beteiligten ein erhebliches Verdienst an dem glücklichen Zustandekommen des großen Werkes zuzusprechen ist, und zwar ganz besonders in Anbetracht der außerordentlichen Schwierigkeiten, die aus der Kürze der Ausführungszeit erwuchsen. Sie alle dürfen in Gemeinschaft mit den Künstlern mit Stolz auf die Leistung blicken, die ihrem Können und ihrer Tatkraft ein dauernd ehrendes Zeugnis ausstellt (Centralblatt der Bauverwaltung).

 

Das Nationaldenkmal hat den Zweiten Weltkrieg weitgehend unversehrt überstanden. 1950 ließ die DDR den Bau abreißen. Die plastischen Kunstwerke wurden vernichtet. Der Sockel blieb wohl wegen der befürchteten Unwägbarkeiten im Untergrund erhalten. Darauf soll nun ein Freiheits- und Einheitsdenkmal entstehen – die Einheitswippe. Sie soll eine soziale Skulptur darstellen, sie soll Leben gewinnen, wenn die Besucher sich zusammenfinden, verständigen und gemeinsam bewegen, sie soll aktivieren und lädt zur Partizipation einladen – gleichsam ein Bild für gelebte Demokratie. Es hilft alles nichts: Die Mehrheit der Deutschen lehnt dieses Werk ab. Sinnvoller ist aus unserer Sicht allerdings der Vorschlag, die historische Kolonnade ohne die plastischen Zutaten als bauliches Bindeglied zwischen Schloss, Spreekanal und Schinkelscher Bauakademie zu rekonstruieren.

 

 

Nationaldenkmal. Centralblatt der Bauverwaltung, 1897

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1902 Plan der Siegesallee

Siegesallee 1895-1901

 

Am 27. Januar 1895 verkündete Kaiser Wilhelm II., dass er im Tiergarten eine Siegesallee mit Marmor-Standbildern der Fürsten Brandenburgs und Preußens errichten lassen wolle, beginnend mit Albrecht dem Bären und schließend mit dem Kaiser und König Wilhelm I.

 

Vorgeschrieben war als Material Carrara-Marmor. Vorgegeben waren Sockelhöhe 1,70 m, Standbildhöhe 2,40 m, Gesamtbreite je Denkmal 9 m, Abstand zwischen den 32 Denkmälern je 36 Meter. „Ja nicht modern“ sollten diese sein, weil „den verirrten Anhängern der Moderne der Weg zurück zur wahren Kunst“ aufgezeigt werden soll.

 

Die künstlerische Oberleitung wurde Reinhold Begas (1831-1911) übertragen. Am 9. Januar 1896 wurden die ersten Aufträge an die Bildhauer Walter Schott (1861-1938) und Max Unger (1854-1918) erteilt. Begas hatte zuvor halbherzig gewarnt: Die Bildhauer haben ja von der handwerksmäßigen Technik kaum eine Ahnung. Sie sind ja nur Modelleure. Schnell will man schaffen, immer Neues, und so wandert Modell auf Modell zum Steinmetz. Es ist doch ein ganz gewaltiger Unterschied zwischen dem Modelliren und dem Meißeln. Zwei ganz verschiedene Principien: dort das des Auflegens, hier das des Abnehmens; dort die weiche Masse, wo sich immer wieder umformen, verbessern lässt, und hier ein Centimeter, oft nur ein Millimeter zu viel fortgeschlagen oder gebosselt, und die Arbeit ist verdorben.

 

 

 

 

Walter Schott war das erste Opfer. Beim Modellieren seiner Gruppe 1 Markgraf Albrecht der Bär hatte er (laut Historikerin Uta Lehnert) weder gerechnet noch gemessen und die Figur in einer beliebigen Größe aufgebaut. Am Ende hätte das Modell fast die natürliche Größe gehabt. Die Steinausführung der Skulpturen erfolgte anfangs noch in Italien. Die dortige Firma beachtete eine Zusatzklausel von Schotts Vertrag nicht, in der die endgültige Höhe des Standbildes vorgeschrieben war und übertrug das Modell im Maßstab 1:1 in den Stein, so dass es 8 cm zu klein geriet. Die zweite Ausfertigung in der geforderten Größe wurde nicht mehr rechtzeitig fertig. Außerdem musste Schott sie aus eigener Tasche zahlen. Er tat dies in der Hoffnung, durch einen zweiten Auftrag für die Siegesallee entschädigt zu werden. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

 

Max Unger sicherte sich ab und stellte sein Gipsmodell Gruppe 2, Markgraf Otto I. erst einmal im Rathaus aus. Als der Test überstanden war, beauftragte er Valentino Casal (1867-1951) mit der Umsetzung in Marmor. Casal, der damals in Berlin weder mit einer Werkstatt noch mit Helfern aufwarten konnte, die etwas von Punktieren, Konturieren und Ziselieren verstanden, zog mit dem Modell nach Carrara, machte Unger auf die unterschiedlichen Qualitäten von Statuario, Bianco und Ordinario aufmerksam und lieferte das fertige Denkmal in den Tiergarten.

 

Nach dem 13. März 1896 standen mit Joseph Uphues (Gruppe 3 Markgraf Otto II.) und Johannes Boese (Gruppe 4 Markgraf Albrecht II.) die nächsten Kunden vor der Tür. Da beide Denkmale bereits am 22. März 1898 enthüllt wurden, kann davon ausgegangen werden, dass diese in der Fasanenstraße Nr. 11 gearbeitet wurden. Dort hatte Casal (wie Johannes Götz und Ludwig Manzel) im Herbst 1895 am „Stadtbahnbogen Nr. 561“ neben der Marmorhandlung Merluzzi & Co eine erste Werkstatt eingerichtet.

 

Als nächster kam der Bildhauer Max Baumbach (1859-1915). Er hatte am 16. März 1896 den schwierigsten Auftrag erhalten. War bisher für das Zentrum des Denkmals nur ein Protagonist vorgesehen, sollte Baumbach mit der Gruppe 5 Markgraf Johann I. und Markgraf Otto III. an die beiden Gründer Berlins erinnern. Für diese Doppelskulptur war ein großer Marmorblock erforderlich. Casal fand einen besonders schönen und gleichmäßigen Stein, der allerdings 700 Zentner wog und nicht transportiert werden konnte. Mit Bewilligung Seiner Majestät durfte Casal den Stein in Italien punktieren.

 

Casal hatte in der Zwischenzeit als Übergangslösung im Gewerbehof Leibnizstraße Nr. 33 eine Werkstatt gemietet. In der Halle nebenan war Johannes Götz mit dem Modell seines Viergespanns der Borussia für das Nationaldenkmal beschäftigt, bevor es in der Bildgießerei Gladenbeck in Bronze verwandelt und am 22. März 1897 vor dem Stadtschloss enthüllt wurde

 

Obwohl die Aufträge für die Marmordenkmäler ab 1896 erteilt und jene von Boese, Schott, Unger und Uphues bereits im Frühjahr 1898 eingeweiht wurden, wurde Johannes Götz erst am 22. März 1898 mit der Gestaltung der Gruppe 19 Kurfürst Joachim I. und den Büsten von Markgraf Albrecht von Brandenburg und Dietrich von Bülow in den erlauchten Bildhauerkreis aufgenommen.

 

Götz eilte mit seinem Gipsmodell zu Valentino Casal. Der war inzwischen dabei,  in der Wilhelmstraße Nr. 7 einen Bildhauerhof mit diversen Ateliers zu eröffnen. Mit Hochdruck arbeitete er an den Denkmälern für die Siegesallee. Es wurde punktiert, konturiert und ziseliert. In Arbeit waren Gruppe 11 Markgraf Ludwig II. (Emil Graf Görtz zu Schlitz), Gruppe 13 Kaiser Karl IV. (Ludwig Cauer), Gruppe 15 Kurfürst Friedrich I. (Ludwig Manzel), Gruppe 19 Kurfürst Joachim I. (Johannes Götz), Gruppe 26 König Friedrich I. (Gustav Eberlein), Gruppe 28 König Friedrich II. (Joseph Uphues), Gruppe 30 König Friedrich Wilhelm III. (Gustav Eberlein) und Gruppe 32 Wilhelm I. (Reinhold Begas).

 

Dazugekommen war im September 1899 aus Carrara der immer noch 400 Zentner schwere Marmorblock für die Doppelgruppe 5 Markgraf Johann I. und Markgraf Otto III. von Max Baumbach. Für Kaiser Wilhelm II. ein Ereignis, weshalb er am 7. November 1899 mit großem Gefolge nach Friedenau kam. Mit dabei auch der aus Wien stammende Journalist Arthur Brehmer (1858-1923), den Ullstein im Frühsommer 1899 als Chefredakteur engagiert hatte. Während die Herrschaften mehrere andere noch in Arbeit befindliche Denkmäler im Atelier besichtigten, fiel wohl auch das Kaiser-Wort von Klein Carrara. Exakt lässt es sich nicht datieren, aber es ist davon auszugehen, dass die Formulierung von Brehmer aufgegriffen, erstmals in der Berliner Illustrirte Zeitung, 8.Jg./1899, Nr.47 zu lesen war und immer weiter kolportiert wurde: Casals Atelier, die ‚größte Handlangerei der Kunst‘, wurde vom Kaiser scherzhaft als ‚Klein-Carrara’ bezeichnet. Brehmer, dem nachgesagt wurde, dass er dem Wiener Schmäh eher verpflichtet schien als der Wahrheit, hatte im Bildhauerhof tatsächlich eine Massenproduktion erlebt, die selbst für Valentino Casal weniger von Kunst als vielmehr vom Handwerklichen geprägt war.

 

Mitten in der Arbeit von Casal und Götz am Standbild von Kurfürst Joachim I. und den Büsten von Markgraf Albrecht von Brandenburg und Bischof Dietrich von Bülow kam am 23. Oktober 1899 die Nachricht vom Marmorattentat auf die Siegesallee. Der Magistrat setzte eine Belohnung von 500 Mark aus und entsandte nachts Patrouillen in den Tiergarten. Der Kaiser fuhr am 8. Januar 1900 „nach dem Atelier des Bildhauers Casal, dem die Reparatur der geschändeten Denkmäler in der Siegesallee übertragen worden war.

 

Bei der Gruppe Albrechts des Bären sind an der Nebenfigur des Bischofs von Brandenburg die beschädigten Teile durch eine entsprechende Reparatur ersetzt worden. In ähnlicher Weise werden jetzt an der Gruppe Ottos II. den Begleitfiguren Heinrich von Antwerpen und Johann Hans zu Puttlitz, der zertrümmerte Gänsekiel und die Dokumentenrolle neu ersetzt. Hier lassen sich die abgeschlagenen Bruchstücke in künstlerischer Vollendung wieder herstellen. Dagegen lässt sich eine derartige Flickarbeit an vier Nebenfiguren bei der Gruppe Ottos I. und Albrechts II. nicht durchführen, da es sich bei denselben um eine Nachmodellierung von Gesichtszügen handeln würde, die von sachverständiger Seite von vornherein für wenig aussichts- und erfolgreich gehalten wurde. An der Gruppe Ottos I. hatten die Vandalen in der Nacht zum 23. Oktober dem Fürsten Pribislaw die Nase abgeschlagen und das Gesicht zerhauen, dem Abte Sibold sämtliche Finger der rechten Hand, den Hirtenstab und die Nase zertrümmert; an der Gruppe Albrechts II. waren Hermann von Salza und Eike von Repkow ebenfalls die Nasen abgeschlagen worden.

 

Der Kaiser will diese vier Figuren nunmehr entfernen und andere in dergleichen Ausführung an ihre Stelle aufstellen lassen. Er hat zu diesem Zweck einen Wettbewerb unter den Künstlern veranstaltet, aus dem. Bildhauer Casal als Sieger hervorgegangen ist. Ihm ist vom Kaiser die Anfertigung der vier Nebenfiguren übertragen worden. Herr Casal ist augenblicklich mit der Ausführung des Auftrages beschäftigt. Und zur Besichtigung der Vorarbeiten begab sich der Kaiser in das Atelier und zwar ganz ohne vorherige Anmeldung. Herr Amtsvorsteher Major Roenneberg erfuhr die Anwesenheit Seiner Majestät zu spät und war erst zur Stelle, als der Kaiser schon Friedenau verlassen hatte.

 

Am 28. August 1900 wurde schließlich auch das Denkmal von Johannes Götz enthüllt. Nach 17 Enthüllungsfeiern in vier Jahren war die 750 Meter lange Siegesallee 1901 vollendet – und von der Kunstkritik als Puppenallee verspottet.

 

Uta Lehnert über die Gruppe 19 von Johannes Götz

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Wilhelmstraße 6, 1906. Familienarchiv Ursula Mennerich

Wilhelmstraße Nr. 6 (Görresstraße)

Johannes Götz (1865-1934)

 

Am 12. Februar 1906 zogen wir ins neugebaute Haus Friedenau Wilhelmstraße 6. Mit dieser handschriftlich verfassten Seite eröffnet der Bildhauer Johannes Götz ein neues Kapitel in seinem Familienalbum.

 

Laut Friedenauer Adressbuch von 1905 ergab sich für die vom Friedrich-Wilhelm-Platz aus gesehene rechte Straßenseite folgende Situation: Nr. 1-5 Baustellen, Nr. 6 Baustelle Eigentümer Bildhauer Prof. J. Götz (Charlottenburg), Nr. 7 Eigentümer Valentino Casal mit den Bildhauern G. Hengstenberg und M. Lewy als Ateliernutzern, Nr. 8 Baustelle Eigentümer Direktor E. J. Hensel (Schöneberg), Nr. 9 Eigentümer Bildhauer Prof. L. Manzel (Wilmersdorf) mit E. Gomansky und P. Hubrich als Mieter des Ateliers.

 

 

 

 

 

 

Für den Umzug der Familie Götz in das zweigeschossige Landhaus Wilhelmstraße Nr. 6 gab es sicher mehrere Gründe. Am 3. Februar 1903 hatte der 37-jährige Johannes Götz die 17 Jahre jüngere Marianne Schwartzkopff (1882-1954) geheiratet. Sie zogen in die Mietwohnung Pfalzburger Straße Nr. 74. Am 3. Juli 1904 wurde dort Sohn Rudolf (1904-1979) geboren.

 

Marianne stammte aus einer wohlhabenden Kohlenhändlerfamilie. Das ist nur die halbe Wahrheit. Zur weitverzweigten Familie Schwartzkopff gehörte auch der Unternehmer Louis Schwartzkopff (1825-1892), der einst – mit Unterstützung der Familie – die Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft gründete – der deutsche Hersteller von Dampflokomotiven. Schwartzkopff erhielt den Titel Kommerzienrat und wurde in den Staatsrat der Preußischen Regierung berufen. Die Familie wusste schon, was sie dem Kaiser und seinen Bildhauern schuldig war.

 

Johannes Götz selbst war wohl kaum in der Lage, den Friedenauer Bau zu finanzieren. Es ist davon auszugehen, dass die Finanzierung von seiner Frau Marianne „geregelt“ wurde. Zu den Merkwürdigkeiten gehört, dass Götz ein Porträt-Medaillon schuf und dieses mit dem Schriftzug Marianne über dem Hauseingang anbringen ließ. Befremdlich ist auch, dass nach der Hochzeit der aus Magdeburg stammende Illustrator Georg Barlösius (1864-1908) das Exlibris Johannes und Marianne Götz kreierte. Im Mittelpunkt die Wasserschöpferin, darüber Hammer und Meißel als Werkzeuge des Bildhauers sowie die Fassade des Magdeburger Doms und die Nürnberger Stadtmauer. In ihrem Buch Johannes Götz – Bildhauer in Fürth und Berlin (Jungkunz Verlag, 2008) wundert sich die Historikerin Barbara Ohm zu Recht: Kein Motiv aus Fürth, der Geburtsstadt.

 

Der Friedenauer Lokal-Anzeiger ließ sich den Einzug von Johannes Götz in die Wilhelmstraße Nr. 6 entgehen. Kein Wort von seinem Viergespann der Borussia für das Nationaldenkmal (1897), keine Erwähnung seiner Gruppe 19 Kurfürst Joachim I. Nestor für die Siegesallee (1900). Erst unter Standesamtsnachrichten gab das Blatt bekannt, dass dem Bildhauer Johannes Götz am 10. Oktober 1906 ein Mädchen geboren wurde: Tochter Dorothee (1906-1983)

 

Dem Friedenauer Lokal-Anzeiger, der in den Jahren 1895 bis 1901 reichlich von der Siegesallee und den kaiserlichen Besuchen in der Wilhelmstraße berichten konnte, fehlten nun die Anlässe. Da musste nun am 25. Oktober 1906 eine Gartenbau-Ausstellung der Privatgärtner-Vereine in den Terrassen in Halensee herhalten, „die Erzeugnisse der Gärten und Treibhäuser von Privatbesitzern vor Augen führte, um das Interesse an Blumen- und Obstkultur zu fördern“, und da passte es, dass „die Herren Bildhauer Professor Götz, Harro Magnussen, R. Schreier-Bergemann und Professor von Uechtritz liebenswürdiger Weise eine Anzahl solcher Skulpturen zur Verfügung gestellt haben, welche speziell für Gartenanlagen und Wintergärten bestimmt sind, um das Interesse für den künstlerischen Schmuck eines Gartens zu wecken“.

 

Dass Götz 1907 mit zwei Aufträgen bedacht wurde, war dem Blatt nur Kurzmeldungen wert: Im Mai 1907 hatte der Arbeitsausschuss des Wissmann-Komitees die Ausführung des Wissmann-Denkmals in Lauterberg dem Bildhauer Prof. Johannes Götz, hier, übertragen. Das Denkmal wird 40000 M. kosten. Für den Wettbewerb waren im ganzen 52 Entwürfe eingegangen. Die Jury hat den Bildhauern Prof. Götz, Gomansky und Paul Becher gleiche Preise von je 1500 M. zuerkannt. Hermann Wissmann, Reichskommissar, Gouverneur von Deutsch-Ostafrika und von Wilhelm II. in den erblichen Adelsstand erhoben, steht exemplarisch für die deutsche Kolonialpolitik. Schwamm drüber über Deutschlands großem Afrikaner.

 

Die nächste Meldung vom 30. Dezember 1907 ist ebenso kurz aber erträglich: Die Ausführung des Denkmals für den großen Astronomen Kopernikus zu Allenstein ist unserem Mitbürger Herrn Professor Johannes Götz übertragen worden. Nach der Skizze erscheint die Büste des großen Forschers als Mittelpunkt einer Brunnenarchitektur; sein geistiges Auge richtet sich gleichsam auf die bekrönende Gruppe einer von Genien bewegten Erdkugel. Das Ganze ist in Muschelkalk gedacht, die Büste wird Bronze. Die Büste wurde 1916 mitten im Ersten Weltkrieg aufgestellt. Die deutsche Inschrift: Geistesgewaltig wiesest zuerst du die Bahnen der Erde; dieser Stadt und der Burg brachtest du Segen und Schutz. Die Büste ist erhalten, allerdings wurde die Inschrift nach 1945 durch eine polnische ersetzt.

 

1907 zeichnen sich in der Wilhelmstraße Veränderungen ab. Die Familie hatte inzwischen den Portier  Pehlmann. 1908 sind die Grundstücke Nr. 3 und Nr. 4 mit vierstöckigen Mietshäusern bebaut. Zum Götz’schen Grundstück Nr. 6 gehört nun auch Nr. 5. Der Portier wird unter Diener aufgeführt. Johannes Götz, der bisher nur über ein bescheidenes Atelier verfügte, ließ sich auf Nr. 5 ein großes und hohes Atelier errichten, in dem das 3,20 Meter hohe Gipsmodell von Wissmann entstand.

 

Seit 1905 interessierte sich der Kaiser für das Achilleion auf Korfu. 1907 kaufte er den Palast, den Kaiserin Elisabeth hatte errichten lassen. Während seines ersten Aufenthaltes Ostern 1908 ließ er die von Sisi erworbene Skulptur von Heinrich Heine entfernen. Nicht passend fand er auch den vom Berliner Bildhauer Ernst Herter (1846-1917) geschaffenen Sterbenden Achilles. Wilhelm erinnerte sich an den Schwertkämpfer von Johannes Götz und an Reinhold Begas, der sein halbes Leben dafür gegeben hätte, wenn ich das gemacht hätte. Wenn nun Eure Majestät mal ein antik-empfundenes Bildwerk brauchen, dann wenden Sie sich an den Mann, er wird etwas Gutes machen, denn er kann antik denken. Der Kaiser wollte sicher gehen, fertigte 1908 für Götz eine Skizze von einem Siegreichen Achilles mit Schild und Speer, an der sich der Bildhauer orientiere sollte.

 

In seinen Erinnerungen an Korfu schrieb Wilhelm II.: Der von mir nach Korfu berufene Bildhauer war im Nu unter dem Zauber des Achilleion, gehoben in dem Gedanken, an dieser Stelle ein Werk von sich aufstellen zu dürfen. Ganz so einfach gestaltete sich die Umsetzung nicht. Ein schweres halbes Jahr lag hinter Götz, denn die Sache war nicht leicht und ich habe mich an einem Dutzend Entwürfe wie ein Wilder abgeschuftet. Am Vormittag des 15. Oktober 1908 kam der Kaiser in die Wilhelmstraße.

 

Im Atelier stand nun nicht mehr Wissmann, Deutschlands großer Afrikaner, sondern noch größer das 6 Meter hohe Gipsmodell des Achilles. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger berichtete euphorisch: Der Kaiser hat nun einen Entwurf genehmigt, der Achill zum Kampfe bereit, mit der Rechten an die Lanze gelehnt, in der Linken den Rundschild, zeigt. Die Statue wird in hellpatinierter Bronze ausgeführt, und einzelne Teile wie Lanze, Schild und Helmbusch sollen durch leichte Vergoldung belebt werden. Die Höhe der Figur wird ungefähr 5 bis 6 Meter betragen; die endgültige Größe soll noch erst durch eine Kulisse an Ort und Stelle festgesetzt werden. Vorläufig wird ein Modell der Statue in Größe von etwa 2,20 Meter angefertigt. Die Vollendung und Aufstellung des Werkes auf Korfu ist im Frühjahr 1910 zu erwarten. Das Postament wird in griechischem Marmor ausgeführt und vom Kronprinzen von Griechenland besorgt; es erhält eine Höhe von ungefähr 2 ½  Meter. Nach dem der Kaiser im Garten einen Brunnen in Augenschein genommen hatte, besichtigte er noch eingehend das Haus des Künstlers und interessierte sich aufs lebhafteste für die einzelnen Teile der sehr künstlerisch eingerichteten Wohnräume.

 

Vier Monate später trafen am 19. Februar 1909 Nachmittag gegen 3 Uhr in 3 Automobilen das Kaiserpaar, Prinzessin Viktoria Luise und Gefolge vor der Wohnung des Bildhauers Herrn Prof. Johannes Götz, Wilhelmstraße Nr. 6 ein. Die hohen Herrschaften wurden von dem Künstler und seiner Gemahlin am Wagenschlag empfangen und zum Atelier geleitet. Vorbereitet waren Schienen und eine Güterlore, auf der Achilles in den Garten gefahren wurde – präsentiert von Götz und bestaunt von den Kindern Rudolf und Dorothee.

 

Nachdem die kaiserliche Familie ihren Segen erteilt hatte, folgte im April 1909 die öffentliche Präsentation des Gipsmodells auf der Internationalen Gartenbauausstellung in den Ausstellungshallen am Zoo. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger war dabei: Den Clou der Ausstellung bildet das prächtige Diorama ‚Schloss Achilleion auf Korfu‘ mit der plastischen und naturgetreuen Darstellung der Schlossterrasse. In der großen Halle nimmt das Diorama den ganzen Orchesterraum ein. Mitten in der herrlichen Umgebung steht das Abbild des sterbenden Achill (gemeint war natürlich der siegreiche Achill), den der Kaiser von unserem Mitbürger Herrn Professor Johannes Götz herstellen lässt.

 

Am 14. März 1910 besuchte das Kaiserpaar in Begleitung von Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Oskar die Bildgießerei der Aktiengesellschaft Gladenbeck in Friedrichshagen, wo aus dem Gipsmodell inzwischen die bronzene Achillesstatue gegossen worden war. Danach wurde die Riesenfigur in einzelne Teile zerlegt, in Kisten verpackt und nach Triest transportiert. Im Hafen lag schon das Schulschiff S.M.S. Victoria Luise, dass die Kaiserliche Marine am 11. August 1910 ins Mittelmeer geschickt hatte. Götz kam frühmorgens in Triest an, eilte zum Schiff und erfuhr, dass die Figur in etwa einer halben Stunde eingeschifft werden würde. Durch die Adria ging es nach Korfu. Unter Aufsicht von Götz und einem Monteur der Bildgießerei wurde Achilles im September 1910 innerhalb einer Woche aufgestellt. Anfang Oktober war Johannes Götz wieder in Berlin. Da hatte die Admiralität dem Kaiser längst über Korfu berichtet.

 

Dennoch wurde Götz für einen eigenen Bericht ins Neue Palais in Potsdam gerufen. Diese Begegnung wurde von Johannes (oder Marianne) Götz auf 20 Schreibmaschinenseiten unter dem 2. Oktober 1910 festgehalten – ein fragwürdiges Dokument zwischen direkter und indirekter Rede. Der Kaiser war jedenfalls zufrieden. Sie haben ihre Sache schön gemacht. Götz bekam den Königlichen Kronen Orden dritter Klasse und den nächsten Auftrag, eine Büste für den Architekten Louis Jacobi (1836-1910), dessen Name mit der Rekonstruktion des römischen Kastells Saalburg verbunden ist: Von dem will ich oben auf der Saalburg eine Büste aufstellen. Ich möchte, dass Sie mir diese Büste machen. Da sie im Freien stehen wird, soll sie in Bronze werden, und als Sockel nehmen wir wohl am besten den roten Sandstein von oben, den wir schon öfter verwendet haben. Machen Sie es, dass es antiker Form entspricht.

 

Ostern 1911 war Kaiser Wilhelm II. bei prächtigem Frühjahrswetter auf Korfu eingetroffen, sah erstmals den Achilles und schickte ein Telegramm nach Berlin: Wir standen alle in stummer Bewunderung vor Ihrem herrlichen Kunstwerk. Stolz in den blauen Aether ragend steht der königliche Held, den Blick auf die fernen Berge gerichtet, wie ein Denkmal aus alter Zeit. Ich spreche Ihnen von Herzen nochmals meinen wärmsten Dank aus zugleich im Namen aller Anwesenden, deren ungeteilten Beifall Ihr Achilles gefunden hat. Viel Vergnügen in Villa Falconieri. Wilhelm R. (GStA)

 

Götz bedankte sich umgehend: Da ich aus dem freundlichen Schluss der Depesche ersehen darf, dass Ew. Majestät auch meine Bitte um einen vorübergehenden Aufenthalt in der Villa Falconieri Allergnädigst gewährt haben. Es war seit langer Zeit mein sehnlicher Wunsch, wieder einmal auf klassischem Boden, unter dem Einfluss alter großer Kunst stehend, zu meiner künstlerischen Weiterentwicklung eingehendst zu arbeiten, weshalb ich an den kürzeren Aufenthalt in der Villa Falconieri noch einen längeren in Rom knüpfen werde. (GStA)

 

Am 19. Januar 1911 meldete der Friedenauer Lokal-Anzeiger: Die Villa des Herrn Prof. Götz ist bekanntlich in den Besitz des Herrn Kommissionsrat Heinrich Sachs (1858-1922) übergegangen. Herr Prof. Götz wird in nächster Zeit seinen Wohnsitz nach Berlin verlegen. Das Atelier bleibt jedoch hier bestehen, da nur das Wohngebäude von Herrn Kommissionsrat Sachs käuflich erworben wurde. Von 1913 bis 1929 wird das Atelier von Bildhauer Eberhard Encke (1881-1936) genutzt. Mit der Umbenennung der Wilhelmstraße in Golzheimer Straße Mitte der 1930er Jahre wird das Anwesen aufgeteilt. Nr. 5 (neue Nr. 12) bleibt im Besitz von Witwe Bertha Sachs. Für Nr. 6 (neu Nr. 14) wird als Eigentümer der Kunstmaler O. Kyser genannt.

 

Der Entschluss von Johannes und Marianne Götz muss ziemlich kurzfristig gefallen sein. Im April 1910 suchte das Ehepaar zum Oktober noch einen verheirateten Atelierdiener, der etwas Gartenarbeit versteht. Freie Wohnung, Gehalt nach Übereinkunft. Nun gaben sie das eigene Grundstück mit Landhaus und Atelier auf.

 

Im Nachlass von Götz befinden sich ein Foto und ein Zeitungsbericht aus Rom. Das Foto zeigt Johannes und  Marianne Götz mit den Kindern Rudolf und Dorothee vor der Villa Falconieri. Bekannt geworden ist das Haus durch den Schriftsteller Richard Voß (1851-1918) und seinen Roman Villa Falconieri. Die Geschichte einer Leidenschaft. 1905 kaufte der Berliner Bankier Ernst von Mendelssohn-Bartholdy die Villa und machte sie 1907 Kaiser Wilhelm II. zum Geschenk.

 

Aus dem Bericht „Deutsche Kunst in Rom“ geht hervor, dass der Deutsche Künstlerverein in Rom durch einen neuen Vorsitzenden, den Bildhauer Professor Götz, zu neuem Leben erweckt wird. Götz hat in wenigen Monaten aus dem morschen Schutt wunderbar jugendfrische Reiser sprießen lassen, und die entnervende, lähmende Kritik der Pessimisten ist plötzlich in Nichts zerstoben, wie Nebel im Morgenwind. Der rührigen Tatkraft des jungen Zauberers ist nun ein Wurf gelungen, dank welchem der Künstlerverein mit einem Schlage in den Mittelpunkt des römischen Kunstlebens gerückt wird: eine retrospektive Ausstellung, in welcher Lenbach mit zehn in Deutschland unbekannten Porträts, Böcklin mit drei, Feuerbach mit vier Landschaften, Stauffer-Bern mit einer Anzahl herrlicher Radierungen vertreten ist. Drei lebenden Künstlern – Max Klinger, Otto Greiner und Volkmann – hat Professor Götz einen besonderen Saal angewiesen, und was man da von ihnen sieht, Bilder, Radierungen und Plastiken, ist ein neuer Beweis für ihre in Schönheit und Kraft schaffende Künstlerseele.

 

Als Italien den Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn beendete und wenig später auf der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg eintrat, musste die Familie Götz Italien verlassen – wie umgekehrt der Italiener Valentino Casal Deutschland verlassen musste. Sie zogen 1914 in das vom Friedenauer Architekten Leberecht Thon entworfene und von der Berlinischen Boden-Gesellschaft errichtete Mietswohnhaus Rüdesheimer Platz Nr. 6, I. Etage  – direkt vor der U-Bahn-Station.