Der zu Friedenau gehörende Teil der Hauptstraße beginnt am Innsbrucker Platz und endet am Breslauer Platz. Im Laufe der Jahrhunderte bekam sie einige Namen: Potsdamer Chaussee (1791-1840), Botanische Gartenstraße (bis 1881), Friedenauer Straße (bis 1907) und schließlich ab 1908 Hauptstraße. Aus der Historie heraus markiert die Straße die Grenze zwischen den Gemarkungen Friedenau und Schöneberg. Die östliche Straßenseite mit den Hausnummern 83-95 gehört zum Ortsteil Schöneberg, die westliche mit den Nummern 64-82 zu Friedenau. Bis zum 2. Mai 1963 fuhr hier die Straßenbahnlinie Nr. 74, die schon vor dem Ersten Weltkrieg als eine bedeutende Linie in Berlin angesehen wurde, da in den Nächten vom Sonnabend zum Sonntag ein durchgehender Nachtverkehr zwischen Zentrum und Vororten bestand. Seit dem Jahr 2016 gibt es Überlegungen zur Wiedereinrichtung der Straßenbahnlinie vom Alexanderplatz bis zum Rathaus Steglitz.

 

Hauptstraße Nr. 70. Topographie Friedenau, 1988

Hauptstraße Nr. 70

Hähnelstraße Nr. 10

Entwurf Baumeister Max H. Grundwald

Bauherrr Max H. Grundwald

1908

 

Das fünfgeschossige Doppelhaus an der Ecke Hauptstraße Nr. 70 und Hähnelstraße Nr. 10 verfügt über Treppenaufgänge in beiden Straßen. Zu den Besonderheiten gehören der dreieckige Erker im Kopfbau, Turmhelm und Laterne sowie die durchlaufende Galerie im vierten Obergeschoss.

 

 

 

 

Hauptstraße Nr. 71

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf & Bauherr Architekt und Maurermeister Paul Reinhardt

1909-1910

 

Im September 2018 hing im Schaufenster der „Körner-Apotheke“ in der Hauptstraße Nr. 71 ein handgeschriebener Zettel: „Apotheke wegen Krankheit zur Zeit geschlossen. Post bitte im Blumenladen abgeben.“ Wenige Tage später: „Liebe Kunden, die bereits bestellten Waren befinden sich in der Stier-Apotheke Hauptstraße Nr. 76 zur Abholung für Sie bereit“. Dann: „Sehr geehrte Kunden, die Apotheke ist bis auf Weiteres geschlossen.“ Vier Monate später prangen an den Schaufenstern die Schilder „Zu vermieten“.

 

Wir hatten seit langem befürchtet, dass nicht alle sieben Apotheken zwischen Hähnelstraße und Walther-Schreiber-Platz den Druck des Marktes überstehen würden. Dass es nun aber ausgerechnet die seit 1912 bestehende Körner-Apotheke mit ihrer 1890 gefertigten Inneneinrichtung, „Eiche massiv, später Jugendstil“, zuerst trifft, macht traurig.

 

 

 

 

 

Am 18. September 2018 baten wir den Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde im Schöneberger Bezirksamt, einen drohenden Verlust dieser Einrichtung zu verhindern. Die Antwort war ernüchternd: Unsere Information wurde „an die für diesen Bereich zuständige Sachbearbeiterin weiter gegeben“. Gleichzeitig wurden wir aber um Verständnis dafür gebeten, dass „derzeit eine hohe Arbeitsbelastung herrscht, zudem ein hoher Krankenstand, so dass ich nicht versprechen kann, dass Sie bald eine Antwort erhalten werden“. Von dieser Verwaltung ist nichts zu erwarten.

 

Nicht gefährdet ist das Haus selbst, da es zum denkmalgeschützten Mietshausensemble von Hähnelstraße Nr. 7-15 und Hauptstraße Nr. 70-74 gehört. Nr. 71+72 werden 1908 als Baustellen und Nr. 73+74 als Neubau aufgeführt. Der Maurermeister und Architekt Paul Reinhardt lieferte den Entwurf, fungierte als Bauherr und nannte das Mehrfamilienhaus Wielandstraße Nr. 43 sein Eigentum. Nun kam 1911 das Haus Nr. 71 hinzu. Unter dieser Adresse, damals noch Friedenauer Straße, politisch zu Schöneberg postalisch zu Friedenau gehörend, waren anfangs zu erreichen: Eigentümer Paul Reinhardt, Bankbeamter A. Dräger, Architekt W. Dudel, Schuhmachermeister K. Gall, Zivilingenieur G. von Kreyfeldt, Kunstglaserei Redeker & Co sowie Schneider A. Rubbel.

 

1912 gab es die ersten Veränderungen. Da zog in das Haus u. a. der Apotheker Franz Capelle ein. Bisher war nicht zu recherchieren, ob er da nur wohnte oder auch die neue Apotheke betrieb. Capelle hatte 1903 im Verlag Julius Springer Berlin das „Englisches Konversations-Buch für Pharmazenten“ von Dr. Th. D. Barry herausgegeben – war aber seinerzeit auch „Besitzer von Dr. A. Sanders Adler-Apotheke in Norden“, die seit 1623 in Ostfriesland existierte. Kurios ist, dass ab 1913 für das Haus Nr. 71 sowohl Apotheker Franz Capelle als auch Apotheker Alfred Schmidt aufgeführt werden – Schmidt als Inhaber der Körner-Apotheke und Wohnungsmieter. Im Jahr 1928 ging das Anwesen an den Kaufmann L. Meißner das Haus. Die Körner-Apotheke blieb.

 

Als wir vor Jahrzehnten nach Friedenau zogen, war die Körner-Apotheke im Besitz von Dr. Dietmar Jentsch. Wir gehörten damals auch zu jenen, die beim ersten Besuch erstaunt ausriefen: „Das ist ja noch eine richtige Apotheke“. Jentsch erzählte die Geschichte: Seit 1892 dominierte in Friedenau die von Albert Hirt eröffnete „Adler-Apotheke“ in der Rheinstraße Nr. 16, die 1903 vom Apotheker Paul Sadée übernommen wurde. Der gestiegene Pillenbedarf legte nahe, beim Bau des Mietshauses Hauptstraße Nr. 71 im Erdgeschoss eine weitere Apotheke zu etablieren. Sie sollte 1913 zum 100. Todestag des „Befreiungsdichters“ Theodor Körner eröffnet und „Körner-Apotheke“ genannt werden. Das Haus war aber bereits 1911 bezugsfertig. Es muss bisher dahingestellt bleiben, ob nun Franz Capelle oder Alfred Schmidt in der nahen Hauptstadt aus der Konkursmasse eine „gebrauchte, fast neue“ Apothekeneinrichtung aus dem Jahr 1890 erworben hatten und diese im Laden Hauptstraße Nr. 71 „einpassen“ ließen.

 

Die Apotheke überlebte Ersten Weltkrieg, Inflation und Weltwirtschaftskrise. Da Alfred Schmidt keine Nachkommen hinterlassen hatte, „setzten die Nationalsozialisten einen Apothekenleiter ihrer Wahl ein“. Nach 1945 übernahm der in Deutschland aufgewachsene holländische Staatsbürger Dr. Otto Schonewille die Apotheke. Unter seiner Ägide begann 1960 Dietmar Jentsch „als Stift“ seine Laufbahn als Apotheker. Im Jahre 1977 übergab Schonewille seinem ehemaligen Lehrling, inzwischen Dr. Dietmar Jentsch, die Apotheke. Nach vier Jahren Pacht ging die Körner-Apotheke dann in den Besitz von Jentsch über.

 

Jahre später wurde mit dem Ausbau der Schloßstraße zur Einkaufsmeile begonnen. Das Geschäftsleben in Haupt- und Rheinstraße nahm ab. Die Erzählungen von Apotheker Jentsch schwankten nun zwischen Stolz und Wehmut: „Die Körner-Apotheke ist seit ihrer Gründung unversehrt. Die Bomben des letzten Krieges verschonten sie. Seit 1911 hat es keinerlei Umbauten gegeben und die Utensilien waren seit 1912 in Gebrauch.“ Sein Abschied deutete sich an. Für eine relativ kurze Zeit kam Diana Manske. Aus familiären Gründen zog sie in den Westen Deutschlands. Die Apotheke übernahm Friedhelm Budde. Nun gab er auf. Was auch immer dort in Zukunft geschehen wird, die über 120 Jahre alte Inneneinrichtung ist ein Stück Friedenau.

 

Erfreulich

Den Eigentümern des Hauses Hauptstraße Nr. 71 ist es zwar nicht gelungen, die Körner-Apotheke am Leben zu erhalten, jedoch haben sie einen neuen Pächter gefunden, der die Einrichtung von 1890 erhält und - trotz anderer Nutzung - die Schaufenster offenhält, so dass wir uns nach wie vor an dem alten Mobilar erfreuen können. Eröffnung demnächst.

 

Hauptstraße Nr. 72

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf & Bauherr Architekt und Maurermeister Paul Reinhardt

1909

 

Hauptstraße Nr. 73

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf & Bauherr Architekt und Maurermeister Paul Reinhardt

1908-1909

 

Die Fassade ist asymmetrisch, so dass man davon ausgehen kann, dass zwischen einer 4- und einer 5-Zimmer-Wohnung eine 2-Zimmer-Wohnung angeordnet wurde. Der Hauseingang liegt in einer tiefen, gewölbten Nische, rechts davon ein Ladengeschäft, links davon das Restaurant „Makarska“ - seit mehr als vier Jahrzehnten im Familienbesitz. Wir gehen zum  „Jugoslawen“, sagte man damals, heute essen wir natürlich „kroatisch“. Die Zeiten haben sich geändert, aber das Restaurant ist „wie früher“, das Ambiente sowieso, eine Mischung aus Berliner Eckkneipe und Landgasthof mit üppigen Portionen.   

 

 

 

 

 

Hauptstraße Nr. 76

Stierstraße Nr. 1

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf Paul Meyer

1907-1908

 

Die Häuser Hauptstraße Nr. 76 und Nr. 77 bilden das Tor zur Stierstraße. Das Haus wird durch je zwei Aufgänge an den beiden Straßenseiten erschlossen.

Hauptstraße Nr. 77

Stierstraße Nr. 22

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf & Bauherr Franz Fedler

1902

 

Das viergeschossige Mietwohnhaus Hauptstraße 77/Stierstraße 22 wurde mit zwei Aufgängen errichtet. Die stumpfwinklige Ecke an der Einmündung der Stierstraße wird durch einen Erker betont, der über einem niedrigen Turmgeschoß mit einer Welschen Haube bekrönt ist.

Das Haus ist seit Mitte 2017 eingerüstet. Geplant ist offensichtlich ein Ausbau des Dachgeschosses. Dieser wird die beiden „Torhäuser“ zur Stierstraße mit ihrer markanten Dachlandschaft nachhaltig verändern. Aus bisher unbekannten Gründen wurde mit dem Ausbau bisher nicht begonnen - die eingerichtete Baustellenabsperrung an der Ecke Stierstraße im Sommer 2018 wieder abgebaut.

 

Hauptstraße Nr. 78-79. Roxy-Palast & Kaufhaus. Modell, 1929

 

Hauptstraße Nr. 78-79

Baudenkmal Kino & Kaufhaus

Entwurf Architekt Martin Punitzer

Entwurf Paul Stohrer und Architekt Bruno Meltendorf

Bauherr Berliner Bau- und Terrain AG

1929

 

Für den Bau von Großkino und Kaufhaus stand an der Hauptstraße ein 60 Meter langes Grundstück der „Berliner Bau- und Terrain A.G.“ zur Verfügung. Der Architekt Martin Punitzer (1889-1949) erläuterte seinen Entwurf: „Kino und Kaufhaus bilden gemeinsam einen Baublock, hängen aber im Inneren nicht miteinander zusammen. Nur in den unteren Geschossen, im Erdgeschoss, ersten Obergeschoss und Zwischengeschoss stößt der Kinobau an die Straßenfront. In den beiden Geschossen darüber greift der Kaufhausbau über das Kino, nimmt also die ganze Länge der Straßenfront ein.“

 

Der Publizist Peter Boeger veröffentlichte 1993 im Verlag Willmuth Arenhövel Berlin die empfehlenswerte Dokumentation „Architektur der Lichtspieltheater in Berlin 1919-1930“. Wir zitieren daraus:

 

„Im Herbst 1927 projektierte Punitzer einen ersten Fassadenentwurf, in dem die unterschiedlichen Funktionsbereiche des Gebäudekomplexes auch nach außen ablesbar bleiben sollten: Am Geschäftshaustrakt ist das Erdgeschoss durchgängig mit Schaufenstern geöffnet; die Obergeschosse markieren horizontale, von Pfeilern geteilte Fensterbänder; ein schmaler abgewinkelter Gesimsstreifen trennt das Kino von der übrigen Fassade ab. Dadurch konnte eine achsensymmetrische Kinofassade hergestellt werden: Niedrige Eingangszone, darüber aufsteigende Fensterflächen der Treppenhäuser und des Foyers, ein schmaler Programmanzeiger, Fensterbänder der Obergeschosse mit einem von dem des Geschäftshauses abweichenden Rhythmus, bekrönt von einer Reklame-Attika.

 

Im Frühjahr 1928 nahm Punitzer deutliche Veränderungen an dem eher behäbig wirkenden ersten Entwurf vor. Das Erdgeschoss des Ausführungsentwurfes nahmen weiterhin Schaufenster, Geschäftseingänge und eine Hofdurchfahrt ein. Tür- und Fensterrahmen waren aus Bronze hergestellt worden. Die symmetrisch angeordneten Ein- und Ausgänge wurden mit Mauerpfeilern abgesetzt. Drei durchlaufende Fensterbänder, nunmehr ermöglicht durch die in das Gebäude hineingezogenen Stützpfeiler, gliederten die übrige Fassade und sorgten für eine optimale Tageslichtnutzung in den Innenräumen. Feine Stahlsprossen teilten die Fensterflächen querformatig und verstärkten die Horizontalbetonung noch. Die Fenster traten als flache Kästen an der glattverputzten weinroten Fassade hervor. Zum Flachdach hin schloss die Fassade glatt und ohne Gesims ab.

 

Entsprechend der geltenden Bauordnung durften drei Obergeschosse errichtet werden. Dennoch konnte mit konstruktiven Tricks das Geschäftshaus bei Bedarf um ein oder zwei Stockwerke erweitert werden. Die Bauherrin hatte dem Architekten die Auflage erteilt, daß die Konstruktion des Gebäudes eine wechselnde Nutzung auch nach Fertigstellung des Hauses ermöglichen sollte. Zur Vermeidung der mit der Vermietung verbundenen Risiken sollten Erdgeschoss (500 qm) und obere Etagen (jeweils 750 qm) unterschiedlichen Geschäftszwecken zugeführt und beispielsweise als Warenhaus oder als Kaffeehaus genutzt werden können. Entsprechend der von der Bauherrin gestellten Bedingung mußte die Erdgeschossdecke je nach Art der Vermietung von 5,2 auf 6,2 Meter angehoben werden können. Für ein Kaffeehaus wäre beispielsweise der Einbau eines Galeriegeschosses unvermeidlich gewesen. Punitzer entschloss sich für einen Stahlskelettbau, der diese Option ermöglichte: Ein schmales Fensterband zur Belichtung der Galerie konnte ebenfalls später in die Fassade eingefügt werden, wie es in einer Modellvariante bereits berücksichtigt wurde Der nachträgliche Einbau der Fenster wurde schließlich doch nicht vorgenommen, so daß der hohe Wandstreifen über den Schaufenstern als Reklamefläche genutzt werden konnte. Konstruktiv berücksichtigt wurde ebenfalls die spätere Errichtung eines Dachgeschosses, das unter einem Winkel von 45 Grad von der Bauflucht zulässig war. Von der ursprünglichen Planung eines Dachgeschosses mit durchgängigem Fensterband blieben zwei Dachaufsätze, die eine städtebauliche Anbindung an die benachbarten Giebelwände herstellten.“

 

In der Zeitschrift „Stein, Holz, Eisen“ wurde 1929 über die städtebauliche Wirkung des „Roxy-Palastes“ festgestellt: „In dieser längst nicht mehr peripherischen Stadtgegend herrscht noch immer die Türmchenarchitektur der Gründerjahre mit der ganzen überladenen und verlogenen Ornamentik einer kunstfremden Epoche. Der Roxy-Palast bildet einen erfreulichen Einbruch neuzeitlichen Baugeistes in eine verkitschte Umgebung, der bald durch den gegenüberliegenden unmittelbaren Neubau eines großen Warenhauses erweitert wird. Womit die Einheitlichkeit der Scheußlichkeit des Stadtbildes dieser Gegend empfindlich gestört werden wird.“

 

Peter Boeger: „In die konsequent horizontale Fassadengliederung, die wie eine Demonstration gegen die Vertikalität des Rathauses erscheinen musste, schnitten im Bereich des Kinos über- und ineinander gestaffelte Transparentkästen aus Glas und Bronze: Einer breiten, bis zur Dachkante hinaufführenden Treppenhausverglasung wurde ein 11 Meter hohes, pylonartiges und über die Dachkante hinausragendes 'Nasen'-Transparent an die Seite gestellt. Auf den schräg gestellten Flächen dieses Transparentes war der Kinoname „Roxy“ mit einem senkrecht nach unten weisenden Pfeil weithin sichtbar. Das Treppenhausfenster wurde von einem 13 x 5,6 Meter großen Transparentkasten teilweise überschnitten, der exakt über dem Kinoeingang lag und zugleich als ein schmales, nur 1 Meter tiefes Vordach diente. Die Anordnung der großen gläsernen Fassadenelemente erfolgte nach den optischen Prinzipien eines sorgfältig austarierten Gleichgewichts. Die asymmetrisch angeordneten senkrechten Glasflächen schienen auf einer Ecke des Transparentkastens zu balancieren, während ein kleiner querrechteckiger Transparentkasten ein optisches »Umkippen« verhinderte. Dieses Gestaltungsprinzip fand in der Feingliederung des Haupttransparentes seine Fortsetzung: Verschieden große Glasflächen in gedeckten blauen und grünen Farben fügen sich in der Art eines Mondrian-Bildes zusammen. Die Glasfläche wurde zum architektonischen Blickfang für Passanten und diente als Rahmen für unterschiedlich große Plakate und Programmanzeiger. Am Abend wurde die Wirkung der gläsernen Architekturteile durch eine Innenbeleuchtung hervorgehoben. Außer den unmittelbaren Lichtarchitektur-Elementen des „Roxy-Palastes“ sollten sämtliche Fensterbänder und Schaufenster - so zeigte es das Architekturmodell, an dem die Nachtwirkung demonstriert wurde - beleuchtet werden, so daß die Dimensionen der Architektur auch bei Nacht deutlich werden würden. Tatsächlich wurden aber nur die der Kinowerbung zugehörigen Elemente erleuchtet, die Iosgelöst von der übrigen verdunkelten Fassade als eigenständige Lichtarchitektur erschien.

 

Der dreiachsige Eingang des Lichtspieltheaters lag vertieft in der Erdgeschosszone, zu der mittels gerundeter Glasfronten übergeleitet wurde. In der Kassenhalle fanden rechts und links vom Eingang die Kassenhäuschen Platz, die über einem viertelkreisförmigen Grundriss bis zur Decke hochgeführt und deren ausbauchende Wände oberhalb eines farbig abgesetzten Sockels mit Fenstern aus opalem Glas und querrechteckiger Bronzesprossung gestaltet waren. Farbig abgesetzte Rahmen und farbige Sockel betonten die von innen heraus beleuchteten Kassenhäuschen, an denen ein Schriftzug auf ihre Funktion als „Kasse“ hinwies. Die Wände der Kassenhalle waren glatt verputzt und hell gehalten. Ein kantiges, rundumlaufendes Wandabschlussprofil diente als Licht-Voute. Auf der linken Seite befand sich die schlichte dreiläufige Rangaufgangstreppe. In dem querrechteckigen Parkett-Foyer wurde die sachliche Gestaltung konsequent fortgesetzt: schmucklose Wände mit wenigen besonders gestalteten Details, beispielsweise an Geländern und Lüftungsgittern. Die Raumbeleuchtung ging von einer Licht-Voute im Wandabschlussprofil und von zwei hufeisenförmigen Deckentransparenten aus, die zugleich die Durchgänge zu den Parkettwandelgängen markierten.

 

Die Parkettwandelgänge waren zur Straße hin als Ausgänge verlängert worden. In den Wandelgängen von Rang und Parkett befanden sich die Garderoben. Durch unterschiedliche Raumhöhen entstandene Abstufungen in den Decken wurden mit viertelkreisförmig gerundeten Milchglastransparenten überspannt. Zusätzlich waren in den Wandelgängen des Ranges keilförmige Lichttransparente eingebaut, die wie wertvolle Kristalle in karger Umgebung leuchteten. Auch die massig wirkenden Sitzkojen des Rang-Foyers waren bereits nicht mehr Ausstattung im traditionellen Sinne, sondern untrennbar körperverbundene Innenarchitektur. Der Zuschauerraum war mit einem Rang neuen Typus ausgestattet. Im unteren Wandbereich des Parketts befanden sich Lüftungsgitter in braunem Schleiflack. Darüber gliederte eine Velvet-Bespannung die Wände in vier horizontale Farblagen von Dunkelbraun bis Hellorange. Die Bespannung wurde auch über das Proszenium gezogen, das mit großem weichen Schwung in die 11 X 6 Meter große Bühnenöffnung hineingeführt wurde und so als mächtiger, zugleich dezenter Bühnenrahmen diente. Hinter einer dreiseitig in die Bühnenöffnung eingeschobenen Blende verbargen sich die Bühnenscheinwerfer und ein mittig über der Bühne angeordneter Orgelraum. Auf den Einbau von Orgelgittern wurde in Hinblick auf das anbrechende Tonfilmzeitalter verzichtet. Auch der Orchestergraben trat nur noch als schmaler Schlitz an der Vorbühne in Erscheinung. Die Deckengestaltung reflektierte den rechtwinkligen Saalgrundriss: Aus einem einfachen, als Licht-Voute dienenden Wandabschlussprofil heraus wurde die Decke indirekt beleuchtet und ließ ein großes rechteckiges Deckenfeld mit einem schmalen dunklen Rahmen gleichsam schwebend erscheinen. Ein längsovales, strahlend erleuchtetes Transparent bildete das Deckenzentrum. Unter der leicht vorschwingenden Rangbrüstung beleuchtete ein durchlaufender Transparentkasten, vertieft in einer Voute liegend, die hinteren Parkettreihen; die Parkettlogen wurden mit einem eigenen Deckentransparent indirekt beleuchtet.“

 

Der Roxy-Palast verfügte einst über 800 Parkett- und 306 Rangplätze. Nach dem Krieg wurde das Gebäude 1947 zum Kaufhaus umgebaut. 1951 wurde es wieder Kino. Mit dem Kinosterben verschwand auch das „Roxy“. Das Haus erlebte diverse Nutzungen, darunter im Erdgeschoss die Discothek „La Belle“. Siw war in den 1980er Jahren eine bei afroamerikanischen Angehörigen der US-Streitkräfte beliebte Discothek.

 

In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1986 wurde gegen 1:45 Uhr ein drei Kilogramm schwerer, mit Nägeln und Eisenstücken angereicherter Sprengsatz durch einen elektronischen Zünder zur Explosion gebracht. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich dort etwa 260 Personen auf. Drei Menschen starben, 28 Menschen trugen schwere Verletzungen davon, über 200 Gästen zerriss der Luftdruck das Trommelfell. Ermittlungen zufolge wurde das Attentat vom libyschen Volksbüro in Ost-Berlin organisiert. Nach der Wiedervereinigung stützten Akten des Ministeriums für Staatssicherheit diese These. 1992 gab es eine erste Anklage gegen die Drahtzieher. Ein Jahr später wurde der Prozess eingestellt. 1997 begann ein neuer Prozess, an dessen Ende im November 2001 das Landgericht Berlin vier Täter verurteilte. Am 24. Juni 2004 bestätigte der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes in Leipzig die Urteile. Sie wurden damit rechtskräftig. Die Richter gaben dem Staat Libyen eine Mitverantwortung an dem Attentat. In der Urteilsbegründung heißt es, dass bei dem Strafmaß zu berücksichtigen sei, „dass nicht die eigentlichen Haupttäter – libysche Drahtzieher und Hintermänner – vor Gericht standen“. Nach Überzeugung des Gerichts hatten Beamte Libyens den Anschlag geplant.

 

Die Diskothek wurde danach nicht mehr weiterbetrieben. In das Haus zog der Teppich- und Tapetenmarkt „gota“ ein. Nachdem „gota“ den Verkauf eingestellt hatte, setzte die Denkmalschutzbehörde eine Rekonstruktion durch. Seit der Eröffnung des „LPG-Bio-Markt“ im Juni 2011 ist das ursprüngliche Raumkonzept des „Roxy“ von 1928/29 mit Eingang, Parkett und sogar dem ehemaligen Rang wieder erlebbar – was von der Bio-Kundschaft leider kaum gewürdigt wird.

 

Zeichnungen aus der Plansammlung TU Berlin

Roxy-Palast Innenaufnahmen. Plansammlung TU Berlin

Atomhochhaus. H&S 2018

Hauptstraße Nr. 92-93

„Atomhochhaus“

Baudenkmal Wohn- und Geschäftshaus

Entwurf Architekt Hans Schoszberger (1907-1997)

Bauherr: Hansa-Heimbau, Lüder und Co.

1956-1958

 

Auf dem Gelände sollte in den 1930er Jahren ein mehrgeschossiges Hertie-Warenhaus nach Plänen des Architekten Johann Emil Schaudt entehen, gedacht als Tor zu den Wohnanlagen Rubensstraße und Ceciliengärten. Ein Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Bundesinnenminister Gerhard Schröder (CDU) 1956 der Ansicht, dass unser Volk mit seinem dicht besiedelten Staatsgebiet im Zeitalter der Atomwaffen ohne ausreichenden Luftschutz einen Krieg auf dem europäischen Schauplatz nicht einmal überleben würde. Er legte dar, daß auch gegenüber den Atomwaffen Schutzmaßnahmen möglich sind, wenn sie rechtzeitig und ausreichend vorbereitet werden. „Die Sicherheit verlangt Opfer! Das ist ein geschichtliches Gesetz.Auch bei dieser Entscheidung geht es um die Bewährung unseres Willens zur Selbstbehauptung."

 

 

Gesagt, getan, zumal Chruschtschow im November 1958 mit dem Berlin-Ultimatum die längste Krise des Kalten Krieges eingeleitet hatte. Die Frontstadt verpflichtete den Dipl. Ing. Hans Schoszberger (1907-1997). Er hatte an den Hochschulen Wien, Brünn und Berlin studiert, 1957 mit dem Zentrum am Zoo (Hochhaus am Hardenbergplatz, Zoo Palast, Bikini-Haus, Parkgarage) und dem Berlin Hilton (heute InterContinental) architektonische Visitenkarten abgeliefert, und sich obendrein bereits 1935 mit „Bautechnischer Luftschutz. Grundsätze des bautechnischen Schutzes gegen Fliegerbomben bei der Landesplanung, beim Aufbau der Gebäude und beim Schutzraum“ (Bauweltverlag Berlin) als Experte ausgewiesen: „Krieg und Waffentechnik haben das Bauwesen seit jeher nachhaltig beeinflusst und zwar um so stärker, je mehr das ganze Land Kriegsgebiet wurde. Diese Tatsache gewinnt wieder an Bedeutung, wenn man bedenkt, dass in Zukunft auch das Hinterland durch Angriffe aus der Luft auf das schwerste gefährdet ist. Aufgabe des bautechnischen Luftschutzes ist es, die Wirkung der Fliegerbomben, besonders der Brand- und Gasbomben, abzuschwächen und Anlagen für den Schutz der Menschen (Schutzräume) herzustellen."

 

So entstand in den Jahren von 1956 bis 1958 nach Entwürfen des Architekten Hans Schoszberger auf dem Gelände Hauptstraße Nr. 92-93 das „Atom-Hochhaus". Das Wohn- und Geschäftsgebäude sollte einer Nuklearexplosion widerstehen. Das Haus steht heute unter Denkmalschutz.