Gräber von Hedwig und Ludwig Frege. Foto Hahn & Stich, 2015

Der Name Hedwigstraße existiert seit dem 29. April 1884, benannt nach Hedwig Neumann. Sie war die einzige Tochter des Pfarrers Ferdinand Ludwig Frege – und das reichte wohl auch als Begründung aus. Friedenau hatte damit schon am Ende des 19. Jahrhunderts das Soll für den Gleichstand zwischen den Geschlechtern bei der Straßenbenennung erfüllt. Nicht nachvollziehbar ist (bisher) der Grund für diese Ehrung. Für die Geschichte von Friedenau ist es allerdings von Bedeutung, dass Ludwig (1804-1883) und Hedwig (1841-1921) Frege nicht auf dem kommunalen Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt wurden, wo die Gräber längst eingeebnet wären, sondern sich auf dem Friedhof der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Schöneberg befinden und bis heute erhalten sind.

 

Nach der historischen Gemarkungsgrenze gehören die Häuser Nr. 1-3A und Nr. 16-18 zu Friedenau, Nr. 4-14 zu Schöneberg. Das blieb so bis 1943, wo im Adressbuch unter Friedenau bzw. Schöneberg gesucht werden musste. Heute haben alle Häuser wenigstens die gemeinsame Postleitzahl 12159.

 

Hedwigstraße 3, 1950. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Hedwigstraße Nr. 3

 

Der Fotograf Herwarth Staudt hat seine Aufnahme von 1950 mit Hedwigstraße 3 beschriftet. Nach den örtlichen Gegebenheiten müsste es sich um das Eckhaus Hedwigstraße Nr. 3 (Eigentümer bis 1943 Müller’sche Erben) und Hedwigstraße Nr. 3A Ecke Fregestraße Nr. 6 (Eigentümerin bis 1943 G. Corradi) handeln.

 

Ursula Koglin war im Sommer 1946 mit ihrem Ehemann in die Hedwigstraße Nr. 1A gezogen. Im Steglitzer Jahrbuch schrieb sie 2001: Die Linden gab es schon damals. Allerdings wurde ihre Anzahl in dem bitterkalten Winter 1946/47 erheblich reduziert. Es gab viele kleine Läden für alle Bedürfnisse. Viele dieser ganz alten Geschäfte wurden nach Kriegsende von den beherzten Ehefrauen wieder aufgemacht, deren Männer entweder gefallen, vermisst oder erst sehr spät aus der Gefangenschaft entlassen worden waren. Gleich nach Kriegsende stand eine Zeitungsbude auf dem Ruinengrundstück Nummer 3A – der Treffpunkt für alle Neuigkeiten im Kiez. Auf den Aufnahmen von Herwarth Staudt von 1950 sind in den Vorgärten einige dieser Bretterbuden für den täglichen Bedarf errichtet. Das Ruinengrundstück Nr. 3A wurde zunächst mit dem Gotteshaus der neuapostolischen Gemeinde bebaut. Die Gelder für das Bauvorhaben kamen aus den USA. Das Gebäude wurde jedoch bald darauf schon wieder abgerissen. Das Ehepaar Scheibner stellte schließlich das heutige Wohn- und Geschäftshaus auf das Eckgrundstück und eröffnete EDEKA.

 

 

Hedwigstraße 7, 1953. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Hedwigstraße Nr. 7

 

Eigentümerin des Anwesens Hedwigstraße Nr. 7 war bis 1925 Frau G. Richter. 1926 geht der Besitz an die verwitwete Dr. Reg. Rat Ch. Hülsberg. 1939 wird als Eigentümer der Kaufmann H. Helm genannt. 1940 heißt es E. ungenannt und 1943 E. ungenannt, V. (Verwalter) Kaufmann H. Helm (Friedenau, Schnackenburgstraße Nr. 2). Wenig später ist die Villa an der Ecke zur Wielandstraße eine Ruine. Nach dem Abriss entsteht ein dreistöckiger Neubau. Über das weitere Schicksal von Witwe Hülsberg ist (bisher) nichts bekannt.

 

 

Weiteres in Vorbereitung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hedwigstraße Nr. 8

 

Das 1888 vom Bauunternehmer Heinrich Franzke für den Handschuhfabrikanten A. Thorleuchter errichtete zweigeschossige Wohnhaus Hedwigstraße 8 gehört zu den wenigen Beispielen eines villenartigen Hauses in geschlossener Bebauung im Bereich des Friedenauer Teils von Schöneberg. Wie das „Normal-Landhaus“ der Erstbebauung in Friedenau ist es dreiachsig, mit Erker und Giebel sowie einem zurückgesetzten Eingangsbereich gegliedert. Anders als bei den bescheideneren Vorgängern besteht das Hauptcharakteristikum bei diesem Gebäude jedoch in dem reichen Stuckdekor auf roten Klinkerwänden, insbesondere am Drempel mit Ovalfenstern und einem breiten Konsolgesims. Je eine etwa 140 Quadratmeter große herrschaftliche Wohnung in Erd- und Obergeschoss war mit vier Räumen, Küche, Bad und Mädchenkammer ausgestattet.

Topographie Friedenau, 2000

Hedwigstraße Ecke Wielandstraße, 1914. Archiv Rüdiger Barasch

Hedwigstraße Nr. 13

 

Der Geheime Sanitätsrat Dr. med. Benno Fromm mit Praxis in der Berliner Schellingstraße Nr. 4 hatte in den Saisons von 1868 bis 1886 auch als Badearzt auf Norderney gewirkt. Damit war es nun genug. Wenige Jahre vor seinem 50-jährigen Doktorjubiläum erwirbt er 1890 im Schöneberger Teil der Hedwigstraße das Grundstück Nr. 13. An der Straße entsteht ein freistehendes zweigeschossiges Wohngebäude, weder Landhaus noch Villa, umgeben von einem weitläufigen Garten. Nr. 12 war unbebaut, in Nr. 14 wohnte Eigentümer Rechnungsrat Gebauer und die Mieter Schmied Kluge, Tischler Sablewski und Leutnant a. D. Teucher. In Friedenau engagiert sich der Balneologe für den Verein für Ferienkolonien. Mit Gemeindebaurat Hans Altmann findet er ein Grundstück in Zinnowitz und sorgt für die Finanzierung des Baus.

 

 

 

 

Nach einem Entwurf von Altmann wird das gemeindeeigene Ferienheim 1909 eröffnet. Das Haus, mitten im Walde, etwa 6 Minuten vom Strande entfernt an dem Forstweg, von der Hauptstraße in Zinnowitz beträgt die Entfernung etwa 10 Minuten, existiert heute noch, allerdings in anderer Trägerschaft. Als dem Sanitätsrat 1908 der Rote Adlerorden verliehen wurde, resümiert die Gemeinde: Der Dekorierte ist eine in Friedenau sehr hoch geschätzte Persönlichkeit und namentlich als Wohltäter der Menschheit bekannt. 1913 holt sich Fromm den Buchbinder K. Klein als Mieter ins Haus. Klein blieb, mitunter als Portier, später als Portefeuiller, über die beiden Weltkriege hinweg, obwohl die Eigentümer wechselten: Fromm’sche Erben (1923), Kaufmann Max Grünfeld (1925).

 

Max Grünfeld

Max Grünfeld war der Sohn von Falk Valentin Grünfeld (1837-1897) und dessen Ehefrau Johanna geb. Schück (1843-1897), dem Besitzer der Landeshuter Leinen- und Gebildweberei F. V. Grünfeld. Aus dieser Ehe stammen die Kinder Ludwig (1864-1929), Heinrich (1865-1936), Georg (1866-1871), Doris (1868-1895), Sophie (1871-1872), Bianca (1873-1942) und als Nachzügler Sohn Max (1884-1939).

1862 hatte Falk Valentin Grünfeld in Landeshut F. V. Grünfeld Mode-, Schnitt- und Weisswarengeschäft eröffnet. Getreu dem Weberspruch, vor Unkraut hüt‘ uns Gott in Gnaden, nur reiner Flachs gibt guten Faden, produzierte er alsbald eigenes Leinen und machte über einen Post-Versand Leinen aus Schlesien europaweit bekannt. 1875 wurde er Hoflieferant Sr. Majestät des deutschen Kaisers. 1884 entstand in Landeshut ein neues Geschäftshaus mit Weberei, Näherei und Stickerei für Schlesisches Leinen, Baumwollen – und Tischzeugfabrikate. 1889 eröffnete der F. V. Grünfeld, Hoflieferant Sr. Maj. d. Kaisers u. Königs, Sr. Maj. d. Königs v. Bayern, Sr. Maj. d. Königs v. Rumänien, Sr. Kgl. Hoheit d. Großherzogs v. Mecklenburg, in der Leipziger Straße in Berlin ein Verkaufshaus mit Wäsche f. Herren, Damen u. Kinder, Tischwäsche, Hauswäsche, Küchenwäsche, Bettwäsche. In diesem fünfgeschossigen Jugendstilbau der Architekten Georg Rathenau und Friedrich August Hartmann mit den Korbbogenfenstern und dem geschwungenen Walmdach von 1904, nun das größte Sonderhaus der Welt für Leinen und Wäsche, residierten fortan als Berliner Statthalter die Söhne Heinrich und Ludwig

 

 

Die Landeshuter Leinen- und Gebildweberei F.  V.  Grünfeld um 1925.

 

F. V. Grünfeld Leipziger Straße 20-22

Falk Valentin Grünfeld und seine Ehefrau Johanna starben 1897. Es ist davon auszugehen, dass Heinrich und Ludwig ihren erst 13-jährigen Bruder Max nach Berlin holten. Nach der Obersekunda leistete Max den Wehrdienst als Einjährig-Freiwillige. Noch vor dem Ersten Weltkrieg werden Max sowie seine Neffen Fritz Vincenz und Franz Viktor neben Heinrich und Ludwig 1912 Mitinhaber der Firma F. V. Grünfeld. Bekannt ist, dass Fritz Vincenz nach 1914 an der Westfront im Einsatz war. Mit 26 zieht Kaufmann Max Grünfeld 1910 in die Rosenthaler Straße Nr. 40-41, die erste eigene Wohnung. 1913 nennen sich die drei Grünfelds im Adressbuch Fabrikbesitzer mit dem Zusatz siehe F. V. Grünfeld usw. Heinrich wohnt W 10, Lützowufer Nr. 5, Ludwig W 35, Lützowstraße Nr. 88, und Max W 30, Motzstraße Nr. 58, seit 1919 technischer Leiter und Personalchef des Familienunternehmens. Am 24. August 1920 heiratet der 36-Jährige in Schöneberg Ilse Hahn aus Gleiwitz (1897-1961). Das Ehepaar zieht in die Wohnung Hauptstraße Nr. 63. Noch vor der Geburt ihres Sohnes Falk ziehen sie in das Haus Hedwigstraße Nr. 13.

Dr. Fritz Vincenz Grünfeld (1897-1982), Neffe von Max und Sohn von Heinrich und Margarethe Grünfeld, dem 1938/39 die Reise nach Palästina geglückt ist, veröffentlichte 1979 Heimgesucht-Heimgefunden. Betrachtung und Bericht des letzten Inhabers des Leinenhauses Grünfeld. Er beruft sich darauf, dass die Kunden nie einer anonymen Gesellschaft, sondern Herrn F. V. Grünfeld Vertrauen schenkten, und die Firma sich daher sogar im Schriftwechsel des ‚Ich‘ statt des sonst üblichen ‚Wir‘ bediente. So kommt es, dass er viel vom ‚Ich‘ und wenig über ‚Wir‘ berichtet. Schwamm drüber, er ist nicht mehr, nehmen wir das, was der Nachwelt von Interesse sein könnte.

 

F. V. Grünfeld Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße

1887/88 war auf dem Eckgrundstück Kurfürstendamm Nr. 227 und Joachimsthaler Straße ein viergeschossiges, vornehmes Mietshaus entstanden. In den 1920er Jahren avancierte die Gegend rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zum angesagten Treffpunkt. Grünfelds durften da nicht fehlen und erwarben 1924 das Grundstück. 1926 wurde im Erdgeschoss erst einmal eine Filiale für Strümpfe, Taschentücher, Schlüpfer und Hemdhosen eröffnet. Der Erfolg ermutigte zum Bau eines großen Geschäftshauses. Über ein Jahr lang hatten wir mit dem Architekten Otto Firle jedes Detail festgelegt, vom genialen Wurf des oft kopierten und doch nirgends so eindrucksvoll gestalteten gläsernen Fahrstuhls bis zur hundertprozentigen Durchführung des Grünfeldschen Baugrundsatzes ‚möglichst viel und helles Licht‘.

 

Aus dem Umbau wurde ein Neubau – das sogenannte Grünfeld-Eck, das laut Firle in mächtigem Schwunge um die Ecke greift und damit den Rhythmus des um sie flutenden Verkehrs auf nimmt. Der Architekt ließ die Stuckverzierungen abschlagen und schuf mit einer Eisenkonstruktion eine dreifach horizontal gegliederte Fassade aus Glas und Chrom. Das Dach wurde mit dicht gestaffelten senkrechten Neonleuchten und dem Schriftzug F. V. Grünfeld gekrönt – hinter der Leuchtreklame die doppelgeschossige Dachgartenwohnung von Mitinhaber Fritz Vincenz Grünfeld, in der sich bisweilen unser Freundes- und Bekanntenkreis traf, um Kammermusik mit Franz Osborn oder einer Lesung von Hans J. Rehfisch zu lauschen.

 

Bei seiner Eröffnungsansprache kommentierte damals am 12. Juni 1928 mein Vater Heinrich Grünfeld dies mit den Worten: ‚Ich möchte es als erzieherisch bezeichnen, dass man bei so viel Licht nicht einmal den Versuch wagen kann, minderwertige Waren, sei es in Stoff- oder Näh- bzw. Stickerei-Ausführung, einzuführen, die vielleicht im Halbdämmer noch irgendwie als vollwertig dargeboten werden könnten. So wird auch die Bautechnik zur Förderin kaufmännischer Grundsätze‘. Ludwig Grünfeld starb 1929, Heinrich Grünfeld 1936.

 

Das Geschäftshaus am Kudamm von Architekt Otto Firle hat den Weltkrieg nur teilweise überlebt. 1951 wurden die unteren drei Geschosse in einer der ursprünglichen Fassade angenäherten Form ausgebaut. 1972 kam das erste Kudamm-Eck von Architekt Werner Düttmann. Der 14-geschossige Bau mit Kino im Kellergeschoss, Geschäften bis zum 4. Stock, Bowlingbahn im 5. und Panoptikum im 6. Stock sprengte jedes am Kudamm gekannte Gebäudemaß. Auf der 300 m² großen Lichtraster-Fläche wurden Werbespots gezeigt. Ende der 1990er Jahre wurde das Haus abgerissen. 2002 kam der massive 12-geschossige Rundbau der Architekten Gerkan, Marg und Partner. Weder das erste noch das zweite Kudamm-Eck können dem spektakulären Firle-Bau von 1926 das Wasser reichen.

 

Inhaber F. V. Grünfeld, oben v. links Heinrich und Ludwig Grünfeld, unten von links Fritz Vinzenz, Max und Franz Viktor Grünfeld. Quelle Fritz

Nach der Machtergreifung begannen die Attacken gegen das jüdische Unternehmen F. V. Grünfeld. Den Auftakt machte die Berliner Nachtausgabe am 1. April 1933 mit Fotografien der zu boykottierenden Artikel, darunter das Foto eines Modells aus unserer Preisliste für ‚Bade- und Strandneuheiten 1933‘ mit dem Grünfeld-Badeanzug Hausmarke ‚Falke‘ und Aufnahmen der ‚Stars‘ von damals, zitiert mit dem Satz: ‚Wir alle kaufen unsere Badekleidung bei Grünfeld‘, namentlich Käthe Haack, Magda Schneider, Lucie Englisch, Hilde Hildebrand, Lil Dagover, Hans Adalbert von Schmettow, Max Hansen.

 

Im März 1938 startete Herausgeber Julius Streicher im Stürmer Nummer 10 ein regelrechtes Kesseltreiben mit der Schlagzeile Kaiser der Leipziger Straße, flankiert von den Artikeln Die Judenfirma F. V. Grünfeld und Hinter den Kulissen eines üblen Judenbetriebes. Mit dem schon bekannten Slogan Die Juden sind unser Unglück ging Der Stürmer nun gegen Angestellte, Kunden und Zulieferer vor – nannte Namen, Beruf und Adressen mit Hausnummern.

 

Diffamiert wurden die Firmeninhaber, der Jude Franz Viktor Grünfeld, der sich ‚Doktor‘ nennt, und in der Nähe von Arosa in der Schweiz Güter besitzt. Man nennt ihn allgemein den ‚dummen Jungen‘, der sich von jeder Arbeit drückt, seinem Onkel Max alles zuträgt und ein Schmarotzer übelster Art ist. Er wohnt in der Schlüterstraße 7. Für den Stürmer ist Max Grünfeld ein Gauner der übelsten Art und fühlt sich als ‚Napoleon‘ des Betriebes. Seine Wohnung befindet sich in der Hedwigstraße 13 zu Berlin-Friedenau. Mit Vorliebe interessiert er sich für die persönlichsten, intimsten Belange seiner Angestellten. Er stellt nur blonde deutsche Mädels ein und drückt die Gehaltsbezüge seiner Belegschaft, wo er nur kann. ‚Leistungszulagen‘ zahlt er nur für die – Denunzianten! Er sabotiert die nationalsozialistischen Einrichtungen des Betriebes und maßt sich Rechte an, die nur den deutschen Arbeitern und Angestellten zukommen. Der Jude Max Grünfeld sei der Betreuung durch die Staatspolizei bestens empfohlen.

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Der Stürmer, März 1938

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Die Familie Grünfeld sah sich zum Verkauf gezwungen. Der am 15. September 1938 notariell von mir und meinen beiden Sozien und Herrn Walter Kühl unterzeichnete ‚Kaufvertrag‘ enthält in der Präambel den Satz: ‚Wir sind Juden.‘

 

§ 1: Die Verkäufer verkaufen das von ihnen in der Rechtsform einer offenen Handelsgesellschaft unter der Firma Landeshuter Leinen- und Gebildweberei F. V. Grünfeld, Berlin W 8, Leipziger Straße 20-22, und Berlin W 50, Kurfürstendamm 227, mit Zweigniederlassungen in Landeshut in Schlesien und Köln am Rhein betriebene gewerbliche Unternehmen mit Aktiven und Passiven ... an die Käuferin zum Zwecke der Fortsetzung des Unternehmens in dem bisherigen Rahmen. Die Käuferin ist berechtigt, die Firma mit oder ohne Beifügung eines das Nachfolgeverhältnis andeutenden Zusatzes weiterzuführen.

 

§ 3: Die Übergabe des Unternehmens einschließlich der Grundstücke erfolgt am Tage nach Eingang der ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung durch den Reichswirtschaftsminister.

 

§ 8: Zur reibungslosen Überleitung der Geschäftsführung stehen die Verkäufer der Käuferin im Rahmen ihrer bisherigen Tätigkeit bis zum Jahresschluss 1938 zur Verfügung.

 

Die Eintragung im Handelsregister beim Amtsgericht in Landeshut vom 6. Dezember 1938 lautet: Landeshuter Leinen- und Gebildweberei F. V. Grünfeld. Inhaber Max Kühl … Die Gesellschafter Kaufmann Max Grünfeld, Kaufmann Dr. Franz Viktor Grünfeld und Kaufmann Dr. Fritz Vincenz Grünfeld sind ausgeschieden. Das Handelsgeschäft ist an die Kommanditgesellschaft in Firma Max Kühl in Berlin mit dem Recht der Firmenfortführung veräußert worden. Auch die 1925 eröffnete Grünfeld-Filiale im Industriehof Köln Krebsgasse 5-7 wurde arisiert und annoncierte fortan unter Grünfeld in deutschem Besitz.

 

Hedwigstraße 13. Google, 2008

Verkauft wurde auch das Wohnhaus von Max Grünfeld in der Hedwigstraße. 1940 heißt es Eigentümer ungenannt. 1943 Eigentümer Kaufmann M. Siebert. Was danach mit der Hedwigstraße Nr. 13 geschah, wird erstaunlich unklar formuliert. Es heißt, dass das Anwesen von der Reichspost übernommen und für die Postbeamtenkrankenkasse genutzt wird. Damals sind erste bauliche Erweiterungen vorgenommen worden. Am Haus selbst ist zu erkennen, dass die Lücke zwischen Nr. 13 und Nr. 14 leicht zurückversetzt mit einem Anbau geschlossen wurde. Damals wurde wohl auch das Dachgeschoss ausgebaut. Inwieweit die Fassade vereinfacht wurde, lässt sich mangels historischer Aufnahmen nicht nachvollziehen. Derzeit wird dort wieder gebaut – diesmal die Lücke zwischen Nr. 13 und Nr. 14 geschlossen – offiziell Umbau + Erweiterung Kindertagesstätte Hedwigstraße 13. Bauherr ist der Verein Nachbarschaftsheim Schöneberg. Diesmal werden wenigstens die Architekten genannt: Daniel & Rahmiye Gutmann, Büro GKK & Partner Architekten.

 

Ende Dezember 1938 erhielten Max, Fritz und Franz Grünfeld ihre Pässe und verließen Deutschland.  Max Grünfeld ging nach Palästina. Er starb am 9. Dezember 1939 mit nur 55 Jahren in Haifa. Seine Frau Ilse blieb in Haifa wohnen und starb dort im Jahr 1960. Ihr gemeinsamer Sohn Falk (Horst) Grünfeld, der sich als einziges Mitglied der Familie Grünfeld später den Nachnamen Gadiesh zulegte, ist vermutlich im Jahr 2005 in Israel gestorben.

 

Neffe Fritz Vincenz und Ehefrau Hilde geborene Osborn, die einst die Kölner Filiale Grünfeldschen Unternehmens in der Krebsgasse 5-7 geleitet hatte entschieden sich ebenfalls für Palästina. Sie waren es, die in Tel Aviv die Firmengeschichte mit der Gründung des F.V.Grünfeld Wäschesalon in gewisser Weise fortschrieben. Dem Metier blieb Fritz Vincenz treu und arbeitete nach dem Krieg als Berater für Einzelhandelsgeschäfte der Textilfabrik Ata, später als Lehrer in der Erwachsenenbildung für das Erziehungsministerium. Mit dem 1967 erschienenen Buch Das Leinenhaus Grünfeld hat er die Erinnerung an das einstige Familienunternehmen bewahrt. Er starb am 30. März 1982 in Tel Aviv, kurz danach auch seine Ehefrau Hilde.

 

Franz Viktor, verheiratet mit Elfriede Neumann, emigrierte in die Vereinigten Staaten von Amerika und erwarb die dortige Staatsbürgerschaft. Als Graphologe hat er sich in der neuen Heimat beruflich umorientiert. In Zürich ist er am 16. Oktober 1965 gestorben. Auch seinen Schwestern Edith (mit Georg Tietz verheiratet) und Thea (mit Louis Marx verheiratet) gelang die Emigration in die USA. Mutter Gertrud Grünfeld, Witwe des Firmengründers Ludwig Grünfeld, gelangte nach London, wo sie am 12. Januar 1948 verstorben ist. Die Geschichte von Max Grünfelds Schwester Bianca und deren Mann, dem Bankier Ludwig Simon, endet im Jahr 1942 in Theresienstadt.

 

 

 

Stammbaum der Familie Grünfeld

 

I. Generation

 

Falk Valentin Grünfeld * 09.02.1837 Leschnitz; † 19.01.1897 San Remo

Ehefrau: Johanna Schück * 06.06.1843 Oppeln; † 28.01.1897 Landeshut

Heirat: 16.06.1863

 

Kinder:

1. Ludwig * 21.05.1864 Landeshut; † 31.08.1929 Bühlerhöhe

2. Heinrich * 10.04.1865 Landeshut; † 25.07.1936 Berlin

3. Georg * 16.04.1866 Landeshut: † 23.04.1871 Landeshut

4. Doris * 17.05.1868 Landeshut; † 05.02.1895

5. Sophie * 27.12.1871 Landeshut; † 29.05.1872 Landeshut

6. Bianca * 03.10.1873 Landeshut; seit 1942 in Theresienstadt, verschollen

7. Max * 27.01.1884 Landeshut; † 09.12.1939 Haifa

 

II. Generation

 

1. Ludwig Grünfeld, Ehefrau Gertrud Goldstein * 16.02.1870 Kattowitz; † 12.01.1948 London

Heirat: 28.01.1893 in Breslau

Kinder:

1. Edith * 25.07.1894 Berlin; † 02.12.1984 New York

2. Franz Viktor * 24.11.1895 Berlin; † 16.10.1965 Zürich

3. Dora Thea * 22.12.1898 in Berlin, † nach 1939

 

2. Heinrich Grünfeld, Ehefrau Margarethe Loewenthal * 20.06.1877 Breslau; † um 1946 Palästina

Heirat: 1896

Kinder:

1. Fritz Vincent * 15.01.1897 Landeshut; † 30.03.1982 Tel Aviv

2. Hildegard * 1899, † 05.03.1978 Nahalal

3. Ilse * 12.10.1904 Berlin

 

4. Doris Grünfeld, Ehemann Ewald Jacubowski * 04.09.1860 Kurnik; † 24.10.1940 Breslau

Heirat: 24.06.1889 in Landeshut. Sohn Herbert * 1892 Bromberg; † 13.11.1916 Breslau. Ewald Jacubowski war in 2. Ehe mit Mathilde Zadig * 16.09.1862 Breslau; † vor 1940 verheiratet.

 

6. Bianca Grünfeld, Ehemann Ludwig Simon * 02.02.1863 Berlin; † 25.12.1942 Theresienstadt

Heirat: 26.05.1896 in Landeshut

Kinder:

1. Hanna Jeanette * 09.11.1897 Berlin; † 30.04.1987 Stamford (USA)

2. Franz Wolfgang * 06.10.1905 Berlin; † 1989

 

7. Max Grünfeld, Ehefrau Ilse Hahn * 21.05.1897 Gleiwitz, † 00.01.1961 Haifa

Heirat: 24.08.1920 in Berlin. Der gemeinsame Sohn Falk (Horst) Grünfeld änderte als einziges Mitglied der Familie Grünfeld seinen Nachnamen in Gadiesh. Er ist vermutlich 2005 in Israel gestorben.

 

 

Während der Recherchen zum Haus von Max Grünfeld in der Hedwigstraße Nr. 13 entdeckten wir die Homepage www.kreislandeshut.de von Frau Hella Tegeler zu Landeshut in Niederschlesien, darunter neben dem Stammbaum der Familie Grünfeld, den Tauf- und Traubüchern der jüdischen Gemeinde Landeshut und Standesamt Landeshut aus dem Staatsarchiv Jelenia Góra auch Dokumente zur Geschichte der Landeshuter Leinen- und Gebildweberei F. V. Grünfeld. Besonders beeindruckend sind die in den 1920er Jahren entstandenen Aufnahmen der Produktionsstätten der Fa. F. V. Grünfeld aus dem Archiv von Herrn Bartosz Bebenek sowie das von Robert Glowczyk zur Verfügung gestellte Material. Wir danken den Herren Bebenek und Glowczyk und Frau Tegeler für die Erlaubnis zur Veröffentlichung auf dieser Webseite.

 

Hedwigstraße Ecke Rheinstraße, 1901. Archiv Rüdiger Barasch

Hedwigstraße Nr. 18 & 19

 

Dem Haus an der Ecke Hedwigstraße Nr. 18/19 und Rheinstraße Nr. 66 drohte Ende der 1980er Jahre der Abriss. Gerettet wurde es durch einen Kompromiss: Erhebung zum Baudenkmal für die Altbausubstanz und Genehmigung für einen ergänzenden Neubau – die schlechteste Lösung.

 

Mit dem ursprünglichen Bau dieses Wohn- und Geschäftshauses sind die Namen von Baumeistern verbunden, die in Friedenau herausragende Häuser geschaffen haben: Max Nagel hatte den Entwurf von 1886 geliefert, die Umbauten erledigten Otto Hoffmann (1890) und Oskar Haustein (1900).

 

 

 

 

 

 

 

Das Haus erhebt sich wegen des Zuschnitts des Grundstücks auf einer trapezförmigen Grundfläche (14,4x17,0 Meter). Es war von vornherein als Geschäftshaus mit einem Laden und einer Ladenwohnung im Erdgeschoss und als Wohnhaus mit einer großen Eigentümerwohnung im Obergeschoss sowie zwei Kleinwohnungen im Dachgeschoss konzipiert worden. Das Haus Karig wird von zwei Seiten her erschlossen: Der Eingang zum Laden befand sich in der Hedwigstraße, östlich davon öffnete sich ein Eingang, der über einen Flur zur Haupttreppe ins Obergeschoss führte; die Ladenwohnung im Erdgeschoss wurde von Norden her über das angebaute Nebentreppenhaus erschlossen, das auch als Bedienstetentreppe für das Obergeschoss und als Zugang zum Dachgeschoss diente. Die fünfachsige Fassade zur Rheinstraße ist durch zwei flache Seitenrisalite und eine Rücklage in der Mitte gegliedert. Der im Erdgeschoss abgeschrägte und im Obergeschoss gerundete Eckrisalit trägt ein rundes Turmgeschoss mit einer Kuppel. Topographie Friedenaum 2000.

 

Das zweigeschossige ehemalige Landhaus wurde für den Kaufmann Emil Karig errichtet. Im Jahre 1884 war er Inhaber von Emil Karig Kolonialwaren, Farben- und Drogenhandlung, Parfümerie- und Toilette- Seifen-Fabrik, Thee und Cigarren in der Friedrichstraße Nr. 196 mit Wohnung Zimmerstraße, III. Stock. Das Geschäft lief gut, weil er sich für Berlin den alleinigen Verkauf von Bernleys Pferdehufsalbe gesichert hatte, ein Präparat aus Baumharz, Talg und Rüböl, mit dem die Pferdehufe regelmäßig eingefettet werden sollten und damit das Spalten der Hufe verhindert werden konnte: Blechbüchse Preis M 1,50. Als es mit den Pferden nicht mehr so gut lief, sicherte er sich das Berliner Hauptdepot für kondensierte Milch und Dr. Link’s Malzextract in sämmtlichen Varietäten, stark gehopft, mit Eisen, mit Chinin, mit Pepsin, mit Kalk nach Dr. P. Reich (Originalpräparat).