Name seit 1906, vorher Straße 8, benannt nach dem Friedenauer Kommunalpolitiker und Geheimen Kanzleirat Johannes Homuth (1839-1922).

 

 

Haus von Johannes Homuth Saarstraße 14. Quelle Topographie Friedneua, 2000

Herrn Geheimrat Homuth wurde dieser Tage, von einer Deputation bestehend aus Mitgliedern des Gemeinde-Vorstandes und der Gemeinde-Vertretung ein Diplom überreicht, welches ausdrückt, daß durch Beschluß der Gemeinde-Vertretung die Straße 8 den Namen Homuthstraße erhalten habe.

Friedenauer Lokal-Anzeiger, 3. Dezember 1906

 

Johannes Homuth, geboren am 30. März 1839, war Beamter im preußischen Finanzministerium, das im Unterschied zu einem Arbeitnehmer kein Entgelt für seine Leistung, sondern im Gegenzug für seine Dienste entsprechend Dienstrang und Qualifikation eine Alimentation durch den Staat erhielt. Bis 1871 hatte er es in der Verwaltung zum Geheimer Registrator gebracht. Im Jahr 1882 zog er mit Ehefrau Maria geb. Köhler (1843-1927) in die Steglitzer Körnerstraße Nr. 3. Vier Jahre später taucht er – inzwischen Kanzlei-Rath – erstmals 1886 als Eigentümer des Grundstücks Saarstraße Nr. 17 im Friedenauer Adressbuch auf – in bester Nachbarschaft von Geheimer Rechnungs-Rath Wilhelm Fröauf (1814-1899) und Geheimer Kanzlei-Rath Louis Blankenberg (1821-1889), die ab 1871 über den „Landerwerb- und Bauverein auf Actien“ die Landhauskolonie gründeten und nach 1874 als Gemeindevertreter bzw. Schöffe die Entwicklung der Gemeinde Friedenau wesentlich bestimmten. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis der jüngere Homuth dazu bewegt wurde, 1894 die Wahl als Gemeindeverordneter anzunehmen. Ein Jahr später hatte Se. Majestät der Kaiser dem Kanzlei-Rath Homuth zu Friedenau bei dessen Uebertritt in den Ruhestand den Charakter als Geheimer Kanzlei-Rath verliehen (18. Februar 1895).

 

Zu Homuths Haus in der Saarstraße finden sich in der Berliner Denkmaldatenbank folgende Angaben: Denkmalart: Baudenkmal. Sachbegriff: Landhaus. Datierung 1884. Entwurf: W. Spieß. Bauherr J. Homuth. Das Landhaus, ein gelber Rohziegelbau mit spätklassizistischem Putzdekor, zeigt einen zweigeschossigen Quergiebel und einen daran anschließenden eingeschossigen, traufständigen Teil. Der Vierfelder-Grundriss des Hauses wird vom Eingang im nordwestlichen seitlichen Bauwich erschlossen. Der Zimmermeister und Architekt Wilhelm Spieß, seit 1884 Mitinhaber des Baugeschäfts Kreuschmer & Co. in der Rheinstraße Nr. 8, reagierte beim Hausbau auf die Sünden der Gründerjahre. Der Putzbau hatte sich nicht bewährt, da die Fassaden der Wetterseite alsbald Schäden aufwiesen. Da inzwischen rings um Berlin diverse Hoffmann‘sche Ringöfen wetterfeste Ziegel herstellten, wurde die Außenfront mit gebrannten gelben Sichtziegel hochgemauert. Garniert wurde das Haus mit spätklassizistischem Dekor.

 

Mit den Bauordnungen von 1887 und 1893 konnten Landhäuser aus der Gründerzeit abgebrochen, Grundstücke geteilt und darauf mehrstöckige Mietswohnhäuser errichtet werden. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger beklagte am 20. Mai 1901, dass die Saarstraße im nächsten Jahr ihren Charakter als Villenstraße wohl gänzlich verlieren wird. Das Landhaus von Homuth blieb erhalten. Die Bautätigkeiten forderten 1903 eine neue Hausnummerierung – Homuths Haus nun Saarstraße Nr. 14.

 

Es kam die Sitzung der Friedenauer Gemeindevertretung am 17. März 1910 und die Rede von Bürgermeister Erich Walger: Meine Herren, ehe ich die öffentliche Sitzung schließe, möchte ich noch einige Worte an die Herren richten, die heute ihre Tätigkeit abschließen. Ich will nicht versäumen, diesen Herren den herzlichsten Dank der Gemeindevertretung und damit zugleich der Bürgerschaft für ihre aufopfernde Tätigkeit auszusprechen. Was die Herren getan haben, das haben sie ehrenamtlich für die Kommune geleistet. Die Gemeinden haben durch die Mitarbeit ehrenamtlicher Bürger einen Erfolg zu verzeichnen, den sich der Erfinder der Selbstverwaltung, der Freiherr vom Stein, wohl nicht hat träumen lassen ...

 

Auch hier in Friedenau haben sich die Bürger bereitwilligst in den Dienst der Gemeinde gestellt und wir müssen das anerkennen, wenn wir, trotz der Landgemeindeordnung, oder ich will lieber sagen, weil wir die Landgemeindeordnung haben, so weit gekommen sind. So möchte ich den Herren, die heute ihr Amt abschließen, herzlichst danken im Namen der Gemeindevertretung und der Bürgerschaft.

 

Einige werden ja vielleicht wiederkommen, einer aber kehrt nicht wieder, und das ist unser alter Freund Homuth, so dürfen wir ihn wohl nennen. 18 Jahre ist Herr Homuth hier ehrenamtlich tätig gewesen. Der Monat März ist ein wichtiger Monat für ihn. Mit diesem Monat beschließt er seine 18 jährige Tätigkeit in der Gemeinde-Vertretung; am 21. März sind 25 Jahre verflossen, seit er Friedenauer Bürger ist. Und in diesem Monat begeht er auch bald seinen 71. Geburtstag. Das Alter ist es ja auch, weshalb Herr Homuth sein Amt niedergelegt hat.

 

Wenn wir zurückblicken in die Zeit, da Herr Homuth sein Amt antrat, im Jahre 1892, wo die Einwohnerzahl 2137 betrug, so erkennen wir so recht den Aufschwung, den Friedenau seit jener Zeit genommen hat. Es gab damals 76 Villengrundstücke. Die Einkommensteuer wurde mit 85 Prozent erhoben, Kreissteuern gab's noch gar nicht. Die Einkommensteuer war mit 7150 M. angesetzt, die Grundsteuer mit 5893 M., die Hundesteuer, die mit 6 M. erhoben wurde, brachte 770 M. (Oh). Der Etat balanzierte mit 14000 M. (Heiterkeit). Wir sehen also, daß die Entwicklung eine große war. Die Schulen kosteten damals 1800 M (Heiterkeit) und der Armenetat betrug 1600 M. Sie, mein hochverehrter Herr Geheimrat Homuth, haben diese schwunghafte Entwicklung mitgemacht und sich dabei hervorragend betätigt; Sie gehörten der Schuldeputation, dem Schulkuratorium, dem Gesundheits-, dem Anleiheausschuß, dem Rechnungsprüfungs- und Steuerausschuß an. Nun, ich brauche wohl nicht viele Worte zu machen, Herr Homuth ist der ruhende Punkt in der Erscheinung Flucht gewesen. Besonders an der Etatsberatung hat er sich regebeteiligt, keiner kannte den Etat so genau, wie er, man hörte aufmerksam zu, was er sagte und sein Wort galt. So glaube ich wohl in aller Namen zu sprechen, wenn ich Herrn Homuth den besten Dank der Gemeinde für seine Tätigkeit ausdrücke (Zustimmung).

 

Wir haben nun, Herr Homuth, beschlossen (die Gemeindevertreter erheben sich von ihren Plätzen) Sie zum Gemeindeältesten zu ernennen. Wir gratulieren Ihnen und bitten Sie, die Ehre, die Ihnen dadurch zuteilwird, als eine wohl verdiente anzunehmen. Wir haben einen Ehrenbürgerbrief anfertigen lassen, den ich Ihnen hiermit überreiche. (Bürgermeister Walger überreicht bei diesen Worten Herrn Homuth einen wundervollen, von Herrn Professor Vital-Schmitt künstlerisch hergestellten Ehrenbürgerbrief). Ich hoffe, daß Sie durch diesen Brief an uns gefesselt bleiben. Nochmals herzlichsten Dank für die Aufopferung in den 18 Jahren und für alles, was Sie für die Gemeinde getan haben (Bravo).

 

Gemeindeältester Homuth antwortet tief bewegt: Meine Herren, Sie haben mich sehr überrascht. Nehmen Sie für diese Ehrung meinen herzlichsten Dank entgegen. Sie wissen ja, ich bin kein großer Redner. Daß Sie meiner in dieser Weise gedacht haben, ehrt mich sehr; aber, meine Herren, ich habe auch nicht mehr getan, wie meine Kollegen, nicht mehr, als wie es die Pflicht eines jeden Gemeindevertreters ist.

 

Wenn ich mehr als andere in Ausschüssen beschäftigt wurde, so lag dies wohl daran, daß ich Zeit hatte. Mit dieser Ehrung haben Sie mich wirklich überrascht; man hat doch sonst immer etwas Ahnung, diesmal aber ist es so geheimnisvoll gemacht worden, daß ich wirklich nichts wußte (Heiterkeit). Sie können sich denken, daß mir der Entschluß, mich nicht mehr zur Wahl stellen zu lassen, schwer wurde. Doch die vielen Anforderungen und Aufgaben, die jetzt einem Gemeindevertreter gestellt werden, sind derart hohe, daß ich mich bei meinem Alter diesen nicht mehr gewachsen fühle, ich kann es nicht mehr machen. Herzlichen Dank für die große Ehre; ich werde! Friedenau treu bleiben und wenn ich auch nicht mehr hier mitwirken kann, so werde ich doch mit vollem Interesse allen Vorgängen in Friedenau folgen und, meine Herren, sollte ich Ihnen irgendwie nützlich sein können, so werde ich es gern tun. (Bravo). Ich hatte mich hier der Liebe und Freundschaft zu erfreuen gehabt; wir sind immer gut zuwege gekommen; es ist hier bisher alles friedlich und freundlich verlaufen und wenn einmal ein Mißton hineinkam, so hat doch keiner dem andern etwas nachgetragen, man war wieder Freund, wenn die Sitzung zu Ende war (sehr richtig). Ich wünsche, daß es auch ferner so bleiben möge. Mein Bestreben war stets darauf gerichtet, für das Wohl der Allgemeinheit einzutreten; ich habe niemals Sonderinteressen verfolgt. Wenn manche wünschten, daß für die Arbeiter und für Wohlfahrtseinrichtungen mehr geschehen könnte, so ist doch auch zu berücksichtigen, daß die Gemeinde mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln rechnen mußte. Was geschehen konnte, das ist geschehen (sehr richtig). Meine Herren, sollte ich in den Verhandlungen mal ein hartes Wort, obgleich ich mich dessen nicht erinnern kann, gesprochen haben, durch das sich Jemand verletzt fühlte, so bitte ich herzlich um Verzeihung. Ich wollte gewiß Niemand wehe tun. Nehmen Sie nun nochmals für die mir erwiesene Auszeichnung meinen tief gefühlsten, herzlichsten Dank entgegen. Ich werde Ihrer stets gedenken und wenn ich eine Bitte aussprechen darf, so ist es die, auch mir ein gutes Andenken zu bewahren (Bravo). Aus dem Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 18. März 1910

 

Johannes Homuth starb am 2. März 1922. Begraben wurde er in einem Ehrengrab der Gemeinde Friedenau auf Friedhof Stubenrauchstraße (Grablage 25-1). Die Inschrift: Hier ruht in Frieden mein inniggeliebter Mann der Geh. Kanzleirat Johannes Homuth, Gemeindeältester zu Friedenau. Sein Leben war hilfsbereit, edel und gut. Fünf Jahre später starb seine Frau Maria geb. Köhler (1843-1927). Nach dem Tod von Johannes Homuth findet sich im Adressbuch unter Saarstraße Nr. 14 bis 1928 der Eintrag: Eigentümerin Homuth, M., verw. Geh. Kanzlei-Rath.

 

1929 erwarb der Malermeister Hans Walldorf das Anwesen Saarstraße Nr. 14. Er setzte den Anbau zwischen Nr. 14 und Nr. 13 durch. Es entstand eine Garage und im Hinterhof ein Schuppen. Laut Adressbuch war Walldorf bis 1954 Eigentümer. Die Eigentumsverhältnisse für die Jahre danach sind unklar. Am 24. November 2009 wurde im Grundbuch der Zeltlagerplatz e. V. Bonn eingetragen, der Vermögensträger der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken. Der Architekt Martin Beisenwenger übernahm Umbau und Modernisierung des denkmalgeschützten Landhauses. Am 12. März 2011 wurde das Luise & Karl Kautsky-Haus als Bildungs- und Begegnungsstätte und Sitz der SJD-Bundesgeschäftsstelle eröffnet.

 

Am Haus ist eine Gedenktafel angebracht: Hier wohnte von 1900 bis 1902 Karl Kautsky *16.10.1854; +17.10.1938 Führender Theoretiker der deutschen und internationalen Sozialdemokratie. Hier muss sich das Landesdenkmalamt vertan haben, wenn in der Topographie Friedenau (2000) verkündet wird, 1900-02 lebte hier der bedeutende sozialdemokratische Theoretiker Karl Kautsky (1854-1938), wie eine Gedenktafel am Haus mitteilt. Das macht sich gut, stimmt aber nicht. Mit der Umnummerierung der Saarstraße am 17. Juli 1902 erhielt das Homuthsche Grundstück die Nr. 14. Johannes und Maria Homuth respektive ihre Erben waren von 1886 bis 1928 Eigentümer des Anwesens. Das bisherige Haus von Eigentümer K. Lement in der Saarstraße Nr. 14 erhielt die neue Nr. 19. Laut Adressbuch ist dort Kautsky, K., Redacteur als Mieter eingetragen.

 

Am 9. Dezember 1958 beschloss der Senat von Berlin, das Grab von Johannes Homuth auf dem Friedhof Stubenrauchstraße zur Ehrengrabstätte zu erheben (Grablage 25-1). Diese wurde 1978 und 1998 jeweils um weitere 20 Jahre verlängert. Aus der Ehrengräberliste von 2020/21 geht nicht hervor, ob Berlin das Grab weiter unter Schutz stellt. Regionalgeschichtlich wären Erhalt und Verlängerung zweifellos zu begrüßen.

 

Friedenauer Lokal-Anzeiger, 18. März 1910

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