Plan von 1901

Im Jahr 1880 wurde für das Gelände zwischen Kaiserallee (Bundesallee), Varziner-, Handjery- und Bismarckstraße (Sarrazinstraße) unmittelbar an der Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau der Bau einer Gasanstalt geplant. Friedenauer Gemeindevorstand, Landerwerb- und Bauverein auf Actien und Gemeindekirchenrat erhoben beim Teltower Landrat Ernst von Stubenrauch (1853-1909) Einspruch. Dieser wurde abgewiesen. Die Anlage genehmigt. 1884 reichten sie eine Beschwerde bei Reichskanzler Otto von Bismarck ein. Er verfügte, dass „der besondere Charakter des Vorortes Friedenau, die Bestimmung desselben als Villenanlage und als ein für Sommerwohnungen gesuchter Ort, eine gewerbliche Anlage, wie die hier projektierte Gasanstalt, ohne sanitäre Belästigungen und Nachteile für die einen gesunden Aufenthalt Suchenden nicht zulasse und deshalb die Genehmigung zu versagen sei. Durch die Anlage würden sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für die weitere Entwicklung des Ortes Friedenau und seiner nun einmal gegebenen Grundlage verschoben werden“.

 

Die Gasanstalt war vom Tisch. Im Sommer 1897 kam der „Sportpark Friedenau“ mit Radrennen und Eisbahn. Anfangs „fuhren die Züge auf der Ringbahn nachmittags nach Bedarf, sonntags regelmäßig. An Wochentagen lohnte es sich bald nicht. Sie tauchten nur an den Tagen wieder auf, an welchen im Sportpark irgendetwas los war, das heißt also nur selten.“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger, 16.03.1899).

 

 

 

Damit war das Ende eingeläutet, zumal gewichtige Gemeindevertreter schon geraume Zeit für den Verkauf des Geländes und eine Bebauung plädierten: „70-80 Wohnhäuser. Die Mieter kämen schon, man gehe nur nach dem Viktoria-Luise-Platz, der ja unter ungünstigeren Verhältnissen von derselben Gesellschaft erbaut worden sei, man sähe nur hin, wie dort Steuerzahler 1. Klasse hingezogen seien“.

 

Am 22. September 1904 konnte der Bauunternehmer Georg Haberland mit seiner „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ von der Gemeinde das Gelände erwerben. Zuvor hatte er allerdings dafür gesorgt, dass Friedenau die Berliner Traufhöhe von 22 Metern in den Bebauungsplan übernahm. So entstanden vierstöckige Mietshäuser mit bis zu 6-Zimmer-Wohungen für den „gehobenen Standard“.

 

Über die Benennung der Straßen wurde viel diskutiert, patriotische, militärische und altgermanische Namen. Die Berlinische Bodengesellschaft wollte als Gegenstück zu ihrem Bayerischen Viertel die Straßen mit den Namen oberbayerischer Seen bedenken. Mit Blick auf Schöneberg, wo „den Malern und Bildhauern sowie den modernen Schriftstellern in den Straßennamen eine Ehrung zuteil geworden“, sollten Komponisten in den Straßennamen verewigt werden. Andere wollten „die unerfreuliche Tatsache aus der Welt schaffen, dass keine Straße in Friedenaum einen weiblichen Vornamen führt“.

 

Das alles zusammen führte 1906 schließlich zu Richard Wagner, dem „Wagner-Viertel“, dem Richard-Wagner-Platz und zu Straßen mit den Namen Brünnhilde, Elsa, Eva, Isolde, Kundry, Ortrud, Senta und Sieglinde. Damit war vielen Genüge getan. Nach dem Tod von Cosima Wagner (1837-1930) hatte Schönebergs Bezirksbürgermeister Oswald Schulz (NSDAP) nichts Wichtigeres zu tun, als den Richard-Wagner-Platz 1935 in Cosima-Patz umzubenennen.

 

Platz am Bahnhof Wilmersdorf-Friedenau um 1910 (heute Varziner Platz) mit Isolde-, Brünnhilde- und Sieglindestraße (von links)
Erwin Magnus

Isoldestraße Nr. 1

Erwin Magnus (1881-1947)

 

„Ich hatte Jack London gewissermaßen für Deutschland entdeckt, wenn auch zwei seiner Bücher schon vorher erschienen waren, die damals aber kaum Beachtung fanden. Es war in der Inflationszeit, und ich lief von einem Verlag zum andern. Aber entweder hatten die Leute kein Geld oder sie meinten, wenn einer Jack London heißt, kann es nur Kitsch sein. Oder sie wollten, wie Ullstein, drei oder vier Bücher erwerben, ohne sich für die übrigen zu interessieren.“ (Erwin Magnus)

 

Laut Geburtsurkunde Nr. 4235 des Hamburger Staatsarchivs kommt Siegmund Erwin Magnus am 24. November 1881 in Hamburg als Sohn des jüdischen Bankiers Max Magnus und dessen Ehefrau Anna Hedwig Elisabeth geborene Mühsam zur Welt. Er besucht das Gymnasium, bricht eine Bankausbildung ab und ist danach für das Hamburger Büro der „Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk“ tätig. Ab 1917 hält er sich in Dänemark auf, arbeitet für das Verlagshaus Gyldendal und lernt Dänisch, Schwedisch, Norwegisch und Englisch.

 

1919 übersetzt er das dramatische Märchen des dänischen Romantikers Adam Oehlenschläger „Aladdin oder die Wunderlampe“ ins Deutsche. Für den Literaturkritiker Georg Brandes legt Magnus „zum ersten Male diese schöne und naive Dichtung Oehlenschlägers, die durch verunstaltete Übertragung das Werk mehr als hundert Jahre seine Wirkung einbüßen ließ, in wahrhaft dichterischer Übersetzung vor“. Auch für den Englisch-Übersetzer Peter Friedrich ist das heute noch immer „eine bedeutende Übersetzung. Und das hat, glaube ich, seine Karriere dann begründet und ihm auch die weiteren Aufträge verschafft“.

 

So kommt es nach dem Tod von Jack London zu einem Vertrag mit der Witwe Charmian London geborene Kittredge, der Erwin Magnus die Exklusivrechte an der deutschen Übersetzung der Werke sichert. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrt Magnus nach Deutschland zurück. 1922 bezieht er eine Wohnung im dritten Stock des Hauses Waghäuseler Straße 9/10 in Wilmersdorf. Es folgt die Heirat mit der aus Böhmen stammenden Margarete geb. Freud (1887-1984). Am 11. Oktober 1924 wird Sohn Michael (1924-2010) geboren.

 

 

Entscheidend war der 12. Mai 1923. Da wird „zwischen dem Gyldendalschen Verlag, Berlin, und Herrn Erwin Magnus, Berlin-Wilmersdorf, folgende Vereinbarung getroffen: Paragraph eins - Herr Magnus wird vom Gyldendalschen Verlag als ausschließlicher Übersetzer der Werke Jack Londons verpflichtet“. Magnus hatte damit nicht nur die Exklusivrechte an der deutschen Übersetzung von Jack London, er handelte obendrein (einen heute undenkbaren) „Tantiemen-Anteil am Brutto-Verkauf von über 3,5 Prozent“ heraus.

 

1926/27 zieht die Familie Magnus in die Isoldestraße 1 im Friedenauer Wagner-Viertel. Das Eckhaus Isoldestraße 1 und Brünhildestraße 8 entstand 1906/07. Baumeister und Eigentümer bis 1919 war der Besitzer des Zehlendorfer Baugeschäfts C. Graf. 1920 ging das Anwesen an den Fabrikaten Neumann aus Wilmersdorf. 1925 erwarb es der damals noch im Ausland lebende Kaufmann B. Stein. Von der ursprünglichen Gestaltung, wie sie heute noch am Nachbarhaus Isoldestraße 2 des Architekten Ladislaus Nowak zu bewundern ist, haben Weltkrieg und Nachkriegszeit nicht viel übriggelassen.

 

In der großzügigen Wohnung Isoldestraße Nr.1 nahm sich der Übersetzer Erwin Magnus den amerikanischen Schriftsteller Jack London vor. Hier übertrug er einen Großteil der Werke ins Deutsche, darunter die Klassiker Abenteurer des Schienenstranges, Lockruf des Goldes, Die Insel Berande, Jerry der Insulaner, Die eiserne Ferse, Alaska-Kid, Martin Eden. Sie werden die bestverkauften ausländischen Bücher überhaupt. Seit mehr als neun Jahrzehnten stehen sie in den deutschen Bücheregalen – mit dem meist von Lesern und Rezensenten unbeachteten Hinweis „Übersetzt von Erwin Magnus“.

 

Magnus verdiente mit seinen Übersetzungen viel Geld. Das Interesse an den Alaska- und Südsee-Abenteuern von Jack London war Mitte der zwanziger Jahre enorm. Peter Friedrich, Übersetzer von Abenteuerromanen, traf 2007 in Kopenhagen Sohn Michael Freud-Magnus und bekam die Gelegenheit, den Nachlass zu sichten, darunter auch die Gästebücher aus der Isoldestraße 1: „Das ist ein Who is Who der damaligen Größen in Berlin, von Asta Nielsen über Gustaf Gründgens. Also, jeder war bei Erwin Magnus zu Besuch.“

 

1927 verpflichtete sich Erwin Magnus vertraglich, „jedes Jahr mindestens die Übersetzung von zwei abgeschlossenen Werken Jack Londons einzureichen. Die Reihenfolge der zur Veröffentlichung bestimmten Übersetzungen setzt der Verlag fest“. Magnus denkt an Londons Fähigkeit „zu schuften", wie er es nannte, und greift zu einer damals bahnbrechenden Technik: Er diktierte seine Übersetzungen auf ein Drahttongerät (vergleichbar mit den heutigen Spracherkennungs-Programmen) und ließ diese dann von einer Sekretärin abtippen. Von Vorteil war dabei vielleicht, dass Londons Sprache eher wortkarg, knapp und präzise war, was auch in der Übersetzung deutlich werden musste.

 

Im Frühjahr 1929 konstituierte sich der „Bund deutscher Übersetzer“ mit mehr als 80 Übersetzern als Fachgruppe. Vorsitzender wurde Erwin Magnus. Zum Vorstand gehörten u. a. Friedrich von Oppeln Bronikowski und Paul Wiegler. Bis 1932 „bastelten“ sie an einem Entwurf für ein Abkommen mit den Verlegern: „1. einen verbindlichen Tarif gemäß der Wirtschaftslage, 2. die Gliederung des Honorars in ein Grundhonorar und eine Tantieme, 3. die Namensnennung des Übersetzers, 4. eine Vergütung bei nochmaliger Übersetzung auf Grundlage der Übersetzung ins Deutsche, 5. gesonderte Vereinbarung über die Nebenrechte, 6. die Gleichstellung der Übersetzerhonorarforderungen mit denen der Lohnempfänger bei Konkursen, 7. die gleichmäßige Behandlung der Übersetzer und 8. die Zustimmung des Übersetzers zu jeder Ladenpreisänderung.“

 

Zur Durchsetzung kam es nicht mehr. Es kam der 30. Januar 1933 und die Ernennung des NSDAP-Vorsitzenden zum Reichskanzler. Da hatte der Bibliothekar Dr. Wolfgang Herrmann schon seine „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ erstellt, das aus Buchhandel und Büchereien zu entfernen wäre. Am 2. Mai 1933 ging die „Schwarze Liste (Schöne Literatur)“ beim Nationalsozialistischer Deutschen Studentenbund ein. Vier Tage später wurden Buchläden und Bibliotheken von Studenten heimgesucht. Am 10. Mai 1933 erfolgte die Bücherverbrennung „Aktion wider den undeutschen Geist“ auf dem Berliner Opernplatz, darunter drei London-Romane in der Übersetzung von Magnus: Martin Eden, Die eiserne Ferse, Zwangsjacke.

 

Wenige Monate zuvor stand noch im Berliner Adressbuch: „Isoldestraße 1, Magnus, E., Schriftsteller, T. Rheingaus 3079“. In der Ausgabe von 1933 ist ein solcher Eintrag nicht mehr zu finden. Noch bevor die Reichsschrifttumskammer im September 1933 für die „Freihaltung des Schrifttums von ungeeigneten und unzuverlässigen Elementen“ sorgte, konnte der Jude Erwin Magnus nach Dänemark emigrieren.

 

Obwohl er einst für das Kopenhagener Verlagshaus Gyldendal tätig war und „Aladdin oder die Wunderlampe“ des dänischen Romantikers Adam Oehlenschläger ins Deutsche übersetzt hatte, erhielt er im Exil keine Arbeitserlaubnis. Dazu kam, dass Hitlerdeutschland die Tantiemen aus seiner umfangreichen Übersetzungstätigkeit nicht überwies. Erwin Magnus starb am 31. März 1947 in Kopenhagen – weitgehend verarmt. Danach führte seine Frau jahrelang juristische Auseinandersetzungen mit den deutschen Rechteinhabern über die vertraglich zustehenden Tantiemen.

 

Seinen heutigen Übersetzerkonkurrenten nötigt das, was Erwin Magnus einst geleistet hat, nach wie vor allerhöchsten Respekt ab. Dennoch: In den vergangenen neunzig Jahren hat sich viel verändert, auch die Sprache hat sich weiterentwickelt. Es ist deshalb richtig, dass der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) im Jahr 2013 damit begonnen hat, die wichtigsten Romane Jack Londons von Lutz-W. Wolff neu ins Deutsche übertragen zu lassen.

 

Rolf Junghanns (1945-1993) & Bradford Tracey (1951-1987)

Isoldestraße Nr. 9

Friedenauer Kammerkonzerte

Rolf Junghans (1945) & Bradford Tracey (1951-1987)

 

Es begann am 7. April 1986 mit einem Konzert „Alter Musik auf historischen Instrumenten in der Spielweise ihrer Entstehungszeit“ – Bach, Weber, Mozart und Beethoven für Hammerflügel und Cembalo. Der Deutsche Rolf Junghanns (1945-1993) und der Kanadier Bradford Tracey (1951-1987), beide Professoren an der Hochschule für Musik und Freunde, hatten sich einen Traum erfüllt und im sogenannten „Kronprinzenhaus“ in der Isoldestraße Nr. 9 die „Friedenauer Kammerkonzerte“ ins Leben gerufen.

 

Die Idee mag von dem Cembalisten und Pianisten Fritz Neumeyer (1900-1983), der ab den 1930er Jahren Tasteninstrumente sammelte, um Musik des 16. bis 19. Jahrhunderts in ihrem ursprünglichen Klangbild aufführen zu können. Tracey, der zunächst historische Tasteninstrumente und Generalbass bei Junghanns studiert hatte, später bei Neumeyer fortsetzte, teilte diese Leidenschaft. Er wurde Kurator der „Sammlung Fritz Neumeyer" im Schloss Krozingen. Nach dem Tod von Neumeyer ging die Sammlung in den Besitz von Bradford Traceys Freund Rolf Junghanns über.

 

Tracey starb mit 36, Junghanns mit 48 Jahren. Der Traum der beiden Freunde war zu Ende. Die in Friedenau gelagerten Instrumente gingen nach dem letzten Willen von Rolf Junghanns wieder zurück in die seit 1974 existierende Sammlung des „Museum für historische Tasteninstrumente Neumeyer-Junghanns-Tracey“ nach Bad Krozingen – gut behütet im (privaten) Renaissanceschloss der Freiherren von Gleichenstein. Unter den Instrumenten aus der Zeit von 1600 bis 1860 befinden sich Orgelpositiv, Regal, Spinette, Spinettino, Virginale, Cembali, Clavichorde, Tangentenflügel, Tafelklaviere und besonders kostbare Hammerflügel berühmter Meister. Die meisten Instrumente sind bespielbar und werden im Rahmen der Bad Krozinger Schlosskonzerte zum Leben erweckt.

 

Und in Friedenau? Nahezu zeitgleich mit dem Tod von Junghanns strich das Land Berlin die Förderung. Die „Friedenauer Kammerkonzerte“ mussten eingestellt werden. Über privates Engagement konnte der Verlust des Kammersaales verhindert werden. Die „Gesellschaft der Freunde der Friedenauer Kammerkonzerte“ wurde 1994 zum Veranstalter und Organisator und nach die Konzertreihe wieder auf. Über zehn Jahre nutzte die Universität der Künste (UdK) den Saal für Übungsbetrieb und Examenskonzerte und garantierte damit bis Ende 2009 die Übernahme der Mietkosten. Seit Herbst 2011 mietet der „Early Music Society Berlin e.V.“ den Saal und stellt ihn gegen Entgelt zur Verfügung. Dieser Mietvertrag läuft zum 30. September 2017 aus.

 

Trotz der Auf- und Abbrüche wurden die „Friedenauer Kammerkonzerte“ in über drei Jahrzehnten zu einem kulturellen Markenzeichen von Friedenau. Die intime Atmosphäre des Saales schafft ein Erlebnis besonderer Art, bei dem es nicht nur um die Musik, sondern auch um das Gespräch zwischen Interpreten und Publikum geht. Wir haben uns nicht die Mühe gemacht, die Wahlprogramme der in Tempelhof-Schöneberg agierenden Parteien zu durchforsten, gehen aber davon aus, dass das Thema „Kultur“ darin nur als lästige Pflicht Erwähnung findet. Der Saal in der Isoldestraße Nr. 9 kann nicht die Welt kosten. Es wäre an der Zeit, im Bezirksamt über Lösungen nachzudenken.

 

Isoldestraße Nr. 9

Erschütterungen

 

Das „Kronprinzenhaus“ in der Isoldestraße Nr. 9 wurde zwischen 1905 und 1907 nach Entwürfen des Architekten Ladislaus Novak errichtet. Kronprinzenhaus wohl deshalb, weil an den Brüstungen im zweiten Obergeschoss in Fraktur die Inschrift „Kron-Prinzen-Haus“ steht. Auch die beiden Reliefs an den Erkern, „links Venus mit Trinkschale und Dreifuß, rechts Mars mit Helm und Schild“ sowie die Putten mit Reichswappen und Kaiserkrone, könnten auf die Heirat des deutschen Kronprinzenpaars am 6. Juni 1905 hindeuten, weil zu dieser Zeit mit dem Bau begonnen wurde.

 

Eigentümer sind heute Joachim Perle und seine Frau Bianca Perle-Ferone. Perles Großvater hatte das Haus nach dem Mauerbau gekauft. Die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen. Die neobarocken Formen waren nur noch zu erahnen. Das Ehepaar wollte dem denkmalgeschützten Mehrfamilienhaus wieder ein Gesicht geben. Sie zogen die Architektin Gabriele Fink, den Restaurator Thomas Pollack, den Tischler Peter Ströhlein und die Steinbildhauer Rudolf und Christian Gebauer hinzu.

 

Im Jahr 2010 wurden sie mit dem „Bundespreis der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks“ ausgezeichnet: „Ein solch überzeugendes Ergebnis sensibler und handwerklich gelungener Arbeit wünschte sich die Denkmalpflege häufiger.“ Und heute? Die Isoldestraße ist 150 Meter lang und verläuft von der Handjerystraße am Perelsplatz zum Varziner Platz. Das Haus Nr. 9 liegt etwa in der Mitte und von der Bahntrasse rund 90 Meter entfernt. Im August 2017 informierten uns die Hauseigentümer über „Erschütterungen“ und stellten uns dazu nachfolgenden Schriftwechsel zur Verfügung.

 

18.04.2017: Wir wohnen in der Isoldestr. 9, ca. 150 m von der erneuerten Güterbahnstrecke Berlin-Westkreuz Richtung Tempelhof entfernt. Schon mehrmals fiel uns in der vergangenen Zeit eine kurzzeitige starke Erschütterung des Hauses auf. Endlich konnte ich einen Grund entdecken: Am Montag, 10. April um 19.04 Uhr war die mehrere sekundenlange Erschütterung wieder zu bemerken. Ich sah einen langen Güterzug in Richtung Schöneberg fahren. Die Erschütterungen waren so stark, daß die Kronleuchter schwankten, der Dielenfußboden zitterte und sogar auf dem Sofa sitzend war das Zittern zu bemerken. Ist der Bahn das Problem bekannt? Ich halte es nicht für normal, daß in einem so großen Abstand vom Bahnkörper so starke Erschütterungen zu spüren sind. Bitte teilen Sie mir mit, mit wem ich die Angelegenheit besprechen kann. Mit freundlichen Grüßen Joachim Perle

 

05.05.2017: Der Regionalbereich Ost der DB Netz AG hat Ihre Anfrage vom 18.04.2017 bezüglich der Erschütterungsthematik nahe der Isoldestr. 9 zur Bearbeitung erhalten ... Nach Absprache mit der zuständigen Fachabteilung konnten wir keine ungewöhnlich lauten Emissionen oder Erschütterungen im betroffenen Bereich feststellen, die durch den Zugbetrieb verursacht werden könnten. Wir möchten Ihnen daher folgende Informationen zum Sachverhalt geben. Normalerweise ergeben sich die Fahrgeräusche und die daraus resultierende Geräuschentwicklung aufgrund der Wechselwirkungen aus dem Rad/Schienen-System. Es kann dadurch immer wieder zu Geräuschentwicklungen und auch zu Erschütterungen in unterschiedlichster Intensität kommen. Dies ist aber bei einem funktionierenden Eisenbahnbetrieb aber unvermeidlich. Ihr Gebäude kann durch vorbeifahrende Züge zur Anregung gebracht werden. Dies kann sich u.U. in verschiedener Art und Weise bemerkbar machen (z.B. Vibrationen etc.). In Ihrem beschriebenen Fall vom 10.04.2017 fuhr zur genannten Zeit ein Güterzug mit einer Maximalgeschwindigkeit von 90km/h auf der Strecke 6170. Diese genannte Strecke ist sowohl für Schienenpersonen- als auch für den Güterverkehr gewidmet. Wir weisen darauf hin, dass es sich hier um eine Bestandsstrecke handelt. Dadurch kann es beispielsweise durch Baumaßnahmen in umliegenden Bereichen (z.B. Ausbauknoten Berlin Nordkreuz-Karow) immer wieder zu temporären Schwankungen im Zugaufkommen durch Umleiterverkehre kommen ... Uns ist bewusst, dass die Emissionen aus dem laufenden Eisenbahnbetrieb als störend empfunden werden und bitten Sie daher die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Leiter Produktion Regionalbereich Ost (I.NP-O). DB Netz AG Berlin.

 

22.05.2017: Grundsätzlich möchten wir Ihnen vorab kurz erläutern, dass jedem Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) die Infrastruktur der DB Netz AG diskriminierungsfrei angeboten wird, d.h. dass jedes EVU frei den Laufweg des Zuges bestimmen kann. Nun zu Ihrer Nachfrage, der Zug, der zur genannten Zeit die Strecke 6170 (südlicher Berliner Innenring) befuhr war ein Güterzug der mit Schotter/Steinen und mit einer Lok der Baureihe 250 (ADtranz DE-AC33C) bespannt. Genauere Informationen liegen uns leider nicht vor. Wie bereits in der vorangegangen Mail mitgeteilt ergeben sich die Fahrgeräusche und die daraus resultierende Geräuschentwicklung bzw. Erschütterungen aufgrund der Wechselwirkungen aus dem Rad/Schienen-System. Es kann dadurch immer wieder zu Geräuschentwicklungen und auch zu Erschütterungen in unterschiedlichster Intensität kommen. Dies ist aber bei einem funktionierenden Eisenbahnbetrieb unvermeidlich. Uns ist bewusst, dass die Emissionen aus dem laufenden Eisenbahnbetrieb als störend empfunden werden und bitten Sie daher die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Leiter Produktion Regionalbereich Ost (I.NP-O). DB Netz AG Berlin.

 

Unsere Recherchen:

 

Im BÖAG-Gutachten von 07.12.2015 heißt es, dass „sich zwischen den S-Bahngleisen und der geplanten Bebauung noch zwei weitere Gleise befinden. Auf diesen ist zukünftig mit Güterzugverkehr zu rechnen. Gegenwärtig finden keine Vorbeifahrten statt, so dass keine Messdaten von Zugvorbeifahrten auf diesen Gleisen vorliegen“.

 

Vor einem Jahr haben SPD, CDU und GRÜNE von Tempelhof-Schöneberg dem Bebauungsplan „Güterbahnhof Wilmersdorf“ mit 940 Wohnungen zugestimmt. Jetzt fordert der Bezirksverordnete Christoph Götz (SPD) für die extrem belastete Stadtschneise entlang von A100, S-Bahn-Ring und Güter-Innenring umfassende Lärmschutzmaßnahmen, weil ihm klargeworden ist, dass die Deutsche Bahn mit der „Neubaumaßnahme Elektrifizierung Güter-Innenring samt Oberleitungsmasten“ nur dazu verpflichtet werden könnte, Schallschutz hinter den Güter-Innenring-Gleisen zu gewährleisten. Damit blieben S-Bahn-Trasse und A100 außen vor, so dass die Anwohner der dicht bebauten Wohngebiete zwischen Tempelhof und Westend dem Lärm völlig ungeschützt ausgesetzt sind. Für Christoph Götz ist die Antwort der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz „unbefriedigend“, da diese „zunächst eine Prüfung der Lärmsituation durch die Deutsche Bahn (DB) als Bauherr der Elektrifizierung des Innenrings erwartet“.

 

Haben zwischen 2015 und der Wiederaufnahme des Zugbetriebs auf dem Bahninnenring keine Lärmmessungen stattgefunden? Es ist nicht richtig, vom „Güter-Innenring“ zu sprechen, da die DB inzwischen verkündet hat, dass die Strecke nicht nur für den Güterverkehr, sondern auch für den Schienenpersonenverkehr gewidmet ist. Prognostiziert werden für das Jahr 2025: „Güterzug tagsüber 13 Fahrten (6-22 Uhr), Güterzug nachts 10 Fahrten (22-6 Uhr). Weiterhin kommt es auf den Gleisen zu Fahrten von Leerzügen oder Rangierfahrten von Personenzügen: 3 tagsüber und 3 nachts.“ „Zur genauen Beurteilung“ waren für die Gutachter schon damals „weitere Messungen empfehlenswert“. Nun werden am Beispiel Isoldestraße Nr. 9 zusätzlich „Erschütterungen“ angesprochen. Fazit: Die Politiker im Rathaus Schöneberg haben die Anwohner ganz schön verschaukelt.

 

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