Gegen das Hineinwachsen der Stadt Berlin in das Schöneberger Gebiet war die Gemeinde machtlos. Nach der Reichsgründung im Jahr 1871 stieg die Einwohnerzahl Schönebergs rasant an. 1889 wurde die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft gegründet. Sie verfügte hinter der Wannseebahn über ein Areal von 26 ha Bauland und offerierte in Anzeigen Bauparzellen auch mit Bauerlaubnis am Bahnhof Friedenau. Die Stadt Schöneberg stimmte dem Bebauungsplan zu und machte aus dem Gelände am 12. Januar 1892 das Malerviertel. Straße 1 wurde Holbeinstraße, 3 Menzelstraße, 5 Rembrandtstraße & Dürerplatz, 6 Begasstraße, 7 Beckerstraße, 8 Peter-Vischer-Straße, 9 Canovastraße & Cranachstraße. Später kamen Thorwaldsenstraße und Semperstraße hinzu.

 

Die Straße 46 erhielt den Namen Knausstraße, benannt nach dem berühmten Porträtmaler Ludwig Knaus (1829-1910). Dem in Wiesbaden geborenen Maler wurde nachgesagt, dass er schon in der Schule einen Drang zum Abmalen gezeigt hatte. Kaum war er 1874 an die Berliner Akademie berufen, beauftragte ihn die Nationalgalerie, Bildnisse von Persönlichkeiten anzufertigen: Gustav Friedrich Waagen, Hermann von Helmholtz, Jacob Stern, Otto von Bismarck, Theodor Mommsen. Bemerkenswert an diesen Gemälden sind die große Nähe zu den dargestellten Männern und die differenzierte Charakterisierung, eine Synthese aus einzigartiger Beobachtungsgabe und malerischen Könnerschaft.

 

Übersichtsplan Stadt Schöneberg, 1909. Quelle Bezirksamt Schöneberg

Verbreiterung der Knausstraße

 

Als sich abzeichnete, dass das Projekt Malerviertel erfolgreich werden würde, sollte 1899 von der Saarstraßenbrücke entlang der Steglitzer Grenze eine Straße nach Südende gebaut werden. Schöneberg und Steglitz setzten dafür neue Fluchtlinien zwischen Knaus- und Rubensstraße fest. Die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft als Eigentümerin des Areals erklärte jedoch, keine Opfer für die Straße bringen zu wollen. Anerkannt wurde von ihr durchaus, dass diese Straße viel für sich hat. Da aber für das Terrain ein Bebauungsplan für rechteckig festgelegte Baublöcke vorliegt und diese durch die neue Straße ungünstig geschnitten werden, werden der Gesellschaft Nachteile mit geschätzten Kosten von 500.000 Mark erwachsen.

 

Das Problem: Es wäre zu spät, eine Verkehrsstraße zu schaffen, wenn erst die Bebauung in Angriff genommen sei. Lege man die Straße jetzt an, so geschähe es im Interesse der Gemeinde auf Kosten der Gesellschaft, unterlasse man die Anlage, so würde das Interesse der Gesellschaft auf Kosten der Stadt wahrgenommen. Gegen die Fluchtlinienfestsetzung der Stadt Schöneberg erhoben die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft und der Architekt Otto Hoffmann als Eigentümer des Grundstücks Rembrandt-, Becker- und Knausstraße Einspruch.

 

 

 

 

Es kam zu Verhandlungen: Die Terraingesellschaft tritt das Straßenland unentgeltlich und lastenfrei an die Gemeinde ab. Die Gemeinde stellt die Kanalisation her. Die Kosten sind von der Gesellschaft vor Beginn der Arbeiten einzuzahlen. Es ist statt des ortsstatutarischen Beitrages von 50 M. nur ein Beitrag von 30 M. für das laufende Meter Straßenfront zu entrichten. Die Gemeinde verpflichtet sich, den Damm der Grenzstraße auf eigene Kosten provisorisch zu pflastern und zu genehmigen, dass dann ausnahmsweise Bauerlaubnis für die Grundstücke der Gesellschaft erteilt wird. Die Pflasterung erfolgt durch die Gemeinde auf Kosten der Gesellschaft, welche diese Kosten vor Beginn der Pflasterung einzuzahlen hat.

 

Architekt Otto Hoffmann hatte außerdem angeboten, der Stadt entweder sein ganzes Grundstück von 1350 Quadratmetern für den Preis von 60.000 M oder denjenigen Teil desselben, der nach dem neuen Fluchtlinienplane für Straßenland in Anspruch genommen werden soll, (ungefähr 670 qm) für den Preis von 44 M pro Quadratmeter zu verkaufen, wenn in letzterem Fall Anliegerbeiträge für das Restgrundstück nicht erhoben werden. Der Erwerb des ganzen Hoffmann'schen Grundstücks an der Rembrandt-, Becker- und Knausstraße wurde für vorteilhafter angesehen. Die Gemeinde könnte keinen besseren Beschluss fassen. denn während der Zeit, die hingehen wird, bevor, die Knausstraße von neue« Ansiedlern besetzt ist, wird das Terrain bedeutend im Werte steigen und da es doch ein für alle Mal notwendig wird, den größten Teil des Hoffmann'schen Grundstückes zu erwerben, so geschieht das besser gleich als später, denn die Entwicklung eines Teiles von Schöneberg geht ohne Zweifel einer nicht unbedeutenden Zukunft entgegen. Damit steigen natürlich auch die Enteignungssumme und die zukünftigen Kosten für die Erwerbung des Baulandes. Es bleibt also dabei, dass wir der Stadtverordnetenversammlung nur dringend ans Herz legen können, gemäß der Magistratsvorlage zu beschließen.

 

Ein Jahr später waren auf dem Dreieck zwischen Rubens-, Cranach-, Menzel- und Knausstraße 56 Häuser gebaut. Die zum Promenadenweg ausgebaute Knausstraße zwischen Schöneberg und Steglitz wurde als Prachtstraße hochgejubelt.

 

Knausstraße 10, 1952. Sammlung Staudt. Museum Schöneberg

Knausstraße Nr. 10

 

Mehr als sieben Jahrzehnte nach den Bomben auf Friedenau erfuhr die Öffentlichkeit erstmals, dass im Schöneberger Archiv Ruinenfotos aus den Jahren von Februar 1949 bis Herbst 1957 verwaltet wurden – 4244 Fotos der Sammlung Staudt. Herwarth Staudt (1924-1994) und seine Ehefrau Ruth geb. Böhm (1925-2002) erhielten vom Baulenkungsamt Schöneberg 1949 den Auftrag, Kriegsruinen zu fotografieren. Mit Blick auf die Fotos verschaffte sich die Verwaltung einen Eindruck über die Bausubstanz – und entschied dann über Wiederaufbau oder Abriss.

 

Die Fotos aus dem Archiv Schöneberg ermöglichen einen eindrucksvollen Einblick in die Nachkriegszeit, so dass die Veränderungen heute teilweise nachvollziehbar sind. Wir veröffentlichen diese Aufnahmen und hoffen, dass wir in absehbarer Zeit weitere Angaben zu Straßen und Häusern hinzufügen können.

 

1943 erschien die letzte Ausgabe des Berliner Adressbuchs mit dem Teil IV Haushaltungsvorstände, handelsgerichtlich eingetragene Firmen und Gewerbebetriebe nach Straßen geordnet – mit Angaben zu Hauseigentümern, Mietern und Beruf, so dass es möglich ist, Auskunft über jene Menschen zu geben, die bis zu den Bombenabwürfen überlebt haben.

 

 

Knausstraße 13, 1950. Sammlung Staudt. Museum Schöneberg

Knausstraße Nr. 13

 

 

In Vorbereitung

Knausstraße 14, 1952. Sammlung Staudt. Museum Schöneberg

Knausstraße Nr. 14

 

 

 

In Vorbereitung

Knausstraße 15, 1950. Sammlung Staudt. Museum Schöneberg

Knausstraße Nr. 15

Ecke Beckerstraße Nr. 15

 

Um das Grundstück an der Ecke Becker- und Knausstraße gab es einen Konflikt zwischen der Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft als Eigentümerin des noch unbebauten Dreiecks zwischen Friedenauer Brücke, Becker-, Knaus- und Rubensstraße und dem Eigentümer Architekt Otto Hoffmann des Grundstücks Knausstraße Nr. 15 Ecke Beckerstraße Nr. 15. Als die Stadt Schöneberg und die Gemeinde Steglitz 1899 den Plan fassten, von der Saarstraßenbrücke entlang der Gemarkungsgrenze eine Straße nach Südende zu bauen, stand ein festgesetzter Bebauungsplan im Weg. Mit der beabsichtigten neuen Fluchtlinienfestsetzung wurde das Grundstück Knausstraße Nr. 15 mit den rechteckig festgelegten Baublöcken so ungünstig geschnitten, dass dem Eigentümer Hoffmann Nachteile erwachsen.

Nach einigem Hin und Her bot Eigentümer Hoffmann entweder sein ganzes Grundstück von 1350 qm für 60.000 M an oder denjenigen Teil, der nach dem Plan für Straßenland in Anspruch genommen werden soll, (670 qm) für den Preis von 44 M pro qm zu verkaufen, wenn in letzterem Fall Anliegerbeiträge für das Restgrundstück nicht erhoben werden. Der Erwerb des ganzen Hoffmann'schen Grundstücks an der Rembrandt-, Becker- und Knausstraße wurde für vorteilhafter angesehen, denn während der Zeit, die hingehen wird, bevor, die Knausstraße von neuen Ansiedlern besetzt ist, wird das Terrain bedeutend im Werte steigen, so geschieht das besser gleich als später. Mit der weiteren Entwicklung in dieser Gegend würden auch die Enteignungssumme und die Kosten für die Erwerbung des Baulandes steigen.

 

Ursprünglich wollte wohl Hoffmann, Architekt der Landhausanlage Friedrich-Wilhelm-Platz Ecke Schmargendorfer Straße, den Entwurf für den attraktiven Bauplatz an der Knausstraße selbst erstellen. Nun überließ er das Bauvorhaben Knaus- Ecke Beckerstraße dem Baumeister Mendel Ber Rosenkranz (geb. 1869) und seinem in der Rubenstraße Nr. 27 ansässigen Baugeschäft. Rosenkranz war wiederum mit Sarah Stöckel verheiratet, der Tochter des Baumeisters Moritz Stöckel aus der Fregestraße, der für die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft einige Mietswohnhäuser geschaffen hatte. 1906 waren die ersten Wohnungen bezogen, darunter vom Geographen Dr. phil. Wilhelm Meinardus und seiner Ehefrau Clara Ida Dorothea geb. Hoffmann, der Tochter des Architekten Otto Hoffmann.

 

Das Anwesen ging 1925 in den Besitz der Familie Rosenkranz über. So blieb es bis 1939. Ein Jahr später steht im Adressbuch Eigentümer ungenannt, ab 1942 Eigentümer ungenannt. Verwalter W. Bartmann, Treuhänder der DAF, wohnhaft Schlachtensee, Mariannenstraße Nr. 9.

 

DAF war die Deutsche Arbeitsfront, Verband der Arbeitnehmer und Arbeitgeber während der NS-Zeit. Der Massenverband fungierte als Treuhänder der Volksgemeinschaft und unterstand dem Reichsarbeitsministerium und Reichsheimstättenamt, die den ehemaligen Gewerkschaftsbesitz, den Wohnungs- und Siedlungsbau und wohl auch die Verwaltung von Wohnhäusern übernommen hatten. Über das Schicksal der Familie Rosenkranz nach 1940 ist (bisher) nichts bekannt. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. Auf dem Foto von Herwarth Staudt war im Eckladen 1950 eine Apotheke untergebracht, die 1943 wohl von der Drogistin E. Metzke betrieben wurde. Die Ruine wurde später abgerissen. Es entstand ein Neubau.

 

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Nicht recherchiert werden konnte (bisher), ob der 1943 im Adressbuch unter Knausstraße Nr. 15 genannte H. Uhlmann, Gebrauchsgrafiker, identisch ist mit dem Schöpfer 1961 entstandenen 20 Meter hohen Stahlskulptur vor der Deutschen Oper Berlin. Hans Uhlmann (1900-1975), der heute als Begründer der Metallplastik in Deutschland angesehen wird, wuchs in Steglitz auf. 1918 begann er an der Technischen Hochschule Berlin ein Studium mit dem Wahlgebiet mathematische und technisch-konstruktive Probleme. 1930 stellte er Gipsplastiken von Frauenköpfen in der Galerie Fritz Gurlitt Berlin aus. 1933 wurde er bei einer Flugblattaktion festgenommen und zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung begann Uhlmann 1935 Köpfe aus Metalldraht zu realisieren. 1941 heiratete er Hildegard Rohmann. Im Jahr darauf kam der Sohn Hans Joachim zur Welt. 1945 wurde Uhlmann beim Volksbildungsamt Berlin-Steglitz im amerikanischen Sektor als Fachreferent für Malerei und Plastik eingesetzt. In dieser Funktion organisierte er Ausstellungen für die noch kurz zuvor mit Arbeitsverbot belegten Künstler. 1946 wechselte er als Ausstellungsleiter zur Galerie Gerd Rosen. 1950 erhielt Uhlmann einen Ruf an die Hochschule für Bildende Künste Berlin.