Heinz-Dieter Koch in Uniform, 1942. Archiv Koch

Heinz-Dieter Koch wurde am 21. Dezember 1923 in Danzig-Langfuhr als Sohn des Bankvorstands Alexander Koch und seiner Frau Meta geb. Lungfiel geboren. Ab 1924 wechselte die Familie dreimal ihren Wohnsitz, zunächst nach Johannisburg in Ostpreußen, dann 1932 nach Rostock, wo seine Mutter 1933 im Alter von 35 Jahren verstarb. 1936 heiratete der Vater wieder. Aus dieser Ehe kamen 1937 und 1939 die (Stief-)Brüder Joachim und Manfred zur Welt. 1937 kam der Vater zur Zentrale der Deutschen Industriebank in Berlin. Die Familie bezog eine große Vierzimmer-Wohnung in der Wilhelmshöher Straße Nr. 14. In Friedenau besuchte ich bis zum Abitur das städtische humanistische Gymnasium am Maybachplatz (heute Friedrich-Bergius-Schule). Was die Lehrerschaft, den Unterricht und die Mitschüler betraf ein Glücksgriff! Bis zum letzten Klassenkameraden, der im September 2018 verstarb, hatten wir engen Kontakt; unsere Klasse war die letzte dieses Gymnasiums mit Abiturabschluss. Im Zeugnis von 1942 wurde vermerkt: Heinz-Dieter Koch war 5 Jahre auf dem Friedenauer Gymnasium am Maybachplatz, davon zwar 1 Jahr in Prima. Sein körperliches Streben war sehr erfreulich, sein geistiges Streben war anerkennenswert, seine charakterliche Haltung war besonders anzuerkennen. Koch hat die Prüfung gut bestanden. Er will Schriftleiter werden.

 

Es kam ganz anders. Nach dem Lazarett war ich selbst ja auch nicht mehr kriegsverwendungsfähig. Als der „Feind“ Westdeutschland zu erobern begann, wurde meine ja kaum auf Erdkämpfe ausgerichtete Einheit dorthin zurückgezogen. Im Wesergebirge geriet Koch in Gefangenschaft der British Army, die deutsche Kriegsgefangene an Belgien übergaben. Nach einem Transport im offenen Güterwagen durch Holland wurde ich bis März 1946 in einem belgischen Kohlebergwerk in 735 m Tiefe als Arbeitskraft eingesetzt. Ein Jahr danach wurde ich im März 1946 nach Meppen/Ems entlassen.

 

Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft kam Heinz-Dieter Koch 1949 wieder nach Berlin – und heiratete. Die elterliche Wohnung in der Wilhelmshöher Straße Nr. 14 gab es nicht mehr. Seine Stiefmutter war bereits 1943 wegen der Luftangriffe mit den beiden Söhnen nach Mecklenburg gezogen und sein Vater war in russischer Gefangenschaft. Die Wohnung war „entmietet“ worden. So wohnte das junge Ehepaar anfangs bei den Schwiegereltern, wieder in Friedenau, dieses Mal in der Kaiserallee Nr. 137.

 

Koch erinnerte sich an seine Zeit als Band-Leader und Bearbeiter der musikalischen Arrangements für seine Friedenauer Schüler-Combo und wurde Arrangeur bei RIAS und NDR. Ich habe für das damals unter Werner Müller neu gegründete RIAS-Tanzorchester arrangiert. Müller kam vom Tanzorchester Kurt Widmann, das vormals im Haus Vaterland auftrat und regelmäßig Swingjazz spielte. Nachdem Müller 1967 die Leitung des WDR-Tanzorchesters in Köln übernommen hatte, wurde sozusagen in memoriam die RIAS Big Band unter dem ersten Leiter Jiggs Wigham gegründet – alles erstklassige Jazz- und Bigbandmusiker. Für diese Band kann man wirklich heute noch schwärmen, aber die sie tragenden Rundfunkgesellschaften wollten sie nicht mehr - eine Kulturschande in meinen Augen! Zum Glück besitze ich viele Mitschnitte.

 

1950 beschlossen mein Schwiegervater und ich, einen richtigen kaufmännischen Beruf zu ergreifen. Meine fehlende musikalische Ausbildung ließ es auch mir ratsam erscheinen. Ich wurde Handelsvertreter, von 1955 bis 1967 Filialleiter im Schuheinzelhandel und nach einem als Betriebswirt abgeschlossenen Abendstudium an der Wirtschaftsakademie Berlin Unternehmensberater.

 

Als solcher hatte Koch ein Gutachten für das Europa-Center am Breitscheidplatz gefertigt. Das Wahrzeichen West-Berlins war 1965 eröffnet worden und inzwischen „in die Jahre gekommen“. Eigentümer Karl Heinz Pepper musste investieren und sagte: Na dann kommen Sie zu mir und machen alles besser. 1973 wurde er kaufmännischer Leiter und das Europa-Center zur Großbaustelle mit zeitweise bis zu hundert Handwerkern, bereits im zweiten Monat meiner Zeit gab es einen Großbrand. Tag und Nacht technische Pannen. Unzumutbare Verhältnisse für die Mieter und Besucher. Ein einziges Chaos. Die Innenhöfe erhielten Überdachungen, die Kunsteisbahn wurde aufgegeben und durch Terrassencafé und Brunnen ersetzt. Nach fünf Jahren, ich zwischendurch total fertig und für einige Zeit sogar im Krankenhaus, gab es ein neues Europa-Center. Ich sah meine Aufgabe als erfüllt und kündigte Ende des fünften Jahres. Herr Pepper: Bei mir hat noch nie jemand gekündigt! Koch musste die einjährige Kündigungsfrist einhalten.

 

Im Privatleben gab es einige Veränderungen. 1951 wurde seine Tochter Susanne geboren. Die geschlossene Ehe hatte keinen Bestand. 1972 kam es zur Scheidung. 1979 machte sich Koch im Alter von 55 Jahren als Unternehmensberater selbstständig. Er traf Gisela Schalge, die er während des Krieges als Freundin und spätere Ehefrau eines bereits 1963 verstorbenen Kameraden kennen gelernt hatte. 1980 zogen sie in eine der 1500 DEGEWO-Wohnungen der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße. Dort fühlen sie sich wohl, genießen die Ruhe und das Grün drum herum. Jetzt, im hohen Alter, freuen sie sich über die barrierefreien Wege von der Wohnung zu Supermarkt, Apotheke, Textilreinigung, Blumenladen.

 

Mit 73 Jahren hängte Heinz-Dieter Koch den Unternehmensberater an den Nagel. Seit 40 Jahren lebt er mit Gisela Schalge in einer Partnerschaft. Inzwischen ist er 95 Jahre und wundert sich, dass er vor kurzem mit seiner Tochter deren 68. Geburtstag feiern konnte. Der einstige Band-Leader der Schüler-Combo vom Friedenauer Gymnasium am Maybachplatz blickt auf ein langes und bewegtes Leben zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Name seit 16.3.1888, vorher bis 1880 Steglitzer Weg, danach Grüner Weg. Benannt nach der hessischen Stadt Laubach. Die Straße ist die Gemarkungsgrenze zwischen Wilmersdorf und Friedenau. Straße und Häuser Nr. 30-56 gehören zu Wilmersdorf, Nr. 1-29 zu Friedenau.

 

St. Marien-Kirche. Foto Hahn & Stich, 2016

Laubacher Straße Nr. 10-11

Katholische Kirche St. Marien

 

Der Entwurf von Regierungsrat Christoph Hehl für die katholische Kirche in Friedenau entstand im Jahre 1912. Das Herz des Bauwerkes ist ein elliptisches Gewölbe, 18 X 21,50 m Durchmesser und 23,50 m lichter Höhe, an das sich Hauptchor und die zwei Nebenchöre einerseits, der Turm und die Vorhallen anderseits anfügen. Da der katholische Kultus einen Prozessionsumgang fordert, für den in der hiesigen Gegend die Straße nicht in Frage kommt, so wurde um die Hauptkuppel herum ein Seitenschiff gelegt, das gleichzeitig das Widerlager der Kuppel bildet.

 

Seitliche Ausbauten, Verstärkungen der Widerlager verwirklichen als Querschiffe in diesem Grundriss den schon Hehl reizenden Gedanken der Verbindung von Basilika- und Zentralanlage. Damit ist gleichzeitig die anzustrebende Übersichtlichkeit der Anlage, der freie Blick auf den Hochaltar fast restlos gelöst.

 

 

 

 

Konstruktiv bot nun das Bauwerk erhebliche Schwierigkeiten. Über den oblongen Grundriss konnte nicht mehr ohne weiteres ein Kuppelgewölbe mit zentral gerichteten Fugen, gegebenenfalls mit Verstärkungsrippen, angeordnet werden. Es entstand eine eigenartige Konstruktion. Die Rippen wurden tragende Körper, die, infolge der Grundrissgestaltung, die Formen von Halbkreisbogen bis zu steilen Spitzbogen, unter Beibehaltung desselben Halbmessers, durchlaufen. Mit ihnen wurden die als Teile einer Kuppel behandelten Zwischenfelder gleichzeitig in radial gerichteten Fugen ausgeführt und Rippen und Zwischenfelder möglichst weit über den Kämpfer hinaus durch Auskragung gebildet.

 

Das ganze Gewölbe ist in reiner Maurertechnik ohne Eiseneinlagen oder dergl. aus Backsteinen gemauert worden. Nur der Schlußstein, 3 X 2,30 X 0,60 m groß, ist der Druckfestigkeit halber und wegen der notwendigen Auflast aus Sandstein ausgeführt. Die gefundene Konstruktion ermöglichte ein leichtes Lehrgerüst, da nur die Rippen durch Bogen zu unterstützen waren, und vereinfachte daher die Ausführung erheblich.

 

Die Ringspannung im Gewölbe bot eine gute Versteifung der Rippen und gab dem Gewölbe die für die statischen Verhältnisse des Baues so vorzügliche Eigenschaft des reinen Kuppelgewölbes. Hierdurch wurde es ermöglicht, dass weit unterhalb des Kämpfers des Zentralgewölbes erst die Widerlager des Umganges angreifen, und dass die zur Sicherheit bis zum vollkommenen Abbinden des Gewölbes notwendige Ringverankerung in Höhe des radialen Gewölbeansatzes sehr geringe Abmessung erhalten konnte.

 

Die zehn das Zentralgewölbe und den Obergaden tragenden Säulen sind aus Rathenower Handstrichbacksteinen gemauert worden, wie denn überhaupt das ganze Gebäude im Sinne der nordischen Backsteinbaukunst früherer Zeit gehalten ist, aber unter selbständiger eigenartiger Formengabe und Verwendung von. Goldmosaiksteinchen in Fugen, Marmorplättchen in Friesen und Handstrichbacksteinen Klosterformats. .Der untere Teil des äußeren Mauerwerks besteht aus Granitbruchsteinen aus den Beuchaer Brüchen.

 

Das Zierwerk, wie die Ausbildung der Kapitelle, der figürliche Schmuck, die Kreuzigung und das Marienbild an den Außengiebeln der Querschiffe, sind aus lederharten Tonblöcken mit dem Messer von Hand ohne Modelle nach Zeichnung vom Verfasser herausgeschnitten worden. -Die Blöcke wurden dann in Backsteinwürfel zerlegt, gebrannt und vermauert. Nur für die Figuren hat Professor Haverkamp in Friedenau Modelle gefertigt. Der Turm, dessen Helm ebenfalls in Backstein gemauert ist, erhebt sich zu einer Höhe von 60 m.

 

Zum Schluss sei bemerkt, dass die Teilung Großberlins in viele politische Gemeinden von erheblichem Einfluss auf die eines Bauwerks sein kann. Der Bauherr der Kirche ist die katholische Gemeinde Steglitz und die sich davon abzweigende Gemeinde in Friedenau. Der Bauplatz der Kirche liegt aber zum größten Teile in der Gemeinde Wilmersdorf. Nur ein schmaler Streifen, 1,10 m breit, im Zuge der Laubacher Straße, gehört zum Friedenauer Gemeindegebiet. So mussten denn sämtliche Eingänge der Kirche in diesen schmalen Streifen hineingelegt werden, und es entstand die Lösung, den Turm zum Teil in das Oblong des Zentralgewölbes hinschneiden zu lassen und ihm eine Vorhalle vorzulegen, die die Eingänge und Windfänge aufnehmen. Dass im Zuge der Laubacher Straße die Kanalisationsleitung mitten unter dem Turm hindurchläuft und liegen bleiben musste, diente nicht gerade zur Vereinfachung der technischen Lösung der Aufgabe.

 

Am 11. Oktober 1914 konnte die Kirche dem Gebrauch übergeben werden. Die innere Einrichtung, Glasfenster, Hochaltar, Kanzel, Beichtstühle und Gebrauchsgegenstände des Kultus usw. sind sämtlich nach Entwürfen und Zeichnungen des Verfassers ausgeführt worden. Der ornamentale und figürliche Schmuck ist mit Ausnahme der Figuren der Kreuzigungsgruppe des Hochaltars, für die Professor Haverkamp die Modelle fertigte, ebenfalls nach Zeichnung und Modellüberarbeitung des Verfassers hergestellt.

 

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es Pflicht des Architekten ist, nicht nur das Bauwerk selbst in allen Teilen, sondern auch alle mit ihm in Beziehung stehenden Einzelheiten zu entwerfen und durchzuarbeiten sowie ihre Ausführung zu überwachen. Nur so wird endlich einmal die unkünstlerische Ausstattung auszurotten sein, mit der fabrikartige Geschäftsbetriebe, sogenannte Kunstanstalten, unsere Monumentalbauten verunstalten. Nur so können der Allgemeinheit die Augen geöffnet werden, dass sie das Süßliche dieser Figuren, Altäre und Einrichtungsgegenstände erkennt und ablehnt. Dass freilich hierzu den Architekten erst der mühevolle Weg des eingehenden Studiums guter alter Kunst führen kann, strenge Selbsterziehung und der Verzicht auf große Gesten, das ist eine Grundwahrheit, der sich kein Baukünstler verschließen darf und soll. In der liebevollen, verständigen und mit dem Ganzen charaktervoll verbundenen Durchbildung der Einzelheiten liegt ebenso wie in der guten Massenverteilung die große Wirkung der alten Bauwerke.

 

Die neuen katholischen Kirchen in Friedenau und Schöneberg (Auszug).

Architekt: Karl Kühn in Charlottenburg. Zentralblatt der Bauverwaltung, 31. August 1918

Ehm Welk, Die Heiden von Kummerow. Deutscher Verlag Berlin, 1937

Laubacher Straße Nr. 16

Ehm Welk (1884-1966)

 

Ehm-Welk-Haus ab Februar 2019 geschlossen. Die Zeitungsmeldung brachte in Erinnerung, dass der später von der DDR arg benutzte Schriftsteller einige Jahre in der Laubacher Straße Nr. 16 gewohnt hatte. Das war von 1925 bis 1928, damals allerdings Journalist, dessen Zeitungstätigkeiten wohl zutreffender als journalistische Gastspiele einzuordnen sind.

 

Ehm Welk, der Bauernsohn aus dem uckermärkischen Biesenbrow, der eigentlich Gustav Emil Welk heißt und seinen Spitznamen Ehm als Vornamen nutzte, hatte nach der Dorfschule mit 16 Jahren das Weite gesucht. Nach einer kaufmännischen Lehre wurde er 1904 Volontär bei der Stettiner Abendpost, später Mitarbeiter der Stettiner Neuesten Nachrichten und 1909 sogar Chefredakteur der Stolper Neusten Nachrichten, für drei Monate, dann von 1910 bis 1919 Chefredakteur des Braunschweiger Allgemeinen Anzeigers. Nach einem Gastspiel bei der Braunschweiger Morgenzeitung setzte er sich 1922 nach Amerika ab. Ein Jahr später kehrte er zurück, schrieb in Berlin für Zeitungen, heiratete 1924 die Schriftstellerin Agathe Lindner (1892-1974) und bezog mit ihr die Wohnung in der Laubacher Straße.

 

1927 hatte der Ullstein Verlag die Grüne Post gestartet, eine Sonntagszeitung für Stadt und Land, die alsbald eine Auflage von über einer Million Exemplaren erreichte. Ehm Welk wurde einer der Autoren. Nachdem Goebbels 1934 die deutsche Journaille gefragt hatte, warum es keine Kritik mehr gäbe, sie solle doch einfach etwas mutiger sein, nahm Ehm Welk ihn beim Wort. Unter dem Pseudonym Thomas Trimm schrieb er am 29. April 1934 in der Grünen Post die Glosse Herr Reichsminister, bei aller Aufforderung von Ihnen, ich weiß nicht so recht.

 

Welk wurde verhaftet. Es muss offensichtlich einen Kompromiss gegeben haben. Nach kurzer Zeit kam er frei, verließ die Wohnung in der Laubacher Straße und zog am 1. April 1935 mit Frau Agathe und Vater Gottfried in den Spreewald nach Lübbenau. Von einem bedingtem Berufsverbot wird berichtet. Es ist allerdings kaum vorstellbar, dass Ehm Welk 1937 nach der Umwandlung des Ullstein Verlags in den Deutschen Verlag der NSDAP dort ohne Zustimmung der Nationalsozialisten als Lektor tätig werden konnte.

 

 

Es heißt, am Kompromiss stirbt die Kunst, wenn auch der Künstler weiterlebt. Nicht so bei Ehm Welk. In Lübbenau entstand der Erfolgsroman Die Heiden von Kummerow, 1937 erschienen nicht wie oft verkündet bei Ullstein, sondern im Deutschen Verlag, der später auch in vielen Feldausgaben veröffentlicht wurde.

 

Mit dem Spreewald war es langsam genug. 1940 zog die Familie nach Neunkirchen bei Stettin. Diesem Umzug müssen wiederum einige Überlegungen vorausgegangen sein. Welk war bekannt, dass Kuno Popp (1893-1973), Leiter der Landesstelle Pommern des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, bereits 1929 in die NSDAP eingetreten war. Inzwischen stand er auch noch dem Landesfremdenverkehrsverband und der Landeskulturverwaltung vor, dessen Protektion Ehm Welk genoss. In Neunkirchen entstanden Die Gerechten von Kummerow, 1943 erschienen wiederum im Deutschen Verlag. Für Literaturkritiker hält Welk in seinen Schilderungen des Dorflebens deutlichen Abstand zum NS-Regime, weshalb er sogleich zum Autor der Inneren Emigration während des Nationalsozialismus gezählt wird.

 

1945 ging Neuenkirchen an Polen und Welk in die Sowjetische Besatzungszone, zuerst nach Ueckermünde, wo er das Kulturamt leitete, 1946 als Direktor an die Volkshochschule in Schwerin. An Schreiben war nicht zu denken. Nach Gründung der DDR erinnerten sich die aus dem Exil zurückgekehrten Genossen, Johannes R. Becher (1891-1958), Alexander Abusch (1902-1882), Alfred Kurella (1895-1975), Erich Weinert (1890-1953), an den „sozialkritischen“ Schriftsteller Ehm Welk. Er konnte hilfreich sein. 1950 bekam er das Haus Dammchaussee Nr. 23 in Bad Doberan. Dort schrieb er schließlich 1953/54 nach der gleichnamigen Verserzählung von Fritz Reuter das Drehbuch für den schablonenhaften DEFA-Film Kein Hüsung. In Erinnerung geblieben ist allerdings der Film Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche von 1967, eine deutsch-deutsche Gemeinschaftsproduktion von Neue Deutsche Filmgesellschaft mbH München-Geiselgasteig, Neue Realfilm Walter Koppel Hamburg und DEFA-Studio für Spielfilme Potsdam-Babelsberg u. a. mit Paul Dahlke, Theo Lingen und Ralf Wolter.

 

Ehm Welk, geehrt mit Nationalpreis, Ehrenbürgerschaft von Bad Doberan und Angermünde, Vaterländischer Verdienstorden, Ehrendoktorwürde, Professur an der philosophischen Fakultät der Universität Greifswald und Briefmarke, starb 1966 in Bad Doberan, seine Frau Agathe Lindner-Welk 1974. Nach ihrem Tod wurde das Wohnhaus in der Dammchaussee Nr. 23 auf seinen Wunsch hin 1979 eine kulturelle Begegnungsstätte -  das Ehm-Welk-Haus. Man musste nicht in der DDR gelebt haben, um zu wissen, dass Ehm Welk von der SED benutzt wurde. Diese Situation war ihm allerdings nicht ganz unbekannt. Das Grübeln über Wenn und Aber scheint ihm fremd gewesen zu sein.

 

Erst lange nach seinem Tod kam heraus, dass seine Werke in den sozialistischen Jahren stark verändert neu aufgelegt wurden. Nicht beantwortet ist bisher die Frage, ob diese Änderungen von den Lektoren des Hinstorff Verlages oder von Ehm Welk selbst veranlasst wurden. Im hohen Alter sprach er davon, dass er die Kummerows als eine Art individuellen Protests gegen Ungemach, Niedertracht und Sorge geschrieben hatte, als eine scheinbare Übermacht, die Gegenwart zu zerrütten und Zukunft zu verstellen drohte: Ich ließ die Unzulänglichkeiten stehen und ging den Weg zurück ins Land meiner Kindheit. Dies müsste erläutert werden. Von Bedeutung ist aber auch die ungewisse Zukunft des Ehm-Welk-Hauses. Für den parteilosen Bürgermeister ist es ein Literaturmuseum von überregionaler Bedeutung, dessen Bestand zu sichern und weiter auszubauen ist. Für den Freundeskreis muss das Haus für die Nachwelt erhalten bleiben. Für die FDP belasten die Kosten nachfolgende Generationen. Und wenn die SPD nur erwähnt, dass der Verkauf nie ein Thema im Finanzausschuss war, dann heulen die Alarmglocken auf. Wie auch immer man zu Ehm Welk steht, Mecklenburg-Vorpommern ist mit Kultur nicht gerade gesegnet. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig sollte nach Bad Doberan und weniger nach dem Willy-Brandt-Haus schauen.

 

Im April 2020 war die Sanierung erst einmal geplatzt, da die Stadt Doberan damit nicht rechtzeitig beginnen konnte und die Fördermittel verfallen waren. Im Juli 2020 wird gemeldet: Im Ehm Welk-Haus waren die ersten Handwerker tätig.