Günther Weisenborn. Todesanzeige von 1964.

Niedstraße Nr. 25

Günther Weisenborn (1902-1969)

 

Günther Weisenborn und seine Frau Margarete geb. Schnabel (1914–2004) zogen 1964 mit den Söhnen Sebastian und Christian in das Haus Niedstraße Nr. 25. Der Dramaturg, Schriftsteller und Widerstandskämpfer starb am 26. März 1969. Die Trauerfeier fand am 2. April 1969 im Krematorium Wilmersdorf statt, auf der Ernst Busch aus Weisenborns Balladen rezitierte. Die letzte Ruhe fand Günther Weisenborn auf eigenen Wunsch in einem Urnengrab auf dem Friedhof von Aragone im Tessin.

 

 

 

Sein Nachlass ging an die Akademie der Künste in Berlin in das sogenannte Günther-Weisenborn-Archiv, darunter Briefwechsel u.a. mit Bertolt Brecht, Arnolt Bronnen, Ingeborg Drewitz, Axel Eggebrecht, Robert Havemann, Stephan Hermlin, Wolfgang Hildesheimer, Ricarda Huch, Richard Huelsenbeck, Herbert Ihering, Marie Luise Kaschnitz, Hermann Kesten, Elisabeth Langgässer, Wolfgang Langhoff, Lotte Lenya, Rudolf Leonhard, Friedrich Luft, Hans Mayer, Martin Niemöller, Erwin Piscator, Hans José Rehfisch, Hans Werner Richter, Paul Rilla, Luise Rinser, Lew Kopelew, Ernst Rowohlt, Herbert Sandberg, Anna Seghers, Maximilian Scheer, Alfred Döblin, Hanns Eisler, Hans Henny Jahnn, Erich Kästner, Fritz Kortner  – laut Akademie im Umfang von 7,5 lfm, Erschließungszustand erschlossen, teilweise bestellbar. Wer schon einmal im Akademie-Archiv war, wird sich einen zweiten Besuch gut überlegen. Auf die Idee, einiges davon zu digitalisieren, ins Netz zu stellen und Neugier zu wecken, kommt diese Akademie nicht. Da sind andere vergleichbare Einrichtungen schon ein ganzes Stück voraus.

 

Am 21. März 1946 wurde das Stück Die Illegalen von Günther Weisenborn am Berliner Hebbel-Theater uraufgeführt. Am 23. März 1946 sendete RIAS BERLIN dazu die Stimme der Kritik von Friedrich Luft:

 

Hier ist ein Stück, das sein Thema aus der jüngsten Vergangenheit nimmt. Es beginnt auf einer Berliner Straße zur Nacht. Ein Mann schleicht heran. Pfeifend. Schlendernd. Beobachtend. Er lehnt an einer halbzerbombten Litfaßsäule und spricht zu uns, wie nebenher und beiläufig. Und redet doch Hochverrat. Er spannt, er hält Ausschau, ob die Luft rein ist. Ein illegaler Kämpfer gegen Hitler. Er sondiert dies triste Straßenterrain, ob die Polizei im Wege ist, ob die Gestapo Streife schiebt. Morgen werden 200 Flugblätter an Säulen, Häuserresten, Wänden und Mauern kleben. Aufrufe gegen die braune Diktatur. Rufe zur Freiheit. Vielleicht werden sie von hundert Menschen gelesen werden. Vielleicht von dreien verstanden. Vielleicht von einem beherzigt. Für diesen einen geht er spannen, der stille Vorreiter der illegalen Klebekolonne. Ein Pfiff. Die Luft ist rein. Er geht weiter. Und was ihm da als Liebespaar folgt, sind zwei Mitglieder seiner Widerstandsgruppe. Sie spielen Liebespaar. Sie treiben Hochverrat. Sie kleben den Aufruf an die halbzerbombte Litfaßsäule und gehen weiter. Der da vorne pfeift schon wieder. Die Luft ist rein.

 

Und nun sehen wir zwei Stunden lang den scheinbar so sinnlosen Kampf dieser Gruppe. Sieben Menschen, die in ihrem Haß gegen Hitler und in ihrer Liebe für die Sache der Freiheit sich den Tod als nächsten Nachbarn gewählt haben. Der Hexentanz der letzten Jahre spielt sich vor unseren Augen ab. Sieben Menschen gegen ein System. Sie verbreiten Nachrichten. Sie kleben. Sie drucken insgeheim Weckrufe. Sie betreiben einen Geheimsender und rufen ihren heißen Ingrimm für die Freiheit in den Himmel. Verschworene, wie es zu keiner Zeit ähnliche gab. Denn zu keiner Zeit gab es ähnliche Tyrannei. Zu keiner Zeit diesen unbeschreiblichen Druck. Nie waren Menschen so umstellt von Verrat. Nie so ausgestoßen aus der Welt, in der Arglosigkeit, Liebe und etwas Wärme wohnt. Nie so ummauert von Argwohn. Im nächsten Freunde, der sich zur Hilfe anbot, konnte der Verrat zu Hause sein. Jener Mann, der ihnen vielleicht zufällig folgte, konnte ein Gestapo-Bulle sein. Ein beiläufiges Wort. Eine hingeworfene Bemerkung. Das leiseste Sich-gehen-Lassen - alles konnte verloren sein. Das eigene Leben. Die geheime Sache. Das Leben der Gruppe. Menschen mußten, um das Gute zu vollbringen, das Handwerk von Verbrechern ergreifen, solange die Verbrecher selbst zu Gericht saßen und das Gewissen täglich auf der Anklagebank. Aufrechte mußten sprechen mit der Stimme des Verrats. Sie mußten ihr glühendes Gesicht verhängen. Sie mußten lügen, um der Wahrheit treu zu bleiben. Sie mußten im Dunkel wohnen, um das Helle zu tun. Die Welt war verkehrt und die Moral aus den Fugen wie nie. Sieben Menschen bringen es nicht mehr über sich, zu schweigen. Sie rotten sich zusammen. Sie bilden eine Gruppe. Sie treten in Aktion.

 

Das ist der Vorgang dieses Stückes. Der große Partner dieser, aller illegalen Gruppen tritt nicht auf. Oder besser: er ist immer auf der Szene. Unfaßbar, gefährlich, lauernd, ein Netz der Beobachtungen und Verdächtigungen. Er lauert in jedem Klopfen an der Tür. Er ist zu vermuten in jedem Passanten, der ins Fenster hereinsieht. Er ist zu argwöhnen in jedem Schritt, der sich nähert. Nicht faßbar ist der große, braune Gegenspieler dieser Gruppe. Aber spürbar immer. Und immer furchtbar und von äußerster Grausamkeit. Im Lande geht ein Stöhnen aus von dreihundert Konzentrationslagern. Von den Grenzen kommt der triste Donner eines falschen Krieges, eines wahnwitzig angezettelten. Über den Städten liegt der Rauch der Bombennächte. Aber hier gehen sieben Menschen aus, Nadelstiche zu führen gegen die große, gewaltige Bestie eines irrsinnigen Staates. Nadelstiche. Kaum, daß sie es ritzen werden, das große Tier. Aber ihr Gewissen treibt sie, um dieses Stiches willen ihren Kopf täglich und nächtlich in die Schlinge zu legen.

 

Das ist es, was hier gezeigt wird. Und nun, liebe Hörer, merke ich, wie Sie skeptisch werden. Wie Sie daheim den Kopf schütteln und einen unangenehmen Geschmack im Munde verspüren. Und dann ist das Wort da, nach dem Sie suchen: Tendenz. Und nun glauben Sie, das Stück, von dem ich rede, eingeordnet und damit beiseite gestellt zu haben.

 

Haben Sie aber keineswegs! Tendenz - schön und gut. Warum soll es einem, der wie Günther Weisenborn all dies aus eigenster Erfahrung gnadenlos erfuhr - warum soll es ihm verwehrt sein, diese Erfahrungen auf die Bühne zu bringen und zu zeigen: So waren die Kämpfer gegen Hitler! So verachteten sie das eigene Leben aus Liebe für die Sache der Menschlichkeit. So sind sie gestorben. Sie wußten wohl: geklebte Zettel, Geheimsendungen, verbreitete Parolen - das tötete die Unmenschlichkeit des Dritten Reiches noch nicht. Aber sie standen auf und mußten es trotzdem tun. Einzelne. Gruppen. Viele Gruppen. Und immer noch längst nicht genug. Denn das Untier wurde nicht von uns selbst erlegt. Der tödliche Stoß kam von außen.

 

Tendenz - gewiß, sie ist da, wenn Freiheit eine Tendenz ist, Selbstvergessenheit, heiße Besessenheit für die Wahrheit, tödlichster Haß gegen das System der täglichen Lüge, Verstellung und Unterdrückung.

 

Keine üble Tendenz, scheint mir. Und ein solches Tendenzstück soll immer mein Auge haben und meine beste Aufmerksamkeit. Es hat aber meine deutliche Begeisterung, wenn es mehr ist. Wenn es Dichtung ist. Die Illegalen von Günther Weisenborn sind Dichtung.

 

Hier ist einer am Werke, der das Gesetz der Bühne im Blute hat. Der rechnet nicht. Der klügelt nicht aus. Der tüftelt nicht. Er sieht beim Schreiben. Sie stehen auf, die Gestalten. Sie sprechen, Zwangsläufig und klar. Das ist nicht gemacht. Das atmet, hat Eigenleben, kommt aus einer unverstellten Natur, ist natürlich, ist Dichtung. Ist tatsächlich Sprache des Menschen, Klage, kleines, echtes Nebengespräch, Aufschrei, ist tastendes Wort der Liebe zur Frau, ist Angst, ist Verzweiflung, ist Lächerlichkeit und Notdurft und Kleinheit des Menschen, ist Angst der Mutterliebe, ist Sehnsucht des Spießers nach etwas Grün, Frieden und Eigenleben. Ist die ganze Jämmerlichkeit des Menschen am Sarge. Ist kläglicher Eigensinn in der plärrenden Stimme einer Zimmervermieterin. Ist das tückisch Freundliche, ist die verhängte Brutalität der Tonlage der Macht und der Polizei. - Alles das ist in dem Stück. Alle diese Stimmen werden laut und leben. Nicht in der Sprache des Tages, oder doch nur mit ihrem Anflug. Die Stimmen alle sind erhoben auf die höhere Tonlage des Überwirklichen, ohne daß sie ihre Realität verlieren. Sie alle sind nicht Abklatsch des Alltags. Sie haben ihren deutlichen Sinn und jeweiligen Einsatz im Chorwerk des Dramas. Sie sind Ausdruck. Expression. Weisenborn ist Dichter ...

 

Aus: Friedrich Luft, Stimme der Kritik, 23. März 1946