Leonhard Sandrock, 1912

Leonhard Sandrock (1867-1945)

Wohnung Niedstraße Nr. 31

Atelier Wilhelmstraße Nr. 16 (Görresstraße)

 

Das Schicksal meinte es mit Leonhard Sandrock nicht gut. Als die Mutter 1875 starb, war er acht und sein Bruder Martin fünf. Die Jungen kamen zu Pflegeeltern nach Schweidnitz. Dort besuchten sie das Gymnasium. 1887 legte der Erstgeborene das Abitur ab. Obwohl er eine Vorliebe fürs Zeichnen und Malen hatte, wählte er die sichere Zukunft beim Militär und tritt beim Grenadier-Regiment des Königs Friedrich Wilhelm II. in Breslau ein. 1891 wird er nach Verden ins Feldartillerieregiment 26 versetzt. Mit Blick auf eine erfolgreiche Militärkarriere lassen sich die Brüder 1894 in Kavallerie-Uniform mit Degen ablichten. Kurze Zeit später überschlägt sich Leonhard Sandrock mit seinem Pferd. Für den fortan gehbehinderten Mann ist die militärische Laufbahn beendet. Sein Bruder Martin, inzwischen Oberleutnant in der Kaiserlichen Schutztruppe in Kamerun, fällt 1905 während des Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika.

 

Leonhard Sandrock steht vor einer Neuorientierung. Der Sek. Lieutenant a.D. zieht mit seiner sieben Jahre jüngeren Ehefrau Ellen geb. Schmidt nach Berlin in die Bülowstraße Nr. 59 – und studiert Malerei. Wohl geblendet vom Erfolg der Marinemaler Carl Saltzmann (1847-1923) und Hans Bordt (1857-1945) sucht sich Sandrock ausgerechnet den hochbetagten konservativen Vertreter dieses Genres Hermann Eschke (1823-1900) als Lehrer aus. Sechs Jahre später bedachte Sandrock die Große Berliner Kunstausstellung 1900 zum ersten Male mit einem wirklich einwandfreien Hochseebilde. Gemeint waren offensichtlich die Gemälde Sägemühle bei Zaandam und Vor der Elbe zur Winterzeit – gut platziert zwischen Saltzmanns Am Eingang des Holandfjord Norwegen und Bordts S.M. Linienschiff Kaiser Wilhelm II.

 

 

 

 

1907 zog das Ehepaar Sandrock in die Wohnung Stubenrauchstraße Nr. 58. Ab 1909 mietete Leonhard Sandrock ein Atelier im Atelierhaus in der Wilhelmstraße Nr. 16, in dem bereits der Bildhauer Johannes Hoffart (1851-1921) und der Geschichtsmaler E Vital Schmitt (1858-1935) arbeiteten. Sandrock musste sich nun um öffentliche Anerkennung bemühen. Er wusste um den Einfluss der Zeitungen. Am 28. Juni 1911 schreibt er an den Redakteur der illustrierten Tageszeitung DER TAG:

 

Sehr geehrter Herr Ganske, Sie wollten mich doch immer einmal in meinem Atelier besuchen. Ich habe augenblicklich eine größere Zahl an Bildern da, so daß ich Ihnen doch wenigstens etwas zeigen kann. Passt es Ihnen an einem der kommenden Nachmittage (nur Donnerstag geht nicht)? Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen. Mein Atelier liegt Friedenau, Wilhelmstraße 16 in derselben Straße, wo die Ateliers von Götz und Casal liegen. Vielleicht ist es am einfachsten, Sie telefonieren mich einmal an (Amt Pfalzburg 8401). Ich bin mit ziemlicher Sicherheit morgens bis 9 Uhr und dann nachmittags von 2½ bis 4 Uhr zu Hause zu erreichen. Mit freundlichem Gruß Ihr sehr ergebener L. Sandrock.

 

Ein Jahr später entdeckte Max Osborn (1870-1946) auf der Großen Berliner Kunstausstellung 1912 Sandrocks Gemälde Lokomotivschuppen. Der Kunstkritiker der Vossischen Zeitung bezeichnete ihn als eins der stärksten und hoffnungsvollsten Talente der Berliner Malerzunft, von dem noch Vieles und Gutes zu erwarten ist. Er steht vor uns als ein Künstler von fest umrissener Eigenart, der sich aus reifer Anschauung eine besondere Welt geschaffen hat, und der doch, unaufhörlich an sich arbeitend, von dem lebendigen Strom der vorwärtstreibenden Entwicklung getragen wird.

 

Sandrock brachte seine Impressionen direkt und in schneller Abfolge aufs Papier. Wenn beispielsweise eine Gewitterbö heraufzog, dann malte ich sie in mehreren Phasen ihrer Erscheinung hintereinander, etwa vier kleine Farbenskizzen auf ein Blatt. Erst die am Horizont aufziehende Wolkenwand mit dem im Vordergrund noch im Sonnenschein grün leuchtenden Wasser. Auf der zweiten Skizze war die Wolkenwand heraufgekommen, die ganze Luft drohend schwarzblau mit ein paar grauen Wolkenfetzen davor und dem schwarzgrünen Wasser mit den ersten Schaumkämmen darunter. Dann der Moment, wo unter dem niederpeitschenden Regen alles grau in grau erscheint, und als vierte Skizze das Aufklaren nach der Bö mit dem blaugrünen Luftdurchbruch über gelblichen Wolkenbänken am Horizont und dem wieder grün werdenden Wasser darunter. Die Hunderte von Studien, die ich gemacht habe, waren die Vokabeln einer Sprache, die ich lernen musste, um die Sprache sprechen zu können.

 

Diese Arbeitsweise trifft wohl auf alle seiner Gemälde zu, ob Meerbilder, Hafenansichten, Landschaften, Lokomotiven oder die Stahlwerke. Sandrock reist viel. Aus den Titeln seiner Bilder lassen sich die Orte ausmachen: Zaandam, Hamburg, Cuxhaven, Emden, Genua, Nieuport, Flensburg, Danzig, Stettin, Athen, Venedig und immer wieder Hamburg – bis zum Ende des Kaiserreichs. Die erste Seereise, die ich mir nach Krieg und Inflation wieder leisten konnte, ging nach den Lofoten und dem Nordkap. Sie brachte mir wieder zum Bewusstsein, daß das Meer doch die größten Eindrücke zu bieten vermag. Als die ‚Monte Cervantes‘ südlich der Lofoten in den Nordatlantik hinaussteuerte und in der Abenddämmerung die Küste außer Sicht kam, da hörte man vielfach die Äußerung: ‚Jetzt kann man hineingehen, es gibt doch nichts mehr zu sehen.‘ Und da gab’s gerade das Schönste der ganzen Reise zu sehen, die weite rollende Wasserfläche, auf der unser Schiff einsam dahinzog.

 

Die Weimarer Republik bringt auch für Sandrock manche Veränderung. Am 21. März 1923 schreibt er: Die heutige Zeit des Umsturzes des bisher Bestehenden ist ja einer ruhigen Fortentwicklung in der Kunst nicht günstig. Wenn einer nicht von Jahr zu Jahr als gänzlich Neuerer sich präsentiert, geht man über ihn zur Tagesordnung über, obwohl man doch auch ein Kind seiner Zeit sein kann, wenn man für die Besonderheiten derselben Empfindung hat. 1919 war das kinderlose Ehepaar in das viergeschossige Mietswohnhaus Niedstraße Nr. 31 gezogen. Um diese Zeit muss das einzig erhaltene Foto von Leonhard und Ellen Sandrock entstanden sein: Sie sitzen auf einer Parkbank im Birkenwäldchen auf dem Maybachplatz.

 

Anfang der 1920er Jahre erhält er den Auftrag, in Schlesien und Westfalen Stahlwerke zu malen. Mit den Gemälden „Zwischen den Hochöfen“, „Im Thomaswerk“, „Martinswerk“, „Hüttenwerk“, „Bandstahlwerk“, „Hüttenkokerei“ oder „Im Stahlwerk“ entstanden die Industriebilder, neben den Meerbildern ein beträchtlicher Teil seines Werkes. Die Nationalsozialisten vereinnahmen in später als Maler der Arbeitsschönheit. 1937 schreibt er: Beruflich konnte ich mit den letzten Jahren zufrieden sein. Gerade die heutige Zeit hat ja für eines meiner Stoffgebiete, die Industrie und die Arbeit, besonderes Interesse.

 

Sandrock gehörte ab 1898 dem Verein Berliner Künstler an. Als nach der Bildung von Groß-Berlin 1920 der Verwaltungsbezirk 11 entstand, wurde er Mitglied des „Künstlerbund Schöneberg-Friedenau“, der gemeinsam mit der Bezirks-Kunstdeputation Berlin-Schöneberg vom 18. August bis 1. September 1923 im Schöneberger Rathaus die „Graphische Ausstellung eines Schöneberger Sammlers“ präsentierte – die Sammlung von Sebastian Malz (1873-1945), der seit 1908 eine auf Lithographie und Algraphie spezialisierte Druckerei in Friedenau betrieb – darunter auch die Farblithographie mit dem Titel Beim Ausbessern und der mit Bleistift eingetragenen Anmerkung Herrn Malz z. fr. Er. Leonhard Sandrock.

 

Leonhard Sandrock beteiligte sich von 1900 regelmäßig an den Großen Berliner Kunst-Ausstellungen, 1942 letztmalig mit den Ölbildern Hüttenkokerei und Kreuzer Emden in der Elbmündung. Er starb am 30. Oktober 1945, seine Frau Ellen am 8. Dezember 1946. Die Umstände sind bis heute nicht geklärt. Nicht bekannt ist, wo die beiden begraben wurden. Da die Ehe kinderlos blieb, bleibt die Frage nach dem Nachlass weitgehend undurchsichtig. Etwa fünfzig Gemälde, Zeichnungen, Lithographien, Radierungen und Skizzenbücher sollen schon zu Lebzeiten in den Besitz des Sohnes der Cousine von Ellen Sandrock übergegangen sein. In den 1930er Jahren hatte der Berliner Kaufmann Heinrich König eine größere Anzahl an Gemälden erworben. Während des Weltkriegs zog er in den Spreewald, nach der Währungsreform in den Rheingau. Seiner Tochter gelang es, die Bilder aus der SBZ zuerst nach West-Berlin und dann nach Westdeutschland zu bringen. 1994 wurde der Sandrocksche Nachlass mit über 300 Bildern dem Kunsthändler Eduard Sabatier in Verden angeboten.

 

Der vergessene Maler des Impressionismus wird vom Kunstmarkt inzwischen als Geheimtipp propagiert.