Firmensitz der Radiofrequenz GmbH in der Niedstraße, 1923. Quelle Radio-Museum

Niedstraße Nr. 5

 

Auf dem Grundstück Niedstraße 5 stand seit 1880 ein eingeschossiges Landhaus, dass sich offensichtlich Colmar Freiherr von der Goltz (1843-1916) hatte errichten lassen, nachdem er als Lehrer für Kriegsgeschichte an die preußische Kriegsakademie berufen wurde. Jedenfalls war er seinerzeit als Eigentümer der Grundstücke Niedstraße Nr. 5 und Nr. 6 eingetragen. Da Goltz 1883 vom Kaiser nach Istanbul beordert wurde, um dort die Reorganisation der Osmanischen Armee voranzutreiben, und als Oberbefehlshaber auch am Völkermord an den Armeniern beteiligt war, ging das Anwesen an den Geheimen Sekretär Pfuhle. 1893 wurde der Bildhauer Banelli Eigentümer. Er betrieb in den Hinterhofgebäuden die Marmorwerkstatt Banelli & Co.

1899 ist im Firmenregister die Firma H. Denecke & Co. und als deren Inhaber der Techniker Hermann Denecke eingetragen worden. Besitzerin des Anwesens ist Frau M. Denecke. Der Ingenieur Hermann Denecke betreibt ab diesem Zeitpunkt eine Fabrik für Bierdruck-Apparate und Kühlanlagen für Fleisch-, Bier- und Weinschranke. Auf dem Hof gibt es auch einen Möbelspeicher sowie die Friedenauer Gepäckfahrt Kopania & Co.

 

1923 pachten die Brüder Siegmund und David Loewe das Landhaus – schon eingerahmt von den Brandmauern der vierstöckigen Mietshäuser Nr. 4 und Nr. 6. Am 22. Januar gründen sie die Radiofrequenz GmbH – die Geburt von Loewe Opta. 1930 wird daraus die Radioaktiengesellschaft D.S. Loewe mit Sitz in Steglitz. Interessant ist, dass das Grundstück Niedstraße Nr. 5 im Besitz der Familie Denecke blieb. Vor dem Abriss des Landhauses betrieben auf dem Anwesen H. Dietzmann eine Reparaturwerkstatt und B. Dietzmann die Opel Automobil Verkaufs GmbH. Die Wohnadresse der Familie Denecke wird 1935 mit Dahlem, Falkenried 4, angegeben. Nach dem zu erwartenden Abriss des Landhauses entstand 1935 ein fünfgeschossiges, fünfachsiges Mietswohnhaus mit Tiefgarage unter dem Hof nach Plänen des Architekten Hermann Mohr, von dem leider keine weiteren Angaben zur Verfügung stehen.

 

In der Topographie Friedenau von 2000 heißt es: Baudenkmal Mietshaus. Bauherr Heinrich Denecke. Außergewöhnlich an diesem Haus ist - neben der Tiefgarage - vor allem die Grundrisslösung: Die vier Wohnungen pro Geschoss im Vorderhaus und in den kurzen Seitenflügeln werden durch zwei separate Treppenhäuser erschlossen; die eine Treppe erschließt die beiden Wohnungen in der Westhälfte des Hauses (im Vorderhaus und im kurzen Seitenflügel), die andere die beiden Wohnungen in der Osthälfte. Der Architekt versuchte, in seinem Grundriss das Konzept des Berliner Mietshauses mit Vorderhaus und Seitenflügeln durch zwei Treppen anstelle des ‚Berliner Zimmers‘ neu zu lösen. Das Wohnhaus zeigt über dem Rustika-Sockelgeschoss eine schlichte, wirkungsvolle Fassade. Seitlich befinden sich tiefe Loggien mit leicht vorspringenden gerundeten Brüstungen und zwischen ihnen drei breite, dreiflügelige Fenster pro Geschoss, die bündig in die Fassade eingefügt sind. Die Öffnungen - Loggien und Fenster - sind alle gleich groß. Die Fassade zeigt die Eleganz der Neuen Sachlichkeit.

 

Laut Adressbuch von 1939 wohnten in diesem Haus 19 Parteien, darunter der Städtische Oberinspektor Arthur Mechnig. Bevor er in das Haus Niedstraße Nr. 5 einzog, lebte er seit 1926 mit Ehefrau Bianka und Tochter Elfriede in der Sponholzstraße Nr. 26. Im Jahr 1943 übernahm Elfriede Mechnig (1901-1986) die Wohnung – die Sekretärin von Erich Kästner (1899-1974).

 

Das Bewerbungsgespräch fand 1928 auf der Terrasse des Café Carlton in der Nürnberger Straße statt und begann mit Kästners Frage, ob sie ihm helfen wolle, berühmt zu werden. Mit einem überzeugten JA wurde Elfriede Mechnig sein ‚Compagnon‘, jene ‚& Co‘, die später oft in seinen Briefen auftaucht, wenn es darum geht, sich verlassen zu können.

 

Am 1. Oktober 1928 nahm sie den Dienst auf. Die treue Mechnig, wie Kästner sie nannte, blieb an seiner Seite, zuerst als Sekretärin, später als Leiterin seines Vertriebsbüros. Sie tippte das Manuskript zu Emil und die Detektive, hielt den Kontakt zu Walter Trier (1890-1951), der mit seinen Illustrationen viel zu Kästners Erfolg als Kinderbuchautor beitrug. Von da an schrieb sie seine sämtlichen Werke auf der Maschine. Auch wenn ihr Herz und ihre Seele eigentlich am Klavierspiel hingen und nicht beim Tippen. Er war 45 Jahre lang ihr Chef und sie half ihm, in der wahren Bedeutung des Wortes, berühmt zu werden. Ihr Gehalt regelte sich im Verlauf der Zusammenarbeit, anfangs 150 Reichsmark für Halbtagsarbeit, später erheblich mehr. Kästner richtete bald, neben seinen Verlagsverbindungen, mit Unterstützung seiner Sekretärin ein eigenes Vertriebsbüro für die gemeinsame deutsche, österreichische und schweizer Presse ein, an die Elfriede regelmäßig Gedichte und andere Arbeiten versandte. Mit ihrer Stellung bei Herrn Dr. phil. Kästner war Elfriede Mechnig vollauf beschäftigt.

 

Als Elfriede Mechnig am 22. August 1986 starb, oblag es nach ihrem Willen dem Verleger Helwig Hassenpflug, sich der Dinge anzunehmen, die sie in ihrem 50 Jahre lang benutzten Arbeitszimmer angesammelt hatte. Was ihr gehörte, sollte an die Akademie der Künste gehen. So weit, so gut. Ich konnte also all die Korrespondenz mit den Literaten außer Kästner an die Akademie geben, habe sicher auch in ihrem Sinne gehandelt, als ich auch die Bibliothek mit zahlreichen ihr gewidmeten Erstausgaben der betreuten Schriftsteller einbezog.

 

Schuld an allem, an dieser Situation heute, ist meine Frau Blandine Ebinger. So beginnt Helwig Hassenpflug seine Rede anlässlich der Übergabe des Originalmanuskripts von Emil und die Detektive am 25. Oktober 1987 an die Akademie der Künste Berlin. Als wir in den sechziger Jahren gemeinsam in München lebten, trafen wir natürlich gelegentlich EK, den Blandine Ebinger seit langen Jahren kannte. Ich erinnere mich noch lebhaft der Begegnungen in dem kleinen aber feinen Restaurant DIE KANNE an den Maximilianstraße. Gleich vorn neben dem Eingang war der Stammtisch, an dem man EK finden konnte. Seine angenehme Stimme mit dem leicht sächselnden Tonfall habe ich noch im Ohr. Und dann wird die Beziehung zu Geschriebenem eben doch anders, als wenn man es nur gelesen hat.

 

Erich Kästner lernte ich eigentlich viermal kennen: Als Kind, wie wir wohl alle und ausnahmslos durch seine hinreißenden Geschichten, da begann ich ihn schon innig zu lieben. Später (zweite Begegnung) eröffnete sich mir eine völlig neue Kästner-Welt in seinen Gedichten und satirischen Arbeiten, in den Romanen und Erzählungen. Seine kritischen, aber auch seine lyrischen Gedichte wurden mein liebster Kästner.

 

Nach den (dritte Gelegenheit) persönlichen Begegnungen zusammen mit meiner Frau in München gab es eine vierte, die nachdrücklichste Begegnung mit Erich Kästner und zwar nach seinem Tode: In Berlin gab es eine Wohnung in der Niedstraße im tiefsten Friedenau, an deren Türschild zu lesen war: DR. KÄSTNER/MECHNIG ... Da Elfriede Mechnig eine Art Agentur betrieb, in der sie nicht nur die Abdruck- und Aufführungsrechte der Werke ihres ‚Meisters‘ vertrat, sondern auch noch die anderer Schriftsteller (Marieluise Kaschnitz und Hermann Kesten zählten zu ihnen ebenso wie Eugen Roth, RodaRoda, Hans Weigel und andere), hatte sie gelegentlich auch mit Blandine zu tun gehabt, wenn es um Kästner-Rezitationsabende ging. Ich kannte sie also schon aus Erzählungen und fand Blandines Hinweise voll bestätigt: Wenn es um Kästner ging, ließ sie jedermann und alles stehen und liegen und folgte der Stimme, dem Wunsche ihres Herrn. Mich hat diese Verbundenheit, dieser Einsatz, ja diese Hingabe an das Werk (sie hat immer wieder geschworen, dass es nur das Werk gewesen sei) sehr beeindruckt. Eigentlich gab es für sie nur erst einmal EK, dann kam wieder EK, dann folgte EK und dann gab es noch die Oper, die PhiIharmonie, den Flügel in der Wohnstube, Reisen vor allem an das Meer, und einige enge und für sie wichtige Freunde, die für sie da waren und sich um sie kümmerten bis hin zu ihrem schweren Ende.

 

Ich lernte EM kennen bei gelegentlichen Besuchen, die sie uns abstattete oder wenn wir ihren Einladungen folgten. Immer ging es ihr sehr und viel um Kästner, sie hat uns so unendlich viel Lebendiges berichtet. Und irgendwann wurde ich auch um den einen oder anderen Rat gefragt, konnte ihr in der einen oder anderen Weise behilflich sein. Juristisch oder auch bei Verhandlungen. Schließlich auch in Sachen Kästner. Da war nämlich ein Problem ihrer Versorgung zurückgeblieben, es gab Umstande, die es mir richtig erscheinen ließen, mich mit dem (damals gerade neu bestellten) Testamentsvollstrecker des Nachlasses Kästner in München in Verbindung zu setzen. Es gab lange und mühevolle Verhandlungen um eine kleine Rente für Elfriede Mechnig.

 

Der Preis war für sie unvorstellbar hoch: Sie sollte sich von einem Teil von Erich Kästner trennen, nämlich die Agenturtätigkeit, also die Verwaltung der ‚kleinen Rechte‘ an den Werken Kästners einstellen. Und einige der Unterlagen zu Kästner sollte sie schon jetzt nach München geben, andere sollten ihr zwar lebenslang bleiben, dann aber auch nach München gehen. In langen Gesprächen machte ich den unglaublich schweren Versuch, ihr klarzumachen, dass die Kästner-Unterlagen doch nicht ihr Privateigentum seien. Schließlich ergab sie sich in die Situation, hat es aber wohl nie so recht verwunden ...

 

Es gab ja eben auch noch etwas von Kästner. Der Ordner mit der Korrespondenz mit ihm wurde ausgesondert, mancherlei Offensichtlichkeiten ebenso. Diese Arbeiten haben mich im Herbst des vergangenen Jahres manchen Abend und einige Wochenenden in der leeren Wohnung in Anspruch genommen.

 

Dann aber ging es daran, die Ecken zu untersuchen, die Kartons auf dem Schrank, im Schrank, unter den Tischen, die Stapel auf dem Sofa, auf den unbenutzten Stühlen, auf der Heizung, auf dem Fensterbrett, den Inhalt des verschlossenen Schreibtisches – vielleicht habe ich einen Platz vergessen. Es war wohl das dritte Wochenende, das ich dort zu brachte. Ich fand in Rama-Kartons Papiervorräte, Kohlepapier für eine Ewigkeit, Zeitungsausschnitte in großen Mengen, ein ganzes Leben an Erinnerungen. In einem Persil-Karton aus den fünfziger Jahren lag zwischen den Theaterprogrammen, zwischen vielen der Zettelchen mit Notizen zu allem und jedem, ein Kästchen, abgegriffen, unansehnlich. Ich vermutete Briefe darin. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich Kästners mir nun wohlbekannte Handschrift. Ich begann zu lesen und fand mich alsbald mitten in der Lektüre der ersten Handschrift seiner VERSCHWUNDENEN MINIATUR. Ich erinnere mich so genau, wie ich da in diesem inzwischen so ungemütlich verräumten Zimmer saß und ganz vorsichtig blätterte und las und dann ganz vorsichtig verstaute, was ich gefunden hatte. Und dann suchte ich weiter, fand nacheinander noch die Handschriften der ersten Fassung des DOPPELTEN LOTTCHEN, in einer Schublade voller Kram einen alten, grünen, billigen Briefumschlag mit ihrer Handschrift EMIL IM STENOGRAMM. Kästner hatte also den ersten Entwurf jeweils stenografiert – das kann ich deswegen sagen, weil ich auch von der VERSCHWUNDENEN MINIATUR ein Stenogramm in Händen hielt. All diese Unterlagen habe ich hier in Fotokopien, um sie dem Archiv der Akademie zu übergeben. Schließlich aber hielt ich diesen Karton in den Händen, die Handschrift von EMIL UND DIE DETEKTIVE. Obwohl es an jenem Sonntag erst nachmittags und das Tagespensum noch längst nicht erledigt war, packte ich die entdeckten Schätze zusammen und fuhr heim, um sie meiner Frau zu zeigen. Wir haben den Rest des Tages mit Kästner zu tun gehabt. Ich muß ehrlich sagen, dass mich selten eine Situation so erregt hat wie die Entdeckung dieser Handschriften. Es war, als sei ich Kästner noch einmal persönlich begegnet (das fünfte Mal also).

 

Der Euphorie folgte dann eine Phase des Nachdenkens, des Verhandelns, der Klärung. Der Beratung. Ich hatte das Problem zu lösen, auf diese Weise in den treuhänderischen Besitz unschätzbarer Werte gelangt zu sein, deren Eigentums- und Besitzerrechte gar nicht einfach zu klären waren. Wenn Frau Mechnig als die Sekretärin von EK etwas in Besitz hatte: Verwahrte sie es für ihn oder gehörte es ihr? Zudem waren alle Manuskripte mit einem Widmungsblatt versehen, das zeigte, dass er sie jeweils seinem ‚Muttchen‘ geschenkt hatte. Hier bei EMIL heißt es etwa: ‚Für meine Mutter, Weihnachten 1929, von ihrem Jungen.‘ Und ich wusste, dass EM nach dem Tode der Mutter, Ida Kästner, für den Sohn den Haushalt in Dresden aufgelöst und bei dieser Gelegenheit diese Autographen wieder zurückgeholt hatte. Aus den Verhandlungen mit dem Vertreter des Nachlasses EK ergab sich dann ein Kompromiss. Ich konnte nicht nachweisen, dass die Handschriften Frau Mechnig zu persönlichem Eigentum gehörten, ich musste davon ausgehen, dass sie sie in ihrer Eigenschaft als Sekretärin von EK nur für Kästner verwahrt hatte. Dennoch war ja auch darin ein Schuss Unsicherheit, so dass ich mit dem Testamentsvollstrecker schließlich dahin übereinkam, dass das Berlinischste der Bücher in Berlin bleiben sollte, die Handschrift von EMIL UND DIE DETEKTIVE.

 

Und ich freue mich ganz besonders, dass ich es heute, dem Wunsch von Frau Mechnig folgend, der Akademie der Künste übergeben kann. Damit verbindet sich für mich der Wunsch, und die ganz stille Hoffnung, dass vielleicht hiermit sogar der erste Anfang dafür gemacht wird, den gesamten Nachlass von Kästner dahin zu holen, wo er nach meiner Auffassung allein hingehört – nach Berlin. Ich weiß, dass es bisher andere Pläne gab, aber vielleicht sind Emil Tischbein, Gustav mit der Hube, der kleine Dienstag und Pony Hütchen noch immer gewitzt genug, aus den hoffnungsvollen Anzeichen Wirklichkeit werden zu lassen.

 

Herr Helwig Hassenpflug hat uns das Dokument aus dem Archiv von Elfriede Mechnig zur Verfügung gestellt. Wir danken ihm - und Elfriede Mechnig.

 

Emil und die Detektive. Das handschriftliche Manuskript.

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