Name seit dem 19. August 1909, benannt nach Offenbach am Main. Nach der Einweihung des Friedhofs Stubenrauchstraße 1881 auf Teilen des Hamburger Platzes erhielt die Straße südlich der Begräbnisstätte vorerst den Namen „Am Friedhof“. Die Offenbacher Straße überquert die Laubacher Straße und damit die Gemarkungsgrenze zwischen den historischen Ortsteilen Friedenau und Wilmersdorf. So kommt es, dass die davon östlich gelegenen Grundstücke Nr. 1-5A und Nr. 25-31 zu Friedenau und der  westliche Straßenteil mit den Nr. 6-24 zu Wilmersdorf gehört.

 

Die Offenbacher Straße erscheint im Berliner Adressbuch unter dem Vorort Friedenau erstmals im Jahr 1911. Auf der Friedenauer Seite sind die Häuser Nr.1-3 sowie Nr. 30 und Nr. 31 bereits bezogen. Als Baustellen sind die Grundstücke Nr.4 (Eigentümer Architekt B Fedike, Berlin), Nr. 5 (Eigentümer Architekt H. Herfort, Bachestraße Nr. 8) sowie Nr. 25 bis 29 angegeben.

 

Im Ortsteil Wilmersdorf werden die Grundstücke Offenbacher Straße noch 1911 als „unbebaut“ angegeben. 1913 heißt es dann: Nr. 6 Neubau (Eigentümer Architekt C. Horst Friedenau), Nr. 7 Neubau (Zimmermeister H. Wagner Friedenau), Nr. 8 Neubau (Eigentümer Tapeziermeister E Köbsel Charlottenburg), Nr. 10-23 Baustellen, Nr. 24 Neubau (Eigentümer Architekten W. Fröhlich und A. Franke Charlottenburg).

 

Apotheken Logo, Entwurf von Ernst Paul Weise 1936

Offenbacher Straße Nr. 3

Ernst Paul Weise (1880-1981)

 

Es hat einige Jahre gedauert, bis sich Ernst Paul Weise (1880-1981) für eine Berufsbezeichnung entschieden hatte. Als er 1911 in die Offenbacher Straße Nr. 3 einzog, nannte er sich „Porträtmaler“, später „Kunstmaler“, obwohl er bereits auf dem Weg zum Werbegraphiker war. Angefangen hatte es mit der Maschinenfabrik Carl Flohr (1850-1927), die 1898 einen hydraulischen Lift für das Berliner Stadtschloss baute und schließlich 1926 mit dem Fahrstuhl im Berliner Funkturm zum führenden Aufzughersteller in Deutschland wurde. Weise entwarf das bis heute bekannte Flohr-Logo. Nächster Auftraggeber war die Elektrotechnische Fabrik Schmidt & Co., deren Besitzer Paul Schmidt (1868-1948) die Trockenbatterie erfunden hatte und ein Markenzeichen suchte. Weise kreierte 1924 dafür den kursiven Schriftzug Daimon, der sich für die Werbung als nicht durchsetzungsfähig erwies.

 

Dann traten die Apotheker auf den Plan. Jahrhundertelang waren Handwaage und Mörser ihr Symbol. Das aber nutzten inzwischen auch die Drogerien. Sie forderten für Deutschland ein einheitliches Apothekenlogo. Bei einem Wettbewerb wurde 1930 das „Drei-Löffel-Emblem“ von Richard Rudolf Weber (1900-1994) ausgewählt, was wegen seines „Bauhaus-Stils“ umstritten war und nur vom einem Drittel aller Apotheken genutzt wurde.

 

Es kam Albert Schmierer (1899-1974). Der überzeugte Nationalsozialist hatte 1930 die Löwen-Apotheke im badischen Freudenstadt gekauft. 1935 wurde er „Reichsapothekerführer“, setzte die Einführung des gotischen A als Zeichen der Deutschen Apothekerschaft durch und startete 1936 einen Signet-Wettbewerb. Den ersten Preis gewann Ernst Paul Weise. Er setzte auf einen weißen Grund ein großes gotisches A in gebrochener Grotesk-Schrift, füllte es mit Rot aus und platzierte am unteren Rand des linken A-Standbeins ein weißes Kreuz mit vier gleichen Armen. Wegen der Ähnlichkeit mit dem Schweizerkreuz wurde der Entwurf verworfen und dieses Symbol durch die „zeitgemäße“ Lebens-Rune (Man-Rune) ersetzt – mit oder ohne Zustimmung von Ernst Paul Weise? Ab 1937 galt das neue Apotheken-A als reichseinheitliche Kennzeichnung von Apotheken. Mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft geriet das Runenzeichen in Verruf.

 

Ein Ersatz wurde gesucht, natürlich unverfänglich und mit großem Wiedererkennungswert für das große rote A. Das lieferte der Grafiker Fritz Rupprecht Mathieu (1925-2010). Auf dem Deutschen Apothekertag präsentierte er im Juni 1952 in Düsseldorf seine Änderung: Ein Schalenkelch mit einer sich darum windenden Äskulapschlange. „Ganz neu“ war das nicht, denn das Symbol „war schließlich vorher das Zeichen der Apothekenkammer Nordrheinprovinz in der britischen Besatzungszone gewesen“. Seither wird mit dem Kelch-Schlange-Symbol eine Apotheke angekündigt. Es bleibt aber dabei: Das Markenzeichen basiert auf einem Entwurf von Ernst Paul Weise. Einmalig ist es ohnehin, denn das rote Apotheken-A ist nur in Deutschland üblich. International sind Apotheken an einem grünen Kreuz zu erkennen.

 

Ernst Paul Weise gab Wohnung und Atelier in der Offenbacher Straße Nr. 3 in den 1930er Jahren auf und zog nach Dahlem in das Haus Breitenbachplatz Nr. 12, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1981 lebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg soll er als Illustrator für Lehrbücher beim Ostberliner Verlag Volk und Wissen tätig gewesen sein. Noch vor Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 entwarf er für die Deutsche Post gemeinsam mit dem Grafiker Felix Jacob (1900-1996) mit „75 Jahre Weltpostverein“ die erste Briefmarke der DDR, die am 9. Oktober 1949 erschien. Am 14. Juni 1950 folgte dann (wieder gemeinsam mit Jacob) eine Serie zum 200. Todestag von Johann Sebastian Bach. Der künstlerische Nachlass von Ernst Paul Weise wird von der Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin verwaltet.

 

 

 

Offenbacher Straße Nr. 5

 

Bereits Alfred Bürkner merkte in seinem wahrhaftigen Standardwerk „Friedenau-Straßen, Häuser, Menschen“ (Stapp Verlag Berlin, 1996) an, dass „dieses Haus immer wieder Maler und Bildhauer anzog“. In Anbetracht der vor zwei Jahrzehnten vorstellbaren mühevollen Recherchen, ist es heute einfach bewundernswert, was der Verfasser damals für die Nachwelt erarbeitet hat.

 

Hier lebten, wohnten und arbeiteten die Maler B. Richter (1916, 1943), H. Wilke (1916, 1943), H. Schäfer (1916, 1920), E Czekay (1943) und G. Dietrich (1943), die Bildhauer M. Schumacher (1916), W. Schwarzkopf (1916), E. Schmidt-Kestner (1925), H. Haffenrichter (1943), Gerhard Marcks (1916), Karl Möbius (1916, 1943), Hermann Feuerhahn (1936) und die Bildhauerin Ursula Hanke-Förster (1965). Zu den Hausbewohnern gehörten der Historiker Wilhelm Albert Ritter von Jenny (1936) sowie der Philologe Wilhelm Siegling (1939, 1943).

 

Es wäre beim Stand der Digitalisierung einfach, geradezu pingeling, zu beanstanden, dass Alfred Bürkner manchen Vornamen nicht nennt, manche Lebensdaten nicht herausfinden konnte oder manchen genauen Aufenthalt im Haus offen ließ. Seine knapp gehaltenen Angaben machen es jedenfalls einfacher, Biographien und Werdegang dieser Menschen heute zu beleuchten. Das tut Not, damit Geschichte nicht ganz und gar vergessen wird.

 

Bruno Richter, Einzug der deutschen Gesandtschaft in Fes unter Graf von Tattenbach 1905

Offenbacher Straße Nr. 5

Bruno Richter (1872-1946)

 

Der Einzug in das Haus Offenbacher Straße Nr. 5 war für Bruno Richter im Jahr 1916 eine Zäsur. Hatte er bisher seine Sujets in Persien, Ägypten, Algerien oder Marokko gefunden und sich im Kaiserreich als Maler des Orients feiern lassen können, blieben ihm nun als Reiseziele die Dorfstraße in Garmisch Partenkirchen, Melk an der Donau, Millstätter See in Kärnten, Torbole am Gardasee und der Großglockner. Es war vorbei mit der Kolonialmalerei.

 

 

 

 

 

 

 

Wo auch immer sich das Deutsche Reich durch Militärhilfe für Kolonialvölker oder nach Bodenschätzen suchende Explorationscorps Einfluss sichern wollte, war Richter dabei – gefördert von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes. So war es auch, als Marokko ins Visier der deutschen Außenpolitik geriet und im Frühjahr 1905 die traditionelle Mittelmeerreise von Wilhelm II. anstand. In Cuxhaven legte nicht nur des Kaisers Staatsyacht Hohenzollern, sondern auch der HAPAG-Dampfer Hamburg ab – mit geladenen Gästen. Kleiderordnung „Reise-Anzug“. Beim Halt in Cintra stieg der deutsche Botschafter in Portugal Christian Graf von Tattenbach (1846-1910) zu. Am Vormittag des 31. März war Tanger erreicht. Der Kaiser ging an Land, begrüßte den Sultan, bestieg dessen Berberhengste, betonte zum Ärger der Franzosen die Interessen Deutschlands an freiem Handel sowie der Souveränität Marokkos. „Gegen 2 Uhr nachmittags“ ankerte Wilhelm II bereits in Gibraltar.

 

Tattenbach, von 1889 bis 1898 deutscher Gesandter und Kenner Marokkos, blieb und machte sich mit seiner Entourage auf die Reise nach Fès. Bruno Richter hat das in Bildern festgehalten, darunter Einzug der deutschen Gesandtschaft in Fes unter Graf von Tattenbach, Fes vom deutschen Konsulat mit Blick auf Berg Djebel Salagh, Rebell Kaid Challak, Führer der deutschen Gesandtschaft von Tanger nach Fes. Bab el Gisa Alt-Fes, Bab Swa Lion's Gate in Fes, Blick von der Kasba auf Tanger und die Reede, Das Glacis der Festung Tanger mit vorgelagerten Klippen, Eine Moschee in Tanger. Im Verlag von Gerhard Stalling in Oldenburg erschienen 20 Reproduktionen. Der Maler Bruno Richter lebte 30 Jahre bis zu seinem Tod 1946 in der Offenbacher Straße Nr. 5.

 

Hitler-Büste von Noack. Titelblatt der Zeitschrift Kunstkammer, April 1936

Offenbacher Straße Nr. 5

Hans Haffenrichter (1897-1981)

 

Hans Haffenrichter gehörte von 1933 bis 1945 zu den guten Kunden der Bildgießerei Hermann Noack. Sein Name steht auch in der Künstlerliste – allerdings ohne jegliche Erklärung. Das ist schwach. Bei Noacks wird, wie einst in unseren Familien, bis heute über die Nazizeit und den Krieg nicht so viel gesprochen. Dabei ließ sich die Firma in der Fehlerstraße Nr. 8 in der Zeitschrift Die Kunstkammer im April 1936 auf dem Titelbild mit Haffenrichters Bronzebüste von Adolf Hitler feiern. 1937 folgte der eigene Werbeprospekt Hoheitszeichen von Prof. Haffenrichter/Aluminiumguß.

 

Selbst München (https://hausderkunst.de) bekennt, dass das Haus der Deutschen Kunst der Demonstration nationalsozialistischer Kunstpolitik diente und zu deren maßgebenden Institution wurde. Nach Recherchen von Herbert Henck (Hermann Heiß. Nachträge einer Biografie, Kapitel Hans und Ursula Haffenrichter, 2009), soll Haffenrichter während des Dritten Reiches allein 87 Bronzearbeiten bei der Berliner Gießerei Noack in Auftrag gegeben haben, darunter Der Führer und Langstreckenläufer (beide 1936), Hoheitszeichen (1937), Falkner (1938), Generalfeldmarschall Hermann Göring (1943), aber auch Büsten von Bach, Mozart und Riemenschneider. Auf der Webseite www.hausderdeutschenkunst.de gibt es eine Dokumentation mit Haffenrichter-Postkarten aus jenen Jahren (Film Foto Verlag Berlin, ehemals Ross Verlag). Nichts davon bei Noack. Die auf ihren unbescholtenen Namen bedachte Firma befördert allerdings mit ihrer Geschichtsklitterung Webseiten wie www.sammlung-pabst.org, die allein das Augenmerk auf vergessene Künstler wie den Bauhaus-Schüler Hans Haffenrichter richtet, oder problematische Ausführungen auf www.haffenrichter.de.

 

 

 

 

 

Hans Haffenrichter zog es 1921 zum Bauhaus. Hier prasselte einiges auf ihn ein: Farbmeditationen der Meisterin Gertrud Grunow (1870-1944), nackte Schauspieler-Auftritte mit dem Meister Lothar Schreyer (1886-1966), geometrisch-choreographische Figurengruppen von Oskar Schlemmer (1888-1943), Glasmalerei bei Paul Klee (1879-1940) – und viel künstlerischer, ästhetischer und politischer Streit. 1924 hatte er von Weimar genug. Er wurde Leiter der Kunstschule Der Weg und schließlich 1931 Professor für Kunst und Werkerziehung an der Pädagogischen Akademie Elbing in Ostpreußen. Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 waren Beamte ohne die für ihre Laufbahn vorgeschriebene Vorbildung zu besitzen, aus dem Dienste zu entlassen. Gemeint war auch das Bauhaus, dessen Vermittlung von Kunst nicht den nationalsozialistischen Vorstellungen entsprach. Haffenrichter hatte seine Professorenstelle los, wurde allerdings umgehend als Professor Hans Haffenrichter in die Reichskunstkammer aufgenommen – und konnte arbeiten.

 

1936 übernahm er das ehemalige Atelier des Bildhauers Johannes Goetz in der Wilhelmstraße Nr. 6 (Görresstraße). Als das Gebäude in den 1930er Jahren durch einen Neubau ersetzt wurde, mietete er 1937 das Atelier in der Offenbacher Straße Nr. 5. Zur Bildgießerei von Hermann Noack in die Fehlerstraße Nr. 8 nahm er den Weg über den Friedhof. Zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen in München schickte er Werke, die nur zu einem geringen Teil offene nationalsozialistische Propaganda zeigten: 1939 die Bronzen Schneeleopard, Persischer Leopard, Sibirischer Tiger (1939), Johann Sebastian Bach, Brauner Bär I, Brauner Bär II (1941).

 

Bereits 1943/44 stellte Haffenrichter die Weichen für die Zeit danach und arbeitete als wissenschaftlicher Zeichner am Kaiser-Wilhelm-Institut. Nach Kriegsende war er dann Kunsterzieher am Information-and-Education-Center der US-Armee in Heidelberg und später Kunstlehrer an der Werkkunstschule in Wiesbaden. Es folgten Aufträge der Industrie für Glasfenster und Glasmosaiken. 1961 zog er sich nach Hittenkirchen an den Chiemsee zurück, wo er 1981 verstarb.

 

Zwei Jahrzehnte danach testet der Kunsthandel Haffenrichters Marktwert. „Ketterer Kunst München“ offerierte auf den Auktionen vier seiner Arbeiten: Figurine Ritter (1923) und Knospenrythmus (1931) sowie Leuchtend Rot mit zartgrüner Struktur (1968) und Zeichen auf leuchtend Blau (1964), www.kettererkunst.de. Obwohl das Auktionshaus in der Objektbeschreibung dazu Bauhaus, Klee, Kandinsky, Muche und Feininger heranzieht, hatten die erzielten Ergebnisse nicht so viel eingebracht wie erwartet. Am 24.03.2019 startet Ketterers Gemälde-Expertin Barbara Guarnieri in der NDR-Sendung „Lieb & Teuer“ einen weiteren Versuch mit Haffenreiters Aquarell „Geburt der Blume“ von 1923. Was die „Expertin“ dort ablieferte, bleibt hinter den Erkenntnissen von Wikipedia zurück: Aus Haffenrichter wurde Hafenrichter, aus Elbing wurde Elblingen und die Jahre zwischen 1933 bis 1945 wurden als „eine etwas schwierigere Phase“ abgetan. Dem Besitzer von „Geburt der Blume“ wurde kein reiner Wein eingeschenkt. Das war keine Recherche. Das war Geschichtsklitterung.

 

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/lieb_und_teuer/Aquarell-Geburt-der-Blume,liebundteuer5452.html

 

Erich Schmidt-Kestner, Deutsches Alpencorps, 1915. Quelle Landesmuseum Württemberg

Offenbacher Straße Nr. 5

Erich Schmidt-Kestner (1877-1941)

 

„Der Bildhauer Erich Schmidt-Kestner ist der Sohn des Gymnasialprofessors Johannes Eusebius Samuel Schmidt (1841-1925), ein Bruder des Schriftstellers und Fliegerhauptmanns Hans Schmidt-Kestner (1892-1915), ein Enkel des Leiters der Hugenottenschule im Französischen Dom am Gendarmenmarkt Eusebius Schmidt (1810-1883) und in der vierten Generation ein Nachfahre der Charlotte Buff (1753-1828), verehelichte Kestner, der Johann Wolfgang von Goethe in Die Leiden des jungen Werthers ein Denkmal gesetzt hat.“ So weit Wikipedia.

 

Schmidt-Kestner studierte in Berlin und Düsseldorf, wurde auf der Großen Berliner Kunstausstellung (1904) und der Internationalen Kunstausstellung in München (1905) ausgezeichnet und mit dem Rompreis der Akademie bedacht. Nach zwei Jahren in Italien kehrte er nach Berlin zurück, wohnte in der Kurfürstenstraße Nr. 126 (1910), später in der Duisburger Straße Nr. 18 (1915). Nachdem im Ersten Weltkrieg die „Schneeschuhtruppe“ zur Sicherung der alpinen Grenzen aufgestellt war, wurde aus dem Künstler ein Gebirgsjäger, der für das „Deutsche Alpenkorps“ die Medaille „Tirol 1915“ schuf: Auf dem Avers ein Soldat mit bepacktem Pferd, auf dem Revers zwei kämpfende Soldaten, gegossen in der Berliner Bildgießerei von Hermann Gladenbeck, signiert mit S.K. (Schmidt-Kestner).

 

 

 

Inzwischen war Schmidt-Kestner (1916) in die Schwalbacher Straße Nr. 15 gezogen. 1923 mietete er das Atelier im Erdgeschoss der Offenbacher Straße Nr. 5, was er 1927 mit der Berufung zum Leiter der Bildhauerklasse an der Kunst- und Gewerkschule in Königsberg (Preußen) aufgab. Während der 62. Kunstausstellung des Königsberger Kunstvereins offerierte Erich Schmidt-Kestner 1933 die Gipsbüste Der Führer für 1500 Reichsmark (https://www.thirdreicharts.com), die später von der Firma Noack in Bronze gegossen wurde. Die wurde ihm nach dem nationalsozialistischen Ende zum „Verhängnis“. Da half weder der Hinweis auf Johann Christian Kestner noch auf seine Frau Charlotte geborene Buff, der Mutter von acht Söhnen und vier Töchtern – auch nicht „Werthers Lotte“. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Erich Schmidt-Kestner in den Künstlerlexika getilgt.

 

Immerhin wird sein Name heute in der „Künstlerliste“ der Bildgießerei Hermann Noack aufgeführt, allerdings ohne Details, obwohl die Firma über Umwege um Schmidt-Kestner irgendwie nicht herumkommt. Die Webseite „Bildhauerei in Berlin“ liefert eine Erklärung: Für den Schöneberger Rudolph-Wilde-Park schuf Erich Schmidt-Kestner 1927 „eine mehrfigurige Entenfamiliengruppe“. Die Bronze wurde „um 1943 abgebaut und vermutlich eingeschmolzen. 1957/1958 schuf Max Rose eine Zweiergruppe Enten aus Muschelkalkstein. Diese wurde durch Vandalismus irreparabel beschädigt. Die Ente mit dem auf die Brust gedrückten Schnabel ging vollständig verloren. 1985 wurde ein Bronzeguss nach dem Modell von 1957/1958 durch Max Rose und den Gießer Hermann Noack III (*1931) aufgestellt“.

 

Gerhard Marcks, Zwei Freunde, 1936. Kunsthalle Mannheim. Foto Wikipedia

Offenbacher Straße Nr. 5

Gerhard Marcks (1889-1981)

 

Gerhard Marcks verzichtete auf eine akademische Ausbildung. Er wollte sich die bildhauerischen Techniken autodidaktisch aneignen. Über Beobachtungen und Versuche wollte er sich eine eigenständige Linie erarbeiten. So ganz ging das wohl nicht auf, denn er arbeitete ab 1907 in einer Werkstattgemeinschaft zusammen mit dem Bildhauer Richard Scheibe (1879-1964) in dessen Atelier Kaiserplatz Nr. 17 in Wilmersdorf. So kommt es, dass in den biografischen Angaben zu lesen ist: „Schüler Scheibes von 1907 bis 1912“. Es entspricht wohl eher der Realität, dass sich der Ältere damals von der Malerei abwandte und sich gemeinsam mit dem Jüngeren um die Bildhauerei bemühte. Als diese Phase abgeschlossen war, legte sich Gerhard Marcks 1914 im Haus Offenbacher Straße Nr. 5 ein eigenes Atelier zu. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es kurzzeitig eine weitere Ateliergemeinschaft von Marcks mit dem Landschaftsmaler Alfred Partikel (1888-1945).

 

Als Walter Gropius (1883-1969) im Jahr 1919 das Staatliche Bauhaus in Weimar gegründet hatte, konnte er neben Lyonel Feininger, Paul Klee und Wassily Kandinsky auch Gerhard Marcks als Lehrer gewinnen. Marcks übernahm 1920 als Meister die Keramik-Werkstatt im Marstall der Dornburger Schlösser und sah sich in seiner Auffassung bestätigt: Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück. Als aber Gropius 1923 die neue Bauhaus-Direktive Kunst und Technik – eine neue Einheit ausgab, mit der die Industrie als die bestimmende Kraft der Zeit betrachtet wurde, und die Dornburger Keramik-Werkstatt von den Weimarer Meistern obendrein als Töppchendreherei verspottet wurde, brach der Künstler Marcks mit dem Manager Gropius.

 

Als Bauhaus von Weimar nach Dessau umzog, übernahm Marcks 1925 die Bildhauerklasse der Werkstätten der Stadt Halle, Staatlich-städtische Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein. Am 7. April 1933 wurde das Berufsbeamtengesetz erlassen. In den folgenden Durchführungsverordnungen wurden auch Angestellte im Öffentlichen Dienst einbezogen. Gerhard Marcks wurde entlassen.

 

 

 

 

 

 

 

Wohl nicht ohne Einfluss seines Freundes Alfred Partikel, der seit 1921 in Ahrenshoop wohnte und arbeitete, hatte Gerhard Marcks bereits 1930 die Büdnerei in Niehagen gekauft. Nun zog er auf den Darß. Schon in Berlin hatten sie 1920 mit dem Osterälterchen, ein kleiner Flügelaltar auf Holz, vergoldet und mit Ölfarbe bemalt, eine gemeinsame Arbeit geschaffen. Beide bildeten sich seit langem auch gegenseitig in ihren Werken ab. Dafür stehen Der Flitzbogen (Holzschnitt 1923) und Alfred Partikel als Bogenschütze“ (Radierung 1929) von Gerhard Marcks mit der Widmung Lieber Alfred, das bist du 1929, von Gerhard.

 

1936 mietete Marcks – wie zuvor Käthe Kollwitz (Nr. 210) – den Atelierplatz Nr. 13 in der Berliner Ateliergemeinschaft Klosterstraße. Am 6. Juli 1937 wurden aus dem Museum Folkwang Essen seine Skulpturen Stehender Junge (um 1924, Bronze) und Heiliger Georg (1929/30, Gips) entfernt und ab 19. Juli 1937 in München von den Nationalsozialisten als Entartete Kunst an den Pranger gestellt. Mit Datum vom 17. Dezember 1937 erhielt er in seiner Wohnung Teutonenstraße Nr. 2 in Nikolassee per Einschreiben einen Brief vom Landesleiter Berlin der Reichskammer der bildenden Künste:

 

Laut Angabe der Buch- und Kunsthandlung Karl Buchholz, Berlin W 8, Leipziger Straße 119/120, sind Sie Besitzer nachstehend genannter Werke, die bei einer Sichtung der Ausstellung und des Lagers der Firma Buchholz durch den Herrn Reichsbeauftragten für künstlerische Formgebung beanstandet wurden: Das grosse Tuch (Bronze), Demeter (Bronze), Kleine Sitzende (Bronze), Kleiner Reiter (Bronze), Johannes (Bronze), Ringer (Bronze), Jolo (Bronze), Tanzende Schwestern (Bronze), Katharina (Bronze), Angela (Bronze), Kleine Barbara (Bronze), Große Barbara (Zement), Kinderkopf (Zement), Großer Jüngling (Gips), Selena (Stein), 11 Zeichnungen, Saalemärchen (Holzschnitt), 1 Mappe unverkäufliche Zeichnungen. Auf Ersuchen des Herrn Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste teile ich Ihnen mit, dass diese Werke nicht mehr ausgestellt werden dürfen. Gez. Heinz Lederer, Landesleiter Berlin. Im Beschlagnahmeinventar der Forschungsstelle Entartete Kunst der FU Berlin sind 86 Arbeiten von Gerhard Marcks dokumentiert.

 

Als Alfred Partikel im Oktober 1945 im Ahrenshooper Holz auf bis heute nicht geklärte Weise verschwand, errichtete Gerhard Marcks dem Freund im Ort einen Gedenkstein. Am 29. September 1949 schreibt er in der ZEIT Der Maler Ostpreußens – In memoriam Alfred Partikel:

 

Der Zeitgeist beurteilt heute den Künstler danach, ob er magischstilistischer Bahnbrecher ist, und fragt: Was hat er für die Abstraktion geleistet? Diese Seite der Kunst war Partikels Stärke nicht. Bei seiner Arbeit handelt es sich noch um ‚die Natur durch ein Temperament gesehen‘. Alfred Partikels Hauptthema war die Landschaft, und zwar die ostdeutsche Landschaft mit ihren weiten Horizonten, gläsernen Himmeln und harten Lüften. Die Liebe zur Natur war groß und ursprünglich bei diesem einfach-ländlichen Menschen, der noch viel vom Typ des Fischers, Jägers und Bauern – als Kraft wie auch als Gefahr – an sich hatte, und der in der Großstadt wie eine Dissonanz wirkte. Er war gewiss kein Theoretiker, kein Intellektueller, aber er war ein Mann, kein Herrchen. Und eine beschämend zarte Seele saß, ähnlich wie bei Leibl, in seinem bärenhaften Körper, seine Pranke führte einen geradezu zierlichen Pinsel. War er kein Rufer im Streit, so liebte er auch die Schockwirkung nicht und Hysterie und Perversität sucht man bei ihm vergeblich. Sollte man sich nicht die Zeit nehmen, sich unvoreingenommen dieser Welt hinzugeben?

 

Das ist es, was Gerhard Marcks als Künstler und Mensch so sympathisch macht – die geistige Freiheit und die Verteidigung der künstlerischen Autonomie. Für ihn war Bauhaus eine „Jugendsünde, nur ein vorübergehendes Missverständnis. Es war manches Gute dran, es wurde Sport getrieben, getanzt, musiziert etc., aber ein gewisser totalitärer Wahn verdarb viel, manches mutet an wie Hitler vor Hitler.“

 

Gerson Fehrenbach, Doppelfigur, 1972

Offenbacher Straße Nr. 5

Gerson Fehrenbach (1932-2004)

 

 

In Vorbereitung

III. Gemeindeschule Friedenau, 1913-1914. Foto von Emmy Klimsch aus ihrer Wohnung Fehlerstraße, 1919

Offenbacher Straße 5a

Ecke Laubacher Straße

III. Gemeindeschule Friedenau

(heute Ruppin-Grundschule)

Architekt Hans Altmann

1913-1914

 

Die Doppelschule auf dem Grundstück Offenbacher Straße 5A an der Ecke Laubacher Straße wurde 1913/14 als III. Gemeindeschule Friedenau für Knaben und Mädchen nach Plänen von Hans Altmann erbaut. Beide Gebäudeteile sind durch einen Übergang verbunden, auf dem sich eine Dachterrasse befindet. An der Ecke Laubacher und Fehlerstraße entstand das Turngerätehaus. Die Gebäude waren die letzten Schulbauten von Altmann für die Gemeinde Friedenau.

 

Unmittelbar nach der Fertigstellung begann der Erste Weltkrieg. Aus dem Haus wurde ab Dezember 1914 ein Reserve-Lazarett für verwundete Soldaten und Kriegsopfer. Erst ab Ostern 1919 konnte es als Schule genutzt werden. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Schulgebäude von der Wehrmacht und nach der Kapitulation im Frühjahr 1945 teilweise von der Roten Armee und ab Sommer vom US-Office of Military Govenment for Germany genutzt. Bereits im April 1947 konnte die Schule wieder eröffnet werden. Da das Gebäude keine gravierenden Kriegsschäden zu verzeichnen hatte und bis heute im Wesentlichen unverändert erhalten ist, hat sich die Schöneberger Schulverwaltung danach eigentlich nur mit Umorganisation und Namensänderungen beschäftigt.

 

 

 

 

Da in das Gymnasium am Maybachplatz zunächst eine Polizeidienststelle und einige Jahre später eine Kaufmännische Berufs- und Berufsfachschule untergebracht wird, muss die Realschule vom Maybachplatz 1951 in den hinteren Gebäudeteil am Friedhof Stubenrauchstraße einziehen – bis zum Rückzug 1958 an den angestammten Platz unter dem Namen Friedrich-Bergius-Schule..

 

1956 wurden die Schöneberger Schulen mit Namen nach Landschaften jenseits des „Eisernen Vorhangs“ bedacht. Die Doppelschule bekam gleich zwei Namen: Ruppin-Grundschule und Bobertal-Oberschule. Ruppin bezog sich auf die Mark Brandenburg und die Ruppiner Schweiz. Mit Bobertal wurde an den Fluss Bober (polnisch Bóbr) im ehemaligen Schlesien erinnert. Seit 2009 ist der Name Bobertal verschwunden. Beide Gebäudeteile firmieren nun unter Ruppin-Grundschule. Geblieben ist das Turngerätehaus, das von der TSC Friedenau als Vereinshaus und Casino genutzt wird: Der Sportplatz gehört der TSC und wird von Verein und Schule gemeinsam genutzt.

 

Nachdem das alles geschehen war, begriff auch Schöneberg, dass seit Jahrzehnten nichts für die Sanierung in die III. Gemeindeschule Friedenau getan worden war. 28 Millionen Euro sollen nun in das Ensemble aus dem Jahr 1913 fließen. Erst jetzt kam die Erkenntnis, dass hinter der „schönen“ Fassade verrostete Stahlträger lauern. Die Bauarbeiten sollen 2024 abgeschlossen sein. Da die Pläne auch eine Neugestaltung des Innern vorsehen nebst einer Nutzung von 1000 Quadratmeter neuer Nutzfläche, ist zu befürchten, dass dem wunderbaren Bau von Hans Altmann Schade zugefügt wird.

 

Die Anlage aus rotem Sichtziegelmauerwerk und reichlichem Terrakotta-Bauschmuck besteht aus zwei dreigeschossigen, winkelförmig zueinander angeordneten Baukörpern, die durch ein Brückenbauwerk miteinander verbunden sind. Der Südflügel an der Offenbacher Straße ist im Grundriss zweibündig; nach Süden orientiert sind die Klassenräume sowie die beiden Treppenhäuser an den Giebeln im Westen und im Osten, nach Norden die beiden Turnhallen sowie die Aula, die alle übereinander angeordnet sind. Eine Segmentbogentonne überwölbt die mit einer Bühne und einer Empore ausgestattete Aula. Diese ist weitgehend original erhalten, die Tonnendecke und die Emporenbrüstung sind reich dekoriert. Im ersten Obergeschoss schwingt sich das Brückenbauwerk auf einem Rundbogen vom Süd- zum Nordflügel und verbindet im ersten und zweiten Obergeschoss - sowie im dritten Obergeschoss als Terrasse - die beiden Flügel. Auch der Nordflügel ist im Grundriss zweibündig angelegt, die Klassenräume sind nach Westen zum Sportplatz und nach Osten zum Friedhof an der Stubenrauchstraße orientiert. Auch in diesem Flügel sind zwei Treppenhäuser an den Giebeln im Norden und im Süden angeordnet.

 

Im Nordflügel befindet sich im dritten Obergeschoss eine weitere, kleine Aula. Die beiden dreigeschossigen Bauten auf hohem Souterrain mit steilen Walmdächern sind als Pfeilerbauten ausgeführt. Je drei Fensterachsen belichten einen Klassenraum, je drei Achsen sind zu einem Risalit oder zu einer Rücklage zusammengefasst. Die Hauptfassaden des Nordflügels werden durch drei um ein Geschoss überhöhte Risalite gegliedert, die mit steilen Giebeln bekrönt sind, und die Schmalseiten durch einen überhöhten Risalit und Giebel betont.

 

Die Hauptfassaden des Südflügels werden ebenfalls durch Eckrisalite gegliedert. Die Nordfassade wird durch sechs Giebel, hinter denen die Aula liegt, rhythmisiert, die Südfassade jedoch nur durch zwei Giebel bekrönt und durch zwei Erker belebt. Im Erdgeschoss befinden sich neben den Treppen zwei rundbogige Eingangsportale mit Kindergruppen aus Terrakotta an den Portalgewänden sowie mit Kinderköpfen aus Terrakotta an den Archivolten. Die Terrakotten stammen von dem Bildhauer Bernhard Butzke. An der Ostseite des Südflügels ist eine halbrunde Terrakotta-Platte mit der Inschrift "Erbaut im Jahre 1913" eingelassen.

 

Das Charakteristische ist die Klinkerbauweise mit glasierter Keramik, wie sie in Berlin selten zu finden ist. Der angesehene Architekt und Baumeister hatte damals nur drei Bauten in dieser Weise verwirklicht. Eine Besonderheit ist der aus Keramik gefertigte Bogenpfeiler am Haupteingang. Zu dem gesamten Gebäudekomplex gehört auch die Urnenhalle des angrenzenden Friedhofes. Die an den Fassaden befindlichen Keramikarbeiten sind in Handarbeit von den Bildhauern Kuhl und Butzke angefertigt worden. Ein Gedenkstein befindet sich im Seiteneingang der Schule. An der Ecke Offenbacher/Laubacher Straße befindet sich ein Hofbereich der Schule, der von einer erhöhten, winkelförmigen Ziegelmauer eingefriedet ist.

 

Das Turngerätehaus an der Ecke Laubacher Straße/Fehlerstraße ist ein eingeschossiger, winkelförmiger Bau nach Plänen von Altmann. An der Ecke erhebt sich auf einem hohen Souterrain ein eingeschossiger Rundbau auf ovalem Grundriss aus rotem Sichtziegelmauerwerk, zu dem eine leicht gebogene Freitreppe hinaufführt und der mit einem Mansarddach gedeckt ist. Zur Ecke hin ist dem Mansarddach ein gebogener Quergiebel mit zwei Fenstern vorgesetzt. In beiden Straßen schließen sich walmdachgedeckte Holzbau-Seitenflügel mit vertikaler Holzverschalung an, die sich ursprünglich als Veranden zum Sportplatz hin öffneten und heute verglast sind. Quelle: Erwin Ehrenberg: Hans Altmann, Berlin 1927