Plan von 2000. Senat von Berlin

Am 25. Juni 1906 brachte Bürgermeister Bernhard Schnackenburg (1867-2914) zur öffentlichen Kenntnis, dass die Straßen und der Platz auf dem früheren Sportparkgelände wie folgt benannt worden sind: Platz G: Wagner-Platz; Straße A: Isoldestraße; Straße B zwischen Handjerystraße und Wagner-Platz: Evastraße; Zwischen Wagner-Platz und Kaiserallee: Sentastraße; Straße C von der Bismarckstraße bis zum Wagner-Platz: Elsastraße und vom Wagner-Platz bis Varziner Straße: Brünnhildestraße; Straße D: Kundrystraße; Straße E: Ortrudstraße; Straße F: Sieglindestraße.

 

Über die Benennung wurde zuvor viel diskutiert. Mit Blick auf das im Friedenauer Teil von Schöneberg entstandene Malerviertel, wo den Malern und Bildhauern in den Straßennamen eine Ehrung zuteil geworden, sollten hier Komponisten verewigt werden. Andere wollten die unerfreuliche Tatsache aus der Welt schaffen, dass keine Straße in Friedenaum einen weiblichen Vornamen hat. Das führte schließlich zu Richard Wagner (1813-1883) und seinen Opernheldinnen, darunter die dämonische Ortrud, Gemahlin von Friedrich von Telramund, aus Lohengrin.

 

 

 

Schwarzwaldmädel, Titelbild vom Notenalbum

Ortrudstraße Nr. 2

Leon Jessel (1871-1942)

 

Mit dem Namen Leon Jessel können heute nur wenige etwas anfangen, wohl erst recht nichts mit dem Attribut der jüdische Antisemit. Erklingen aber Malwine, ach Malwine, Zum Tanze die Geigen oder gar Mädle aus dem schwarzen Walde fällt sofort das Stichwort Schwarzwaldmädel (UA 1917 Komische Oper). Drei Dutzend solcher „Dinger“ hat er komponiert, darunter Die Parade der Zinnsoldaten (UA 1905, Lübeck), Die beiden Husaren (UA 1913 Theater des Westens), Wer zuletzt lacht (UA 1913 Komische Oper), Schwalbenhochzeit (UA 1921 Theater des Westens), Die Postmeisterin (UA 1921 Central-Theater), Des Königs Nachbarin (UA 1923, Wallner-Theater), Junger Wein (UA 1933 Theater des Westens).

 

Der Sohn jüdischer Eltern legte 1894 mit 23 Jahren das evangelische Glaubensbekenntnis ab, trat aus der jüdischen Gemeinde aus, nahm Konvertitenunterricht, heiratete 1896 seine erste Frau Clara geb. Grunewald, 1909 wurde seine Tochter Eva Maria geboren. Jessel, der von 1899 bis 1905 als Kapellmeister Theater in Lübeck wirkte, zog es nach Berlin. Im Wagnerviertel wohnte er mit Familie von 1915 bis 1927 in der Ortrudstraße Nr. 2. Im Jahr 1919 wurde die erste Ehe geschieden. 1921 heiratete er die Büroangestellte Anna Maria Johanna geb. Gerholdt (1890-1972).

 

 

 

 

Auf der Gedenktafel am Leon-Jessel-Platz in Wilmersdorf wird vermerkt: Hier lebte von 1925 bis 1941 der Komponist Leon Jessel. Nicht vermerkt wurde, dass das Ehepaar Anna und Leon Jessel zumindest einige Jahre mit der nationalsozialistischen Bewegung sympathisierte. Ehefrau Anna wurde im März 1932 Mitglied der NSDAP. Jessels Schwarzwaldmädel wurde geliebt. Die Melodien erklangen im Jüdischen Kulturbund und der NS-Kulturgemeinde. Der Jude Jessel glaubte sich sicher, dachte nicht an Emigration und hoffte, dass seine Gesinnung über Fakten dominieren könne.

 

Allerdings setzte der Reichsdramaturg ab 1934/35 die Entjudung der Theaterspielpläne durch – bis auf Nürnberg, wo dem Intendanten des Stadttheaters eine ausdrückliche Genehmigung von Julius Streicher vorlag: Bei der Neuordnung nach der Machtübernahme hat der hiesige Gauleiter Herr Streicher, der ja doch selbst der Führer der Antisemitenbewegung ist, mich wissen lassen, dass er wünscht, dass im Interesse einer interessanten Spielplangestaltung die Arierfrage bei der Operette nicht nachgeprüft werden sollte, da sonst ein das Publikum interessierender Spielplan nicht recht möglich sein. Als Nürnberg für die Saison 1935/36 wiederum das Schwarzwaldmädel des Nichtariers ansetzte, schickte der Reichsdramaturg am 13. Dezember 1935 an Goebbels ein Gutachten: Die Operette ‚Schwarzwaldmädel‘ hat als Textdichter den Arier August Neidhardt. Die Musik schrieb der Jude Leon Jessel. Summe: 1 Christ, 1 Jude. Gerade diese Operette enthält ‚das gefährlichste Gift, da sie in die eigensten Bezirke des deutschen Menschen vorstoßen‘. In Schwarzwaldmädel ‚wird der deutsche Wald, die deutsche Landschaft in geradezu ekelerregender Weise verkitscht und versüßlicht‘. Das Machwerk ‚würde den Geschmack eines kritiklosen Publikums für jedes echte Volksstück restlos verderben‘.

 

Am 15. Dezember 1941 wurde Jessel vorgeladen. Vorgeworfen wurden ihm Verbreitung von Gräuelmärchen, Hetze gegen das Reich und Verstoß gegen das Heimtücke-Gesetz. Grund war sein Brief an den (jüdischen) Librettisten Wilhelm Sterk (1880-1944) in Wien: Ich kann nicht arbeiten in einer Zeit, wo Judenhetze mein Volk zu vernichten droht, wo ich nicht weiß, wann das grausige Schicksal auch an meine Tür klopfen wird. Während der Haft erkrankte Jessel. Am 2. Januar 1942 wurde er in die Krankenabteilung des Gefängnisses verlegt, zwei Tage später in das Jüdische Krankenhaus eingeliefert. Am 4. Januar 1942 ist er verstorben.

 

Die Sterbeurkunde des Standesamtes Berlin-Wedding: Der Komponist Leon Jessel, jetzt ohne Beruf, glaubenslos, früher mosaisch, wohnhaft in Berlin-Wilmersdorf, Düsseldorfer Straße Nr. 47, ist am 4. Januar 1942 in Berlin im jüdischen Krankenhaus verstorben. Seine Leiche wurde eingeäschert und die Urne mit seiner Asche auf den großen Friedhof Stahnsdorf gebracht.

 

Wie viele andere durfte Leon Jessel nicht auf seinem (evangelischen) Gemeindefriedhof bestattet werden. Die im Archiv des Stahnsdorfer Südwestkirchhofs bewahrte Grabkarte Nr. 49592 belegt, dass die Urne von der dortigen Kirchengemeinde Trinitatis überwiesen wurde. Die Beisetzung fand am 22. Januar 1942 im Block S, Feld 8, Wahlstelle Nr. 211, statt. Da der Südwestkirchhof bereits in den 1950er Jahren für Angehörige aus den westlichen Stadtbezirken von Berlin nicht mehr oder nur erschwert zugänglich war, ließ die inzwischen in der Nassauischen Straße Nr. 11/12 lebende Witwe Anna Jessel die sterblichen Überreste am 23. Mai 1955 ausgraben und auf den Städtischen Friedhof Wilmersdorf, Berliner Straße Nr. 81-103, umbetten.