Blick von der Kaiserallee in die Ortrudstraße, 1939

Im Jahr 1880 wurde für das Gelände zwischen Kaiserallee (Bundesallee), Varziner-, Handjery- und Bismarckstraße (Sarrazinstraße) unmittelbar an der Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau der Bau einer Gasanstalt geplant. Friedenauer Gemeindevorstand, Landerwerb- und Bauverein auf Actien und Gemeindekirchenrat erhoben beim Teltower Landrat Ernst von Stubenrauch (1853-1909) Einspruch. Dieser wurde abgewiesen. Die Anlage genehmigt. 1884 reichten sie eine Beschwerde bei Reichskanzler Otto von Bismarck ein. Er verfügte, dass „der besondere Charakter des Vorortes Friedenau, die Bestimmung desselben als Villenanlage und als ein für Sommerwohnungen gesuchter Ort, eine gewerbliche Anlage, wie die hier projektierte Gasanstalt, ohne sanitäre Belästigungen und Nachteile für die einen gesunden Aufenthalt Suchenden nicht zulasse und deshalb die Genehmigung zu versagen sei. Durch die Anlage würden sämtliche wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen für die weitere Entwicklung des Ortes Friedenau und seiner nun einmal gegebenen Grundlage verschoben werden“.

 

 

Die Gasanstalt war vom Tisch. Im Sommer 1897 kam der „Sportpark Friedenau“ mit Radrennen und Eisbahn. Anfangs „fuhren die Züge auf der Ringbahn nachmittags nach Bedarf, sonntags regelmäßig. An Wochentagen lohnte es sich bald nicht. Sie tauchten nur an den Tagen wieder auf, an welchen im Sportpark irgendetwas los war, das heißt also nur selten.“ (Friedenauer Lokal-Anzeiger, 16.03.1899).

 

Damit war das Ende eingeläutet, zumal gewichtige Gemeindevertreter schon geraume Zeit für den Verkauf des Geländes und eine Bebauung plädierten: „70-80 Wohnhäuser. Die Mieter kämen schon, man gehe nur nach dem Viktoria-Luise-Platz, der ja unter ungünstigeren Verhältnissen von derselben Gesellschaft erbaut worden sei, man sähe nur hin, wie dort Steuerzahler 1. Klasse hingezogen seien“.

 

Am 22. September 1904 konnte der Bauunternehmer Georg Haberland mit seiner „Berlinischen Boden-Gesellschaft“ von der Gemeinde das Gelände erwerben. Zuvor hatte er allerdings dafür gesorgt, dass Friedenau die Berliner Traufhöhe von 22 Metern in den Bebauungsplan übernahm. So entstanden vierstöckige Mietshäuser mit bis zu 6-Zimmer-Wohungen für den „gehobenen Standard“.

 

Über die Benennung der Straßen wurde viel diskutiert, patriotische, militärische und altgermanische Namen. Die Berlinische Bodengesellschaft wollte als Gegenstück zu ihrem Bayerischen Viertel die Straßen mit den Namen oberbayerischer Seen bedenken. Mit Blick auf Schöneberg, wo „den Malern und Bildhauern sowie den modernen Schriftstellern in den Straßennamen eine Ehrung zuteil geworden“, sollten Komponisten in den Straßennamen verewigt werden. Andere wollten „die unerfreuliche Tatsache aus der Welt schaffen, dass keine Straße in Friedenaum einen weiblichen Vornamen führt“.

 

Das alles zusammen führte 1906 schließlich zu Richard Wagner, dem „Wagner-Viertel“, dem Richard-Wagner-Platz und zu Straßen mit den Namen Brünnhilde, Elsa, Eva, Isolde, Kundry, Ortrud, Senta und Sieglinde. Damit war vielen Genüge getan. Nach dem Tod von Cosima Wagner (1837-1930) hatte Schönebergs Bezirksbürgermeister Oswald Schulz (NSDAP) nichts Wichtigeres zu tun, als den Richard-Wagner-Platz 1935 in Cosima-Patz umzubenennen.

 

Schwarzwaldmädel, Notenalbum

Ortrudstraße Nr. 2

Leon Jessel (1871-1942)

 

Mit dem Namen Leon Jessel können heute nur wenige etwas anfangen, wohl erst recht nichts mit dem Attribut der jüdische Antisemit. Erklingen aber Malwine, ach Malwine, Zum Tanze die Geigen oder gar Mädle aus dem schwarzen Walde fällt sofort das Stichwort Schwarzwaldmädel (UA 1917 Komische Oper). Drei Dutzend solcher „Dinger“ hat er komponiert, darunter Die Parade der Zinnsoldaten (UA 1905, Lübeck), Die beiden Husaren (UA 1913 Theater des Westens), Wer zuletzt lacht (UA 1913 Komische Oper), Schwalbenhochzeit (UA 1921 Theater des Westens), Die Postmeisterin (UA 1921 Central-Theater), Des Königs Nachbarin (UA 1923, Wallner-Theater), Junger Wein (UA 1933 Theater des Westens).

 

Der Sohn jüdischer Eltern legte 1894 mit 23 Jahren das evangelische Glaubensbekenntnis ab, trat aus der jüdischen Gemeinde aus, nahm Konvertitenunterricht, heiratete 1896 seine erste Frau Clara geb. Grunewald, 1909 wurde seine Tochter Eva Maria geboren. Jessel, der von 1899 bis 1905 als Kapellmeister Theater in Lübeck wirkte, zog es nach Berlin. Im nagelneuen Friedenauer Wagnerviertel wohnte er mit Familie von 1915 bis 1927 (laut Adressbuch) in der Ortrudstraße Nr. 2. Im Jahr 1919 wurde die erste Ehe geschieden. 1921 heiratete er die Büroangestellte Anna Maria Johanna geb. Gerholdt (1890-1972). Auf der Gedenktafel am Leon-Jessel-Platz in Wilmersdorf wird vermerkt: „Hier lebte von 1925 bis 1941 der Komponist Leon Jessel.“

 

 

Nicht vermerkt wurde, dass das Ehepaar Anna und Leon Jessel zumindest einige Jahre mit der nationalsozialistischen Bewegung „sympathisierte“. Ehefrau Anna wurde im März 1932 Mitglied der NSDAP. Jessels Schwarzwaldmädel wurde von den NS-Führern geliebt. Die Melodien erklangen bei Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes und der NS-Kulturgemeinde. Der Jude Jessel glaubte sich „sicher“, dachte nicht an Emigration und hoffte, „dass seine Gesinnung über Fakten dominieren könne“.

 

Allerdings setzte der „Reichsdramaturg“ ab 1934/35 die „Entjudung“ der Theaterspielpläne durch – bis auf Nürnberg, wo dem Intendanten des Stadttheaters eine ausdrückliche Genehmigung von Julius Streicher vorlag: „Bei der Neuordnung nach der Machtübernahme hat der hiesige Gauleiter Herr Streicher, der ja doch selbst der Führer der Antisemitenbewegung ist, mich wissen lassen, dass er wünscht, dass im Interesse einer interessanten Spielplangestaltung die Arierfrage bei der Operette nicht nachgeprüft werden sollte, da sonst ein das Publikum interessierender Spielplan nicht recht möglich sein.“ Als Nürnberg für die Saison 1935/36 wiederum das Schwarzwaldmädel des „Nichtariers ansetzte, schickte der Reichsdramaturg am 13. Dezember 1935 an Goebbels ein Gutachten: „Die Operette Schwarzwaldmädel hat als Textdichter den Arier August Neidhardt. Die Musik schrieb der Jude Leon Jessel. Summe: 1 Christ, 1 Jude“. Gerade diese Operette enthält „das gefährlichste Gift, da sie in die eigensten Bezirke des deutschen Menschen vorstoßen“. In Schwarzwaldmädel „wird der deutsche Wald, die deutsche Landschaft in geradezu ekelerregender Weise verkitscht und versüßlicht“. Das Machwerk „würde den Geschmack eines kritiklosen Publikums für jedes echte Volksstück restlos verderben“.

 

Jessels Operette Die goldene Mühle konnte 1936 nur noch in der Schweiz am Städtebundtheater in Olten uraufgeführt werden. Die Zugehörigkeit in der Fachschaft Komponisten der Reichsmusikkammer wurde abgelehnt. Ab 1937 waren Schallplattenaufnahmen jüdischer Künstler nebst Vertrieb untersagt.

 

 Am 15. Dezember 1941 wurde Jessel von der Gestapo vorgeladen. Vorgeworfen wurden ihm Verbreitung von Gräuelmärchen, Hetze gegen das Reich und Verstoß gegen das Heimtücke-Gesetz. Grund war sein Brief an den (jüdischen) Librettisten Wilhelm Sterk (1880-1944) in Wien: „Ich kann nicht arbeiten in einer Zeit, wo Judenhetze mein Volk zu vernichten droht, wo ich nicht weiß, wann das grausige Schicksal auch an meine Tür klopfen wird.“ Während der Haft erkrankte Jessel. Am 2. Januar 1942 wurde er in die Krankenabteilung des Gefängnisses verlegt, zwei Tage später in das Jüdische Krankenhaus eingeliefert. Am 4. Januar 1942 ist er verstorben.

 

Die Sterbeurkunde des Standesamtes Berlin-Wedding: „Der Komponist Leon Jessel, jetzt ohne Beruf, glaubenslos, früher mosaisch, wohnhaft in Berlin-Wilmersdorf, Düsseldorfer Straße Nr. 47, ist am 4. Januar 1942 in Berlin im jüdischen Krankenhaus verstorben. Seine Leiche wurde eingeäschert und die Urne mit seiner Asche auf den großen Friedhof Stahnsdorf gebracht.“

 

Wie viele andere durfte Leon Jessel nicht auf seinem (evangelischen) Gemeindefriedhof bestattet werden. Die im Archiv des Stahnsdorfer Südwestkirchhofs bewahrte Grabkarte Nr. 49592 belegt, dass die Urne von der dortigen Kirchengemeinde Trinitatis überwiesen wurde. Die Beisetzung fand am 22. Januar 1942 im Block S, Feld 8, Wahlstelle Nr. 211, statt. Da der Südwestkirchhof bereits in den 1950er Jahren für Angehörige aus den westlichen Stadtbezirken von Berlin nicht mehr oder nur erschwert zugänglich war, ließ die inzwischen in der Nassauischen Straße Nr. 11/12 lebende Witwe Anna Jessel die sterblichen Überreste am 23. Mai 1955 ausgraben und auf den Städtischen Friedhof Wilmersdorf, Berliner Straße Nr. 81-103, umbetten.