Friedrich-Bergius-Schule. Foto Hahn & Stich, 2017

Skandal Friedrich-Bergius-Schule

27.08.2018

 

In Deutschland ist Schule bekanntlich 16 mal anders. So kommt es, dass Thüringen andere Vorstellungen als Berlin hat und Thüringen im bundesdeutschen Schul-Ranking den ersten und Berlin den letzten Platz belegt. Verantwortlich ist dafür eine Senatsverwaltung, die seit 1996 von der SPD beherrscht wird. Damit alles besser wird, leistet sie sich seit einiger Zeit die mehr oder weniger hausinterne Arbeitsgruppe „Schulinspektion“.

 

Diese präsentierte – unter Verzicht auf neutrale Gutachter – vor den Sommerferien 2018 auch eine Bilanz zur Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule. Obwohl bescheinigt wird, dass die Leistung der Schüler sehr gut sei, die Arbeits- und Lernatmosphäre stimme, eine hohe Zustimmung von Eltern und Schülern erreiche, sich mit dem Schulmuseum eng mit Friedenau und dessen Geschichte identifiziert, wird sie in der Gesamtbewertung als Schule mit einem „erheblichen Entwicklungsbedarf“ eingestuft. Sie erhält den Stempel „Problemschule“, die Hilfe von außen bekommen müsse.

 

 

Im Kern geht es wohl darum, dass sich die Friedrich-Bergius-Schule für einen „Frontalunterricht“ entschieden hat, bei dem Schülern Wissen vermittelt und durch Wiederholungen vertieft wird, statt sich wie in Schulen mit vergleichbarer Schülerzusammensetzung – zwei Drittel ohne deutsche Herkunftssprache, die Hälfte aus Hartz-IV-Familien – wegen unzureichender „Ressourcen“ in freier Gruppenarbeit zu verlieren. In der Friedrich-Bergius-Schule führt das zu überdurchschnittlichen Lernerfolgen, zu gemeinschaftsverträgliche Verhalten, zu geringen Schwänzerraten, zu wenig Unterrichtsausfall und zu kaum nennenswerten Gewalttätigkeiten.

 

Die „Schulinspektion“ sucht das Haar in der Suppe und kritisiert Vernachlässigung des Schulprogramms, der Unterrichtsentwicklung und der Kompetenzorientierung, zudem verstoße Schulleiter Michael Rudolph gegen rechtliche Vorgaben bei der Schulorganisation. Für die Friedrich-Bergius-Schule ist allgemein bekannt, dass es in Berlin kaum vergleichbare Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe gibt, die von Eltern und Schülern dermaßen nachgefragt sind, und bei der 50 Prozent der Zehntklässler einen guten Mittleren Schulabschluss erreichen.

 

Bis 2016 war die gelernte Lehrerin Jutta Kaddatz (CDU) als Stadträtin verantwortlich. Inzwischen leitet der vom Stadtrat für Bürgerdienste und Ordnungsaufgaben zum Schulstadtrat ernannte fachfremde Finanzwirt Oliver Schworck (SPD) das Amt. Er hat mit den klaren und kritischen Positionen der Schulleiter und ihrer Vorgehensweise Probleme. Wie sonst ist es zu erklären, dass nun die Schulleiterin Doris Unzeitig der Schöneberger Spreewald-Grundschule „um Auflösung ihres Vertrages zum 7. September 2018“ gebeten hatte. Dem Wunsch der „Unruhestifterin“ von Tempelhof-Schöneberg wurde umgehend entsprochen. Nicht noch einmal möchte Oliver Schworck den März 2018 erleben, als die Schulleiterin einen privaten Wachdienst beauftragte, „um renitente Eltern und schwierige Schüler in die Schranken zu weisen und Schulfremde am Betreten des weitläufigen Areals zu hindern“.

 

Medien zur Friedrich-Bergius-Schule

Schulleiter Michael Rudolph. Foto Friedrich-Bergius-Schule

SPD-Bildungspolitik: Direktor kaltgestellt

24.02.2019

 

Der Direktor der Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule soll endgültig kaltgestellt werden. Nach der umstrittenen Schulinspektion im Sommer 2018, die Lehrerkollegium und Direktor Michael Rudolph bereits in unverantwortlicher Weise diskreditierte, folgt nun der zweite Schlag gegen eine der erfolgreichsten Sekundarschulen in Berlin. Michael Rudolph hatte angeboten, seine Arbeit über die Altersgrenze hinaus fortzusetzen, doch die Senatsbildungsverwaltung unter SPD-Senatorin Sandra Scheeres lehnt das ab.

 

„Mit Schreiben vom 28.5.2018 beantragten Sie eine Dienstzeitverlängerung bis 31.7.2020. Ihrem Antrag kann leider nicht entsprochen werden. Die Schulaufsicht legte dar, kein dienstliche s Interesse an einer Weiterbeschäftigung zu haben.“

 

 

 

 

 

 

Mit diesem lapidaren Schreiben an Michael Rudolph setzt die bislang erfolglose Senatorin wieder einmal „dienstliches Interesse“ über das Interesse von Schülerinnen und Schülern. Scheeres, der Bezirk Tempelhof-Schöneberg unter „Rot-Grün“ mit seinem schlicht überforderten Schulstadtrat Oliver Schworck (SPD), der wohl besser Finanzbeamter geblieben wäre, und die Schreibtisch-Pädagogen des Schulamts betreiben eine ideologische Bildungspolitik, die auf praktische Erfahrungen keine Rücksicht nimmt. Der schulische Erfolg der Kinder und Jugendlichen spielt dabei keine Rolle. Weil Michael Rudolph sich weigerte, den Hirngespinsten einer sich modern gebenden Bildungspolitik blind zu folgen, wurde seine hochanerkannte Arbeit zunächst von der Schulinspektion in Frage gestellt, jetzt soll sie ganz beendet werden.

 

Auf diesen Skandal hat am 21. Februar 2019 zuerst die CDU-Fraktion in der BVV Tempelhof-Schöneberg aufmerksam gemacht. „Die Ablehnung der Verlängerung der Dienstzeit des Schulleiters der Friedrich-Bergius-Schule, Michael Rudolph, ist ein weiterer Fall eines unwürdigen Vorgehens der Senatsbildungsverwaltung mit erfolgreichen und verdienten Lehrkräften und Schulleitungen“, so der schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christian Zander.

 

„Schulleitungen, die Defizite des Berliner Bildungssystems nicht einfach hinnehmen sondern hinterfragen, werden entweder strafversetzt oder bei der erstbesten Gelegenheit aufs Abstellgleis geschoben. Dass nach der berechtigten Kritik an der Ausrichtung der Schulinspektion der Ankündigung der Senatorin Scheeres, künftig die Schülerleistungen und Lernfortschritte bei den Schulinspektionen mehr zu berücksichtigen, auch bald Taten folgen, darf insofern bezweifelt werden.“

 

Zander geht davon aus, dass „die Schulleitungen offenbar auf Linie gebracht werden“ sollen, „damit Kritik verstummt. Vermutlich wird der Fokus der Senatsbildungsverwaltung damit weiter darauf liegen, dass der Weg das Ziel ist – also die dem Senat genehme Unterrichtsmethode - und nicht der Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler“.

 

Es sei paradox, „wenn sich der Senat einerseits darum bemüht, pensionierte Lehrkräfte wieder für den Schuldienst zu aktivieren, um den Lehrkräftemangel zu beheben, andererseits aber verhindert, dass bestimmte Lehrerinnen und Lehrer länger arbeiten dürfen“. Michael Rudolph sei „kein Einzelfall“, so der CDU-Politiker.

 

SPD und Grüne – verantwortlich für die Attacken gegen die Friedenauer Schule – hüllen sich in Schweigen. Umso erstaunlicher ist es, dass die SPD-nahe Publikation „paperpress“ des Autors Ed Koch am 23. Februar 2019 mit einer scharfen Kritik des Vorgehens gegen Michael Rudolph aufwartet. Hier Auszüge des Textes:

 

„Die Friedrich-Bergius-Schule hat einen guten Ruf, was die Nachfrage belegt. Mehr Kinder als die Schule Plätze hat, wollen täglich zum Perelsplatz, auf dem das Gebäude unweit des Rathauses Friedenau steht. In den Schlagzeilen ist die Schule geraten, weil die Schulinspektion der Senatsbildungsverwaltung zu einem ganz anderen Ergebnis als erfolgreich kam. Höchst umstritten sind die Bewertungskriterien der Schulinspektoren. Weil Michael Rudolph mit dem für seine Schule inakzeptablen Ergebnis an die Öffentlichkeit ging, findet nun offenbar in der Bildungsverwaltung ein Umdenken statt. Es bedarf immer wieder Anstöße, um nicht nachvollziehbares Verwaltungshandeln zu verändern. Natürlich hat sich Rudolph als guter Beamter seinem Dienstherren gegenüber loyal zu verhalten, was aber nicht heißt, dass ein guter Beamter alles hinnehmen muss, was von oben kommt.

 

Der Senatsbildungsverwaltung wollen wir nicht unterstellen, dass sie sich gefreut hätte, den aufmüpfigen Schulleiter aus Friedenau schon früher loszuwerden. Nun aber ist es möglich, sich von ihm zu befreien. Michael Rudolph wird 65 und müsste in den Ruhestand gehen, obwohl eine Dienstzeitverlängerung bis 68 möglich wäre. Bis Schuljahresende 2020 wollte Rudolph erst einmal weitermachen.“ Doch das habe die Bildungsverwaltung abgelehnt, so Ed Koch. „Einer Bitte von paperpress an die Senatsbildungsverwaltung zu dem Vorgang Stellung zu nehmen, wurde mit dem Hinweis abgelehnt, dass es sich um eine Personalangelegenheit handele.“

 

„Natürlich ist es sinnvoll, wenn Menschen, die die Altersgrenze erreicht haben, ihren Platz an Jüngere übergeben. Kann es sich Berlin aber beim derzeitigen Lehrermangel leisten, auf Pädagogen, die weitermachen wollen, zu verzichten? Wohl kaum.“

 

„Der Verdacht liegt nahe“, so zitiert Ed Koch die Berliner Morgenpost, „dass Michael Rudolph zu unbequem geworden ist. Und dass die zuständigen Schulbehörden unter Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) einen – in ihren Augen – Störenfried loswerden wollen.“ Frau Scheeres hätte, Personalangelegenheit hin oder her, schon längst einmal öffentlich für Michael Rudolph eine Lanze brechen können“, resümiert paperpress.

 

Michael Rudolph. Foto Thilo Rückeis, Der Tagesspiegel

Nun doch: Michael Rudolph darf bleiben

08.05.2019

 

Der Schulleiter der Friedrich-Bergius-Schule Michael Rudolph hatte der Schulverwaltung angeboten, seine Arbeit über die Altersgrenze hinaus fortzusetzen, und stellte daher den Antrag „einer Dienstzeitverlängerung bis zum 31.07.2020“. Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) ließ ihm allerdings mitteilen, dass seinem Antrag „nicht entsprochen werden kann, da kein dienstliches Interesse an einer Weiterbeschäftigung“ besteht.

 

Gegen diese Entscheidung protestierten Kollegium, Eltern und Öffentlichkeit, nicht aber Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) und Schulbezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD), obwohl beide um die Qualität der Friedenauer Schule und ihres Leiters wussten. Ihr Nichtstun ist wohl mit „Parteidisziplin“ zu erklären.

 

 

Am 8. Mai 2019 erfuhren wir von der CDU-Fraktion von Tempelhof-Schöneberg vom „Umdenken der Senatsverwaltung“ und „der nun doch noch erfolgten Dienstzeitverlängerung von Herrn Rudolph“. Aus den Büros von Angelika Schöttler und Oliver Schworck war nichts zu vernehmen. Eine Presseerklärung des Bezirksamts gab es auch nicht, obwohl die Nachricht nicht nur für die CDU „ein gutes und richtiges Signal insbesondere an das Kollegium der Friedrich-Bergius-Schule“ bedeutet.

 

Es passt zusammen, eine erfolglose Schulsenatorin, eine überforderte Bezirksbürgermeisterin und ein geschwätziger Bezirksschulstadtrat, der wohl besser Finanzbeamter geblieben wäre. All jene, die sich für den Schulleiter eingesetzt und sich auch auf unserer Seite über den Fall informierten, haben ein Anrecht darauf, die offizielle Entscheidung der Senatsschulverwaltung zu kennen. Wir haben den Pressesprecher Thorsten Metter per Mail gebeten, www.friedenau-aktuell.de „die offizielle Mitteilung an Herrn Rudolph“ zur Verfügung zu stellen, aus der hervorgeht, dass „sein Antrag auf Dienstzeitverlängerung“ von Senatorin Sandra Scheeres genehmigt worden ist.

 

Die Antwort des Pressesprechers: „Ein offizielles Dokument kann ich Ihnen nicht zur Verfügung stellen, aber ich kann es offiziell bestätigen. Nachdem in die öffentliche Debatte wieder Ruhe eingekehrt war und beide Seiten Luft geholt haben, wurden jetzt noch einmal die Möglichkeiten für eine Verlängerung geprüft. Herr Rudolph hatte noch einmal die Senatorin angeschrieben und sein Interesse verdeutlicht, weiter die Schule leiten zu können. Auch hat Herr Rudolph bestimmte Punkte klargestellt (Schulinspektion, Partizipation Schüler). Ein gemeinsamer Punkt ist darüber hinaus die Umsetzung des Qualitätspaketes der Senatorin. Letztendlich ging es dann für Senatorin Scheeres und Staatsekretärin Stoffers um die pragmatische Entscheidung, was ist für die Schule und die Schülerinnen und Schüler jetzt die beste Lösung. Denn das ist ja für uns alle das Entscheidende. Also ist das jetzt eine gute Lösung. Die öffentliche Debatte war also teilweise eher kontraproduktiv.“

 

Wieso „die öffentliche Debatte also teilweise eher kontraproduktiv war“, zu Deutsch also demnach „nicht hilfreich" oder gar schädlich und abträglich war, müsste der Pressesprecher doch noch mal erklären. Ohne die öffentliche Debatte hätten Scheeres und Stoffers wohl nicht eingelenkt.

 

 

Abschiedskonzert der Schüler-Combo des Gymnasiums am Maybachplatz

am 23. Januar 1942 im Ratskeller Friedenau. Archiv Koch

 

 

Drei Tage vor Einberufung des 18-jährigen Heinz-Dieter Koch zur Wehrmacht gab die Schüler-Combo der Klasse U III des Gymnasiums am Maybachplatz am 23. Januar 1942 ein Abschiedskonzert im Friedenauer Ratskeller. Unter den Zuhörern im vollbesetzten Saal Lehrer, Eltern, Schüler und auch Schulkameraden in Wehrmachtsuniform. Auf dem Foto von links Heinz-Dieter Koch als Band-Leader, Akkordeonist und Sänger, Hans-Ernst Benckendorff (Klarinette), Rolf Rabald (Saxophon), Johann-Georg Kleist (Klavier), Wolfgang Mäder (Trompete), Wilfried Schultze (Bass), Wolfgang Arendt (Gitarre), Karl-Theodor Menzel (Gitarre) und Hans-Wilhelm Schröder (Schlagzeug).

 

Swing war ihr Leben, ein Stil, der im nationalsozialistischen Deutschland nicht in die Landschaft passte, auch nicht ins Friedenauer Gymnasium, wo der Oberlehrer Martin Iskraut (1886-1958) nach der Machtergreifung zum Oberstudienrat und Direktor gemacht wurde. Damit würdigte die NSDAP seine Verdienste als Mitherausgeber der Schriften des Führers Adolf Hitler und seiner Mitkämpfer, die ab 1933 unter dem Titel Die Grundgedanken der nationalsozialistischen Weltanschauung auf die einzelnen Lebensgebiete erschienen. Mit seinem Missfallen gegenüber den swing-begeisterten Gymnasiasten konnte sich Schuldirektor Iskraut nicht wirklich durchsetzen. Vielleicht kommt daher heute Kochs vages Mitgefühl für den strammen Nazi: Iskraut hatte dafür schwer büßen müssen: 1946 Hilfsarbeiter in einer Holzfabrik in Schwäbisch-Hall, 1947 Arbeiter in einer Mostfabrik in Walsrode, 1949 Lehrer an einer Walddorfschule, bis ein Schlaganfall seinem Berufsleben ein Ende machte.

 

Heinz-Dieter Koch war beim Swing ganz wesentlich auf das Hören angewiesen. Einige original-amerikanische Noten konnte man seinerzeit noch in der Berliner Filiale von Francis Day & Hunter kaufen, zum Beispiel den St. Louis Blues. Die übrigen Titel musste ich nach Gehör aufzeichnen, von amerikanischen Schalplatten, die gewitzte Händler über Schweden bezogen. Das arrangierte er dann für seine mühsam zusammengestoppelte Combo-Besetzung. Immer wieder betont Koch, dass er ein reiner Autodidakt war und keine Musikausbildung vorzuweisen hatte. Jener Studienrat, der ihm im Abiturzeugnis für das Fach Musik ein Befriedigend gegeben hat, im Jahr zuvor sogar nur eine Vier, hatte weder einen Draht zu Heinz-Dieter Koch noch zum amerikanischen Swing. Der Musiklehrer wollte mich wegen meiner nicht zu verheimlichenden Vorliebe für Jazz und Swing abstrafen, obwohl ich nach meinem Klassenkameraden Hans-Ernst Benckendorff wohl der Beste in Musik war (auch in der Klassik!).

 

Drei Tage später war er beim Flak-Lehr-Regiment im Seefliegerhorst Stralsund. Von dort ging es zur Rekrutenausbildung ins norwegische Eidsvoll und weiter zum Einsatz in Nordfinnland. Koch wurde krank und kam in ein Wehrmachtslazarett in Finnland. Dort erfuhr er, dass sein Gitarrist Karl-Theodor Menzel bei einem Übungsflug über Fürstenwalde abgestürzt und am 8. April 1942 im Feldlazarett Fürstenwalde verstorben ist. Was von dem 18-jährigen noch übriggeblieben ist, kam nicht in ein Grab in Wilmersdorf, wo seine Eltern lebten, sondern auf den Neuen Friedhof in Fürstenwalde. Ob Menzel wie Koch sein am 24. März 1942 vom Bezirksamt Schöneberg ausgestelltes Zeugnis der Reife noch vor seinem Tod in den Händen halten konnte, ist nicht bekannt.

 

Heinz-Dieter Koch in Uniform, 1942. Archiv Koch

Heinz-Dieter Koch wurde am 21. Dezember 1923 in Danzig-Langfuhr als Sohn des Bankvorstands Alexander Koch und seiner Frau Meta geb. Lungfiel geboren. Ab 1924 wechselte die Familie dreimal ihren Sitz, zunächst nach Johannisburg in Ostpreußen, dann 1932 nach Rostock, wo seine Mutter 1933 im Alter von 35 Jahren verstarb. 1936 heiratete der Vater wieder. Aus dieser Ehe kamen 1937 und 1939 die (Stief-)Brüder Joachim und Manfred zur Welt. 1937 kam der Vater zur Zentrale der Deutschen Industriebank in Berlin. Die Familie bezog eine große Vierzimmer-Wohnung in der Wilhelmshöher Straße Nr. 14. In Friedenau besuchte ich bis zum Abitur das städtische humanistische Gymnasium am Maybachplatz (heute Friedrich-Bergius-Schule). Was die Lehrerschaft, den Unterricht und die Mitschüler betraf ein Glücksgriff! Bis zum letzten Klassenkameraden, der im September 2018 verstarb, hatten wir engen Kontakt; unsere Klasse war die letzte dieses Gymnasiums mit Abiturabschluss. Im Zeugnis von 1942 wurde vermerkt: Heinz-Dieter Koch war 5 Jahre auf dem Friedenauer Gymnasium am Maybachplatz, davon zwar 1 Jahr in Prima. Sein körperliches Streben war sehr erfreulich, sein geistiges Streben war anerkennenswert, seine charakterliche Haltung war besonders anzuerkennen. Koch hat die Prüfung gut bestanden. Er will Schriftleiter werden.

 

Es kam ganz anders. Nach dem Lazarett war ich selbst ja auch nicht mehr kriegsverwendungsfähig. Als der „Feind“ Westdeutschland zu erobern begann, wurde meine ja kaum auf Erdkämpfe ausgerichtete Einheit dorthin zurückgezogen. Im Wesergebirge geriet Koch in Gefangenschaft der British Army, die deutsche Kriegsgefangene an Belgien übergaben. Nach einem Transport im offenen Güterwagen durch Holland wurde ich bis März 1946 in einem belgischen Kohlebergwerk in 735 m Tiefe als Arbeitskraft eingesetzt. Ein Jahr danach wurde ich im März 1946 nach Meppen/Ems entlassen. Nach seiner Rückkehr kam Heinz-Dieter Koch 1949 wieder nach Berlin – und heiratete. Die elterliche Wohnung in der Wilhelmshöher Straße Nr. 14 gab es nicht mehr. Seine Stiefmutter war bereits 1943 wegen der Luftangriffe mit den beiden Söhnen nach Mecklenburg gezogen und sein Vater war in russischer Gefangenschaft. Die Wohnung war „entmietet“ worden. So wohnte das junge Ehepaar anfangs bei den Schwiegereltern, wieder in Friedenau, dieses Mal in der Kaiserallee Nr. 137.

 

 

Koch erinnerte sich an seine Zeit als Band-Leader und Bearbeiter der musikalischen Arrangements für seine Friedenauer Schüler-Combo und wurde Arrangeur bei RIAS und NDR. Ich habe für das damals unter Werner Müller neu gegründete RIAS-Tanzorchester arrangiert. Müller kam vom Tanzorchester Kurt Widmann, das vormals im Haus Vaterland auftrat und regelmäßig Swingjazz spielte. Nachdem Müller 1967 die Leitung des WDR-Tanzorchesters in Köln übernommen hatte, wurde sozusagen in memoriam die RIAS Big Band unter dem ersten Leiter Jiggs Wigham gegründet – alles erstklassige Jazz- und Bigbandmusiker. Für diese Band kann man wirklich heute noch schwärmen, aber die sie tragenden Rundfunkgesellschaften wollten sie nicht mehr - eine Kulturschande in meinen Augen! Zum Glück besitze ich viele Mitschnitte.

 

1950 beschlossen mein Schwiegervater und ich, einen richtigen kaufmännischen Beruf zu ergreifen. Meine fehlende musikalische Ausbildung ließ es auch mir ratsam erscheinen. Ich wurde Handelsvertreter, von 1955 bis 1967 Filialleiter im Schuheinzelhandel und nach einem als Betriebswirt abgeschlossenen Abendstudium an der Wirtschaftsakademie Berlin Unternehmensberater.

 

Als solcher hatte Koch ein Gutachten für das Europa-Center am Breitscheidplatz gefertigt. Das Wahrzeichen West-Berlins war 1965 eröffnet worden und inzwischen „in die Jahre gekommen“. Eigentümer Karl Heinz Pepper musste investieren und sagte: Na dann kommen Sie zu mir und machen alles besser. 1973 wurde er kaufmännischer Leiter und das Europa-Center zur Großbaustelle mit zeitweise bis zu hundert Handwerkern, bereits im zweiten Monat meiner Zeit gab es einen Großbrand. Tag und Nacht technische Pannen. Unzumutbare Verhältnisse für die Mieter und Besucher. Ein einziges Chaos. Die Innenhöfe erhielten Überdachungen, die Kunsteisbahn wurde aufgegeben und durch Terrassencafé und Brunnen ersetzt. Nach fünf Jahren, ich zwischendurch total fertig und für einige Zeit sogar im Krankenhaus, gab es ein neues Europa-Center. Ich sah meine Aufgabe als erfüllt und kündigte Ende des fünften Jahres. Herr Pepper: Bei mir hat noch nie jemand gekündigt! Koch musste die einjährige Kündigungsfrist einhalten.

 

Im Privatleben gab es einige Veränderungen. 1951 wurde seine Tochter Susanne geboren. Die geschlossene Ehe hatte keinen Bestand. 1972 kam es zur Scheidung. 1979 machte sich Koch im Alter von 55 Jahren als Unternehmensberater selbstständig. Er traf Gisela Schalge, die er während des Krieges als Freundin und spätere Ehefrau eines bereits 1963 verstorbenen Kameraden kennen gelernt hatte. 1980 zogen sie in eine der 1500 DEGEWO-Wohnungen der Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße. Dort fühlen sie sich wohl, genießen die Ruhe und das Grün drum herum. Jetzt, im hohen Alter, freuen sie sich über die barrierefreien Wege von der Wohnung zu Supermarkt, Apotheke, Textilreinigung, Blumenladen.

 

Mit 73 Jahren hängte Heinz-Dieter Koch den Unternehmensberater an den Nagel. Seit 40 Jahren lebt er mit Gisela Schalge in einer Partnerschaft. Inzwischen ist er 95 Jahre und wundert sich, dass er vor kurzem mit seiner Tochter deren 68. Geburtstag feiern konnte. Der einstige Band-Leader der Schüler-Combo vom Friedenauer Gymnasium am Maybachplatz blickt auf ein langes und bewegtes Leben zurück.