Die 985 Meter lange Rheinstraße zwischen Breslauer Platz (vorher Lauterplatz) und Walter-Schreiber-Platz (vorher Rheineck) war ursprünglich Teil der „Provinzialchaussee Berlin-Potsdam“ bzw. der Reichsstraße 1 (Bundesstraße 1). Im Bereich der Gemarkung Berlin wurde die Trasse Potsdamer Straße genannt. Im Bereich der Schöneberger Gemarkung hatte der Straßenzug die Namen Dorfstraße, Gartenstraße und Potsdamer Straße, die 1881 auf der gesamten Länge in Hauptstraße umbenannt wurden. Der später zu Friedenau gehörende Straßenteil hieß von 1791 bis 1872 Potsdamer Chaussee und von 1872 bis 1875 Schöneberger Straße. Nach der Gründung von Friedenau wurde der Straßenabschnitt (in Erinnerung an den „Friede von Frankfurt“ von 1871) am 22. Oktober 1875 in Rheinstraße umbenannt. Ihre heutige Nummerierung erhielt die Rheinstraße etwa um 1893. Zu Friedenau zählen die Häuser 1 bis 38 und 43 bis 66. Die Häuser 40 bis 42 gehören zu Steglitz.

 

Die Häuser besaßen entsprechend den Carstennschen Plänen einer Landhaussiedlung ursprünglich Vorgärten. 1890 mussten sie mit der Einrichtung der Straßenbahnlinie von Steglitz zum Alexanderplatz weichen. Am 2. Mai 1963 wurde der Straßenbahnverkehr eingestellt. Es entstand der grüne Mittelstreifen, der teilweise in Parkflächen umgewandelt wurde. Seit 2016 gibt es (auf dem Papier) das „Bündnis Pro Straßenbahn“. Es fordert „den zügigen und umweltschonenden Ausbau des Straßenbahnnetzes für ganz Berlin“. Eine Strecke vom Alexanderplatz über Leipziger Straße, Potsdamer Platz und Innsbrucker Platz zum Rathaus Steglitz soll die Buslinien M48 und M85 ersetzen.

 

Ehemalige Badeanstalt der AOK Rheinstraße Nr. 9. H&S 2015

Rheinstraße Nr. 9

Baudenkmal Bad

Entwurf Architekt Hans Altmann

Bauherr AOK Schöneberg

1924-1925

 

Das Mietshaus Rheinstraße Nr. 9 wurde 1897 nach einem Entwurf von Architekt Oscar Haustein gebaut. 1907 zog dort die Friedenauer Ortskrankenkasse ein. 1919 richtete die Allgemeine Ortskrankenkasse Schöneberg in diesem Haus ein Ambulatorium mit einer Badeanstalt ein. 1920 kam eine Zahnärztliche Klinik der AOK hinzu. Da der Raumbedarf größer wurde, entstand 1924/25 nach Plänen des Architekten Hans Altmann ein zweigeschossiger Anbau an den Ostgiebel des nördlichen Seitenflügels als Sichtziegelbau, dem zum Hof hin ein Souterrain vorgelagert wurde.

 

 

 

 

 

In der Publikation „Topographie Schöneberg/Friedenau, 2000“ heißt es: „Der Anbau mit einer Grundfläche von 8,5 x 6,5 Metern besteht im Erdgeschoss aus einem Empfangs- und Warteraum mit weißen Fliesen. Eine Treppe führt ins Obergeschoss und ins Souterrain. Im Obergeschoss ist ein tonnengewölbter, mit grünen Fliesen verkleideter Ruheraum untergebracht. Im Souterrain befindet sich ein ehemaliger Naßraum, der sich in den Hof vorschiebt und mit gelben Fliesen verkleidet ist. Die farbige Keramik ist im Stil des Art déco der Zeit reich ornamentiert. Die aufwendige, gestalterisch herausragende Keramik-Ausstattung der Räume macht diesen bescheidenen Anbau zu einem kleinen Meisterwerk des Architekten Altmann.“ Über die heute Nutzung ist nichts bekannt.

Rheinstraße Nr. 10. H&S 2018

Rheinstraße Nr. 10

Baudenkmal Mietshaus

Ausführung Emil Rösler

1896

Rheinstraße Nr. 11. H&S 2018

Rheinstraße Nr. 11

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf Maurermeister Emil Rösler

Bauherr Rudolf Straus

1896

 

Ab 1898 befand sich in diesem Haus die „Wohlthatsche Buch- und Papierhandlung“: „Reiches Lager von Jugendschriften, Werken der Geschenkliteratur, Schulbüchern aller hiesigen Schulen. Zentralstelle für den Bezug von Zeitschriften, Fach-Organen, Modejournalen, Lieferungswerken. Reichhaltige Leihbibliothek.“

 

Rheinstraße Nr. 16

 

Das Haus Rheinstraße Nr. 16 ist 1891/92 von einem bisher unbekannten Baumeister für den Bauherrn Albert Hirt (1849-1905) errichtet worden, dem die Gemeinde 1893 die Lizenz  für die erste Apotheke von Friedenau erteilte. Nach zehn Jahren verkaufte er 1903 die „Adler-Apotheke“ an den Apotheker Paul Sadée und kaufte die vor 1890 errichtete Landhausvilla in der Wielandstraße Nr. 15. Albert Hirt verstarb am 26. November 1905 und wurde auf dem Friedhof Stubenrauchstraße bestattet. Das Grab gestaltete der Bildhauer Valentino Casal und befindet sich noch heute im Familienbesitz. Einen ausführlichen Beitrag finden Sie unter Friedhof Stubenrauchstraße.

Das Haus Rheinstraße Nr. 16 wurde von Bomben getroffen, später abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Geblieben sind die gelb-roten Ziegelbauten der Häuser Nr. 17 bis Nr. 20.

 

 

 

Rheinstraße Nr. 17 um 1932

Rheinstraße Nr. 17

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf & Bauherr H. Pählchen

1893

 

Der Bau besteht aus Vorderhaus, Seitenflügel und Quergebäude, was der Bauordnung von 1892 entspricht.

Rheinstraße Nr. 18. H&S 2018

Rheinstraße Nr. 18

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf & Bauherr Baugeschäft H. Pählchen

1893-1894

Rheinstraße Nr. 19. Archiv Barasch

Rheinstraße Nr. 19

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf & Bauherr H. Pählchen (Baugeschäft)

1891

Rheinstraße Nr. 34

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf Theodor Thöns

1904-1905

Konfektionshaus Ebbinghaus, 1988. Topographie Friedenau

Rheinstraße Nr. 39-39 A

Ecke Bundesallee 104-105

Baudenkmal Kaufhaus

Entwurf Architekt Hans Schaefers

Bauherr Ebbinghaus KG

1961-1962

 

Der Architekt Hans Schaefers (1907-1991) realisierte zwischen 1950 und 1980 in Berlin herausragende Bauten, darunter an der Ecke Bundesallee und Rheinstraße das Konfektionshaus Ebbinghaus. „Es besteht aus einem eingeschossigen Flachbau, einem Luftgeschoss mit Parkdeck und einem aufgeständerten, dreigeschossigen, winkelförmigen Kopfbau, der nach Süden mit hohen Fensterbändern geöffnet und mit weit auskragenden horizontalen Sonnenblenden geschützt ist. Bei dem Bauwerk handelt es sich um einen Stahlbetonskelettbau mit fünfeckigen Stützen, der verglast und mit emaillierten Blechtafeln verkleidet ist.“ Quelle Topographie Schöneberg/Friedenau, 2000.

 

 

 

 

Nach 2006 erfolgte der Umbau zu Ärztehaus und Biomarkt. Obwohl unter Denkmalschutz stehend, wurde der Abriss von Parkdeck und Rampe mit Zustimmung des Bezirksamts Schöneberg genehmigt – eine nicht nachvollziehbare Entscheidung mit einem erheblichen Denkmalverlust. Noch vor seinem Tod stiftete Hans Schaefers einen Preis zur Förderung junger Architekten, der 1992 erstmalig vergeben wurde. 2005 gründete der BDA Berlin die „Hans Schaefers Stiftung“. Das Grab von Hans Schaefers befindet sich auf dem Friedhof Dahlem (Feld 4).

 

Rheinstraße Nr. 44-46, Optische Anstalt C. P. Goerz. Archiv Barasch

Rheinstraße Nr. 44-46

Holsteinische Straße Nr. 39-42

Baudenkmal Fabrik

Entwurf 1897-1901 Waldemar Wendt & Paul Egeling

Entwurf 1904-1910 Emil Schmidt

Entwurf 1912-1919 Albert Paeseler

Bauherr Optische Anstalt C. P. Goerz

 

Die Baugeschichte auf dem Grundstück Rheinstraße Nr. 44-46 und Holsteinische Straße Nr. 39-42 ist kompliziert. In der Rheinstraße Nr. 44 stand an der Straße ein einstöckiges Landhaus aus der Gründerzeit von Friedenau. 1897 setzten die Architekten Waldemar Wendt und Paul Egeling (1856-1937) auf das Grundstück Nr. 46 in erster Baulinie ein viergeschossiges Mietshaus im neogotischen Stil. Dahinter in zweiter Baulinie entstand die viergeschossige Fabrik als Rohziegelbau.

 

Beide Bauten in der ursprünglich als Landhauskolonie gedachten Siedlung waren durch die Bauordnungen von 1887 und 1892 gedeckt, mit denen die Gestaltungsordnungen von Berlin und den Vororten über einen Kamm geschert wurden. Interessant ist, dass zur Bauzeit die Gemarkungsgrenze zwischen Steglitz und Friedenau mitten durch das Grundstück Rheinstraße Nr. 44 bis Nr. 46 führte. Die Peschkestraße (einst Straße 25) gehörte ebenso wie die Holsteinische Straße (einst Straße 22 und Straße 26) zu Steglitz. Erst seit der Neuordnung der Verwaltungsgrenzen für die Reichshauptstadt Berlin von 1938 gehören die Gebäude der Optischen Anstalt C. P. Goerz in der Rheinstraße zu Friedenau.

 

In den Jahren zwischen 1899 und 1915 vervollständigten die Architekten Egeling, Wendt, Schmidt, Paeseler und Mitnacht das Goerzsche Areal in mehreren Bauabschnitten. 1899 kam ein Werkstattflügel quer zum Fabrikgebäude, 1901 ein langgestreckter viergeschossiger Klinkerbau mit reichem Dekor im Stil der Märkischen Backsteingotik und zwischen 1905 und 1908 die Hofrandbebauung hinter dem Erstbau bis zur Holsteinischen Straße. Zwischen 1913 und 1915 entstand der fünfgeschossige Verwaltungsbau mit Tonnendach, dem obendrein ein Observatorium aufgesetzt wurde, zeitgleich auf Nr. 44 eine zweigeschossige Werkstatt (heute Tanzschule). Glanzstück der Goerz-Höfe ist zweifellos der 1915 über dem Fabrikbau errichtete 31 Meter hohe verglaste Stahlskelett-Turmbau mit Kranausleger und auskragenden Terrasse – damals notwendig für den Test von Fernrohren und Entfernungsmessern.

 

Der Aufstieg der Firma C. P. Goerz wäre ohne die Aufträge des Preußischen Kriegsministeriums nicht möglich gewesen. Goerz stellte zwar Kameras her, Westentaschen-Kamera TENAX, Klapp-Kamera ANGO, auch Entfernungsmesser und Linsenfernrohre für Sternwarten, aber auch Periskope und Scherenfernrohre, mit deren Hilfe aus Bunkern, Schützengräben und U-Booten Ausschau gehalten werden konnte. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Versailler Vertrag kam das Geschäft zum Erliegen. 1926 wurde die „Optische Anstalt C. P. Goerz“ von der „Zeiss Ikon AG Dresden“ übernommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann die „Zeiss Ikon AG Stuttgart“ und den „VEB Zeiss Ikon Dresden“, der später mit dem Namen „VEB Pentacon Dresden“ versehen werden musste.

 

Die Immobilie „Goerz-Höfe“ ging 1961 in den Besitz der „Becker & Kries Holding GmbH & Co. KG“ über. Sie wurde restauriert. Heute stehen 161 m² Wohnfläche und 21.009 m² Gewerbefläche von 20 bis 1005 m² zur Verfügung. Die Vermietung bereitet offensichtlich keine Sorgen. 70 Mieter soll es geben, darunter Ingenieure, Architekten, Verlage, Agenturen, Designer, Vertreter und Studios für Sport, Tanz, Theater.

 

Carl Paul Goerz (1854-1923)

 

Kaisereiche, 1900

Kaisereiche

Gustav Schenck

 

Ist es die erste, die vierte oder gar die fünfte Eiche? So ganz klar ist das nicht. Einigermaßen belegt ist, dass die erste 1873 von Gustav Schenck gepflanzt wurde. Da sie „nach wenigen Tagen von ruchloser Hand durchschnitten“ wurde, setzte er sogleich eine neue. Diese zweite ging ein. 1879 wurde eine dritte gesetzt und Kaiser Wilhelm I. gewidmet – die Kaisereiche. 1883 soll eine Nachpflanzung vorgenommen worden sein – die vierte Eiche? Unmittelbar neben dem Baum wurde das Eckhaus Rheinstraße/Illstraße von Weltkriegsbomben zerstört. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieses Exemplar nicht überlebt hat und nach dem Krieg ersetzt wurde. Die fünfte „Kaisereiche“?

 

 

Der einst halbkreisförmige Platz vor Mosel-, Saar- und Illstraße soll „Rondell“ genannt worden sein. Auf den gängigen Plänen von anno dazumal gibt es dafür keinen Hinweis. Eingebürgert hat sich die Bezeichnung „Kaisereiche“ – schon zu Zeiten der Straßenbahn, die hier in Richtung Friedenauer Brücke abbog. Die BVG hat den Begriff „Kaisereiche“ für die Bushaltestelle übernommen.

 

Es ist nicht mehr als recht und billig, ein bisschen bei Gustav Schenck (1830-1905) zu verweilen. Der Berliner folgte dem Werben von Grundstücksspekulant David Born und erwarb im „Wilmersdorfer Oberfeld“ ein Doppelgrundstück. Im März 1873, also noch vor der eigentlichen Gründung von Friedenau, bezog er auf dem Doppelgrundstück Ringstraße Nr. 33/34 (Dickhardtstraße) sein Landhaus und gehörte damit zu den ersten Siedlern. Obwohl nicht nur in den Adressbüchern von 1873 bis 1886 als Eigentümer immer „Schenck“ mit „ck“ aufgeführt ist, wurde in der gesamten bisher erschienenen Friedenau-Literatur sein Name ohne „c“ (ab)geschrieben.

 

So ganz durchdacht war sein Umzug nach Friedenau wohl nicht. Gustav Schenck war Redakteur beim „Berliner Fremden- und Anzeigeblatt“ mit Sitz in der Wilhelmstraße Nr. 75. Das Unternehmen gehörte der Verlegerdynastie Decker, die von 1763 bis 1816 als preußische Hofbuchdrucker nicht nur das Monopol für amtliche Drucke besaß. Die „Königliche Geheime Oberhofbuchdruckerei (R. v. Decker)“ gab auch die „Allgemeine Preußische Zeitung“ und den „Königlich Preußischen Staats-Anzeiger“ heraus. Im Verlag erschienen auch die Werke von Theodor Fontane, darunter die höchst fragwürdigen Titel „Der Schleswig-Holsteinische Krieg“ (1866), „Aus den Tagen der Occupation“ (1871) und „Der Krieg gegen Frankreich“ (1873).

 

Das politisch farblose „Berliner Fremdenblatt“, für das Gustav Schenk zuständig war, hatte eine Auflage von 40.000 Exemplaren. Was dort wiedergegeben wurde, wäre heute aus Datenschutzgründen nicht mehr möglich. Historiker bedauern das, weil Recherchen damit immer schwieriger werden. Die Lektüre dieser „Mitteilungen“ ist köstlich. Informiert wurde über „Fremde in Berlin“. Bei den „Angekommenen“ wurden neben Namen und Titeln Herkunftsort und Unterkunft angeführt, bei den „Abgemeldeten“ das Reiseziel. Obwohl die Abkürzungen manchmal auch unverständlich sind, sollen – „aus Freud an der Sach“ – einige Beispiele aufgeführt werden:

 

„I. Angemeldete Fremden vom 23. Februar 1826. Den 22. Febr.: Fr. Bar. v. Blome, Stiftsdame, a. d. Holsteinischen u. d. K. Russ. Gen. Maj. u. Gen. Adj. v. Strekaloff a. d. Haag, St. Rom; Hr. Landrath v. Wedell-Parlow a. Greiffenberg, s.g. Adl. i.d. Hause; Hr. Gutsb. Bar. v. Platen a. Benzig ... u. Hr. Part. v. Waldow a. Potsdam, s. H.d.Prusse;

II. Abgemeldete Fremden vom 23. Februar 1826: Den 21. Febr.: Herr Gutsd. v. Massow n. Treten ... Hr. Part. v. Pfuhl n. Calau; Hr. Gutsb. v. Diedrichs n. Potsdam; ... Den 22.: Hr. Gutsb. v. Graevenitz n. Halle; d. Hrn. Ltns. v. Winnung n. Glogau u. v. Brause n. Leipzig.“

 

Die Auskünfte wurden mitunter sehr unterschiedlich verarbeitet. Im Jahr 1848 hieß es: „Hotel Stadt London: v. Bergern, Partikulier aus Wesel; Meinhardt`s Hotel: Frhr. v. Fabrice, Rittergutsbesitzer, und Frfr. v. Fabrice aus Dresden; Rittergutsbesitzer v. Bülow aus Schwerin und v. Klitzing aus Grasse; Mylius-Hotel: v. Bülow, Partikulier aus Aschersleben; Hotel de France: v. Münchhausen, Partikulier aus Magdeburg. In Privathäusern: Baron v. Spilcker aus Stade, Puttkamerstr.1 bei v. Spilker; Frau v. der Ahi aus Woldenberg, Stallschreiberstr.59 bei v. Jangow“.

 

Nach dem Tod von Verleger Rudolf Ludwig Decker (1804-1877) wurde die „Königliche Geheime Oberhofbuchdruckerei“ aufgeteilt. Das Deutsche Reich kaufte 1877 die Druckerei, aus der später die Reichs- und Bundesdruckerei wurden. Den Verlag erwarben Redakteur Gustav Schenck und Buchhändler Otto Marquardt. Sie firmierten fortan als „R. von Decker, Marquardt & Schenck“ Berlin. „Da mich mein Berliner Beruf immer mehr in Anspruch nahm“, musste Schenck Friedenau wieder in Richtung Berlin verlassen. Sein Haus in der Ringstraße (später Dickhardtstraße) erwarb 1888 der Kaufmann Julius Möller, Mitinhaber der Berliner Hufnagelfabrik Möller & Schreiber.

 

Nach 1890 hat Schenck unweit der Bahnstation Werder an der Havel und direkt am See Grundstück und Villa Am Zernsee Nr. 5 erworben. Dort starb Gustav Schenck „nach langem, schwerem Leiden“ am 27. März 1905. Die Witwe Bertha geb. Schunke ließ ihn auf dem Friedhof der Jerusalems- und Neuen Kirche an der Bergmannstraße in Kreuzberg begraben. Über das Ende des „Berliner Fremdenblatt“ sind die Angaben vage. Geblieben ist seine Idee – die „Kaisereiche“ in Friedenau.

 

 

Rheinstraße Nr. 60

 

Es begann am 28. Dezember 1895. Da teilte Grundstückseigentümer Oskar Förster im Friedenauer Lokal-Anzeiger mit, dass er hierselbst in der Rheinstraße 60 erbautes Gasthaus unter dem Namen „Rheinschloss“ am ersten Weihnachtsfeiertage eröffnet habe – mit Restaurant und Café, Weinhandlung und Weinstuben, Billard und Kegelbahnen, Festsäle und Vereinszimmer.

 

Am 16. März 1896 folgte die nächste Überraschung: Theater in Friedenau. Unter der Direktion von Hans Hagemann gab es im Rheinschloss die Eröffnungs-Vorstellung Die Anna-Liese mit dem Hinweis: Das Rauchen im großen Theatersaal ist nicht gestattet. Das folgende Jahrzehnt ist geprägt durch häufige Wechsel von Eigentümern und Betreibern.

 

 

Das Rheinschloss blieb, vorrangig genutzt für Versammlungen aller Art. Im Frühjahr 1911 zog der Friedenauer Lokal-Anzeiger Bilanz: In Friedenau bestehen z. Zt. 3 Kinematographen-Theater, von denen das „Biophon-Theater“ (1909-1932) in der Rheinstraße Nr. 14 und die „Friedenauer Lichtbildbühne“ (1911) in der Rheinstraße Nr. 64 am Lauterplatz sich regen Besuches zu erfreuen haben. Am 1. April wird dann im „Rheinschloss“ ein viertes derartiges Theater, das im modernen Stil, ähnlich den Lichtspielen am Nollendorfplatz gehalten sein soll, eröffnet werden.

 

Die Eröffnung der Rheinschloss-Lichtspiele in der Rheinstraße Nr. 60 gab es dann doch erst am 16. April 1911: Dieses modern und vornehm eingerichtete Kinematographen-Theater weist den gleichen Komfort aus, wie die besten und großen Berliner Theater. Es sind über 500 Sitzplätze vorhanden. Die Bühne ist zu Logenplätzen umgewandelt worden und macht den Eindruck einer Fürstenloge. Vor der Projektionswand befindet sich ein schwerer Plüschvorhang, der elektrisch betrieben wird. Die elektrische Beleuchtung mit 5600 Lichtkerzen ist als feenhaft zu bezeichnen. Neu ist ein Lichtregulator, wie er in den neueren Berliner Theatern zu finden ist; dieser bewirkt, dass das Aufflammen und Verlöschen der Beleuchtung ganz allmählich geschieht, so dass das Auge nicht unter der plötzlichen Helle oder der plötzlichen Dunkelheit zu leiden hat. Die Gänge sind mit guten Läufern belegt. Trotz der in diesem Theater vorherrschenden Eleganz sind die Eintrittspreise außerordentlich billige, sie betragen 30 Pf. bis 1,50 M. Von heute Abend ab gelangt zur Vorführung Idas spannende Drama „Das gefährliche Alter“, ausgeführt von ersten Kräften des König!. Schauspielhauses in Kopenhagen, und das Drama aus dem Leben „Großstadt-Versuchungen“; hierzu das übrige Riesenprogramm: Landschaften, Städtebilder, historische Begebenheiten usw. Die Garderobe ist frei; die Damen werden daher freundlichst gebeten, die Hüte abzunehmen. In den Pausen konzertiert ein großes Theater-Orchester.

 

Bis 1918 war das Grundstück Rheinstraße Nr. 60 im Eigentum der Familie Förster. Tochter Charlotte Förster hatte sich am 19. März 1918 mit dem Leutnant der Reserve Dr. phil. Ernst Dibbern vermählt. Nach dem Lotte Förster am 11. April 1918 verstarb, erbten das Haus Charlotte und Ernst Dibbern. Nach Recherchen von Kinowiki übernahm 1917 Felix Borghard das Kino als Betreiber. Als Inhaber fungierten bis 1931 Felix Borghard und Ernst Dibbern. Nach dem Tod von Felix Borghard im Jahr 1947 übernahm Witwe Gertrud Borghard bis 1974 die Geschicke des Kinos. So blieb es bis 1974: Tägliche Vorstellungen, 400 bis 512 Plätze, Bühne Breite 6,5 m, Tiefe 4 m, Höhe 5,5 m, Bild- und Tontechnik nach dem aktuellen Stand, Polstersessel. Ernst und Lotte Dibbern haben sich 1929 nach Goslar zurückgezogen. Im Berliner Adressbuch von 1943 ist Charlotte Dibbern (Hannover) als Eigentümerin des Grundstücks eingetragen.

 

1974 war Schluss mit Kino im Rheinschloss. Für über vier Jahrzehnte zog ALDI ein. Am 1. Juni 2014 war auch damit Schluss. Neuer Interessent war denn's Biomarkt GmbH aus Töpen. Da war sofort auch Evelyn Weißberg vom Verlag edition Friedenauer Brücke mit alten Fotos von der Fassade sowie vom kleinen Restaurant und der Weinstube des Hotels zur Stelle, die in vergrößertem Format in der künftigen Biomarkt-Filiale zu sehen sein werden. Der Unteren Denkmalschutzbehörde von Tempelhof-Schöneberg ist zu Gute zu halten, dass bei Sichtung der denn’schen Umbaupläne auch die Bauzeichnungen von 1895 gefunden und dabei – wie schon beim Umbau vom Gotha-Markt zum LPG-Markt in der Hauptstraße Nr. 78 – ein Stück Friedenauer Baugeschichte wieder entdeckt worden ist. Hinter den eingezogenen Zwischendecken kamen Gesimse, Friese, Kapitelle, Wandsäulen, Pfeiler und zugemauerte Rundbogenfenster zum Vorschein. Das alles ist nun wieder sichtbar.

 

Kaiser-Wilhelm-Garten. Archiv Rüdiger Barasch

Rheinstraße Nr. 65

 

Die Geschichte des Eckgrundstücks Rheinstraße und Ringstraße (ab 1962 Dickhardtstraße) ist etwas kompliziert. Nach Gründung von Friedenau wurde dort der Kaiser-Wilhelm-Garten eröffnet, eine Lokalität für Versammlungen aller Art. 1898 kamen Ringstraße Nr. 1-3 und Rheinstraße Nr. 65-67 in den Besitz von Schlächtermeister G. Bierhan, der seit 1880 eine Schlächterei betrieben hatte. Als Rentier wollte er 1899 durch einen Neubau eine Verschönerung der Rheinstraße schaffen, und war bereit, von dem Vorgarten vor dem Kaiser Wilhelm-Garten drei Meter abzutreten. Nach Abriss der Schlächterei, eines Teils des Wohnhauses und der Hofmauer ist Raum gewonnen für ein Gebäude von 20 Meter Straßenfront. Das Haus soll im Parterregeschoss kleinere, modern eingerichtete Läden erhalten und drei Stock hoch aufgeführt werden. Ferner wird auch die Schlächterei im hinteren Teile des Grundstücks neu erbaut werden. Dass Herr Bierhan den Saal des Kaiser-Wilhelm-Gartens mit neuem Parquetfußboden versehen lässt, wird bei den Besuchern dieses sehr beliebten ältesten Friedenauer Etablissements mit lebhafter Freude aufgenommen. Der Saal befindet sich entlang der Ringstraße (seit 1962 Dickhardtstraße), der Eingang an der Ecke zur Rheinstraße.

 

 

Gesellschaftshaus Kaiser Wilhelm-Garten

 

Pächter des Kaiser-Wilhelm-Garten war der Gastwirt Fritz Bartelt – seit über 25 Jahren. Seinen rastlosen Bemühungen ist es gelungen, das Restaurant auf die jetzige Höhe zu bringen. Am 12. Mai 1900 hatte er gegen Mittag in seiner Kegelbahn einen Stuhl bestiegen, derselbe gab jedoch nach und Herr Bartelt stürzte mit voller Wucht auf die Lehne desselben, so dass er einen doppelten Rippenbruch erlitt. Obwohl Rippenbrüche im Allgemeinen nicht lebensgefährlich sind, so ist aber in diesem Falle die Lunge gestreift worden und am 20. Mai 1900 nach kurzem Krankenlager im 63. Lebensjahre der Tod erfolgt.

 

Reform-Kinematographen-Theater, 1. August 1907

1907 Reform-Kinematographen-Theater

 

Hauseigentümer Bierhan fand 1902 mit Gastwirt Hermann Siepert einen neuen Pächter. Alles blieb wie gehabt, Restaurant, Kegelbahnen, Billard, Vereinszimmer. Offeriert wurden Eberl-Bräu München, Saazer Bier und Pilsner Urquell. Die Festsäle konnten mit Versammlungen und Theateraufführungen einigermaßen gefüllt werden. Zufriedenstellend war das nicht. Es fügte sich, dass Hermann Siepert auf Leo Stachow traf, der 1906 in der Rosenthaler Straße Nr. 51 eine Mechanische Werkstatt für die Herstellung von Kinematographen gegründet hatte und einen Aufführungsort für ein Reform-Kinematographen-Theater suchte. Am 2. August 1907 war es so weit. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger war dabei: Gestern fanden nun die ersten Vorstellungen in dem neu gegründeten Reform-Kinematographen-Theater statt, nachdem am Mittwochabend bereits vor geladenen Gästen die Eröffnung dieses neuen Unternehmens erfolgte. Während am Mittwoch vielfach die Bilder nicht recht klappen wollten, ging nun gestern alles ohne Störung vonstatten. Wir greifen zunächst zurück auf den Eröffnungsabend am Mittwoch.

 

Herr Leo Stachow, der Erfinder des AAR-Kinematographen, begrüßte die Gäste und dankte für das liebenswürdige Erscheinen. Er gab das Versprechen ab, dass er die vornehme Tendenz in seinem Unternehmen stets beibehalten wird, so dass es zur Erziehung und Belehrung des Deutschen Volkes beitragen möge. Mit diesem Versprechen eröffne er das erste Reform-Kinematographen-Theater in Deutschland, und hoffe, dass dieses Theater sich recht bald in ganz Deutschland verbreite.

 

 

Die Vorführungen geschehen in einem großen, luftigen Saal, die Begleitung der Bilder geschieht durch einen guten Klavierspieler und nicht, wie in den meisten Kinematographen durch ein Orchestrion, das zuweilen unpassende Melodien zu den Bildern gibt. Ferner wird gefordert, dass jeder Besucher in sauberer Kleidung erscheint, und das Lärmen nicht vorkommt. Auch der Ausschank ist vollständig getrennt von dem Theater. Das Programm bewegte sich ganz in den Grenzen des von der Direktion Versprochenen. Nach einem belehrenden Bilde folgt stets ein heiteres Genre, das aber durchaus wohl anständig und den schärfsten Sittenrichter gut passieren kann. Von den ernsten Bildern erwähnen wir u. a. „Die Fahrt nach Amerika". Wir sehen den Schlepper das Riesenschiff aus dem Hafen bringen, sehen wie die letzten Abschiedsgrüße mit dem Heimatlande gewechselt werden; dann befinden wir uns auf dem Schiff und beobachten dort das Treiben während der Überfahrt. Auch die Meeresströmung, die Brandung des Meeres an dem Schiff, den Sonnenaufgang auf dem Meere, die Vorbeifahrt eines Seglers usw. können wir anstaunen. Weiter kommen kleine Segelboote, die Vorboten, daß Land in der Nähe ist und bald darauf fahren wir ein in den Hafen von New York, vorbei an der Statue der Freiheit, vorbei an unzähligen Dampfern und Schiffen, an riesigen Wolkenkratzern; schöner kann kaum die wirkliche Fahrt sein und hier machen wir sie ungefährlich in wenigen Minuten. Gleichfalls hübsch ist die Aufnahme der Ameisen bei ihrer Arbeit, dann der Riesenbrand in San Francisco, wo wir das Ausrücken der Feuerwehr, den Brand, dann die Trümmer der Stadt, das Niederreißen der Ruinen etc. sehen. Unser Entzücken ruft auch eine Reise durch Palästina hervor und ferner der Walfischfang usw. usw. Von den humoristischen Bildern seien erwähnt, der kurzsichtige Radfahrer, das Radfahren lernende Dienstmädchen. Ganz besonders werden die Lachmuskeln auch da angestrengt, wo wir einer fröhlichen Hochzeitsgesellschaft zuschauen können. Die Braut hat merkwürdig viel Pech. Sie fällt u. a. von einer Schaukel mitten auf den Tisch, an welchem die Hochzeitsgesellschaft sitzt, und zu guter Letzt aus einem Kahn ins Wasser.

 

Friedenauer Lichtbild-Bühne, 2. September 1910

1910 Friedenauer Lichtbild-Bühne

 

Kaum hatte der Friedenauer Lokal-Anzeiger am 29. August 1910 kundgetan, dass das Biophon-Theater in der Rheinstraße Nr. 14 auf das bessere Friedenauer Publikum eine stetig zunehmende Anziehungskraft ausübt, hielt die Konkurrenz dagegen: Am 3. September 1910 findet im Hause Rheinstraße 64 die Eröffnung eines neuen luxuriös eingerichteten Kinematographen-Theaters unter der Bezeichnung ,,Friedenauer Lichtbild-Bühne" statt. Die Darbietungen werden hochkünstlerisch und durchaus vornehm sein. Der Apparat stellt das Vollkommenste dar, was bisher in dieser Hinsicht geschaffen wurde und ist eine Erfindung und Arbeit unseres Mitbürgers Herrn M. Elsässer. Die ganze Einrichtung des Etablissements deutet daraufhin, dass es angebracht wäre, ihm den Namen „Intimes Theater" zu geben. Von den Bildern seien erwähnt: „Kinderfest in Rom“, ein recht ansprechender Film, „Die letzte Zuflucht“, ein Drama aus dem Leben, „Die Braut des verwünschten Schlosses“ ist gruselig; die ulkigen Darbietungen: „Der verliebte Max“, „Das Urteil des Narren“ und „Die Macht der Gewohnheit“ gefielen sehr.

 

 

Da die Direktion bemüht war, stets das Neueste zu bieten, gab es schon zehn Tage später interessante Bilder: „Experimente mit flüssiger Luft“ ist recht lehrreich und „Wie das Leben spielt“ für empfindsame Gemüter ergreifend. „Quer durch Schottland“ bringt prächtige Reisebilder, während „Amphytrion“ als antike Phantasie wegen seiner Farbenpracht das Auge bezaubert. Allerliebst ist der Film „Kinderträume“ und das Tonbild „Goldfischquartett“. Die neuen französischen „Drachenflieger“ und die halbhistorische Episode „Savelli" aus der Zeit Napoleons III. fesseln in hohem Maße. Sehr ulkig sind die komischen Darbietungen, von denen wir hier nennen: „Die Ordonnanz in Generalsuniform“, „Ein vergnügter Theaterabend“ und „Die Parvenüs“. Vorgestern und gestern war das Theater ausverkauft. Anfang 6 Uhr, sonntags 4 Uhr. Programme an der Kasse. Die in den ersten Vorstellungen bemerkten Mängel sind jetzt vollständig behoben.

 

1916 Kronen-Lichtspiele

 

Am Sonnabend, 22. Januar 1916, wurde in Friedenau im Saal des „Kaiser-Wilhelm-Gartens", Rheinstraße 65, unter dem Namen Kronen-Lichtspiele das vierte Lichtspielhaus eröffnet. Inhaber ist August Röder. Der alte Saal, der bekanntlich nicht zu den Schönheiten Friedenaus gehörte, ist einer vollkommenen, von Grund aus durchgeführten Um-und Neugestaltung unterworfen worden. Nach den Plänen des Architekten Schultz-Heckendorff, unter Beistand des Architekten Schneider, wurde  ein Theaterraum geschaffen, der in seiner praktischen Anlage und in seiner geschmackvollen Ausgestaltung und Farbentonung dem verwöhntesten Ansprüche des Theaterbesuchers gerecht wird. Fort sind die fleckigen, hässlichen Wände, die grässliche kahle Decke, und eine ganz andere Form hat der Saal erhalten. Eine große Galerie in geschwungenen Linien ist gegenüber der Bühne errichtet. Ein vornehmes Klappgestühl bietet einigen hundert Zuschauern bequeme Sitzgelegenheit. Gleich am Eingang befinden sich hübsch ausgestattete Logen, jede mit einer besonderen stilvollen elektrischen Lampe versehen. Auch auf der Galerie sind solche Logen angelegt. Feldgrau ist jetzt die Modefarbe, und diese Farbe beherrscht auch Wände und Decke des Saales, während grüne Platten und Bänder das Farbenbild beleben. Eine große, mit hellgelber Seide überspannte Deckenkrone gibt dem Saale während der Pausen ein angenehmes Licht.

 

 

 

Der Eingang ist in hellen, lichten Farben gehalten. Links befindet sich eine Kleiderablage, während rechts besondere Eingänge zu den Logen und zum Saal führen; geradezu ist die Treppe zur Galerie. Besonders erwähnt sei auch„ daß Zentralheizung eingeführt ist, die die früheren Klagen über Kälte aus der Welt schafft.

 

August Röder bzw. nach seinem Tod Tochter Helga betrieben die Kronen-Lichtspiele von 1916 bis 1966 – fünfzig Jahre, unterbrochen für jeweils ein Jahr von den zeitweiligen Inhabern National-Film-Theater GmbH (1927) und Dr. R. F. Goldschmidt (1949). Sinkende Besucherzahlen führten 1969 zum Ende. ALDI nutzte die Räumlichkeiten bis 2006. Danach zog die Trattoria dell' Arte ein.