Die Rubensstraße beginnt mit Haus Nr. 1 an der Hauptstraße am S- und U-Bahnhof Innsbrucker Platz und endet mit Nr. 132 an der Thorvaldsenstraße. Der Bebauungsplan ist kein Ruhmesblatt für die Schöneberger Stadtbauinspektoren von Paul Egeling (1856-1937) über Paul Wolf (1879-1957) bis zu Heinrich Lassen (1924-1928). Einen Gesamtplan für das riesige Gelände beiderseits der ursprünglich „Straße 1“ genannten Verbindung nach Steglitz hatte Schöneberg nicht. Jeder suchte sich ein Stück des Kuchens aus und plante für sich. So kommt es, dass die Rubensstraße aus einzelnen Teilen besteht.

 

Angefangen hat es ab 1889 auf dem Areal zwischen Stammbahntrasse, Rubensstraße und der Gemarkungsgrenze zu Steglitz an der Bergstraße mit dem Malerviertel der „Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft“. Es folgten ab 1903 zwischen Peter-Vischer-Straße und der Gemarkungsgrenze zu Steglitz die weitläufigen Bauten des Auguste-Viktoria-Krankenhauses. Danach entstanden ab 1922 die Ceciliengärten (nach Plänen von Paul Wolf und Heinrich Lassen). 1926 wurde mit dem Bau der Wohnanlage Rubens-, Baumeister-, Otzen-, Traegerstraße begonnen (Entwurf Mebes & Emmerich), gefolgt 1928 von der Wohnanlage Rubens-, Kausch-, Peter-Vischer-Straße (Entwurf Architekt Peter Jürgensen). Für beide Anlagen fungierte die Gemeinnützige Baugesellschaft Berlin Heerstraße GmbH als Bauherr. 1958 kam zwischen Rubens-, Traeger- und Hauptstraße das „Atomhochhaus“ des Architekten Hans Schoszberger (1907-1997) hinzu. Bauherr war die Hansa-Heimbau, Lüder und Co.

 

Damit dürfte das Bauen in dieser Gegend (auch mangels Bauland) abgeschlossen sein. Aber: Man weiß ja nie: Das Gelände des Friedhofs Eisackstraße ist ab 2036 „bebaubar“. Noch dienen die Gartenkolonien hinter dem Grazer Damm dem Schöneberger Rathaus als Nachweis für „Grünfläche“. Wie lange noch?

 

Rubensstraße 3-43 Wohnanlage. LDA 2005

Wohnbebauung Rubensstraße

Gesamtanlage Baudenkmal

Rubensstraße 3-47, Baumeisterstraße 9-16, Otzenstraße 1-15, Traegerstraße 4-11

Entwurf Mebes & Emmerich

Bauherr Gemeinnützige Baugesellschaft Berlin Heerstraße

1926-1928

 

Paul Mebes (1872-1938) und sein Schwager Paul Emmerich (1876-1958) gründeten 1911 das Architekturbüro Mebes & Emmerich und widmeten sich hauptsächlich dem Siedlungsbau. Beide Architekten waren bestrebt, der traditionellen Berliner Architektur mit ihren überladenen Stuckfassaden „Bescheidenheit, Sachlichkeit und Schönheit“ entgegenzusetzen. Sie verzichteten auf Details und bevorzugten eine klare Nüchternheit. Äußerlich charakteristisch wurden verputzte farbige Flächen, Balkonstrukturen, Fensterbänder und Treppenhäuser. Im Innern sorgten sie für klug überlegte Wohnungsgrundrisse, Helligkeit und gute Belüftung. Zur Anerkennung bei den Bauherren trug vor allem ihre organisatorische Fähigkeit bei, große Bauvorhaben mit Erfolg abzuschließen. Die Arbeiten des Architekturbüros Mebes & Emmerich fanden im Wohnungs- und Städtebau große Beachtung.

 

Nach dem Tod der beiden Gründer trat Sohn Jürgen Emmerich (1905-1973) in das Büro ein. Von ihm stammt der Entwurf für das DeGeWo-Hochhaus am Innsbrucker Platz (1950).

Rubensstraße Nr. 58, Baudenkmal. LDA 2005

Rubensstraße Nr. 58

Baudenkmal

Mietshaus

1902-1903

 

 

In Vorbereitung

 

Helmholtz-Gymnasium (5). Centralblatt 1902

Rubensstraße Nr. 63

Peter-Paul-Rubens-Schule

Baudenkmal Schule

Entwurf Paul Egeling

Bauherr Magistrat Schöneberg

1909

 

Die Schule wurde 1902 als Helmholtz-Realgymnasium in der Rubensstraße in der damals noch selbstständigen Stadt Schöneberg gegründet. 1920 wurde daraus eine Realschule, 1928 ein Reformrealgymnasium (Oberrealschule). Nicht nach dem Zweiten Weltkrieg, wie propagiert wird, sondern nach dem Mauerbau wurde daraus die Uckermark-Schule, um die Erinnerung an die jenseits der Mauer unerreichbare brandenburgische Landschaft wach zu halten. 2008 wurde auch Schöneberg klar, dass der Name aus der Zeit des Kalten Krieges nicht mehr zeitgemäß war. Aus Uckermark- und Barnimschule wurde 2008 die Peter-Paul-Rubens-Schule.

 

 

Doch damit nicht genug. Schule und Schulverwaltung ist folgender Hinweis wichtig: „Seit dem 1. August 2015, nach einer erneuten demokratisch gewählten Namensänderung, ist sie die Grundstufe der Friedenauer Gemeinschaftsschule.“ Dort wird „gegen die Stimmen von CDU und AfD der Bezirksverordnetenversallung Tempelhof-Schöneberg mit dem elften Jahrgang eine Gymnasiale Oberstufe“ eingerichtet – selbstverständlich mit dem Hinweis, dass dieser Ausbau „gemeinsam mit der zuständigen Senatsverwaltung für Bildung erfolgt“.

 

Das Helmholtz-Gymnasium haben einige Schüler besucht, darunter Otto Graf Lambsdorff (1926-2009) ab 1932, bis er 1941 als Internatszögling an die Ritterakademie in Brandenburg an der Havel wechselte.

 

Hans Günther (1898-1981) war 1917/18 am Helmholtz-Gymnasium. Er studierte Philosophie und Psychologie, arbeitete ab 1937 im Reichskriegsministerium für die völkerpsychologische Gruppe und wurde 1938 als Regierungsrat mit der Leitung für Lebenslauf- und Sippenforschung betraut.

 

Fritz Brummer (1899-1943) legte im März 1919 seine Reifeprüfung am Helmholtz-Gymnasium ab. Er studierte Medizin und wurde Allgemeinpraktiker. 1933 wohnte er in der Stubenrauchstraße Nr. 33, von 1935 bis 1940 in der Goßlerstraße Nr. 25, 1942 in der Kleiststraße Nr. 29. Am 1. März 1943 erfolgte seine Deportation. Am 21. Mai 1943 wurde er in Auschwitz ermordet.

 

Nichts davon auf der Webseite der Peter-Paul-Rubens-Schule. Stattdessen viel über „Nachhilfe zu Hause, in Mathematik, in Latein“. So gut scheint dort es um den eigentlichen Unterreicht nicht bestellt zu sein.

 

Rubensstraße Nr. 70. Baudenkmal. H&S 2017

Rubensstraße Nr. 70

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf Architekt & Maurermeister James Ruhemann

Bauherr Ingenieur Georg Gallandi

1907-1908

 

 

In Vorbereitung

St. Konrad Kirche, LDA 2005

Rubensstraße Nr. 74-78

St. Konrad-Kirche

Baudenkmal Kirche

Entwurf Hans Schaefers

Bauherr Kath. Kirchengemeinde St. Konrad-Kirche

 

 

In Vorbereitung

Rubensstraß Nr. 89. Wikipedia

Rubensstraße Nr. 89

Baudenkmal

 

 

In Vorbereitung

Wohnanlage Rubensstraße. LDA 2005

Wohnanlage Rubensstraße

Rubensstraße 89-109

Kauschstraße 6-22

Peter-Vischer-Straße 23-27

Denkmalart Gesamtanlage Wohnanlage

Entwurf Architekt Peter Jürgensen

Bauherr Gemeinnützige Baugesellschaft Berlin Heerstraße GmbH

 

 

In Vorbereitung

Reichstagspräsident Paul Löbe beim Verlassen des Reichspräsidentenpalais, 1928. Bundesarchiv

Rubensstraße 118

Paul Löbe (1875-1967)

 

Der Schriftsetzer Paul Löbe (1875-1967) trat 1895 mit 20 Jahren in die SPD ein. 1899 wurde er Redakteur der Breslauer „Volkswacht“, 1905 Stadtverordneter in Breslau, 1915 Abgeordneter des Provinziallandtags von Schlesien und 1919 Mitglied und Vizepräsident der verfassunggebenden Weimarer Nationalversammlung. In der Datenbank der deutschen Parlamentsabgeordneten wird aufgeführt: „Mitglied des Reichstags seit 1920, Präsident des Reichstags 1920 bis Schluss der 1. Wahlperiode 1924, Mitglied des Reichstags in der 2. Wahlperiode, sodann in der 3., 4. und 5. Wahlperiode bis 1932 wieder Präsident des Reichstags.“

 

Es kam die Reichstagswahl am 5. März 1933 mit 288 Sitzen für die NSDAP und 120 für die SPD und am 24. März 1933 das Ermächtigungsgesetz, mit dem die gesetzgebende Gewalt faktisch an Adolf Hitler überging. Die SPD lehnte die Gesetzesvorlage ab:

 

 

 

 

„Nach den Verfolgungen, die die Sozialdemokratische Partei in der letzten Zeit erfahren hat, wird billigerweise niemand von ihr verlangen oder erwarten können, dass sie für das hier eingebrachte Ermächtigungsgesetz stimmt. Die Wahlen vom 5. März haben den Regierungsparteien die Mehrheit gebracht und damit die Möglichkeit gegeben, streng nach Wortlaut und Sinn der Verfassung zu regieren. Wo diese Möglichkeit besteht, besteht auch die Pflicht. Kritik ist heilsam und notwendig. Noch niemals, seit es einen Deutschen Reichstag gibt, ist die Kontrolle der öffentlichen Angelegenheiten durch die gewählten Vertreter des Volkes in solchem Maße ausgeschaltet worden, wie es jetzt geschieht.“

 

Am 22. Juni 1933 wurde die SPD verboten. Einen Tag später wurde Löbe verhaftet, Weihnachten wieder freigelassen. Er erhielt sogar seine Rente als Reichstagspräsident, die ihm bis 1945 ausbezahlt wurde. Adolf Grimme (1898-1863) warf ihm später vor, „sich vor Göring erniedrigt und die lukrative Rente eines Reichstagspräsidenten erbettelt zu haben“. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er am 23. August wieder verhaftet und wieder freigelassen.

 

Nach Kriegsende kam er nach Berlin durch, wohnte im amerikanischen Sektor und war, inzwischen 70 Jahre alt, wieder in der SPD aktiv. Er arbeitete beim Verlag Walter de Gruyter, wurde Mitherausgeber des Berliner „Telegraf“ und war von 1949 bis 1953 Mitglied des Deutschen Bundestages, der als aus Berlin stammender Abgeordneter wegen der alliierten Vorbehalte vom Abgeordnetenhaus West-Berlins als nicht stimmberechtigter Abgeordneter nach Bonn delegiert wurde. Als ältester Parlamentarier war er zugleich Alterspräsident des ersten Deutschen Bundestages. Nach seinem Ausscheiden wurde er 1954 Präsident des „Kuratoriums Unteilbares Deutschland“. Am 15. Dezember 1955 erhielt er die die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin. Paul Löbe starb am 3. August 1967 in Bonn.

 

Bevor er auf dem Waldfriedhof Zehlendorf (Abt. III-U-24) seine letzte Ruhe fand, organisierte die Bundesregierung für den 9. August 1967 zu seinen Ehren ein Staatsakt im Rathaus Schöneberg. Das veranlasste die Politaktivisten der Kommune I zu einem satirisches Begräbnis auf dem John F. Kennedy-Platz. Jahrzehnte später erinnerte sich Ulrich Enzensberger in seinem Buch „Die Jahre der Kommune I“ (2004) an diese Aktion:

 

„Am Tag von Löbes Staatsbegräbnis bauten wir in unserer Wohnung am Stuttgarter Platz einen Pappsarg. (Walter) Urbach hatte die Materialien und das Werkzeug mitgebracht. Andreas  (Baader) und Gudrun (Enslin) waren mit von der Partie. Der muskulöse (Manfred) Henkel zwängte sich in ein Rüschenkleid. Rainer (Langhans) schoss den Vogel ab. In New York hatten Bauarbeiter für den Vietnamkrieg demonstriert. Rainer stülpte sich einen Bauarbeiterhelm über, steckte ein US-Fähnchen drauf und stieg in einen Petticoat. Volker (Gebbert) ging als Westernheld Django. Mein Haupt (Ulrich Enzensberger) schmückte eine Melone, was mir furchtbar phantasielos vorkam. Dieter (Kunzelmann) begnügte sich mit Unterhosen und einem Nachthemd und hängte sich einen gestickten Latz mit der Aufschrift „Immer in Berlin“ um den Hals. Zufällig schaute Hans Magnus (Enzensberger) vorbei. Er kam mit, unkostümiert, als wir alle zusammen den Sarg die Treppe hinuntertrugen und den gemieteten Lieferwagen bestiegen. Wir hatten Kochlöffel und Topfdeckel dabei. Als wir vor dem Rathaus Schöneberg vorfuhren, erklang über Lautsprecher gerade eine Trauerhymne. Drinnen war unter Beteiligung von Kiesinger und Brandt die Feier im Gang. Schupos in Paradeuniform (Berlin war ja entmilitarisiert) standen Ehrenwache. Wir sprangen ab, schulterten den Sarg, in den sich Dieter gelegt hatte, und eilten damit auf das Rathaus zu, in eine größere Menschenmenge hinein. Dann öffnete sich der Deckel des Sarges, immer noch auf unseren Schultern, Dieter erhob sich aus dem Sarg - eine equilibristische Leistung - und warf ein Bündel Flugblätter in die Luft: Ihr wollt heute Paul Löbe durch den Schornstein feiern. Euch wird ein großes Fest beschert, ein großes, ernstes, wo einer vom Staat begraben wird. Wir nehmen die Feste, wie sie fallen, wir nehmen uns dies Fest mit den Ehrenmännern in Uniformen, den Leuten mit den reinen Westen, den aus Film und Fernsehen bekannten Darstellern von Charakterrollen und wir machen mit, denn wir wollen auch was feiern: Wir wollen ein paar smarte Leichen verscharren, die langsam schon zum Himmel stinken.

 

Es war ein Himmelfahrtskommando. Gudrun, Andreas, mein Bruder und Urbach entkamen. 24 Personen wurden festgenommen. Wir wurden zum Flughafen Tempelhof zur Politischen Polizei gebracht. Ein Verfahren wegen „Störung der Totenruhe“ wurde in Gang gesetzt.

 

Jahrzehnte später gesteht Ulrich Enzensberger ein, dass der Satz, „demzufolge Löbe durch den Schornstein gefeiert werden sollte“, bei uns umstritten war. „Sicher, der schwächliche Legalismus, mit dem der Sozialdemokrat einst die Macht an die Nationalsozialisten übergeben hatte, verdiente Verachtung, doch die brutale Selbstherrlichkeit, mit der wir Löbes Konzentrationslagerhaft abtaten, verhieß nichts Gutes.“

 

AVK-Gelände. Quelle AVK

Rubensstraße Nr. 125

Auguste-Viktoria-Krankenhaus

 

 

In Vorbereitung

 

Plan der Armee-, Militär- und Kolonial-Ausstellung von 1907. Pharus-Wikipedia

 

Rubensstraße

Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung Berlin 1907

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Deutschland Kolonien zugelegt, laut Bismarck „Schutzgebiete“ für den deutschen Handel, in denen deutsche Kolonisten rücksichtslos gegen Einheimische vorgingen. Es folgten Kolonialkriege in Deutsch-Südwestafrika (Namibia) und Deutsch-Ostafrika (Tansania, Burundi und Ruanda). Dem in die Kritik geratenen Auswärtigen Amt wurde die Kolonialverwaltung entzogen: 1907 gab es dafür das Reichskolonialamt. Zeitgleich wurde in Berlin vom 15. Mai bis 15. September die „Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung" abgehalten, die „Zeugnis von der Bedeutung unseres Heer- und Kolonialwesens für die Nationalwirtschaft“ ablegen sollte.

 

Der Standort zwischen Rubensstraße, Vorarlberger Damm und dem Grazer Platz wurde mit Bedacht gewählt – unweit der Kasernen an der General-Pape-Straße und des Exerzierplatzes Tempelhofer Feld. Das Gelände war – bis auf die 1903 eingeweihte Nathanael-Kirche – unbebaut. Der märkisch-gotische Backsteinbau passte zur kolonialen Gewerbeschau. Die Firma William Wahrburg mit Filialbüro in der Begasstraße Nr. 9 hatte sich „das Monopol für das gesamte Reklamewesen der Deutschen Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung“ gesichert und ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das „Deutsche Kolonial-Handbuch“ nebst Ergänzungsband 1906/07 „für jeden Kolonialfreund unentbehrlich“ ist.

 

Die Besucher wurden von der Station Friedenau über Dürerplatz und Begasstraße zum Haupteingang geleitet, hinter dem dann in Haupt-, Maschinen-, Kolonial- und Marinehalle Produkte präsentiert wurden: „Dolberg Militärfahrzeuge“, „Treuers Armee-Feldstecher“, „August Loh Söhne AG für Militärausrüstungen“, „Mix & Genest AG Telefonstationen für Armee und Marine“, „L. Bernhard & Co Schießstands-Einrichtungen“, „Sauce & Kloss Kolonialhäuser“, „Reiniger, Gebbert & Schall Spezial-Röntgen-Einrichtungen für militärische Zwecke zum Gebrauch im Frieden und im Kriege“. Eine Verkostung von „Heermann’s Armee- und Marine-Kokos-Butter“ gab es auch.

 

Nicht genug damit. Auf dem späteren Dreieck zwischen Begas-, Rembrandt- und Rubensstraße war ein See angelegt worden, auf den Freiflächen gab es „Amerikanische Kriegsspiele“, Präsentationen von „Wild Afrika“ mit Menschen und Tieren aus den deutschen Kolonien Südwest-Afrika, Ost-Afrika, Kamerun, Togo und Neu-Guinea. In der Kolonialhalle wurden vier Biere von „Patzenhofer“ ausgeschenkt, „Helle Marke, Marine Bräu (Münchener Farbe), Dunkel (tief dunkel) und Crystall (ganz licht)“. Die „Deutsche Grammophon AG“ offerierte in der Haupthalle „sehenswerte Szenen aus unseren Kolonien“. Unsere „Friedenauer“ waren selbstverständlich auch präsent: Das Foto-Kaufhaus von Ottomar Anschütz hielt „Ausrüstungen für Forschungs- und Tropenreisen bereit, .C.P. Goerz glänzte mit der breiten Produktpalette: „Prismen-Doppel-Fernrohre, Monocles und Handfernrohre, Beobachtungsfernrohre, Terrestrische und Prismen-Gewehr-Zielfernrohre, Geschütz-Zielfernrohre, Panoramafernrohre, Periskop als Unterseeboot-Fernrohr“.

 

Überlegenheit wurde vorgeführt. Die Zielrichtung war eindeutig. „Soweit man in der Geschichte des Deutschen Reiches zurückblättert, hat die überwältigende Mehrheit seiner Bewohner immer, wenn die Frage auf der Tagesordnung stand, ob dem Reiche neuer Schutz gewährt werden solle, ob eine Verstärkung der Wehrkraft zu Lande und zu Wasser nötig sei, ob die Weltmachtstellung Deutschlands durch Erwerbung von Kolonien, durch ihren Ausbau oder durch energische Niederwerfung von den deutschen Namen schädigenden Aufständen gefestigt werden müsse, ihrem kaiserlichen Herrn begeistert und in Treue Gefolgschaft geleistet.“ (Katalogtext vom 1. Mai 1907)

 

Die „Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung" wurde ein Publikumserfolg. Nach ihrem Ende wurden die Gebäude abgerissen und die Flächen links und rechts vom Grazer Platz als „Malerviertel“ bebaut. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren die Truppen in den deutschen Kolonien allerdings nicht auf einen Krieg mit europäischen Mächten vorbereitet. Mit dem Versailler Vertrag von 1920 teilten die Siegermächte Deutschlands Kolonien unter sich auf – im Prinzip weiter wie bisher. Eine Idee hatte auch die Entente nicht.