Plan von 2000. Senat von Berlin

Am 25. Juni 1906 brachte Bürgermeister Bernhard Schnackenburg (1867-2914) zur öffentlichen Kenntnis, dass die Straßen und der Platz auf dem früheren Sportparkgelände wie folgt benannt worden sind: Platz G: Wagner-Platz; Straße A: Isoldestraße; Straße B zwischen Handjerystraße und Wagner-Platz: Evastraße; Zwischen Wagner-Platz und Kaiserallee: Sentastraße; Straße C von der Bismarckstraße bis zum Wagner-Platz: Elsastraße und vom Wagner-Platz bis Varziner Straße: Brünnhildestraße; Straße D: Kundrystraße; Straße E: Ortrudstraße; Straße F: Sieglindestraße.

 

Über die Benennung wurde zuvor viel diskutiert. Mit Blick auf das im Friedenauer Teil von Schöneberg entstandene Malerviertel, wo den Malern und Bildhauern in den Straßennamen eine Ehrung zuteil geworden, sollten hier Komponisten verewigt werden. Andere wollten die unerfreuliche Tatsache aus der Welt schaffen, dass keine Straße in Friedenaum einen weiblichen Vornamen hat. Das führte schließlich zu Richard Wagner (1813-1883) und seinen Opernheldinnen, darunter Sieglinde, eine Figur aus der Oper Die Walküre, wo Siegmund in der Hütte Hundings auf seine geraubte Zwillingsschwester trifft und beide von einer verbotenen Leidenschaft übermannt werden.

 

Sieglindestraße 4. Foto Jürgen Hentschel

Sieglindestraße Nr. 4

 

 

In Vorbereitung

 

Sieglindestraße Nr. 6

Julius Kaapke‘s Bier-Quelle

 

Das Grundstück Sieglindestraße Nr. 6 hatte der Wilmersdorfer Schlossermeister Eggert 1906 für einen Neubau erworben. 1908 war das mehrstöckige Mietswohnhaus errichtet, allerdings hieß der Eigentümer dann schon Fritsch. Die Photographie von Julius Kaapke‘s Bier-Quelle und den Läden für Confitüren und Seifen muss unmittelbar danach entstanden sein. Kaum hatte die Terraingesellschaft Berlin-Südwest mit den Bauten am Südwestkorso begonnen, sah Julius Kaapke dort das bessere Geschäft und beantragte für das Haus Südwestkorso Nr. 4 eine Schankerlaubnis für ein größeres Lokal.

 

 

Da die Gemeindeverwaltung diese verweigerte, klagte er vor dem Kreisausschuss, und betonte in seinem Gesuch, dass in dem Straßenzug zwischen Kaiserallee und Stubenrauchstraße sich kein solches Lokal befindet. Die Ortsbehörde erkannte ein Bedürfnis nicht an, da sich in einem Umkreise von 300 Meter bei einer Einwohnerzahl von 3747 bereits 18 Schankwirtschaften befänden. Kaapke bemerkte, er habe sein bisheriges Geschäft 3 ¼ Jahr betrieben und es sei sein Wunsch, seinen Betrieb zu verlegen und ein größeres Restaurant zu führen. Die Räume seien auch der Gegend entsprechend eingerichtet. Die Gemeinde widersprach: Von einer Verlegung könne keine Rede sein, da das bisher von Kaapke innegehabte Lokal vom Hauswirt weiter betrieben wird. Der Kreisausschuss gab dem Kläger Recht und berücksichtigte dabei, dass einige der vorhandenen Wirtschaften für die dortige, an Einwohnerzahl schnell zunehmende Gegend, kaum in Betracht kommen könnten.

 

Kaapke setzte sich durch. Die von ihm eröffnete Kneipe in der Sieglindestraße Nr. 6 blieb mit wechselnden Pächtern bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen. Geblieben sind bis heute die drei Ladenlokale im Erdgeschoss, die inzwischen allerdings anderweitig genutzt werden.

 

Man geht so gern ins Cosima, 1949

Sieglindestraße Nr. 10

Cosima

 

Als Anfang Februar 2021 von SPD-Politiker Orkan Özdemir und Tagesspiegel-Reporterin Sigrid Kneist publik gemacht wurde, dass Lothar Bellmann, dem langjährigen Betreiber des Cosima gekündigt worden war, die Nachricht auch noch von einer Protestpetition flankiert wurde, hatten wir Zweifel an dieser Meldung. Zwei Tage später musste Sigrid Kneist mangels nicht erfolgter Recherche zurückrudern: Aufgrund eines Irrtums erschien im gestrigen Tagesspiegel (17.2.2021) auf der Seite Stadtleben eine veraltete Version der Geschichte um das Cosima-Kino.

 

Hätten sich der Politiker und die Journalistin informiert, dann hätten sie erfahren können, dass die Hauseigentümer das Cosima auf jeden Fall erhalten möchten, dass es der 81-jährige Lothar Bellmann selbst war, der Karlheinz Opitz vom Wilmersdorfer Filmtheater Eva als Nachfolger empfohlen hatte, dass weitgehendes Einvernehmen zwischen Eigentümer und Nachfolger besteht, und dass es letztendlich zwischen Bellmann und Opitz nur um die sogenannte Ablöse geht.

 

Stattdessen wurde auf die Tränendrüse gesetzt: Das Cosima-Filmtheater hatte Bellmann in den sechziger Jahren von seiner Mutter übernommen. Es ist eine Institution, die einen festen Bestandteil der Friedenauer Kiezkultur darstellt und kaum wegzudenken ist. Die Geschichte ist peinlich und spricht letztendlich auch nicht für eine seriöse Berichterstattung. Die nachgereichte Entschuldigung macht die Sache nicht besser.

 

 

 

 

 

 

 

 

Als wir bereits vor einiger Zeit über das Cosima schrieben, fragten wir uns, wann wir zum letzten Mal dort waren, und kamen zu dem Ergebnis, dass das Kino mit seiner dezidierten Filmauswahl unsere Abstinenz wirklich nicht verdient hat. Das schlechte Gewissen beruhigte sich (etwas), nachdem die Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH dem Betreiber Lothar Bellmann 2013 eine Fördersumme von 14.908,50 Euro für die Digitalisierung überwies. Keine noble Geste, sondern staatliche Verordnung über die Förderung der erstmaligen technischen Umstellung von Filmtheatern auf digitales Filmabspiel.

 

Die offizielle Adresse des Cosima ist Sieglindestraße Nr. 10. Das Eckhaus auf dem Grundstück Brünnhildestraße Nr. 1 und Sieglindestraße Nr. 10 wurde von der Berlinischen Boden-Gesellschaft errichtet. Als erster Eigentümer wird von 1906 bis 1918 der Name K. Graf aufgeführt. Danach folgen einige Eigentümerwechsel. 1919 Neumann (Wilmersdorf), 1921 Zwangsverwaltung, 1923 Mangrané (Spanien), 1925 Kaufmann Mayer, 1936 Eigentümerin S. Schock, wohnhaft Wilmersdorf, Uhlandstraße Nr. 32 (Verwaltung Berliner Grundkredit Gesellschaft NW 7, Unter den Linden Nr. 56).

 

Erstaunlich ist, dass die Grundstücke Brünnhildestraße Nr. 1 und Sieglindestraße Nr. 10 immer zusammenblieben und nicht geteilt wurden. So blieb es auch 1942/43, als das Anwesen von dem Dresdner Jacques Bettenhausen (1866-1944) erworben wurde. Bettenhausen hatte als 20-Jähriger im Dresdner Hauptbahnhof mit einem Bauchladen preiswerte Bücher verkauft. Bald hatte er einen Kiosk in der Bahnhofshalle, später gründete er die Firma Jacques Bettenhausen & Sohn, pachtete weitere Standorte, auch in den S- und U-Bahn-Stationen von Berlin. Für die Branche ist er der Begründer des Bahnhofsbuchhandels in Deutschland. Die Gewinne investierte er in Immobilien, so auf dem Weißen Hirsch in Dresden in Lahmann-Sanatorium und Parkhotel. In den 1930er Jahren kamen Lichtspieltheaterbetriebe hinzu, darunter die Berliner Kino-Kette Thomas & Co., zu der wohl auch das Cosima gehörte.

 

Recherchen ergaben, dass das Cosima mit 365 Plätzen bereits 1937 existierte und die Polygon-Lichtspiel-Betriebe Schönstedt & Co. als Inhaber fungierte. Im Berliner Adressbuch wird das Filmtheater allerdings erstmals 1943 erwähnt. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte das Kino bald wieder Filme zeigen, da das Haus von Bomben verschont blieb. Bis 1950 wird das Filmtheater von der Treuhand-Verwaltung H. Pätzold geführt. Danach wird bis 1962 als Inhaber die W. Schönstedt Polygon-Lichtspiel-Betriebe Schönstedt & Co. KG genannt. Ab 1993 ist es die Bundesplatz-Studio Kinobetrieb GmbH.

 

Friedenau hatte einst zahlreiche Lichtspieltheater. Zwei haben überlebt, das Cinema in der Bundesallee Nr. 111 und das Cosima in der Sieglindestraße Nr. 10. Was es sonst noch an Kinematographen-Theatern gab, listen wir im Folgenden auf:

 

Bundesallee Nr. 72 (Kaiserallee) Pfalzburg-Lichtspiele (1912-1915), 155 Plätze, Gebäude zerstört

 

Bundesallee Nr. 102 (Kaiserallee) Unter den Namen Kammerlichtspiele (1912), Rheineck-Lichtspiele (1918), Thalia-Lichtspiele (1929), Friedenauer-Lichtspiele (1948), 150 Plätze. Das Gebäude wurde im Weltkrieg teilweise zerstört. Auf dem Grundstück folgten Neubau Kaufhaus Held (1953), Kaufhaus Hertie (1973), Schloss-Straßen-Center (2007)

 

Bundesallee Nr. 111 (Kaiserallee) Unter den Namen Corso-Lichtspiele (1911), Kolibri-Lichtspiele (1919), Friedenauer-Lichtspiele (1928-1959), Cinema (1959), 119 Plätze.

 

Handjerystraße Nr. 64 Hohenzollern-Lichtspiele (1912-1938), 600 Plätze. Das Kino auf dem Hof der Hohenzollern-Festsäle wurde in den Saal eingebaut. Werbung: Vornehmstes Tagesrestaurant, Familienlokal mit tadelloser Kegelbahn, Friedenauer Vereinslokal und Filmpalast Hohenzollern. Gebäude zerstört.

 

Hauptstraße Nr. 78/79 Roxy-Palast (1922-1977), 1106 Plätze. Diskothek La Belle (1977-1986). In der Nacht vom 4. auf den 5. April 1986 wurde ein Bombenanschlag verübt, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Die Diskothek wurde danach nicht mehr geöffnet. Nachmieter bis 2009 Gota Fachmarkt. Mit dem Einzug des LPG Biomarkts wurden Saal und Balkon des Roxy wieder sichtbar.

 

Rheinstraße Nr. 14 Biophon-Theater (1909-1932), 300 Plätze. Werbung: Ältestes, bedeutend vergrößertes und aufs Beste ventiliertes Kinematographen-Theater am hiesigen Platze. Stets wechselndes Programm. Täglich 2 große Schlager. Große Revue der neuesten Ereignisse aus aller Welt. Anfang sonntagnachmittags 4 Uhr. Wochentags 6 Uhr. Billige Eintrittspreise. Gebäude zerstört. Heute Neubau mit REWE-Supermarkt.

 

Rheinstraße Nr. 60 Rheinschloß-Lichtspiele (1912-1975), 488 Plätze. Danach ALDI. Mit dem Einzug des Biomarkts und der erfolgten Restaurierung ist der Kinosaal wieder erkennbar.

 

Rheinstraße Nr. 65 Unter den Namen Kino-Welttheater (1907), Kronen-Filmtheater (1916-1969), 420 Plätze. Die Presse schrieb zur Eröffnung am 6. Januar 1907: Der Kinematograph ist in der letzten Zeit in Verruf geraten; man denkt an einen Ort, wo dem Sinnenkitzel verlebter Kreise Befriedigung geboten wird, man denkt an einen Ort, wo man unsere überreizten Nerven sinnlich aufregen will, wo unsere Jugend verführt wird - kurz an eine Stätte, wo das Laster zu Hause ist! In diese Vorstellungsreihen hinein tönt nun der Ruf: Reform! Saal erhalten, heute Trattoria dell’ arte.

 

Stubenrauchstraße Nr. 21 Baby-Lichtspiele (1952-1969), Plätze 156. Das kleinste Kino in der größten Stadt Deutschlands. Gebäude erhalten.

 

Südwestkorso Nr. 64 Korso-Lichtspiele (1956-1973), 156 Plätze. Seit 1973 Kleines Theater am Südwestkorso.