Auf den historischen Plänen von 1876 bis 1892 ist auf dem Dreieck zwischen Lauterstraße, Ringbahntrasse und Friedenauer Straße (Hauptstraße) keine Bebauung verzeichnet. Die Lauterstraße war Gemarkungsgrenze, links war Friedenau, rechts Schöneberg. Nachdem sich Schöneberg zu einem Bebauungsplan für das Areal entschlossen hatte, gab es die Hähnelstraße (1892), die Bennigsenstraße (1903) und am 30. Dezember 1901 die Stierstraße, benannt nach dem Architekten und Hochschullehrer der Berliner Bauakademie Wilhelm Stier (1799-1856).

 

Zu den Kuriositäten der Stierstraße gehört, dass die auffällig schmalen Bürgersteige vor den Häusern Nr. 7 bis Nr. 11 auf die Polizeiverordnung von 1899 zurückgehen, mit der damals festgelegt worden war, dass parallel zur Hausfront angelegte Wege eine Breite von 1,25 m nicht überschreiten dürfen. Nachzutragen ist, dass die 315 Meter lange Stierstraße bis 1940 zu Schöneberg gehörte und erst in den 1950er Jahren dem Ortsteil Friedenau zugeordnet wurde.

 

Wilhelm Stier wurde am 8. Mai 1799 als Sohn eines preußischen Proviantmeisters in Błonie bei Warschau geboren. 1812 kam er nach Berlin, besuchte das Gymnasium zum Grauen Kloster, studierte an der Bauakademie und legte 1817 die Bauführerprüfung ab. Es folgten Aufenthalte im Rheinland, in Frankreich und Italien. 1824 lernte er in Rom Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) kennen. Schinkel erkannte das Talent Stiers und verschaffte ihm ein preußisches Staatsstipendium zum Studium der antiken Architektur. 1828 wurde Wilhelm Stier Lehrer an der Berliner Bauakademie für das neue Studienfach Entwurf und Kunstgeschichte. Nebenbei legte er die Baumeisterprüfung (Landbauinspektor) ab, wurde Professor, Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Stier, der 1837 nur sein eigenes Wohnhaus, die „Stierburg“ in der Straße Am Karlsbad gebaut hatte, verstand sich nicht als Architekt. Er war „Lehrer“ und als solcher verfasste er zahlreiche Studien- und Lehrentwürfe, in denen er das Nachahmen historischer Stile ablehnte. Friedrich Ludwig Wilhelm Stier ist auf dem Alten Friedhof an der Hauptstraße beigesetzt. Das von Friedrich August Stüler geschaffene Grabdenkmal – ein von sechs Säulen getragener Grabbaldachin in Form eines „dorischen Tempelchens“ – trägt die Inschrift „Dem Freunde, dem Lehrer – die Architekten Deutschlands“.

 

Entwürfe Wilhelm Stier Winterpalais St. Petersburg und Parlament Budapest

Zeichnungen von Wilhelm und Hubert Stier für die Herrenhäuser Bärwalde und Wiepersdorf

Stierstraße Nr. 1 Ecke Hauptstraße Nr. 76. H&S 2017

Stierstraße Nr. 1

Ecke Hauptstraße Nr. 76

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf Paul Meyer

1907-1908

 

Zwei Mietwohnhäuser liegen an der spitzwinkligen Einmündung der Stierstraße in die Hauptstraße einander gegenüber und bilden eine kontrastreiche Baugruppe. Das noch historistisch aufgefasste Haus Hauptstraße Nr. 77 ist das Pendant zum jüngeren Eckhaus Nr. 76 gegenüber. Beide bilden das „Tor“ zur Stierstraße. Das viergeschossige Mietswohnhaus wurde auf einem spitzwinkligen Eckgrundstück erbaut. Es wird durch Aufgänge sowohl in der Hauptstraße Nr. 76 als auch in der Stierstraße Nr. 1 erschlossen. Der Kopfbau ist zweiachsig. Die beiden weitgehend identischen Straßenfronten werden jeweils durch drei in sich asymmetrische Risalite mit Quergiebeln gegliedert. Den Risaliten sind Erker, offene Loggien und Balkons zugeordnet. Die Hauseingänge werden durch Portale mit Pilastern und Putten betont, auf den Architraven der Portale stehen flammende Urnen (ein ungewöhnliches Motiv). Im mittleren der drei Quergiebel an der Hauptstraße ist die Figur eines Ritters mit Schwert in Relief dargestellt. Die Gliederung des Baukörpers durch die Giebelrisalite ist lebhaft und zeigt Elemente des Jugendstils. Topographie Friedenau, 2000

 

Bruno Nelissen-Haken, Der Fall Bundhund, 1930

Stierstraße Nr. 2

Bruno Nelissen-Haken (1901-1975)

 

Der gebürtige Hamburger Bruno Nelissen-Haken (eigentlich Franz Albert Bruno Haken) legte im Frühjahr 1919 ein Notabitur ab. 1920 begann der national gesinnte Mann mit dem Studium der Rechtswissenschaft in Hamburg, das er in Jena und Würzburg fortsetzte. Ab 1928 war er als „Praktikant“ beim Landesarbeitsamt Nordmark in Hamburg tätig. Nelissen-Haken begann mit dem Schreiben und reichte dem Eugen Diederichs Verlag ein Manuskript unter dem Titel „Prolete links, Prolete rechts“ ein. Der Verlag war interessiert, da beim Lesepublikum ein „starkes Interesse an den mannigfaltigen Umwälzungen und Neuorientierungen auf allen Gebieten“ zu spüren war. Allerdings hatte der Titel „einen zu politischen Beigeschmack, der dem Buch abträglich sei“. Der Lektor schlug „Die Arbeitslosen“ vor, weil der Begriff „die ganzen Gefühlskomponenten aufwühlt, die sich im Gefolge unserer erschütterten Zeit angesammelt hatten“. Der Autor war eher unzufrieden. Nach wochenlangen Diskussionen entschied der Verleger: „Der Fall Bundhund“.

 

Nach der Veröffentlichung seines Romans „Der Fall Bundhund“, in dem er ein exemplarisches Arbeitslosenschicksal schilderte und Kritik an der Rolle der Arbeitsämter übte, verfügte das Landesarbeitsamt im Oktober 1930 die fristlose Entlassung des „Praktikanten“. Der anschließende Prozess, den Nelissen-Haken gegen die Behörde anstrengte, erregte deutschlandweit Aufsehen:

 

 

 

 

 

 

 

Die Frankfurter Zeitung berichtete am 6. November 1930 unter dem Titel „Der Fall Haken“:  Vor dem Erweiterten Arbeitsgericht Hamburg wurde der Fall des Schriftstellers Bruno Nelissen-Haken weiterverhandelt, der auf Grund seines Arbeitslosen-Romans „Der Fall Bundhund“ vom Landesarbeitsamt Nordmark fristlos entlassen worden war. Während bisher vom Landesarbeitsamt weder Herrn Haken noch der Presse ein Grund für die plötzliche, in schroffer Form erfolgte Entlassung gegeben wurde, gab der Vertreter des Landesarbeitsamts bei der heutigen Verhandlung, wohl unter dem Druck der Pressenachrichten, zu, daß der Roman die Veranlassung zur Entlassung Hakens gewesen sei. Ausschlaggebend sei hierbei gewesen: eine Herabsetzung und Herabwürdigung der Reichsanstalt und eine tendenziöse Darstellung ihrer Einrichtungen, die Verächtlichmachung der Selbstverwaltung, die Verwertung der in vertraulichen Sitzungen hergestellten Protokolle. Außerdem, führte der Vertreter des Landesarbeitsamts aus, habe Haken – vermutlich – die Arbeitsstunden zur Arbeit an seinem Roman benutzt. Haken widerlegte alle drei Punkte dadurch, daß er darauf hinwies, daß sein Buch kein Schlüsselroman sei und daß keines der in dem Buch angegebenen Ereignisse tatsächlich in der Praxis vorgekommen sei. Er erwiderte weiter, daß seine Vorgesetzten, die ja auch Beamte seien, ihre Arbeitszeit zur Lektüre seines Romans benutzt hätten, und im übrigen sei es merkwürdig, von der sozialsten Behörde Deutschlands zu erfahren, daß sie eine fristlose Entlassung von Beamten durchkämpfe, die zum Teil mit Arbeiten betraut wurden, die von Beamten der Gehaltsstufe 9 geleistet worden sind. Laut Paragraph 118 der Verfassung dürfe kein Deutscher wegen einer Meinungsäußerung in irgend einer Weise benachteiligt werden. Große Bewegung entstand unter den Zuhörern und Pressevertretern, als Haken mitteilte, daß sowohl der Senat Hamburg wie auch das preußische Kultusministerium, das durch die Notgemeinschaft des deutschen Schrifttums Haken sofort eine Geldsumme überwiesen hat, entschieden von seiner Maßregelung abgerückt seien.

 

Daß aber eine Reichsbehörde einen Angestellten wegen einer literarischen Arbeit maßregelt, daß es ihr gestattet sein darf, nicht nur eine verschleierte Zensur zu üben, indem man die Entlassung mit irgendwelchen juristischen Formeln begründet, sondern eine offene Zensur, da man zugibt, der Inhalt des Romans sei der Anlaß zur Entlassung, das ist eine skandalöse Angelegenheit. Im Laufe der Verhandlung wurde sogar bekannt, daß bei einer vertraulichen Sitzung im Landesarbeitsamt beraten wurde, ob man das Buch nicht durch einstweilige Verfügung oder gar durch den Paragraphen 48 verbieten lassen könne. Wenn nicht mit allem Nachdruck den Herren vom Landesarbeitsamt gesagt wird, daß ihre Handlungsweise unvereinbar ist mit dem menschlichsten aller Gesetze, dem der geistigen Freiheit, ist zu befürchten, daß morgen ein ähnlicher Fall auftaucht.

 

Der Prozess endete 1931 mit einem Vergleich, in dem sich das Landesarbeitsamt zur Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfrist und zur Ausstellung eines regulären Zeugnisses verpflichtete. Danach widmete er sich ganz der Schriftstellerei und verfasste eine Vielzahl von eher unterhaltenden Werken, darunter  auch „Der freche Dackel Haidjer aus der Stierstraße“ (1936). Die Gegend kannte er, da Bruno Nelissen-Haken nach Aufenthalten in Lüneburg und Baden-Baden ab 1935 in der Stierstraße Nr. 2 wohnte. 1941 wurde sein Bauernroman „Der Peerkathener Mädchenraub“ unter dem Titel „Männerwirtschaft“ von Johannes Meyer für die Ufa verfilmt. „Der Fall Bundhund" wurde 1976 noch einmal aufgerollt – als Fernsehspiel von Eberhard Hauff.

 

„Der Fall Bundhund" in der Presse:

 

Julius Berstl

Stierstraße Nr. 3

Julius Berstl (1883-1975)

 

In der Stierstraße wurden über 58 Stolpersteinen verlegt – Erinnerung an jene Nachbarn, die Deutsche, aber Juden waren, und deslab ermordet wurden. „Gedächtnis einer Straße“ nennt sich das „Projekt“ der Initiatorin Petra T. Fritsche. An einen, auch Jude, wird nicht erinnert, weil er sich 1936 rechtzeitig mit seiner Familie nach England retten konnte. Der Fall ist bezeichnend für das höchst fragwürdige Gedächtnisunternehmen. Da ist es auch wenig hilfreich, wenn im Begleitbuch eine mehr als lapidare Würdigung nachgeschoben wird.

 

Es geht um Julius Berstl, einen vielseitigen und erfolgreichen Schriftsteller, der heute ziemlich vergessen ist. Julius Berstl gehört zu Friedenau. In der Fehlerstraße Nr. 13 A und der Stierstraße Nr. 1 entstanden in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vielgelesene Romane und Theaterstücke. In der seit 1998 in Berlin erscheinenden Wochenschrift für Politik, Kunst und Kultur „Das Blättchen“ publizierte Thomas Zimmermann am 27. April 2015 eine „Reminiszenz an Julius Berstl“, Wir veröffentlichen den Text mit freundlicher Genehmigung von Autor und Redaktion:

 

Julius Berstl „wurde am 6. August 1883 als zweiter Sohn des Schauspielerehepaars Norbert und Franziska Berstl in Bernburg an der Saale, Lange Straße 3, geboren. Die Eltern befanden sich im Sommerengagement“. Mit diesen Worten begann Berstl seine Autobiografie Odyssee eines Theatermenschen, die er 1963 in Hollywood verfasste und in der er auf ein längst vergangenes Kapitel der deutschen Geschichte zurückblickte: die Kaiserzeit, in der die Theater noch keinen ganzjährigen Spielplan hatten und die Schauspieler dadurch gezwungen waren, sich für jedes Halbjahr bei einer anderen Spielstätte zu bewerben.

 

Berstls Eltern hatte es auf diese Weise 1883 an die Bernburger Bühne verschlagen, für die Wintersaison aber waren sie schon nach Sankt Gallen in der Schweiz engagiert. Die junge Familie sollte über Jahre nie länger als sechs Monate an einem Ort leben, ein Gefühl der Heimatlosigkeit begleitete Julius Berstl von Kindertagen an. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er an seine Geburtsstadt Bernburg nur wenige Erinnerungen hatte. Im Alter von sechs Wochen wurde Berstl in der Schlosskirche Sankt Ägidien getauft, unmittelbar danach verließ die Familie Bernburg in Richtung Schweiz. Bis 1890 führte die Familie, die väterlicherseits dem mährisch-jüdischen Kleinbürgertum, mütterlicherseits einer hessischen Schauspielerdynastie entstammte, ein unstetes Wanderleben, immer auf der Suche nach neuen Engagements. Dann aber wurde Norbert Nathan Berstl zum Direktor des Göttinger Stadttheaters ernannt und seine Familie sesshaft.

 

Nach einem kurzen Studium der Literatur arbeitete Julius Berstl zunächst als Lektor in Leipzig, bevor er 1909 nach Berlin ging, wo er am Theater des legendären Victor Barnowsky als Dramaturg wirkte. Bis 1924 sollte Berstl Barnowsky künstlerisch beraten und dabei mit den Spitzen der damaligen Literatur verkehren, so etwa mit den Brüdern Mann, Stefan Zweig, Curt Goetz, Joseph Roth, Bert Brecht und vielen anderen. Zu dieser Zeit begann er auch, erste Theaterstücke zu verfassen. Sie wurden zwar veröffentlicht und auch aufgeführt, doch mehr als einen Achtungserfolg erzielten sie zunächst nicht. Der Weltkrieg brachte schließlich die entscheidende Zäsur in Berstls Schaffen. Kurz vor Kriegsbeginn hatte Berstl die Schauspielerin Hedwig Koch geheiratet, noch 1914 wurde der Sohn Norbert geboren. Dann aber fand sich der junge Vater und angehende Autor bald in einer Jüterboger Kaserne wieder, wo er dank Kriegsrationen auf 95 Pfund abmagerte und neben der Verwaltungspost heimlich seinen ersten Roman verfasste. „Ich habe im Lärm dieser Schreibstube (außerdienstlich) große Teile meines Romans ‚Überall Molly und Liebe‘ (1920) geschrieben, meine erste erwachsene Arbeit“, vermerkte er viele Jahre später.

 

Der Roman machte Berstl über Nacht berühmt. Zurück aus dem Krieg, war er ein gefragter Autor, seine humorvoll-zeitkritischen Romane wurden in Zeitungen vorabgedruckt und gerieten nicht selten zu wahren Skandalen, da sich viele Zeitgenossen in ihnen wiederfanden. Ab 1924 arbeitete Berstl in verschiedenen Theaterverlagen und etablierte sich zudem auch als Bühnenautor. Sein erfolgreichstes Stück, die Komödie Dover-Calais (1926), wurde Weihnachten 1926 an unfassbaren 25 Bühnen gleichzeitig uraufgeführt. Andere, politische Unterhaltungsstücke wie Scribbys Suppen sind die besten (1929) und die Napoleon-Satire Napi (1930) folgten. Mit der ‚Machtergreifung‘ der Nazis 1933 endeten Berstls Erfolge. Als Halbjude gebrandmarkt, wurde er zunächst mit einem Publikationsverbot belegt, und nachdem er es 1935 abgelehnt hatte, der faschistischen Reichsschrifttumskammer beizutreten, emigrierte er schließlich im Juli 1936 über Holland nach London. Dort war Berstl zunächst auf die Unterstützung von Freunden angewiesen, weil ihm keine Arbeitserlaubnis erteilt wurde. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges verschlechterte sich Berstls Lage noch weiter: Als Deutscher wurde er in Huyton bei Liverpool interniert und lebte dort mit anderen Flüchtlingen, wie dem antifaschistischen Schriftsteller Hans José Rehfisch und dem Erbprinzen von Sachsen-Weimar, unter erbärmlichen Umständen – bis er krankheitsbegingt entlassen wurde.

 

Berstl arbeitete in der Folgezeit für den BBC und nahm über 60 Hörspiele auf, die zunächst an die Humanität der deutschen Soldaten appellierten und nach 1945 auch die Jugend östlich der Elbe mit christlichem Gedankengut versorgten. Gleichzeitig konnte sich Berstl in England und den USA als Autor durchsetzen. Besonders seine Romane um den Apostel Paulus Der Zeltmacher und Adler und Kreuz fanden beidseits des Atlantiks großen Anklang: Der einst so zeitkritische Autor hatte sich im Alter verstärkt dem Glauben zugewandt. Als er 1951 von der BBC in den Ruhestand versetzt wurde, siedelte Berstl mit seiner Familie in die USA über, wo er in New York als freier Autor lebte. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1964 zog Berstl nach Kalifornien, um dort als Drehbuchautor für Hollywood zu arbeiten. Doch nur schwer fand er zur leichten Kost zurück, der große Wurf blieb aus. Berstl starb am 8. Dezember 1975 in Santa Barbara im Alter von 92 Jahren.

 

Stierstraße 1962, aufgenommen von Uwe Johnson vom Haus Nr.3

Stierstraße Nr. 3

Uwe Johnson (1934-1994)

 

„Dichter der beiden Deutschland“ wird er genannt, auch „Dichter der Teilung Deutschlands“. Er ist es und auch nicht. Geboren wurde Uwe Johnson in Pommern. Von dort flieht die Familie 1945 nach Mecklenburg. Der Vater wird von der Roten Armee verhaftet, in das Speziallager Nr. 9 in Fünfeichen gebracht und schließlich in die Sowjetunion deportiert, wo er 1946 stirbt. Mutter Erna zieht mit Sohn Uwe und Tochter Elke nach Güstrow. Von 1952 bis 1956 studiert Uwe Johnson Germanistik in Rostock und Leipzig. 1956 ziehen Mutter und Schwester nach Westberlin. Der 22-Jährige bleibt in der DDR – bis er schließlich am 10. Juli 1959 auch nach Westberlin übersiedelt. Wochen später erscheinen „Die Blechtrommel“ von Günter Grass und „Mutmaßungen über Jakob“ von Uwe Johnson. Auf der Frankfurter Buchmesse treffen sie sich – Anfang einer lebenslangen, nicht immer ungetrübten gegenseitigen Wertschätzung.

 

Uwe Johnson wohnt zunächst in der Dahlemer Spechtstraße Nr. 5, bis ihm im Oktober 1961 die Atelierwohnung in der Niedstraße Nr. 14 zugewiesen wird. Nach dem Mauerbau flüchtet seine Freundin Elisabeth Schmidt nach Westberlin. Am 28. Februar 1962 wird geheiratet, am 20. November wird Tochter Katharina geboren. Im April 1963 beziehen die Johnsons ihre Hauptwohnung in der Stierstraße Nr. 3, die sogenannte „Familienwohnung“.

 

 

 

 

Im April 1964 erwerben Anna und Günter Grass das Haus Niedstraße Nr. 13 und werden Nachbarn von Uwe Johnson. Nun interessiert sich auch Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929), Johnsons Lektor beim Suhrkamp Verlag, für ein Haus in Friedenau, für sich, seine Frau Dagrun und Tochter Tanaquil. „Ihr hättet nichts dagegen, wenn wir in eure Nachbarschaft kämen“. Johnson machte ein Haus ausfindig und die Enzensbergers zogen 1965 in die Fregestraße Nr. 19 ein.

 

1966 ziehen die Johnsons nach New York, behalten aber während des Amerika-Aufenthaltes die Wohnungen Niedstraße Nr. 14 und Stierstraße Nr. 3. Am 8. Januar 1967 teilt Dagrun Enzensberger Johnson mit, dass „Hans Magnus und ich uns für einige Zeit trennen werden“, und fragt an, „ob ich Eure Stierstraßen-Wohnung für eine kürzere Zeit“ mieten könnte. Vier Tage später telegrafiert Johnson am 12. Januar 1967 aus New York City: „Liebe Dagrun, natürlich, ja. Brief folgt.“ Am 3. Februar 1967 schreibt Dagrun an Johnson: „Wir machen eine Kommune.“ Am 19. Februar 1967 zieht die „Kommune I“ in die „Atelierwohnung“ Niedstraße Nr. 14 ein. Fortan nutzen die Kommunarden auch die „Familienwohnung“ Stierstraße Nr. 3 für ihre Sitzungen.

 

Im April 1967 erfuhr Uwe Johnson aus der „New York Times“ vom geplanten „Pudding-Attentat“ der „Kommune 1“ auf US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey. Auf Bitte Johnsons ließ Günter Grass „die auf den Kopf gestellten Wohnungen“ Niedstraße und Stierstraße von der Polizei räumen. Im August 1968 kehrte die Familie Johnson nach Berlin zurück. Es folgten erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger zur Kostenübernahme für die angerichteten Schäden. Enzensberger: Ich bin nicht der Hüter meiner Verwandten.

 

1974 ziehen die Johnsons nach Sheerness on Sea auf die Insel Sheppey im Mündungstrichter der Themse. 1975 publiziert Johnson bei Suhrkamp eine Aufsatzsammlung unter dem Titel „Berliner Sachen“. 1978 trennen sich Elisabeth und Uwe Johnson. Am 13. März 1984 wird Uwe Johnson in seinem Haus in Sheerness tot aufgefunden.

 

 

Uwe Johnson: Rede zum Bußtag

19. November 1969

 

Ich lebe in einer Berliner Straße, aus der die Bomben drei Miethäuser herausgetrennt haben, gegenüber der einstmals leeren Fläche, auf der die evangelische Kirche ein Haus für den Dienst an Gott und eins für die Geselligkeit hat hochziehen lassen, in einer recht modeseligen Auffassung von Baukunst, und nicht nur die auswärtigen Besucher stehen versonnen an meinem gemieteten Fenster und sprechen unverhofft von einem Ski-Übungshang. Dennoch sind unsere Beziehungen zu dieser Niederlassung Gottes verblüffend innig. Das kommt von dem frei stehenden Glockenturm, der, besonders am Freitag, zu oft knalligen Lärm in die Schallkanäle zwischen den vierstöckigen Häusern drückt, die Fenster dröhnen macht und nicht nur Kleinkindern Ohrenschmerzen bereitet. Einer Fluggesellschaft würde die Bürgerschaft zumindest fahrlässige, wahrscheinlich vorsätzliche Körperverletzung vorwerfen. Aber diese Körperschaft des öffentlichen Rechts nimmt ein jungmädchenhaft gekränktes Wesen an, wenn man sie behandelt wie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, und ich habe nicht angefangen, Unterschriften zu sammeln. Und wenn diese Kirche nicht nach mir ruft in ihrer grobianischen Manier, traue ich mich in ihre Nähe und lese die Ankündigungen im Schaukasten, die Farblichtbildervorträge über die Seilstraßenbahnen in San Francisco oder die Erstickung des Individuums in den Zwängen und Isolierungen der modernen Industriegesellschaft, mit Diskussion, und bin regelmäßig verdutzt durch die Hartnäckigkeit, mit der dies Institut die feuilletonistischen Entwicklungen verfolgt, nicht nur in der Architektur, auch in der zeitgemäßen Reform seines Betriebsauftrags, der in der Erklärung der Welt für Mitglieder und Schwankende besteht. Und wie viele meiner Nachbarn drücke ich meine Hochachtung schweigend aus, und gehe nicht hinein.

Aus: Uwe Johnson, Berliner Sachen. Suhrkamp, 1975

 

Uwe Johnson an Anna und Günter Grass

Nyc, 6. April 1967

 

Liebe Anna, lieber Günter,

als ich euch anrief, war es bei euch wohl zweiundzwanzig Uhr, und ihr klänget auch nach dem stillen Abend den wir nunmehr entbehren. Wir sind euch sehr dankbar dafür, dass ihr uns helfen wollt.

Die anderen Blätter sind das Original und die gleichermaßen gültige Kopie einer Vollmacht für Günter in bezug auf unsere Wohnungen; in der Eile ist die Ausdehnung auf Anna vergessen worden, aber wenigstens gibt euch der Schluss die Möglichkeit, die Ermächtigung sogleich auf euren Anwalt zu übertragen. Die Auswahl der praktischen Maßnahmen möchten wir eurem Urteil überlassen. Wir kennen nicht die Verhältnisse, wir waren noch heute mittag beim Lesen der Zeitung nicht imstande, uns hineingezogen zu sehen. Was wir uns wünschen, werdet ihr euch denken, und ich möchte es lediglich bestätigen:

 

Dagrun Enzensberger muss die Wohnung in der Stierstraße sofort verlassen und die Schlüssel der Hauswartfrau, Frau Fucker, übergeben. (Nachdem wir am Montag einen Brief mit Beschwerden der Hauseigentümerin bekommen haben, baten wir Dagrun Enzensberger in einem Brief vom Dienstag, am 15. April spätestens auszuziehen. Wir wünschen nun, dass sie es sofort tut.) Ulrich Enzensberger soll in unsere Wohnung in der Niedstraße nicht mehr gelassen werden, wenn du es für vermeidbar hältst, jedenfalls nicht ohne Zeugen, und er soll die Schlüssel dir oder deinem Rechtsanwalt geben.

 

Da die hiesigen Zeitungen von einer Beschlagnahme auch anderer Gegenstände sprechen, müssen wir befürchten, dass auch Manuskripte und Briefwechsel von mir mitgenommen wurden. Trifft das zu? Woran uns am meisten liegt, ist den Verlust der Wohnung in der Niedstraße zu vermeiden. Wenn ihr mit Frau Gierth von der „Gesellschaft für Handel und Grundbesitz“ (Berlin 15, irgendwo am Kurfürstendamm) sprechen solltet, betont doch unser Interesse an dieser Wohnung, wir hängen sehr daran. Wenn die angerichteten Schäden nicht gefährlich sind, schließt die Wohnungen einfach zu. Einer von uns wird im Juni kommen, sich die Bescherung anzusehen. Bis Dienstag könnten wir an jedem Tag kommen, wenn ihr es uns ratet, aber danach ist es vorläufig wegen Visaschwierigkeiten nicht möglich. Unsere Nummer ist 749-2857. Euer Verhalten am Telefon hat uns getröstet, und wir danken euch für eure Hilfe.

 

Mit herzlichen Grüssen, Uwe

 

 

Uwe Johnson über Friedenau

 

Am 28.01.1963 schreibt Johnson an Wilhelm Müller, dem Englischlehrer an der John-Brinckman-Oberschule in Güstrow: In diesem Haus wohnen wir ganz oben und haben alles bezahlt. Aber ein paar Strassen weiter sitzt die Hausbesitzerin und addiert genussvoll was für Heizkosten nachzuzahlen ist; Krampfadern hat sie auch. Friedenau ist ein Dorf, es steht auch voller Bäume, meistens Kastanien, da war wohl mal ein Stadtbaumeister. In den Geschäften kaufen wir nun schon drei Jahre, das merken die sich: Einen guten Rutsch, der Herr! Auf der Strasse liegt der Schnee hoch aufgeschaufelt am Rinnstein, aber die kleinen Vögel werden schon übermütig. Auf dem Balkon sitzt schweigend ein dicker, schwarzer, es ist der uns immer besucht, aber wir kennen seinen Vornamen nicht, so kann man schlecht ins Gespräch kommen. Das Kind schreit und möchte vielleicht mit dem Alphabet spielen, das kann es aber noch nicht haben bei seinem Alter; man hört auch die leere Stadtbahn traurig halten, trübe weiterrollen, Flugzeuge wie die Ewigkeit über dem Dachfirst, und aus dem Treppenhaus den Mieter unter uns, er glaubt nicht, dass er schwerhörig ist und probiert öfter am Tag seine Klingel aus: ob sie geht hören aber nur die andern. Der Himmel müsste mal gewaschen werden.

 

***

 

Brief an Dorothy Hensan vom 26.09.1963, der Vermieterin seines Rostocker Studenten-Domizils: Allerdings haben wir ungefähr anderthalb Möbelwagenmeter zurückgelassen in der Niedstrasse Nummer 14. Zu dem gehe ich morgens in einem unbürgerlichen Sinne hin und regiere ihn. Abends kehre ich via Hauptstrasse oder via Handjerystrasse, Perelsplatz, Hähnelstrasse in die Stierstrasse zurück und halte die Beine neben den Tisch als wäre nichts gewesen. Und diese beiden Vorrichtungen sind durch einen Draht verbunden. Jede Wohnung ist das telefonische Vorzimmer des andern, eine Verbindung lässt sich mit Knopfdruck herstellen und kostet nichts ... Wir leben ziemlich belanglos weiter unter den Flugzeugen oder den Kastanien, die nach uns zielen. Das Kind macht uns zu seinem Adjutanten in allen Dienstbereichen, es sagt Wa! und wir kommen gelaufen.

***

 

Brief an Manfred Bierwisch vom 21.08.1963: Kennst Du, erinnerst Du das Haus Nummer 13 in der Niedstrasse? Den Bau aus bunten Klinkern mit leicht verförstertem Dach? In dem Vordergarten hinter dem gehäkelten grünen Zaun spielten immer die amerikanischen Kinder und sagten Hi. Ein indischer Student ging würdevoll zum Briefkasten der im gemauerten Gartentürpfosten angebracht ist. Auf der Strasse standen mit Militärkennzeichen die drei Wagen der Familie. Alle sind jetzt ausgezogen. Das leere Haus hat zwei Dreizimmerwohnungen mit jeweils Bad und Küche im vorstehenden Hauptblock, im zurückgesetzten Block, der früher Kutscherwohnung bei Kommerzienrats war, übereinander zwei Einzimmerwohnungen. Die schmalen Rundbogenfenster sind von innen grösser als aussen. Die Räume sind niedrig aber menschlich geschnitten. Unter dem steilen Dach, dem man von vorn nur die Sucht des Architekten nach neugotischen Schnörkeln ansieht, ist in Wirklichkeit und nach hinten offen ein Atelier so hoch, dass ein Elefant nicht anstösst. Nach hinten zwischen den Brandmauern von Nummer 14 und der Bäckerei, von der Albestrasse aber nicht ganz zugestellt, sind noch einmal 500 qm Garten mit Apfelbäumen. Dies Haus wollte mir unser Hauswart gegen Provision vermitteln.

Wir fanden das Inserat in der Zeitung, rissen es aus und banden es auf dem Flugplatz einem Ankömmling an, der manchmal aussieht wie ein brasilianischer Kaffeegrosshändler, manchmal wie ein spanischer Viehhändler, manchmal wie ein Zigeuner aus der Kaschubei. In einer dieser Gestalten, von einer in Lederjacke begleitet, besichtigte er das Haus und verblüffte den Makler mit der Ankündigung er sei interessiert dafür sechzigtausend auf den Tisch zu legen. Der Makler musste sich aber erst noch vergewissern und fand zu seiner weiteren Verwirrung Leute, die leichthin mit jeder Summe für dies bärtige Individuum gutsagen wollten. Darauf ging das Individuum fort. Gestern wieder wurde es in der Niedstrasse vor dem Haus gesehen, auf einem Klappstuhl, wie es das Haus zeichnete. Kinder standen umher und waren bemüht, sich nicht zu wundern. Der Mann mit dem Bart, leicht zu zeichnen für Kinder: Schwarz für das Gewächs unter der Nase, schwarz für die Augen, schwarz für das schwarze Band um den zerknautschten Hut, so ging er aufs Postamt und schickte die Zeichnungen express in die Schweiz. Aus der Schweiz traf Zustimmung ein, und heute wird das Haus verkauft.

Du entsinnst Dich vielleicht dass ich Günter Grass von Anfang zuredete ein Telefon zu mieten. Unermüdlich hat er Jahre lang Berlin erpresst mit dem Telefon, an das man ihn nicht holen konnte. Auf diesem Umweg habe ich ihn doch hereingelegt, denn in dem Haus steht schon ein Telefon, das kann er übernehmen.

Im Dezember werden nun seine Zwillinge hinter dem Haus stehen und unermüdlich mich anspucken, wenn ich ins Haus daneben steige unters Dach. (...) Wir machen gleich die Probe auf eure Auslegung des Gesetzes über Fremdliteratur und schicken Dir Meine Liebe Hiroshima von Duras, etwas Ausgedachtes von Benjamin und drei Kriminalromane und eine Marke Tabak und das Einwickelpapier.

Friedenau, ein Teil des Stadtbezirkes Schöneberg von Gross-Berlin, ist in mancher Hinsicht zu vergleichen mit dem Stadtbezirk Lichtenberg, ebenda, eben deswegen. Verfügt man hier über Kastanienbäume, hat man doch eine Untergrundbahnstation bisher nicht aufzuweisen. Die Leute sind abends auch froh, wenn sie glauben den Tag hinter sich zu haben. Was den einen Stadtteil vom anderen trennt, ist einem von auswärts kaum zu erklären. Die Hiesigen laufen umher in der Meinung sie allein wüssten da aber Bescheid. Dieser Meinung muss nicht noch entgegengetreten werden.

Dies in diesem Sinne.

 

***

 

Seinen Arbeitsalltag als Schriftsteller beschreibt Uwe Johnson in einem ausführlich erzählenden Brief dem Englischlehrer Wilhelm Müller in Güstrow; zum ersten Mal werden in diesem Brief jene Fragen aufgeworfen, die Gesine Cresspahl in dem unvollendet gebliebenen Manuskript Versuch einen Vater zu finden später so intensiv beschäftigen werden. An den Oberlehrer schreibt Uwe Johnson: Bitte nennen Sie es doch nicht egozentrisch, wenn Sie Ihren Alltag erwähnen. Viel anderes weiss ich ja auch nicht mitzuteilen, nachdem uns nur vergangene Gelegenheiten gemeinsam sind, mitsamt deren Andenken, das halten wir aber fest, und wir lesen also gern ob Sie verreisen oder in den Heidberg gehen, um wenigstens auf die Art in Ihre Nähe zu kommen.

Sie erwähnen da so meine Betätigungen. Am liebsten täte ich davon nichts. Mir wäre schon recht man liesse mich hier sitzen und was aufschreiben klammheimlich, unberühmt, nicht prominent, einfach so. Stattdessen regt das Telefon sich auf mit der Frage: warum ich das tue, zu welchem, möglichst zu einem höheren. Ungelogen, wenn Zeitungen Brief schreiben, geben sie sich aber auch gleich als das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit und fragen die Berühmtheiten: was essen Sie zu Weihnachten, was denken Sie über die Ehe, waren Sie ein guter Schüler, würden Sie Ihre Kinder schlagen, was tun Sie weniger gern als was Sie tun? Harmloser wird man eingeladen zum Vortragen der Dichterstimme, aufgefordert zu Diagnosen der Weltverhältnisse, nach dem Sinn des Lebens gefragt; es stört aber auch. Solche Begleitumstände des Berufs haben zumindest in der Person sich geirrt, und viel lieber sässe ich unter dem Hut eines Pseudonyms und befasste mich da mit Cresspahl und den Seinen. Und nachdem ich auf meiner Reise durch Skandinavien nicht viel mehr gesehen habe als Flugplätze, Pressekonferenzen, Hotelzimmer, Vortragsräume, Rundfunkstudios und ab und zu Gegend aus zweitausend Meter Höhe, wird mir schon jetzt unbehaglich vor der Fahrt durch England, die mir den November auffressen wird, denn da werde ich zu nichts Vernünftigerem kommen als zu - Ansichtspostkarten nach Güstrow i. M..

 

Stierstraße Nr. 4

Stanislaus Graf von Nayhauß-Cormons (1875-1933)

 

Zweifel an der bisher „bekanntgemachten“ Lebensgeschichte von Stanislaus Graf von Nayhauß-Cormons sind angebracht, da sie zumindest in Teilen auf nicht überprüfbaren Selbstangaben beruht. Zu den Fakten gehört, dass der Sohn des Reichstagsabgeordneten der „katholischen“ Zentrumspartei die Kadettenanstalt absolvierte und eine Militärlaufbahn anstrebte. 1912 gab er auf. Er heiratete und verdiente sein Geld als Lobbyist der Industrie.

 

Der Erste Weltkrieg kam, der Kaiser rief und Nayhauß ließ sich bereits im August 1914 für die Kavallerie des Königs-Ulanen-Regiment Nr. 13 (1. Hannoversches) reaktivieren. Er wurde Rittmeister und mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Sturz vom Pferd und Schulterverletzung bedeutete das Aus. Während des Lazaretts gönnte er sich eine Fahrt auf dem Bodensee. Während der Überfahrt soll er Passagiere belauscht haben, die sich „in verdächtiger Weise über kriegswichtige Belange“ informiert hätten. Laut Wikipedia sei er daraufhin den Männern bis zur Villa des französischen Militärattachés in Bern gefolgt. Da habe er den Plan gefasst, den Attaché der gegen das Deutsche Reich gerichteten Spionage zu überführen. Er habe den Diplomaten aufgesucht, wobei er sich als williger Zuträger, der ihn mit Geheimnissen über die deutsche Kriegsführung versorgen könnte, ausgegeben habe. Der Franzose blieb reserviert und verwies ihn an den russischen Attaché, der wiederum bei den Schweizer Behörden Anzeige gegen ihn erstattet habe. Nayhauß wurde festgesetzt und nach Deutschland abgeschoben. Ein schlechter Krimi.

 

 

 

Im Reich wurde er des Landesverrats angeklagt und vom Kriegsgericht zunächst zum Tode, dann zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. 1919 wurde er vom Reichsmilitärgericht freigesprochen und voll rehabilitiert. Die erste Ehe war inzwischen gescheitert. Nayhauß zog mit Sohn Hubertus (geb. 1913) nach Berlin. 1925 folgte die zweite Heirat. Aus der Ehe mit Erika geb. von Mosengeil gingen die Söhne Mainhardt und Engelbert hervor.

 

In diesen Jahren schrieb er seine Rechtfertigung nieder, der Versuch, Prozess, Gefängnis und Scheidung zu verarbeiten. Das Buch „Unschuldig zum Tode verurteilt“, Erinnerungen eines deutschen Reiteroffiziers, erschien 1929 im Verlag von Oskar Meister im sächsischen Werdau. 1933 war „v. Nayhauß, St., Graf, Rittmeister a. D.“ mit Familie in das Haus von Eigentümer E. Secondeanos Stierstraße Nr. 4 eingezogen.

 

Während der Weimarer Republik betätigte er sich als Vortragsredner für die rechtskonservative Deutschnationale Volkspartei des Verlegers Alfred Hugenberg. Aus heiterem Himmel – oder aus enttäuschten Hoffnungen – wandelte er sich nach Ansicht der Stolperstein-Initiatorin Petra T. Fritsche zum „Kritiker und Gegner der NSDAP“. Unter dem Pseudonym Clemens von Caramon verfasste er die Schrift „Führer des Dritten Reichs“, in der er die kriminelle Vergangenheit von Nationalsozialisten beschrieb: „Bei jeder anderen Partei verschwinden ‚schwarze Schafe‘, nachdem sie entdeckt wurden, von der Bühne des öffentlichen Lebens. Nur der Nationalsozialismus duldet einzig und allein skrupellos an seiner Spitze, in Führerstellung, vielfach Menschen, die in des Wortes wahrster Bedeutung ‚Dreck am Stecken‘ oder keine ‚weiße Weste‘ mehr haben. Und zwar in einer Anzahl, wie es bei jeder andren Partei von rechts bis links, die auf einwandfreie ethische, moralische Einstellung ihrer Führer hält, einfach unmöglich wäre.“

 

Was wollte Stanislaus Graf von Nayhauß-Cormons damit erreichen? Es ist gewagt, zu behaupten, dass er die Öffentlichkeit vor dem Nationalsozialismus warnen wollte. Nahe liegt, dass seine Schrift wohl eher für „sein“ Offizierskorps gedacht war, das nach den „Erniedrigungen“ während der Weimarer Republik wieder Hoffnung schöpfte und sich in Scharen der NSDAP zugewandt hatte. Nicht das nationalsozialistische „Galgen-Gesindel“ sollte die Zukunft des Reichs bestimmen, sondern die preußische Militärelite.

 

Am 26. Juni 1933 wurde Stanislaus Graf von Nayhauß-Cormons in Breslau arretiert. Nach dem 20. Juli meldete die „Breslauer Zeitung“, dass ein Angler in einem Teich einen Toten entdeckt habe. „Die Leiche ist unkenntlich, da sie etwa acht bis vierzehn Tage im Wasser gelegen hat. Sie war an Händen und Füßen mit einem zwei Millimeter starken Draht gefesselt und mit einem 96 Pfund schweren Stein beschwert. Der Tote war bekleidet, jedoch fehlten die Schuhe. Es besteht die Möglichkeit, dass der Mann gefesselt lebendig ins Wasser geworfen worden ist, was jedoch bisher nicht einwandfrei festgestellt werden konnte. Zweckdienliche Angaben erbittet die Kriminalpolizei Breslau.“ – Der Tote war Stanislaus Graf von Nayhauß-Cormons.

 

Am 23.07.1934 teilte Staatssekretär Dr. Lammers mit: Dem Antrag der Witwe, „die sterblichen Überreste des Grafen Nayhauß (vom Stroschwitzer Friedhof) auf Staatskosten nach einem noch zu bestimmenden Ort zu überführen, vermag der Reichs- und Preußische Minister des Inneren in Anbetracht der gesamten Umstände des Falls nicht näher zu treten“.

 

Am 04.12.1936 erteilte der Reichs- und Preußischen Minister des Inneren folgende Anweisung: „Der Gräfin Erika von Nayhauß-Cormons und ihren beiden Kindern wird anlässlich des Ablebens ihres Ehemannes bezw. Vaters aus Billigkeitsgründen vom 1. Dezember 1936 an eine monatliche Rente von 350 RM (Dreihundertfünfzig RM) aus Reichsmitteln bewilligt. Von diesem Betrage stehen der Gräfin selbst 150 RM, ihren Kindern je 100 RM zu. Die Rente für die Gräfin wird lebenslänglich, die Renten für die Kinder bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres gewährt.  Ferner bewillige ich der Gräfin von Nayhauß-Cormons eine einmalige Entschädigung von 2500 RM (Zweitausendfünfhundert RM) aus Reichsmitteln.“

 

Am 21. September 2009 wurde vor dem letzten Wohnhaus von Stanislaus Graf von Nayhauß-Cormons in der Stierstraße Nr. 4 ein Stolperstein verlegt. Es bleiben viele Fragen offen.

 

Stierstraße Nr. 6. Foto Volker Kunze, 1980

Stierstraße Nr. 6

Hähnelstraße Nr. 6

Antiquariat Barasch

 

„Die besten Bücher in Friedenau hat Barasch die alte Sau.“ Diesen triftigen Werbespruch hat der Fotograf Volker Kunze in seiner großzügigen Wahrhaftigkeit für Rüdiger Barasch kreiert und gedruckt.

 

Rüdiger Barasch lebt seit mehr als 40 Jahren in Friedenau. Zuerst ab 1972 im 3. Stock des Gartenhauses Perelsplatz Nr. 16, dann ab 1977 auf den zwei Ecken von Hähnel- und Stierstraße, nun nicht weit davon in einer geräumigen Parterrewohnung. Er kennt Friedenau und er kann Geschichten erzählen.

 

Als Anwohner 2012 auf die Idee kamen, die gemächliche Gegend mit einem Straßenfest zu beleben, lud er zu einem Kurzvortrag ein. „Barasch’s Streunereien“ sind mit den Illustrationen von Ines Kersting auf dieser Webseite unter „Aus fremden Federn“ veröffentlicht.

 

 

 

 

Barasch begann mit den Baumeistern Ludwig Stier (1799-1856) und Hermann Hähnel (1830-1894), deren „Wirken Einfluss bzw. Ausstrahlung auf die Baugestalt dieser Straßenzüge hatte. Beide waren verdiente Bratenrocktypen des 19. Jahrhunderts. Dennoch wird sich die dritte und vierte bauhaus-Generation an ihnen messen müssen. Es sind nämlich Häuser mit Gesicht und Würde. Sie bleiben Repräsentanten einer alternativen Moderne. Bei aller Geschlossenheit strahlen sie keine Eintönigkeit und Gleichgültigkeit ab. Es sind individuelle Baukörper mit reichhaltiger Gliederung und vielfältigen Kompositionselementen. Die Traufhöhe und die Geschosshöhe sind gleich und waren bauamtlich vorgegeben. Gauben, Erker, Balkone, Wintergärten, Gesimse, Fensterfelder, Eingänge, Supraporte sind von großer Mannigfaltigkeit. Die Häuser runzeln nicht. Ihre Leuchtkraft vermehrt sich von Jahr zu Jahr, da die Zeit von der sie zeugen, einmalig war und unwiederbringlich dahin ist.

 

In seiner Kampfschrift ‚Das steinerne Berlin‘ von 1930 geißelt Werner Hegemann Berlin als die größte Mietskasernenstadt des Kontinents. Pauschal ist ja auch wirklich nichts zu preisen. Und auch in Friedenauer Gartenhäusern war die Toilette für zwei Mietparteien halbe Treppe tiefer. Bis in die 70er, 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es gab ’nen Ausguss, keine Duschen, geschweige denn Bäder in den Seitenflügeln.

 

In der Stierstraße sind mehrere Hauseigentümer in der zweiten Nachkriegszeit den Verlockungen der senatsgeförderten Stuckabschlagsprämie erlegen. Ihrem Antlitz wurden schwere Blessuren zugefügt. Der Publizist Wolf Jobst Siedler hat das in einem grandiosen Buch ‚Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum. Ein Bilderbuch – Elegie‘ bereits 1964 skandalisiert. Auch hier wären beinahe alle Vorgärten geopfert worden, um autogerechte Parkbuchten zu schaffen. Noch in den Frühachtzigern entfernte man die friedenau-spezifischen Natursteinplatten vom Gehweg und verscheuerte Sie in die DDR, ersetzte sie durch langweilige Kunststeine (wahrscheinlich auch aus der DDR). Begründung Stolpergefahr. Und 2012 wurden uns Stolpersteine en masse gratis geliefert, um uns und noch unseren Kindeskindern volkserzieherisch die tägliche Schuldration zu verpassen.

 

Das Haus Stierstraße Nr. 6 Ecke Hähnelstraße Nr. 6 wurde vor ein paar Jahren saniert und in Eigentumswohnungen umgewandelt. Zusätzliche Balkone, deren Eckpfeiler allerdings ein wenig streichholzartig wirken, wurden an der Stirnseite gesetzt“.

 

Am 1. Juni 1978 bot sich Rüdiger Brasch die Gelegenheit, „günstigst einen Eckraum in der Stierstraße Nr. 6 Hähnelstraße Nr. 6 zu mieten“. Vermieter war Leon Ruczycki (1911-1993), ein „Beutedeutscher der ukrainisch-polnischen Herkunft. In Warschau hatte er eine gediegene Ausbildung als Schneider und war in diesem Gewerbe sowohl als Zwangsarbeiter von hohen Militärs als Maßschneider sehr gesucht. Nach dem Mai 1945 setzte sich diese Tätigkeit fort. Die russischen Offiziere organisierten Tuch und Pelz und traktierten ihn mit Extrazuteilungen von Wodka. In der späten Nachkriegszeit war er Zwischenmeister der damals blühenden Berliner Textilbranche. Er residierte in einer Ladenwohnung in Kreuzberg. In den spätfünfziger Jahren, als die Grundstückspreise wegen der Berlin-Krise in den Keller rutschten, erwarb er für „1 ½ Wüstenrots“ (ca. 90.000 DM) das Doppelhaus mit 2 Aufgängen und Seitenflügel Stierstraße Nr. 6/Hähnelstraße Nr. 6. Das Haus im ramponierten Zustand. Die ‚Wäscherei Ladeley‘ (Hähnelstraße Nr. 6) hatte einen völlig verrotteten Ladentrakt hinterlassen.

 

Das Dachgestühl war bis zum Tod des Hausbesitzers undicht und Leon Ruczycki rührte 2 x im Jahr seinen Spezialmörtel, um die regnerischen Hinterlassenschaften zu bekämpfen. Die von mir gemietete Dépendance-Räumlichkeit (darunter ein Keller mit holprigem Gestein auf märkischem Sand) war mauerdurchfeuchtet und marode. Die Grundsanierung honorierte der Hausherr durch günstigen Mietzins – Ein Luftentfeuchter lief von 1978 bis 1998. Da der ca. 25 qm große Raum (mit 2 ½ qm Nebenraum 5,40 m hoch war, bauten wir ein wohnlich anheimelndes Zwischendeck aus Holz. Große Holzbücherregale und Bücherschränke vervollkommneten das Idyll, welches ich seit dem 10. Mai 1984 spitzwegmäßig bewohnte und bewirtschaftete.

 

Das Ladengeschäft gab ich an einen Antiquar als Nachmieter ab und ich konzentrierte mich auf die Tätigkeit eines Versandantiquars. Insgesamt erschienen 25 erfolgreiche Kataloge von meiner Feder. Im Februar 1994 bezog ich zusätzlich eine Souterrainwohnung in der Stierstraße Nr. 13. Nach Aufgabe meiner Antiquariatstätigkeit 1998 quartierte ich daselbst in der Belle Etage.“

 

 

Handgefertigte Kataloge von Barasch

 

Stierstraße Nr. 7 nach 1945. Archiv Gutschke

Stierstraße Nr. 7

Hähnelstraße Nr. 15A

Hellas-Bad

 

Auf den Plänen von 1876 bis 1892 ist auf dem Dreieck zwischen Lauterstraße, Ringbahntrasse und Friedenauer Straße (Hauptstraße) keine Bebauung verzeichnet. Die Lauterstraße war Gemarkungsgrenze, nach Westen war Friedenau, nach Osten Schöneberg. Nachdem Schöneberg einen Bebauungsplan für das Areal entwickelt hatte, war ab 1890 erstmals eine „Hähnelstraße“ eingetragen –mit der Anmerkung „gehört zu Schöneberg, unbebaut“. Es folgte am 30. Dezember 1901 der Eintrag „Stierstraße“ und 1903 „Bennigsenstraße“.

 

Die auffällig schmalen Bürgersteige vor den Häusern Stierstraße Nr. 7 bis Nr. 11 gehen auf die Polizeiverordnung von 1899 zurück, mit der festgelegt worden war, dass parallel zur Hausfront angelegte Wege eine Breite von 1,25 m nicht überschreiten dürfen. Nachzutragen ist, dass die 315 Meter lange Stierstraße bis 1940 zu Schöneberg gehörte und erst in den 1950er Jahren dem Ortsteil Friedenau zugeordnet wurde.

 

 

 

 

Eigentümer der bis dahin unbebauten Grundstücke Stierstraße Nr. 7 und Nr. 8 war 1910 der Nutzholzhändler Cassirer aus Berlin. 1914 geht Stierstraße Nr. 7 in das Eigentum von Major a. D. R. Anders aus Berlin, Oranienburger Straße Nr. 32 über. Für das Haus ist die Milchhandlung von G. Zimmeck verzeichnet. Eigentümer der Stierstraße Nr. 8 ist der Inhaber des Baugeschäfts A. Blank. Im Haus gibt es den Schlächtermeister R. Fehmel. Nach dem Ersten Weltkrieg heißt es im Jahr 1922 für Stierstraße Nr. 6 siehe auch Hähnelstraße Nr. 6. Für beide Häuser wird als Eigentümer Holzhandlung Nossol (Gleiwitz) aufgeführt. Stierstraße Nr. 7 „siehe auch Hähnelstraße Nr. 15a“ ist im Eigentum der Deutschen Volksversicherung AG. Bei Stierstraße Nr. 8 ist vermerkt: „Siehe auch Bennigsenstraße Nr. 6, Eigentümer Nossol Holzhandlung (Gleiwitz).“ Verwalterin E. Teßmer. Im Haus gibt es den Fleischermeister P. Greiff.

 

Die Eigentumsverhältnisse für den Gebäudekomplex zwischen Hähnel-, Stier- und Bennigsenstraße sind verwirrend. Für das Jahr 1928 sind dokumentiert: „Stierstraße Nr. 7 siehe Hähnelstraße Nr. 15a. Eigentümer Deutsche Lebensversicherung Gemeinnützige AG. Stierstraße Nr. 8 siehe auch Bennigsenstraße Nr. 6. Eigentümer B. Nossol, Holzgroßhandlung (Gleiwitz). Bennigsenstraße Nr. 6 siehe auch Stierstraße Nr. 8. Eigentümer B. Nossol.“ Bis 1943 war das Eckhaus Stierstraße Nr. 7/Hähnelstraße Nr. 15 a im Besitz der Iduna Germania Versicherung. In Nr. 7 waren als Mieter gemeldet: Handelsbevollmächtigter W. Knoche, Oberschulrat G. Neuendorf, Volkswirt Dr. W. Pilz, Oberst a. D. H. Pleger, Studienrat a. D. Prof. Dr. L. Seippel, Generaldirektor a. D. C. Wenzel sowie der NSDAP-Reichshauptstellenleiter K. F. Jurda. In Nr. 15 a gab es die Staatliche Lotterie Einnahme J. Albers, Direktor und Hauptmann a. D. H. Brugger, Buchdrucker-Hilfsarbeiter E. Deutschmann, Patentanwalt Dr. O. Faust, Handelsvertreter G. Hoogklimmer, Spielwaren H. Kaniß, Oberingenieur P. Rudloff und den Bäckermeister G. Schundt.

 

So bleibt es bis zum Zweiten Weltkrieg. Da fällt auf die Straßenecke eine Bombe. Das Haus bleibt verschont, aber durch die Druckwellen ziemlich beschädigt. Die Geschichte der heutigen Physiotherapiepraxis beginnt 1945. Da gründeten Bruno Lettau und seine Frau Hella an der Ecke Stierstraße Nr. 7 und Hähnelstraße Nr. 15 das „Hellas-Bad“, eine der Not geschuldete Einrichtung mit „Wannenbädern“, gedacht für Menschen, die zu Hause keine Badewanne hatten. Seit damals existiert die bis heute aktuelle Telefonnummer 852 44 49. Zwei Drittel der Fläche waren Badeanstalt, ein Drittel Wohnung mit 3 Zimmern, Küche, Bad – Hauseingang Stierstraße Nr. 7. In den Wirtschaftswunderjahren kamen medizinische Bäder, Bestrahlungen, Schlammpackungen und Massagen hinzu – und der erst Anfang der 1990er Jahre demontierte Schriftzug der Leuchtreklame „Hellas-Bad“, die die Ecke nachts beleuchtete.

 

Aus Altersgründen verkauften die Lettaus 1963 die Praxis an die 35-jährige Ursula Mertins. Ermöglicht wurde ihr das durch ERP-Mittel, einem Fonds zur Förderung der deutschen Wirtschaft. Die alleinstehende Frau mit zwei Töchtern hatte nach ihrer Ausbildung in der Massageschule von Dr. Vogler ab 1962 als Masseurin im „Hellas-Bad“ gearbeitet. In den sechziger und siebziger Jahren boomte der Laden. Eine Krankheit zwang sie 1992 zum Verkauf. Vier Jahre später starb sie im Alter von 68 Jahren. Der junge Masseur, der die Praxis erworben hatte, erkrankte schwer und musste wieder verkaufen. 2006 wurde aus „Hellas-Bad“ die Physiotherapiepraxis Susan Raymond.

 

Stierstraße Nr. 8. H&S 2019

Stierstraße Nr. 8

 

Durch den „Allerhöchsten Erlaß“ vom 9. November 1874 wurden die Grenzen der Gemeinde Friedenau festgelegt: „Gegen Norden durch die südliche Seite des Bahndammes der Ringbahn bez. des an derselben entlang führenden Weges, und zwar von der Grenze zwischen der Gemeinde und Gutsgemarkung Deutsch-Wilmersdorf bis zum Eintritt der Ringbahn an die Schöneberger Feldmark.“ Dieser „Weg“ führte parallel und unmittelbar hinter der Ringbahntrasse von der Friedenauer Straße (Hauptstraße) zum Maybachplatz (Perelsplatz). Das Terrain war 1892 noch nicht parzelliert. Bennigsenstraße Nr. 1-2 und Nr. 33-34 gehörten zu Friedenau, Benningsenstraße Nr. 3-32 und alle Grundstücke der Stier- und Hähnelstraße zu Schöneberg. Zwischen 1901 und 1906 wurden aus der „Straße 43a“ die „Hähnelstraße“, aus der „Straße 43b“ die „Bennigsenstraße“ und dem namenlosen „Weg“ die „Stierstraße“. Mitte der 1950er Jahre wurden die drei Straßen Friedenau zugeteilt.

 

 

 

 

1914 gehört Stierstraße Nr. 8 dem Baugeschäftsinhaber A. Blank. Im Erdgeschoss gibt es die Fleischerei Fehmel. Mieter sind die Postassistenten Baumgarten und Sanne, die Kaufleute Süß und Wildegans, Beamter Bermann, Kraftwagenbesitzer Große, Restaurateur Kriening sowie die Rentiere Kranz, Modrow und Wegler.

 

Während der Weimarer Republik müssen Stierstraße Nr. 7 und Nr. 8, Bennigsenstraße Nr. 7 und Hähnelstraße Nr. 15 im Zusammenhang betrachtet werden. Für Stierstraße Nr. 7 und Nr. 8 ist eine „Zwangsverwaltung“ durch Witwe E. Teßmer eingetragen. Die Anzahl der Mietparteien bleibt bestehen. 1922 erscheint erstmals für Stierstraße Nr. 8 als Eigentümer der Name „Nossol, Holzhandlung (Gleiwitz)“ mit der Anmerkung „siehe auch Bennigsenstraße Nr. 6, Verwalterin Witwe E. Teßmer“. Eigentümer von Stierstraße Nr. 7 ist die „Deutsche Volksversicherungs-AG Berlin“.

 

Zu Gleiwitz und Nossol ist folgendes anzumerken: Im oberschlesischen Gleiwitz gab es zwischen 1919 und 1921 drei polnische Aufstände. Bei der Volksabstimmung 1921 entschieden sich 78,7 % der Wahlberechtigten für einen Verbleib bei Deutschland, 21,0 % für Polen. Es könnte sein, dass die Familie Nossol dem Frieden im Grenzgebiet zwischen Polen, Ukraine, Weißrussland und der Sowjetunion nicht traute und den Umzug nach Berlin betrieb. 1938 wurden sie mit dem Überfall auf den Sender Gleiwitz und dem Einmarsch der Deutschen in Polen bestätigt.

 

 

 

1928 erwirbt „Bonosus Nossol, Gleiwitz“ (1882-1952) zum Anwesen Stierstraße Nr. 8 von den Camerer’schen Erben das Eckhaus Bennigsenstraße Nr. 6 hinzu. Den Laden im Erdgeschoss hat Bäckermeister R. Nestor gepachtet. 1943 gehen die Anwesen Stierstraße Nr. 7 und Nr. 8 sowie Bennigsenstraße Nr. 6, Portal I und II, auf die „Eigentümer Grundstücks Gemeinschaft Geschwister Nossol“ über. Es erscheint erstmals der Begriff „Hausverwaltung Bonosus Nossol“. Fleischerei und Bäckerei bleiben.

 

 

Grab Bonosus Nossol, Friedhof Stubenrauchstraße. H&S 2006

Der Holzgroßkaufmann Bonosus Nossol stirbt am 18. März 1952. Er wird auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beerdigt. Auf dem Grabstein wird an den gefallenen Soldaten Georg Nossol (1921-1943) erinnert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grab Margot Nossol, Friedhof Stubenrauchstraße. H&S 2016

Zum Nossolschen Erbe gehört danach nur noch das Eckhaus Stierstraße Nr. 8 und Bennigsenstraße Nr. 6, Portal I und II. Grundstückseigentümerin bzw. Hausverwalterin ist Margot Nossol (1916-2006). Im März 2001 erteilt sie „Rechtsanwalt Peter Blust Verwaltervollmacht für das Objekt Stierstraße Nr. 8 sowie Bennigsenstraße Nr. 6, Portal I und II“. Margot Nossol stirbt am 13. November 2006. Sie wird auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Entwürfe für Farbgestaltung der Fassade, 2007. Quelle Hausverwaltung

2007 erfolgen über das Architekturbüro Freudenberg (AFM) Erneuerungen von Fassade, Balkonen, Dach und Treppenhäusern. Ein Jahr später wird mit der Umwandlung von einigen Mietwohnungen in Eigentumswohnungen begonnen. 2018 wurde „die Dachgeschosseinheit als Rohling veräußert“ und „mit dem Ausbau eine auf diesem Gebiet sehr erfahrene Firma“ betraut. Zu diesem Zweck wurde das gesamte Gebäude im Juni 2018 auf Front- und Hofseite eingerüstet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Entwürfe liefert das Architekturbüro Freudenberg (AFM). Vorgesehen sind Dachgeschossausbau und Anbau eines Fahrstuhls im Innenhof. Aus diesen geht hervor, dass in der Stierstraße Nr. 8 unter Erhalt der markanten Turmecke drei Dachgeschosswohnungen (a 90 bzw. 130 qm) mit zwei Terrassen zur Straße entstehen. Die Bennigsenstraße Nr. 6, Portal I und II, wird zur Straße hin mit sechs Dachgauben bedacht, hinter denen sich zwei bis drei Wohnungen mit Südterrassen verbergen. Auf dem Dach des Gartenhauses mit Zugang über das Portal II werden zwei Wohnungen mit Südterrasse entstehen.

 

 

N&N Beteiligungs GmbH Zossen. Quelle North Data, 2019

Die Bauausführung übernimmt die „N+N Beteiligungs GmbH Zossen“. Sie wird 2016 im Handelsregister Potsdam eingetragen. „Gegenstand des Unternehmens ist der Erwerb, der Verkauf, das Halten und Verwalten von Beteiligungen im Bereich der Immobilienentwicklung im Inland. Kapital: 25.000 EUR. Geschäftsführer 1. Nenadic, Goran und 2. Nenadic, Zoran“. Laut Handelsregister ist Goran Nenadic „am 27.03.2018 nicht mehr Geschäftsführer“. Das Portal für Firmeninformationen „North Data“ veröffentlicht dazu eine grafische Darstellung des Firmennetzwerks, die keinesfalls beruhigend wirkt. Zu hoffen ist, dass die aus Serbien herbeigeholten Bauarbeiter eine zufriedenstellende handwerkliche Arbeit abliefern und auch „ordnungsgemäß“ entlohnt werden.

 

 

 

Eingang Stierstraße Nr. 9, 1954. Im Hintrgrund Thomsche Fabrik. Archiv Thärichen

Stierstraße Nr. 9

 

 

In Vorbereitung

Antiquariat Barasch Stierstraße 12 Hähnelstraße 5, 1978. Foto Volker Kunze

Stierstraße Nr. 12

Hähnelstraße Nr. 5

Antiquariat Barasch

 

Rüdiger Barasch lebt seit mehr als 40 Jahren in Friedenau. 1972 zog er in den 3. Stock des Gartenhauses Perelsplatz Nr. 16. Auf den zwei Ecken von Hähnel- und Stierstraße hatte er seine Antiquariate, zuerst 1977 in 12/5 als Nachmieter des „alternativ-bunten Kinderladens“, dann ab 1978 in 6/6. Bauherr und Eigentümer war Schlächtermeister Wilhelm Behr, Inhaber der Fleischwarenfabrik in der Schöneberger Kolonnenstraße Nr. 57/58, Aktionär der „Viehmarkts-Aktiengesellschaft“ von Johann Christian August Sponholz und Kunde der einflussreichen Vieh- und Fleischmarktbank „Sponholz, Ehestädt & Schröder“. Im Jahr 1905 zog Behr ein. Fünf Jahre später war er „Rentier“ und Abonnent der „Allgemeinen Fleischer Zeitung“ aus dem Verlagshaus „Sponholz GmbH Berlin-Schöneberg“. Im Haus gab es zwei Läden, mal Schlächter, Schuhmacher, Parfümerie oder Sattler.

 

 

 

Im Vergleich zu den permanenten Eigentümerwechseln der benachbarten Anwesen bleibt das Eckhaus 12/5 bis mindestens 1943 vier Jahrzehnte im Besitz des Wurstfabrikanten. Am 1. April 1978 bot sich Rüdiger Barasch die Gelegenheit, „günstigst einen Eckraum in der Stierstraße Nr. 6 Hähnelstraße Nr. 6 zu mieten“. 1998 beendete er das Mietverhältnis. In den folgenden zwei Jahrzehnten gab es laufend Ein- und Auszüge mit ziemlich variantenreichen Nutzungen. Aktuell ist dort die „Putz-Zeit Gebäudereinigung Deutschland GmbH & Co. KG“ untergekommen, nach eigener Beurteilung „flexibel, kompetent, leistungsstark und zuverlässig“, in sozialen Netzwerken allerdings heftig umstritten.

 

Stierstraße Nr. 14 & 15. H&S 2015

Stierstraße Nr. 14 & 15

Max Herrmann-Neiße.(1886-1941)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berliner Sonntag

 

Parterre: die Fremdenpension

ist ausnahmsweis radaulos.

Den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn

übt drüben die Rentiere Kohn.

Herr Schmidt ist seine Frau los,

die zu Besuch nach Spandau fuhr,

pennt junggesellenselig!

Lolott prüft ihre Staatsfigur

und geht befriedigt auf die Tour.

Der Arzt liebt außerehlich,

weil er heut keine Sprechstund hält.

Im zweiten Stock - nanu! - nanu! -

sind alle Fensterläden zu.

Im dritten Kinderkreischen gellt.

Dann grölt ein schwerbetrunkner Mann.

Das Fräulein vom Theater

übt ihre Rolle nebenan.

Im vierten wird wer Vater.

Und eine Schreibmaschine tickt,

und ein Kanarienvogel singt.

Vielleicht daß auf dem Dach verrückt

ein Dichter nach dem Glück ausblickt

und in die Wolken springt;

daß drunten gar im Keller tief

ein Mordgespenstlein schneller lief,

das Dynamit gelegt ist,

und eh die Uhr noch einmal schlägt,

alles, was diese Straße trägt,

als Staub ins All gefegt ist!

. . . Schon zündet einer vis-à-vis

die erste Lampe. Diebe gehn

mit ihrer Beute heim. Nichts schrie,

nichts liebte, nichts war Poesie.

Man wird jetzt nach dem Nachtmahl sehn.

Und morgen früh

ist Montag.

 

Dieses Gedicht entstand am 11. Februar 1923 in der Stierstraße Nr. 14/15. In das Gartenhaus Parterre links waren nach der Hochzeit am 14. Mai 1917 Max Herrmann und seine Frau Leni geborene Gebek eingezogen. Von da an fügte er seinem Nachnamen den Namen seiner Heimatstadt an: Max Herrmann-Neiße. Dort war er 1886 geboren worden, gezeichnet von Hyposomie. Zu dieser Kleinwüchsigkeit kam, dass sein Vater 1916 verstorben war und seine Mutter sich ein Jahr später in der Neiße ertränkte. Einziger Halt für den verwachsenen Gnom war seine aufopfernde Gefährtin Leni (1896-1960). Das blonde, schöne Mädchen träumte vom Theater und überredete ihn zum Umzug nach Berlin. In Friedenau glaubte er zuerst, dass er dem Berliner Betrieb als hoffnungslos unpraktischer Provinziale und körperlich Benachteiligter niemals gewachsen sein würde. Er gab nicht auf, schrieb nieder, was er erlebt und erlitten hatte. Als 1918/19 drei Verlage seine Gedichte herausbrachten, wurde er als Dichter gefeiert. Die offenherzigen autobiographischen Texte, gepaart mit seiner körperlichen Auffälligkeit, machten ihn obendrein interessant, weckten die Begierde der Gesellschaft.

 

Für eine Privatbühne war es eine Attraktion, dass zur Uraufführung seiner Komödie Albine und Aujust der bucklige Autor als Unikum selbst auf der Bühne stand. Über seinen Auftritt witzelte er: Erstens wird man kein Wort verstehen, weil er zu leise knödelt, dann spricht er zu schlesisch, drittens wird er steckenbleiben - in summa: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Das blieb er, auch wenn er nun regelmäßig mit seinen Gedichten und Chansons in Kabaretts auftrat. Für Else Lasker-Schüler (1869-1945) waren sie große pietätvolle Wanduhren, schlagen herrlich, wenn er sie vorträgt. Er wurde zum bekanntesten Berliner Literaten der Goldenen Zwanziger. Das berühmt gewordene Porträt des Schriftstellers Max Herrmann-Neiße von George Grosz gehörte ebenso in diese Welt wie sein Brief vom 18. Mai 1926 an Alfred Kerr (1867-1948): Leni ist ja leider so ganz im ‚mondänen‘ Berlin aufgegangen, dass sie da nicht mehr loszueisen ist. Seine Briefe sind so offen wie die Ehe. Nach sechs Ehejahren kam er gegen Lenis Liebe zum Juwelier Alphonse Sondheimer (1881-1960) nicht an. Er ging in Bordelle und suchte weibliche Zuwendung aller Art. Nach einem Aufenthalt in Breslau schrieb er: Also, ich werde auch ungefickt, ja sogar ungeküßt und ungerammelt von dannen schreiten.

 

Leni sorgte am 27. Oktober 1926 für den Wohnungswechsel von Friedenau nach Charlottenburg: Berlin W 15, Kurfürstendamm 215, Gartenhaus, 2. Stock, vis-à-vis dem Uhlandeck, also dichte bei Romanischem Café und Nelson-Theater. Nach dem Reichstagsbrand war damit Schluss. Am 2. März 1933 hatte Leni den Nörgler Max und den Zappelphilipp Alphonse nach Zürich geschleppt, und damit beiden das Leben gerettet. Später ging dann in der gemeinsamen Londoner Wohnung das tragikomische Lust-Spiel weiter – zu dritt. Bis zu seinem Tod am 8. April 1941 arbeitete er an dem Roman Unglückliche Liebe. Die letzten Zeilen entstanden in der vorletzten Nacht seines Lebens: Da ist die Frau, die ich geliebt und geheiratet habe. Wie seltsam sind wir uns im Laufe der Jahre entglitten! Ich kann nicht einmal sagen, wie es gekommen ist. Eigentlich lieben wir uns noch, wenigstens in den besseren Stunden unseres Selbstbewusstseins. Wir küssen uns vor dem Einschlafen und liegen dann Hüfte an Hüfte, eins dem andern vertrauend. Aber wir schlafen nicht, heucheln nur voreinander Schlummer, und jedes ist mit seinen eigenen Gedanken, Ängsten, Lüsten und Wünschen unlösbar allein.

 

Max Herrmann-Neiße wurde am 15. April 1941 auf dem East Finchley Cemetery London (Grab P3- 31) bestattet. Nach seinem Tod heirateten Sondheimer und Leni und nannten sich fortan Helen und Alphonse Sandhurst. Nach Sondheimers Tod im Herbst 1960 nahm sich Leni am 22. Oktober das Leben. Den schriftlichen Nachlass vermachte sie dem Literaturarchiv Marbach.

 

East Finchley Cemetery London

Das Grab von Max Herrmann Neiße in London

 

Max Herrmann-Neiße wurde am 15. April 1941 auf dem East Finchley Cemetery London (Grab P3- 31) bestattet. Als seine Verehrer 2001 zum 60. Todestag an ihren „schlesischen Dichter" erinnern wollten, fragten sie bei der Deutschen Botschaft in London an, wie es denn um die Pflege seines Grabes stehen würde. Mitgeteilt wurde ihnen, „dass die Kosten für die Grabpflege in diesem Jahr [wie bereits schon seit 1999] nicht vom Auswärtigen Amt getragen werden. Wegen der angespannten Haushaltslage und den immer größer werdenden Einsparungen muss sich das Amt bedauerlicherweise aus Grabpflegeverpflichtungen zurückziehen. Ich möchte Sie bitten zu prüfen, ob nicht private Förderer wie Literaturzirkel oder Stiftungen bereit wären, die Kosten für die Grabpflege zu übernehmen“.

 

Nachdem sich Menschen gefunden hatten, die Kosten zu übernehmen, ging die Geschichte erst richtig los. Die Botschaft fragte beim Auswärtigen Amt an, ob dazu die Erlaubnis gegeben würde.

 

 

 

 

 

Am 19. Februar 2002 kam die Antwort: „Eine regelmäßige Pflege des Grabes würde in den kommenden Jahren einzig auf dem gelegentlichen Waschen des Steines und dem Wegräumen von Laub beruhen. Der allgemeinen Verfassung der Grabstätte würde hierdurch jedoch nicht aufgehalten werden können. Im Interesse einer dauerhaften und angemessenen Sicherung sollte jedoch dringend eine umfassende, hinsichtlich der anfallenden Kosten vergleichbare einmalige Sanierung ins Auge gefasst werden. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein, dass mit einer grundlegenden Sanierung der Grabstätte von Max Herrmann-Neiße die Voraussetzung geschaffen ist, dem Andenken des Dichters eine angemessene und würdige Dauer zu verleihen." Eine mehr als zynische Antwort.

 

Da 2016 sowohl der 130. Geburtstag als auch der 75. Todestag von Max Herrmann-Neiße anstand, fragten wir den Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts Dr. Andreas Görgen. Die Antwort kam aus der Londoner Botschaft: „Die Grabstätte von Max Herrmann-Neiße wurde 2002 einer ausführlichen Instandsetzung unterzogen. Die Deutsche Botschaft London war damals in Kontakt mit der Friedhofsverwaltung. Für die Kosten kamen zwei private Sponsoren auf. Ob die beiden Herren sich weiterhin um die Grabpflege kümmern, ist uns nicht bekannt.“ Auf unsere Bitte, wenigstens die Inschrift wieder lesbar zu machen, teilte uns der Kulturchef des AA am 4. Dezember 2017 mit: „Wir werden mit den Kollegen in London sprechen.“ Danach Stillschweigen bis heute.

 

Die beigefügten Fotos der Grabstätte machen deutlich, dass sich seit Jahren niemand um das Grab kümmert.

 

Max Herrmann-Neiße war nach dem Reichstagsbrand 1933 mit seiner Frau Leni in die Emigration gegangen und hatte sich schließlich in London niedergelassen. 1938 haben ihm die Nationalsozialisten offiziell die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Er beantragte die englische – ohne Erfolg. 1941 ist er gestorben, an „Heimweh und Herzeleid“, ohne Nachkommen. Auf unsere Nachfrage, ob Max Herrmann-Neiße nun als Deutscher oder Staatenloser einzustufen ist, bekamen wir von der Deutschen Botschaft in London folgende Antwort:

 

„Die NS-Zwangsausbürgerungen, von denen auch Max Herrmann-Neiße betroffen war, sind nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Artikel 116 Absatz 2 des Grundgesetzes (Entscheidungen vom 14. Februar 1968 - 2 BvR 557/62 - und 15. April 1980 - 2 BvR 842/77 -) als nichtig anzusehen. Verfolgte haben durch diese Zwangsausbürgerungen ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren, soweit sie nicht zu erkennen geben, dass sie die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besitzen wollen. Da die Zwangsausbürgerungen nichtig sind, haben auch Verfolgte, wie Max Herrmann-Neiße, die den 8. Mai 1945 nicht überlebt haben, ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren.“

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

die Heimat klang in meiner Melodie,

ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,

das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

 

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,

sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,

so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,

der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

 

In fremder Ferne mal ich ihre Züge

zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,

die Abendgiebel und die Schwalbenflüge

und alles Glück, das einst mir dort geschah.

 

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,

ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;

ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

 

 

 

Aus dokumentarischen Gründen hätten wir Photographien aus den Friedenauer Jahren auf dieser Website veröffentlicht. Diese Aufnahmen wurden einst dem Deutschen Literaturarchiv Marbach überlassen, sicher nicht fürs Archiv, sondern wohl für die Öffentlichkeit, um die Erinnerung an Max Herrmann-Neiße wachzuhalten. Da die Veröffentlichungsgebühren des vollständig von der Bundesregierung finanzierten Deutschen Literaturarchivs Marbach für unsere nicht kommerzielle Website in keinem Verhältnis zu unserem privaten Engagement stehen, müssen wir auf diese Aufnahmen leider verzichten. Dankbar sind wir hingegen der Universitäts- und Landesbibliothek Münster, die uns aus der Sammlung Max Herrmann-Neiße nachfolgende acht Photographien aus den Londoner Exiljahren nach 1934 kostengünstig überlassen hat. Danke!

 

http://www.ulb.uni-muenster.de/sammlungen/nachlaesse/nachlass-herrmann-neisse.html

 

Stierstraße Nr. 17-19

Philippus-Kirche

 

Die Wohnhäuser auf den Grundstücken Stierstraße Nr. 17-20 haben den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. Geblieben sind halbe Ruinen. Die Aufnahmen von 1953/54 belegen, dass ein Wiederaufbau gerechtfertigt gewesen wäre. Die Struktur der Fassaden mit Balkonen, Loggien, Risaliten und Erkern ist deutlich erkennbar. Das Schöneberger Hochbauamt stufte die Bauten jedoch, ähnlich dem Vorgehen mit dem Rathaus Friedenau, „als schwer beschädigt“ ein – was Abriss bedeutete. Über das Schicksal der Hausbewohner Stierstraße Nr. 17-20 in den nationalsozialistischen Jahren informiert Petra T. Fritsche ausführlich in der Publikation „Stolpersteine – Das Gedächtnis einer Straße“ (2014). Wir ergänzen diese Angaben aus den Adressbüchern von 1943:

 

Nr. 17 Witwe Anna Kallien, Neukölln, Weserstraße Nr. 39 (1954 Kallien-Garagen, Neukölln, Weserstraße 39); Nr. 18 Kaufmann Dr. K. Liedemann München, vertreten durch Architekt Heinrich Seidel, Rubensstraße Nr. 114 (Seidel hatte 1927-1928 zusammen mit Peter Jürgensen das Gemeindehaus der  Nathanael-Kirche am Grazer Platz Nr. 2 gebaut.); Nr. 19 Hausfrieden-Grundstücks-GmbH, alleinige Mehrheits-Gesellschafterin und Geschäftsführerin Elfriede Friedemann. Das Grundstück hatte Elfriede Friedemann dem Steuerberater Lahmann im Juli 1941 übereignen müssen. 1951 wurde der Grundbucheintrag zurückgenommen; Nr. 20 und Nr. 21 T. Wolf mit Adresse  Freiherr von Stein Straße Nr. 7.

 

 

Im Jahr 1954 richtete die Berliner Stadtmission im Haus Stierstraße Nr. 14-15 eine Gemeindeschwesternstation ein. Ende der 1950er Jahre erwarb die Evangelische Kirche von den drei Eigentümern die Grundstücke Nr. 17-19 für den Bau einer Kirche – das Ende der geschlossenen Wohnbebauung. 1958 entschied sich der Gemeindekirchenrat für den Entwurf von Architekt Hansrudolf Plarre (1922-2008), der 1957 mit dem Einkaufszentrum Hansaviertel (Läden, Gaststätte, Kino (Grips-Theater) und U-Bahn-Eingang) gerade „en vogue“ war. Am 24. Juni 1962 wurde die Philippus-Kirche eingeweiht.

 

Die Architektur besteht aus zwei Teilen: Kirche und Glockenturm. Der Kirchenbau wurde auf einem sechseckigen Grundriss mit einem spitz zur Stierstraße ausgestellten Giebel als Stahlbetonskelettbau errichtet. Von der Straße her auffallend ist das farbige Glasfenster, eine malerische blau-grüne Farbkomposition von Florian Breuer (1916-1994). Der heute schon „fast vergessene“ Künstler hatte an den Kunsthochschulen in Berlin und Dresden studiert und sich danach am Gustav-Müller-Platz Nr. 8 in Schöneberg niedergelassen. Dort sollen sich schließlich „mehr als 1200 Aquarelle gestapelt“ haben. Da Breuer viel reiste, wurde er auch als „Wanderer zwischen Berlin und Asien“ bezeichnet. Er starb am 18. Dezember 1994 und wurde zwei Monate nach seinem Tod in der Urnengrabstelle Abt. 3-89 auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beigesetzt.

 

Das Grab existiert nicht mehr. Bedauerlich ist, dass die Philippus-Gemeinde sich nicht um den Erhalt der Grabstätte gekümmert hat.

 

Im Inneren fand vor der beeindruckenden farbigen Glaswand der um zwei Stufen erhöhte Altarraum, abgesetzt vor einer weißen Wand, mit Kanzel, Taufbecken und dem Kreuz des Bildhauers Waldemar Otto (geb. 1929) seinen Platz. Entsprechend dem eigenwilligen spitzwinkligen Grundriss wurden die Kirchenbänke parallel zum Giebelverlauf in der Mitte „geknickt“ aufgestellt. Die 1964 eingeweihte Orgel der Potsdamer Firma Schuke fand ihren Platz auf der rückseitigen Empore.

 

Mit Abstand zum Kirchenraum entstand der Campanile, ein im Grundriss trapezförmiger Turm aus drei Sichtbetonwänden. Hinter der mit waagerechten Holzlamellen verschalten „Glockenstube“ hängen seit 1962 die drei Bronzeglocken der Glockengießerei Petit & Gebr. Edelbrock: Schlagton „es“, Gewicht 1450 kg, Durchmesser 132 cm, Inschrift ER IST UNSER FRIEDE; Schlagton „ges“, Gewicht 810 kg, Durchmesser 110 am, Inschrift O, CHRISTE, REX GLORIA, DONA NOBIS PACEM; Schlagton „as“, Gewicht 550 kg, Durchmesser 98 cm, Inschrift SEID GETROST; ICH HABE DIE WELT ÜBERWUNDEN.

 

Am Glockenturm unmittelbar neben dem Haupteingang wurde als Skulptur eine „Reliefmauer“ des Bildhauers Gerson Fehrenbach (1932-2004) aufgestellt, dessen Grab sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße befindet (Abt. 13-372).

 

2010 wurde die Philippus-Kirche von der Bauaufsicht gesperrt. Das Dach drohte einzustürzen. Nachdem die Gemeinde den Eigenanteil beisammen hatte, wurde die Dachkonstruktion ab Januar 2012 erneuert. Prominentester Nachbar der Philippus-Kirche mit Wohnung Stierstraße Nr. 3 war in den 1960er Jahren der Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984), der die DDR 1959 verlassen musste. Am 19. November 1969 schrieb er eine „Rede zum Bußtag“:

 

Ich lebe in einer Berliner Straße, aus der die Bomben drei Miethäuser herausgetrennt haben, gegenüber der einstmals leeren Fläche, auf der die evangelische Kirche ein Haus für den Dienst an Gott und eins für die Geselligkeit hat hochziehen lassen, in einer recht modeseligen Auffassung von Baukunst, und nicht nur die auswärtigen Besucher stehen versonnen an meinem gemieteten Fenster und sprechen unverhofft von einem Ski-Übungshang. Dennoch sind unsere Beziehungen zu dieser Niederlassung Gottes verblüffend innig. Das kommt von dem frei stehenden Glockenturm, der, besonders am Freitag, zu oft knalligen Lärm in die Schallkanäle zwischen den vierstöckigen Häusern drückt, die Fenster dröhnen macht und nicht nur Kleinkindern Ohrenschmerzen bereitet. Einer Fluggesellschaft würde die Bürgerschaft zumindest fahrlässige, wahrscheinlich vorsätzliche Körperverletzung vorwerfen. Aber diese Körperschaft des öffentlichen Rechts nimmt ein jungmädchenhaft gekränktes Wesen an, wenn man sie behandelt wie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, und ich habe nicht angefangen, Unterschriften zu sammeln. Und wenn diese Kirche nicht nach mir ruft in ihrer grobianischen Manier, traue ich mich in ihre Nähe und lese die Ankündigungen im Schaukasten, die Farblichtbildervorträge über die Seilstraßenbahnen in San Francisco oder die Erstickung des Individuums in den Zwängen und Isolierungen der modernen Industriegesellschaft, mit Diskussion, und bin regelmäßig verdutzt durch die Hartnäckigkeit, mit der dies Institut die feuilletonistischen Entwicklungen verfolgt, nicht nur in der Architektur, auch in der zeitgemäßen Reform seines Betriebsauftrags, der in der Erklärung der Welt für Mitglieder und Schwankende besteht. Und wie viele meiner Nachbarn drücke ich meine Hochachtung schweigend aus, und gehe nicht hinein.

 

1905 Stierstraße 21-22. Archiv Barasch

 

Stierstraße Nr. 21-22

 

Als das Haus 1902 an der stumpfwinkligen Ecke gebaut wurde, hieß die Hauptstraße noch Friedenauer Straße. Sie gehörte politisch zu Schöneberg und postalisch zu Friedenau. Die Stierstraße hatte noch gar keinen Namen. Das heutige Grundstück Stierstraße Nr. 21-22 und Hauptstraße Nr. 77 war zuvor „Holzplatz“ und im Besitz von Gutsbesitzer G. Mette. Um die Jahrhundertwende muss es Franz Fedler erworben haben, da er gleichzeitig als Bauherr und Architekt fungiert.

 

Franz Fedler gehört zu den „vergessenen“ Architekten von Berlin, dabei gehört er neben Georg Ermisch, Richard Friedrich und Martin Wagner zu den Baumeistern des Strandbads Wannsee. Als 1928 mit der Neuplanung der Anlage begonnen wurde, schuf er die bis heute erhaltenen Eingangs-, Kassen-, Verwaltungs- und Toilettengebäude im anmutigen „Heimatstil“. Beide Teile, sein Entrée und die sachlich modernen Bauten, entstanden etwa zur gleichen Zeit.

 

Fedlers viergeschossiges Mietswohnhaus hat den Zweiten Weltkrieg nicht unbeschadet überlebt. Geblieben sind die Gebäudeteile Hauptstraße Nr. 77 und Stierstraße Nr. 22, geblieben sind an der Ecke der breite Erker mit Welscher Haube obendrauf sowie links davon die Loggien. Vom ursprünglichen Glanz der Nr. 21 hatte die Weltkriegsbombe wohl  nichts übriggelassen. Was vielleicht noch an Stuck zu retten gewesen wäre, wurde in der Nachkriegszeit – wie an manch anderem Haus der Stierstraße – mit „senatsgeförderten Stuckabschlagsprämien modernisierungssüchtig“ (Barasch) entsorgt. Der Publizist Wolf Jobst Siedler hat das 1964 in seinem Buch „Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum“ skandalisiert.

 

Noch in den Mauerjahren ging es der Dachlandschaft an den Kragen, so auch dem „Tor zur Stierstraße“. Eingebaut wurden, obwohl das Haus längst unter Denkmalschutz gestellt war, über die gesamte Dachfläche in 3er-Formation „.Klapp-Schwingfenster, Kunststoff mit Holzkern“. Inzwischen hat sich die Dachausbaulobby „weiterentwickelt“, weshalb das Haus seit Herbst 2017 zur weiteren Verwertung aufwändig eingerüstet ist. Getan hat sich bisher nichts.

 

Ein Blick zurück: Am 28. März 2013 wurde vor dem Haus Stierstraße Nr. 21 eine Stolperschwelle verlegt. Sie soll daran erinnern, dass in der Privatwohnung „Vorderhaus 1. Etage rechts“ von 1933 bis 1938 ein Gebetsraum des 1911 gegründeten „Jüdischen Religionsvereins Friedenau-Steglitz und der südwestlichen Vororte e.V.“ existierte – Zentrum jüdischen Lebens im Südwesten Berlins. Es gab eine Bibliothek und einen Raum, der für Veranstaltungen und Gottesdienste genutzt wurde. Mit der „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938, dem organisierten Pogrom der Nationalsozialisten, kam das Aus. Bemerkenswert ist, dass das Regime in den folgenden Jahren in das Haus regelrecht „systematisch“ Juden einquartierte, die ab 1942 nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert und anschließend ermordet wurden.

 

Auf dem nachfolgenden LINK finden Sie eine Übersicht über Stolpersteine in Friedenau.

 

Nachtrag

 

Kommen wir am Schluss zu Erfreulicherem: Es gibt immer noch Berliner Eckkneipen, die einfach alles überstehen. Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik. Die „Kogge“ in der Stierstraße Nr. 22 gehört dazu. Die Kneipengeschichte beginnt eigentlich im Jahr 1872, als sich Rixdorfer Gastwirte zusammentaten und die „Kindl Brauerei“ gründeten. Für den Absatz in Berlin und den Vororten sorgte ein ausgeklügeltes Liefersystem, anfangs mit Holzfässern auf Pferdefuhrwerken, später mit Lkw. Mehr und mehr Gaststätten schwenkten von „Pilsner Bier“ auf „Berliner Kindl“ um. Damit konnte „Kindl“ auch ihre Brauereibindung erreichen. So auch die Kneipe an der stumpfen Ecke von Haupt- und Stierstraße. Sie existiert spätestens seit 1914 mit dem Gastwirt G. Haar. 1928 war es dann Wirt C. Gerdes – gleich nebenan der Zigarrenladen von R. Lindemann. Zur Realität gehört, dass die Pächter fast jährlich wechselten. Die Stammgäste blieben, weil die Atmosphäre blieb.  Bleiben wir bei dem, was eindeutig zu recherchieren ist: Am 1. September 1970 übernahm Günter Liefke den Laden. Das Steak soll richtig berühmt gewesen sein. Heute gibt es Buletten und Bockwurst, die keiner mehr so richtig würdigen will. Sky ist auch dazu gekommen, und wenn Hertha live übertragen wird, ist in die Bude kein Reinkommen mehr. Vier Jahrzehnte standen Liefke und seine Schwester Erika hinter der Theke. Dann verabschiedeten sie sich. Ein neuer Pächter kam und mit diesem auch der neue Name „Friedenauer Pub“. Die Stammgäste blieben – trotz puffig-roter Leuchtreklame über der Tür, die zu diesem schönen Haus so gar nicht passt, aber von den Denkmalschützern wohl „genehmigt“ wurde, trotz der Gerüste, auf denen sich seit Sommer 2017 nichts tut. Der Name „Friedenauer Pub“ bleibt für den Kiez ein Fremdwort. Es ist die „Kogge“.

 

Neue Bäume in der Stierstraße. H&S 2018

Bäume für die Stierstraße

 

Im April 2017 haben „Freunde der Stierstraße“ zu einer Spendenaktion aufgerufen, mit der sie beim Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg eine Beschleunigung der überfälligen drei Baumnachbepflanzungen bewirken wollten. Der Aufruf war und ist umstritten. Ein Anwohner sah darin „die schleichende Abkehr, den Verrat an einer öffentlichen Pflichtaufgabe, die parteiübergreifend einst als sinnvolle ökologische Übereinkunft galt. Zähneknirschend spende ich 40 Euronen. Auch mir blutet das Herz, wenn ich die trostlosen Stümpe sehe!“

 

Auch wir haben uns gegen das „im Grunde genommen ehrenwerte Anliegen“ ausgesprochen. Wenn Nachbarn „mit einer Spendensammlung dafür sorgen sollen, dass Bäume nachgepflanzt werden, macht das – mit Verlaub – den Bock zum Gärtner. Die Verwaltung stiehlt sich aus der Verantwortung und nutzt bürgerschaftliches Engagement schamlos aus“.

 

 

 

 

 

„Friedenau erweckte durch seinen ursprünglich angelegten Baumschmuck von jeher den Eindruck einer Gartenstadt. Die Gemeindeverwaltung hat sich stets bemüht, diesen Charakter zu erhalten und zu pflegen. Sie hat es verstanden, die in dem engen Bebauungsplan übrig gebliebenen geringen Grünflächen in geschmackvoller Weise anzulegen und gärtnerisch zu erhalten“, so der Friedenauer Gemeindebaurat Hans Altmann im Jahr 1924. Um die Pflege von Grünanlagen und Straßenbäumen ist es mehr als schlecht bestellt. Der Blick über den Vorgartenzaun der Stierstraßenhäuser ist angesagt. Ringsherum in Bennigsen-, Haupt-, Lauterstraße und auf dem Perelsplatz gibt es Dutzende gefällter Bäume, die seit geraumer Zeit nicht ersetzt wurden.

 

Die gespendeten Bäume wurden gesetzt und der Jubel bei den „Freunden der Stierstraße“ ist groß: „Wir sehen uns vielleicht am Ende der Woche für eine spontane Feier bei ‚unseren‘ Bäumen.“ Einen Grund zum Feiern können wir nicht erkennen. Nachzutragen ist, dass die Senatsverwaltung für Umwelt die Aktion der „Stierstraßenfreunde“ in ihrem Baumkatalog immerhin würdigt: „Baumpflanzstandort 0716F124, Stierstraße, 12159 Berlin. Baumart (lat.) Crataegus laevigata 'Paul's Scarlet'. Baumart (dt.): Echter Rot-Dorn. Gespendet.“