Plan von 1916

Am 26. März 1889 wurde die Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft gegründet. Eingebracht wurde ein Terrain hinter dem Wannseebahnhof Friedenau von über 26 ha, begrenzt durch Stamm- und Wannseebahntrasse, Rubens- und Peter-Vischer-Straße. Ziel war der Ankauf von Land, Parzellierung und Verkauf von Grundstücken. Der Bebauungsplan existierte, Straßen waren angelegt, baureife Parzellen bereits verkauft, vereinzelt waren Mietswohnhäuser errichtet. Schöneberg war zum Handeln gezwungen. Am 12. Januar 1892 wurde aus dem Neubaugebiet das Malerviertel, versehen mit Namen, die keinerlei Bezug zu Schöneberg hatten. So entstanden Beckerstraße, Begasstraße, Canovastraße, Cranachstraße, Dürerplatz, Knausstraße, Menzelstraße, Rembrandtstraße, Rubenstraße, Peter Vischer Straße und ab 1914 Semperstraße. Am 15. November 1901 erhielt die bisherige Straße 72 den Namen Thorwaldsenstraße. Zu Schöneberg gehören Nr. 1 bis Nr. 16a, zu Steglitz Nr. 17 bis Nr. 37. Bis 1963 führte eine Linie der Berliner Straßenbahn durch die Straße.

 

Die Gesellschaft hatte 1892 am Dürerplatz Nr. 4 ein Büro eingerichtet. Geworben wurde mit Gesunde Lage, vorzügliche Verbindung nach Berlin durch Wannseebahn (fast durchweg 10-Minuten-Verkehr, Fahrtzeit 9 Minuten). Ringbahn, Dampfbahn, Pferdebahn, fertige Straßen-, Kanalisations-, Gas- und Wasseranlagen. Im Adressbuch wird die Gegend unter Gehört postalisch zu Friedenau, politisch zu Schöneberg aufgeführt. Kurz vor dem Weltkrieg war alles verkauft. Mit dem Malerviertel wollte Schöneberg an den Ruf von Friedenau als Künstlerort anknüpfen. Hierher aber zogen vor allem Beamte und Rentiere. Von anno dazumal bleibt einzig Rosa Luxemburg in der Cranachstraße.

 

Name seit dem 15. November 1901, vorher Straße 72. Die Straße liegt zwischen Knausstraße und Grazer Damm. Zu Schöneberg gehören die Häuser an der Nordseite Nr. 1 bis Nr. 16A. Die südwestliche Straßenseite mit den Hausnummern Nr. 17 bis Nr. 37 gehört zu Steglitz. Bis 1963 führte eine Linie der Berliner Straßenbahn durch die Straße. Einige Häuser der Thorwaldsenstraße, seinerzeit errichtet u. a. von den Friedenauer Baumeistern Oskar Haustein und Siegmund Stöckel, haben den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. Geblieben sind Ruinenfotos aus den Jahren 1949 bis 1954 der Sammlung Herwarth und Ruth Staudt (Museum Schöneberg), die wir einer breiten Öffentlichkeit nicht vorenthalten möchten.

 

Bertel Thorvaldsen, Mitte, zwischen den Brüdern Schadow, gemalt von Friedrich Wilhelm von Schadow, rechts. Rom 1815. Nationalgalerie Berlin

Bertel Thorvaldsen (1770-1844)

 

Eigentlich sollte Thorvaldsen geschrieben werden, die korrekte dänische Schreibweise des in Kopenhagen geborenen Malers Bertel Thorvaldsen. Er hielt sich zwischen 1797 und 1841 für längere Zeit in Rom auf. Sein Atelier war von morgens bis abends von Fremden überlaufen und wirkte fast wie eine öffentliche Ausstellung, darunter die Brüder Rudolf und Wilhelm von Schadow. Die Malerin Luise Seidler (1786-1866), berichtete, dass mit Thorvaldsen und Schadow außerdem noch der Maler Karl Wilhelm Wach und der Kupferstecher Carl Adolf Senff unter einem Dache wohnten, alle vier hausten im ersten Stock. Von ihnen war Thorvaldsen der einzige, der mehr als ein Zimmer hatte, nämlich drei. Im ersten derselben war ein kleines Atelier; Staffeleien mit angefangenen Basreliefs standen umher, der Fußboden, die Tische und Stühle waren mit kleinen Figuren bedeckt; nur mit Mühe fand man einen Stuhl zum Sitzen, nirgend etwas, das einem Komfort ähnlich war. Zum festen Kreis gehörten auch Wilhelm von Humboldt (1767-1935) und seine Frau Caroline (1766-1829). Ihr Haus an der Spanischen Treppe wurde zum Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle.

 

 

 

 

In Rom schuf Thorvaldsen 1808 die Marmorbüste von Humboldt. Das Original kam in das Thorvaldsen-Museum Kopenhagen, eine Kopie ins Berliner Schinkel-Museum. Dort entstand 1814/15 das Gemälde Die Brüder Schadow mit Thorvaldsen von Wilhelm von Schadow – inklusive seinem Selbstbildnis (Alte Nationalgalerie Berlin). Nach dem Tod seiner Frau Caroline erwarb Humboldt die von Thorvaldsen in Rom geschaffene Skulptur der Göttin Spes. Diese wurde auf die hohe Granitsäule gesetzt, die seit 1829 die Familiengrabstätte der Humboldts im Schlosspark Tegel dominiert.

 

Thorwaldsenstraße 1 & 2, 1951. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Thorwaldsenstraße Nr. 1 & 2

 

Ruinenfoto von 1961 der Sammlung Staudt (Museum Schöneberg)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thorwaldsenstraße 5, 1952. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Thorwaldsenstraße Nr. 5

 

Ruinenfoto von 1961 der Sammlung Staudt (Museum Schöneberg)

Thorwaldsenstraße 6, 1951. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Thorwaldsenstraße Nr. 6

 

Ruinenfoto der Sammlung Staudt (Museum Schöneberg)

 

 

 

 

 

 

 

Emil und die Detektive. Plakat, 1931

Thorwaldsenstraße Nr. 8

Hans Joachim Schaufuß (1918-1941)

 

Der Vater Hans Hermann Schaufuß (1893-1982) war Schauspieler. 1918 wurde Sohn Hans Joachim geboren. 1922 kam die Familie nach Berlin. Der Vater spielte am Theater in der Königgrätzer Straße, Deutschen Theater, Lessingtheater und an der Volksbühne. Nach der Geburt des zweiten Sohnes Peter-Timm (1923-1983) erfolgte 1925 der Umzug in die Thorwaldsenstraße Nr. 8.

 

1930 kam die UFA auf die Idee, den Roman Emil und die Detektive von Erich Kästner (1899-1974) zu verfilmen. Das Drehbuch von Billy Wilder (1906-2002) fand die uneingeschränkte Zustimmung von Kästner. Mit Gerhard Lamprecht (1897-1974) war ein Regisseur gefunden, dem es darauf ankam, dass die Kinder-Schauspieler natürlich agierten. Es sollen sch insgesamt 2.500 Jungen gemeldet haben. Fünfzig kamen in die Vorauswahl. Rolf Wenkhaus (1917-1942) bekam die Rolle des Emil Tischbein und Hans Joachim Schaufuß (1918-1941) wurde Gustav mit der Hupe.

 

Die Geschichte: Der zwölfjährige Emil Tischbein reist von Neustadt nach Berlin. Seine Mutter hat ihm 140 Mark für die Großmutter mitgegeben. Dieses Geld wird ihm im Eisenbahnabteil von einem Mitreisenden gestohlen. Emil verfolgt den Dieb vom Bahnhof Zoo an auf eigene Faust. Er wird von dem gleichaltrigen Berliner Jungen Gustav mit der Hupe angesprochen: Du bist wohl nicht aus Wilmersdorf? Gustav trommelt einige Freunde zusammen. Sie organisieren einen Nachrichtendienst (Parole Emil!) und beschatten den Dieb. Als der die gestohlenen Geldscheine in einer Bankfiliale umtauschen will, wird er von den Kinderdetektiven gestellt und der Polizei übergeben. Bei der Untersuchung werden die Geldscheine identifiziert. Sie weisen feine Löcher auf, weil Emil das Geld in seiner Jackentasche mit einer Nadel festgesteckt hatte. Weitere Ermittlungen ergeben, dass Grundeis ein gesuchter Bankräuber ist. Emil bekommt tausend Mark als Belohnung.

 

 

Die Dreharbeiten begannen am 6. Juli 1931. Gedreht wurde in Berlin, den UFA-Studios in Babelsberg und in Werder (Havel), wo die Außenaufnahmen für Neustadt angesiedelt wurden. Die Uraufführung fand am 2. Dezember 1931 im Berliner UT am Kurfürstendamm statt.

 

Das war eine Begeisterung in der gestrigen 5-Uhr-Vorstellung, in der das jugendliche Element eine erhebliche Minorität repräsentierte. Ein so intensives Miterleben der Vorgänge auf der Leinwand war im Kino-Parkett schon lange nicht da. Während des ganzen Films gab es laute oder gedämpfte Entzückensrufe, und die Angehörigen der Kinder hatten alle Mühe, die vor lauter Aufregung zapplig gewordenen auf ihren Sitzen ruhig zu halten. Vor einer Besprechung dieses Films gilt zu sagen: Dieses ist nicht nur ein Film für Kinder. Jeder Erwachsene, der nicht völlig die Freude am primitiven sich freuen verloren hat, muss diesen Film reizend und sehenswert finden. Es muss schon einer sehr verknöchert oder sehr blasiert sein, wenn er nicht nach den ersten zweihundert Metern auf der Leinwand seine zehn oder dreißig oder fünfzig Jahre ‚Erwachsenen-Dasein‘ vergisst und als Kind den Sorgen und Freuden der Kinder folgt … Wer Lamprecht an der Arbeit mit seinen Kindern gesehen hat, kann ermessen, wie viel aufopfernde Liebe und Geduld in diesem belichteten Zelluloid steckt. Er hat keine Stars, keine ‚Schauspieler‘ aus seinen Kindern gemacht, er hat sie nicht zum Mimen in Großaufnahme verleitet: Sie sollen natürliche Kinder sein und sind es auch… Es gab riesigen Applaus, während des Films und zum Schluss, als die ‚Stars‘ in Originalkostümen auf die Bühne kamen. Georg Herzberg im Filmkurier vom 3. Dezember 1931.

 

Noch im selben Jahr hatte der Regisseur Gottfried Reinhardt (1913-1994) Hans Joachim Schaufuß an das Deutsche Theater für die Inszenierung von Erich Kästners Pünktchen und Anton engagiert. Hannele Meierzak (1923-2014) war Pünktchen und der Dreizehnjährige Anton.

 

Am 21. Dezember 1931 war in der New York Times zu lesen: Es ist bedauernswert, dass das Publikum, welches den deutschsprachigen Kinderfilm Emil und die Detektive gestern Nachmittag im Ufa-Cosmopolitan Willkommen hieß, nicht die Chance bekam, die jungen Schauspieler in Person zu treffen; so wie es geschehen war, als dieser erfreuliche Film vor einigen Wochen seine Premiere in Berlin feierte. Denn jedermann hätte es wirklich genossen, diese cleveren Jungen zu sehen, welche einen eloquenten Beweis dafür bilden, dass Hollywood keineswegs ein Monopol auf talentierte Kinderschauspieler hat. Diese, welche sich vielleicht einbilden, dass nur amerikanische Kinder Rechte auf Spiele wie Räuber und Gendarm und ähnliches hätten, werden feststellen, dass dies nicht der Fall ist und sich niedersetzen, um sich der interessanten und rasanten Entwicklung einer Geschichte zu erfreuen.

 

Zur einen Seite der Medaille gehört, dass dieser Film bis heute als ein herausragendes Werk des frühen Tonfilms angesehen wird, zu anderen Seite, dass viele der jugendlichen Darsteller wenige Jahre später im Zweiten Weltkrieg als Soldaten ums Leben kamen: Rolf Wenkhaus (Emil) starb als Besatzungsmitglied eines viermotorigen Focke-Wulf Fw 200 Condor-Bombers. Die Maschine mit dem Kennzeichen F8 MH 0093 wurde am 31. Januar 1942 vor der westirischen Küste bei Bloody Foreland (County Donegal) abgeschossen. Die sechsköpfige Besatzung kam vermutlich ums Leben. Rolf Wenkhaus galt als vermisst und wurde am 6. Juni 1948 für tot erklärt. Hans Albrecht Löhr (1922-1942), Der kleine Dienstag, fiel im August 1942 als Soldat an der Ostfront. Er wurde in der Kriegsgräberstätte Korpowo (Russland) begraben. Seine Mutter Lotte Löhr besuchte 1947 die erste Nachkriegsaufführung des Films, um mir den ‚richtigen‘ Emil anzusehen, und schrieb in einem Brief zum 64. Geburtstag Kästners: Es ging mir sehr, sehr nahe, aber es war wiederum doch schön, noch einmal das Jungchen zu sehen. Erich Kästner schrieb im hohen Alter über Löhrs Tod: Allein an diesem einzigen sinnlosen Verlust kann ich ermessen, was, millionenfach multipliziert, Hitler auf dem Gewissen hat. Hans Joachim Schaufuß (Gustav mit der Hupe) starb 1941 als Wehrmachtssoldat beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion in Michailowska bei Orjol (Zentralrussland).

 

Thorwaldsenstraße 10 und 9. Quelle Landesarchiv Berlin

Thorwaldsenstraße Nr. 9 & 10

 

Ruinenfoto aus der Sammlung Staudt (Museum Schöneberg)

 

Thorwaldsenstraße 13 Ecke Menzelstraße 16, 1954. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Thorwaldsenstraße Nr. 13

Ecke Menzelstraße Nr. 16

 

Ruinenfoto aus der Sammlung Staudt (Museum Schöneberg)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thorwaldsenstraße 15, 1951. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Thorwaldsenstraße Nr. 15

 

Ruinenfoto aus der Sammlung Staudt (Museum Schöneberg)

 

 

 

 

Thorwaldsenstraße Ecke Poschinger Straße

Thorwaldsenstraße

Ecke Poschinger Straße

Thorwaldsenstraße Ecke Göttinger Straße

Thorwaldsenstraße

Ecke Göttinger Straße

Linie 66 beim Einbiegen vom Innsbrucker Platz in die Rubensstraße, 1946

Die Straßenbahn

 

Es begann 1903. Da legte die Stadt Schöneberg den Grundstein für ihr kommunales Krankenhaus an der Rubensstraße. Das nach Plänen von Architekt und Stadtbaurat Paul Egeling entstandene Auguste-Viktoria-Krankenhaus (AVK) galt bereits 1910 als das modernste Berlins. Nach einigem Hin und Her zwischen der Königlichen Regierung in Potsdam, den Direktionen von Westlicher Berliner Vorortbahn und Großer Berliner Straßenbahn sowie der Landgemeinde Friedenau als Wegeeigentümerin kam man überein, die elektrische Straßenbahn nunmehr doch in der anfänglich beabsichtigten Weise über Rheinstraße, Saarstraße und Friedenauer Brücke bis zum Städtischen Krankenhaus im Schöneberger Ortsteil zu führen.

 

 

 

 

 

Ab 1. September 1905 gab es mit der Linie 60 eine 18,1 km lange Straßenbahnverbindung von Weißensee über Alexanderplatz, Potsdamer Platz, Bülow-, Martin-Luther-, Haupt-, Rheinstraße (Kaisereiche) und Saarstraße zur Rubensstraße (Endstation Ecke Canovastraße). Nachdem die Aufsichtsbehörde im Sommer 1912 eine direkte Durchführung von Straßenbahnlinien vom Innsbrucker Platz über die Hauptstraße durch die Rubensstraße genehmigt hatte, wurden auf der Karte der Großen Berliner Straßenbahn von 1913 die Linien 60, 87 und 88 sowohl mit Linienführungen über Saarstraße/Friedenauer Brücke als auch über die Rubensstraße eingetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ab Juni 1946 eine Linie 66 von der Belziger Straße über den Innsbrucker Platz in die Rubensstraße zur Endstation Thorwaldsenstraße geführt. Sie war mit etwa 3,3 km Länge bis zu ihrer Einstellung im Mai 1963 die kürzeste Straßenbahnlinie der BVG. Auf dieser Strecke verkehrt heute die Buslinie 187 vom U-Bahnhof Turmstraße über Innsbrucker Platz, Ceciliengärten und Auguste-Viktoria-Klinikum bis zum Halbauer Weg.