Im Berliner Adressbuch von 1888 wird erstmals im Vorort Schöneberg eine Hauffstraße aufgeführt. Sie begann am Ende der Moselstraße, die zur Gemarkung Friedenau gehörte, und endete an der Ecke zur Wielandstraße. Erbaut waren die Villa von Dirke (Nr. 1) und das Rösner’sche Haus (Nr. 8). Sieben Jahre später gab es 19 bebaute Grundstücke, von denen ein einziges noch als Baustelle eingetragen war. Am 14. März 1909 bat das zuständige Polizeirevier in der Hauffstraße darum, die Hauffstraße entweder Wilhelm-Hauff-Straße oder durchweg Moselstraße zu benennen, da laufend Verwechslungen mit der Hauptstraße vorkämen. Bereits am 29. April 1909 wurde im Schöneberger Ortsteil von Friedenau der Name Hauffstraße in Wilhelm Hauff-Straße geändert, um unliebsame Verwechselungen mit gleichnamigen Straßen in den Nachbarorten vorzubeugen. Ab 1940 gehörten zur Gemarkung Friedenau die Häuser Nr. 1-10 und Nr. 16-21. Nach dem Zweiten Weltkriege kamen Nr. 1-5 und Nr. 16-21 zu Friedenau und Nr. 6-15 zu Schöneberg.

 

Aus Sicht der Gemeinde Friedenau, die ihre Straßen nach dem Deutsch-Französischen Krieg und dem Friede von Frankfurt nach Flüssen in Elsass und Lothringen benannt hatte, wäre es sinnvoller gewesen, die Straße durchweg Moselstraße zu benennen. Schöneberg entschied sich für den streitlustigen schwäbischen Dichter Wilhelm Hauff (1802-1827), dem die Natur ein Talent gegeben hat, irgendeinen Stoff mit einiger Leichtigkeit so zu drehen und zu wenden und zu behandeln, dass er für die Menge ergötzlich und unterhaltend, für viele interessant, für manche sogar bedeutend ist. Ich habe, was ich geschrieben habe, in einiger Eile und nicht ohne Unverschämtheit herausgegeben. Ich werde keinen Satz bereuen. Nicht schlecht, der Mann.

 

 

Kistenmacher, Schulz & Co, Wilhelm-Hauff-Straße 2

Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 2

Kistenmacher, Schulz & Co

Luxus-Papier-Fabrik

 

 

 

Mitte 1890er Jahre hatte der Schriftsteller und langjährige Landtagsabgeordnete des Kreises Teltow Christoph Joseph Cremer (1840-1898) damit begonnen, in literarisch geprägten Spaziergängen Das Gewerbliche Leben im Kreise Teltow zu dokumentieren. Cremers Annäherung an Friedenau kann kaum treffender beschrieben werden:

 

Die Hauptstraße als Hauptverkehrs- und Geschäftsstraße durchzieht Schöneberg von der Berliner Grenze in der Richtung nach Friedenau bis zum Bahnübergang der Ringbahn in fast gerader Richtung auf nahezu 2 Kilometer Länge. Jenseits des Bahnüberganges nimmt sie die Bezeichnung „Friedenauer Straße“ an, und nach gewöhnlichen und postalischen Begriffen beginnt dort auch der Friedenauer Gemeindebezirk. Das Weichbild Schönebergs reicht jedoch bis beinahe an die Lauterstraße, da die Grenze zwischen Friedenau und Schöneberg vom Wilmersdorf-Friedenauer Bahnhof bis zum Bahnkörper der Berlin-Potsdamer Eisenbahn parallel läuft.

 

In diesem Friedenauer Teil Schönebergs liegt, inmitten eines reizenden Villenviertels unmittelbar an der Grenze von Friedenau, zwischen schattigen Alleebäumen, blühendem Gebüsch und prächtigen Baumgruppen versteckt, in der Hauffstraße Nr. 2 die Luxus-Papierfabrik von Kistenmacher, Schultz & Co. Sie gehört in kommunaler Beziehung zu Schöneberg, wohin sie auch ihre Steuern entrichtet; sie ist aber als in Friedenau sesshaft eingetragen, wird von Friedenau aus postalisch bedient und bezeichnet deshalb in ihren sämtlichen Geschäftskundgebungen Friedenau als Sitz der Firma.


 

Begründet wurde das Geschäft 1884 in Berlin, Alte Jakobstraße 131; daselbst blieb es fünf Jahre lang und wurde alsdann nach seinem jetzigen Domizil verlegt. Dort hat es einen für seine Zwecke errichteten Neubau mit stattlichem Wohnhause und freundlichen von Gärten umgebenen Arbeitslokalen inne. Über die Räume ist derart disponiert, dass im Erdgeschoss des Vorderhauses das Komtor, ein Teil des Lagers und Arbeitsstuben für feinere Ausführung, im Seitengebände die Prägerei, die Schriftdruckerei und die Buchbinderei untergebracht sind.

 

Die Artikel der Firma bestehen in Gratulationskarten, verzierten Briefbogen und Papierreliefs; eine ihrer Spezialitäten bilden die weltbekannten Friedenauer Seidenkarten. Außerdem fabriziert sie Briefumschläge für den eigenen Bedarf, den sie indessen nicht vollständig zu decken vermag. Das Etablissement beschäftigt gegen einen Wochenlohn von 300 bis 400 Mark durchweg 24 bis 30 der Mehrzahl nach weibliche Arbeitskräfte und gibt einer großen Hausindustrie namentlich während der Hauptsaison ihres Betriebes teils direkt teils durch ihr verantwortliche Unternehmer lohnende Arbeit.

 

Soweit es sich nicht um den Druck kleinerer Schriftsätze handelt, ist die Druckerei vom Friedenauer Geschäft durchaus getrennt. Die Druckerei für chromolithographische Bildwerke befindet sich in Berlin O, Holzmarktstraße 70. Dort werden nach den Entwürfen und Farbenskizzen der Friedenauer Firma die von letzerer zur weiteren Verarbeitung übernommenen Karten und sonstigen Darstellungen in chromolithographischer Ausführung angefertigt. Das für diese Drucke bisher fast ausschließlich verwandte Papier, sogenanntes gestrichenes Papier oder Chromokarton wird in einer Bogengröße von 82 x 108 Zentimeter aus Leipzig fertig bezogen. Dasselbe ist auf der zu bedruckenden Seite mit einer dünnen Lage von Kreide und Leim gedeckt, die zur Erzielung größerer Glätte satiniert wird. Durch den Überzug erlangt das Papier eine ergiebigere Aufnahmefähigkeit für Farbendruck, der auf diesem Grunde zugleich ein duftigeres Ansehen und weichere Konturen erhält. Da es sich bei den in Frage kommenden Karten meist um Dekorationsmotive wie Blumenstücke, Vögel, Genien, Engel und ideale Landschaften handelt, so trägt der Chromokarton zum gefälligern und amnutigern Äußern des Fabrikates nicht unerheblich bei. In neuester Zeit scheint indessen der Elfenbeinkarton zum Teil an die Stelle des gestrichenen Papiers treten zu sollen, und es lässt sich nicht leugnen, dass derselbe durch sein zartes Weiß und das matte, von der Lichtdurchlässigkeit des Materials herrührende Lüstre äußerst vornehm wirkt und dadurch mit der Anmut des Glanzkartons nicht erfolglos rivalisiert. Zudem bedürfen die zur Ausführung auf Elfenbeinkarton bestimmten Muster einer in allen Details genauen Durcharbeitung der Zeichnung und des Kolorits, wodurch der künstlerische Wert des Produkts nur gewinnt. Dafür lässt das neue Material aber auch jede Technik zu, während die Darstellungen auf Chromokarton nur in der äußerst mühsamen Punktmanier wiedergegeben werden konnten. Für Goldpapierreliefs gelangt Nürnberger Goldkarton zur Verwendung.

 

Die weitere Verarbeitung, welche die Farbendrucke in dem Friedenauer Etablissement erfahren, ist sehr mannigfacher Art. Hauptsächlich erstreckt sie sich auf die Reliefprägung, auf die Herstellung von Seidenkarten und die Anfertigung von Stell- oder Klappkarten. Die Reliefprägung geschieht unter Balanciermaschinen, die mit der Hand angetrieben werden, mittels gravierter Stahl- oder Messingstempel verschiedener Größe, mit welchen die aus einem Gemisch von Kreide, Leim und Papiermasse gepressten Matrizen korrespondieren. Die Zahl der Stempel, welche die mannigfachsten Muster aufweisen, geht in die Hunderte und deren Wert in die Zehntausende. Meist haben die Stempel eine doppelte Arbeit zu verrichten. Sie geben nicht nur die Prägung, sondern leisten auch das Ausschneiden bestimmter Muster. Letzteres gelangt meist bei Goldreliefs und bei den einzelnen Stücken für die Stellkarten zur Anwendung. Einfache Stempel ohne Relief besorgen das Ausstanzen derjenigen Partien, welche auf den als Seidenkarten bezeichneten Fabrikaten in der Form von Blumen und Teilen von Gewändern aus wirklicher Seide bestehen.

 

Um diesen Stoff anzubringen, wird die ausgestanzte Stelle an der Rückseite der Karte, je nach dem Muster, mit weißer oder farbiger Seide in einzelnen kleinen Stückchen, deren Fläche zwischen den Bruchteilen eines Ouadratzentimeters und mehreren Quadratzentimetern variiert, überklebt, und die Seite alsdann im Ganzen ‚cachiert‘, das heißt mit ziemlich starkem Papier, das man fest anleimt, verdeckt. Nun kommt die Karte unter die Präge, welche der Seide und dem ganzen Muster das gewollte Relief mitteilt. Die zu diesen Manipulationen erforderliche Arbeit verlangt die größte Sauberkeit und die peinlichste Akkuratesse. Man darf aber auch behaupten, daß die ‚Friedenauer Seidenkarten‘ alle ähnlichen Fabrikate durch die Vorzüglichkeit ihrer Ausführung, besonders durch Farbenlustre und Plastik des Reliefs übertreffen. Der Verbrauch des Friedenauer Etablissements an Seide, zu der ausschließlich Krefelder Produkt genommen wird, beläuft sich im Jahr auf 800 bis 1000 Meter bei einer Stückbreite von 60 Zentimetern.

 

Nicht minder subtil geht es bei der Anfertigung der ‚Stellkarten‘ zu. Unter diesen versteht man Gratulationskarten, die, auseinandergeklappt, frei hingestellt werden können und dann eine plastisch-perspektivische Darstellung von geringerer oder größerer Ausdehnung und Tiefe zeigen. Eine derartige Stellkarte wird nicht selten aus zwanzig und mehr einzelnen Teilen zusammengesetzt, die zu einem einheitlichen Ganzen gruppiert und außer ihrer Befestigung am Hintergrund oder an der Basis durch bewegliche Stützen und Züge in ihrer Position erhalten werden. Diese Stützen und Züge müssen so eingerichtet und angebracht werden, dass sich sowohl das Aufstellen, wie das Zusammenklappen der Karte ohne das geringste Hemmnis ermöglichen. Stellkarten werden in Größen von 10 bis 25 Zentimeter Höhe und entsprechender Breite nach etwa 150 verschiedenen Mustern angefertigt. Der Entwurf der letzteren erheischt künstlerischen Blick, eine geschickte Hand, viel Geduld und genaue Kenntnis der Geschmacksrichtung in den Ländern und Gegenden, wo die Karte ihren Zweck erfüllen soll. Für das Exportgeschäft, in welchem die Firma ihre namhaftesten Umsätze macht, ist dies die erste Vorbedingung. Die Friedenauer Gratulationskarten gehen und zwar meist durch Vermittlung Hamburger Agenten über den ganzen Erdball; sie werden daher in allen Nationalsprachen europäischer und überseeischer Völkerschaften, in denen man auf zivilisierte Art und Weise Freunden und Bekannten Glückwünsche zu übermitteln pflegt, angefertigt. Deutsch, englisch, holländisch, dänisch, schwedisch, norwegisch, polnisch, ungarisch, böhmisch, russisch, französisch, italienisch, spanisch etc verlangt man in Friedenau. Es kann daher nicht auffallen, dass allein von glatten Gratulationskarten in mehr oder minder reicher Ausstattung an 600 Nummern beständig vorrätig sind. Auch zum letzten Jahreswechsel hielt die Firma wiederum eine überreiche Kollektion geschmackvoller Glückwunschkarten, von der einfachsten bis zur luxuriösesten, zur Verfügung ihrer Abnehmer.

 

Außer für den allgemeinen Glückwunsch, wie er zum neuen Jahr, zum Geburts- und Namenstag gespendet wird, sorgt die Firma auch für Gratulationen bei außerordentlichen Gelegenheiten. Zur Hochzeit bietet sie Glückwünsche in Form niedlicher Büchlein, die eine ansprechende Strophe, gedichtet von der Muse des Hauses in der Hauffstraße 2 enthalten, und auf deren Deckel die in Relief hervortretenden goldenen Eheringe umgeben von seidenglänzenden Myrthenblüten sich zeigen. Zur Taufe offeriert sie Erinnerungszeichen mit sinniger Symbolik, vergisst aber nicht ein kleines Kouvert in das Büchlein hineinzuheften, welches den Paten die Möglichkeit gewährt, auf die eleganteste und delikateste Weise den Grundstock für die Sparkasse des Täuflings zu stiften.

 

Das seit einiger Zeit unter starkem Preisdruck leidende Luxuspapier-Geschäft macht die Hervorbringung derartiger stets neuer, eigenartiger, den verschiedensten Bedürfnissen und Launen entgegenkommender Artikel zur Notwendigkeit; bei aller Schönheit und Gediegenheit seiner in den reizendsten und heitersten Formen sich; darbietenden Erzeugnisse erfordert es unausgesetzt die ernsteste Anstrengung und die umsichtigste kaufmännische und technische Leitung.

 

Villa Herms, Wilhelm-Hauff-Straße 10. Quelle LDA, 2005

Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 10

Villa Herms

1892

Entwurf Architekt Emil Schütze

Bauherr Direktor Wilhelm Herms

 

Die Familiengeschichte von Wilhelm Herms beginnt 1811 mit der Geburt des unehelichen Sohns von Peter Herms (1774-1896) und Anna Elisabeth Bettge, der nach seinem leiblichen Vater den Vornamen Peter erhielt. Er wurde von seinem in Böhne lebenden Onkel Andreas Herms (1777-1836) und dessen Ehefrau Maria Dorothea geb. Johr adoptiert. Nach dem Tod von Andreas Herms musste Adoptivsohn Peter Herms die Wirtschaft übernehmen. Er heiratete 1836 Sophie Marie Elisabeth geb. Müller. 1852 stellte Peter Herms beim königlichen Landratsamt in Genthin einen Antrag für den Bau eines Erdofens und einem Ziegelmeisterhaus auf der sogenannten ‚Vossbreite‘, ca. 2 km von Böhne entfernt. Seine Söhne, der ältere Andreas Herms (1837-1913) und der jüngere Wilhelm Herms (1840-1911), arbeiteten auf der Ziegelei zunächst als Abtragejungen, dann als Streicher.

 

 

 

 

 

Sohn Andreas Herms heiratete 1868 Karoline geb. Eggert (1850-1923). Aus der Ehe gingen die Kinder Franz, Minna und Caroline hervor. Sohn Wilhelm heiratete Luise Heitzmann, die Tochter der Heitzmannschen Ziegelei in Groß-Wusterwitz. Aus dieser Ehe gingen die Söhne Andreas und Wilhelm jun. hervor.

 

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Industriealisierung erhebliche Bautätigkeiten in Berlin auslöste, entstanden in Halbe mehrere Tongruben und Ziegeleien. Mit Eröffnung der Berlin-Görlitzer Bahn konnten die Ziegel ab 1867 über die Schiene nach Berlin gebracht werden. Noch im Adressbuch der Ziegeleien, Chamottefabriken und Thongruben für die Provinz Brandenburg von 1901 tauchen die Namen Herms, W. sen. in Halbe und Herms, W. jun. in Rehagen auf.

 

Dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv (BLHA) ist zu entnehmen, dass es 1885/86 einen Vertrag mit dem Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms in Halbe über eine Parzelle des Jagens 200 im Forstrevier Hammer gab (Signatur Hammer I 80).

 

Dazu passt ein Bericht im Teltower Kreisblatt vom  17. Oktober 1885: Am 10. des Monats fand im Tasche'schen Lokale ein vom Herrn Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms sen. für die Ziegler der drei großen Dampfziegeleien zum Schluss der diesjährigen Saison veranstalteter Ball statt. Die rühmlichst bekannte Golsener Stadtkapelle des Herrn Director Gersing spielte vortrefflich, und wurde wacker getanzt. Am Nachmittag hatte unter Führung der Altgesellen eine Ovation der Ziegler zu Ehren des Herrn Herms vor seiner Wohnung stattgefunden. Um 8 Uhr beehrte Herr Herms mit seiner Gemahlin den Ball mit einem kurzen Besuch, von den Festteilnehmern und Herrn Tasche ehrerbietig begrüßt, ein Ziegler brachte dem unermüdlichen Brodherrn ein kräftiges Hoch aus, in das alle lebhaft einstimmten. - Herr Herms ließ drei Tonnen Bier sowie diverse Getränke des Abends verabfolgen. Herr Tasche hatte den Saal mit Guirlanden und den Bildern unseres erlauchten Herrscherhauses schmücken lassen. Am nächsten Morgen wurde der Schluss mit einem Ständchen bei Herrn Herms sowie Herrn Buchhalter Schulz vor deren Wohnungen gemacht.

 

1889 gründet Wilhelm Herms sen. die Vereinigte Halber Dampfziegeleien AG zur Übernahme und Fortführung einer großen Ziegelei, die 1900 in Vereinigte Halber Dampfziegeleien und Industrie AG umbenannt wird. 1905 wird ein Pachtvertrag zwischen der Vereinigten Dampfziegeleien- und Industrie AG in Halbe und der Oberförsterei Hammer über Anlage eines Entwässerungsgrabens in den Jagen 223-228 abgeschlossen (BLHA Signatur Hammer II 3). 1908 folgt ein Vertrag zwischen der Vereinigten Dampfziegeleien- und Industrie AG mit der Hofkammer über die Verpachtung von 9,1447 ha zur Tonerdegewinnung des sogenannten Brandgartens (BLHA Signatur Hammer II 4).

 

Das Teltower Kreisblatt meldet am 15. Juni 1894, dass Halbe mit seiner 1867 eröffneten Station an der Berlin-Görlitzer Bahn viel gewonnen und der Ort mittlerweile über 600 Einwohner hat. Von kleinem Anfang an hat sich das Ziegelbrennen hier derartig ausgedehnt, dass gegenwärtig jährlich 20 Millionen Steine fertiggestellt werden, die mit der Bahn ins stark wachsende Berlin geliefert werden.

 

Es war die Zeit, als die Baumeister Otto Hoffmann und Max Nagel mit ihren Ziegelbauten in Friedenau Furore machten – und Wilhelm Herms sen. mit der Fabrikation von Hintermauerungssteinen, Klinkern, Hartbrand, Verblendsteinen und Drainröhren aufwarten konnte.

 

Für Heike Brett, Regionalforscherin zur Ziegeleigeschichte im Raum Rathenow, wurde Wilhelm Herms ein sehr erfolgreicher Ziegelei-Unternehmer. Holger Hartwig konstatiert in seiner Ziegelei-Sammlung: Die Ziegelei war ein schwieriges Geschäft. Die Betreiber wechselten oft. Die Familie Herms war mit 21 Betriebsjahren von 1906 bis 1927 eine Ausnahme.

 

Erstaunlich ist allerdings, dass sich Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms sen. seine Villa in der Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 10 vom Architekten Emil Schütze nicht mit einer Klinkerfassade,  sondern als Putzbau errichten ließ: Das frei stehende dreigeschossige Gebäude auf annähernd quadratischem Grundriss ist mit hohem Souterrain, flachem Mansardwalmdach und mit Risaliten, Erkern, Giebeln und neobarockem Stuckdekor aufwendig gestaltet. Während die beiden unteren Geschosse durch eine kräftige Putzquaderung zusammengefasst wurden, sind die oberen Etagen von einer feineren Quaderung überzogen. Balusterbrüstungen, Kartuschen, Säulen, Pilaster und figürlicher Schmuck rahmen hier die Fensteröffnungen. Die vier Seiten des Hauses zeigen jeweils unterschiedliche Akzente: Straßenseite und Ostfassade sind durch mittige Standerker und geschwungene Giebel darüber betont, die Gartenfassade ist mit von Seitenrisaliten eingefassten Loggien gegliedert; an der Westfassade befinden sich in einem Mittelrisalit Eingang und Treppenhaus. In den drei Wohngeschossen des Hauses war je eine große Wohnung angeordnet. Heute ist auch das Dachgeschoss ausgebaut. Erhalten ist ein zweigeschossiges Nebengebäude auf dem rückwärtigen Grundstück, in dem ursprünglich Stall und Kutscherwohnung untergebracht waren. LDA, 2018

 

Der Friedenauer Lokal-Anzeiger, ansonsten stets bemüht über dieses und jenes zu berichten, nahm von Wilhelm Herms sen. keine Notiz, abgesehen von zwei Jahresjagdscheinen, die er 1905 und 1910 erhalten hat.

 

Drei Eintragungen im Handelsregister Nr. 21199 werden erwähnt. 1907: Firma: Wilhelm Herms, Schöneberg. Sitz jetzt Berlin. 1909: Jetzt offene Handelsgesellschaft. Gesellschafter Wilhelm Herms. Ziegeleibesitzer, Wilhelm Heitzmann, Ziegeleibesitzer, verehelichte Frau Ida Heitzmann, geborene Herms, sämtlich Schöneberg. Die Gesellschaft hat am 1. August 1903 begonnen. Zur Vertretung sind nur die Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms und Wilhelm Heitzmann ermächtigt. 1911: Der Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms ist aus der Gesellschaft ausgeschieden. Gleichzeitig ist Paul Herms aus Niederschönhausen in die Gesellschaft als persönlich haftender Gesellschafter eingetreten. Zur Vertretung der Gesellschaft sind nur der Gesellschafter Wilhelm Heitzmann und der Gesellschafter Paul Herms jeder allein ermächtigt. 1900 gab es in Halbe einen modernen Ringofen.

 

Nachzutragen ist, dass das Herms‘sche Unternehmen in Halbe 1903 zusätzlich die Meißener Thonwaren- und Kunststeinfabriken AG erwarb, die auf feuer- und säurefeste Produkte spezialisiert war und den Markt mit glasierten Steinzeugwaren und Fußbodenplatten von großer Dauerhaftigkeit versorgte. Die Erweiterung führte zu Verlusten. Die gedrückte Lage am Berliner Baumarkt und der Tod von Wilhelm Herms 1911 kamen hinzu. Es folgte die Liquidation. 1912 brach Wasser in die Tongrube ein. Durch Flutung entstand der 7,8 ha große Heidesee – untendrunter bis heute Ziegeleigebäude, Gleise, Waggons und Loren aus vergangenen Zeiten. Das Gelände ging in der Zwangsversteigerung an die Nationalbank für Deutschland als Hauptgläubiger.

 

Zu guter Letzt: Auf dem für einige Sarg- und Urnenbestattungen angelegten großen Erbbegräbnis der Familie W. Herms sind bisher nur Wilhelm Herms und seine Ehefrau Luise bestattet. Für sie gab es weder Traueranzeigen im Friedenauer Lokal-Anzeiger noch die sonst üblichen Trauerfeierberichte, auch keine Mitteilung in den Standesamtsnachrichten. Da die Inschrift, analog der Hinterbliebenen einer Traueranzeige, auf Eltern, Schwiegereltern und Großeltern hinweist, sollten dort später wohl auch weitere Familienmitglieder ihre letzte Ruhe finden und auf den beiden Grabplatten verewigt werden. Dabei blieb es.

 

Wilhelm Herms jun. und Paul Herms waren 1927 die Besitzer der Dampf-Ziegelei Streganz. Wilhelm jun. wohnte in Groß Lichterfelde, Paul in Niederschönhausen. Das Anwesen in der Wilhelm-Hauff-Straße blieb bis Mitte der 1920er Jahre im Besitz der Familie.

 

Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 12

 

In Vorbereitung

Wilhelm-Hauff-Straße 17, 1953. Sammlung Staudt. Museum TS

Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 17

 

In Vorbereitung