Unsere Meinung

Friedrich-Bergius-Schule. Foto H&S 2017

Gute Schule, schlechte Schule

 

In Deutschland ist Schule bekanntlich 16 mal anders. So kommt es, dass Thüringen andere Vorstellungen als Berlin hat und Thüringen im bundesdeutschen Schul-Ranking den ersten und Berlin den letzten Platz belegt. Verantwortlich ist dafür eine Senatsverwaltung, die seit 1996 von der SPD beherrscht wird. Damit alles besser wird, leistet sie sich seit einiger Zeit die mehr oder weniger hausinterne Arbeitsgruppe „Schulinspektion“.

 

Diese präsentierte – unter Verzicht auf neutrale Gutachter – vor den Sommerferien 2018 auch eine Bilanz zur Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule. Obwohl bescheinigt wird, dass die Leistung der Schüler sehr gut sei, die Arbeits- und Lernatmosphäre stimme, eine hohe Zustimmung von Eltern und Schülern erreiche, sich mit dem Schulmuseum eng mit Friedenau und dessen Geschichte identifiziert, wird sie in der Gesamtbewertung als Schule mit einem „erheblichen Entwicklungsbedarf“ eingestuft. Sie erhält den Stempel „Problemschule“, die Hilfe von außen bekommen müsse.

 

 

Im Kern geht es wohl darum, dass sich die Friedrich-Bergius-Schule für einen „Frontalunterricht“ entschieden hat, bei dem Schülern Wissen vermittelt und durch Wiederholungen vertieft wird, statt sich wie in Schulen mit vergleichbarer Schülerzusammensetzung – zwei Drittel ohne deutsche Herkunftssprache, die Hälfte aus Hartz-IV-Familien – wegen unzureichender „Ressourcen“ in freier Gruppenarbeit zu verlieren. In der Friedrich-Bergius-Schule führt das zu überdurchschnittlichen Lernerfolgen, zu gemeinschaftsverträgliche Verhalten, zu geringen Schwänzerraten, zu wenig Unterrichtsausfall und zu kaum nennenswerten Gewalttätigkeiten.

 

Die „Schulinspektion“ sucht das Haar in der Suppe und kritisiert Vernachlässigung des Schulprogramms, der Unterrichtsentwicklung und der Kompetenzorientierung, zudem verstoße Schulleiter Michael Rudolph gegen rechtliche Vorgaben bei der Schulorganisation. Für die Friedrich-Bergius-Schule ist allgemein bekannt, dass es in Berlin kaum vergleichbare Sekundarschulen ohne gymnasiale Oberstufe gibt, die von Eltern und Schülern dermaßen nachgefragt sind, und bei der 50 Prozent der Zehntklässler einen guten Mittleren Schulabschluss erreichen.

 

Bis 2016 war die gelernte Lehrerin Jutta Kaddatz (CDU) als Stadträtin verantwortlich. Inzwischen leitet der vom Stadtrat für Bürgerdienste und Ordnungsaufgaben zum Schulstadtrat ernannte fachfremde Finanzwirt Oliver Schworck (SPD) das Amt. Er hat mit den klaren und kritischen Positionen der Schulleiter und ihrer Vorgehensweise Probleme. Wie sonst ist es zu erklären, dass nun die Schulleiterin Doris Unzeitig der Schöneberger Spreewald-Grundschule „um Auflösung ihres Vertrages zum 7. September 2018“ gebeten hatte. Dem Wunsch der „Unruhestifterin“ von Tempelhof-Schöneberg wurde umgehend entsprochen. Nicht noch einmal möchte Oliver Schworck den März 2018 erleben, als die Schulleiterin einen privaten Wachdienst beauftragte, „um renitente Eltern und schwierige Schüler in die Schranken zu weisen und Schulfremde am Betreten des weitläufigen Areals zu hindern“.

 

Obwohl die Spreewald-Schule unmittelbar neben dem Schönberger „Sozialpalast“ an der Pallasstraße als „Brennpunkt“ eingestuft ist, spielt es für Oliver Schworck keine Rolle, dass er der Schule zum Schuljahr 2018/19 nicht das benötigte ausgebildete Personal zur Verfügung stellen kann. Schulleiterin Doris Unzeitig wurde angehalten, pädagogische Unterrichtshilfen statt Lehrer einzusetzen.

 

Unterstützung für „Brennpunkt-Schulen“ sieht anders aus.

 

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Die Medien zur Friedrich-Bergius-Schule

 

FAZ, 27.08.2018: Der Weg oder das Ziel

Wie eine Berliner Problemschule zum Vorzeigeobjekt wurde - und nun trotzdem von der Schulinspektion herabgestuft wird

 

Als Michael Rudolph 2005 die Leitung der Friedrich-Bergius-Schule in Berlin-Friedenau übernahm, stand die Schule kurz vor der Schließung. Die Anmeldezahlen waren auf 38 Schüler geschrumpft, ständig schwänzende oder zu spät kommende Schüler, Gewalt im Schulalltag und krankheitsbedingte Fehltage von Lehrern in bedenklicher Höhe hatten den Ruf stadtweit ruiniert. Drei Jahre gab ihm das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg damals, um die Schule in dem neobarocken Bau aus dem Jahr 1902 vor der Schließung zu retten. Rudolph, gelernter Geschichtslehrer und Hauptschulleiter mit reicher Erfahrung in Berliner Problembezirken wie Kreuzberg, fand das denkmalgeschützte Schulgebäude mit seiner funktionalen Schlichtheit und Mauerdurchbrüchen für mögliche Raumerweiterungen äußerst reizvoll – auch wenn die Aula seit Jahren nicht benutzbar ist, weil der Bezirk sich nach eigenem Bekunden in einer Denkpause befindet. Die Treppenhäuser sind gepflegt und sauber wie in wenigen Schulen in Berlin. Hinter dem Schreibtisch des Direktors stehen drei Flaggen: die deutsche, die europäische und das Berliner Wappen, im Hintergrund läuft leise klassische Musik. An der Wand hängt das Porträt des amtierenden Bundespräsidenten. Die Fenster geben den Blick auf die hochgewachsenen Bäume des Perelsplatzes frei.

 

Binnen eines Jahres konnte der neue Schulleiter die Anmeldezahlen mehr als verdoppeln. Der Bezirk war bass erstaunt. Inzwischen gehört die integrierte Sekundarschule ohne gymnasiale Oberstufe, die Haupt- und Realschule vereint, zu den beliebtesten und erfolgreichsten Schulen. Für das Schuljahr 2018/19 haben sich mehr Schüler angemeldet, als Plätze vorhanden sind, solch eine positive Bilanz haben sonst nur Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe vorzuweisen. Das gilt trotz der schwierigen Schüler der Bergius-Schule: Ein Drittel der Schüler könne die Aufgabe 3 mal 9 nicht lösen. Bei anderen basalen Kenntnissen sei es ähnlich, berichtet der Schulleiter. Wegen der sechsjährigen Grundschule in Berlin haben sie zum Zeitpunkt des Schulwechsels aber schon 60 Prozent ihrer Schulzeit absolviert. Der Bergius-Schule bleiben nur vier Jahre, um ihre Schüler ausbildungsfähig zu machen. 70 Prozent der 427 Schüler stammen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte, knapp die Hälfte aus bildungsfernen Familien, die von Zuzahlungen zu Lernmitteln befreit sind. 49 Schüler haben einen festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf.

 

Morgens um 7.25 Uhr öffnet sich die eiserne Schultür, der Schulleiter begrüßt seine Schüler, und um 7.30 Uhr, mit Beginn der ersten Schulstunde, fällt die Tür wieder krachend ins Schloss. Wer während des Unterrichts kommt, muss klingeln, und der Hausmeister öffnet, der Schüler trägt sich in eine Liste ein. Auf die Frage, ob er schon einmal zu spät gekommen sei, huscht ein breites Grinsen über das Gesicht des Siebtklässlers vor der Schule. Er bejaht und sagt: „Ich musste putzen.“ Müllsammeln auf dem Perelsplatz vor dem Schulgebäude und andere Arbeiten beim Hausmeister gehören zu den schulinternen Sanktionen, die von der Schulordnung vorgegeben und von Lehrern und Schülern akzeptiert werden. Wer dreimal zu spät kommt, muss mit einer Benachrichtigung an die Eltern und einem Gespräch mit ihnen beim Schulleiter rechnen.

 

Handys dürfen nicht mitgebracht werden, Kaugummi kauen und das Tragen von Mützen oder Kapuzen während des Unterrichts sind verboten. Die Schüler schätzen die Klarheit der Regeln, weil sie Ruhe haben und einen geschützten Raum der Konzentration. Pünktlichkeit, Höflichkeit, Ausdauer und Fleiß gehören getreu den Sinnsprüchen auf dem Schulgebäude - beispielsweise „Wie die Saat, so die Ernte“. – weiterhin zur Schulordnung. Die Schüler müssten berufsfähig werden, begründet Rudolph die deutlichen Regeln. Die Anwesenheit wird engmaschig überprüft, wer unentschuldigt fehlt, wird angerufen Rudolph beschäftigt eine Sozialpädagogin aus den Geldern für Brennpunktschulen, um dann zu Hause anrufen zu können. Die Eltern schätzen das, weil sie wissen, dass der Schule der Werdegang ihrer Schüler nicht egal ist. Bei der jüngsten Schulinspektion erreichte die Schule bei einem störungsfreien Unterricht einen Maximalwert von 100 Prozent und auch bei vielen anderen Leistungsparametern Bestwerte. Das gilt etwa für die Erfüllbarkeit von Leistungsanforderungen wie Fachlichkeit des Unterrichts, positives Schulklima und Freundlichkeit im Umgang mit den Lehrern und unter den Schülern selbst. 71,4 Prozent der Schulabgänger haben den mittleren Schulabschluss bestanden, davon 46,7 Prozent mit Gymnasialempfehlung und 10,5 Prozent mit einer erweiterten Berufsbildungsreife. Ohne Abschluss verließen allerdings 8,6 Prozent die Schule, was zu viel ist.

 

Die Berliner Schulinspektion, die vor zwölf Jahren eingeführt wurde und direkt der Berliner Senatsverwaltung für Schule unterliegt, bescheinigte der Schule „erheblichen Entwicklungsbedarf“, weil sie sich entschlossen hat, die Methoden der prozessbezogenen Schulentwicklung nicht nach dem vorgegebenen Muster mitzumachen. Die Unterrichtsgestaltung sei so angelegt, dass „die Potenziale der Schülerinnen und Schüler nicht durchgängig ausgeschöpft werden, die Individualisierung von Lernprozessen ist kein Thema an der Schule“, so die vernichtende Feststellung im Inspektionsbericht, der eine Vernachlässigung des Schulprogramms, der Unterrichtsentwicklung und Kompetenzorientierung ankreidet.

 

Rudolph lässt keinen Zweifel daran, dass ihm und seinen Kollegen die Schülerleistungen am wichtigsten sind und man sich entschlossen hat, in jedem Fach einen Jahresplan zu machen, der die Unterrichtsziele und die Kompetenzentwicklung festhält. Von der Entwicklung von Schulprogrammen mit epischen Beschreibungen und endlosen Konferenzen hält er wenig. Papier ist geduldig, mit der Wirklichkeit haben die Programme nicht immer etwas zu tun. „Das bringt die Schule nicht voran, sondern bindet nur viele Kräfte“, sagt Rudolph, der sich den aus seiner Sicht ideologischen Vorgaben konsequent verweigert. Außerdem komme die Unterrichtsentwicklung zu kurz, und die Schule verstoße gegen rechtliche Vorgaben, weil sie bei einem Stundendeputat von 26 Stunden jeweils zwei für Vertretungen vorsieht, moniert die Schulinspektion. Während die Schule auf die Durchsetzung der eigenen Regularien bestehe, verstoße sie „in zentralen Bereichen gegen rechtliche Vorgaben des Landes Berlin“. Aus der Senatsverwaltung ist zu hören, die Schule nutze ihre Ressourcen für Sprachförderung und Inklusion nicht in ausreichendem Maße, das sei Ressourcenverschwendung. Das sieht der Schulleiter anders. Ansonsten wollen sich weder der zuständige Schulinspektor noch die Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie vor dem 1. November zum Bericht der Schulinspektion äußern, sofern der Schulleiter ihnen gegenüber nicht ausdrücklich einer vorgezogenen Kommentierung zustimmt.

 

Rudolph und sein Kollegium haben sich nach dem vernichtenden Bericht der Schulinspektion und deren Ankündigung, bereits in zwei Jahren wiederzukommen, zur Flucht nach vorn entschlossen. Inzwischen reisen Zeitungen aus dem Pisa-gepeinigten und schulisch im freien Fall befindlichen Schweden an, um sich von Rudolph die konsequente Einhaltung von Regeln und deren Durchsetzung erläutern zu lassen. Man wird den Eindruck nicht los, dass den Schulinspektoren genau jene konsequente Regeleinhaltung, die sich übrigens zivilisiert und freundlich im Ton vollzieht, irgendwie zuwider ist. Wahrscheinlich wären der Schulinspektion Wochenpläne und Freiarbeit sympathischer. Was die Schüler dabei lernen, ist ja, wie es bei der ersten Schulinspektion vor sechs Jahren hieß, „egal“. Doch worum soll es in der Schule gehen, wenn nicht um Berufsfähigkeit und Handlungsfähigkeit? „Anstatt Ziele zu bestimmen, wird der Weg gewertet“, sagt Rudolph, der trotz all dieser Erfahrungen bereit ist, auch nach seiner Pensionierung, die Ende dieses Jahres anstünde, weiterzuarbeiten, und einen entsprechenden Antrag gestellt hat. Ob die Senatsverwaltung ihm stattgibt, bleibt abzuwarten.

 

LINK zum Originalbeitrag

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/neuer-aerger-fuer-berliner-friedrich-bergius-schule-15756869.html

 

Der Tagesspiegel, 22.08.2018: Dann können wir die Schule abschaffen

Rektor Michael Rudolph (64) leitet seit 2005 die Friedrich-Bergius-Schule in Friedenau. Sie gilt als erfolgreichste Sekundarschule Berlins. Und trotzdem fiel sie der „im Bericht Schulinspektion“ durch. Die Friedrich-Bergius-Schule gilt als erfolgreichste Sekundarschule Berlins. Und trotzdem fiel sie bei der Schulinspektion durch. Rektor Rudolph hält seinen Weg für richtig. Michael Rudolph, 64, leitet seit 2005 die Friedrich-Bergius-Sekundarschule in Friedenau. Neun Jahre in Folge übernachgefragt – und das ohne gymnasiale Oberstufe: Die Friedrich-Bergius-Schule gilt als eine der erfolgreichsten Sekundarschulen Berlins. Dennoch fiel sie kürzlich bei der Schulinspektion durch. Darüber sprachen wir mit Schulleiter Michael Rudolph.

 

LINK zum Originalbeitrag

https://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/berliner-schulleiter-dann-koennen-wir-die-schule-abschaffen/22908646.html

 

Berliner Woche, 10.07.2018: Schulinspektionsbericht - Friedrich-Bergius-Schule sei Problemschule

Freude über den Beginn der Sommerferien? Nicht an der Friedrich-Bergius-Schule. Ein Bericht der Berliner Schulinspektion sorgt dort für Unverständnis und Empörung. Die Inspektoren haben die Integrierte Sekundarschule (ISS) am Perelsplatz besucht. Ihr Lob: ein fast perfektes Unterrichtsklima, „angstfreies“ Lernen, gute Schülerleistungen – bei einem 77-prozentigen Anteil von Migrantenkindern und über 50 Prozent Kindern aus Familien, die Hilfen vom Staat erhalten. Ihre Kritik jedoch: zu viel Frontalunterricht – 84 Prozent –, ein zu „lehrerzentrierter“ Unterricht, zu wenig Frei- und Gruppenarbeit, angeblich weder individuelle Förderung noch eine „Umsetzung des Inklusionsgedankens“ an der Schule. Die Bewertung am Ende lautet: Die Friedrich-Bergius-Schule ist eine Schule „mit erheblichem Entwicklungsbedarf“, sozusagen eine Problemschule.

 

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https://www.berliner-woche.de/friedenau/c-bildung/schulinspektionsbericht-sagt-aus-friedrich-bergius-schule-sei-problemschule_a171482

 

Focus, 06.01.2018: Musterbeispiel Friedrich-Bergius-Schule - Mit strengen Regeln zum Erfolg

Die Friedrich-Bergius-Schule in Berlin-Friedenau war einst eine Problemschule mit schwänzenden und gewalttätigen Schülern. Doch das hat sich gründlich geändert. Inzwischen sind die Plätze in der Sekundarschule gefragt. Zu verdanken ist dem Rektor Michael Rudolph und seinen strengen Regeln. „Ich finde es gut, dass hier auf Umgangsformen und Pünktlichkeit geachtet wird. Das ist doch wichtig“, sagte ein 15-jähriger Schüler der „Bild“-Zeitung. Tatsächlich führt Rektor Rudolph ein strenges Regiment – zum Nutzen der Schüler. „Ich habe so gut wie alles erlebt“, sagte er der Zeitung. Vor 2005 arbeitete er 27 Jahre lang an Kreuzberger Hauptschulen und erlebte dort Gewalt und Respektlosigkeit.

 

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https://www.focus.de/familie/schule/musterbeispiel-friedrich-bergius-schule-mit-strengen-regeln-zum-erfolg-rektor-macht-einstige-problemschule-wieder-gefragt_id_8244871.html

 

Morgenpost, 04.07.2018: Wie Berlins Verwaltung eine gute Schule für schlecht erklärt

Die Bergius-Schule hat sich von einer Problemschule zum Vorbild gemausert. Und wird nun von Schulinspektoren scharf kritisiert. Hier ist der Schulleiter präsent: Michael Rudolph ist jeden Morgen der Erste in der Schule, begrüßt seine Schüler persönlich beim Hereinkommen um 7.30 Uhr. Friedenau: Heute endet das Schuljahr. Zeugnisse werden ausgegeben, die Schüler fliehen in die Ferien, die Lehrer auch. Wer es sich leisten kann, fährt weg, lässt Schule und Stadt eine Weile hinter sich. Und wer hierbleibt, genießt die mittsommerliche Leere Berlins. Endlich Parkplätze. Es war ein durchwachsenes Schuljahr mit viel Unruhe. Brandbriefe aus überforderten Schulen erreichten die Senatsschulverwaltung in Mitte, die Probleme sind zahlreich. In den Schulen gibt es zu wenige Lehrer, und die treffen zunehmend auf Schüler, die kaum zu bändigen sind; geschweige denn, dass man ordentlich Unterricht machen könnte. In vielen Schulen der Stadt wird es eng, zu wenig Platz für zu viele Schüler. Und als der Bildungsmonitor aller Bundesländer Anfang des Schuljahres herauskam, stand Berlin wieder auf dem letzten Platz. Deutsch und Mathe ungenügend. Setzen. Sechs.

 

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https://www.morgenpost.de/berlin/article214757427/Der-Streit-darum-was-eine-gute-Schule-ist.html

 

 

Die Rossebändiger vor dem Berliner Stadtschloss. Blick auf Zeughaus und Unter den Linden.

Rossebändiger vors Schloss

24.06.2017

 

Mit rot-grüner Mehrheit hatte die BVV von Tempelhof-Schöneberg einst beschlossen, die im Kleist-Park zwischengelagerten „Rossebändiger“ nicht herauszurücken, da diese seit 1950 Teil der Schöneberger Geschichte geworden sind. Gut, wenn es so wäre, aber warum nur haben dann SPD und Grüne den Kleist-Park so verwahrlosen lassen? Ein „sicherer, sauberer und attraktiver Ort für Geschichte, Kultur und Freizeit“ ist die Anlage nicht. Es klingt daher sehr verlogen, wenn die Fraktionen verlauten lässt, dass „der jetzige Standort der Skulpturen Teil der wechselvollen und teils schmerzhaften Berliner Geschichte ist, die ablesbar bleiben muss“.

 

Inzwischen vernehmen wir allerdings, dass Bezirksamt und BVV durchaus bereit sein könnten, die Rossebändiger im Kleist-Park „herauszugeben“. Es versteht sich von selbst, dass mit diesem Verzicht eine grundsätzliche Neugestaltung der Anlage vor dem Kammergericht notwendig würde, und es versteht sich auch von selbst, dass diese Kosten nicht dem Bezirk überlassen werden können.

 

Da Tempelhof-Schöneberg generell mit der künstlerisch-ästhetischen Gestaltung seiner Parkanlagen intellektuell überfordert ist, sollten die Hausherren des Humboldtforums neben der Kostenübernahme auch ein verbindliches und zukunftsträchtiges Gestaltungskonzept für den Kleist-Park liefern.

 

 

Die Rossebändiger sind zwei Denkmäler, die sich von 1846 bis 1950 auf der Lustgartenterrasse des Berliner Schlosses befanden, wo sie mit den Pferdefiguren am Alten Museum korrespondierten. Bei der Sprengung des Schlosses wurden sie 1950 in den Kleistpark versetzt. Die rund vier Meter hohen Bronzefiguren sind ein Werk des russischen Bildhauers Peter Clodt von Jürgensburg und waren ein Geschenk des Zaren Nikolaus I. für Friedrich Wilhelm IV. Dieser ließ sie vor dem Portal IV des Stadtschlosses aufstellen, Im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldtforum sprechen sich laut Umfrage von Infratest dimap 44 Prozent der Deutschen und 51 Prozent der Berliner für die Rückführung aus.

 

Ewald Mahr aus der Dickhardtstraße 41 in 12161 Berlin „war 1948 (zwei Jahre vor Ulbrichts barbarischer Sprengung der Schloss-Ruine) als Schüler noch im 'Weissen Saal' des Schlosses gewesen, als dort in einer Ausstellung der 100-jährigen Wiederkehr der Revolution von 1848 gedacht wurde! Ich hoffe noch zwei Jahre zu leben, um bei der Eröffnung des Schlosses als 'Humboldt-Forum' dabei sein zu können. Aus Anlass der Wiedererrichtung der beiden Portale 4 und 5 am 23. Juni 2017 hat er seine Gedanken übermittelt. Wir zitieren daraus:

 

„Die SPD-Fraktion des Bezirks Tempelhof-Schöneberg hat gemeinsam mit der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN verlangt, dass die Skulpturen im Schöneberger Kleistpark bleiben sollen! Drucksache Nr. 1639/XIX der BVV Tempelhof-Schöneberg (Antrag der SPD-Fraktion „Keine Umsetzung der ‚Rossebändiger‘ zur Ausschuss-Sitzung vom 27. Juni 2016).

 

Meine Stellungnahme als Berliner Bürger: Bei den beiden „Rossebändiger“-Skulpturen handelt es sich nicht um „irgendeinen Abguss“, sondern es sind die beiden Bronzegüsse von 1842, die ursprünglich für die St. Petersburger Anitschkov-Brücke geschaffen wurden. 2007 wurden beide Skulpturen restauriert und vorübergehend in den „Gropius-Bau“ als Mittelpunkt der Ausstellung über die „Macht und die Freundschaft“ zwischen Russland und Preußen gezeigt. St. Petersburg erhielt für seine Anitschkov-Brücke einen Nachguss.

 

Noch einmal: Berlin besaß für das „Königliche Schloss“ die Erstabgüsse, d. h. die beiden „Originale“, wo sie nach dem abgeschlossenen Wiederaufbau des Schlosses als „Humboldtforum“ auch wieder hingehören. Wer ist der „Eigentümer“ der Skulpturen? Nicht der Bezirk Schöneberg-Tempelhof! Sondern ganz Berlin, die Bundesrepublik Deutschland! Keine Sorge: „Preußen“ wurde durch Kontrollratsbeschluss abgeschafft! Also: Es ist eine Änderung oder Aufhebung des rot/grünen Beschlusses der BVV Tempelhof-Schöneberg vom Senat, dem Bundestag oder von wem auch immer herbeizuführen! Notfalls könnte ein Abguss bzw. ein „Neuguss“ der zwei Skulpturen für den Kleistpark aus Bezirksmitteln (!?) vorgesehen werden!“

 

CityTree Modell. Quelle GCS

City-Trees der CDU

21.06.2017

 

City Trees sind nach Wikipedia „neuartige Stadtmöbel für Straßen in Städten, die als Filter für Staub und Abrieb effektiver als ein Naturbaum arbeiten“. Sie basieren auf 3 x 4 Meter hohen und freistehenden Wänden, die vertikal mit Moos bepflanzt werden und auf den Außenbereichen zusätzliche Bepflanzungen erhalten.

Nach Ansicht der CDU von Tempelhof-Schöneberg haben diese Moosbaumwände „die gleiche Filterwirkung auf Feinstaub wie 275 Straßenbäume“. Sie wären damit „eine ideale Ergänzung zum sonstigen Straßengrün, verursachen nur marginale Kosten im Unterhalt und sind leicht zu pflegen“.

Da Tempelhof-Schöneberg „ideale Voraussetzungen für diese innovative Technik hat“, schlägt die CDU dem Bezirk ein (selbstverständlich subventioniertes) Pilotprojekt vor und „erwartet bis Ende des Jahres 2017 vom Bezirksamt Standortvorschläge und eine grobe Kostenschätzung“.

 

Die City-Trees hat „Green City Solutions“ (GCS) entwickelt. Die CDU verkauft das Unternehmen als „Berliner Start-Up Unternehmen“. Das macht was her, ist aber nicht korrekt. GCS wurde im März 2014 in Dresden gegründet. Im April 2015 finanzierte AOK Plus ein City-Tree in Jena, im September 2015 erwirbt Oslo zwei City-Trees, im Juli 2016 wird ein City Tree in Hongkong aufgestellt. Bevor sich GSC im September 2016 auf dem EUREF-Campus Berlin ansiedelte, wurden ganze vier City-Trees losgeschlagen.

 

 

 

Was tut man nicht alles, um dem CDU-Parteifreund und Autolobbyisten Matthias Wissmann drohende Fahrverbote zu ersparen. Da sollen es nun künstlich mit Moos bepflanzte Betonklötze richten. Und das vor dem Hintergrund, dass es dem Bezirk nicht einmal gelingt, die bestehenden Grünanlagen, in denen viele natürliche Bäume stehen, ordentlich zu pflegen. Man kann sich jetzt schon vorstellen, in welchem Zustand sich die Moos-Wände in wenigen Monaten befinden würden.

 

Die City-Trees der CDU sind ein Ablenkungsmanöver. Weil bestehende Grünflächen wie das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Wilmersdorf rücksichtslos zubetoniert werden, sollen nun die künstlichen Mooswände für ein verträgliches Stadtklima sorgen. Absurder geht’s nimmer. Die Antragsteller sollten dringend ihren Verstand einschalten und statt modischer Start-Up-Spinnereien realistische und zielführende Vorschläge machen.

 

Fotos vom bisherigen Siegeszug der City-Trees:

 

 

 

 

 

 

 

 

Scheinheilig

 

Zuerst liefern Auswärtiges Amt und Springer Verlag den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel an Erdoğans Schergen aus, dann jubeln sie, wenn der deutsche Botschafter in der Türkei den inhaftierten Mann nach sechs Monaten erstmals im Gefängnis Silivri besuchen darf, und schließlich zeichnen sie ihn in Abwesenheit nicht mit dem „regulären“, sondern mit einem eigens für ihn geschaffenen „Theodor-Wolff-Sonderpreis“ aus.

 

Die erstmals vergebene Würdigung soll „ein Zeichen für die Pressefreiheit setzen, die in der Türkei mit Füßen getreten wird“. Der „Theodor-Wolff-Preis“ erinnert an den langjährigen Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“, der 1933 vor den Nazis ins französische Exil fliehen musste, am 23. Mai 1943 in Nizza durch die italienischen Besatzer verhaftet, der Gestapo ausgeliefert wurde und am 20. September 1943 in Berlin starb.

 

Hätte es nicht die Aufregung über die „unredlichen“ Kommentare von Deniz Yücel zu Bundespräsident Joachim Gauck oder Thilo Sarrazin gegeben, würden die deutschen Zeitungsleser wohl kaum einen seiner Korrespondentenbeiträge kennen. Wie es sich aber gehört, diktierte er im Gefängnis seinen Anwälten eine Dankesrede an Jury und Kuratorium des Theodor-Wolff-Preises: „Falls es zu Ihren Absichten gehörte, mich mit dieser wertvollen Auszeichnung ein wenig aufzumuntern, dann sei Ihnen versichert: Es ist Ihnen vortrefflich gelungen. Dafür danke ich Ihnen." Mehr bleibt ihm nicht.

 

 

 

 

Springer, Deniz Yücel & Tarabya

12.05.2017

 

DIE WELT meldete am 12. Mai 2017: Der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci hat Kritik im Fall des in der Türkei inhaftierten WELT-Korrespondenten Deniz Yücel geäußert. „Ein Journalist sollte nicht verhaftet sein, sondern sich wenn möglich in Freiheit vor Gericht verantworten“, sagte er in Berlin. Gerichtsverfahren gegen Journalisten sollten bis zum Urteilsspruch prinzipiell ohne deren Verhaftung stattfinden. Und DIE WELT kommt zu dem Schluss: Nun, da Erdogan die Abstimmung gewonnen hat, könnte Ankara im Fall Yücel weichere Töne anschlagen.

Das Auswärtige Amt setzt noch einen drauf: Zum zweiten Mal seit seiner Festnahme erhält der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel am 18. Mai 2017 Besuch vom deutschen Generalkonsul Georg Birgelen. Diese „Erlaubnis“ wird schon mal wie eine Freilassung begrüßt. Im Kern aber geht es darum, dass sich der Generalkonsul „ein Bild von den Haftbedingungen machen“ möchte.

Soweit bekannt, hatte der Journalist im Dezember 2016 über „delikate“ E-Mails des türkischen Energieministers Berat Albayrak und Erdoğan-Schwiegersohns berichtet. Deniz Yücel ist Deutscher, 1973 in Flörsheim am Main geboren und aufgewachsen. Er besitzt die türkische Staatsbürgerschaft sowie einen deutschen und türkischen Pass. Yücel war Korrespondent der WELT – auf welcher Vertragsbasis auch immer, als „Freier“, „Pauschalist“ oder „Arbeitnehmer“. Er arbeitete in der Türkei offenbar ohne Akkreditierung. Das war unverantwortlich – von Deniz Yücel und Springers „Welt“. Wichtig waren für die Zeitung einzig seine kritischen Berichte. Für seine schwierige Lage interessierte sich in Berlin niemand. Verschlimmert wurde die Sache durch das Auswärtige Amt. Die in juristischen Belangen geschulten Diplomaten hätten die türkische Position erkennen müssen: „Einmal Türke, immer Türke“.

Nachdem die Verhaftungswelle gestartet war, suchte Deniz Yücel um Weihnachten 2016 Zuflucht in der „Kulturakademie Tarabya“. Das ging nicht ohne Bitte des Springer Verlags und erst recht nicht ohne Zustimmung des Eigentümers – dem Auswärtigen Amt. Nach diplomatischen Gepflogenheiten ist das Gelände exterritoriales Gebiet. Für Ankara war sein Aufenthalt in Tarabya allerdings „völkerrechtlich unzulässig“, da sich „ein türkischer Staatsbürger dem Zugriff der einheimischen Justiz entziehe“.

Die „Kulturakademie Tarabya“ liegt etwa 17 Kilometer oberhalb von Istanbul am europäischen Ufer des Bosporus. Nachdem das Deutsche Kaiserreich 1877 in Konstantinopel seine erste Botschaft im Osmanischen Reich eröffnet hatte, schenkte Sultan Abdülhamid den Deutschen in Therapia (Tarabya) ein Grundstück für den Sommersitz des Botschafters. 1885 wurde mit dem Bau begonnen, zwei Jahre später war er vollendet. Im Park entstanden Häuser für Botschafter, Botschaftssekretär, Kanzlei und Wohngebäude. 1916 kam ein deutscher Soldatenfriedhof dazu, der einige Episoden der deutsch-türkischen Geschichte beleuchtet: Dardanellenschlacht 1915, Untergang des Kreuzers Breslau 1918. Später kamen Gefallene der beiden Weltkriege aus dem gesamten Nahen Osten dazu.

Nachdem Ankara 1923 Hauptstadt der Republik Türkei wurde und Botschafter Rudolf Nadolny in kürzester Zeit eine Gesandtschaft in Anatolien errichten musste – „une maison montable“, also ein Fertighaus von Christoph & Unmack AG aus Niesky in der Oberlausitz – wurde der Botschaftsbau von Konstantinopel (Istanbul) als Generalkonsulat und Therapia weiterhin als Sommerresidenz genutzt. Diese wurde 2012 vom Auswärtigen Amt zur „Kulturakademie Tarabya“ umfunktioniert, die den deutsch-türkischen Dialog beflügeln sollte.

In Tarabya war Deniz Yücel „gefangen“. Die Türkei konnte abwarten. Bevor er sich am 17. Februar 2017 in das Polizeipräsidium Istanbul begab und in Gewahrsam genommen wurde, waren wohl seine Anwälte, der Springer Verlag und das Auswärtige Amt über die Vorwürfe informiert: Ermittlung wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Terrorpropaganda und Datenmissbrauch. Der Mann wurde „ans Messer geliefert“. Es mag wohl daran gelegen haben, dass die bisherigen Führungskräfte Frank-Walter Steinmeier, Stephan Steinlein und Andreas Görgen seinerzeit mit dem Umzug ins Bundespräsidialamt beschäftigt waren.

Von nun an lieferte das Haus am Werderschen Markt nur noch Statements: „Wir setzen darauf, dass in dem laufenden Ermittlungsverfahren der türkischen Behörden gegen Herrn Yücel rechtsstaatliche Regeln beachtet und eingehalten werden und er fair behandelt wird, gerade mit Blick auf die auch in der Türkei verfassungsrechtlich verankerte Pressefreiheit“. Zu Deutsch: Ein Deutscher wird von den Deutschen im Stich gelassen. Auf der Website des Auswärtigen Amts ist unter „Hilfe für Deutsche im Ausland“ zu lesen: „Ob Urlaub, Geschäftsreise oder längerer Auslandsaufenthalt: Unsere Botschaften und Konsulate sind für Sie eine wichtige Anlaufstelle.“ Wir sollten uns darauf nicht verlassen.

 

Kulturakademie Tarabya. Quelle Auswärtiges Amt
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