Max Herrmann-Neiße am Treppenaufgang seiner Friedenauer Wohnung Stierstraße 14-15. 1924. Sammlung Universitätsbibliothek Münster

Hiobsbotschaft

 

Auf der Website www.stolpersteine.eu wird mitgeteilt, dass „es erst ab September 2018 wieder freie Termine für Verlegungen gibt“, weil „Gunter Demnig und sein Team pro Monat 440 Steine herstellen und verlegen können, Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer jeden Buchstaben mit der Hand in das Messing einschlägt und Gunter Demnig bis auf einige Ausnahmen alle Steine selbst verlegt“.

 

Das ist keine Katastrophe. Mit 58 Stolpersteinen und einer Stolperschwelle hat die „Initiative Stolpersteine Stierstraße“ in den Jahren von 2005 bis 2016 vorgesorgt. Nicht zur Freude aller: Auf knapp 100 Meter Straßenlänge „wurden uns Stolpersteine en masse gratis geliefert, um uns und noch unseren Kindeskindern volkserzieherisch die tägliche Schuldration zu verpassen“. Das Résumé des Anwohners: „Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird bald Witwer sein.“

 

Das Projekt wurde von Petra T. Fritsche vorangetrieben. Die 1951 geborene Initiatorin brachte es von einer Industriekauffrau zur Betriebswirtin und schließlich zur Kommunikationswissenschaftlerin. Theoretisch wurde das mit einer Dissertation untermauert, die ab 2014 unter dem Titel „Stolpersteine - Das Gedächtnis einer Straße“ als Buch vermarktet wurde. Eine Fleißarbeit, zusammengetragen, was aus akademischen Gründen geliefert werden musste, nicht mehr, kein neuer Ansatz, kein Nachdenken über andere Formen des Gedenkens.

 

Lassen wir die vielzitierte Charlotte Knobloch des Jahrgangs 1932 zu Wort kommen: „Damit wird das Andenken von Menschen, die Verfolgung und Entwürdigung erleben mussten, bevor sie auf schreckliche Weise ermordet wurden, nochmals entwürdigt und sprichwörtlich mit Füßen getreten.“ Auch Adriana Altaras, geboren 1960, „kräuseln sich manchmal die Zehennägel hoch. Die Leute meinen es ernsthaft. Aber bei mir entsteht das Gegenteil. Also stelle ich mir vor, man müsste aus diesem Überdruss, aus dieser Mahnmal-Verpflichtung raus und eine Form finden, die – das klingt vielleicht absurd, aber ich glaube, es ist möglich – ein bisschen Spaß macht“.

 

Robert Musil rettete sich 1927 in die Ironie. Er war der Ansicht, dass es der Beruf von Denkmalen ist, ein Gedenken zu erzeugen und den Gefühlen eine fromme Richtung zu geben, aber Denkmäler verscheuchen geradezu das, was sie anziehen sollten. „Man kann nicht sagen, wir bemerkten sie nicht; man müßte sagen, sie entmerken uns, sie entziehen sich unseren Sinnen.“

 

Betrachten wir die Sache rechnerisch. Ein Stolperstein kostet 120 Euro. Im Monat können 440 Stolpersteine hergestellt werden. Damit „könnten“ monatlich 52.000 Euro und übers Jahr 633.600 Euro „eingenommen“ werden. Da die Aktion seit 9 Jahren läuft, „könnten“ 5.702.400 Euro zusammengekommen sein. Auch wenn diese Rechnung etwas hochgreift, bleibt immer noch ein Millionenumsatz – mit dem Schicksal von Millionenopfern.

 

Als dem Unternehmen „Stolpersteine Stierstraße“ nach den Massenverlegungen von 2008 (am 7. Juli 18 Stück) und 2009 (am 21. September 16 Stück) „die Luft ausging“, wurde für den 22. September 2010 die Pressevorbesichtigung „Gunter Demnig und sein Projekt im Rathaus Schöneberg organisiert. Nun also Stolpersteine für ganz Tempelhof-Schöneberg. Immer wieder versuchen diese Aktivisten, Mitmenschen „ihre“ Erinnerungskultur aufzuzwingen und ihnen vorzuschreiben, wie sie wann wessen zu gedenken haben. Erinnerungskultur wird zur Erinnerungsdiktatur für das infame Geschäftsmodell Opfergedenken.

 

Im Haus Stierstraße Nr. 14/15 wohnte von 1917 bis 1926 der Schriftsteller Max Hermann-Neiße. 1933 verließ er sein Heimatland – obgleich er unmittelbar nicht bedroht war. Er war „kein Jude“ und auch „keen Bolschewik“. Liegt es daran, dass dem „wunderbaren Dichter“ in der Stierstraße eine Erinnerung versagt bleibt? 1934 schrieb er im Londoner Exil: „Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen“:

 

Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

die Heimat klang in meiner Melodie,

ihr Leben war in meinem Lied zu lesen,

das mit ihr welkte und mit ihr gedieh.

 

Die Heimat hat mir Treue nicht gehalten,

sie gab sich ganz den bösen Trieben hin,

so kann ich nur ihr Traumbild noch gestalten,

der ich ihr trotzdem treu geblieben bin.

 

In fremder Ferne mal ich ihre Züge

zärtlich gedenkend mir mit Worten nah,

die Abendgiebel und die Schwalbenflüge

und alles Glück, das einst mir dort geschah.

 

Doch hier wird niemand meine Verse lesen,

ist nichts, was meiner Seele Sprache spricht;

ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,

jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.

 

 

 

Dokumentation Stolpersteine Friedenau Stierstraße (Wikipedia)

 

Clara Wanda Rothe, Stierstraße 3 (verlegt am 7. Juni 2005)

Margarete Rothe, Stierstraße 3 (31. Juli 2005)

Julius Schulvater, Stierstraße 3 (31. Juli 2005)

 

Albert Manasse, Stierstraße 14/15 (16. Juli 2007)

Meta Mannheim, Stierstraße 14/15 (16. Juli 2007)

 

Jettka Bleiweiss, Stierstraße 19 (7. Juli 2008

Käthe Ewarth, Stierstraße 19 (7. Juli 2008

Otto Ewarth, Stierstraße 19 (7. Juli 2008

Flora Freyer, Stierstraße 18, 7. Juli 2008

Pauline Freyer, Stierstraße 18, 7. Juli 2008

Iwan Grünberg, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Minna Grünberg, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Elly Herz, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Max Botho Holländer, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Gertrud Löhmer, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Franz Pniower, Stierstraße 16, 7. Juli 2008

Gertrud Pniower, Stierstraße 16, 7. Juli 2008

Herbert Polke, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Erich Salomon, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Margarete Weil, Stierstraße 19, 7. Juli 2008

Martha Bab, Stierstraße 18, 27. Juli 2008

Georg Beerwald, Stierstraße 18, 27. Juli 2008

Rosa Beerwald, Stierstraße 18, 27. Juli 2008

 

Clara Sabbath, Stierstraße 21 (31. Juli 2009)

Richard Adam, Stierstraße 21 (21. Sep. 2009)

Alice Altmann, Stierstraße 21 (21. Sep. 2009)

Herbert Altmann, Stierstraße 21 (21. Sep. 2009)

Bernhard Cohn, Stierstraße 20 (21. Sep. 20099

Minna Cohn, Stierstraße 20, 21. Sep. 2009

Georg Krayn, Stierstraße 21, 21. Sep. 2009

Irmgard Krayn, Stierstraße 21, 21. Sep. 2009

Frieda Lewin, Stierstraße 21, 21. Sep. 2009

Gert Löwenthal, Stierstraße 20, 21. Sep. 2009

Heinz Löwenthal, Stierstraße 20, 21. Sep. 2009

Hertha Löwenthal, Stierstraße 20, 21. Sep. 2009

Leo Löwenthal, Stierstraße 20, 21. Sep. 2009

Stanislaus Graf von Nayhauss-Cormons, Stierstraße 4 21. Sep. 2009

Minna Riesenburger, Stierstraße 21, 21. Sep. 2009

Ruben Riesenburger, Stierstraße 21, 21. Sep. 2009

 

Charlotte Kerz, Stierstraße 4, 19. Aug. 2010

Nathan Kerz, Stierstraße 4, 19. Aug. 2010

Nechuma Kerz, Stierstraße 4, 19. Aug. 2010

 

Johanna Galewski, Stierstraße 20, 21. Okt. 2011

Martha Gottberg, Stierstraße 21, 21. Okt. 2011

Ella Grünfeld, Stierstraße 19, 21. Okt. 2011

Jenny Grünfeld, Stierstraße 19, 21. Okt. 2011

Marianne Haber, Stierstraße 4, 21. Okt. 2011

Sidonie Haber, Stierstraße 4, 21. Okt. 2011

Frieda Herrmann, Stierstraße 21, 21. Okt. 2011

Julius Herrmann, Stierstraße 21, 21. Okt. 2011

Egon Landsberger, Stierstraße 5, 21. Okt. 2011

Bertha Liepmann, Stierstraße 18, 21. Okt. 2011

Paul Löwe, Stierstraße 21, 21. Okt. 2011

Elisabeth Löwenherz, Stierstraße 4, 21. Okt. 2011

 

Stolperschwelle Jüdischer Betraum, Stierstraße 21 (28. März 2013)

 

Elfriede Friedemann, Stierstraße 19, 19. März 2014

Gertrud Polke, Stierstraße 19, 19. März 2014

Susanne von Schüching, Stierstraße 19, 19. März 2014

 

Helene Hella Löwenherz, Stierstraße 4, 15. Nov. 2016

 

 

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