Scheinheilig

 

Zuerst liefern Auswärtiges Amt und Springer Verlag den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel an Erdoğans Schergen aus, dann jubeln sie, wenn der deutsche Botschafter in der Türkei den inhaftierten Mann nach sechs Monaten erstmals im Gefängnis Silivri besuchen darf, und schließlich zeichnen sie ihn in Abwesenheit nicht mit dem „regulären“, sondern mit einem eigens für ihn geschaffenen „Theodor-Wolff-Sonderpreis“ aus.

 

Die erstmals vergebene Würdigung soll „ein Zeichen für die Pressefreiheit setzen, die in der Türkei mit Füßen getreten wird“. Der „Theodor-Wolff-Preis“ erinnert an den langjährigen Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“, der 1933 vor den Nazis ins französische Exil fliehen musste, am 23. Mai 1943 in Nizza durch die italienischen Besatzer verhaftet, der Gestapo ausgeliefert wurde und am 20. September 1943 in Berlin starb.

 

Hätte es nicht die Aufregung über die „unredlichen“ Kommentare von Deniz Yücel zu Bundespräsident Joachim Gauck oder Thilo Sarrazin gegeben, würden die deutschen Zeitungsleser wohl kaum einen seiner Korrespondentenbeiträge kennen. Wie es sich aber gehört, diktierte er im Gefängnis seinen Anwälten eine Dankesrede an Jury und Kuratorium des Theodor-Wolff-Preises: „Falls es zu Ihren Absichten gehörte, mich mit dieser wertvollen Auszeichnung ein wenig aufzumuntern, dann sei Ihnen versichert: Es ist Ihnen vortrefflich gelungen. Dafür danke ich Ihnen." Mehr bleibt ihm nicht.

 

Deshalb: Holt ihn da raus.

 

Kulturakademie Tarabya. Quelle Auswärtiges Amt

 

 

Springer, Deniz Yücel & Tarabya

 

DIE WELT meldete am 12. Mai 2017: Der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci hat Kritik im Fall des in der Türkei inhaftierten WELT-Korrespondenten Deniz Yücel geäußert. „Ein Journalist sollte nicht verhaftet sein, sondern sich wenn möglich in Freiheit vor Gericht verantworten“, sagte er in Berlin. Gerichtsverfahren gegen Journalisten sollten bis zum Urteilsspruch prinzipiell ohne deren Verhaftung stattfinden. Und DIE WELT kommt zu dem Schluss: Nun, da Erdogan die Abstimmung gewonnen hat, könnte Ankara im Fall Yücel weichere Töne anschlagen.

Das Auswärtige Amt setzt noch einen drauf: Zum zweiten Mal seit seiner Festnahme erhält der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel am 18. Mai 2017 Besuch vom deutschen Generalkonsul Georg Birgelen. Diese „Erlaubnis“ wird schon mal wie eine Freilassung begrüßt. Im Kern aber geht es darum, dass sich der Generalkonsul „ein Bild von den Haftbedingungen machen“ möchte.

Soweit bekannt, hatte der Journalist im Dezember 2016 über „delikate“ E-Mails des türkischen Energieministers Berat Albayrak und Erdoğan-Schwiegersohns berichtet. Deniz Yücel ist Deutscher, 1973 in Flörsheim am Main geboren und aufgewachsen. Er besitzt die türkische Staatsbürgerschaft sowie einen deutschen und türkischen Pass. Yücel war Korrespondent der WELT – auf welcher Vertragsbasis auch immer, als „Freier“, „Pauschalist“ oder „Arbeitnehmer“. Er arbeitete in der Türkei offenbar ohne Akkreditierung. Das war unverantwortlich – von Deniz Yücel und Springers „Welt“. Wichtig waren für die Zeitung einzig seine kritischen Berichte. Für seine schwierige Lage interessierte sich in Berlin niemand. Verschlimmert wurde die Sache durch das Auswärtige Amt. Die in juristischen Belangen geschulten Diplomaten hätten die türkische Position erkennen müssen: „Einmal Türke, immer Türke“.

Nachdem die Verhaftungswelle gestartet war, suchte Deniz Yücel um Weihnachten 2016 Zuflucht in der „Kulturakademie Tarabya“. Das ging nicht ohne Bitte des Springer Verlags und erst recht nicht ohne Zustimmung des Eigentümers – dem Auswärtigen Amt. Nach diplomatischen Gepflogenheiten ist das Gelände exterritoriales Gebiet. Für Ankara war sein Aufenthalt in Tarabya allerdings „völkerrechtlich unzulässig“, da sich „ein türkischer Staatsbürger dem Zugriff der einheimischen Justiz entziehe“.

Die „Kulturakademie Tarabya“ liegt etwa 17 Kilometer oberhalb von Istanbul am europäischen Ufer des Bosporus. Nachdem das Deutsche Kaiserreich 1877 in Konstantinopel seine erste Botschaft im Osmanischen Reich eröffnet hatte, schenkte Sultan Abdülhamid den Deutschen in Therapia (Tarabya) ein Grundstück für den Sommersitz des Botschafters. 1885 wurde mit dem Bau begonnen, zwei Jahre später war er vollendet. Im Park entstanden Häuser für Botschafter, Botschaftssekretär, Kanzlei und Wohngebäude. 1916 kam ein deutscher Soldatenfriedhof dazu, der einige Episoden der deutsch-türkischen Geschichte beleuchtet: Dardanellenschlacht 1915, Untergang des Kreuzers Breslau 1918. Später kamen Gefallene der beiden Weltkriege aus dem gesamten Nahen Osten dazu.

Nachdem Ankara 1923 Hauptstadt der Republik Türkei wurde und Botschafter Rudolf Nadolny in kürzester Zeit eine Gesandtschaft in Anatolien errichten musste – „une maison montable“, also ein Fertighaus von Christoph & Unmack AG aus Niesky in der Oberlausitz – wurde der Botschaftsbau von Konstantinopel (Istanbul) als Generalkonsulat und Therapia weiterhin als Sommerresidenz genutzt. Diese wurde 2012 vom Auswärtigen Amt zur „Kulturakademie Tarabya“ umfunktioniert, die den deutsch-türkischen Dialog beflügeln sollte.

In Tarabya war Deniz Yücel „gefangen“. Die Türkei konnte abwarten. Bevor er sich am 17. Februar 2017 in das Polizeipräsidium Istanbul begab und in Gewahrsam genommen wurde, waren wohl seine Anwälte, der Springer Verlag und das Auswärtige Amt über die Vorwürfe informiert: Ermittlung wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Terrorpropaganda und Datenmissbrauch. Der Mann wurde „ans Messer geliefert“. Es mag wohl daran gelegen haben, dass die bisherigen Führungskräfte Frank-Walter Steinmeier, Stephan Steinlein und Andreas Görgen seinerzeit mit dem Umzug ins Bundespräsidialamt beschäftigt waren.

Von nun an lieferte das Haus am Werderschen Markt nur noch Statements: „Wir setzen darauf, dass in dem laufenden Ermittlungsverfahren der türkischen Behörden gegen Herrn Yücel rechtsstaatliche Regeln beachtet und eingehalten werden und er fair behandelt wird, gerade mit Blick auf die auch in der Türkei verfassungsrechtlich verankerte Pressefreiheit“. Zu Deutsch: Ein Deutscher wird von den Deutschen im Stich gelassen. Auf der Website des Auswärtigen Amts ist unter „Hilfe für Deutsche im Ausland“ zu lesen: „Ob Urlaub, Geschäftsreise oder längerer Auslandsaufenthalt: Unsere Botschaften und Konsulate sind für Sie eine wichtige Anlaufstelle.“ Wir sollten uns darauf nicht verlassen.

 

Weiteres in Vorbereitung

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