Käthe-Kollwitz-Museum Berlin. Quelle Museum

Käthe-Kollwitz-Museum oder Museum des Exils?

 

Seit geraumer Zeit fordert Herta Müller ein „Museum des Exils“. Dagegen ist nichts einzuwenden, weil ein ehrendes Andenken an die nach 1933 aus Deutschland vertriebenen Menschen überfällig ist. Wo aber anfangen? Bei Thomas Mann natürlich, Ernst Bloch, Siegfried Kracauer, Egon Erwin Kisch, Ernst Schwitters auch. Wie aber wird mit jenen verfahren, die blieben und sich in die innere Emigration zurückgezogen hatten, Gottfried Benn, Erich Kästner, Ernst Wiechert, Ehm Welk?

 

Ein Konzept gibt es nicht, dafür Unterstützer mit den üblichen Verdächtigen aus dem überkommenen Westberliner Kultursumpf und ein Domizil. Noch am 18. November 2016 ging es auf einer von Herta Müller initiierten Tagung im Literaturhaus Berlin um „Ein Exilmuseum in Deutschland“. Dass ausgerechnet der Initiativkreis um die „Exilantin“ Herta Müller später auf die Idee kam, das „Käthe-Kollwitz-Museum“ aus dem Haus in der Fasanenstraße zu verdrängen, um dort ein „Exil-Museum“ zu installieren, ist eine Geschmacklosigkeit.

 

 

 

 

Es liegt der Gedanke nahe, dass dieser absurde Einfall nur in den Köpfen von Herta Müller und ihrem treu ergebenen Weggenossen Ernest Wichner entstanden sein kann. Wichner, der 2018 als Leiter des Literaturhauses in den Ruhestand geschickt wird, konnte offenbar gute nachbarschaftliche Beziehungen nutzen.

 

Das Haus, um das es geht, ist Teil des sogenannten Wintergartenensembles. Dazu gehören die drei dem Historismus zugeordneten Stadtvillen „Literaturhaus“ Fasanenstraße 23, „Käthe-Kollwitz-Museum“ Fasanenstraße 24 und „Auktionshaus Villa Grisebach“ Fasanenstraße 25.

 

Das Gebäude des „Literaturhauses“ gehört dem Land Berlin und wurde dem „Trägerverein Literaturhaus Berlin e.V.“ zur Nutzung überlassen. Neben Café und Buchhandlung hat dort auch die Oskar-Pastior-Stiftung ihren Sitz, in deren Stiftungsrat neben Herta Müller und Ernest Wichner (Vorsitzender) die Schriftsteller Marcel Beyer und Ulf Stolterfoht, der Literaturwissenschaftler Dierk Rodewald und die Journalistin Christina Weiss wirken.

 

Die Gebäude, in denen später das „Käthe-Kollwitz-Museum“ und das „Auktionshaus Grisebach“ einzogen, hatte einst die Deutsche Bank gekauft, saniert und dann an Hans Pels-Leusden und den von ihm geförderten Bernd Schultz vermietet.

 

Das seit 1986 bestehende „Käthe-Kollwitz-Museum“ ist aus der Privatsammlung des Galeristen Hans Pels-Leusden hervorgegangen. Er sammelte die Werke von Käthe Kollwitz und übereignete Bernd Schultz und der Stiftung seine Kollwitz-Sammlung mit 95 Druckgrafiken, 40 Zeichnungen und 10 Originalplakaten. Außerdem stellte Pels-Leusden dem Gründer der „Stiftung Bernd Schultz in Erinnerung an Hans Pels-Leusden“ sein Vermögen „zum Erhalt des Käthe-Kollwitz-Museums und der Grafische Sammlung Hans Pels-Leusden“ zur Verfügung.

 

Bernd Schultz hat das Gebäude Fasanenstraße 24 vor einigen Jahren von der Deutschen Bank erworben und die Nutzung durch das „Käthe-Kollwitz-Museum“ mit geringen Mietforderungen ermöglicht. Nach einem Bericht des „Tagesspiegel“ vom 9. Mai 2017 „schien sein Bestand auch durch den ursprünglichen Mietvertrag mit der Deutschen Bank gesichert, der eine Laufzeit von 15 Jahren mit nachfolgender dreimaliger Verlängerung über fünf Jahre vorsah“. Das war wohl gutgläubig.

 

Die dritte Villa in der Fasanenstraße 25, mit Unterstützung der Deutschen Bank 1980 restauriert, gehört seit 2013 dem „Auktionshaus Villa Grisebach“. Seit der Gründung durch die Kunsthändler Bernd Schultz, Hans Pels-Leusden, Wilfried Utermann, Raimund Thomas und Michael Neumann im Jahre 1986 hat sich das Unternehmen zu einem bedeutenden Auktionshaus entwickelt. Geschäftsführender Gesellschafter ist u.a. Bernd Schultz. Er hat mit seiner Ehefrau Mary Ellen von Schacky-Schultz inzwischen den „Bernd Schultz und Mary-Ellen von Schacky-Schultz Fonds“ ins Leben gerufen.

 

Da sich Müller und erst recht Wichner den unaufhaltsamen Abschied von der Fasanenstraße so gar nicht vorstellen können, wohl auch ein neues Domizil für ihre „Oskar-Pastior-Stiftung“ suchen müssen, käme eine Vertreibung von Käthe Kollwitz und die Installation eines Exil-Museums gerade recht.

 

Haben Müller und Wichner schon einmal darüber nachgedacht, was es bedeuten würde, „die Kunst der Pazifistin Käthe Kollwitz zu vertreiben, um Platz für Künstler aus dem Exil zu schaffen?

 

Selbstbildnis Käthe Kollwitz. Quelle Kollwitz-Museum Berlin

Herta Müller zum Ersten

 

Nachdem die im rumänischen Banat geborene Germanistin Herta Müller die Bundesrepublik mehrmals „privat“ besuchen konnte, fand sie Gefallen an Deutschland. 1987 bewilligte die neostalinistische Regierung Rumäniens sogar ihre „Ausreise“. Diesen Begriff fand sie unangemessen. „Ausreise“ – von wegen. Herta Müller reiste nicht aus. Sie ging „ins Exil“. Das klang dramatischer und machte mehr her. „Im Exil“ musste sie alsbald registrieren, dass ihre schriftstellerischen Kreationen bei Suhrkamp, Kiepenheuer, Fischer (und damals auch nicht bei Hanser) auf keine Gegenliebe stießen. Sie musste sich mit der zweiten Verlagsgarde zufrieden geben. Da ihre Schreiberei auch über diese Verlage wenig Resonanz hervorrief, weil ihre Bücher so sind wie sie sind, ein bisschen poetisch-literarisch und mehr journalistisch-politisch, verlegte sie sich auf Aktionen und Statements, was ihr den Titel „Brandrednerin“ einbrachte.

 

Als sie 2009 den Nobelpreis für Literatur erhielt, waren die Kommentare von Kollegen und Kritikern ziemlich eindeutig.

 

 

 

„Oh, das ist schön für Herta Müller. Das ist eine sehr gute Schriftstellerin. Ich hatte mir was anderes vorgestellt, zum Beispiel der israelische Schriftsteller Amos Oz. Aber die Jury hat so entschieden, und die werden Gründe gehabt haben.“ Begeistert klang Nobelpreiskollege Günter Grass nicht.

 

Auch Marcel Reich-Ranicki äußerte sich enttäuscht: „Ich will nicht über die Herta Müller reden.“ Hier sei viel Politik im Spiel. Er hatte wohl recht.

 

Höhepunkt war dann 2012 ihre Kritik an Günter Grass und seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“. Sie forderte von ihm Zurückhaltung, weil „er ja nicht ganz neutral ist. Wenn man mal (im Alter von 17 Jahren für sieben Monate) in der SS-Uniform gekämpft hat, ist man nicht mehr in der Lage, neutral zu urteilen“. Kaum hatte Frank Schirrmacher in der FAZ das Grass’sche Gedicht als ein aus „Leitartikel und Gedicht zusammengeschraubtes“ Werk charakterisiert, setzte sich Herta Müller auf diesen Zug: „Wenn er ehrlicher wäre, hätte er einen Artikel geschrieben. Will er, dass es Literatur ist und damit interpretierbar? Dort steht kein einziger literarischer Satz drin, also ist es ein Artikel.“

 

Was ist dann Herta Müllers „Atemschaukel“? Auf jeden Fall ein gelungener Schachzug. Das als „Roman“ bezeichnete Buch ist am 17. August 2009 im Carl Hanser Verlag erschienen. Bis zur Verkündung des Literaturnobelpreises am 8. Oktober 2009 blieben dem Nobelkomitee genau 50 Sommertage, um sich mit den Werken der fünf in der engeren Wahl verbliebenen Kandidaten vertraut zu machen. Das wäre an sich schon eine gewaltige Leistung. Kaum vorstellbar ist, dass die seit September 2008 weltweit um Kandidatenvorschläge gebetenen Personen und Institutionen einbezogen werden konnten. Wahrscheinlich hätten dann selbst die Hühner gelacht, wenn sie von einer Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gehört hätten. Deshalb noch einmal Marcel Reich-Ranicki: Hier sei viel Politik im Spiel.

 

Im Mittelpunkt von „Atemschaukel“ steht das Schicksal des Lyrikers Oskar Pastior, dem Freund und inoffiziellen Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes „Securitate“ – Deckname „Otto Stein“. Mit ihm hatte Herta Müller „Atemschaukel“ doch mehr als nur „entwickelt“. Ursprünglich wollten beide gemeinsam über seine Deportation in ein sowjetisches Arbeitslager schreiben. 2006 starb Pastior. Nach einer pietätvollen Zeit erinnerte sie sich an die Gespräche mit ihm und schrieb alleine weiter. Vorsichtshalber gestand sie: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“ Was also ist von Pastior und was ist von Müller? Die Frage bleibt unbeantwortet.

 

Ihre in Rumänien verbliebenen Kollegen Grigore Cartianu und Cristian Tudor Popescu brachten es auf den Punkt: „Wäre sie in Rumänien geblieben, hätte sie es wahrscheinlich nicht über das Niveau einer x-beliebigen Schriftstellerin geschafft.“ Sie spricht „ständig über die Diktatur, nicht über Literatur. Als ob sie Nelson Mandela war. Vielleicht hätte der Friedensnobelpreis besser zu ihr gepasst.“

 

Mit einem nennenswerten Werk ist Herta Müller danach nicht mehr in Erscheinung getreten. Gegenwärtig „setzt sie aus Zeitungsausschnitten und Bildern Texte zusammen“, die laut Verlagswerbung „zu einer ebenso verspielten wie künstlerisch konsequenten Collage“ werden. Nun hat sie sich neue Betätigungsfelder gesucht.

 

Selbstbildnis Käthe Kollwitz. Quelle Museum

Herta Müller zum Zweiten

 

Die Anerkennung als Ehrengrabstätte erfolgt durch Senatsbeschluss frühestens fünf Jahre nach dem Tod für einen Zeitraum von zunächst 20 Jahren. Wer auch immer ein Ehrengrab für den am 4. Oktober 2006 verstorbenen Schriftsteller Oskar Pastior auf dem Friedhof Stubenrauchstraße durchsetzte, muss sich fragen lassen, warum erst nach zehn Jahre nach seinem Tod mit dem Senatsbeschluss vom12. Juli 2016? Der Berliner Senat muss sich fragen lassen, ob ihm bekannt war, dass Pastior seine Spitzeltätigkeit nie öffentlich gemacht hatte, selbst gegenüber nicht gegenüber seiner Freundin Herta Müller. Bis heute sind diese Akten ein Staatsgeheimnis und in Rumänien unter Verschluss. So kommt es, dass Pastior bis heute nicht vollends bewertet werden kann.

 

Pastior wurde im Jahr 2006 in der Urnen-Wahl-Grabstätte Abt. 34/1 beigesetzt. Auf der nachfolgenden Grabstelle Abt. 34/2 befand sich bisher das Urnengrab von Elisabeth Schwartzkopff (1882-1966) und im weiteren Verlauf befinden sich dort gegenwärtig noch die Urnengräber von Lotte Gehlhaar Abt. 34/3 und Elfriede Krebs Abt. 34/4.

 

 

 

 

 

Laut Friedhofverordnung ist die Größe jener Gräber „mit 1,00 m x 1,00 m festgelegt“. Nach dem Senatsbeschluss für das Pastior-Ehrengrab ist die bisherige Grabstelle Abt. 34/2 verschwunden. Das Grab von Pastior wurde „vergrößert“, auf Ehrengrab „getrimmt“ und nimmt jetzt die Grabstellen Abt. 34/1 und Abt. 34/2 ein. Beide Urnen-Wahl-Grabstätten sind nach dem Friedhofsgesetz erst einmal für 20 Jahre erworben und danach „auf Antrag um 5, 10, 15 oder 20 Jahre verlängerbar“.

 

Es kann also getrost davon ausgegangen werden, dass sich Herta Müller auf dem Friedhof Stubenrauchstraße schon mal einen Platz gesichert hat. Und welcher Berliner Senat würde der Nobelpreisträgerin dann eine Ehrengrabstätte verweigern?

 

Bedauerlich ist allerdings, dass sich die Senatskanzlei bis heute weigert, die Begründung für das aus Steuermitteln finanzierte Ehrengrab von Oskar Pastior zu veröffentlichen: „Die Anerkennung einer Ehrengrabstätte des Landes Berlin unterliegt dem Grundsatz der Vertraulichkeit. Schriftwechsel, der im Anerkennungsverfahren geführt wird, kann daher nicht der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.“

 

Die Entscheidung, den Autor und IM-Spitzel Oskar Pastior mit einem Ehrengrab zu bedenken, ist mehr als fragwürdig. Pastior, dessen dichterisches Werk nicht infrage gestellt wird, hat allerdings weder „zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht“ noch sich durch sein „überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht“. Der Berliner Senat hat die ganz offensichtlich strategisch kalkulierte Aktion nicht erkannt.

 

Spielen nicht doch kommerzielle Gesichtspunkte eine wesentliche Rolle? Kommt gar der Oskar Pastior-Preis in Verruf, der alle zwei Jahre mit einer Preissumme von 40.000 Euro dotiert ist und ohne Zustimmung von Herta Müller und Ernest Wichner wohl kaum vergeben werden kann?

 

Am 17. August 2009 lieferte der Carl Hanser Verlag Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ aus. Vier Monate später erhielt Herta Müller für eben diesen Roman am 10. Dezember 2009 den Literaturnobelpreis. Am 17. September 2010 machte der Historiker Stefan Sienerth bekannt, dass sich Oskar Pastior am 8. Juni 1961 schriftlich verpflichtet hatte, als „IM Stein Otto“ für den Geheimdienst Securitate tätig zu werden.

 

Die Werke von Oskar Pastior erscheinen im Hanser Verlag, herausgegeben von Ernest Wichner, dem Leiter des Literaturhauses Berlin und Vorsitzenden der Oskar Pastior-Stiftung. Alle Bücher von Herta Müller erscheinen seit dem Nobelpreis 2009 im Hanser Verlag unter dem Begriff „Neuausgabe“.

 

Die bekannte Moralapostelin Herta Müller beließ es nach der IM-Enthüllung bisher bei Begriffen wie „enttäuscht“, „bestürzt“, „entsetzt“, „verbittert“, auch „Erschrecken“, „Wut“, „Anteilnahme“, „Trauer“, und „es sei natürlich schrecklich, wenn man von jemandem, den man zu kennen glaubte, etwas Dunkles, kaum Fassbares erfahre, etwas, was einem nie anvertraut wurde. Dann aber habe sie sich darauf besonnen, wie verletzbar, erpressbar Pastior gewesen sei: ein Homosexueller in einem Staat, der Homosexualität mit mehreren Jahren Haft ahndete. Ich muss mich von Oskar Pastior nicht distanzieren. Und ich habe einen Menschen so lieb, wie ich ihn vorher hatte“. Ist das nicht auch der Versuch, die Aufarbeitung der rumäniendeutschen Spitzel-Vergangenheit kleinzureden?

 

 

Die Reaktionen in den Medien

 

Kollwitz-Museum soll bleiben, wo es ist. Berliner Zeitung,12.04.2017

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Affront gegen Käthe-Kollwitz-Museum. Zitty, 3.7.2017

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Partyschreck. Tagesspiegel, 22.6.2017

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Spannung im Kollwitz-Museum. Tagesspiegel, 22.6.2017

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Weiteres in Vorbereitung

 

 

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