1 Neue Hertha-Arena. Quelle Hertha BSC, 2018

Noch einmal: Nein zur Hertha-Arena

 

Im April 2005 wurde das Olympiastadion Berlin – mit der (herthablauen) Leichtathletikbahn durch die UEFA als „Fünf-Sterne-Arena“ bewertet. Zehn Jahre später, nachdem das DFB-Pokalendspiel (30. Mai 2015) und das UEFA Champions League Finale (6. Juni 2015) über die Bühne gegangen waren, erhielt das Olympiastadion Berlin – immer noch mit der (herthablauen) Leichtathletikbahn – von der UEFA die zusätzliche Kategorisierung „Elite Stadion“.

 

Wenn FCB, BVB und Schalke 04 in Berlin antreten müssen, dann ist das Olympiastadion mit 74.475 Plätzen stets ausverkauft, dann ist auch höchste Stimmung in der weitläufigen Bude. Ganz zu schweigen vom DFB-Pokalendspiel. Wenn allerdings Hertha BSC gegen weniger große Namen spielen muss, dann ist nicht einmal die Hälfte gefüllt. Ein „kritischer Begleiter aus Jüterbog“ brachte es am 17. April 2018 auf den Punkt: „Ich war nach langer Zeit mal wieder gegen Freiburg im Oly! 36.000 Zuschauer, davon 4.000 aus Freiburg, abzüglich geschätzte 4000 Herthies aus Brandenburg, das macht 28.000 Berliner an einem Samstag bei erträglichen Temperaturen. Und sowas nennt sich „Hauptstadtklub“.

 

Hertha BSC hatte in der Saison 2017/18 mit nur 60 Prozent Stadionauslastung den schlechtesten Wert in der Bundesliga. Statt 49.500 Zuschauer kamen im Schnitt nur 45.200 Anhänger.

 

Das war bis 1989 nicht anders, als die Inselstadt nur mit 1,85 Millionen Einwohnern aufwarten konnte. Mehr ist auch seit der Wiedervereinigung nicht drin, obwohl Berlin und Brandenburg inzwischen mit einem Potential von 6 Millionen Menschen aufwarten können – und im Umkreis von 200 Kilometern kein Bundesligafußball zu erleben ist.

 

Da können die Lautsprecher noch so laut das ovale Rund mit Frank Zander beschallen, „Nur nach Hause, nur nach Hause, nur nach Hause geh'n wir nicht“, der Text bleibt bieder und die von Rod Stewarts „Sailing“ abgekupferte Melodie stammt eben aus dem Jahre 1975.

 

Hertha BSC spielt keinen attraktiven Fußball, hat keine Spielerpersönlichkeiten und ist kein Sympathieträger. Wer nach dem Ausstieg des Sponsors „Deutsche Bahn“ auf den Sportwettenanbieter „bet-at-home“ zurückgreifen muss, hat ein Marketingproblem. Die Mannschaft ist nicht besser als Platz elf der Tabelle: Sechs Siege, acht Unentschieden, sechs Niederlagen. Das ist Mittelmaß. Bei der Auslastung liegt Hertha BSC (wie immer) auf dem letzten Rang.

 

Hertha BSC ist es nicht gelungen, dem Verein in Berlin und im Bundesgebiet ein positives Image zu verpassen. Die vielbeschworene „Fanszene“ steht dem nicht nach. Wer anderen Vereinen mit Abneigung begegnet, sie sogar zu „Feindbildern“ erklärt, darf sich nicht wundern, wenn Hertha BSC fast schon verzweifelt nach neuen Mitgliedern suchen. Wer will da schon mittun?

 

Kaum hatte die „alte Dame“ in der Saison 2016/17 einige Heimspiele gewonnen, ging Hertha BSC am 30. März 2017 mit der Idee „reines Fußballstadion“ für ca. 55.000 Zuschauer in die Offensive – auf dem Berliner Olympiagelände oder (Erpressung!) – im „Brandenburg Park Ludwigsfelde“. Beides „zu 100 Prozent privat finanziert oder ohne das „ein denkmalgeschütztes Gebäude auf dem Olympiagelände betroffen wäre“.

 

Die Argumente sind verlogen: Erstens wird die öffentliche Hand für die rein kommerziellen Interessen doch irgendwie zur Kasse gebeten werden und zweitens geht es nicht nur um „Gebäude“, sondern um das zum Denkmal erklärte ehemalige Reichssportfeld. Das gilt es zu erhalten. Die Arroganz, mit der Hertha BSC als Mieter des Olympiastadions seinerzeit die blaue Tartanbahn gegen den Denkmalschutz durchgesetzt hat, darf sich nicht wiederholen.

 

Nach den heftigen Protesten gegen einen Eingriff in das Olympiagelände haben Hertha BSC und das Architekturbüro „Albert Speer + Partner“ ihre Pläne noch einmal überdacht und dem Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses vorgestellt. Nun wird der Flächenbedarf der Arena mit 53.400 Quadratmetern veranschlagt. Der neue Entwurf sieht vor, dass die Arena 80 Meter vom ursprünglich geplanten Standort entfernt ist – und der Denkmalschutz „ausgehebelt“ werden kann. 70 Prozent des Stadion-Areals würden außerhalb des Olympiaparks liegen. Vorgesehen ist, die Arena zur Hälfte im Boden zu versenken. Wer in der ersten Reihe der neuen Haupttribüne sitzt, ist lediglich acht Meter vom Platz entfernt. Im Olympiastadion sind es 22 Meter.

 

Östlich des Olympischen Platzes ist ein Parkhaus mit zwei Etagen geplant. Auf vier großen neu geschaffenen Parkplatz-Bereichen sollen auch 1100 Stellplätze für Fahrräder und 280 Parkplätze für Menschen mit Behinderung entstehen. Am Schenckendorffplatz sollen die Gästefans Zugang erhalten. Die Hertha-Fans sollen auch im neuen Stadion ihre Ostkurve behalten. Dort sind 10.000 Stehplätze vorgesehen. Im Olympiastadion beträgt der Abstand zwischen Tribüne und Rasen 40 Meter, in der neuen Arena nur zehn Meter.

 

„Steil, nah, laut“ soll die neue blau-weiße Blechdose sein. Das mag ja sein, was aber das Architekturbüro „Albert Speer + Partner“ an Entwürfen präsentiert, geht nicht über die einfallslose Architektur der Wirsol Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim oder der Continental Arena in Regensburg hinaus.

 

Baut Hertha BSC sein „reines Fußballstadion“ mit ca. 55.000 Plätzen, dann bleiben in der Regel immerhin noch 10.000 bis 20.000 Plätze leer, und wenn dann dort FCB, BFB oder Schalke 04 antreten, dann bleiben ab 2025 rund 20.000 Zuschauer außen vor.

 

Klaus Teichert, Chef der Stadion GmbH des Vereins, verfolgt „die Pläne für den Neubau eines Fußballstadions mit Nachdruck“. Aber, schon wieder die Erpressung, auch ein Neubau im brandenburgischen Ludwigsfelde sei „noch nicht endgültig aus dem Rennen“. Man müsse langfristig denken. „Es geht schließlich um ein Stadion, das 50 bis 60 Jahre halten soll, dann wird es hoffentlich keine Rolle mehr spielen, dass die Stadtgrenze einst zwischen West und Ost verlief.“

 

Aber natürlich will Hertha lieber auf dem Olympiagelände bauen. Zum Denkmalschutz, der den gesamten Olympiapark umfasst, hat Herthas Stadionmanager Teichert laut BZ nur eine „ganz persönliche“ Meinung. Man solle doch genau überlegen, was am ehemaligen Reichssportfeld rund um das Olympiastadion tatsächlich schützenswert sei. Mit Denkmalschutz hat Hertha BSC nichts am Hut. „Wir brauchen eine volle Hütte und wollen mit einem neuen Stadion für knapp 50 000 Zuschauer Geld verdienen.“

 

Sportsenator Geisel (SPD) sieht das Ergebnis der Verhandlungen mit Hertha „vielleicht in den nächsten Wochen oder Monaten“. Für den Senat gebe es auch noch eine dritte Möglichkeit, verriet der Senator im Ausschuss. Es könnte ja „auch alles so bleiben wie es ist“. Das aber ist für den Verein offenbar keine Option.

 

Für Stephan Standfuß (CDU) ist „das Konzept des Neubaus“ überzeugend. Die AfD favorisiert einen Umbau des Olympiastadions. Linke, Grüne und FDP sehen beide Varianten bisher skeptisch. Und auf Facebook meint Klaus am 18. April 2018: „Dann soll Hertha sich doch einfach irgendwo ein Grundstück kaufen und den Senat in Ruhe lassen mit der Forderung nach einem Filetstück. Vermutlich ist kein Geld für ein Grundstück da.“

 

 

 

 

Kommentare aus dem Internet

 

Also, ich halte die Vorstellung der Pläne und die mögliche Bekanntgabe des Standortes für eine kleine Erpressung. Nach der letzten Niederlage sollte man erst einmal versuchen, konstanter zu spielen ehe man über ein neues Stadion nachdenkt. Ich glaube ja, dass das Stadion privat finanziert werden kann, aber was passiert danach. Ich als Steuerzahler möchte nicht für die Kosten aufkommen. Wenn das Olympiastadion angeblich keine Atmosphäre hat, so liegt es auch an Fußballern selbst.

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Der Tenor der Kommentare hier lässt darauf schließen, dass die Berliner nicht schon wieder Geld und Ressourcen an die graue Maus Hertha verschwenden wollen.

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Und ich verstehe nicht die Angst davor, das Stadion in Brandenburg zu errichten. Die Anbindung durch Autobahn und Bundesstraße machen es viel leichter. Zudem gibt es viele andere Klubs, deren Stadion außerhalb der Stadtgrenzen liegt ...ich sage nur FCB

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Das Hertha das Stadion nicht vollkriegt, liegt nicht am Stadion.

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Berlin hat schon genug Geld für die olle Hertha raus geworfen. Also ab nach Ludwigsfelde mit dem Brandenburger Sport Club.

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Das Stadion mit 55.000 Plätzen ist auch überdimensioniert. Die Zuschauerzahlen: Darmstadt 31.912, Ingolstadt 33.425, Mainz 37.852, Freiburg (1. Spieltag) 41.648, Schalke 49.251, Frankfurt 43.323. Aus diesen Zahlen müssten noch die Gästekarten abgezogen werden.

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Wie steht es um das Olympiastadion in München nach dem Bau der „Arena“? In München hatte man es mit den gleichen Begehrlichkeiten der Fußballunternehmen zu tun. Ist das jetzt zum Geldgrab geworden?

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Finanzspekulatives Gebaren scheint höherrangiger als die Nutzung vorhandener Anlagen. Die Folge bei einem neuen Stadion, gleich wo, würde sein, dass letztlich wieder öffentliche Gelder für einseitige Aktivitäten ausgegeben werden müssten.

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Privat finanzieren... ich lach mich kaputt! Seit wann geht sowas denn in Berlin? Hertha hatte mal ein eigenes Stadion, bevor sie es verkaufen mussten, weil die Hertha wieder mal pleite war. Und jetzt ein neues Stadion für geschätzte 150 Millionen. Schuster bleib bei Deinen Leisten und versuche erstmal das Olympiastadion einigermaßen voll zu kriegen und international zu spielen. Ne Kokeltruppe bleibt ne Kokeltruppe, da ändert auch ein neues Stadion nichts dran.

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Es gibt keinerlei Grund in Berlin den Neubau eines Stadion zuzulassen. Wenn Hertha eine bessere Stadionauslastung benötigt, geht dies ausschließlich durch jahrelange konstante Leistung auf hohem Niveau, wie z.B. München, Dortmund, Schalke es vormachen.

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Enorme Kostenfalle. Genau das ist der Punkt. Das muß vor der Genehmigung geklärt werden bevor der Steuerzahler wieder zur Kasse gebeten wird, wenn das Olympiastadion keinen Betreiber hat, der für die Kosten aufkommt.

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Sind denn der Senat und ein oft mittelklassiger Fußballverein die Einzigen, die in dieser Stadt und in Deutschland etwas zum Erhalt oder zur „Zerstörung“ des Olympiastadions zu sagen haben? Wer gibt uns denn die Garantie, dass dieses, dann „Fußballstadion“ immer von einem Verein der 1. Bundesliga genutzt wird? Wie oft war Hertha zweitklassig? Warum nutzt Hertha für seine zweifelhaften Pläne nicht das Poststadion oder das Stadion am Lochowdamm? Wie kommt es, dass der Unterring nicht dem Denkmalschutz unterliegt? Stellt nicht auch die Verblendung des Oberrings mit LED-Werbung einen Missbrauch im Sinne des Denkmalschutzes dar? Hinzu kommt, dass sich Berlin mit der Zerstörung der olympischen Laufbahn (Denkmalschutz?) der Möglichkeit beraubt, sich jemals wieder um EM oder WM in der Leichtathletik zu bewerben. Außerdem und das ist der entscheidende Punkt, verabschiedet sich mit der Zerstörung des Berliner Olympiastadions ganz Deutschland von Olympia. Will dieser Senat wirklich eine solche Entscheidung fallen? Das alles hat der Senat vor seinen Gesprächen mit einem finanziell nicht gerade abgesicherten Fußballverein bedacht? Oder handelt es sich um eine rein politische Entscheidung, um die Stellung des Senats zu festigen?

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Das Olympiastadion als Multifunktionsbau ist doch extra für viel Geld saniert und als Austragungsort für Fußball, Leichtathletik und Konzerte umgebaut worden. Es ist schon jetzt eine einzigartige spektakuläre Spielstätte mit einem emotionalen Spielerlebnis. Wenn man das nicht immer spürt, liegt das vielleicht auch an der Mannschaft, die dort spielt. Vielleicht würde das emotionale Spielerlebnis Hertha BSC in einer schönen eignen neuen Fußball-Arena in Brandenburg besser gelingen, - so wie damals in Gesundbrunnen. Mein Vorschlag: Der Senat sollte das Geld statt in den Profifußball doch besser in die sanierungsbedürftigen Turnhallen und Sportstätten stecken, das würde sicher auch bei den kleineren Vereinen zu einem emotionalen Spielerlebnis führen.

 

Das Olympiagelände von 1936

 

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