Bei der Lektüre des „Tagesspiegel“ vom 7. September 2017 fragen wir uns, ob diese Zeitung überhaupt noch ein Ohr für ihre Leser hat. Was der Redakteur Ralph Schönball da auf den Seiten 1 und 11 über „Wohnungsnot“ und „Wohnungskrise“ von sich gibt, könnte auch von einem Bauunternehmer oder Immobilienspekulanten geschrieben sein. Ganz schlimm wird es aber, wenn Schönball den ehemaligen Wirtschaftssenator und Staatssekretär für Stadtentwicklung Wolfgang Branoner (CDU) zitiert. Kommentarlos darf der umtriebige Politiker und Geschäftsführender Gesellschafter der „Beratungsfirma SNPC“ nun eine „Verdichtung der Stadt bis zur Grenze des gesetzlich Zulässigen“ fordern.

 

Fakt ist doch, und da braucht es nicht die x-te Studie zum Wohnungsbedarf, dass das verfügbare Bauland für Wohnraum innerhalb der Stadtgrenzen schon heute nicht ausreicht. Dennoch fordert Branche und Politik eine konsequente Verdichtung der Stadt. „In Baulücken, auf den Dächern und durch die Ergänzung bestehender Quartiere müssten Wohneinheiten neu entstehen.“

 

Bausenatorin Katrin Lompscher (DIE LINKE) setzt da vor allem auf kommunale Unternehmen: „Die sechs städtischen Wohnungsbaugesellschaften sollen bis 2021 mit rund 30.000 Wohnungen knapp ein Drittel des Neubaus in Berlin stemmen.“ Ja weiß sie denn nicht, dass sich keine dieser städtischen Wohnungsbaugesellschaften am Bauprojekt „Güterbahnhof Wilmersdorf“ beteiligt, und dass sich der Bauherr BÖAG daher zur Finanzierung die HELABA (Hessische Landesbank) ins Boot geholt hat. Zu erwarten ist also, dass anstelle von preiswerten Mietwohnungen mit dieser Kapitalanlagegesellschaft teure Eigentumswohnungen entstehen. Sie rechnen sich für Projektentwickler ohnehin besser, aber von „normalen Menschen“, geschweige denn von Flüchtlingen und Asylbewerbern, können sie gar nicht bezahlt werden.

 

Da der Widerstand gegen diese Art Stadtentwicklung bei den Berlinern wächst, und die Leute wissen, dass neben Wohnraum auch noch Flächen für Kitas, Schulen und Infrastruktur erforderlich sind, setzt Bausenatorin Lompscher nun auf Veranstaltungen und Agitation, „um die Beteiligung der Bürger an Bauplanungen zu verbessern und diese zu beschleunigen“.

 

Wie Bürgerbeteiligung aussieht, haben die Friedenauer durch Bezirksstadträtin Sibyll Klotz (GRÜNE) beim Projekt „Güterbahnhof Wilmersdorf“ erlebt, und das erleben derzeit die Anwohner der Wielandstraße mit einer (geplanten) Verdichtung mitten im Blockinnern durch den Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (GRÜNE).

 

Bedauerlicherweise geht der Tagesspiegel-Redakteur Ralph Schönball auf eine Bemerkung von Maren Kern vom „Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen“ (BBU) gar nicht ein. Sie konstatiert einen „echten Flächenproblem beim Bauland“ in Berlin und fordert „Wachstum über die Stadtgrenzen hinaus“. Das aber fordern unabhängige Städteplaner schon seit Jahren.

 

Beispiel Stahnsdorf: Die Gemeinde mit ihren Ortsteilen Stahnsdorf Güterfelde, Schenkenhorst und Sputendorf umfasst eine Fläche von 49,47 Quadratkilometern und hat aktuell 15.427 Einwohner – was wiederum eine Bevölkerungsdichte von 306 Einwohner je Quadratkilometer ausmacht. Friedenau hat eine Fläche von 1,68 Quadratkilometern, 28.145 Einwohner je Quadratkilometer und eine Bevölkerungsdichte von 16.753 Einwohner je Quadratkilometer.

 

Unmittelbar an der Grenze zur Gemeinde Stahnsdorf wurde 2005 der S-Bahnhof Teltow-Stadt eröffnet. Von dort bis zum S-Bahnhof Friedrichstraße dauert die Fahrt 28 Minuten. Seit den 1930er Jahren ist eine Verlängerung der Strecke nach Stahnsdorf im Gespräch. Die dafür vorgesehene vier Kilometer lange Trasse ist seitdem freigehalten worden und wäre in weniger als dreieinhalb Minuten bei 80 Stundenkilometern zu bewältigen. Somit wäre ein 10- oder 20-Minuten-S-Bahn-Takt realisierbar. Flächen für Bushaltestellen und Park-&-Ride-Flächen sind im Stahnsdorfer Flächennutzungsplan verankert.

 

Der Berliner Weltstadtwahn mit derzeit jährlich rund 60.000 Zuzügen ist nicht die Zukunft.

 

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