Als Stadtentwickler Johann Anton Wilhelm Carstenn 1874 den Bebauungsplan für Friedenau veröffentlichte, hieß der Weg nach Wilmersdorf Schmargendorfer Straße, weil die nächstgelegene Siedlung Schmargendorf war. Nachdem Preußen 1868 Kurhessen und Nassau annektiert hatte und Kaiser Wilhelm II. dann Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel zu seiner regelmäßigen Sommerresidenz machte, sorgten die Friedenauer Gemeindevertreter 1890 eilfertig für die Umbenennung in Kasseler Straße. Als der kaiserliche Hofstaat die Thermalquellen von Wiesbaden für Badekuren wieder entdeckte und Wilhelm II. das Nizza des Nordens mit Kurhaus, Spielbank und Staatstheater geschaffen hatte, die Sektkellerei Henkell & Co. für die Empfäge sogar Henkell Trocken spendierte, machte Friedenau 1902 aus der Kasseler Straße die Wiesbadener Straße – just in jenen Tagen, an denen der Reichstag die Schaumweinsteuer zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte beschloss. Nach dem Wegfall des Zwecks blieb die Schaumweinsteuer trotzdem erhalten und bringt dem Bund heute jährlich 400 Mio. Euro.

1909 musste die Wiesbadener Straße neue Hausnummern erhalten, da sich Friedenau und Wilmersdorf geeinigt hatten, das bisher noch Kasseler Straße genannte Teilstück zwischen Laubacher Straße und Mecklenburger Straße auch Wiesbadener Straße zu nennen. Seither gehören Nr. 1-15 und Nr. 78-89 zu Friedenau und Nr. 16-77 zu Wilmersdorf.

In den 1950er Jahren sah das Bezirksamt Schöneberg die Notwendigkeit, für den Autoverkehr eine Verbreiterung der Friedenauer Wiesbadener Straße zwischen Friedrich-Wilhelm-Platz und Laubacher Straße ganz demokratisch durchzusetzen. Der Bebauungsplan erhielt die Zustimmung der BVV, wurde danach öffentlich ausgelegt und am 14. Oktober 1959 festgesetzt. Die Vorgärten verschwanden und das frühere Rondell des Schillerplatzes wurde halbiert. Die Probleme an der Kreuzung Wiesbadener Straße, Laubacher Straße und Südwestkorso blieben.

 

Friedrich Rathgen im Chemischen Labor der Königlichen Museen Berlin

Wiesbadener Straße Nr. 2

Friedrich Rathgen (1862-1942)

 

Vier Tage vor Heiligabend 2022 übergaben Annalena Baerbock und Claudia Roth in Nigerias Hauptstadt Abuja 20 Benin-Bronzen aus den Museen Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart und Köln – 9724 Flugkilometer, 6 Stunden hin, 6 Stunden zurück, eine Reise, mit der vergessen gemacht werden sollte, dass Deutschland noch 2019 verkündet hatte, 200 Objekte dieser Beutekunst im Humboldt Forum auszustellen. Ein schamloser Trip mit erheblichen Kosten, die sinnvoller für den Bau des Museums in Nigeria ausgegeben worden wären, von dem es bisher nur Baugruben gibt.

 

 

 

Es dauerte lange, bis die Online-Präsentation der Sammlungsbestände der Benin-Bronzen im Ethnologischen Museum Berlin mit Informationen zu Provenienz und Erwerb öffentlich gemacht wurde. Zu lesen ist nun: Geplündert 1897 im Zusammenhang mit der britischen Eroberung von Benin. Oft genug heißt es aus unbekanntem Besitz. Unter Herkunft werden genannt: Stevens' Auction Rooms Ltd. London, Sammler William Downing Webster, Hanseatische Nahrungsmittelfabrik Bey & Co., Konsul Eduard Schmidt (Angestellter der Afrikanischen Dampfschiffs-Actiengesellschaft Woermann-Linie), Sammler Hans Meyer (Meyers Konversations-Lexikon). Vom Verkauf an das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin ist zu lesen, von Erwerbung, Tausch und Geschenk.

 

Zurückhaltend wird über die Beteiligung von Mitarbeitern des ehemaligen Museums für Völkerkunde berichtet. In Erinnerung sei gerufen, dass der Ethnograph Felix von Luschan (1854-1924) die wichtigsten Denkmäler der Kunst von Benin von seinen Reisen nach Berlin mitbrachte. Er war einer der ersten Europäer, die den Rang der afrikanischen Kunst auf bestimmten Gebieten für mindestens gleichrangig mit der europäischen einschätzten, ohne selbst auch nur einmal in Benin gewesen zu sein (Helmut Otto, Berliner Beiträge zur Archäometrie, 1979).

 

Otto war es auch, der 1979 bekannt machte, dass Luschan diese Bronzen als „Erz“ bezeichnete und dem Leiter des Chemischen Labors der Königlichen Museen Prof. Dr. Friedrich Rathgen zur Untersuchung übergeben hatte. Am 20. September 1900 klagte Rathgen darüber, dass die für die chemische Untersuchung zur Verfügung gestellten Probemengen zu klein für eine genaue Untersuchung seien. Diese könnte erst durch die Spektralanalyse oder sogenannte zerstörungsfreie Untersuchungsmethode erfolgen. Rathgens Ergebnisse veröffentlichte Luschan erst 1919.

 

Die Kolonaden mit dem Massivschuppen, ca. 1930-40. Quelle smb-museum

Friedrich Rathgen war Chemiker. Er erkannte, dass die salz- und chlorhaltigen Eisen-, Bronze-, Stein- und Keramikobjekte auf die Feuchtigkeit der Luft reagieren und ohne konservierende Behandlung einem fortschreitenden Verfall ausgesetzt sind. Er griff auf die bewährte Methode der Reduktion mit Hilfe des elektrischen Stromes zurück, die man heute immer noch anwendet. In seinem Handbuch für die Konservierung von Altertumsfunden forderte er zur Aufbewahrung obendrein luftdichte Vitrinen.

 

Er wurde am 2. Juni 1862 in Eckernförde geboren. Das Examen rigorosum, Mineralogie, Chemie, Physik und Philosophie, legte er 1885 ab. Nach der Dissertation wurde er Assistent von Hans Heinrich Landolt im Chemischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität. Bekannt wurde er durch seine Arbeiten über Konservierung, Analyse und Untersuchung von Museumsobjekten. Am 1. April 1888 wurde er zum Direktor des ersten Chemischen Laboratoriums der Königlichen Museen berufen. Rechtzeitig, da das Museum für Völkerkunde umfangreichen Zuwachs erhalten hatte.

 

Wer die Aufnahme vom Februar 1897 betrachtet, wo britische Soldaten im niedergebrannten Oba-Palast in Benin die Bronzen sortieren, wird erahnen, in welchem Zustand die Objekte von Berlin erworben wurden.

 

Rathgen Ahnentafel. Quelle smb-museum

Kaum im Amt, gab es am 25. Juli 1888 die Hochzeit mit Marie Holtz (1866-1943). Ein Jahr später wird am 2. Mai 1889 in Berlin Tochter Gertrud (1889-1971) geboren. Dr. phil. Friedrich Rathgen, Chemiker b. d. Kgl. Museen, wohnt mit Frau und Tochter bis 1890 in Berlin N, Lothringerstr. 67, III. Stock. 1891 zieht die Familie nach Wilmersdorf in die Berlinerstr. 157, II. Stock. Dann kam Friedenau: Von 1894 bis 1899 die Parterre-Wohnung im Haus des Stadtschlossbibliothekars Walter Robert-Tornow in der Goßlerstr. 9.

 

Als 1902 eine neue Bauordnung für die Vororte von Berlin erlassen und der alte Weg nach Schmargendorf von Kasseler Straße in Wiesbadener Straße umbenannt wurde, erwarb Rathgen das Grundstück Nr. 2 und ließ sich als Bauherr ein viergeschossiges Wohnhaus errichten. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger kritisierte, dass dadurch die auf der anderen Seite stehenden hübschen Villen leider an Aussicht verlieren und auch an Licht und Luft.

 

Kurios bleiben in den nächsten vier Jahrzehnten im Adreßbuch die Einträge für das Rathgensche Haus. Während bei den Nachbarhäusern neben den Hausbesitzern stets alle Mieter aufgeführt werden, ist bei Nr. 2 neben Eigentümer Rathgen immer nur ein Mieter eingetragen: Streckenwärter Burchardt (1903), Buchdruckereiarbeiter A. Köppen (1904), Hausdiener P. Mrosek (1908), Bahnarbeiter A. Gneist (1910), Maurer W. Hinze (1913), Eisenbahnarbeiter F. Zander (1916), Tischler R. Engel (1920), Vergolder A. Utz (1930), Herrenschneider W. Tausendfreund (1940), Gartenarbeiter G. Luck (1941), Einrichter P. Kurz (1943).

 

Bei den Friedenauer Vorgarten-Wettbewerben wurde das Haus Rathgen mehrfach mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Am 7. Januar 1912 heiratete Rathgens Tochter Gertrud in Friedenau den Regierungsbaumeister des Hochbaufaches Max Neumann (1881-1942), dem 1911 die Bauleitung der evangelischen Kirche in Exin (Kreis Schubin) übertragen worden war.

 

Nach der Fertigstellung wurde er 1913 nach Posen und schließlich 1920 als Regierungsbaurat nach Neuruppin versetzt. Aus der Ehe stammen die in Friedenau geborenen Kinder Bernhard (1913-1963) und Inge (* 1915).  Es kann davon ausgegangen werden, dass das Ehepaar Neumann mit den Kindern während dieser Jahre im Rathgenschen Haus Wiesbadener Straße Nr. 2 ein ständiges Domizil hatte.

 

Im Rahmen der Friedenauer Vortragsabende für Kunst und Wissenschaft hielt Rathgen 1911 in der Aula des Gymnasiums am Maybachplatz einen Vortrag über Die Chemie im Dienste der Altertumskunde. 1919 wurde er Vorsitzender des Friedenauer Bürgerbundes und richtete zur Frage ‚Groß-Berlin‘ in berechtigtem Stolze auf die Erfolge der bisherigen Selbstverwaltung Friedenaus an den Bürgerrat von Groß-Berlin das Ersuchen, bei der preußischen Landesversammlung mit allen. Mitteln dahin zu wirken, daß in dem vorliegenden Gesetzentwurfe betr. Bildung der Stadt Groß-Berlin die Selbstverwaltung der. einzelnen historisch entstandenen Gemeinden in möglichst weitem Umfange erhalten bleibe.

 

Bronzerelief Friedrich Rathgen von Heinrich Mißfeldt, 1932

1927 wird Friedrich Rathgen pensioniert. Zum seinem 70. Geburtstag wird ihm am 2. Juni 1932 ein Bronzerelief überreicht, dass der seit 1898 in Friedenau lebende Bildhauer und Medailleur Heinrich Mißfeldt (1872-1945) entworfen hatte. Ob das Chemische Labor den Auftrag für das 32 x 41 cm große Relief erteilt hat, ist nicht bekannt. Für die Wahl Mißfeldts dürfte entscheidend gewesen sein, dass Rathgen und Mißfeldt aus dem Holsteinischen stammen, und der Bildhauer immer wieder mit Aufträgen aus seiner Heimat bedacht wurde: Es entstanden Büste und Statuette des niederdeutschen Schriftstellers Klaus Groth (1899), Grabrelief und Denkmal für den Schriftsteller Johann Meyer (1903 und 1910), Reliefporträt für den Landschaftsmaler Joachim Ludwig Bünsow (1910).

 

Helmut Otto machte 1979 in den Berliner Beiträgen zur Archäometrie, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft den Verbleib des Bronzereliefs bekannt: Besitzer Frank Neumann, Bremen, der Urenkel Friedrich Rathgens. Für die Erlaubnis der Veröffentlichung danke ich Herrn Frank Neumann und Frau Inge Rabe, Hamburg, Rathgens Enkelin, die diese vermittelte. Die verwandtschaftlichen Zusammenhänge gehen aus der Ahnentafel Rathgen hervor. Es ist uns bisher nicht gelungen, den Verbleib des Bronzereliefs zu ergründen. Zu erfahren war, dass das Rathgen-Forschungslabor selbst nicht im Besitz einer solchen Plastik ist.

 

Friedrich Rathgen starb am 19. November 1942 in Friedenau. Als die Bombenangriffe auf Berlin immer zahlreicher wurden, zog Witwe Maria Rathgen im Frühjahr 1943 nach Neuruppin, vermutlich in das Haus ihres Schwiegersohns, dem 1942 verstorbenen Regierungsbaurat Max Neumann. Maria Rathgen verstarb am 21. Mai 1943 in Neuruppin. Während der alliierten Bombenangriffe auf Berlin wurde das Rathgensche Haus in der Wiesbadener Straße Nr. 2 im Frühjahr 1943 zerstört. In der Lücke entstand in den 1960er Jahren ein sechsstöckiger Neubau mit Tiefgarage.

 

 

 

Das Chemische Laboratorium in den Kolonnaden auf der Museumsinsel wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört und im Magazinbau in Dahlem untergebracht. 1975 ermöglichte die Stiftung Volkswagenwerk die Wiedereröffnung des Rathgen-Forschungslabors in der Charlottenburger Schloßstraße. 1992 erfolgte die Zusammenlegung des Rathgen-Forschungslabors der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz (West) mit den Zentralen Werkstätten der Staatlichen Museen zu Berlin (Ost) zum neuen Rathgen-Forschungslabor.

 

Für die Fachwelt ist Friedrich Rathgen Gründervater der wissenschaftlichen Konservierung, dessen Methoden noch heute angewendet werden. Rathgen und das Chemische Laboratorium der Königlichen Museen haben zu einer nachhaltigen Konservierung und Restaurierung beigetragen – auch der Benin-Bronzen.

 

Wiesbadener Straße 7. Sammlung Staudt, Museum Schöneberg

Wiesbadener Straße Nr. 7

 

Fotografie von Arbeitern bei der Beseitigung von Trümmern auf dem Gelände des zerstörten Hinterhauses der Wiesbadener Straße 7, aufgenommen von Herwarth Staudt am 11. Juni 1952 im Auftrag des Baulenkungsamtes Schöneberg.

 

 

Weiteres in Vorbereitung

Wiesbadener Straße Nr. 83. Hahn & Stich, 2019

Wiesbadener Straße Nr. 83

Rotdornstraße Nr. 1

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf Paul Schröder

Bauherr Johannes Eichholz

1905

 

Das Eckhaus ist ein eleganter Jugendstilbau mit zwei ausgebauten Ateliers im Dachgeschoss, die jeweils hinter Querhäusern mit Schweifgiebeln nach Norden und nach Osten angeordnet sind. Das Haus hat - wie sein Pendant - zwei Eingänge, von denen je ein Zweispänner erschlossen wird. Die beiden Fassaden sind ähnlich wie bei seinem Pendant, doch ein wenig kontrastierend angelegt. Der Eckerker ist nicht turmartig erhöht, sondern schließt mit einer flachen Kuppel ab. Die Fassade an der Wiesbadener Straße zeigt auch einen Mittelerker und seitliche Loggien, aber im Erdgeschoss an der Ecke eine Reihe von Ladenportalen mit Rundbogenfenstern und mehreren Eingängen. Bei der Fassade in der Rotdornstraße ist in der Mittelachse anstelle kleiner Rundbalkons von gegenüber kontrastierend ein breiter Erker getreten, der seitlich wiederum von schmalen Erkern flankiert wird. Auch hier schließen im Süden Loggien die Fassade ab. Die jeweiligen Fassaden sind bei beiden Häusern in sich symmetrisch konzipiert, aber auch - trotz unterschiedlicher Breite - korrespondierend um die Hausecke herum komponiert. Landesdenkmalamt

Wiesbadener Straße Nr. 84. Hahn & Stich, 2019

Wiesbadener Straße Nr. 84

Rotdornstraße Nr. 9

Baudenkmal Mietshaus

Entwurf Paul Schröder

1904-1905

 

Der elegante Jugendstilbau mit zwei Ateliers im Dachgeschoß, die jeweils hinter Querhäusern mit schwungvollen Schweifgiebeln nach Norden und Westen angeordnet sind, hat zwei Eingänge, von denen aus jeweils ein Zweispänner erschlossen wird. Die Fassaden sind jeweils symmetrisch angelegt. Die Ecke des Hauses wird durch einen auskragenden 5/8-Erker mit turmartigem Aufsatz markiert. Die Mittelachse der Fassade wird durch einen vorspringenden Erker über dem Hauseingang und einen Quergiebel mit dem Atelier betont, östlich davon befinden sich Loggien und westlich Fenster und der Erker. Die breitere Fassade in der Rotdornstraße zeigt beiderseits der Mittelachse, die durch kleine Rundbalkons und den großen Quergiebel betont wird, symmetrisch angeordnete Erker mit Balkons. Im Süden schließen Loggien die Fassade ab. Das Erdgeschoss ist als Rustikageschoss ausgeführt, die darüber aufgehenden Geschosse sind durch Kolossallisenen bis zum Traufgesims gegliedert. Die Einfriedung des Vorgartens an der Rotdornstraße ist original. Landesdenkmalamt

 

 

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Ursula Sax, 2015. Foto Dietmar Bührer

Wiesbadener Straße Nr. 84

Ursula Sax

(* 1935)

 

Die gelbe Spirale stiehlt dem Berliner Funkturm etwas die Show. 19 Meter ragt die Skulptur aus dem Erdboden heraus und überspannt eine Distanz von 50 Metern. Das Kunstwerk namens Looping besteht aus Stahlrohr mit einem Durchmesser von 40 Zoll, ist 130 Meter lang und hat ein Gewicht von 35 Tonnen. Die Gesamtkosten betrugen rund 1,3 Millionen DM. Am 3. August 1992 war das Kunstwerk endlich vollendet – rechtzeitig zur Umbenennung der bisherigen Ausstellungs-, Messe-, Kongress-GmbH (AMK) zur Messe Berlin GmbH.

 

Viele Jahre schien es, als würde es zu einer Realisierung gar nicht mehr kommen. Den Entwurf hatte Ursula Sax 1987 für den von der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen ausgeschriebenen Wettbewerb Kunst am Bau eingereicht und gewonnen.

 

 

Damals wurde an der Spree in Ost und West 750 Jahre Berlin gefeiert. Im Osten entstand auf mittelalterlichen Grundrissen das Nikolaiviertel mit Pseudo-Bürgerhäusern im Plattenbaustil, im Westen zwischen Breitscheid- und Rathenauplatz ein Skulpturenboulevard, von dem bis heute drei Skulpturen an ihrem Standort blieben, Berlin von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, Pyramide von Josef Erben und die Beton-Cadillacs von Wolf Vostell. Als Fortsetzung könnte damals auch Looping als signifikantes Markenzeichen für den neuen Eingangsbereich des Messegeländes am Funkturm angedacht worden sein.

 

Die Realisierung verzögerte sich (auch) auf Grund technischer Schwierigkeiten. Die Suche nach einer Firma, die in der Lage war, das komplizierte Modell in eine Statik zu übertragen und das Stahlrohr präzise zu formen, erwies sich als schwierig. Schließlich übernahm die Mannesmann-Seiffert GmbH den Auftrag, was uns wiederum Gelegenheit gibt, vergangene Industriegeschichte zu beleuchten.

 

Die Firma wurde 1893 in Wedding unter dem Namen Franz Seiffert & Co als Werkstatt für den industriellen Rohrleitungsbau gegründet und um ein Werk in Finow erweitert. 1938 erfolgt die Übernahme durch die Mannesmann-Röhren-Werke. 1948 kommt es im Osten zum VEB Rohrsysteme Finow und in den Westsektoren von Berlin zur Mannesmann Seiffert GmbH, die später unter Salzgitter Mannesmann firmiert. Inzwischen können im Rohrbiegewerk der Salzgitter Mannesmann Grobblech GmbH in Mülheim an der Ruhr nahtlose und geschweißte induktivgebogene Stahlrohre in jedem gewünschten Biege-Radius von 200 mm bis 10.000 mm gefertigt werden. Obwohl es nach dem Fall der Mauer in Berlin erst einmal Wichtigeres zu tun gab, geriet der Auftrag nicht in Vergessenheit. In Mülheim entstanden 27 einzelne Rohrsegmente mit den präzise berechneten Krümmungen (Bögen), die ans Messegelände geliefert und zu drei Hauptteilen zusammengefügt wurden. Am geplanten Aufstellungsort wurde ein Gerüst aufgestellt, von dem aus Looping zusammengeschweißt wurde. Es folgten nach Angaben von Susanne Kähler, Professorin für Museumskunde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW), „die Glättung der Gesamtfigur per Hand mit Kitt und Spachtel, das Auftragen von Rostschutz und Grundierung und anschließend der Überzug mit gelbem Lack“. So kam es, dass Ursula Sax und Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) erst am 30. Juli 1992 die ersten gelben Pinselstriche ausführen konnten. Am 3. August 1992 wurde das „neue Ausrufezeichen für das Messegelände als weiterer Merkposten für die Baukultur in Berlin“ eingeweiht.

 

Als wir herausfanden, dass Ursula Sax von 1960 bis 1965 in der Brünnhildestraße Nr. 8 gewohnt hatte, wollten wir über die Künstlerin auch auf dieser Webseite berichten. Unsere Bitte beantwortete sie am 24. August 2017 postwendend: Ich habe nichts dagegen. Teilen Sie mir mit, wie Sie sich das vorstellen.

 

Das war schwieriger als gedacht, da Ursula Sax ihre eigene Webseite www.werksax.de so umfassend und vollkommen gefüllt hatte, dass wir erst einmal keinen Ansatz fanden – und ihr das auch freimütig mitteilten. Wieder ging umgehend ihre Antwort per Mail ein: Ich reiche Sie weiter an meinen Galeristen, Galerie Semjon Contemporary, der mein Archiv beherrscht / besitzt. Es gibt ein hübsches Jugendfoto von mir in der Brünnhildestraße. Ich möchte von meinen Arbeiten den „Raummesser“ abgebildet haben und den Rest vereinbaren Sie bitte mit Semjon. Am 27. August half sie uns weiter: Vorneweg: die Brünnhildestraße war keine sehr glückliche Station von mir, dorthin möchte ich nicht gern „zurückkehren“, dann war die Wiesbadener Straße schon viel besser. Können Sie diesen ART-Artikel gebrauchen, da sind gleich mehrere Punkte abgedeckt: Die Vielseitigkeit, das Porträt, Biografie, fachkundige Besprechung? Es gibt noch einen Artikel in der Weltkunst: beide sind vor einem Jahr erschienen. Soviel mal für heute. Herzlichen Gruß Ursula Sax.

 

Es kam der 27. Juli 2020 – der 85. Geburtstag von Ursula Sax. Berlin hüllte sich in Schweigen. Der betuliche Tagesspiegel ohnehin, vom schläfrigen rbb war sowieso nichts zu erwarten und die SPD-Bürgermeister von Schöneberg (Angelika Schöttler) und Wilmersdorf (Reinhard Naumann), in deren Bezirken die äußerst vielseitige und doch weithin „Unbekannte“ lebte und lebt, waren wohl mehr mit Kühnert & Müller beschäftigt.

 

Auf das hübsche Jugendfoto von mir in der Brünnhildestraße haben wir verzichtet. Wie schon so oft, wenn wir mit Künstlerfotos in Nöten waren, baten wir den Fotografen und Verleger Dietmar Bührer aus der Odenwaldstraße um Hilfe. Ihm ist 2015 ein Foto von Ursula Sax gelungen, das neben ihrer Kunst auch eine starke und selbstbewusste Persönlichkeit zeigt. Bedacht mit Dietmar Bührers selbstverständlich und sonnigen Grüßen bedanken wir uns für die Erlaubnis.

 

Ursula Sax wurde 1935 in Backnang geboren, studierte Bildhauerei an der Stuttgarter Akademie und an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Nach Professuren in Berlin und Braunschweig nahm die „Künstlerin aus dem Westen“ 1993 den Ruf an die Hochschule für Bildende Künste Dresden an, die „bis zu ihrem Eintreten ein Hort der organisch ponderierten Figuration in Plastik und Skulptur gewesen ist“. Eine schwierige Aufgabe, für die der 1953 im vorpommerschen Demmin geborene heutige Hochschulrektor Matthias Flügge klare Worte findet: Die Dresdner Kunstakademie dankt Ursula Sax einen prägenden Beitrag zu ihrer Neuausrichtung in den 1990er Jahren.

 

Mit der Emeritierung im Jahr 2000 begann Ursula Sax in ihrem Radebeuler Domizil Altkötzschenbroda  wieder freischaffend zu arbeiten. Nach über einem Jahrzehnt in Radebeul kehrte sie 2013 im Alter von 78 Jahren nach Berlin zurück. Dem Ort hinterließ sie sechs Plastiken und ein großformatiges Kunstobjekt im Bürgerpark neben den Landebühnen. Der Berlinischen Galerie hat sie eine umfangreiche Schenkung mit Stein- und Holzskulpturen, Metall- und Tonplastiken, Performancekleidern und –masken gemacht, die einen Einblick in ein beeindruckend vielgestaltiges Œuvre vermitteln. Nach Brünnhildestraße, Wiesbadener Straße, Potsdamer Straße, Königstraße und Hindenburgdamm lebt sie nun in der Bundesallee.

 

Ausführliche Bild- und Textdokumente finden Sie unter www.werksax.de

 

Entwurfsmodell Looping, 1987. Foto Reinhard Friedrich, Ursula Sax. Semjon Contemporary Galerie Berlin
Simulation Looping-Skulptur am Messegelände Berlin. Foto Reinhard Friedrich, Ursula Sax
Ursula Sax, Skulptur Looping. Quelle Wikipedia
Ursula Sax, Wettbewerbsentwurf für Looping, 1987. Galerie-Edition 2014, Semjon Contemporary Galerie Berlin
Looping-Teile im Rohrbiegewerk Mülheim. Mannesmann-Illustrierte 10-1992

 

Auf der Webseite des Rohrbiegewerks der Salzgitter Mannesmann Grobblech GmbH Mülheim existiert ein Video, das den Produktionsprozess von „gebogenen“ Stahlrohren analog der Skulptur LOOPING von Ursula Sax verdeutlicht. Wir danken Frau Dipl. Ing. Elke Muthmann, Betriebschefin des Rohrbiegewerks, für ihre Unterstützung. Mit Klick auf den roten Button startet die Filmsequenz.

Wiesbadener Straße 86. Sammlung Staudt, Museum Schönebeg

Wiesbadener Straße Nr. 86

 

Fotografie des Hinterhofs der Wiesbadener Straße 86, aufgenommen von Herwarth Staudt am 23. Mai 1953 im Auftrag des Baulenkungsamtes Schöneberg.

 

 

Weiteres in Vorbereitung

Wiesbadener Straße Nr. 89. Hahn & Stich, 2019

Wiesbadener Straße Nr. 89

Baudenkmal Landhaus

Entwurf Architekt Otto Hoffmann

Bauherr Otto Hoffmann

1888-1890

 

Das zweigeschossige Landhaus Wiesbadener Straße Nr. 89 wurde vom Architekten Otto Hoffmann für den Kaufmann Emil Karig gebaut, der sich schon 1886 an der Hedwigstraße Nr. 18/19 Ecke Rheinstraße Nr. 66 ein Wohn- und Geschäftshaus von Max Nagel hatte bauen lassen. Das Landhaus Karig ist spiegelbildlich zum benachbarten Haus Hoffmann angelegt, seine offene Veranda jedoch seit langem verglast. Der Zugang liegt an der Westseite des Hauses. Beide Häuser haben kleine Gärten mit originaler Einfriedung. Landesdenkmalamt

1907 Eröffnung der größten Eisbahn des Westens

Wiesbadener Straße Nr. 80-81

Sportplatz

 

Mit der Umbenennung der Schmargendorfer Straße zuerst in Kasseler Straße (1890) und dann in Wiesbadener Straße (1902) kam auch eine neue Bauordnung. Eigentümer des 0,55 ha großen Grundstücks an der Wiesbadener Straße zwischen Rheingau- und Homuthstraße war der Berlin-Charlottenburger Bauverein, der das als Neuer Sport- und Spielplatz bezeichnete Grundstück an den Fabrikdirektor F. Peters aus Johannisthal verkauft. Auf dem neuen Sportplatz Friedenau am Schillerplatz Wiesbadener Straße, 1 Min. v. d. Kirche, eröffnet der Gastwirt Wilhelm Grube 1907 die größte Eisbahn des Westens.

 

 

 

 

Zeitgleich bevollmächtigt die Gemeinde-Vertretung den Gemeinde-Vorsteher Bürgermeister Schnackenburg zur Entgegennahme der Auflassung des im Grundbuche von Friedenau Band XXIII Bl. Nr. 1148 verzeichneten, an der Wiesbadener-, Rheingau-, Schwalbacher- und Homuthstraße belegenen Grundststücks, dem Rentier Friedrich Peters gehörig. Ab 1910 ist die Gemeinde Friedenau Eigentümer des Neuen Sport- und Spielplatzes. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger meldet: Der bekannte Sportplatzbesitzer Herr Wilhelm Grube hat das Grundstück auf mehrere Jahre gepachtet. Die Ebnung des Grundstückes und die Befestigung ist soweit vollendet, das schon im Frühjahr das sportlustige Publikum auf dem neuen Tennisplatz sich tummeln kann. Durch schöne Anlagen und Restaurationshallen wird der neue Platz einen angenehmen Aufenthalt für das Publikum bieten.

 

Mit der Bildung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 verlor Friedenau seine Selbstständigkeit und bildete von da gemeinsam mit Schöneberg den 11. Berliner Verwaltungsbezirk. Eigentümer des Grundstücks Wiesbadener Straße Nr. 80-81 wurde die Stadt Berlin. Der Platz wird heute seither von den umliegenden Schulen für den Schulsport und vor allem vom Friedenauer TSC genutzt, auf dessen Betreiben hin der Platz vom Bauherrn Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg zwischen 2018 und 2022 eine grundhafte Erneuerung durch Landschaftsarchitektin Brigitte Gehrke erfuhr, zu der selbstverständlich eine Flutlichtanlage für Sportaktivitäten in den Abendstunden gehören musste.