Begasstraße um 1910. Archiv Barasch, Hahn & Stich

 

Es ist ganz unverständlich, warum das Landesdenkmalamt Berlin die Begasstraße nicht schon längst zum Denkmalbereich erklärt hat. Sicher, im Detail mag es an den zehn Häusern manche Veränderungen gegeben haben, die den Kriterien zuwiderlaufen, aber im Grunde ist das Mietshausensemble zwischen Dürerplatz und Rubensstraße trotz mehrfacher Eigentümerwechsel seit mehr als 130 Jahren als architektonische Einheit erhalten..

 

Die Geschichte begann 1889 mit Gründung der Schöneberg-Friedenauer Terraingesellschaft. 1892 erklärte die Stadt Schöneberg die Gegend zum Malerviertel, versehen mit Namen von Malern, die keinerlei Bezug zu Schöneberg hatten: Die bisherige Straße 6 erhielt am 12. Januar 1892 den Namen Begasstraße, benannt nach dem Bildhauer Reinhold Begas (1831-1911), dem Schöpfer des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals 1897 auf der Schlossfreiheit, das 1950 demontiert wurde und seit 2007 durch eine Wippe ersetzt werden soll.

 

Die ersten beiden Häuser der Begasstraße Nr. 7 und Nr. 8 waren 1895 errichtet und von jeweils zwölf Mietern bezogen. Nachdem Schönebergs Stadtbaurat Friedrich Gerlach bereits 1891 angekündigt hatte, daß der für das Schöneberger Südgelände festgestellte Bebauungsplan einer durchgreifenden Neubearbeitung unterzogen wird, sein Übersichtsplan der Stadt Schöneberg nach dem Zustande vom 1. Mai 1909 unter Berücksichtigung der an diesem Tage geltenden förmlich festgestellten und im Feststellungsverfahren begriffenen Bebauungspläne.veröffentlicht war, fiel schließlich 1927 die Entscheidung, die bisher ins Laubengelände führende Straße 6 in Verlängerte Begasstraße umzubenennen. Ab 1940 gab es nur noch die Begasstraße Nr. 1 bis Nr. 24. Entlang der Rubensstraße: entstanden später Gemeindeschule (1901), Auguste-Viktoria-Krankenhaus (1906), Helmholtz-Realgymnasium (1909) und Kinder-Pflege- und Erziehungsanstalt Zionshülfe. Der Schadenskarte von 1947 ist zu entnehmen, daß alle Häuser der Begasstraße den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben. Weitere Informationen über die Bauherren und die Originalentwürfe der Architekten dürften im Bauarchiv Schöneberg erhalten sein. Kommt Zeit, kommt Rat.

 

Begasstraße 8 & 9. Foto Hahn & Stich

Begasstraße Nr. 8 & Nr. 9

 

In Vorbereitung

Hans Hermann Wilhelm, Ohne Stein und ohne Namen. Druffel Verlag, 1974

Begasstraße Nr. 10

Hans Hermann Wilhelm (1892-1975)

 

Von dem Schriftsteller Hans Hermann Wilhelm hatten wir bisher weder gehört noch etwas gelesen. Aufmerksam gemacht hat uns Alfred Bürkner in Friedenau – Straßen, Häuser, Menschen. In der Begasstraße Nr. 10 lebte (1973) der Schriftsteller und Studienrat Hans Hermann Wilhelm. Zu seinen Werken zählen die Romane ‚Freiheit‘, 1919; ‚Werden‘, 1920; ‚Die Frickes‘, 1934; ‚Die Wege der Brackenhoffs‘, 1939; ‚Die Frickes und die Ohlhofs‘, 1941; ‚Die Schuld der Väter‘, 1943; ‚Jugend im Joch‘, 1944; ‚Robert Wandel‘, 1944.Das Ende ist nicht abzusehen‘ (1957). Er schrieb außerdem die Dramen ‚Ulrich von Hutten‘ (1934), ‚Der Pagalunenhof‘ (1938), ‚Der sächsiche Löwe‘ (1940).

 

Bürkner erwähnte nicht, daß Wilhelm 1974 Ohne Stein und ohne Namen – Aufzeichnungen aus stalinistischen Todeslagern in Deutschland veröffentlicht hatte. Das Literarische Colloquium Berlin listet einige seiner Werke auf – ohne jeglichen Kommentar. Bei Wikipedia heißt es immerhin: Es fehlen Informationen über die Positionierung und das Verhalten Wilhelms in der NS-Zeit.

 

Recherchen ergaben, daß Hans Hermann Wilhelm am 30. November 1892 zu Freyenstein Kreis Ostprignitz geboren wurde. Er studierte in Berlin und Leipzig Germanistik und Philologie und war danach als Studienrat tätig. Am 30. September 1921 heiratete der Studien-Assessor, wohnhaft Charlottenburg, Knesebeckstraße 16, auf dem Standesamt Zehlendorf Ruth John von Freyend, geboren am 15. August 1895 in Osterode in Ostpreußen. Im Berliner Adreßbuch von 1940 ist Hans Hermann Wilhelm unter Humboldtraße Nr. 20 in Steglitz eingetragen. Irgendwann ging die Ehe in die Brüche. Er zog nach Neustrelitz, wo er nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 von den Sowjets verhaftet wurde.

 

Obwohl ich meine nationale Gesinnung während meines langen Lebens und Schaffens nie verleugnet habe, war ich nicht Mitglied der nationalsozialistischen Partei geworden. Dennoch wurde ich auf Grund einer gewissenlosen Denunziation durch einen kommunistischen Literaten verhaftet, der in der mecklenburgischen Stadt, in der wir beide während der Kriegszeit wohnten, nach dem Einmarsch der Russen Oberbürgermeister werden wollte und als ‚Empfehlung‘ für diesen Posten mich und andere bekannte Persönlichkeiten der Stadt den Russen ans Messer lieferte. Mein Vergehen: ich hatte wie in der Weimarer Republik auch im Dritten Reich Romane veröffentlicht, und da in Stalins Imperium nur ‚gleichgeschaltete‘ kommunistische Romane erscheinen durften, machten die sowjetischen Kommissare mich zum Hitler-Propagandisten, ohne eine Zeile von mir gelesen zu haben.

 

1946 veröffentlichte die Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone eine Liste der auszusondernden Literatur, darunter von Hans Hermann Wilhelm Dichtung im Anbruch (1936), Die Frickes (1941), Jugend im Joch (1944), Die Schuld der Väter (1943), Volk ohne Grenzen (1943). Erst im Jahre 2006 erschien im Wallstein Verlag Göttingen Instrumentalisierung, Verdrängung, Aufarbeitung. Die sowjetischen Speziallager in der gesellschaftlichen Wahrnehmung 1945 bis heute.

 

Hans Hermann Wilhelm wurde zuerst im Speziallager Nr. 9 Fünfeichen und später im Speziallager Nr. 2 Buchenwald interniert. 1950 wurde er aus der Haft entlassen. Er zog in den Amerikanischen Sektor von Berlin. Am 7. Januar 1955 heiratete er in Berlin-Steglitz Käte Martha Mario Wilhelm geb. Friese. Im Telefonbuch ist er ab 1970 als Studienrat a. D. Schöneberg, Begasstraße Nr. 10, eingetragen. In diesem Haus entstanden seine Aufzeichnungen aus stalinistischen Todeslagern in Deutschland, die 1974 unter dem Titel Ohne Stein und ohne Namen im Druffel-Verlag Leoni am Starnberger See erschienen.

 

Ein fragwürdiger Verlag, der 1952 vom ehemaligen SS-Obersturmbannführer und stellvertretenden Reichspressechef der NSDAP Helmut Sündermann und seiner Frau Ursula von Druffel gegründet wurde und Memoiren prominenter Nationalsozialisten auf den Markt brachte: Joachim von Ribbentrop, Zwischen London und Moskau. Erinnerungen und Aufzeichnungen, herausgegeben von Annelies von Ribbentrop (1953), Ilse Heß: England-Nürnberg-Spandau. Ein Schicksal in Briefen (1954), Hans-Ulrich Rudel: Von den Stukas zu den Anden (1956), Friedrich Grimm, Lebenserinnerungen eines deutschen Rechtsanwalts (1961), Rudolf Jordan, Erlebt und Erlitten. Weg eines Gauleiters von München bis Moskau (1974), Julius Lippert, Lächle … und verbirg die Tränen. Erlebnisse und Bemerkungen eines deutschen ‚Kriegsverbrechers‘ (1974).

 

Vermutlich hatte Hans Hermann Wilhelm mit dieser falschen Entscheidung ein Zeichen setzen wollen, und nicht berücksichtigt, daß er gegen die 1953 mit propagantistischem Aufwand verordnete Pflichtlektüre von Nackt unter Wölfen nicht bestehen konnte. Wilhelms Anklage gegen das unmenschliche bolschewistische System in den sowjetischen Lagern Fünfeichen und Buchenwald ging unter. Die Lager wurden mit deutschen Gefangenen belegt, von denen viele wie ich keine Nationalsozialisten gewesen waren. Insgesamt gingen 90.000 deutsche Gefangene, Männer und Greise, Frauen und halbe Kinder zugrunde, die an der Nordostseite des Lagers im Wald nackt verscharrt wurden. Davon wussten wir nichts, als wir Schüler nach 1958 zur Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald gekarrt und immer wieder an die Ermordung von Ernst Thälmann erinnert wurden.

 

Dagegen lesen sich Wilhelms Aufzeichnungen heute gar nicht so übel. Sprachlich gekonnt beschreibt er seine Erlebnisse und Erfahrungen. Er  wartet mit einem eindringlichen Bild dieser Zeit auf. Sein Erinnerungsvermögen in den mit Richard Kröning – Die Verdammten, Erhard Wissmann – Die Liebenden und Christoph von Heiden – Die Erstandenen überschriebenen Kapiteln ist erstaunlich. Hans Hermann Wilhelm setzt den Opfern des Stalinismus ein literarisches Denkmal. Seine Aufzeichnungen aus stalinistischen Todeslagern in Deutschland gingen unter. Zu Unrecht, aber auch selbst verschuldet.

 

Hans Hermann Wilhelm verstarb ein Jahr nach Erscheinen seines Buches im Alter von 73 Jahren am 1. Juli 1975 im Auguste-Viktoria-Ktankenhaus.