Grabstätte Sachs. Foto Hahn & Stich, 2016

Heinrich Sachs (1858-1922)

 

Das Polizeiamt Schöneberg teilte im Bericht Nr. 982 mit, daß der Geheime Kommissionsrat, Rentner Heinrich Sachs, 64 Jahre alt, wohnhaft in Berlin-Friedenau, Wilhelmstraße 5/6, geboren zu Königsberg in Preußen, verheiratet mit Bertha, geborene Draffke, zu Berlin-Friedenau, vor dem Hause Südwestkorso 5 am 27. September 1922 nachmittags um 11 Uhr verstorben ist. Nach Recherchen des Schöneberg-Friedenauer Lokal-Anzeiger wurde Friedenaus Ehrenbürger Heinrich Sachs an der Haltestelle Südwestkorso Ecke Wilhelmstraße beim Absteigen aus der Straßenbahnlinie 69 vom Anhängerwagen überfahren und war infolge Schädelbruches sofort tot.

 

Heinrich Sachs wohnte seit 1912 in der Wilhelmstraße Nr. 5/6. Das Anwesen hatte er von Bildhauer Johannes Götz (1865-1934) erworben. In die Villa war das Ehepaar Heinrich und Bertha Sachs eingezogen. Das Atelierhaus nebenan wurde an den Bildhauer Eberhard Encke (1881-1936) verpachtet. Nun erhielt er von Witwe Bertha den Auftrag für das Wandgrab Abt. 12/45-47 auf dem Friedhof Stubenrauchstraße.

 

Die Lebensgeschichte des Friedenauer Ehrenbürgers Heinrich Sachs bleibt von Ungereimtheiten geprägt, die auch nach Studium der aufgefundenen Originaldokumente nicht eindeutig geklärt werden können. Laut Judenregister des Amtsgerichts Königsberg (Pr.) Band 1 Seite 140 Lfde. Nr. 640 wurde der fremdstämmig(e) Jude Heinrich Sachs am 3. April 1858 als Sohn des Kaufmanns (und Herrengarderobehändlers) Leopold Sachs und dessen Ehefrau Emma Seeliger in Königsberg geboren.

 

Nachdem am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Schloss Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert und Preußens König Wilhelm I. zum ersten Deutschen Kaiser ernannt worden war, zog die Familie Sachs nach Berlin, wo Vater Leopold in der Kurze Straße Nr. 1, II. Etage, eine Garderobenhandlung eröffnete.

 

Ganz kurios ist das Dokument Nr. 431: Am 1. Mai 1871 erschienen in Berlin vor dem Standesbeamten zum Zweck der Eheschließung 1. der Droguenhändler Heinrich Sachs, jüdischer Religion, geboren am 3. April 1858 zu Königsberg in Preußen, wohnhaft zu Berlin in der Köpenicker Straße 137, Sohn des Reganten Leopold Sachs, wohnhaft zu Berlin und dessen verstorbener Ehefrau Emma geb. Seeliger, zuletzt wohnhaft in Könisgberg in Preußen, 2. Wilhelmine Henriette Minna geb. Marggraf, Wirtschafterin, evangelischer Religion, geboren am 7. Juni 1852 zu Oranienbaum im Kreise Dessau, wohnhaft zu Berlin in der Köpenicker Straße Nr. 164, Tochter des Tischlermeisters Christian Marggraf und dessen Ehefrau Sophie geb. Bär. Eine Heirat im Alter von 13 Jahren?

 

1880 wird im Adreßbuch unter M. & H. Sachs eine Chem. techn. Fabrik u. Droguenhandlung in der Köpenicker Straße Nr. 164 aufgeführt, Inhaber Heinrich Sachs.

 

Im Verzeichnis der Personen, welche mit Abgang des Schiffes am 25- März 1884 zur Auswanderung nach Amerika via Liverpool eingetragen sind und mit dem Dampfschiffe Lincoln, Capitain Jovers, unter englischer Flagge zunächst nach Grimsby befördert werden, befinden sich Sachs, Heinrich (25), Beruf Kutscher, Sachs, Minna (24), Sachs, Martha (¾), bisheriger Wohnort Berlin.

 

Am 17. September 1884 ist die Ehe zwischem dem Heinrich Sachs und der Wilhelmine Henriette Minna geb. Marggraf durch rechtskräftiges Urteil des Königlichen Landgerichts Berlin I, Civilkammer 13, aufgelöst worden.

 

Am 24. Januar 1885 erschienen in Berlin zwecks Eheschließung der Drogeriehändler Heinrich Sachs, Dissident, geboren den 3. April 1858 zu Königsberg in Preußen, wohnhaft zu Berlin Köpenicker Straße 164, Sohn des Kaufmanns Leopold Sachs und dessen Ehefrau Emma geb. Seeliger. Beide verstorben, zuletzt wohnhaft zu Königsberg in Preußen, 2. Die separirte Steinmetz Bertha, Anna, Augusta Vogt geborene Draffke, evangelischer Religion, geboren den 31. Dezember 1850 zu Sobinschütz, Landkreis Danzig, wohnhaft zu Berlin, Frankfurter Chaussee 23, Tochter des in Amerika (Ort unbekannt) seßhaften Töpfermeisters Johann Draffke und dessen Ehefrau Emilia geborene Sielav, wohnhaft in Charlottenburg bei Berlin 

 

Der Name Heinrich Sachs taucht in Friedenau erstmals 1892 als Eigentümer des Anwesens Niedstraße Nr. 1 und Inhaber der Pharmaceutischen Fabrik Friedenau auf. In einem Preisbuch wird mitgeteilt, daß die Firma 1876 gegründet wurde, und als Hoflieferanten Sr. Königl. Hoheit Dr. med. Herzog Carl Theodor in Bayern sowie Sr. Hoheit des Herzog Friedrich II. von Anhalt tätig ist. Über die Produktpalette heißt es: Fabrikation von Medicinalstiften, Tabletten, Pflastern, etc.. Elegante Special-Aufmachungen von Handverkaufs-Artikeln. Eigene Druckerei, Prägerei, Bandagenfabrik. Fabrikate eingeführt unter der Marke SACHS.

 

1899 soll die pharmazeutsche Fabrik des Hoflieferanten Herrn Sachs. Ecke Nied- und Rheinstraße eine weitere Vergrößerung erfahren, da die jetzigen Fabrikräume für den Betrieb nicht mehr ausreichen. Gegenwärtig wird auf dem alten Fabrikgebäude eine Etage aufgesetzt und Herr Sachs hofft, den einstweilen an seine Fabrik gestellten Ansprüchen zu genügen. Der Aufstieg beginnt: Spanische Rothe Kreuz-Medaille am Band (1899), Ritterkreuz des Königs von Italien (1900), Königlich Preußische Rote Kreuz-Medaille (1905), Roter Adlerorden (1906), Königlich Preußischer Kommerzienrat (1907), Gemeindeverordneter (1908), Gemeindeältester und Ehrenbürger von Friedenau (1912).

 

Nach langem Hin und Her hatten sich die Gemeindevertreter für den Bau des Rathauses am Markt zwischen Haupt-, Nied- und Lauterstraße entschieden. Dort war die Gemeinde im Besitz des 3066 qm großen Grundstücks Niedstraße Nr. 2. Da die Fläche für das umfangreiche Bauprogramm von Gemeindebaurat Hans Altmann noch immer nicht ausreichte, kam die Stunde von Heinrich Sachs. Zu einem – hohen Preis – kaufte die Gemeinde das Sachs’sche Nachbargrundstück Niedstraße Nr. 1 hinzu. Die beiden noch aus der Erstbebauung Friedenaus stammenden Landhäuser wurden abgebrochen. Am 18. Oktober 1913 erfolgte in Anwesenheit von Bürgermeister Erich Walger, Architekt Hans Altmann sowie den Gemeindeverordneten Friedrich Bache, Paul Kinow, Paul Sadée und Heinrich Sachs die Grundsteinlegung. Am 16. Dezember 1915 fand im großen Sitzungssaal des neuen Rathauses die erste Gemeindevertretersitzung statt.

 

Heinrich Sachs erwarb von Bildhauer Johannes Götz (1865-1934) das Anwesen Wilhelmstraße Nr. 5/6 und zog dort mit Ehefrau Bertha ein. Zeitgleich wurde die Heinrich und Bertha Sachs-Stiftung mit einem Kapital von 100.000 Mark gegründet, deren Verwaltung einem besonderen Kuratorium des Gemeindevorstands oblag. Jährlich durften 500 M für Wohlfahrtszwecke verwendet werden.

 

1935 verkaufte Witwe Bertha Sachs das Grundstück mit der Villa Wilhelmstraße Nr. 6 an den Kunstmaler Kyser. Mit Umbenennung der Wilhelmstraße 1938 in Golzheimer Straße und einer neuen Nummerierung der Grundstücke (aus Nr. 5/6 wurde Nr. 12/14) ging Nr. 12 an die Firma G. Hildebrandt (hallenbau). Bertha Sachs zog in eine Wohnung am Friedrich-Wilhelm-Platz Nr. 15, wo sie mindestens bis 1943 wohnte. Eine Todesurkunde ist nicht auffindbar.

 

Vermutlich fand Bertha Sachs im Grab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße auch ihre letzte Ruhe. Der derzeitige Zustand des Wandgrabes lässt darauf schließen, daß für diese Anlage inzwischen eine Grabpatenschaft gefunden wurde, und der neue Nutzer nun für Instandhaltung und Pflege sorgt.

 

 

Fundstücke zu Heinrich Sachs