Am 14. März 1909 schlug das Polizeirevier in der Hauffstraße vor, die Straße in Wilhelm-Hauff-Straße oder durchweg Moselstraße zu nennen, da laufend Verwechslungen mit der Hauptstraße vorkämen. Fünf Wochen später veranlasste der Schöneberger Magistrat Ende Mai 1909 die Umbenennung in Wilhelm-Hauff-Straße. Offen blieb, wo genau die Grenze zwischen den Gemarkungen von Friedenau und Schöneberg liegt. Aktuell gehören Nr. 1 bis Nr. 5 und Nr. 16 bis Nr. 21 zu Friedenau und Nr. 6 bis Nr. 15 zu Schöneberg.
So kam es, daß Mitte der 1890er Jahre ein Artikel über die Luxus-Papierfabrik von Kistenmacher, Schultz & Co. im Friedenauer Teil von Schöneberg in der Hauffstraße Nr. 2 erschien: Sie gehört in kommunaler Beziehung zu Schöneberg, wohin sie auch ihre Steuern entrichtet; sie ist aber als in Friedenau sesshaft eingetragen, wird von Friedenau aus postalisch bedient und bezeichnet deshalb in ihren sämtlichen Geschäftskundgebungen Friedenau als Sitz der Firma..
Luxus-Papier-Fabrik Kistenmacher, Schulz & Co
Ab 1890 publizierte der Landtagsabgeordnete des Kreises Teltow Christoph Joseph Cremer (1840-1898) literarisch geprägte Spaziergänge zum Gewerblichen Leben im Kreise Teltow, darunter einen Bericht über die Luxus-Papier-Fabrik Kistenmacher, Schulz & Co. Schöneberg, Hauffstraße 2 (Friedenau bei Berlin).
Inmitten eines reizenden Villenviertes unmittelbar an der Grenze von Friedenau hat sich die Luxus-Papier-Fabrik von Kistenmacher, Schulz & Co. sich häuslich eingerichtet. Sie gehört in kommunaler Beziehung zu Schöneberg, wohin sie auch ihre Steuern entrichtet; sie ist aber als in Friedenau seßhaft eingetragen, wird von Friedenau aus postalisch bedient und bezeichnet deshalb in ihren sämmtlichen Geschäftskundgebungen ‚Friedenau‘ als Sitz der Firma. Begründet wurde das Geschäft 1884 in Berlin, Alte Jakobstraße 131; daselbst blieb es fünf Jahre lang und wurde alsdann nach seinem jetzigen Domizil verlegt. Dort hat es einen für seine Zwecke errichteten Neubau mit stattlichem Wohnhause und freundlichen von Gärten umgebenen Arbeitslokalen inne. Über die Räume ist derart disponiert, dass im Erdgeschoss des Vorderhauses das Komtor, ein Teil des Lagers und Arbeitsstuben für feinere Ausführung, im Seitengebände die Prägerei, die Schriftdruckerei und die Buchbinderei untergebracht sind.
Die Artikel der Firma bestehen in Gratulationskarten, verzierten Briefbogen und Papierreliefs; eine ihrer Spezialitäten bilden die weltbekannten Friedenauer Seidenkarten. Außerdem fabriziert sie Briefumschläge für den eigenen Bedarf, den sie indessen nicht vollständig zu decken vermag. Das Etablissement beschäftigt gegen einen Wochenlohn von 3- bis 400 Mark durchweg 24 bis 30 der Mehrzahl nach weibliche Arbeitskräfte und gibt einer großen Hausindustrie namentlich während der Hauptsaison ihres Betriebes teils direkt teils durch ihr verantwortlichen Unternehmer lohnende Arbeit.
So weit es sich nicht um den Druck kleinerer Schriftsätze handelt, ist die Druckerei vom Friedenauer Geschäft durchaus getrennt. Die Druckerei für chromolithographische Bildwerke befindet sich in Berlin O, Holzmarktstraße 70. Dort werden nach den Entwürfen und Farbenskizzen der Friedenauer Firma die von letzerer zur weiteren Verarbeitung übernommenen Karten und sonstigen Darstellungen in chromolithographischer Ausführung angefertigt. Das für diese Drucke bisher fast ausschließlich verwandte Papier, sogenanntes gestrichenes Papier oder Chromokarton wird in einer Bogengröße von 82 x 108 Zentimeter aus Leipzig fertig bezogen. Dasselbe ist auf der zu bedruckenden Seite mit einer dünnen Lage von Kreide und Leim gedeckt, die zur Erzielung größerer Glätte satiniert wird. Durch den Überzug erlangt das Papier eine ergiebigere Aufnahmefähigkeit für Farbendruck, der auf diesem Grunde zugleich ein duftigeres Ansehen und weichere Konturen erhält. Da es sich bei den in Frage kommenden Karten meist um Dekorationsmotive wie Blumenstücke, Vögel, Genien, Engel und ideale Landschaften handelt, so trägt der Chromokarton zum gefälligern und amnutigern Äußern des Fabrikates nicht unerheblich bei. In neuester Zeit scheint indessen der Elfenbeinkarton zum Teil an die Stelle des gestrichenen Papiers treten zu sollen, und es lässt sich nicht leugnen, dass derselbe durch sein zartes Weiß und das matte, von der Lichtdurchlässigkeit des Materials herrührende Lüstre äußerst vornehm wirkt und dadurch mit der Anmut des Glanzkartons nicht erfolglos rivalisiert. Zudem bedürfen die zur Ausführung auf Elfenbeinkarton bestimmten Muster einer in allen Details genauen Durcharbeitung der Zeichnung und des Kolorits, wodurch der künstlerische Wert des Produkts nur gewinnt. Dafür lässt das neue Material aber auch jede Technik zu, während die Darstellungen auf Chromokarton nur in der äußerst mühsamen Punktmanier wiedergegeben werden konnten Für Goldpapierreliefs gelangt Nürnberger Goldkarton zur Verwendung.
Die weitere Verarbeitung, welche die Farbendrucke in dem Friedenauer Etablissement erfahren, ist sehr mannigfacher Art. Hauptsächlich erstreckt sie sich auf die Reliefprägung, auf die Herstellung von Seidenkarten und die Anfertigung von Stell- oder Klappkarten. Die Reliefprägung geschieht unter Balanciermaschinen, die mit der Hand angetrieben werden, mittels gravierter Stahl- oder Messingstempel verschiedener Größe, mit welchen die aus einem Gemisch von Kreide, Leim und Papiermasse gepressten Matrizen korrespondieren. Die Zahl der Stempel, welche die mannigfachsten Muster aufweisen, geht in die Hunderte und deren Wert in die Zehntausende. Meist haben die Stempel eine doppelte Arbeit zu verrichten. Sie geben nicht nur die Prägung, sondern leisten auch das Ausschneiden bestimmter Muster. Letzteres gelangt meist bei Goldreliefs und bei den einzelnen Stücken für die Stellkarten zur Anwendung. Einfache Stempel ohne Relief besorgen das Ausstanzen derjenigen Partien, welche auf den als Seidenkarten bezeichneten Fabrikaten in der Form von Blumen und Teilen von Gewändern aus wirklicher Seide bestehen.
Um diesen Stoff anzubringen, wird die ausgestanzte Stelle an der Rückseite der Karte, je nach dem Muster, mit weißer oder farbiger Seide in einzelnen kleinen Stückchen, deren Fläche zwischen den Bruchteilen eines Ouadratzentimeters und mehreren Quadratzentimetern variiert, überklebt, und die Seite alsdann im Ganzen ‚cachiert‘, das heißt mit ziemlich starkem Papier, das man fest anleimt, verdeckt. Nun kommt die Karte unter die Präge, welche der Seide und dem ganzen Muster das gewollte Relief mitteilt. Die zu diesen Manipulationen erforderliche Arbeit verlangt die größte Sauberkeit und die peinlichste Akkuratesse. Man darf aber auch behaupten, daß die ‚Friedenauer Seidenkarten‘ alle ähnlichen Fabrikate durch die Vorzüglichkeit ihrer Ausführung, besonders durch Farbenlustre und Plastik des Reliefs übertreffen. Der Verbrauch des Friedenauer Etablissements an Seide, zu der ausschließlich Krefelder Produkt genommen wird, beläuft sich im Jahr auf 800 bis 1000 Meter bei einer Stückbreite von 60 Zentimetern.
Nicht minder subtil geht es bei der Anfertigung der ‚Stellkarten‘ zu. Unter diesen versteht man Gratulationskarten, die, auseinandergeklappt, frei hingestellt werden können und dann eine plastisch-perspektivische Darstellung von geringerer oder größerer Ausdehnung und Tiefe zeigen. Eine derartige Stellkarte wird nicht selten aus zwanzig und mehr einzelnen Teilen zusammengesetzt, die zu einem einheitlichen Ganzen gruppiert und außer ihrer Befestigung am Hintergrund oder an der Basis durch bewegliche Stützen und Züge in ihrer Position erhalten werden. Diese Stützen und Züge müssen so eingerichtet und angebracht werden, dass sich sowohl das Aufstellen, wie das Zusammenklappen der Karte ohne das geringste Hemmnis ermöglichen. Stellkarten werden in Größen von 10 bis 25 Zentimeter Höhe und entsprechender Breite nach etwa 150 verschiedenen Mustern angefertigt. Der Entwurf der letzteren erheischt künstlerischen Blick, eine geschickte Hand, viel Geduld und genaue Kenntnis der Geschmacksrichtung in den Ländern und Gegenden, wo die Karte ihren Zweck erfüllen soll. Für das Exportgeschäft, in welchem die Firma ihre namhaftesten Umsätze macht, ist dies die erste Vorbedingung. Die Friedenauer Gratulationskarten gehen und zwar meist durch Vermittlung Hamburger Agenten über den ganzen Erdball; sie werden daher in allen Nationalsprachen europäischer und überseeischer Völkerschaften, in denen man auf zivilisierte Art und Weise Freunden und Bekannten Glückwünsche zu übermitteln pflegt, angefertigt. Deutsch, englisch, holländisch, dänisch, schwedisch, norwegisch, polnisch, ungarisch, böhmisch, russisch, französisch, italienisch, spanisch etc verlangt man in Friedenau. Es kann daher nicht auffallen, dass allein von glatten Gratulationskarten in mehr oder minder reicher Ausstattung an 600 Nummern beständig vorrätig sind. Auch zum letzten Jahreswechsel hielt die Firma wiederum eine überreiche Kollektion geschmackvoller Glückwunschkarten, von der einfachsten bis zur luxuriösesten, zur Verfügung ihrer Abnehmer.
Außer für den allgemeinen Glückwunsch, wie er zum neuen Jahr, zum Geburts- und Namenstag gespendet wird, sorgt die Firma auch für Gratulationen bei außerordentlichen Gelegenheiten. Zur Hochzeit bietet sie Glückwünsche in Form niedlicher Büchlein, die eine ansprechende Strophe, gedichtet von der Muse des Hauses in der Hauffstraße 2 enthalten, und auf deren Deckel die in Relief hervortretenden goldenen Eheringe umgeben von seidenglänzenden Myrthenblüten sich zeigen. Zur Taufe offeriert sie Erinnerungszeichen mit sinniger Symbolik, vergisst aber nicht ein kleines Kouvert in das Büchlein hineinzuheften, welches den Paten die Möglichkeit gewährt, auf die eleganteste und delikateste Weise den Grundstock für die Sparkasse des Täuflings zu stiften.
Das seit einiger Zeit unter starkem Preisdruck leidende Luxuspapier-Geschäft macht die Hervorbringung derartiger stets neuer, eigenartiger, den verschiedensten Bedürfnissen und Launen entgegenkommender Artikel zur Notwendigkeit; bei aller Schönheit und Gediegenheit seiner in den reizendsten und heitersten Formen sich; darbietenden Erzeugnisse erfordert es unausgesetzt die ernsteste Anstrengung und die umsichtigste kaufmännische und technische Leitung.
Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 3
Am 14. März 1909 schlug das Polizeirevier in der Hauffstraße vor, die Straße in Wilhelm-Hauff-Straße oder durchweg Moselstraße zu nennen, da laufend Verwechslungen mit der Hauptstraße vorkämen. Fünf Wochen später veranlasste der Schöneberger Magistrat Ende Mai 1909 die Umbenennung in Wilhelm-Hauff-Straße. Offen blieb, wo genau die Grenze zwischen den Gemarkungen von Friedenau und Schöneberg liegt.
So kam es, daß Mitte der 1890er Jahre ein Artikel über die Luxus-Papierfabrik von Kistenmacher, Schultz & Co. im Friedenauer Teil von Schöneberg in der Hauffstraße Nr. 2 erschien: Sie gehört in kommunaler Beziehung zu Schöneberg, wohin sie auch ihre Steuern entrichtet; sie ist aber als in Friedenau sesshaft eingetragen, wird von Friedenau aus postalisch bedient und bezeichnet deshalb in ihren sämtlichen Geschäftskundgebungen Friedenau als Sitz der Firma.
Im April 2026 erhielten wir eine Mail von den heutigen Eigentümern des Grundstücks: Irgendwann vor dem Ersten Weltkrieg hat sich die Nummerierung der Grundstücke in der Wilhelm-Hauff-Straße geändert. Im historischen Lageplan stand ursprünglich Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 2 und wurde handschriftlich auf Nr 3 berichtigt. Am 1. September 1926 wurde die Moselstraße zwischen Ringstraße (Dickhardtstraße) und der Gemarkungsgrenze zu Schöneberg ebenfalls in Wilhelm-Hauff-Straße umbenannt. Eine amtliche Mitteilung, ob mit der Umbenennung auch eine neue Nummerierung der Grundstücke erfolgte, ist nicht bekannt. Aktuell gehören Nr. 1 bis Nr. 5 und Nr. 16 bis Nr. 21 zu Friedenau und Nr. 6 bis Nr. 15 zu Schöneberg.
Nun erfuhren wir, daß unsere Urgroßmutter Catharina Antonie Elisabet Seidlitz geb. Axmacher ursprüngliche Eigentümerin des Grundstücks Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 2 respektive Nr. 3 war und sich das Anwesen noch heute im Familienbesitz befindet. Unsere Recherchen ergaben neben einer ziemlich komplizierten Famiiengeschichte auch einen Einblick in die Baugeschichte.
Es begann am 16. April 1891 auf dem Standesamt Schöneberg. Da erschienen zum Zweck der Eheschließung:
1. der Kaufmann Oscar Otto Hugo Seidlitz, geboren den 19. Juni 1851 zu Berlin, wohnhaft zu Schöneberg, Fregestraße 63, Sohn des Kaufmanns Karl Ernst Friedrich Seidlitz und dessen Ehefrau Maria Henriette Albertia geb. Jäckel, beide wohnhaft zu Berlin.
2. die Catharina Antonie Elisabet Axmacher, geboren am 13. September 1873 zu Berlin, wohnhaft zu Schöneberg Hauffstraße 2, Tochter des in Münster verstorbenen Premiersleutnant und 2ten Depot-Offiziers beim Westfälischen Train-Bataillon Nr. 7 Albert Axmacher und dessen Ehefrau Maria Ida Magdalena geb. Klockler, jetzt verehelichte Fabrikant Kistenmacher zu Schöneberg.
Das Ehepaar zog in die 1. Etage der Handjerystraße Nr. 27/28. Oscar Seidlitz nannte sich nun Fondsmakler an der Fondsbörse in der Burgstraße. In der Wohnung hielt er von 8-11 und 5-7 Bürostunden ab. Am 5. August 1892 wurde Tochter Gertrud Ida Albertina Seidlitz geboren, die später die Roennebergsche Höhere Mädchenschule in der Moselstraße besuchte.
Witwe Maria Ida Magdalena geb. Klockler heiratete am 29. September 1877 den Kaufmann Carl Hermann Kistenmacher, wohnhaft in Berlin-Friedenau, Handjerystraße 50/51. Am 4. November 1878 wurde Sohn Konrad Karl Emil Hermann Kistenmacher geboren – der Stiefbruder von Catharina Antonie Elisabet Seidlitz
Hermann Kistenmacher hatte seine 1884 in Berlin gegründete Chromolithographische Anstalt 1888 um die Luxus-Papier-Fabrik Kistenmacher, Schulz & Co. erweitert – mit einem für seine Zwecke errichteten Neubau nebst stattlichem Wohnhause und freundlichen von Gärten umgebenen Arbeitslokalen. Der Autor und langjährige Landtagsabgeordnete Christoph Joseph Cremer (1840-1898), ein guter Kenner der gewerblichen Verhältnisse des Kreises Teltow, warnte schon frühzeitig: Das seit einiger Zeit unter starkem Preisdruck leidende Luxuspapier-Geschäft macht die Hervorbringung stets neuer zur Notwendigkeit. Es erfordert unausgesetzt die ernsteste Anstrengung und die umsichtigste kaufmännische und technische Leitung.
Er sollte recht bahalten. 1908 wurde über das Vermögen der Firma Kistenmacher & Co. Hauffstraße 2, Privatwohnung Rheinstraße 6, das Konkursverfahren eröffnet. Auf Grund nachträglich angemeldeten Forderungen wurde der Termin mehrfach verschoben. Vermutlich gelang dem Fondsmakler Oscar Seidlitz, dem Ehemann von Antonie Seidlitz, eine Lösung. Bevor das Ehepaar in das eigene Haus in die Villenkolonie Waidmannslust zog, wurde das Grundstück Hauffstraße Nr. 2 an Klingbeil & Co für den Neubau von Mietshäusern verkauft und eine Restkaufgeld-Goldmarkhypothek in das Grundbuch eingetragen.
Klingbeil hatte sich mit dem Bau des vierstöckigen Vorder- und Gartenhauses übernommen. Es kam zur Zwangsversteigerung. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger meldete am 21. August 1911: Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 2, der offenen Handelsgesellschaaft Klingbeil & Co. in Friedenau, Rheingaustraße Nr. 29, gehörig. 10,36 Ar. Nutzungswert 10.770 M. Mit dem Gebot von 202.000 M. bar blieb der Rentier Hermann Kistenmacher in Waidmannslust, Waldstraße 9, Meistbietender. Im Grundbuch soll Antonie Seidlitz als Eigentümerin eingetragen worden sein.
Am 29. Dezember 1920 heiratete Gertrud Seidlitz den am 15. Mai 1897 in New York geborenen und in Lübars, Ninnrodstraße Nr. 105, wohnenden Abteilungsleiter Heinrich Paul Meyer. Die Ehe wurde am 10. Mai 1927 geschieden.
Am 17. März 1930 erklärte Antonie Seidlitz ihren letzten Willen: Zu meinen Erben setze ich meinen Ehemann, den Privatier Oscar Seidlitz und meine Tochter Gertrud Meyer geb. Seidlitz ein. Für diejenigen meiner Enkelkinder, die zur Erbschaft berufen werden, ehe sie volljährig sind, setze ich als Testamentsvollstrecker meinen Stiefbruder, Herrn Konrad Kistenmacher, Berlin-Friedenau, Roennebergstraße Nr. 4 ein. Ich schliesse die Verwaltung und Nutzniessung des Vaters (gemeint ist wohl Heinrich Paul Meyer) an dem Erbteil meiner Enkel aus. Sollten meine Erben, Nacherben und Ersatzerben mit mir gemeinsam sterben, so vermache ich meinen Grundbesitz mit allem Zubehör in Waidmannslust dem Vaterländischen Frauen-Verein vom Roten Kreuz. Im Übrigen soll mein Stiefbruder Konrad Kistenmacher dann mein Erbe sein.
Antonie Catarine Elisabet Seidlitz geb. Axmacher, wohnhaft in Berlin-Waidmannslust, Waldstraße Nr. 9, verstarb am 21. Mai 1940 im Krankenhaus Sankt Dominikusstift Berlin-Hersdorf. Konrad Kistenmacher verstarb am 20. Juli 1942. Oscar Otto Hugo Seidlitz, der sich mit den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg offensichtlich in die Lausitz abgesetzt hatte, verstarb am 5. Februar 1945 in seiner Wohnung in Forst, Cottbuser Straße Nr 19.
Urkunden zur Familie
Dokumente zum Bau
Höchste Gefahr für unser Kulturerbe
So titelte die FAZ am 21. Mai 2026: Ob und inwieweit Eigentümern der Erhalt eines Denkmals zugemutet wird, ist künftig vorrangig unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bewerten. Außerdem sei in Deutschland eine Tendenz zu beobachten, die Denkmalpflege zum Südenbock zu stempeln für so ziemlich alles, was beim Planen und Bauen schiefläuft.
1980 beschlossen die Kultusminister eine Dokumentation des baulichen Erbes der Bundesrepublik. 1995 wurde die Aufgabe dem Landesdenkmalamt Berlin (LDA) übertragen. 2000 erschien die Topographie Friedenau. 2018 der Friedenauer Teil von Schöneberg. Bei diesen Versuchen ist es geblieben. 2023 entmachtete die schwarz-rote Koalition das LDA Berlin und unterstellte es der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen – als oberste Denkmalschutzbehörde. Seither ist die Schaffung von Wohnraum von stadtentwicklungspolitischem Belang. Berlin wird verdichtet. Das historische Weichbild mit dem Nebeneinander von Flüssen, Seen, Wäldern, Parks, Laubenkolonien und Kiezen wird zerstört.
2025 wurde der Abriss des Elektizitätswerks der Gemeinde Friedenau (1905) für den Bau von Eigentumswohnungen der Bauwert AG mit der Begründung genehmigt, daß das Grundstück durch die Bestandsgebäude von der Kubatur her schlecht ausgenutzt wird und die Gebäude als Gewerbe nicht unter Denkmalschutz stehen (mehr unter Rheingaustraße).
2018 führte die Bauwert AG mit dem Bezirksamt Schöneberg Beratungsgespräche über den Abriss des Pählchen’schen Fuhrhofs (1895), bei denen die Untere Denkmalschutzbehörde offensichtlich signalisiert hatte, daß dem Bau von Eigentumswohnungen mit Tiefgarage nichts im Wege steht. Nachdem wir auf die städtebauliche Bedeutung des Fuhrhofs und die Historie der Straße hingewiesen hatten, formierte sich der Anwohnerprotest. Am 25. Februar 2019 bat Baustadtrat Jörn Oltmann das Landesdenkmalamt um Prüfung. Am 13. Mai 2019 stellte das LDA das Ensemble mit Fuhrhof, Landhaus und Atelier unter Denkmalschutz (mehr unter Görresstraße).
Während die Bauwert AG gegen den Bescheid klagte, zog die Senatsbauverwaltung das Bauvorhaben an sich und widerrief den Denkmalschutz. Der Abriss scheint nur noch eine Frage der Zeit. Der Wohnungsbau-Wahn des seit 1992 werkelnden SPD-Senators Christian Gaebler fordert also ein weiteres Opfer in Friedenau. Welchen Wert hat die Expertise der Denkmalschützer inzwischen? Um es klar zu sagen: Sie spielt keine Rolle mehr in einer Stadt, die geschichtsvergessen nur noch bunkerähnliche architektonische Massenware in die Kieze setzen lässt. Das Mantra Wohnungsbau macht das historische Erbe zur Verfügungsmasse fragwürdiger Bauherren.
Wilhelm-Hauff-Straße Nr. 9 & Nr. 10
Das LDA ist aber nicht unschuldig. 2018 wird zum Beispiel die Villa Herms in der Wilhelm-Hauff-Straße Nr 10 in der Topographie Der Friedenauer Teil von Schöneberg zum Baudenkmal erhoben, obwohl die Untere Denkmalschutzbehörde von Schöneberg zuvor den Ausbau des flachen Mansardwalmdaches für zwei Dachterrassen genehmigte und damit massive Eingriffe in die historische Bausubstanz (1891/1892) zuließ. Obendrein erwähnen die Autoren eine Einfriedung des Grundstücks mit schmiedeeisernen Gittern, verschweigen aber, daß das Gitter mit den stabilisierenden Gabionensäulen bis heute die Grundstücke Nr. 10 und Nr. 9 umschließt und ein Zusammenhang zwischen beiden Bauten nicht zu übersehen ist.
Zum Villenbesitzer Herms war uns bisher nur bekannt, daß auf dem Friedhof Stubenrauchstraße seit mehr als einem Jahrhundert das Wandgrab von Wilhelm Herms und seiner Ehefrau Luise geb. Heitzmann erhalten ist. Zu danken haben wir Heike Brett und Horst Hartwig, die mit ihren Beiträgen zur Geschichte der märkischen Ziegeleien und ihrer Familien Licht in das Dunkel brachten.
Die Herms’sche Familiengeschichte beginnt 1852 im Westhavelland. Da stellt der Ackerbürger Johann Peter Herms (1774-1896) beim königlichen Landratsamt in Genthin den Antrag für den Bau eines Erdofens und einem Ziegelmeisterhaus bei Böhne. Nachfolger wurde sein Sohn Andreas (1837-1913), der 1868 Karoline Eggert (1850-1923) aus Zollchow heiratete. Aus dieser Ehe stammen die Söhne Johann Peter Andreas Herms (1837-1913) und Friedrich Wilhelm Herms (1840-1911). Der Erstgeborene übernahm die väterliche Ziegelei in Böhne, der Jüngere heiratete in die Heitzmann’sche Ziegelei in Groß Wusterwitz ein. Aus der Ehe mit Luise Heitzmann (1841-1910) stammen zwei Söhne. Am 27. Juni 1867 wurde Wilhelm Herms jun. in Böhne geboren. Die Lebensdaten des zweiten Sohnes Paul sind nicht bekannt.
Die Herms’schen Ziegeleien in Böhne und Groß Wusterwitz produzierten rote Ziegel mit dem eingestempelten Siegel. Kaum war Berlin 1871 Hauptstadt des Deutschen Reiches, wurden für den Bau der Mietskasernen aber Millionen Ziegel gebraucht. Die Ringöfen im Havelland waren in die Jahre gekommen. Der Transport nach Berlin über Kanäle und Havel ohnehin mühsam.
1867 war die Berlin-Görlitzer Bahn mit der Station Halbe eröffnet worden. 1885 kam es zu einem Vertrag zwischen dem Ziegeleibesitzer Wilhelm Herms mit dem Forstrevier Hammer über die Nutzung einer Parzelle des Jagens 200 – nahe Halbe, von dessen Bahnhof die Ziegel direkt nach Berlin geliefert werden konnten.
1889 wurde die Schöneberg-Friedenauer Terrain-Gesellschaft für den Bau des Wohnviertels hinter der Wannseebahn gegründet. Kurze Zeit später verkündete der Unternehmer Salomon Haberland die Errichtung des Bayerischen Viertels für ein finanzstarkes Publikum. Herms schuf mit der Zusammenführung von sechs Ziegeleien die Vereinigte Halber Dampfziegeleien AG. Als Hauptaktionär sorgte er dafür, daß dann jährlich 20 Millionen Steine gefertigt wurden. Er erwarb die an die Stammbahntrasse grenzenden Flurstücke an der äußersten Ecke der Hauffstraße, über die man einst ohne den Umweg über die Wielandstraße direkt nach dem Wannseebahnhof gelangen konnte, um dann parallel den Schienen den schmalen Weg bis zur Bahnhofshalle zu nehmen.
Im Adreßbuch von 1893 heißt es: Hauffstraße 8a (Neubau, siehe Nr. 8b) und Nr. 8b Eigentümer Herms Direktor. Mit der Umbenennung in Wilhelm-Hauff-Straße wurden daraus Nr. 9 und Nr. 10.
Das viergeschossige Mietshaus Nr. 9 besteht aus einem Vorderhaus und zwei kurzen Seitenflügeln und wurde entgegen der üblichen Ausrichtung quer zur Straße errichtet, so daß der Hauseingang zwischen den beiden Seitenflügeln und genau gegenüber dem Eingang zu Nr. 10 liegt.
Die Außenwand von Nr. 9 mit ihren akkurat gesetzten roten Ziegelsteinen ist dekorativ gegliedert. Neben Kartuschen, Pilastern und Lisenen aus hellem Stein fällt über dem Zierrahmen des Mittelfensters im ersten Stock die Inschrift Haus Victoria auf. Dafür findet sich keine Erklärung. Der Baumeister ist nicht bekannt.
Die aufwendig gestaltete weißgeputzte Villa nebenan könnte vergessen machen, daß sich hinter dem neobarocken Stuckdekor mit seinen Risaliten, Erkern und Giebeln Ziegel verbergen. Verbaut wurden poröse Hintermauerungsziegel aus den Herms‘schen Ziegeleien in Halbe. Die Massenware für die Basis-Bausubstanz der Mietshäuser bot einen guten Untergrund für Wandputze. Beide Bauten stehen für den Wandel des in Berlin eingesetzten märkischen Baumaterials Ziegel.
Spätestens mit Fertigstellung der beiden Häuser verlegte Herms seinen Wohn- und Firmensitz nach Friedenau. Von hier aus führte er mit seinen Söhnen Wilhelm jun. und Paul die Geschäfte der Ziegeleien in Halbe, Zernsdorf und Klausdorf. 1903 kam die Meißener Tonwaren- und Kunststein AG mit feuerfesten Produkten, Steinzeug-Waren und Fußbodenplatten hinzu.
Senior Wilhelm Herms wohnte im Partrerre von Nr. 10. Ein Jahr später zog der Architekt Emil Schütze in die erste Etage. Beide Häuser waren jedenfalls bis in die 1920er Jahre im Besitz der Herms’schen Erben.
Friedrich Wilhelm Herms verstarb am 27. Dezember 1911 im Alter von 71 Jahren. Ein Jahr zuvor war am 25. Januar 1910 seine Ehefrau Luise Karoline Friederike Herms geborene Heitzmann mit 68 Jahren verstorben. Die schwierige Lage am Berliner Baumarkt vor dem Ersten Weltkrieg führte schließlich zur Liquidation der Firma. Das Gelände der Ziegeleien in Halbe ging in der Zwangsversteigerung an die Nationalbank für Deutschland als Hauptgläubiger.
Epilog
Am 16. Dezember 1911 teilte das Städitische Auguste Viktoria Krankenhaus mit, daß der Baumeister Wilhelm Leopold Otto Emil Schütze, 51 Jahre alt, wohnhaft in Schöneberg, Wilhelm-Hauff-Straße 10, geboren zu Wittenberge, verheiratet mit der in Schöneberg wohnhaften Else Maria geborene Roy, Sohn des verstorbenen Stationsvorstehers Julius Karl Schütze, zuletzt wohnhaft in Berlin, und seiner verstorbenen Ehefrau Auguste geborene Erdmann, zuletzt wohnhaft in Dahlenburg bei Wittenberge, zu Schöneberg, in diesem Krankenhause am 15. Dezember 1911 verstorben sei.
Nach Entwürfen von Emil Schütze entstanden außer der Villa Herms die bis heute erhaltenen Mietshäuser Wielandstraße 25-25B (1892-93) und Wielandstraße 14 (1893-94).