Bernhardstraße

 

Die Straße gehört zum Ortsteil Wilmersdorf und erhielt 1893 den Namen Bernhardstraße. Am 28. September 1901 meldete der Friedenauer Lokal-Anzeiger, daß die von der Ringbahnstraße aus nach dem Bahnhof Wilmersdorf-Friedenau am Bahngelände entlang und dann wieder nach der Ringbahnstraße zurückführende U-förmige Straße dicht neben dem Eisenbahndamm bis zur Kaiserallee durchgelegt wird. Ab 1895 entstehen in dem dreiteiligen Quartier viergeschossige Wohnhäuser: Im westlichen Teil die Häuser Nr. 7A bis Nr. 10 (rechts) und Nr. 11 bis Nr. 15 (links), zur Bahntrasse hin Nr. 5 bis Nr. 7 sowie im östlichen Teil Nr. 1 bis Nr. 4 (links) und Nr. 16 bis Nr. 18A (rechts).

 

Mit Inbetriebnahme der Ringbahn im November 1877 war eine Station errichtet worden, die 1881 den Doppelnamen Wilmersdorf-Friedenau erhielt. Unter der Trasse wurde ein Tunnel gebaut, über den der Bahnsteig sowohl von der Bernhardstraße als auch von der Brünnhildestraße erreichbar und ein Fußweg zwischen Wilmersdorf und Friedenau möglich war. Im Zweiten Weltkrieg wurden einige Häuser durch Bomben zerstört.

 

1963/64 wurden mit dem Bebauungsplan IX-82 die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme der für den Straßenbau benötigten Grundstücksflächen geschaffen. Beschlossen wurde, daß der zwischen den Grundstücken Bundesplatz 10-12 und der Prinzregentenstraße gelegenen Bauabschnitt des Stadtringes Berlin als Hochstraße ausgeführt wird.

 

Außer den unmittelbar von den Straßenbaumaßnahmen betroffenen Grundstücken Berhardstraße 3-7A und 14-16, Prinzregentenstraße 48-49 und einem schmalen Streifen des Eisenbahngeländes mußten auch die Grundstücke Wexstraße 33, Bernhardstraße 17 und Prinzregentenstraße 47 wegen ihrer Lage zum Stadtring vollständig in den Geltungsbereich des Bebauungsplanes einbezogen werden. Für die zuletzt genannten Grundstücke und die außerhalb des Straßenlandes verbleibenden Restflächen der Grundstücke Bernhardstraße 3-7A, die einzeln nicht mehr bebaubar sind, setzt der Bebauungsplan als Maß der Nutzung höchstens 5 Vollgeschosse fest. Nach Fertigstellung des Stadtrings blieben abgeschnittene Wohnhäuser und zwei Teile der Bernhardstraße übrig, die keine Verbindung haben und nur von der Wexstraße zu erreichen sind.

 

Bebauungspläne IX-82 von 1964 

 

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Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau, Zugang von der Bernhardstraße, 1912

Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau

 

Bevor Berlin 1871 Hauptstadt wurde, entschied sich Preußen 1862 zum Bau der Ringbahn. Zwischen Kaiserallee und Handjerystraße wurde ein Viaduktbau erforderlich. Mit Inbetriebnahme der Ringbahn 1877 bekam die Gegend auch eine Station, die 1881 den Namen Wilmersdorf-Friedenau erhielt. Gebaut wurde ein Tunnel von der Bernhardstraße zur Varziner Straße, der zugleich den Zugang zum hochgelegenen Bahnsteig ermöglichte.

 

1912 gab es zwischen der Gemeinde Friedenau und der Eisenbahndirektion Differenzen über den Bau des zweiten Ausgangs zum Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau. Beanstandet wurde, dass der Aufgang von der Bernhardstraße aus angelegt werde und einen Zugang von der Prinzregentenstraße, also von Friedenau aus, hinter der Unterführung erhalte. Die Treppe hätte doch besser in der Unterführung angelegt werden müssen. So habe der Zugang wenig Wert für Friedenau.

 

Wochen später hatte sich die Aufregung gelegt: Die Anlage des 2. Zuganges zum Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau geht ihrer Vollendung entgegen. Der Treppenaufgang ist bereits fertiggestellt; das nach Norden gelegene Gleis wurde unterführt und das kleine Stationsgebäude an der Bernhardstraße ist im Rohbau fertig. In dem Gebäude werden mehrere Schalter für den Fahrkartenverkauf eingerichtet. Am Bahndamm entlang führt dann nach der Prinzregentenstraße ein zweiter Zugang zu dem neuen Stationsgebäude. Man wird also in Zukunft sowohl von der Bernhardstraße wie auch von der Unterführung im Zuge der Handjery- und Prinzregentenstraße aus den Ringbahnhof erreichen können. Das neue Bahnhofsgebäude am Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau an der Bernhardstraße ist am 1. November 1912 in Betrieb genommen worden.

 

1938 wurde die Ringbahnstation in Wilmersdorf umbenannt. Nach dem Mauerbau entstand die U-Bahn-Linie 9 und 1971 der U-Bahnhof Bundesplatz. Mit dem S-Bahn-Streik von 1980 war die Station Wilmersdorf außer Betrieb. Bevor der S-Bahn-Verkehr auf der Ringbahn wieder aufgenommen wurde, verlegte man den Bahnhof Wilmersdorf um rund 100 Meter nach Westen zum Bundesplatz hin. Seit 1993 gibt es die Umsteigestation U+S-Bahnhof Bundesplatz. Der Tunnel unter dem Bahnviadukt blieb erhalten, als Zugang zum Bahnsteig und als Durchgang zwischen Bernhardstraße in Wilmersdorf und der Varziner Straße in Friedenau.

 

Briefmarke Hildegard Knef zum 100. Geburtstag am 28. Dezember 2025

Bernhardstraße Nr. 5

Hildegard Knef (1925-2002)

 

Zum 100. Geburtstag von Hildegard Knef gaben das Bundesministerium für Finanzen und die Deutsche Post AG im Dezember 2025 eine Sonderbriefmarke heraus. In der Ankündigung heißt es: Entwurf: Chayenn Gutowsk, Bonn. Motiv: Porträt von Hildegard Knef vor roten Rosen. Foto Ulrich Mack. Wert: 0,95 EUR. Format PWZ: Breite: 55,00 mm; Höhe: 30,00 mm. Auf allen vier Randstücken der schmalen Markenbogenseite wird ein EAN-Code platziert. Die betreffenden Randstücke bleiben weiß. Hildegard Knef wohnte von 1933 bis 1945 in der Bernhardstraße. In Der geschenkte Gaul gibt sie 1970 einen eindringlichen Blick in diese Jahre. Es ist ihre Geschichte und zugleich die einer ganzen Generation. Wir erinnern an Deutschlands letzte Diva.

 

 

Die Bernhardstraße war ein Hufeisen ohne Rundungen, ein Quadrat mit drei Schenkeln, eine Straße, die nach drei Himmelsrichtungen ging: nach Süden, nach Osten, nach Westen. Das unvollständige Quadrat wurde im Norden durch die Wexstraße vervollständigt. Die Wexstraße war eine laute, eine großstädtische Straße und lief vom Kaiserplatz bis zum Innsbrucker Platz. Die Bernhardstraße war Fußballplatz, Radrennbahn, ein Dorf mit achtzehn vierstöckigen Häusern ...

 

Wir wohnten 1933 erst Nr. 5 in zwei Zimmern, einige Jahre später Nr. 6 in vier. Nr. 5. Beide lagen auf der Südseite, und an der Ecke der Süd- und Westseite lag unser Geschäft, es hatte zwei große Fenster und ein großes Schild, darauf stand ‚Besohlanstalt‘, mein Stiefvater Wilhelm Wulfestieg hatte etwas gegen das Wort Schuhmacherei ...

 

Gegenüber der Südseite lag der S-Bahnhof Wilmersdorf, ein Bahnhofseingang lag gegenüber vom Geschäft, und dadurch bekamen wir viel ‚Laufkundschaft‘, wie mein Stiefvater das nannte, sie wollten in Eile einen Absatz oder gerissene Nähte repariert haben oder kauften bloß Schnürsenkel. Die feste Kundschaft kam aus der Bernhardstraße…

 

Da war der Bäcker Sehmisch und seine Familie, sein Geschäft lag auf der Westseite, es war groß und sauber, und Herr Sehmisch sah so knusprig aus wie seine Brötchen. Über den Sehmischs wohnten die Neumanns, von ihrem Balkon konnten sie in unser Geschäft sehen und einen Teil vom Bahnhof… Neben den Sehmischs war das Lebensmittelgeschäft und ein Bonbonladen, dann kam ein Fischgeschäft und die Wexstraße, auf der anderen Seite hatten zwei alte blaugefrorene Menschen, die auch im Sommer nach Winter aussahen, einen Milchausschank, dahinter war eine Leihbücherei...

 

Unsere Seite hatte bis auf einen Werkzeug-Ersatzteil laden gar keine Geschäfte, der Besitzer des Werkzeug-ErsatzteiBadens lebte mit einer rothaarigen Frau nur zwischen seinen Ersatzteilen, wir sahen ihn fast nie …

 

Direkt am Bahnhofseingang lag der Zigarrenladen von den Gorczellanceks, sie mußten aber dann nach 1935 den Laden aufgeben, eine Familie Toedt zog ein, sie waren sanfte, stille Leute, und das Ganze mit den Gorczellanceks war ihnen sehr unangenehm. Die Gs wohnten noch einige Jahre in ihrer Wohnung am Cosimaplatz in Friedenau, und die Bernhardstraßenbewohnergingen nachts zu ihnen und brachten Eßwaren und Zeitschriften - die Gs waren stolz und ließen sich nicht gern etwas schenken, und so hatten wir langsam einen Teil ihres Geschirrs kaufen müssen und Handtücher und Bestecke, die halbe Straße hatte Sachen von den armen eingesperrten Gorczellanceks….

 

Eines Abends gingen meine Mutter und ich wieder zum Cosimaplatz, aber an der Ecke warnte uns eine Frau, nicht hinaufzugehen, sie waren abgeholt worden, oder sie sollten abgeholt werden, denn als die Gestapo morgens um 4 oder 5 klingelte, hatten sie sich mit ihren zwei Kindern vergiftet...

 

An der Ecke Wexstraße und Bernhardstraße war noch ein jüdisches Geschäft, ein Kurzwarenladen - sie hießen Kaufmann, und die Frau hatte sich die Haare ganz blond gefärbt und sagte immer zu Mutter, ihr würde man bestimmt nichts tun. Eines Morgens holten sie ihren Mann ab, sie flüchtete aufs Dach und fiel herunter. Um die Kaufmanns tat es allen sehr leid, sie waren seit Ewigkeiten in Berlin und hingen sogar die Hakenkreuzfahne zu Hitlers Geburtstag heraus - die dachten immer, das würde was nützen….

 

Frau Block, unsere Portiersfrau von Nr. 5, die wir alle Mutter Blocken nannten, hatte keinen Mann, dafür zwei Töchter, Marianne und Lorchen, war bei den späteren Bombenangriffen die Tapferste und Einfallsreichste in der Straße, sie kam mit Familie, und jeder hatte einen feuerfesten Kochtopf auf dem Kopf, darüber ein Kissen und das Ganze mit einem Riemen zusammengehalten. Als wir den ersten schweren Angriff auf Wilmersdorf hatten und eine Stunde lang die Bomben sausten, das Licht ausging und die Wände wackelten, da sagte Mutter Blocken immer wieder: ‚Solange man se hört, treffen se nich‘ …

 

Bernhardstraße 11 Ecke Wexstraße, um 1935. Archiv Ewald Mahr

Bernhardstraße Nr. 11

Die Familien Rudel & Mahr

 

Im Adressbuch von 1895 wird für diverse Grundstücke in der Bernhardstraße als Eigentümer der Friedenauer Bauunternehmer Hermann Pählchen (1861-1895) aufgeführt. Da Pählchen im Alter von 34 Jahren am 27. Juli 1895 verstarb, kam es am 1. Oktober 1895 zu einer Zwangsversteigerung für die Baustelle Bernhardstraße Nr. 11 (Flächenraum 7,87 a, Nutzungswert zur Gebäudesteuer 8800 Mark). Neuer Besitzer wurde 1896 der Kaufmann Johannes Rudel (1860-1930). Ein Jahr später war das Eckhaus vollendet. Eingezogen waren Weinhandlung und Gastwirtschaft im Erdgeschoss, Familie Rudel und 10 Parteien.

 

Johannes Rudel war seit 1887 mit mit Theresia geb. Buchold verheiratet. Im Haus wird Tochter Charlotte (1895-1948) geboren. Sie heiratet 1934 den Dentisten Hans Mahr (1878-1944). Ein Jahr später kommt am 20. Mai 1935 Sohn Ewald Mahr zur Welt.

 

Das Haus Bernhardstraße Nr. 11 hat den Weltkrieg überlebt und befindet sich bis heute im Besitz der Familie Rudel. Auf dem Foto von links nach rechts: Waldemar Rudel (1898-1974); Johannes Rudel (1860-1930), Großvater von Ewald Mahr; Theresia Rudel geb. Buchold (1861-1940), Großmutter von Ewald Mahr; Charlotte Rudel (1895-1948), verheiratet mit Hans Mahr, Eltern von Ewald Mahr (* 1935f); Max Rudel (1892-1969); Hans Rudel (1888-1966).

 

 

Der spätere Diplomkaufmann wird 1961 Mitarbeiter der TELEFUNKEN GmbH Berlin – eine schwierige Zeit, da die wesentlichen Geschäftsbereiche bereits Anfang der 1950er Jahre von West-Berlin nach West-Deutschland verlagert wurden. Der Schein wurde gewahrt, das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz 1961 als Unternehmenssitz gefeiert. 1967 wurde TELEFUNKEN zu AEG-TELEFUNKEN mit Firmensitz Frankfurt am Main. 1977 wurde das Apparatewerk in der Ackerstraße geschlossen. Von da an ging es mit AEG-TELEFUNKEN bergab. Heute sind wir in Berlin ja völlig entindustrialisiert. In unserem Werk in der Sickingenstraße in Moabit ist heute das Arbeitsamt drin, das sagt doch schon alles. 33 Jahre, zuletzt als Personalleiter, hat Ewald Mahr bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 1994 für TELEFUNKEN gearbeitet. Zum Gründungsjubiläum der Firma erschien 2003 das Buch TELEFUNKEN nach 100 Jahren mit den Beiträgen Im Kraftfeld von Zeitgeschehen – Zeitgeist – Erfindergeist und Entwicklung und Kraft der Marke TELEFUNKEN von Ewald Mahr – nichts von Nostalgie, eine Hommage an eine deutsche Weltmarke, die neben Digital Audio Broadcasting (DAB) und Farbfernsehsystem (PAL) über 20.000 Patente einbrachte.

 

So blieb es bis zu den Bombenangriffen zwischen 1943 und 1945. Während Nr. 11 einigermaßen verschont blieb, wurden die Nachbarhäuser zerstört.

 

 

Nach Kriegsende wurde die Bernhardstraße zum Schwarzmarkt. Später wurden die Ruinen abgetragen und im Wiederaufbauprogramm West-Berlins mit Gebäuden des Sozialen Wohnungsbaus bebaut. Das letzte Gebäude in diesem Teil der Bernhardstraße mit der Nr. 14 vor dem Eingang zum S-Bahnhof Wilmersdorf wurde für den Bau der Stadtautobahn abgerissen, ebenso die übrigen Häuser entlang der Gleisanlagen sowie Nr. 48 und 49 der Prinzregentenstraße. Seitdem gibt es die zwei von der Wexstraße zu erreichenden Stummel-Teile der Bernhardstraße.

 

Ewald Mahr kennt sich aus. Der geborene Wilmersdorfer weiß um die connections in Friedenau und Schöneberg.

 

 

 

 

 

1977 zieht Ewald Mahr mit seiner Ehefrau in die Dickhardtstraße. Früher hieß sie Ringstraße. 1967 wurde sie nach Konrad Dickhardt benannt, der von 1959 bis 1961 Schöneberger Bürgermeister war. Die Wohnung zu bekommen, war ein echter Krimi. Noch 1977 musste man sich in West-Berlin für die bisherige Wohnung vom Wohnungsamt einen Umsetzschein ausstellen lassen. Sonst war nichts mit Umzug. 2000 Mark wurden von einem Wohnungsvermittler auch noch abgeknöpft – und zitiert Günter Eich: Wer wollte leben ohne den Trost der Bäume. 2018 feierten sie Diamantene Hochzeit. Ihre Tochter Nicola wohnt noch immer im Haus Bernhardtstraße Nr. 11.


 

 

 

 

***

Ewald Mahr, 2018

Ewald Mahr aus der Bernhardstraße

 

Als wir 2015 Friedenau – Geschichte & Geschichten präsentierten, trafen wir den Architekturhistoriker Dr. Peter Lemburg und den Diplomkaufmann Ewald Mahr. Beide Herren gehörten seit 2011 mit zu den Initiatoren der Bürgerinitiative Breslauer Platz. Wir wussten nicht, dass sie sich inzwischen von der Bürgerinitiative distanziert hatten, nachdem bemühte Laien das Zepter in die Hand genommen hatten und die berechtigten Einwände von Fachleuten und Anwohnern abtaten. Als sich die Bürgerinitiative Breslauer Platz dann auch noch aufschwang, für die irrsinnige Bebauung des Güterbahnhofgeländes zu plädieren, wurde es Ewald Mahr zu viel. In einem Schreiben vom 5. November 2015 an Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel erinnerte er diesen an seine frühere Forderung, bewachsene Randbereiche von Bahntrassen als Verbindungsbiotope und Grünverbindungszüge zu nutzen. Mahr plädierte nun vehement dafür, das Bauvorhaben aus klimatologischen Gründen zu verwerfen. Friedenau ist der am dichtesten bewohnte Ortsteil mit einem Defizit von 88 ha Grün-und Freiflächen.

 

 

Als sich die rot-grüne Zählgemeinschaft von Tempelhof-Schöneberg weigerte, die im Kleist-Park zwischengelagerten Rossebändiger für das Humboldt-Forum herauszurücken, wartete Ewald Mahr mit der Historie auf: Die ‚Rossebändiger‘ sind zwei Denkmäler, die sich von 1846 bis 1950 auf der Lustgartenterrasse des Berliner Schlosses befanden. Die vier Meter hohen Bronzefiguren sind ein Werk des Bildhauers Peter Clodt von Jürgensburg und waren ein Geschenk des Zaren Nikolaus I. für Friedrich Wilhelm IV. Nachdem das Schloss gesprengt worden war, wurden die Skulpturen 1950 im Kleistpark untergebracht. Bei den beiden Rossebändiger-Skulpturen handelt es sich nicht um irgendeinen Abguss. Es handelt sich um die Bronzegüsse von 1842, die ursprünglich für die St. Petersburger Anitschkov-Brücke geschaffen wurden. 2007 wurden beide Skulpturen restauriert und vorübergehend in den Gropius-Bau als Mittelpunkt der Ausstellung über die ‚Macht und die Freundschaft‘ zwischen Russland und Preußen gezeigt. St. Petersburg erhielt für seine Anitschkov-Brücke einen Nachguss. Noch einmal: Berlin besaß für das Königliche Schloss die Erstabgüsse, d. h. die beiden Originale, wo sie nach dem abgeschlossenen Wiederaufbau des Schlosses als Humboldtforum auch wieder hingehören. Keine Sorge: Preußen wurde durch Kontrollratsbeschluss abgeschafft. Also: Es ist eine Aufhebung des Beschlusses von Tempelhof-Schöneberg herbeizuführen! SPD und GRÜNE gaben nach.

 

Ewald Mahr kennt sich aus. Der geborene Wilmersdorfer weiß um die connections in Friedenau und Schöneberg. Kein Wunder, sein Großvater Johannes Rudel (1860-1930), seit 1887 mit Theresia geb. Buchold verheiratet, ist der Erbauer des Hauses Bernhardstraße Nr. 11. Dort wird Tochter Charlotte (1895-1948) geboren. Sie heiratet 1934 den Dentisten Hans Mahr (1878-1944). Ein Jahr später kommt am 20. Mai 1935 Sohn Ewald Mahr zur Welt. Der spätere Diplomkaufmann wird 1961 Mitarbeiter der TELEFUNKEN GmbH Berlin – eine schwierige Zeit, da die wesentlichen Geschäftsbereiche bereits Anfang der 1950er Jahre von West-Berlin nach West-Deutschland verlagert wurden. Der Schein wurde gewahrt, das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz 1961 als Unternehmenssitz gefeiert. 1967 wurde TELEFUNKEN zu AEG-TELEFUNKEN mit Firmensitz Frankfurt am Main. 1977 wurde das Apparatewerk in der Ackerstraße geschlossen. Von da an ging es mit AEG-TELEFUNKEN bergab. Heute sind wir in Berlin ja völlig entindustrialisiert. In unserem Werk in der Sickingenstraße in Moabit ist heute das Arbeitsamt drin, das sagt doch schon alles. 33 Jahre, zuletzt als Personalleiter, hat Ewald Mahr bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 1994 für TELEFUNKEN gearbeitet. Zum Gründungsjubiläum der Firma erschien 2003 das Buch TELEFUNKEN nach 100 Jahren mit den Beiträgen Im Kraftfeld von Zeitgeschehen – Zeitgeist – Erfindergeist und Entwicklung und Kraft der Marke TELEFUNKEN von Ewald Mahr – nichts von Nostalgie, eine Hommage an eine deutsche Weltmarke, die neben Digital Audio Broadcasting (DAB) und Farbfernsehsystem (PAL) über 20.000 Patente einbrachte.

 

1977 zieht Ewald Mahr mit seiner Ehefrau in die Dickhardtstraße. Früher hieß sie Ringstraße. 1967 wurde sie nach Konrad Dickhardt benannt, der von 1959 bis 1961 Schöneberger Bürgermeister war. Die Wohnung zu bekommen, war ein echter Krimi. Noch 1977 musste man sich in West-Berlin für die bisherige Wohnung vom Wohnungsamt einen Umsetzschein ausstellen lassen. Sonst war nichts mit Umzug. 2000 Mark wurden von einem Wohnungsvermittler auch noch abgeknöpft – und zitiert Günter Eich: Wer wollte leben ohne den Trost der Bäume. 2018 feierten sie Diamantene Hochzeit. Ihre Tochter Nicola wohnt noch immer im Haus Bernhardtstraße Nr. 11.

 

Familie Rudel, 1911. Archiv Ewald Mahr

Das Haus Bernhardstraße Nr. 11 wurde 1896 erbaut, hat den Weltkrieg überlebt und befindet sich bis heute im Besitz der Familie Rudel. Auf dem Foto von links nach rechts: Waldemar Rudel (1898-1974); Johannes Rudel (1860-1930), Großvater von Ewald Mahr; Theresia Rudel geb. Buchold (1861-1940), Großmutter von Ewald Mahr; Charlotte Rudel (1895-1948), verheiratet mit Hans Mahr, Eltern von Ewald Mahr (* 1935f); Max Rudel (1892-1969); Hans Rudel (1888-1966).


 

Ewald Mahr 1935-2023

Zum Tod von Ewald Mahr

 

Im Herbst 2015 war unser Friedenau-Buch erschienen, darin kritische Beiträge zur Umgestaltung des Breslauer Platzes und den Bauplänen auf dem ehemaligen Güterbahnhof Wilmersdorf-Friedenau. Es war uns nicht entgangen, daß die Befürworter dieser Pläne massiv gegen uns vorgingen. Wenig später sprach uns ein – wohl mit der Bürgerinitiative verbandelter Herr an – und ließ uns wissen, daß er diese Reaktionen als geradezu krankhaft und völlig unbegreiflich findet. Das war Ewald Mahr.

 

Als wir uns im Frühjahr 2016 entschlossen, mit der Webseite www.friedenau-aktuell.de Geschichte und Entwicklung von Friedenau stärker in den Fokus zu rücken, auch den Schöneberger Teil von Friedenau und das Terrain hinter der Wannseebahn zu beleuchten, wurde Ewald Mahr für uns ein wichtiger Berater. Wie kaum ein anderer kannte er Gegend und Leute, wußte um Befindlichkeiten und Zusammenhänge – sozusagen ein Berliner Urgestein, geboren 1935 im Haus seines Großvaters Johannes Rudel in der Wilmersdorfer Bernhardstraße Nr. 11.

 

Die viergeschossigen Mietwohnhäuser waren Anfang der 1890er Jahre unmittelbar an der Grenze zu Friedenau in einem u-förmig angelegten Quartier zwischen der Ringbahnstraße (Wexstraße) und dem Damm der Ringbahn entstanden. Ausschlaggebend war wohl vor allem, daß 1892 die Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau eröffnet und unter der Bahntrasse zwischen Bernhardstraße und Varziner Straße ein Fußgängertunnel gebaut wurde, über den nicht nur der Bahnsteig auf dem Bahndamm zu erreichen war, sondern Wilmersdorfer und Friedenauer einen direkten Weg zwischen den Ortsteilen fanden.

 

Eine Straße nach drei Himmelsrichtungen: Nach Westen hin gab es die Häuser Nr. 7A bis Nr. 10 (rechts) und Nr. 11 bis Nr. 15 (links), nach Süden zur Bahntrasse Nr. 5 bis Nr. 7, nach Osten Nr. 1 bis Nr.4 (links) und Nr. 16 bis Nr. 18A (rechts). Eigentümer diverser Grundstücke war der Friedenauer Bauunternehmer Hermann Pählchen. Da Pählchen noch vor der Fertigstellung verstarb, kam es zur Zwangsversteigerung der Baustellen. 1896 war der Kaufmann Johannes Rudel Eigentümer von Bernhardstraße Nr. 11, der seit 1887 mit Theresia Büchold verheiratet war. Aus dieser Ehe stammen die Söhne Johannes (1888), Max (1892), Waldemar (1898) und Tochter Charlotte (1895), die 1934 den Dentisten Hans Mahr heiratete – die Eltern von Ewald Mahr.

 

Das Haus ist noch heute im Besitz der Familie Mahr, und so kam es, daß der geschichtsbesessene Ewald Mahr unendlich viele Dokumente über die Bernhardstraße gesammelt hatte. Nun erfuhren wir, daß für das halbfertige Haus 1896 erst einmal Trockenwohnen angesagt war, daß es die Besohlanstalt von Wilhelm Wulfestieg gab, dem Stiefvater von Hildegard Knef, daß es in Nr. 11 den Räucherwarenladen von Alfred Riebisch gab, deren Tochter Traude mit Hildegard befreundet war. So kam es, daß die beiden Mädels mit den Eltern Urlaub an der Ostsee verbrachten.

 

Ewald und Ruth Mahr feierten 2018 die Diamantene Hochzeit – sechs Jahrzehnte, das ist schon was. 1973 war der Diplomkaufmann in den Dienst von Telefunken Berlin eingetreten. Es sah nicht günstig aus. Dafür steht auch das 1960 bezogene Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz. Schon 1967 wurde es der Technischen Universität Berlin überlassen. Mit der Umwandlung in AEG-Telefunken Aktiengesellschaft 1979 kam keine Besserung, erst recht nicht 1985 mit der Umbenennung in AEG  AG und der Ausgliederung von Geschäftsbereichen, darunter die Telefunken-Sendertechnik GmbH Berlin. Ewald Mahr wurde noch Personalchef, aber das Ende des von Siemens & Halske und AEG 1903 gegründeten Berliner Traditionsunternehmens konnte auch er nicht aufhalten. Zwei Jahre vor Löschung aus dem Handelsregister ging er 1994 in den Ruhestand.

 

Als es darum ging, das Erbe der Deutschen Weltmarke Telefunken wenigstens mit einem Buch zu bewahren, gehörte Ewald Mahr von Anfang an zu den Initiatoren. Sein Essay Im Kraftfeld von Zeitgeschehen – Zeitgeist – Erfindergeist ist ein überaus kritischer Blick auf ein Unternehmen, daß in den Sog von drei Staatsformen, des Kalten Krieges und schließlich in die Turbulenzen der Auflösung des eigenen Konzerns geriet. Dafür steht in Berlin auch das 1960 bezogene Telefunken-Hochhaus, daß im Verlauf der Fusionsvorgänge 1967 der Technischen Universität überlassen wurde. Erfreulicher zu lesen ist allerdings Mahrs Beitrag zur Geschichte der Telefunkenplatte, in dem er diese vor dem Vergessen bewahrt: Das Aug‘ erkennt sie, das Ohr vergißt sie nicht.

 

Bei seinem letzten großen Kampf ging es um die Rückkehr der Rossebändiger vor das Humboldtforum. Diese zwei Bronzeplastiken des Bildhauers Peter Clodt von Jürgensburg waren Geschenke des russischen Zaren Nikolaus I. an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. 1844 wurden sie vor dem Portal IV des Berliner Schlosses aufgestellt, wo sie mit dem Löwenkämpfer und der Amazone vor dem Alten Museum korrespondierten. 1945 wurden sie im Kleistpark untergebracht. Über die Wiederaufstellung am ursprünglichen Ort wurde lange diskutiert – bis die rot-grüne Zählgemeinschaft von Schöneberg entschied, daß die Rossebändiger im Kleistpark bleiben. Er konnte mit Niederlagen umgehen. Seit 1977 wohnte er mit Ehefrau Ruth in der Dickhardtstraße Nr. 41. Über vier Jahrzehnte lebten sie hier. Als seine Kräfte nachließen, blieb nur das Seniorenheim in der Albestraße. Am Samstag, den 20. Mai, erlebte er noch seinen 88. Geburtstag. Am 22. Mai 2023 ist Ewald Mahr gestorben. Seine letzte Ruhe findet er am 15. Juni auf dem Steglitzer Friedhof an der Bergstraße.

 

Bernhardstraße Nr. 14

 

Anfang September 2021 erhielten wir eine E-Mail von Herrn Andreas Brückmann zur Bernhardstraße. Er ist im 3. Stock des Hauses Nr. 14 aufgewachsen. Wir sind im Januar 1960 nach Lissabon gezogen, da mein Vater beruflich versetzt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war ich 10 Jahre alt.

Mehr als sechs Jahrzehnte später - nach einem halben Leben in Lissabon und Studium in Hamburg - erinnert sich der heute 72-jährige Andreas Brückmann an die Bernhardstraße.

 

Sein Großvater Alfred Riebisch übernahm nach dem Ersten Weltkrieg den Räucherwarenladen von E. & A. Nachuth, der seit 1915 in der Bernhardstraße Nr. 11 existierte. Die Wohnung der Großeltern befand sich gleich gegenüber im Haus Nr. 10 Ecke Wexstraße. Dieses Haus wurde im Zweiten Weltkrieg jedoch ausgebombt und brannte nieder, während meine Großeltern mit meiner Mutter im Keller waren. Kurz danach zogen sie in Nr. 14. 1945 konnte Riebisch sein 25-jähriges Firmenjubiläum feiern, inzwischen nicht nur Fische & Räucherwaren, auch Wild & Geflügel.

 

Nach den Erinnerungen von Andreas Brückmann wohnten im 4. Stock meine Großeltern Riebisch. In der Eckwohnung links daneben Familie Schacht mit Sohn Detlev. Darunter im 3. Stock wohnten wir, die Familie Brückmann mit Tochter und Sohn, und daneben das Ehepaar Jewe mit Sohn Ingo. Unter uns im 2. Stock wohnte die Familie Neumann mit Tochter Edith und Sohn Gerald, mit dem ich befreundet war. An die Bewohner der danebenliegenden Eckwohnung kann ich mich nicht erinnern. Im 1. Stock war ein Büro, so glaube ich. Im Erdgeschoss von Nr. 11 waren Läden, an der Ecke ein Zigarrengeschäft, links daneben gab es Zeitungen mit Lotto-Annahme. Das Geschäft hieß Bücher-Schrank. Ich erinnere mich an den Herrn Schrank mit den schwarzen Händen von der Druckerschwärze. Nach links das Geschäft meiner Großeltern Riebisch, noch weiter links, schon Nr. 12, die Bäckerei Porath (es gab zwei Bäckereien in der Straße Porath und Semisch) und die Fleischerei Hermann Schupeta.

 

 

Von unserem Balkon im dritten Stock von Nr. 14 gab es den Blick auf den Ringbahnhof Wilmersdorf und das Haus gegenüber, in welchem Hildegard Knef wohnte und ihr Stiefvater Wilhelm Wulfestieg seine Schuhmacherei hatte. Meine Mutter Traude war mit Hildegard Knef befreundet. Da meine Großeltern den Urlaub an der Ostsee verbrachten, nahmen sie meine Mutter und Hildegard mit. Vielleicht ist in der Erinnerung an diese Zeit das Ostseelied entstanden, in dem es heißt: Gib mir noch einmal den Strand meiner Kindheit, Mit Muscheln und Bernstein auf trockenem Weiß. Gib mir den salzigen Wind meiner Ostsee, Das Jammern der Möwe, die hoffnungsvoll kreist. Gib mir die Molen mit moosgrünen Beinen und Wellen, Die singen ihr endloses Lied. Gib mir die Farben, die still sich vereinen, Den Atem der Kindheit, Der lautlos entflieht.

 

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Erlebnisberichte aus der Bernhardstraße von 1943 und 1945

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Regina Dienstag. Archiv Eric Gerzon

Bernhardstraße Nr. 16 & Nr. 17

Regina Dienstag (1869-1942)

 

Wenn sich die Stolperstein-Initiative damit hervortut, dass in Charlottenburg-Wilmersdorf 2010 tausend, 2013 zweitausend und 2017 dreitausend Stolpersteine verlegt sind, dann desavouiert sie mit dieser Erfolgsmeldung ihr ureigenstes Anliegen. Wenn dann auch noch der Stolperstein für Regina Dienstag 2012 nicht vor ihrem ehemaligen Wohnhaus, sondern neben einem Gullideckel vor Nr. 17 gesetzt wird, weil Nr. 16 für den Autobahnstadtring 1964 abgerissen wurde, stellt sich die Frage, ob diese Aktion überhaupt sinnvoll war.

 

Wer mehr über Regina Dienstag wissen möchte, findet nur einen larmoyanten Text des Spenders und nichts über Regina Dienstag. Zugegeben, die Datenbank von Yad Vashem gibt nicht viel her, und basiert wohl nur auf der Häftlingsliste des Lagers Theresienstadt. Recherchen im Adreßbuch hätten zwar keine Klarheit ergeben, immerhin aber die Erkenntnis, daß 1898 im Haus Bernhardstraße Nr. 16 & Nr. 17 die Posamentwarenhändlerin S. Dienstag eingezogen war. Zwischen 1900 und 1914 erscheint unter dieser Aresse Kaufmann A. Dienstag. Danach folgen die Einträge Dienstag, Geschwister (1921), Frl. S. Dienstag (1925) und Dienstag, S., Privatiere (1935). Ab 1938 taucht der Name Dienstag nicht mehr auf. Im Zusammenhang mit dem Bebauungsplan für die Stadtautobahn tauchen 1963 in den Grundbüchern die Namen der Eigentümer bzw. Hausverwaltungen für Nr. 16 und Nr. 17 auf. Weitere Recherchen wären durchaus möglich.