Kurt Hilscher, um 1960. Archiv Jean-Claude Hilscher

Kurt Hilscher (1904-1980)

Graphiker

 

Bis Juni 2026 war der Friedhofsverwaltung von Schöneberg nicht bekannt, daß Sohn Dr. Jean-Claude Hilscher als Inhaber der Nutzungsrechte des Grabes von Kurt Hilscher am 21. August 2023 verstorben war und auf dem Waldfriedhod Dahlem im Urnenwahlgrab Abt. 006 Nr. 167 beigesetzt wurde. Folge dessen ist das Grab von Herrn Kurt Hilscher zwar weiterhin vorhanden, unterliegt jedoch seit 12/2025 keiner Nutzung mehr. Da nun keine Verlängerung erfolgen kann, wird hier in Zukunft über Beräumung oder Belassung des Grabes beraten.

 

Diese Frage stellte sich in der Stubenrauchstraße schon einmal. 2009 wurden dem Fotopionier Ottomar Anschütz (1846-1907) die Ehrengrabrechte für das Grab Abt. 31 Nr. 23/24 aberkannt und nach Protesten 2018 wieder anerkannt. Das Chaos entstand 2008, als der Senat entschied, Gräber nur noch für Personen zu erhalten, die in der breiteren Öffentlichkeit deutlich präsent sind und ihre Verdienste einen engen Berlin-Bezug haben. Damit wurde dem historischen Gedächtnis der Stadt Schaden zugefügt. Im Gegensatz unterhält die Stadt Wien auf ihren Friedhöfen Gräber von Persönlichkeiten, die einen Querschnitt durch das gesellschaftliche Leben Wiens bilden und sich in den Bereichen Musik, Dichtung, Wissenschaft, Architektur, Malerei, Erfindungen, Schauspielkunst, Politik oder Sport verdient gemacht haben. Sie werden aus historischen, kunst- oder kulturhistorischen Gründen erhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommen wir zur Sache selbst. Als wir im Frühjahr 2016 die Webseite www.friedenau-aktuell.de gestartet hatten, stolperten wir über das Grab von Kurt Hilscher. Erste Recherchen führten zu Jörg Bohn und seinem Wirtschaftswundermuseum. Wir erfuhren, daß Kurt Hilscher von 1925 bis 1975 eine große Anzahl von Plakaten, Werbebeilagen, Anzeigen und Verpackungen für fast alle Wirtschaftszweige geschaffen hatte – und sich sein Sohn, der Chemiker Dr. rer. nat. Jean-Claude Hilscher, im Alter von 63 Jahren zu einem Studium der Kunstgeschichte an der FU entschlossen hatte.  Dort legte er 2008 die Magisterarbeit Über Varieté und Zirkus im Werk Kurt Hilschers vor. 2009 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Entstanden war ein über mehrere Jahrzehnte umfassendes Zeitdokument über den Zusammenhang zwischen Kunst und Wirtschaft

 

Kurt Hilscher wurde am 15. Mai 1904 in Dresden geboren. Der Sohn des Kaufmanns Alfred Friedrich Hilscher und dessen Ehefrau Auguste Franziska geb. Frisch absolveirte nach der Schulzeit eine kaufmännische Lehre bei den Farbenfabriken Otto Baer in Radebeul. In diesen Jahren entstanden erste Plakatentwürfe für die Firma Otto Baer und die Farbenfabrik Springer & Möller Leipzig. Nach dem Studium an der Kunstgewerbeakademie Dresden zog er nach Paris und arbeitete als Graphiker bei Werbeagenturen. Geprägt haben ihn aber wohl vor allem die Art déco Graphikdesigner A. M. Cassandre, Paul Colin, Charles Loupot und Jean Carlu. Hilscher machte sich selbstständig und gründete das Studio H. Auffällig ist, daß während der Pariser Jahre immer wieder Arbeiten für deutsche Auftraggeber entstanden.

 

Am 30. September 1929 heiratete Kurt Hilscher in Touques, Departement Calvados, die am 10. November 1907 geborene Andrée Eugenie Renée geb. Thomas. Am 27. Mai 1931 kam Sohn Jean-Claude zur Welt. Als es nach 1933 für den Deutschen in Frankreich schwierig wurde, zog die Familie nach Deutschland und wohnte ab 1936 in Berlin Südwestkorso Nr. 18. Über Hilschers Beschäftigungen in den Jahren bis 1945 existieren vage Angaben. Es erschienen Anzeigen für das KaDeWe (1936), die Elegante Welt (1936), 4711 Tosca Creme (1937), 500 mal Maske in Blau im Metropoltheater (1941). Im Weltkrieg wurde er für die Truppenbetreuung im damaligen Generalgouvernement Polen eingezogen – er produzierte Plakate und Programmhefte für die Gastspiele von durchziehenden Theater- und Konzertgruppen. Das alles war ohne die  Mitgliedschaft in der Reichkunstkammer allerdings nicht möglich. Stattdessen die lapidare Bemerkung: Kurt Hilscher war zu keiner Zeit Mitglied einer politischen Partei. Mit den Bombenangriffen auf Berlin brachte er Frau und Sohn in Radebeul in Sicherheit.

 

1946 ging es zurück in die Wohnung am Südwestkorso. In den Wirtschaftswunderjahren sprudelten die Aufträge. Friedrichstadtpalast und Metropoltheater bestellten Plakatentwürfe. Hinzu kamen das Berliner Parfumhaus J. F. Schwarzlose, Leichner Kosmetik, 4711, Nymphenburg Sekt, AEG, Pfaff Nähmaschinen, Felina-Dessous, Hormocenta, Guhl-Kosmetik. Aufträge von Friedrichstadtpalast, Metropoltheater, Gloria-Palast und die Musikverlage Apollo, Hohner und Ralph Maria Siegel. Er übernahm die gesamte graphische Werbung der Berliner Cigaretten- und Tabakfabrik Paicos für die Marken P4, Kent, Lady und American. In den 1960er Jahren war er für die Nord-West-Papierwerke Tigerkraft tätig, Europas größter Hersteller von Tragetaschen für die Lebensmittelindustrie.

 

1978 wurde bei Kurt Hilscher eine Krebserkrankung diagnostiziert. Er verstarb am 31. Oktober 1980 im Krankenhaus Zehlendorf Am Großen Wannsee und wurde auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße im Grab Abteilung 24 Nr, 22. Seine Ehefrau Andrée blieb in der Wohnung Südwestkorso Nr. 18 und wurde nach ihrem Tod am 12. April 2000 in diesem Grab beigesetzt.

 

Sohn Jean-Claude besuchte die Schule in der Offenbacher Straße, legte 1951 das Abitur ab und studierte Chemie in Berlin und Tübingen. An der FU wurde er zum Dr. rer. nat. promoviert. 1961 trat er in die Dienste der Schering AG und sicherte sich als Forscher Patente für die Kontrastmittel- und Pharmaproduktion. Auf Grund seiner herausragenden Stellung in der Schering-Hierarchie ermöglichte der firmeneigene Kunstverein 1978 eine Ausstellung über seinen Vater, den Maler Kurt Hilscher im Gebäude S 100, 1. Etage, Kasino/Café. Nach 33 Jahren war Schluß bei Schering und der Pensionär entschloß sich 1994 zu einem weiteren Studium in Kunstgeschichte an der FU. Es entstand die Magisterarbeit Über Varieté und Zirkus im Werk Kurt Hilschers. Mit dieser Arbeit stellt Jean-Claude Hilscher seinen Vater als einen Menschen vor, der Werbung zeitlebens als ein Bindeglied zwischen Kunst und Wirtschaft betrachtete, und bestrebt war, den Raum für Kunst, der bei derartigen Auftragsprodukten übrig bleibt, ganz selbstverständlich voll auszufüllen. Diese Dissertation ist nicht nur ein mehrere Jahrzehnte umfassendes Zeitdokument zur Gebrauchsgrafik, sie ist zugleich eine kulturhistorische Zeitreise. 2009 wurde er zum Dr. phil. promoviert.

 

Jean-Claude Hilscher heiratete Elsbeth Lojewsky. Am 11. Februar 1968 wurde Sohn Holger geboren, der nach Erich-Kästner-Grundschule in Dahlem und Paulsen-Oberschule in Steglitz Chemie und Pharmazie an der FU studierte. Am Institut für Organische Chemie der Universität Hannover promovierte er zum Dr. rer. nat. Ab 1998 interessierte sich Holger Hilscher für Patente und gewerblichen Rechtsschutz. Heute betreibt er in Zehlendorf eine Kanzlei als Patentanwalt mit den Schwerpunkten Anmeldung, Recherche und Durchsetzung von Patenten, Gebrauchsmustern, Marken und Geschmacksmustern.

 

Jean-Claude Hilscher verstarb am 21. August 2023 und wurde im Urnenwahlgrab Abt. 006 Nr. 0167 auf dem Waldfriedhof Dahlem beigesetzt – nächstens Gottfried Benn (1886-1956) und Richard Freiherr von Weizsäcker (1920-2015). Das Grab von Jean-Claude Hilscher ist nur mit Mühe zu finden. Es gibt nur das übliche Plastikschildchen der Friedhofsverwaltung. Kein Stein. Eine vertrocknete Hecke markiert die Einfriedung, darin eine Palette aus dem Garten-Center mit roten Begonien. Jeder trauert auf seine Art. 

 

Kurt Hilscher - Fundstücke

 

 

Arbeiten von Kurt Hilscher 1925 bis 1975

Quelle: Dissertation Dr. phil. Jean-Claude Hilscher, FU Berlin

 


Dissertation Dr. phil. Jean-Claude Hilscher 1. Teil

 

01-Hilscher_(erster_Teil).pdf
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Dissertation Dr. phil. Jean-Claude Hilscher 2. Teil

02-Hilscher_(zweiter_Teil).pdf
PDF-Dokument [20.0 MB]