Wilhelm Haeger (1834-1901)
Es war der Historiker Michael S. Cullen, der 1983 in seinem Buch Der Reichstag. Die Geschichte eines Monuments beklagte, daß über den Architekt, Ingenieur und Baurat Wilhelm Haeger leider wenig bekannt ist. Er war eine der wichtigsten Personen am Bau des Reichstagsgebäudes – und Cullen war es auch, der daran erinnerte, daß Haeger 1901 auf dem Friedhof Stubenrauchstraße beerdigt wurde.
Im Frühjahr 2014 fanden wir in der Abteilung 14 Nr. 51 eine verwilderte Grabstätte vor. Im Herbst war das Grab restauriert: Roter Sandstein, oben das Kreuz mit dem Spruch Getreu bis in den Tod – eine Abwandlung des Johannes-Verses Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Darunter die Inschriften: Wilhelm Haeger Königl. Baurat, * d. 1. September 1834. † d. 2. März 1901 und Sophie Haeger geb. Bamberg * 6. Jan. 1847 † 10. Oct. 1929. Am Sockel eine Tafel aus deutlich hellerem Sandstein mit den Angaben Erika Haeger * 4.8.1885 † 10.11.1955 und Anna Haeger * 5.2.1859 † 7.11.1956..
Wilhelm Haeger, der am 1. September 1834 in Greifswald geboren wurde, studierte an der Bauakademie in Berlin und legte 1865/66 die Staatsprüfungen als Bauführer und Baumeister ab. 1874/76 wurde er als Bauinspektor in die Ministerial- Militär- und Bau-Commission zu Berlin berufen. Er verstand sich als Baumeister, der sich zeitlebens in die Entwürfe der Architekten hineinversetzte. So kam es, daß diese ihn immer wieder baten, die Bauleitung für ihre Bauten zu übernehmen. Er galt als Garant für eine einfühlsame Umsetzung ihrer Arbeiten. Friedrich Hitzig mit dem Bau der Reichsbank (1869/78) gehört dazu, auch Johann Wilhelm Schwedler mit der Erhöhung des Nationaldenkmals auf dem Kreuzberg (1879/80) sowie Martin Gropius und Heino Schmieden mit dem Neubau der Universitäts-Frauenklinik (1882).
Nachdem aus dem Wettbewerb für den Bau des Reichstagsgebäudes Paul Wallot (1841-1912) als Sieger hervorgegangen war, konnte das Centralblatt der Bauverwaltung am 7. Juli 1883 mitteilen, daß soeben die Berufung des Königl. Bauinspector Wilhelm Haeger erfolgt ist, dem neben Paul Wallot die technische und geschäftliche Oberleitung der Bauausführung obliegen soll. Derselbe wird für die Dauer der Bauausführung aus dem preußischen Staatsdienst beurlaubt werden und im September d. J. sein neues Amt übernehmen. Die Berufung Haegers muß als eine besonders glückliche Wahl bezeichnet werden, da mit der Übernahme dieser schwierigen Aufgabe ein erfahrener, mit den Bauverhältnissen Berlins vertrauter und vermöge seiner Persönlichkeit und seiner amtlichen Stellung mit der erforderlichen Autorität ausgestatteten Baubeamter ernannt wurde.
Wallot und Haeger erhielten Büros. Während der gesamten Bauzeit beschäftigte das Atelier Wallot mehr als 15 Architekten. Im Atelier Haeger waren 17 Mitarbeiter tätig. Haeger und Wallot reisten nach Schlesien, in den Thüringer Wald und das Fichtelgebirge, um dort Steinbrüche zu inspizieren, aus denen der Granit bzw. der Sandstein für das Parlamentsgebäude gebrochen werden sollte. Haeger fuhr nach Wien, um die dortigen Heizungs- und Lüftungssysteme in den neuen Prachtbauten an der Ringstraße zu studieren.
Als das Gebäude 1894 eingeweiht wurde, gab es auch für Wilhelm Haeger ungeteilte Zustimmung: Ihm war es vergönnt, den Bau in ungetrübtem Einvernehmen mit dem für die künstlerische Gestaltung berufenen Architekten Paul Wallot zu Ende zu führen. Nachden seine Arbeit am Reichstagsgebäude 1898 abgeschlossen war, übernahm er die Bauleitung für das Palais des Reichstagspräsidenten. Während der Ausführung verstarb Wilhelm Haeger am 2. März 1901 nach schwerem Leiden im 67. Lebensjahr. Am Nachmittag des 7. März 1901 wurden die sterblichen Ueberreste des kgl. Bauraths Herrn Wilhelm Haeger auf dem Friedhof Stubenrauchstraße Nachmittag zur ewigen Ruhe gebettet.
Das Centralblatt der Bauverwaltung würdigte ihn am 9. März 1901: Der durch seine Mitwirkung beim Bau des deutschen Reichstagshauses in weiten Kreisen bekannt gewordene Baurath Haeger in Berlin, ein wackerer Mann, in dem sich Tüchtigkeit, Pflichttreue, Anspruchslosigkeit und gewinnendes persönliches Wesen vereinigten, hat das besondere Vertrauen, das mit dieser Berufung in ihn gesetzt wurde, voll gerechtfertigt. In seiner beruflichen Laufbahn sind ihm hohe, mit großer Verantwortung verbundene Aufgaben gestellt gewesen, denen er mit seltener Treue und voller Hingebung sein Wissen und Können gewidmet hat.
Bleibt noch die Geschichte der Familie Haeger. Wilhelm Haeger dürfte 1874 in Greifswald Sophie Julie Marie Bamberg geheiratet haben. Recherchiert werden konnte, daß aus der Ehe die Kinder Anna (1869-1956), Walter (1872-1947), Ilse (1874-?), Gustava (1878-1962), Erika (1885-1955), Julie (1887-?) und Dorothea (1889-?) stammen. Bekannt sind auch die häufigen Umzüge. Die Familie wohnte in Berlin über vier Jahrzehnte jeweils im II. oder III. Stock von Mietshäusern: Schöneberger Straße Nr. 15b (1869), Kurstraße Nr. 6 (1872), Kesselstraße Nr. 10a (1874), Schellingstraße Nr. 7 (1876), Derfflingerstraße Nr. 25 (1884), Kurfürstendamm Nr. 5 (1888), Nettelbeckerstraße Nr. 20 (1891) und schließlich ab 1891 in der eigenen Villa Kaiserallee Nr. 10, über die wir unter Bundesallee respektive Kaiserallee Nr. 64/65 berichten.
Anna, Erika und Julie wurden Lehrerinnen, Dorothea Ärztin, Walter Jurist und Landgerichtsrat. Im Adreßbuch von 1940 waren Anna (wohnhaft Lichterfelde, Rotherstift), Erika und Julie sowie Landgerichtsrat a. D. Walter Haeger Eigentümer des Hauses Kaiserallee Nr. 64/65. Aus der amtlichen Schadenskarte von 1947 geht hervor, daß das Haegersche Haus im Zweiten Weltkrieg total beschädigt wurde und ein Abbruch empfehlenswert ist. Über das weitere Schicksal der Ruine ist nach dem Tod der kinderlosen Haegers und dem späteren Neubau Bundesallee Nr. 64/65 nichts bekannt.
Bleibt die Malerin Hedwig Elise Gustava Haeger. Sie heiratete am 5. Dezember 1906 in Friedenau den aus der Schweiz stammenden Assistenzarzt Doctor der medicinae Hans Iselin (1887-1953). 1907 zog das Ehepaar nach Basel. Gustava wurde Schweizerin und spezialisierte sich unter dem Namen Gustava Iselin-Haeger auf Lithographie und Buchillustration. Aus der Ehe stammen Sohn Klaus Iselin (1913-1998) und Tochter Faustina Iselin (1915-2010). Klaus Iselin heiratete Elisabeth Tanner (1916-2010). 1944 wurde Sohn Hans-Ulrich Iselin geboren – der Enkel.
Von ihm erhielten wir am 1. September 2018 eine E-Mail: Zwei Weltkriege und der Tod ihrer mehrheitlich kinderlosen in Berlin verbliebenen Geschwister haben im Lauf des Lebens von Gustava Iselin-Haeger die Beziehungen zu Berlin ausgedünnt. Michael Cullen verdanke ich es, dass ich überhaupt weiss, wo Gustavas Vater begraben ist. Ich habe mich sehr über Ihren Beitrag in ‚Friedenau aktuell‘ gefreut und den Link dazu auf facebook übernommen.
Später erfuhren wir, daß Hans-Ulrich Iselin im Februar 2014 beim Landesdenkmalamt Berlin nach Möglichkeiten suchte, das Grabmal meines Urgroßvaters Julius Wilhelm Haeger auf dem Friedhof Stubenrauchstraße zu erhalten. Die Friedhofsverwaltung Schöneberg teilte mit: Das Grab Nr. 51 in der Abteilung 14 wurde als erhaltenswert eingestuft und nach Ablauf der Nutzungsfrist nicht geräumt. Im Jahre 1982 wurde es neu an die Familie Gauger vergeben. Die letzte Beisetzung war 1998, ein Nutzungsberechtigter ist nicht eingetragen Es handelte sich um einen Vorsorgevertrag beim Bestatter. Die zuletzt Verstorbene stand unter Amtspflegeschaft. Es besteht ein Ruhe-Nutzungsrecht bis 2018. Da keine Nachkommen ausfindig gemacht werden konnten, können anschließend Nutzungsrechte wieder erworben werden.
Nach dieser Auskunft beauftragte Hans-Ulrich Iselin den Friedenauer Steinmetz Andreas Knurbien, die Instandsetzung raschestmöglich an die Hand zu nehmen – und die Friedhofsgärtnerei Blumenkorso mit Bepflanzung und Pflege der Grabstelle. Wir gehen davon aus, daß die im schweizerischen Basel ansässigen Haegerschen Nachkommen inzwischen die Nutzungsrechte der Grabstätte erworben haben. Auf dem Friedhof Stubenrauchstraße wurde ein Stück Berliner und Friedenauer Geschichte vor dem Vergessen bewahrt. Dafür ist zu danken.
Foto: Mitarbeiter der Bauhütte Reichstagsgebäude: Wilhelm Haeger mit Bart in der zweiten Reihe hinter den beiden Damen der ersten Reihe. Der bärtige Herr im Zentrum mit weißem Kittel dürfte Paul Wallot sein. Foto aus dem Nachlass von Gustava Iselin-Haeger.
Villa Liebermann, 7. Februar 2026, von links Michael S. Cullen, Viktoria Krieger & Hans-Ulrich Iselin. Foto Maria Iselin
Postskriptum
Anfang Januar 2025 überraschte uns Hans-Ulrich Iselin mit der Nachricht, daß die Villa Liebermann am Wannsee vom 7. Februar bis 25. Mai 2026 in der Ausstellung Alles für die Kunst! Max Liebermann zwischen Strategie und Kulturpolitik mit einem Exkurs Einblick in das Frühwerk der Malerin Gustava Iselin-Haeger ermöglicht – mit ihren Zeichnungen von Liebermanns Tochter Käthe. Die Malerin und Zeichnerin Gustava Haeger ist in Berlin längst vergessen und auch in der Schweiz, wo sie in den Zwanziger und Dreissiger Jahren recht gut bekannt und als Portraitistin geschätzt wurde, gehört ihr umfangreiches Werk zu den ‚stillen Reserven‘.
Zur Veröffentlichung überließ uns Hans-Ulrich Iselin aus dem Nachlass bisher unbekannte Fotos von Wilhelm Haeger (1895), der Bauhütte Reichstagsgebäude mit Haeger und Wallot sowie eine Aufnahme vom Gütchen in Lichterfelde, vermutlich das Haus in der Belfortstraße Nr. 34a, in dem Mutter Sophie zeitweise gewohnt hatte. Wir erhielten Zeichnungen und Portraits in Öl von Mutter Sophie (1903) und den Kindern Walter, Julie und Dorothea aus den Jahren 1904 und 1905. Eine Friedenauerin kehrt zurück.