Wilhelm Haeger ca. 1895. Nachlass Gustava Haeger-Iselin.

Wilhelm Haeger (1834-1901)

 

Es war der Historiker Michael S. Cullen, der in seinem Buch Der Reichstag. Die Geschichte eines Monuments beklagte, daß über den Architekten, Ingenieur und Baurat Wilhelm Haeger leider wenig bekannt ist. Er war eine der wichtigsten Personen am Bau des Reichstagsgebäudes – und Cullen war es auch, der Haegers Grab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße entdeckte.

 

Im Frühjahr 2014 sahen wir in der Abteilung 14 Nr. 51 eine verwilderte Grabstätte. Im Herbst war das Grab restauriert: Roter Sandstein, oben das Kreuz mit dem Spruch Getreu bis in den Tod – eine Abwandlung des Johannes-Verses Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Darunter die Inschriften: Wilhelm Haeger Königl. Baurat, * d. 1. September 1834. † d. 2. März 1901 und Sophie Haeger geb. Bamberg * 6. Jan. 1847 † 10. Oct. 1929. Am Sockel eine Tafel aus deutlich hellerem Sandstein mit den Angaben Erika Haeger * 4.8.1885 † 10.11.1955 und Anna Haeger * 5.2.1859 † 7.11.1956..

 

Wilhelm Haeger, Sohn des Kaufmanns Wilhelm Haeger und dessen Ehefrau Julie geborene von der Laucken, wurde am 1. September 1834 in Greifswald geboren. Er studierte an der Bauakademie in Berlin und legte 1865/66 die Staatsprüfungen als Bauführer und Baumeister ab. 1874/76 wurde er als Bauinspektor in die Ministerial- Militär- und Bau-Commission zu Berlin berufen. Haeger verstand sich als Baumeister, der sich in die Entwürfe von Architekten hineinversetzte. So kam es, daß einer nach dem anderen ihn bat, die Leitung für ihren Bau zu übernehmen. Er galt als Garant für eine einfühlsame Umsetzung ihrer Arbeiten. Friedrich Hitzig (Reichsbank 1869/78) gehört dazu, Johann Wilhelm Schwedler (Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg 1879/80), Martin Gropius & Heino Schmieden (Universitäts-Frauenklinik 1882) und schließlich Paul Wallot (Reichstag 1883/94) und (Reichstagspräsidentenpalais 1898).

 

Kaum stand Paul Wallot als Sieger des Wettbewerb für den Bau des Reichstagsgebäudes fest, teilte das Centralblatt der Bauverwaltung am 7. Juli 1883 mit, daß auf Bitte von Wallot die Berufung des Königl. Bauinspector Wilhelm Haeger erfolgt ist, dem die technische und geschäftliche Oberleitung der Bauausführung obliegen soll. Derselbe wird für die Dauer der Bauausführung aus dem preußischen Staatsdienst beurlaubt werden und im September d. J. sein neues Amt übernehmen. Die Berufung Haegers muß als eine besonders glückliche Wahl bezeichnet werden, da mit der Übernahme dieser schwierigen Aufgabe ein erfahrener, mit den Bauverhältnissen Berlins vertrauter und vermöge seiner Persönlichkeit und seiner amtlichen Stellung mit der erforderlichen Autorität ausgestatteten Baubeamter ernannt wurde.

 

Wallot und Haeger erhielten Büros. Im Atelier Wallot wären während der gesamten Bauzeit mehr als 15 Architekten beschäftigt, im Atelier Haeger waren 17 Mitarbeiter tätig. Wallot und Haeger reisten nach Schlesien, in den Thüringer Wald und das Fichtelgebirge, um dort Steinbrüche zu inspizieren, aus denen der Granit bzw. der Sandstein für das Parlamentsgebäude gebrochen werden sollte. Haeger fuhr mit Spezialisten nach Wien, um die dortigen Heizungs- und Lüftungssysteme in den neuen Prachtbauten an der Ringstraße zu studieren. Als das Gebäude 1894 eingeweiht wurde, gab es auch für Wilhelm Haeger ungeteilte Zustimmung: Ihm war es vergönnt, den Bau in ungetrübtem Einvernehmen mit dem für die künstlerische Gestaltung berufenen Architekten Paul Wallot zu Ende zu führen. Als Wallot 1899 den Zuschlag für den Bau des Reichspräsidentenpalais erhielt, bat er Haeger um die Bauleitung. Der Berlin-Kenner sah das ungünstig geschnittenne Grundstück gegenüber dem Osteingang des Reichstages und plädierte dafür, die Schauseite des Palais auf die Spree auszurichten.

 

Am 2. März 1901 verstarb Wilhelm Haeger nach schwerem Leiden im 67. Lebensjahr. Sein Sohn, Gerichtsassessor Walter Haeger, wohnhaft in Friedenau, Kaiserallee Nr. 10, teilte dem Standesamt Friedenau mit, daß der Königliche Baurath Wilhelm Haeger, wohnhaft in Friedenau, Kaiserallee Nr. 10, in seiner Wohnung am 2. März 1901 Vormittags um neun ein halb verstorben sei.

 

Am Nachmittag des 7. März 1901 wurden die sterblichen Ueberreste des kgl. Bauraths Herrn Wilhelm Haeger auf dem Friedhof Stubenrauchstraße Nachmittag zur ewigen Ruhe gebettet. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger berichtete von einem großen Trauergefolge, welches dem Verstorbenen die letzte Ehre erwies. Erwähnt wurde, daß Haeger 1886 von der Gemeinde Friedenau in den Denkmalausschuss zum Errichten des Kaiser Wilhelm-Denkmals berufen worden war, daß er sich 1898 für den 5. Urwahlbezirk Kaiserallee zur Landtagswahl aufstellen ließ und noch 1900 in das Schul-Kuratorium zum Bau des Gymnasiums am Maybachplatz gewählt wurde..

 

Das Centralblatt der Bauverwaltung würdigte ihn am 9. März 1901: Der durch seine Mitwirkung beim Bau des deutschen Reichstagshauses in weiten Kreisen bekannt gewordene Baurath Haeger in Berlin, ein wackerer Mann, in dem sich Tüchtigkeit, Pflichttreue, Anspruchslosigkeit und gewinnendes persönliches Wesen vereinigten. Haeger hat das besondere Vertrauen, das mit dieser Berufung in ihn gesetzt wurde, voll gerechtfertigt. In seiner beruflichen Laufbahn sind ihm hohe, mit großer Verantwortung verbundene Aufgaben gestellt gewesen, denen er mit seltener Treue und voller Hingebung sein Wissen und Können gewidmet hat.

 

Wilhelm Haeger war mit Sophie geborene Bamberg (1847-1929) verheiratet. Aus der Ehe stammen die Kinder Anna (1869), Walter (1872), Ilse (1874), Gustava (1878), Erika (1885), Julie (1887) und Dorothea (1889). Die Familie wohnte in Berlin über vier Jahrzehnte jeweils im II. oder III. Stock von Mietshäusern: Schöneberger Straße Nr. 15b (1869), Kurstraße Nr. 6 (1872), Kesselstraße Nr. 10a (1874), Schellingstraße Nr. 7 (1876), Derfflingerstraße Nr. 25  (1884), Kurfürstendamm Nr. 5 (1b88), Nettelbeckerstraße Nr. 20 (1891). Ein Jahr darauf erschien im Vorort Friiedenau unter Kaiserallee Nr. 10 Eigentümer Baurath W. Haeger. Die Familie zog in den ersten und zweiten Stock der zweigeschossigen Villa mit jeweils sechs Zimmern. Portier W. Engelmann und Rentiere Fräulein H. Müller wohnten im Souterrain.

 

Aus dem Friedenau Bebauungsplan von 1903 (unmittelbar vor Erschließung des Wagner-Viertels und der Anlage des Südwestkorsos) wird ersichtlich, daß noch zu diesem Zeitpunkt auf dem Friedenauer Teil der Kaiserallee zwischen Ringbahntrasse und Friedrich-Wilhelm-Platz einzig das Haegersche Grundstück auf diesem weitläufigen (fast bis an den späteren Südwestkorso) reichenden Gelände inmitten eines Landschaftsparks weitab vom Zugang Kaiserallee eine Villa eingetragen ist.

 

Am 1. September 2018 erhielten wir eine E-Mail:von Herrn Hans-Ulrich Iselin aus Basel: Zwei Weltkriege und der Tod ihrer mehrheitlich kinderlosen in Berlin verbliebenen Geschwister haben im Lauf des Lebens von Gustava Iselin-Haeger die Beziehungen zu Berlin ausgedünnt. Die Malerin Gustava Haeger heiratete am 5. Dezember 1906 in Friedenau den aus der Schweiz stammenden Assistenzarzt Doctor der medicinae Hans Iselin (1887-1953). 1907 zog das Ehepaar nach Basel. Gustava wurde Schweizerin und nannte sich fortan Gustava Iselin-Haeger. Aus der Ehe stammen Sohn Klaus Iselin (1913-1998) und Tochter Faustina Iselin (1915-2010). Klaus Iselin heiratete Elisabeth Tanner (1916-2010). 1944 wurde Sohn Hans-Ulrich Iselin geboren – der Enkel.

 

Michael Cullen verdanke ich es, dass ich überhaupt weiss, wo Gustavas Vater begraben ist. Von Hans-Ulrich Iselin erfuhren wir, daß er 2014 beim Landesdenkmalamt Berlin nach Möglichkeiten suchte, das Grabmal meines Urgroßvaters Julius Wilhelm Haeger auf dem Friedhof Stubenrauchstraße zu erhalten. Die Friedhofsverwaltung Schöneberg teilte ihm mit: Das Grab Nr. 51 in der Abteilung 14 wurde als erhaltemswert eingestuft und nach Ablauf der Nutzungsfrist nicht geräumt. Im Jahre 1982 wurde es neu an die Familie Gauger vergeben. Die letzte Beisetzung war 1998, ein Nutzungsberechtigter ist nicht eingetragen Es handeltte sich um einen Vorsorgevertrag beim Bestatter. Die zuletzt Verstorbene stand unter Amtspflegeschaft. Es besteht ein Ruhe-Nutzungsrecht bis 2018, Da keine Nachkommen ausfindig gemacht werden konnten, können anschließend Nutzungsrechte wieder erworben werden.

 

Nach dieser Auskunft beauftragte Hans-Ulrich Iselin den Friedenauer Steinmetz Andreas Knurbien, die Instandsetzung raschestmöglich an die Hand zu nehmen – und die Friedhofsgärtnerei Blumenkorso mit Bepflanzung und Pflege der Grabstelle.

 

Anfang Januar 2025 überraschte uns Hans-Ulrich Iselin mit der Nachricht, daß die Villa Liebermann am Wannsee vom 7. Februar bis 25. Mai 2026 in der Ausstellung Alles für die Kunst! Max Liebermann zwischen Strategie und Kulturpolitik mit einem Exkurs Einblick in das Frühwerk der Malerin Gustava Iselin-Haeger ermöglicht – mit ihren Zeichnungen von Liebermanns Tochter Käthe. Die Malerin und Zeichnerin Gustava Haeger ist in Berlin längst vergessen und auch in der Schweiz, wo sie in den Zwanziger und Dreissiger Jahren recht gut bekannt wurde, gehört ihr Werk zu den ‚stillen Reserven‘. Zur Veröffentlichung überließ uns Hans-Ulrich Iselin aus dem Nachlass bisher unbekannte Fotos von Wilhelm Haeger (1895), der Bauhütte Reichstagsgebäude mit Haeger und Wallot sowie eine Aufnahme vom Gütchen in Steglitz in der Belfortstraße Nr. 34a, in dem Mutter Sophie zeitweise gewohnt hatte. Wir erhielten Zeichnungen und Portraits in Öl von Mutter Sophie (1903) und den Kindern Walter, Julie und Dorothea aus den Jahren 1904 und 1905. Eine Friedenauerin kehrt zurück.

 

Einen Bericht über die Familie Haeger & ihre Villa Kaiserallee Nr. 10 finden Sie unter Bundesallee.

 

 

 

Wilhelm Haeger über die Universitäts-Frauenklinik Berlin

 

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