Taunusstraße Nr. 1
Paul Tillich (1886-1965)
Kaum war in der vom Potsdamer Verlag von Alfred Protte herausgegebenen Schriftenreihe der neuen Blätter für den Sozialismus“ (Heft 2, 1933) der Text Die Sozialistische Entscheidung erschienen, wurde der protestantische Theologe Paul Tillich nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April 1933 als Hochschullehrer vom Dienst suspendiert. Tillich war damit der erste nicht-jüdische Wissenschaftler, dem die Lehrbefugnis entzogen und die Publikation verboten wurde. So kommt es, dass die Antiquariate heute seine Schrift von 1933 mit der Anmerkung offerieren: Selten! Nur wenige Exemplare wurden noch ausgeliefert!
Paul Tillich studierte Theologie und Philosophie an den Universitäten von Berlin, Tübingen und Halle. 1911 trat er sein Vikariat in Nauen an, im Mai 1912 absolvierte er das zweite Theologische Examen, am 18. August 1912 erfolgte die Ordination in der Berliner St. Matthäuskirche. Danach wirkte er als Hilfsprediger an der Erlöserkirche in Berlin-Moabit. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig als Militärpfarrer. Nach dem Krieg lehrte er als Privatdozent in Berlin. Von 1918 bis 1925 wohnte er in der Taunusstraße Nr. 1. Die nächsten Stationen für den Religionsphilosophen waren Marburg (1924), Dresden (1925) und schließlich von 1929 bis 1933 Frankfurt am Main.
Tillich war seit 1926 Mitglied im Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands und Anführer einer Gruppe mit Harald Poelchau, Adolf Reichwein, Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Otto Heinrich von der Gablentz und Adam von Trott zu Solz, dem sogenannten Tillich-Kreis. Er plädierte mit seinen zehn Thesen über Die Kirche und das Dritte Reich für die konsequente Ablehnung der nationalsozialistischen Herrschaft.
Ende 1933 emigrierte Tillich in die Vereinigten Staaten. Freunde verschafften ihm eine Anstellung als Professor am Union Theological Seminary in New York. Er hielt theologische Vorlesungen an der Columbia University, er wirkte an der Harvard University und der University of Chicago. 1940 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Vermittlungstheologe wurde er genannt, Wanderer zwischen den Welten und Denker auf der Grenze. Besondere Bedeutung hatte für ihn die Auseinandersetzung des Christentums mit anderen Religionen und das Verhältnis von Glaube und Mythos. Mythen sind Symbole, die zu Geschichten verbunden sind, in denen Begegnungen zwischen Göttern und Menschen erzählt werden. Die Mythen sind in jedem Akt des Glaubens gegenwärtig, denn die Sprache des Glaubens ist das Symbol. Ein Glaube, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt. Deutschland erinnerte sich spät an den Deutschen. 1956 erhielt er die Goethe-Plakette, 1961 das Große Verdienstkreuz mit Stern und 1962 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Als das Nachrichtenmagazins Time 1963 sein 40-jähriges Bestehen feierte, hielt Paul Tillich im Waldorf-Astoria-Hotel den Festvortrag.
Taunusstraße Nr. 23
Architekt Bruno Schneidereit (1880-1938)
Unterschiedlicher hätten die Fassadenentwürfe für das Haus Taunusstraße Nr. 23 nicht ausfallen können. Am 30. September 1910 reichte der Architekt Bruno Schneidereit beim Friedenauer Amtsvorsteher den Antrag auf Genehmigung des Bauprojekts ein. Im Oktober 1910 veröffentlichte die Zeitschrift Deusche Kunst und Dekoration eine Farbzeichnung mit der Bildunterschrift Wohnhaus. Friedenau. Taunusstraße. Architekt: Bruno Schneidereit. Maler: Max Pechstein.
Was war geschehen? Lag es an der Kunstausstellung Zurückgewiesener der Secession Berlin, die von Mai bis Juli 1910 im Kunstsalon von Maximilian Macht veranstaltet worden war? Oder zeichnete sich damit schon das Ende der Zusammenarbeit zwischen dem Baumeister und seinem Dekorateur ab? 1906 sind sie sich auf der Kunstgewerbeausstellung in Dresden begegnet. Schneidereit registrierte, was Kunstgewerbe mit der Gestaltung von Innenräumen bewirken konnte. Besonders angetan hatten ihn die Decken- und Wandgemälde des Akademiestudenten Max Pechstein. Nachdem Schneidereit 1907 von Magistratssekretär Max Cuhrt den Auftrag für den Bau eines viergeschossigen Mietswohnhauses am Kurfürstendamm Nr. 152 mit Läden im Erdgeschoss nebst einer dekorativen Gestaltung der Innenräume erhalten hatte, gründete er das Atelier für Hochbauausführungen, Innenarchitektur und Kunstgewerbe Bruno Schneidereit & Alfred Wünsche. Im September 1908 holte er Max Pechstein nach Berlin, der damals jede Arbeit annahm und Fassaden strich, nur um etwas zusammenzusparen. Pechstein machte sich an die Dekorationen und Schneidereit sorgte für Publicity. Die Zeitschrift Moderne Bauformen (Heft 4/1908) publizierte die Entwürfe von Max Pechstein zu Empfangsraum, Vestibül und Diele, darunter farbige Porträts der Familie Curth. Beide profitierten. Für Pechstein interessierten sich die Kunstkritiker, Schneidereit bekam den Auftrag für einen Neubau auf dem Grundstück Südwestkorso Nr. 9.
Aus diesem Büro übersandte Architekt Bruno Schneidereit am 30. September 1910 dem Amtsvorsteher der Gemeinde Friedenau das nächste Bauprojekt: Taunusstraße Nr. 23, bestehend aus 2 Blatt Zeichnungen nebst Lageplan und einer Fassadenzeichnung mit der ergebenen Bitte um Prüfung und Genehmigung. Die statische Berechnung wird in kürzester Frist nachgereicht werden.
Am 27. Oktober 1910 erhielt der Eigentümer und Bauherr Schneidereit den Bauschein Nr. 521 und damit die baupolizeiliche Genehmigung, auf dem Grundstück Taunusstraße 25 ein Wohnhaus mit eigenem Seitenflügel von 17,80 m bzw. 16,00 m bzw. 14,30 m Höhe mit 337,00 qm bebauter Fläche zu erbauen.
Aus der Bauakte wird ersichtlich, daß das von Gemeinebaurat Hans Altmann geführte Friedenauer Hochbau- und Baupolizeiamt mit Architekt Duntz, Baupolizeisekretär Wilhelm und Assistent Popp damals überfordert war. Erst mit der Baubeginnanzeige durch Polizei-Sergeant Mutke vom 1. November 1910 erfolgte eine Korrektur: Auf dem Grundstück Taunusstraße Nr. 23 wurde mit der Ausführung der Arbeiten begonnen. Verantwortlicher Ausführender ist der Zimmermeister Richard Lück aus der Herderstraße Nr. 23 in Steglitz. Dennoch bat Schneidereit am 12. Dezember 1910 um eine Abschrift der Verhandlung, welche am 30. November durch den Assistenten Popp über die Bezahlung des Bauscheins und der Anliegerkosten für das Grundstück Taunusstraße 23 erfolgt ist.
Am 14. Dezember 1910 überreichten Schneidereit und sein Mitarbeiter Architekt Erich Franke dem Gemeinde-Bauamt das Hofrevisierungsattest betr. den Neubau eines Wohnhauses auf meinem Grundstück Friedenau, Taunusstraße 23, Bauschein Nr. 521 v. 27.10.1910. Noch einmal, am 3. März 1911, musste Franke das Gemeinde-Bauamt zu Friedenau darauf hinweisen, daß die betr. Fassadenzeichnung im Maßstab 1:50 seinerzeit gleichzeitig mit dem Antrag auf Bauerlaubnis eingereicht worden ist ebenso die Vorgartenzeichnung. Die Unterlagen müssen sich bei den dortigen Akten befinden. Im Adreßbuch von 1912 erscheint Bruno Schneidereit für Südwestkorso Nr. 9 nur noch als Verwalter und für Taunusstraße Nr. 23 als Eigentümer. 1913 heisst es Schneidereit, Bruno, Architekt, Atelier für Hochbauausführungen, Innenarchitektur und Kunstgewerbe, Friedenau, Taunusstraße Nr. 23, Eigentümer.
Von den zahlreichen Häusern, die der Architekt Bruno Schneidereit für diverse Bauherren entworfen hat, nimmt Taunusstraße Nr. 23 eine besondere Rolle ein: Das Grundstück gehörte dem Berlin-Charlottenburger Bauverein, war zunächst der Landhausbaubeschränkung unterworfen. Nachdem 1905 die Bauklasse I genehmigt worden war, der Bauverein auch die Kosten für den Straßenausbau übernommen hatte, kam das Immobiliengeschäft in Gang. Für den Friedenauer Lokal-Anzeiger versprach die Bautätigkeit in den kommenden Jahen sehr rege zu werden.
Am 8. Mai 1913 erschienen vor dem Standesamt Berlin zum Zwecke der Eheschließung erstens der Architekt der deutschen freien Architektenschaft Bruno Julius Hermann Schneidereit, evangelischer Religion, geboren am 12. Juli 1880 in Tilsit, wohnhaft in Berlin-Friedenau, Taunusstraße Nr. 23, und zweitens die Karolina Wilhelmine Margarethe Fielitz, evangelischer Religion, geboren am 25. April 1887 zu Berlin, wohnhaft in Berlin, Brunnenstraße Nr. 191, Tochter des 1909 verstorbenen Fabrikbesitzers August Carl Gustav Adolf Fielitz, zuletzt wohnhaft in Berlin und seiner Ehefrau Pauline Wilhelmine geborene Wasewitz, wohnhaft in Berlin.
Der aus Dewitz (Mecklenburg) stammende Vater hatte 1840 in Berlin eine Lebkuchenbäckerei gegründet, aus der seine Söhne Conditorei, Honigkuchen-, Zuckerwaren- und Schokoladenfabrik machten. Schwester Margarethe erhielt offensichtlich eine ansehnliche Mitgift, mit der ein Erwerb des etwa 700 qm großen Areals Taunusstraße Nr. 23 möglich wurde. 1913 zogen das Ehepaar Bruno und Margarethe Schneidereit und Architekt Erich Franke ins Hochparterre ein. Nicht zu erklären ist, warum das Anwesen 1921 an den Eisenbahnsekretär Tesch aus Steglitz verkauft wurde – und die Schneidereits als Mieter blieben. Daran änderte sich auch nichts, als das Haus 1930 an Oberingenieur H. Fischel aus Lichterfelde, Dievrientweg Nr. 28, verkauft wurde.
1936 zog das Ehepaar Schneidereit in die Mietwohnung Nikolsburger Platz Nr. 2 in Wilmersdorf, wo Bruno Schneidereit am 7. März 1939 verstarb. Todesursache Herzaderverkalkung. Witwe Margarethe Schneidereit wohnte ab 1949 in Göttingen, Dahlmannstraße Nr. 11. Sie verstarb am 30. Oktober 1963 im Städtischen Altersheim. Im Göttinger Archiv ist eine Liste über zurückgelassene Möbel und sonstige Gegenstände der Frau Margarete Schneidereit erhalten, darunter auch Dokumente zu Rückforderungen des Landkreises Göttingen und des Sozialamtes der Stadt sowie eine Anfrage vom 27. Januar 1970 von Frau Doris Pechstein Hamburg (Schwiegertochter) wegen des Ölbildes ‚Bildnis des Architekten Bruno Schneidereit‘ von Max Pechstein (1912). Kurios, da längst bekannt war, daß das Männerbildnis bis 1958 zur Sammlung Doebbecke gehörte und sich nach Versteigerungen in Köln (1958) und Bern (1964) seit 1965 in New York befindet.
Unsere Frage nach dem Verbleib der 1910 publizierten Farbzeichnung Wohnhaus. Friedenau. Taunusstraße. Architekt: Bruno Schneidereit. Maler: Max Pechstein hat die Max Pechstein Stiftung bisher nicht beantwortet.
Die weitere Geschichte von Taunusstraße Nr. 23 ist schnell erzählt: 1921 ließ sich Eigentümer Tesch vom Hochbauamt Friedenau den Ausbau einer Notwohnung im Dachgeschoss mit drei Stuben und Küche genehmigen. 1930 ging das Haus an Oberingenieur H. Fischel aus Lichterfelde und später an Frau P. Fischel in Frankfurt am Main. 1972 wurde Frau Bertel Schneider aus Saulberg im Taunus alleinige Eigentümerin. Im Dezember 1972 stellte sie, vertreten durch den Hausverwalter Bruno Koch, Wilhelmshöher Straße 5, einen Antrag zur Fassadenneugestaltung: Der gesamte alte Fassadenputz wird abgeschlagen. Gesimse im Bereich des Frontspießes sollen erhalten bleiben. Balkon-Loggien- und Erkerträger freilegen und auf Tragfähhigkeit untersuchen. Die Fußböden werden überprüft und wo erforderlich, wasserundurchlässig hergestellt. Die Balkongitter werden in einen ordnungsgemäßen Zustand versetzt. Putzart: Naturfarbiger Schlepputz mit Natursplitt. 1979 wurde für das Gebäude Taunusstraße Nr.23 ein Aufteilungsplan erstellt.
Taunusstraße Nr. 29
In der Taunusstraße ist als einziges Haus die Nr. 29 in die Berliner Denkmalliste aufgenommen worden. Es handelt sich um ein höchst ungewöhnliches Mietwohnhaus, das 1906-07 von Ferdinand Lante erbaut wurde. Das viergeschossige Jugendstil-Haus zeigt keine Fassaden-Ornamente, lediglich die Balkongitter weisen florale Motive auf. Die Straßenfassade zeigt weiche, gerundete, plastische Formen. Über dem Kalkstein-Rustikasockel des Souterrains wölbt sich eine tiefe, zweiachsige Korbbogen-Eingangsnische mit dem Hauseingang, darüber kragt eine Loggia mit Pultdach auf drei toskanischen Säulchen zwischen den seitlich angeordneten Erkern aus. Die halbrunden Erker werden seitlich von Balkons mit schönen Jugendstil-Gittern begleitet. Zwei Fachwerk-Quergiebel des Daches betonen die Erker. Das Haus besitzt ein elegantes, tonnengewölbtes Jugendstil-Vestibül mit restaurierter Malerei. ein Treppenhaus mit farbig verglasten Fenstern, Jugendstil-Treppe und -Türen. Der Hof zwischen den Seitenflügeln st modern, ein wenig japanisierend gestaltet.
Topographie Friedenau, 2000
Taunusstraße Nr. 30, Pflanzplan zur Vorgartengestaltung von Julius Moldt, 1909. Bezirksamt Schöneberg
Taunusstraße Nr. 30
Im letzten Jahrzehnt des 19. und im ersten des 20. Jahrhunderts waren für die Friedenauer Vorgärten geometrisch gestaltete Anlagen charakteristisch, die oftmals zu den Eingangswegen symmetrisch gepflanzte Ziergehölze (Nadelbäume, Obstgehölze oder kleinkronige Bäume wie Rotdorn), aber auch Zierstrauchgruppen, zum Beispiel aus Hortensien und Immergrünen, oder Teppichbeete aufwiesen. Die Vorgartenränder wurden meist straßenseitig und an den Zugangswegen von niedrigen Hecken, zum Beispiel aus Liguster, Mahonie oder Buchsbaum, begleitet. Auch Blumenrabatten fassten zuweilen die Zugangswege ein. Vor den Hausfassaden und an den seitlichen Grundstücksgrenzen waren oftmals Ziersträucher, darunter Flieder sowie kleinkronige Bäume, locker angeordnet.
Die Straßenfront der Vorgärten wurde häufig durch Reihen kleinkroniger Bäume, zumeist mit dem ortsüblichen Rotdorn betont. Zuweilen säumten auch Stauden wie Funkien sowie Farne als Rabatten die Vorgärtenränder, oder die Häuserfassaden und Zäune waren berankt. Kleinteilige Rasenflächen gehörten immer zur Vorgartengestaltung. Einfache Rasenflächen ohne zusätzliche Gestaltungselemente wurden jedoch von der zuständigen Behörde nicht als ‚Ziergarten‘ akzeptiert.
Vor dem mehrgeschossigen Mietshaus Taunusstraße 30 wurde 1909 ein Vorgarten nach einem Entwurf des Landschaftsgärtners Julius Moldt aus Steglitz-Lichterfelde gestaltet. Einfriedung und Reste der ehemaligen Bepflanzung zeugen noch von den ‚besonderen Bedingungen‘ bei der Anlage der Friedenauer Vorgärten. Das geometrisch gegliederte schmiedeeiserne Frontgitter auf Kunststeinsockel entspricht den geforderten Höhen für Einfriedungen. Die das Gitter überragenden Gliederungselemente sind an der Spitze mit Blütenmotiven geschmückt. Die niedrigeren, einfachen Seitengitter weisen am Eingangsweg Tore auf. Die nach einem speziellen Pflanzplan gestalteten Vegetationsflächen bestehen aus Rasen, straßenseitig von einer Mahonienhecke gerahmt und mit einigen Ziersträuchern bepflanzt. Auf den symmetrisch zum Eingangsweg angelegten, zum Teil noch von Funkien gesäumten Rundbeeten dominieren heute die ausgewachsenen Koniferen in der Beetmitte, eine Scheinzypresse und eine Eibe. Topographie Friedenau, 2000