Aus fremden Federn

 

 

 

Rüdiger Barasch, 2017. Foto Nora Lina Merten

Barasch's Streunereien

 

Rüdiger Barasch lebt seit 1972 im Umkreis des Perelsplatzes. „Auf zwei Ecken der Hähnelstraße/Stierstraße hatte ich seit Mitte 1978 mein Antiquariat, nun Stierstraße 13 in Sichtweite meiner alten Wirkungsstätten wohnend. Ich bin ein überzeugter Kiezer & hoffe, bis zu meinem Lebensende dieses Wohnumfeld genießen zu dürfen.“

Christian G. Pätzold

Dr. Pätzolds Friedenauer gewürzte Erinnerungshappen

 

Der Ökonom und Essayist Christian G. Pätzold, Jahrgang 1951, lebt in Friedenau und ist Initiator und Herausgeber des Blogs http://www.kuhlewampe.net. In Berlin beteiligte er sich an der Studentenbewegung von 1968. Nach einer Ausbildung als Offset-Drucker in Kreuzberg studierte er von 1975 bis 1979 Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin. 1988 promovierte er zum Dr. rer. pol. mit der Dissertation „Von der menschlichen Arbeit“. Danach unterrichtete er Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft in Berlin. In den 2000er Jahren arbeitete er an „Pätzolds Ökonomischem Thesaurus“ (POET). In diesem Nachschlagewerk beschäftigt er sich besonders mit den Themen Alternativökonomie und Ökonomie der Nachhaltigkeit (Dokumentenserver der FU Berlin).

Publikationen: Ökologische Krise und gesellschaftliche Alternativen. Ein Beitrag zur politischen Ökologie (1980); Handbuch der Alltagsökologie für Selbstversorger (1983); Schlaraffenland oder Rezepte wie einem gebratene Tauben ins Maul fliegen(1986); William Morris, Kunst und die Schönheit der Erde. Vier Vorträge über Ästhetik (1986); Querdenkerartikel. Essays zwischen Kunst, Geschichte und Politik (2014); Tigergeschichten. Essays zwischen Friedenau, Berghain und Tiergarten (2015)

 

 

 

"Onkel Ete" - Friedenaus Lokalpatriot

 

Gestern Nachmittag wurde der allgemein beliebte und geschätzte Schriftsteller Eduard Jürgensen, in Friedenau kurz „Onkel Ete“ genannt, auf unserem Friedhofe zur letzten Ruhe bestattet. Neben der tiefgebeugten Witwe hatte sich ein sehr zahlreiches Trauergefolge eingefunden, um dem lieben Freunde, der so viel für andere und so wenig für sich getan hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Unter dem Trauergefolge bemerkten wir viele Schriftsteller und Künstler, mit denen er in näherer Beziehung gestanden, dann aber vor allem eine große Zahl seiner persönlichen Freunde. Von unseren Gemeindevertretern sahen wir die Herren Hendrich, Schölzel und Schultz. Von der Versicherungsgesellschaft Deutschland — deren Vertreter Jürgensen war — war Herr Direktor Mertins erschienen, der einen Kranz mit Widmung am Grabe niederlegte;

 

Ferner legte eine Abordnung unserer Freiwilligen Feuerwehr einen Kranz mit Widmung nieder, ebenso der Verein der Gartenfreunde Friedenau. Auch wir hatten ihm einen letzten Blumengruß gesandt: .Unserm hochgeschätzten verehrten Mitarbeiter und lieben Freunde — Friedenauer Lokal-Anzeiger".

 

 

 

In der Friedhofskapelle war der mit zahlreichen Kränzen und Blumen bedeckte Sarg aufgebahrt. Herr Pfarrer Görnandt hielt eine ergreifende Trauerrede. Er legte ihr das Wort Sprüche 8, 14: „Mein ist beides Rat und Tat“ zugrunde. Eine Persönlichkeit ist von uns gegangen, so führte er aus, die nicht nur bekannt, sondern auch beliebt und geschätzt war. Es ist schon etwas Eigenes, wenn das Volk jemand einen lieben Beinamen gibt, der bezeugt, wie nahe der Betreffende dem Herzen steht. Sind es ältere Herren, so nennt man sie „Vater", sind es Herren in mittleren Jahren, so nennt man sie „Onkel". Wenn Friedenau im Strudel der Großstadt untergetaucht sein wird und dann sich Freunde treffen und über diesen und jenen sprechen, so wird dabei auch der Verstorbene erwähnt werden. Sein Andenken wird dauernd fortleben. Wir haben uns zu einer Trauerversammlung eingefunden, um mit der einsamen Witwe gemeinsam zu trauern; es ist dem betrübten Herzen ein Trost, wenn viele den Schmerz tragen. Der Verstorbene hinterlässt uns nicht nur sein Andenken, er weist uns auch aus die Einsame, er bittet uns, ihr ein Freund zu sein, ihr beizustehen. Der Geistliche zeichnet Eduard Jürgensen dann als Mensch, mit einem fröhlichen, mutigen, kindlichen und gläubigen Herzen. Er hatte sich ein fröhliches Herz alle Zeit bewahrt, dass ihn in allen trüben Lebenslagen aufraffte. Als er seinen Lieblingswunsch zu studieren nicht erfüllen konnte, da im Elternhause die Mittel dazu fehlten, da ging er nach Amerika; doch sein heimatlicher Sinn, ließ ihn dort nicht lange weilen, er kehrte zurück und kämpfte als Freiwilliger für Deutschlands Ehre gegen den Erbfeind; da sang er aus vollem Herzen: Lieb Vaterland, dich liebe ich.

 

Für das Praktische war er nicht, sein Herz schlug für alle, nur an sich dachte er. nicht. Er fand dann eine liebe Lebensgefährtin und wer in den engeren Kreis des Familienlebens blicken durfte, der wusste, wie herzlich dieses Verhältnis war, wie anspruchslos er war und nur den einen Wunsch bis zuletzt hatte, dass Gott ihm noch einige Jährlein hier auf Erden, in gleicher Weise schenken möge. Er hat also ein fröhlich, ein mutig und ein gläubig Herz gehabt, aber auch ein kindlich Herz war ihm zueigen. Er war nicht nur ein Menschenfreund; er war auch ein Freund der Tiere und vor allem war er ein begeisterter Naturfreund. Mit welcher Begeisterung sprach er von seinem „Landgut", wenn er erzählen konnte, wie dort alles wuchs und gedieh.

 

Der Geistliche spendete nun der Witwe Trost, möge sie ihn darin finden, dass der Name Jürgensen nie verhallt, dass des Verstorbenen stets gedacht wird. Er habe das Bibelwort sorgfältig gewählt. Möge sie sich nicht sorgen, wie er gesorgt hat; Rat und Tat wird ihr werden in Hoffen auf Gott; er wird's wohl machen. Nach kurzem Gebet, wurde der Sarg zu Grabe getragen. Herr Pfarrer Görnandt sprach am offenen Grabe noch ein kurzes Gebet. — Ruhe sanft „Onkel Ete“ — Wir werden in einer nächsten Nummer einiges aus dem Leben des Verstorbenen bringen. Friedenauer Lokal-Anzeiger, 14. März 1910