Laterne. Illustration Ines Kersting

Barasch's Streunereien I

 

Häuser mit Gesicht! Oder die alternative Moderne: Den Stier bei den Hörnern gefasst. Kurzvortrag von Rüdiger Barasch anlässlich des Stier-/Hähnelstraßenfestes am 8. September 2012. Die Straßen, die wir heute feiern, sind nach Baumeistern benannt. Beider Wirken hatte Einfluss bzw. Ausstrahlung auf die Baugestalt dieser Straßenzüge. Beide waren verdiente Bratenrocktypen des 19ten Jahrhunderts.

 

Friedrich Ludwig Wilhelm Stier (1799-1856) ging aus der legendären Schinkelschen Bauakademie hervor und wurde 1828 daselbst wohlgeschätzter und als charismatisch beschriebener Lehrer.. Er galt und gilt als genialer Entwerfer. Sowohl einem erstarrten Klassizismus, als auch dem Stilmischmasch des erstarkenden Historismus abhold. Beide versuchte er zu überwinden, um zu einer klaren zeitgemäßen Formensprache zu gelangen. Einer Formensprache wie die Jahrzehnte später in vielen Bauten dieser Straßenzüge aufs Schönste Gestalt angenommen hat. Seine weitverbreiteten Vorlagenblätter für Bauhandwerker haben auf Generationen nach ihm gewirkt. 45 Jahre nach seinem Tode erhielt sein Grab die Inschrift „Dem Freunde, dem Lehrer, die Architekten Deutschlands“.

 

Seit 1892 heißt die zweite gefeierte Straße nach Hermann Hähnel (1830-1894). 31 Jahre nach W. Stier geboren, hat er direkt mit der aufstrebenden Gemeinde des Kreises Teltow zu tun. Nachdem er das Maurerhandwerk von der Pieke auf gelernt hatte, absolvierte er als erprobter Maurermeister gleichfalls ein Studium der Berliner Bauakademie. Danach trat er als Bauleiter, Baumeister und Unternehmer hervor. Er wurde einer der Gründer, Aufsichtsratsmitglied, schließlich Direktor des „Landes und Bauvereins auf Aktien“, der ab 1871 die Kolonie der späteren Gemeinde Friedenau anlegte.

 

 

 

 

In seiner Kampfschrift „Das steinerne Berlin“ von 1930 geißelt Werner Hegemann Berlin als die größte Mietskasernenstadt des Kontinents. Pauschal ist ja auch wirklich nicht zu preisen. Meister Zille hat das berüchtigte „Trockenwohnen“ u.a. Scheußlichkeiten bildlich festgehalten. Und auch in Friedenauer Gartenhäusern war die Toilette für zwei Mietparteien halbe Treppe tiefer. Bis in die 70er, 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts! Es gab ’nen Ausguss, keine Duschen, geschweige denn Bäder in den Seitenflügeln. Genaues Hingucken auf die kleinen feinen Unterschiede, eine Gewichtung der Details, erscheint daher sinnvoll.

 

Werte Zuhörer!

Ich lade Sie nun zu einer kleinen Umschau ein. Sie beginnt in meiner Wohnung & setzt sich in einem Spaziergang draußen fort:

 

Stierstr.13, Hochparterre

Mein Blick nach hinten raus reicht bis zur Lauterstraßenbebauung am Perelsplatz. Keine geschlossene Karréebebauung begrenzt die Sicht. Wenn es maiwärts ausschlägt, sehe ich auf einen Wald. Auf der großen Fläche bis zum Seitenflügel Hähnelstraße 4 (Nr.5 hat nämlich keinen Seitenflügel) stehen zwei fast haushohe Ahornbäume. Es blühen abwechselnd & zeitlich verzögert Flieder, hochgewachsene Rosensträucher, Rhododendren, Goldregen usw. Die große Birke und anderes Gewächs lässt keine Abgrenzung der Grundstücke erkennen. Ein gigantischer uralter Apfelbaum, dessen Grundstamm mehr als einen halben Meter hat, ragt, obwohl nach einem Sturm kräftig gestutzt, trotzig bis auf volle Höhe des 2ten Stocks. Wenn ich nicht selbst in frühen Jahren reichlich seine Äpfel gesammelt hätte, würd’ ich’s ooch nicht glauben. Dette sind die Natur-Sensationen von Friedenau. Diese hinterwärtige Bebauung wird man wohl mit Fug und Recht „Gartenhäuser“ nennen dürfen. Gelb-ockere Anstriche, die leuchten & heiter stimmen, liebevoll bepflanzte Balkone. Dächer mit unterschiedlicher Tonpfannenrötung & die Pracht der ziegelgemauerten Schornsteine.

 

Öffne ich meine massive Wohnungstür (2,40m hoch; 1,20m breit) trete ich in den langgestreckten Hauseingangsbereich. Werde empfangen in einem lichten Tonnengewölbe. Ein Raum von ebener Erde bis zum ersten Stock! Florale Wandstukkaturen beiderseits farblich davon abgesetzt Kassetten & raumteilende Bänder. Lasst uns auf den Sisalläufer die vier Stufen nun nach draußen gehen. Von der Vorderfront führt ein 4½m mit Zierkopfstein bedeckten Weg bis zur Grundstückgrenzmauer. Der Bürgersteig misst 3,70m. Schon haben wir einen Abstand von 8,20m vom nächsten parkenden Auto. Da ist jeder Zentimeter mehr willkommen. Wir haben’s üppig!

 

Ich überquere die Straße und stehe vor dem Eckhaus Stierstr.6/ Hähnelstr. 6. Wie hier zu sehen, sind in der Stierstraße mehrere Hauseigentümer in der zweiten Nachkriegszeit den Verlockungen der senatsgeförderten Stuckabschlagsprämie erlegen. Politischer Fortschrittswahn & bauhäuslerisches Reinheitsgebot fusionierten. Dem Antlitz der Häuser wurde modernisierungssüchtig schwere Blessuren zugefügt. Der konservative Publizist & Verleger Wolf Jobst SIEDLER hat das in einem grandiosem Buche bereits 1964 skandalisiert, Titel: „Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum. Ein Bilderbuch – Elegie“. Sanierung & Entballung waren angesagt. Die Gropius-Stadt galt als Vorbild. Auch hier in der Stierstraße wären beinahe alle Vorgärten geopfert worden, um autogerechte Parkbuchten zu schaffen. Noch in den Frühachtzigern entfernte man auf einem Teilstück der Stierstraße die friedenauspezifischen Natursteinplatten vom Gehweg & verscheuerte Sie in die DDR. Ersetzte sie durch langweilige Kunststeine (wahrscheinlich auch aus der DDR) Begründung Stolpergefahr. Und 2012 werden uns Stolpersteine en masse gratis geliefert, um uns und noch unseren Kindeskindern volkserzieherisch die tägliche Schuldration zu verpassen. Obendrein noch als Kunstprojekt deklariert. Für alles Angesprochene gilt: „Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, der ist bald Wittwer!“ (altes Sprichwort) Genug gelästert! Schreiten wir zum Lob!

 

Das Haus Stierstraße/Hähnelstraße 6 wurde vor ein paar Jahren saniert & in Eigentumswohnungen umgewandelt. Zusätzliche Balkone, deren Eckpfeiler allerdings ein wenig streichholzartig wirken, wurden vor an der Stirnseite appliziert. Die therapeutische Praxisgemeinschaft hat uns im Vorgarten eine entzückende Rosengartenlaube beschert. Es rankt & blüht. In der zur Hähnelstraße gehörenden Hausseite verweile ich staunend vor einem Zauberreich, welches sich eine Metallbildhauerin geschaffen hat. Eigene Skulpturen & jüngst auch zwei an der Außenfront verankerte Gemälde. Aufwändige (im Design & in der Verarbeitung) metallene Tische, Stühle und Bänke(alle mit Edelhölzern komponiert) haben aus einem heruntergekommenen Vorgarten einen sorgfältig geplanten Platz gemacht. Von den Außenlampen bis zur Eingangspforte & Begrünung alles geschmackssicher modernistisch gestylt. Ein abgeschirmtes, gleichwohl nicht abweisendes Reich. Ich gratuliere!

 

Zaun. Illustration Ines Kersting

Ich flaniere die Hähnelstraße weiter hauptstraßenwärts. Von Nr.7 bis zur Einmündung liegt der denkmalgeschützte Bereich. Auf der gegenüberliegenden Seite sind es die Nr. 12 bis 15. Acht Häuser des Spätwilhelminismus 1908-1911 errichtet. Mit großer Entschiedenheit bezeichne ich sie als bürgerliche Moderne. Als prägnante Beispiele eines preußischen Stilwillens, der von weltweitem Siegeszug der „bauhaus“-Moderne („form follows function“) überrollt und ins Abseits geschickt wurde. Dennoch wird sich die dritte und vierte bauhaus-Generation an ihnen messen müssen. Es sind nämlich acht Häuser mit Gesicht und Würde!! Die Namen der Baumeister kennen zwar nur Spezialistenfreaks und Grundbuchämter. Sie hallen nicht um den Globus wie der von Gropius & Co. Aber wo herrscht den Gerechtigkeit? Sie bleiben Repräsentanten einer altenativen Moderne im Stierschen Sinne! Bei aller Geschlossenheit strahlen die Häuser keine Eintönigkeit und Gleichgütigkeit ab. Es sind individuelle Baukörper mit reichhaltiger Gliederung und vielfältigen Kompositionselementen. Die Traufhöhe und die Geschosshöhe sind gleich und waren bauamtlich vorgegeben. Die förderte Prägnanz des Zuges. Aber Gauben (also Dachfenster mit eigener Bedachung) / Erker / Balkone / Wintergärten / Gesimse / Fensterfelder / Eingänge / Supraporte (also Zierfelder über den Eingängen) sind von großer Mannigfaltigkeit.

 

Varatio delectat. Abwechslung ergötzt!

 

 

 

 

 

Die Häuser runzeln nicht. Vielmehr wird ihr eigener Charakter – bei gerechter Pflege – durch Alterung verstärkt. Ihre Leuchtkraft vermehrt sich von Jahr zu Jahr, da die Zeit von der sie zeugen, einmalig war und unwiederbringlich dahin ist. Wie sollten auch nach zwei Weltkriegen und nach der Radikaloptimierung industriell-funktionalen Bauens Bauten einer „Neuen Heimat“ oder „Platte Hellersdorf“ mit diesen Häusern konkurrieren können?

 

Wahrscheinlich ist eines der letzten Wahrzeichen dieser untergegangenen belle époque unser Friedenauer Rathaus, für das der große Architekt der alternativen bürgerlichen Moderne Hans Altmann (1871 Danzig – 1965 Berlin) zeichnete. Von 1913 bis 1917 wurde es errichtet. Seit 1904 hat dieser schöpferisch markante Kopf als Gemeindebaurat segensreich gewirkt und seine Bauten sind studierenswert. Nicht nur zwei großartige Schulbauten, den Friedhof in der Stuberauchstraße, sondern auch das heute denkmalgeschützte Fachwerkhäusel auf dem Perelsplatz hat er erschaffen. Es dient heute als Café und erzeugt in seiner Anmut eine beliebte und anheimelnde Atmosphäre. Noch in den spätsiebziger Jahren diente es seinem ursprünglichen Zweck. Nur große Architektur kann meines Erachtens derart unterschiedlichen Bedürfnissen optimal gerecht werden. Auch diesen Straßenzug hat er baulich konzipiert und betreut. Die Zeit läuft. Ich spute mich. Aber einige Spezifika dieser Häuser in der Hähnelstraße müssen stichwortartig benannt werden. Denn die Würze kommt durch das bauliche Detail.

 

Nr. 8 wurde vor nicht allzu langer Zeit zu meiner Freude mit einem schmiedeeisernen Gitter nach historischen Vorlagen eingefasst. Die Stümpfe der Eingangspfeiler wurden samt Begrenzungsmauer restauriert. Schaut es euch an! Beispiel gebend! Die Tränen können einem kommen, wenn man bedenkt, wie viele schöne Gatter und Einfriedungen im Zweiten Weltkrieg zu Kanonen eingeschmolzen wurden. Nur wenige Hausbesitzer konnten sich freikaufen. An den Null/Acht/Fünfzehn-Gittern der Nachkriegsmoderne könnte in diesen beiden Straßenzügen noch viel gearbeitet werden.

 

Salve. Illustration Ines Kersting

Nun weiter flaniert zu Nr. 9. Über der Eingangstür prangt ein weithin sichtbares „Salve“. Das altrömische „Sei gegrüßt!“. In dieser Straße ist fast jeder Eingang nicht nur Eingang. Es sind großartig gelungene Einladungen! Es sind Ermutigungen zu einem „aufrechten Gang“ von dem I. Kant sprach (Was ist Aufklärung). Triumphbogenartig umrahmen unterschiedlich behauene Steinquader den Eingangsbereich. Die Supraporte ist schwelgerisch. Zwei Grazien schwingen Girlanden und vieles, vieles mehr ist zu sehen. Verschwenderisch, jedoch keinesfalls schwülstig.

Ich halte kurz inne und wende mich kurz rückwärts und lasse die Hähnelstraße auf mich wirken.

 

Hier wurde ein baumgesäumter, geschlossener Straßenzug von beeindruckender Solidität geschaffen. Davon, dessen bin ich mir sicher, werden auch noch künftig Bewohnergenerationen freudig berichten können. Das Herz hüpft, blickt man perelsplatzwärts. Die Straße läuft direkt auf den Sintflutbrunnen zu (1901 von Paul Aichele geschaffen), der hier 1931 am Rande des damals „Maybachplatz“ geheissenen Areals mittig zu Mündung der Straße aufgestellt wurde.

 

Schon von der Hauptstraße sieht man das Wasser sprudeln und glitzernd in der Sonne sprühen. Man nimmt den Park von hier als Wald wahr. Die Baumreihen rechts und links bilden Spalier und bilden den Rahmen. Die alten Straßengaslaternen blieben uns erhalten und spenden im Dunklen trauten Lichtschein.

Laubengang. Illustration Ines Kersting

Nun sind wir schon zum Eckhaus Hähnel-/Hauptstraße angelangt, in dem sich die florierende Trattoria del Corso befindet. Mehr als ein Hauch Italiens weht hier in Friedenau. Die überdachte Veranda und viele Tische auf dem Vorplatz sehe ich als urbane Bereicherung. Auch die Umgestaltung des Inneren ist von großstädtischer Eleganz. Was die aus einem vermufften Schuppen mit düsterem Vereinssaal gemacht haben, ist bewundernswert. Inzwischen ein Schlemmerlokal von überregionaler Bedeutung.

 

Eckhäuser haben Signalwirkung im Stadtbild. Mit seinen markanten Säulen springt der Freiluftumgang im obersten Stockwerk von weitem wahrnehmbar ins Auge. Gekrönt von einem Turmdach, Doppelgiebel beiderseits und auch noch Dachreiter. Ein dachgespicktes Unternehmen. Die hähnelseitige Eingangstür ist von einem steinernen Löwenwappen geziert.

Löwe. Illustration Ines Kersting

Löwenwappen am Eckhaus Hähnel-/Hauptstraße

Hähnelstraße 13. Illustration Ines Kersting

Ich wechsele zur gegenüberliegenden Straßenseite. Sehe kurz eine langweilige Hausschachtel der 50er oder 60er Jahre aus dem „Wiederaufbauprogramm“. Die denkmalgeschützte Nr. 12 hat zwei Eingänge und einen separaten Souterraineingang. Der Eingangsbereich misst jeweils 3,90m in der Tiefe.

 

Die Nr. 13 prunktet mit der mit Kupferblech beschlagenen Haustür. Ein kunsthandwerkliches Meisterstück. Darüber ein Baldachin Portikus. Auch zwei alte Laternen des Schmiedehandwerks passen dazu. Dieses Haus hat eine Altgarage, die 1910 sich nur ganz reiche Hauseigentümer leisten konnten. Selbstverständlich ist die Tür nicht aus Aluminium oder Blech. Ein Hauch Grunewald in Friedenau.

Portalkopf. Illustration Ines Kersting

Nr. 14 weist so reichhaltigen Steinmetzschmuck auf, dass man vor Staunen Maulaffen feilbietet. Über der herrschaftlichen Tür ein nahezu ebenso großes Feld mit einer weinsaufenden Gestalt zu Linken und einem Traubenesser zu Rechten. Aber auch Tauben und andere Piepmätze turnen in den verschlungenen Bändern und Bordüren. Ich passe! Entschlüsselt vor Ort mit eigenen Augen!

Widder. Illustration Ines Kersting

Ferne: an der Mittelfront eine Knabenskulptur, die auf einem Widderkopf reitet. Ferner vier grimassierende Männerköpfe im Halbrelief.

Rombenfenster. Illustration Ines Kersting

Dann entdecke ich einige äußerst seltene Rombensprossenfenster. Und der oberste Teil des Hauses über den hervorspringenden Erkern ist mit Dachziegeln senkrecht verkleidet. Macht einen gewaltigen Eindruck. Zwei Wintergartenstränge komplettieren das großbürgerliche Gepräge.

 

Pagode. Illustration Ines Kersting

Nr. 15: Hier sind eiserne Balkonhalterungen für die Blumentöppe aus der Entstehungszeit zu besichtigen, einheitlich in einem schönen Blau gestrichen. Hatte diese Rarität bisher nie wahrgenommen! Ein breiter, bemalter Sims läuft zwischen den zweistr. Wintergärten/Erker. Die mit punktiertem / ornamentiertem Kupferblech beschlagene Tür grüßt den Eintretenden. Die Fassade ist hinreißend mit Efeu berankt. Eine Freude!

 

Nun sind wir schon bei „Hellas Bad“ angelangt (Eckhaus Stier-/Hähnelstraße). Relativ liebloser Vorgarten. Aber entschädigt werden wir durch die pagodenähnlichen Dachaufbauten. Im klassischen China waren die Dächer ein Symbol des Himmels. Mit unnachahmlich schwungvoller aber sanfter Bewegung wölbt es sich auch hier himmelwärts. Ein Hauch des fernen Ostens in Friedenau.

 

 

Masken. Illustration Ines Kersting

Ich bin auf meinen Balkon zurückgekehrt und sehe nach links gewendet die Pagode und den Himmel. Der Spaziergang ist zu Ende.

 

Ich danke für’s Zuhören.

Roxy-Palast. Foto Volker Kunze

Barasch's Streunereien II

 

Zwei Welten! – Ein Friedenau-Foto nebst Grübeleien zum Umgang mit deutschen Vergangenheiten

Von Rüdiger Barasch, Januar 2013

 

Dieses eindrucksvolle Farbfoto ist 2002 entstanden. Ein Beispiel vorzüglicher Architekturfotografie. Es knistert gerade voll Spannung. Zwei benachbarte Gebäude – ein jedes für sich würdig und prägnant – prallen aufeinander. Dem linken und dem rechten Gebäude – durch die hochragende Brandmauer scharf getrennt – wird man jeweils auch eine Eleganz beziehungsweise einen ausgeprägten Stilwillen bescheinigen dürfen. Indem sich der Fotograf mit konzentriertem Blick architektonischen Teilstücken zuwendet, kontrastiert und verdeutlicht er. Er schärft unsere Wahrnehmung durch Weglassen.

 

 

 

 

 

Wir erleben das Zusammenstoßen zweier Welten! Zwei Architektursprachen in konträrer Rhythmik folgen ihrer spezifischen Melodie. Es mag verblüffen, wenn wir den Tatbestand zur Kenntnis nehmen, dass beide Gebäude in einem zeitlichen Abstand von nur zwölf Jahren errichtet wurden. Nun muss die Katze aus dem Sack. Wer die Gebäudeteile immer noch nicht identifiziert hat, dem sei auf die Sprünge geholfen: Wir befinden uns mitten in Friedenau Hauptstraße. Der linke Bildabschnitt zeigt uns den oberen Teil des Rathauskomplexes (in dem sich früher eine Filiale der Berliner Bank befand). Es wurde 1913-1917 errichtet. Europa seit August 1914 verwandelt in eine bluttriefende Schlachtschüssel und hier in FRIEDENAU wird umsichtig ein bürgerstolzes Projekt des großen Gemeinde-Architekten Hans Altmann (11.12.1871 Danzig – 27.1.1965 Berlin) hochgemauert. Aus heutiger Sicht: Unvorstellbar! Impossible!! Nicht zu glauben!

Wir, die wir uns an Jahrzehnte der Schönefeldplanungen bzw. Pfuschplanungen in relativ kriegsruhigen Zeiten gewöhnen müssen, ist dieser preußische Gestaltungswillen offensichtlich völlig abhanden gekommen. Der rechte Bildabschnitt zeigt einen Teil des als „Roxy-Palast“ 1928/1929 (Hauptstr.78/79) errichteten Gebäudes, das lange Zeit als „Gota-Markt“ (bis März 2009) genutzt wurde und seit Juni 2011 den „LPG-Biomarkt“ beherbergt. Dies von Martin Punitzer (7.7.1889 Berlin – 7.10.1949 im Exil in Santiago de Chile) formvollendeten Gebäude der „Neuen Sachlichkeit“ war in den zwanziger Jahren eines der modernsten & größten Kinos von Groß-Berlin. In den Frühsiebziger Jahren habe ich noch das mondäne Interieur mit geschwungener großer Empore genießen dürfen. Aber die über 800 Sitzplätze waren im Fernsehzeitalter nur noch tröpfchenweise ausgelastet. Der Palast wurde zur Last für den Betreiber. Auf unserem Foto sieht man in der gerundeten Dachterrasse den Chic & die Anmut des Baues. Feingliedrige Fenstergestaltung & Fassadengliederung zeichnet beide Bauten aus.

 

Der Altmann-Bau hat gewisslich biedermeierlich-behäbiges-behagliches an sich. Aber ich schätze auch diese bürgerliche Solidität hoch ein. Markant sind beide Großgebäude! Die modernistische Rasanz des Punitzer-Baus entzückt mich, dito das meisterliche Wahrzeichen (kilometerweit sichtbar) des Rathausturmes. Ich empfinde beide Gebäude auch nicht als Feinde. Ich lausche beider Melodien. Die sichtbaren Skulpturenköpfe deutscher Geistesgrößen, welche am Rathaus programmatisch geehrt werden, seien kurz genannt. Denn nicht jeder Passant hebt seinen Blick zu dieser Höhe. Nicht jeder Bürger kennt diese Gesichter. Und ein Großteil der Bevölkerung interessiert sich wahrscheinlich nicht für derartige Krimskrams der Vergangenheit. Zudem wird die Identifizierung sehr erschwert durch Verwitterung, Verschmutzung & Übertünchung. Auch ich musste mich mehrfach vor Ort vergewissern, da ich in der reichen Literatur zu Friedenau keine Hinweise gefunden hatte.

 

Ich hoffe, nicht fehlgegangen zu sein: Da sind der Baumeister Karl Friedrich SCHINKEL, Johann Wolfgang von GOETHE, Richard WAGNER, Otto von BISMARCK, Paul von HINDENBURG, Adolph von MENZEL, Ludwig van BEETHOVEN, Martin LUTHER.

 

Anmerkung: Es ist davon auszugehen, dass Hans Altmann, wie schon beim Bau der III. Gemeindeschule, für die bauplastische Gestaltung den Bildhauer Bernhard Butzke (1876-1952) hinzugezogen hatte.

 

 

Man wird Hindenburg gewisslich nicht als deutsche Geistesgröße ansprechen können. Im Vergleich zu Otto von Bismarck sind seine Lebenserinnerungen & Reden eher als blässlich–redlich einzustufen. Ein Charakter von Format aber kein Genie, das Bahnbrechendes schuf, wie die anderen sieben Dargestellten! Bedenkt man jedoch die Zeit der Erbauung des Rathauses in Friedenau, wird die Aufnahme in das Bildprogramm verständlich.

 

Seit dem Sommer 1914 galt er als Sieger (Held) der „Schlacht von Tannenberg“ (26.-30. August1914) Diese wurde im südlichem Ostpreußen gegen eine zahlenmäßig weit überlegene zaristische Heeresmacht ausgefochten. 191.000 Russen standen 153.000 deutschen Soldaten gegenüber. 92.000 Russen gerieten in Gefangenschaft. Von der intern. Militärgeschichtsschreibung wird dieser Erfolg als einziges Beispiel seit der Schlacht von Cannae (2. August 216 vor Ch., zweiter Punischer Krieg) gewürdigt, „dass eine Umfassung mit zahlenmäßig unterlegenen Kräften gelang“. Alles geniale an diesem Umzingelungsmanöver wurde ihm zugeschrieben. Ein Hindenburgmythos entstand!

 

Unser Rathaus erhielt nie die ihm zugedachte Bedeutung, da Groß-Berlin (1920) entstand und Friedenau Schöneberg zugeschlagen wurde. Es sank zum Ortsteil herab. „Der Kaiser ging, die Generäle blieben“ (Theodor Plivier) so hieß es und Hindenburg fungierte als hochdekorierter & würdiger Generalfeldmarschall immer mehr als Ersatzkaiser. 1925 wurde er vom Deutschen Volk mit Jubel der Friedenauer Bevölkerung – zum Reichspräsidenten gewählt. Sein 80. Geburtstag am 2. Okt. 1927 wurde über die Parteigrenzen in allen Schichten des Volkes gefeiert. Dies war der krisengeschüttelten Republik, die von „Anfang an eine Fehlgeburt war“ (Hans Magnus Enzensberger), selten vergönnt.

 

Auch wenn die Rolle des Greises in der bürgerkriegsähnlichen Zuspitzung 1933 umstritten bleibt, ist die Würdigung am Rathaus zu Friedenau nachvollziehbar & gerechtfertigt.

 

Ich neige dem Philosophen Odo Marquard (Jahrgang 1928) zu, dessen preisgünstiges Reclambändchen ich wärmstens empfehle. Sie weisen schon in der Titelei die Richtung: „Abschied vom Prinzipiellen“ (1981), „Zukunft braucht Herkunft“ (2003). Das zweite Bändchen schließt mit folgenden Zeilen:

„Die moderne Welt – je schneller sie wird – braucht Ausgleich durch Langsamkeitspflege. Ihre Überlastung durch Innovationen muß kompensiert werden: durch Kontinuitätskultur. Zukunft braucht Herkunft.“

 

So bitte ich dringendst, dass unsere schlafmützige Kommunalpolitik, (siehe Umgestaltungsinitiative Breslauer Platz, die sich schon Jahre dahingezogen hat) sich der Restaurierung & Reinigung der ramponierten deutschen Geistesgrößen annimmt. Dem Ludwig van Beethoven fehlt bereits die untere Gesichtspartie zur Gänze.

 

Zum Schluss sei der Name des hochgeschätzten Fotografen gelüftet. Volker Kunze (Jahrgang 1947) hat von 1976 bis 2011 hier in Friedenau das „Antiquariat an den Ceciliengärten“ betrieben (Rubensstraße 14). Er hat jahrzehntelang auch fotografiert (überwiegend schwarz-weiß) und – was noch bedeutender ist – er war ein international anerkannter Fotografiehistoriker, dessen Spezialkataloge so akribisch – kenntnisreich ausfielen, dass er von „Experten“ mehr geplündert wurde, als dass er mit seinem inneren Wissensschatz reich wurde. (Copy & Paste macht’s Abschreiben leicht.) Er war ein Pionier in seinem Métier.

Ihm sei gedankt!

 

Paul von Hindenburg bei der Einweihung des Tannenberg-Denkmals, 1927

NOTWENDIGER NACHTRAG (8. Januar 2013)

Nachdem ich am gestrigen Tage das Manuskript fertig gestellt hatte, stieß ich auf einen am gleichen Tage erschienenen Artikel über Hindenburg. Er gipfelte in folgender Schlussfolgerung: „Es ist bei der sog. „Machtergreifung“ also alles mit rechten Dingen zugegangen, Hindenburg, das vom Volk gewählte Staatsoberhaupt, ermöglichte letztlich die nationalsozialistische Vernichtungspolitik.“ Gemäß dieser Geschichtslogik müsste Hindenburg (er starb bereits am 2. August 1934) sofort vom ehrwürdigen Rathaus geköpft werden. Der Satz stammt von Willi Winkler (Jahrgang 1957) und stand in der auflagenstärksten Qualitätszeitung Deutschlands, der Süddeutschen Zeitung. (Der Mann, der Hitler zum Kanzler machte)

 

Folgen wir weiterhin dieser Logik!

Bleiben wir konsequent!

Seien wir prinzipiell!

 

 

 

 

 

Richard Wagner war ein fürchterlicher Antisemit im modernen Sinne. Kopf ab! Luthers judenfeindlichen Traktate („Von den Juden und ihren Lügen“) Sind sattsam bekannt. Kopf ab! Die „Säuberung des Kunsttempels“ (Wolfgang Willrich, Lehmanns Verlag 1938) ließe sich fortsetzen: Wurden nicht auch die übriggebliebenen Großkopfeten von den Bonzen des Dritten Reiches verehrt und angehimmelt? Wurden sie nicht als ideologische Versatzstücke ausgeweidet und bis zum bitteren Ende propagandistisch dienstbar gemacht? Sind sie nicht aus diesem Grund alle besudelt und ihre Entfernung angezeigt? So, nun haben wir alle Düsterbolde aus Dunkeldeutschland am Schlawittchen!

 

Pausieren wir – bitte Stoppsignal! – in diesem Säuberungsgalopp! Ist diese Gangart angemessen??

Denn ehe wir uns versehen, reiten wir mit diesem Denk- und Argumentationsstil in totalitär-verseuchte Sumpfgebiete hinein. Ein Klima der Verdächtigung breitet sich aus, wird zum Selbstläufer, und die nachdenklich-abwägende Würdigung komplexer historischer Prozesse und Konstellationen und die je spezifische Einbettung des Individuums darinnen, bleibt außen vor. Wir gesellen uns zu den „terribles simplificateurs“, die uns Jacob Burckhardt (1818-1897) für das 20.Jhdt. prophezieh. (Und diese schrecklichen Vereinfacher von rechts wie links haben im vorigen kurzen Jahrhundert von 1914-1989 wahrlich genug gewütet. Abermillionen Menschenleben wurden vernichtet). Vielschichtige Sichtweisen sollten endlich Vorrang genießen. Fragen gestellt werden. Für neue & alte Sichtweisen wachbleiben! Wer z.B. wie Willi Winkler unterstellt, dass der frisch ernannte Reichskanzler bereits 1933 einen druckfertigen Masterplan Treblinka, Majdanek usw. im Kopf hatte, redet schlicht Unsinn. Primär ging es Hitler und wohl nahezu allen Schichten & Parteien der damaligen Gesellschaft um die Beseitigung des „Schanddiktats von Versailles“, das für Wirtschaftskrisen (Arbeitslosenelend usw.) verantwortlich gemacht wurde. Diese in den noblen Vororten von Paris verhängten „Friedensverträge“ waren von Anbeginn die Hauptbelastung der schwachbrüstigen Republik. Sie wurde zutiefst – für mich auch heute noch nachvollziehbar – als demütigend und unweise empfunden. Hitler versprach ihre radikale Beseitigung und „freudeschlotternd“ (dieses treffende Wort prägte zuerst Karl Kraus) folgten die Massen ihrem Führer in das „Dritte Reich“. Frenetischer Jubel (Erfolgsrausch) und Zwangskonformismus (inkl. Schrittweise Entrechtung von Minderheiten & Andersdenkenden) führten in der Diktatur eine zwillinghafte Existenz. Brot und grausame Spiele – das alte Rom lässt grüßen.

Spätestens mit dem „Röhm-Putsch“ und der diabolisch-genialen Einbindung von Militär- und anderen Führungsschichten, durch Mordakzeptanz – war der Rechtsstaat endgültig beseitigt. Mit der zynischen Parole: „Der Führer schützt das Recht“ (Carl Schmitt, Deutsche Juristen Zeitung 13.7.1934). Ein Weg zurück war versperrt. Hitlers „Siegeszug“ unumkehrbar. Opposition hieß schnell „Liquidation“. Jeder war prinzipiell ersetzbar. Man lese Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ (1978) PUNKTUM!

 

Wer sich aber auf solche Gemengelagen nicht einlassen will wie Willi Winkler, der frönt einem moralischen Rigorismus des Nachgeborenen. Wer Hindenburg als „Ermöglicher der Vernichtungslager“ brandmarkt, feiert sich selbstgenügsam im Jahre 2013 als Antifa-Held. Und der nachgeholte Antifaschismus ist fraglos inzwischen eine Freizeitsportart. „Real ist die Nazizeit so versunken wie Karthago!“ (österreichischer Philosoph & Wissenschaftsorganisator, Jahrgang 38, Rudolf Burger. FAZ 30.8.2001). Aber ich fürchte, die neurotische Fixierung auf diese zwölf Jahre deutscher Geschichte wird auch nach 2013 – obwohl ganz andere gewichtigere Probleme der Lösung harren – anhalten.

 

Ich habe den Eindruck, dass das pathetisch selbstgerechte Wächtertum (überwiegend öffentlich alimentiert) samt seiner Neigung zur Denunziation weiterhin wuchert. So wurde die Auslöschung der „Treitschkestraße“. Im angrenzenden Steglitz seit 2007 intensivst betrieben und ist erst jüngst wohl an der Bequemlichkeit der Ortsansässigen (und ausnahmsweise dazu Befragten) gescheitert, die die Folgekosten einer Umbenennung scheuten. Kaum einer wird mehr als eine Zeile von Heinrich von Treitschke, dieses eigenwillig-imposanten wie spannenden Historiker des 19. Jahrhunderts gelesen haben. Er war zu Lebzeiten umstritten und streitbar. (Manche Schroffheiten seines Charakters waren bedingt durch seine Taubheit, an der er von Kindesbein litt.) Spricht Streitbarkeit gegen oder für einen Menschen?

 

 

Sein Gegenspieler, der große Theodor Mommsen (1817-1903), notiert in seinem Tagebuch am 4.5.1896 anlässlich des Todes von Treitschke: „Ich habe ihn nicht geliebt und nur sein Talent, nicht seinen Charakter geachtet, aber das Scheiden eines solchen Gegners ist auch ein schwerer Schlag. Wahrscheinlich gehen wir politisch sehr schweren Zeiten entgegen.“ (Er folgt eine vernichtende Kritik am „verbrecherischen Eigenwillen des Kaisers“, den Treitschke ebenso schroff kritisiert hatte) und endet mit dem Seufzer „Wir armen Deutschen!“ Früher ging man offensichtlich fairer miteinander um. Heute genügt zur Liquidationsabsicht, ein missbrauchter (da aus dem Argumentationszusammenhang herausgerissener Satz „Die Juden sind unser Unglück“. Bekanntermaßen trat als erster Klitterer Julius Streicher in seinem berüchtigten „Stürmer“ hervor. Der Satz wurde in jede Ausgabe gehämmert Statt grundsätzlich Geschichtsklitterung bloßzustellen und einer differenzierten Sichtweise den Weg zu ebnen, wird von einer Koalition von Berliner Politikprofessoren & Parteien eine Klitterung aus Streicherzeiten – mit umgekehrt diffamierender Intention – weitertransportiert. Dies ekelt mich! Resignierend schließe ich mit der frech-apodiktischen Sentenz von Gottfried Benn: „Des Deutschen Form der Revolution ist die Denunziation.“ (Prosaische Fragmente 1946)

 

Postskriptum

Übrigens, der obig zitierte Schlachtenheroen- & Bauernmaler Wolfgang Willrich, der „Die Säuberung des Kunsttempels“ im Dritten Reich als ein Oberdenunziant betrieb, wurde sogar in einem von Heinrich Himmler unterzeichneten Brief zurückgepfiffen, mit der Mahnung bessere Bilder zu malen und sein Wüten gegen Gottfried Benn einzustellen. (Wahrscheinlich von Hanns Johst Ex-Expressionist und 1938 hochhackiger SS-Mann in Restsolidarität Himmler untergeschoben.)

 

Barasch‘s Streunereien III

 

Alles ist flüchtig

Miniaturen & Fragmente zum Wandel in Friedenau

März 2013

 

„Die Fluten, die Flammen, die Fragen – und dann auf Asche sehn: Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehn.“ Gottfried Benn (Strophe aus dem Epilog – Zyklus)

 

Ich freue mich immer, wenn ich etwas für mich Neues zu Friedenau aufstöbere. Ein Freund aus der Handjerystraße 74 zeigte mir aus seinem Besitz dieses seltene Blatt und ich freute mich kleinkindhaft.

 

Nur eine Postkarte, mehr nicht. Sie zeigt das Areal rund um den Renée Sintenis Platz (so umbenannt seit 1967). Diese Oberansicht aber hält mit wenigen Farbtönen und Schraffuren & Linien markant einen Ist-Zustand fest.

 

 

Bebautes und Unbebautes sind klarstens geschieden. Vorgärten, Baumbestand und (überaus spannend) Gewerbe und Nutzung sind schriftlich benannt. Auch die Hausnummerierung ist lesbarlich. Auf der Rheinstraße (als Teil des prominentesten, längsten Straßenzuges des Deutschen Reiches) sehen wir die Mittelstreifentrasse der Straßenbahnlinie, die seit 1890 von Steglitz zum Alexanderplatz führte. (1898 wurde die Dampfstraßenbahn elektrifiziert) Wir können anhand dieses Planes nachprüfen, welche Vorgärten (z.B. Schmargendorferstraße vorderer Teil bis zu Nr. 6 und bis 32) in späteren Jahren geopfert wurden und welche Grundstücke noch unbebaute Freiflächen waren (Rheinstraße 4/ Schmargendorferstraße 38 und Freifläche Handjerystraße, hinter Nr. 31).

 

Keine Bombe ist hier niedergegangen. Das Gebäude Lauterstraße 18/ Schmargendorferstraße 1, welches heute der Schandfleckarchitektur der 2. Nachkriegszeit zugeordnet werden darf, steht noch in alter Wuchtigkeit & Würde. Dann in Großbuchstaben WEKA (wahrscheinlich das Kürzel für das Kaufhaus Wertkauf) in den Nummern 17 & 18 der Lauterstraße am Friedenauer Markt (Breslauer Platz).

Die Grundstruktur des abgebildeten Areals hat sich bis heute erhalten und ist auf den ersten Blick eingängig vertraut. Lust kommt auf, die Gegend mit diesem Postkärtchen in der Hand zu flanieren!

 

Charme & Schwierigkeiten auf dem Wege

 

Wir sind ja heute googlemap verwöhnt und gemästet und können nach Belieben jeden Hinterhof der Welt ausspionieren (was noch vor nicht allzu langer Zeit einer strengsten Militärgeheimhaltung unterlag). Alles zum beamen und der Stecknadel freigegeben. Hier fehlt das Dreidimensionale! Allerdings sollte über der googleeinheitlichen Weltstandardkartographie nicht der Charme älterer und alter Gestaltungsweisen vergessen werden. Hat dieses Din A 5 Blättchen nicht auch seinen spezifischen Reiz und Erkenntnisgewinn? Der Kartograf Helmut Bogen (ich konnte leider über ihn nichts mehr ermitteln), der für diesen Entwurf und Zeichnung steht, hat möglicherweise in seiner handwerklichen Klarsprache mehrere Friedenaublätter geschaffen (siehe am obigen Rand das Kürzel Bl.F23). Falls es sich bei F um Friedenau handelt, kann man nur hoffen, dass weiteres auftaucht. Ein Profi war er gewisslich! Eines hat der Meister aber sträflichst vernachlässigt: Er hat seine Werke nicht datiert.

 

Verdammt alle, die ihre Fotos und sonstige Werkchen nicht datieren. Alles ist flüchtig!

 

Und somit kühlte meine anfängliche Freude schnell ab. Denn meine erwartungsfrohe Buddelfreude und -neugier wandelte sich zur Fronarbeit. Erstblicklich fixierte ich den Plan auf die Jahre 1934 bis 1938. Das Wälzen der Berliner der Branchenadressbücher auf 1936 (es enthält als Zusatz weit über 100 Seiten auf Hochglanzpapier, Trommelfeuer der Propaganda bezogen auf die Olympischen Spiele Berlin 1936) und des Branchenadressbuches auf 1938 machten mich regelrecht schiefäugig. Kleinstgedruckt und unübersichtlich rubriziert auf bröselig-vergilbten Papier gab ich mich lesefeindlicher Tüfteleien hin.

 

In beiden Scharteken waren die zu identifizierenden Geschäfte entweder anderwärts (umgezogen) und eine Überzahl nicht mehr existent und die Läden/ Betriebe dienten anderen Zwecken bzw. hatten andere Inhaber. Um nicht zu langweilen nur einige Beispiele:

Weder die Rundfunkgroßhandlung Kaets (Schmargendorferstraße 6) noch Radio Kops (Rheinstraße 6/7), die doch in der Zeit des Radiobooms im 3. Reich Konjunktur gehabt haben mussten, waren aufgeführt. Die schwarze „Goebbelsschnauze“ war doch allerorten Verkaufsschlager! Und Kaets als Großhändler sollte weg vom Fenster sein?!

 

Ich war verwirrt. Auch der gegenüberliegende „ASTRO-Photokopie“ (Schmargendorfer 32, groß beschriftet auf dem Blatt) Werkhof sollte im Jahrzehnt der Ariernachweise und der Remilitärisierung im großen Stil brotlos geworden sein?

 

Der letzte Anker schien für mich das SAUNA-Bad in der Rheinstraße 9. Hatten mir nicht viele viele Altfriedenauer die Legende aufgetischt, diese „Finnische Sauna“ (die erste in Berlin!) sei als Renommierprojekt zur Olympiade geweiht worden, um den nordischen Teilnehmern Weltoffenheit und Gastfreundschaft zu erweisen. Pustekuchen! Ich fand zwar Aberdutzende von Wannen bis Heilbädern, medizinisch oder – wie zu erwarten – zum wöchentlichen Abschruppen der Familie gegen billig Entrée. (Wer hatte damals denn Dusche und Badewanne mit fließend Warmwasser). Ernüchterung auch bei dieser Suche: Weder gab es 1936 die Rubrik „Sauna“ noch ein Hinweis im nationalsozialistischen Einladungsfeuerwerk. Aufgeklärt hat mich dann Alfred Bürkners Friedenaubuch (Stapp-Verlag 1996), diese verdienstvolle Kärrnerarbeit, welche Fragmente & Schnipsel zusammenträgt. Dieser Don Alfredo stellt lapidar fest: Rheinstr. 9: „Hier hatte (1929) die AOK Friedenau ihren Sitz, angeschlossen waren die, “Zahnärztliche Klinik der AOK für den Verwaltungsbezirk 11 und die Badeanstalt der AOK für den Bezirk 11.“ Punktum! Auch ich war einer Legende aufgesessen. Eine Sauna allerdings war später – sie existierte bis kurz nach der Jahrtausendwende – im Seitenflügel erster oder zweiter Stock. Meine Damalige ging freitags häufig zum Frauentag. Aber auch dies ist passé.

 

Nun denn, zumindest ist das Gebäude (Vorderhaus heute das Hapag-Lloyd-Reisebüro) heil durch die Zerstörung der Kriegs- und Nachkriegszeiten auf uns gekommen. Das im Seitenflügel im Bogen-Plan benannte Musikhaus Schwartz befindet sich allerdings 1927 an anderer Stelle, nämlich in der Rheinstraße 60 auf der anderen Straßenseite. Es preist sein Sortiment mit folgenden Worten: „Musikalien/ Musikinstrumente/ Sprechapparate (gemeint ist das Grammophon) Schallplatten“ Dies ist zumindest ein Indiz dafür, dass der Bogen-Plan vor 1927 kartografiert wurde.

 

Ein wenig desillusioniert habe ich in der Folgezeit Schnipsel à la Bürkner zusammen- zutragen, um so zu einem Mosaik zu gelangen. Ich weidete das stolzeste und umfangreichste Friedenauer Adreßbuch auf das Jahr 1914 aus. Wahrlich eine Fundgrube! Man kann daselbst Friedenau Haus für Haus abgrasen. Der Annoncenteil ist so üppig & aussagekräftig. Ferner zog ich eine Festschrift des „Friedenauer Landwehr- & Kriegervereins“, zugeknüppelt mit Werbung der damaligen Generation (1927), zu Rate. Auch studierte ich das offizielle Werk der Denkmaltopographie der Bundesrepublik … Ortsteil Friedenau… Ferner … Und so weiter…

 

Gar nicht heiter: Mir gelang weder eine exakte Datierung der Bogenschen Postkarte, noch kann & will ich dem geneigten Leser die Überfülle der Wechsel und Wirrnisse zumuten. Schieres Gähnen käme auf.

 

Wer von den langansässigen Friedenauern wird auch den Geschäfts- & Besitzerwechsel beispielsweise von Rheinstr. 63 (s. Plan) der letzten zwanzig Jahre im Koppe haben bzw. gar abspulen können? Der Eine kommt und der Andere geht. Wobei das Tempo des Wechsels, so scheint’s drastisch zugenommen hat. Und jeder Wechsel ist auch mit menschlichen Schicksalen verbandelt. Mich zumindest schmerzt es, wenn eine Geschäftsidee (ich denke nicht an Schlecker-Läden dabei) baden geht.

 

Die historischen Anzeigen, die im Folgenden vermehrt eingeblendet werden, sollen den Flickenteppich des Wandels und der Kontinuität illustrieren. Sie sollen exemplarisch verdeutlichen und ergötzen, indem sie Vergangenheiten verlebendigen und Flüchtiges festnageln. Auf dem Bogen-Kärtchen sind im Vorderhaus der Rheinstr. 9 „Mewes & Co. Damenmoden“ platziert, im Kaiserreich hingegen sind „Herren- & Knabenmoden“ hier beheimatet:

 

 

Ich bitte, daraus nicht den falschen Schluss zu ziehen, dass nach dem Kriegergemetzel das weibliche Geschlecht nun die Oberhand gewann. Vielmehr sollte das Unterwürfige der kulanten Bedienung und der Privilegierung der Beamtenschaft, der großzügigst Teilzahlung gestattet wird, abgeschmeckt werden. Die Beamten sind zwar auch hundert Jahre später noch privilegiert (man sehe sich die Zusammensetzung der Volksvertretung an), aber die Ratenzahlung wurde als Lockmittel sozialisiert: „Erst kaufen, später zahlen.“ Seinerzeit durften die ärmeren Schichten allenfalls beim Bäcker, Kneipiers etc. „in Kreide stehen“, nicht aber in den „vornehmen“ Geschäften. Wenn das Wort „billig“ auftaucht, meint es „recht & billig“ im Sinne von ehrsam und nicht „Geiz ist geil.“

 

Widersprüchlich erscheinen auf den ersten Blick die Aussagen am Anzeigenschluss „Bei Barzahlung 5%“, dann fetter gedruckt „streng feste Preise“. Des Rätsels Lösung: Auch die 5% Rabatt bezogen sich halt nur auf die kaisertreue Beamtenschaft und die festen Preise galten für das übrige Fußvolk.

 

 

 

 

 

 

 

Der mit Abstand älteste Traditionsbetrieb, der noch heute in der fünften Generation als Leuchtturm Bestand hat, befindet sich in der Rheinstr. 58/59 (ein paar Schritte aus dem Bogen-Plan herausgetreten). „Ein Familienunternehmen mit Weltanschauung“, so sagt es vollmundig das Selbstporträt von 1996. Wenn für den Klempner „Gas, Wasser, Scheiße“ gilt, so bleibt für Lorenz „Gold, Uhren, Perlencolliers & Eheringe“ der Dauerbrenner. Da die Firma in fast jedem Friedenaubuch sich selbst feiert bzw. gefeiert wird, erspare ich mir weitere Ausführungen. (Bin auch kein Rolex-Typ). 1913 allerdings hatte die Firma noch Konkurrenz. Direkt gegenüber vom „ersten Geschäft in Friedenau“ residierte ein Gustav Ostwald:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Nachbarhause dieses Meisters (Rheinstr.16) befand sich der zweite Kontinuitätspfeiler von Friedenau: Die 1892 gegründete Adler-Apotheke. Im Jahre 1902 wurde diese Apotheke der Gemeinde von Paul Sadèe (der Name weist auf hugenottische Herkunft) übernommen und blieb siebzig Jahre im Familienbesitz. Sadée war langjährig als Gemeindeschöffe und Gemeindeältester tätig. Eine „important person“ im politischen Geschehen der expandierenden ehrgeizigen Kommune. Welcher Richtung er zugehörte, zeigt folgendes schnuckeliges Curosium:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses handgearbeitete Pillenschächtelchen, geziert mit dem reichsdeutschen Kaiseradler wurde noch (siehe Aufschrift per Hand) anno 1950 an Kunden/ Patienten ausgegeben. Nach Weltkrieg I, Inflation, Weltkrieg II, Besatzung, Gründung der BRD/DDR. Selige Insellage Berlin-West: Kaiserreiche & Systeme kommen & gehen, nützliche Schächtelchen bleiben bestehen. Ein anrührender wie seltener Kontinuitätsbeitrag wird hier geliefert! Museumswürdig! In Treue fest zum harmlos dienenden Ding.

 

Bei den vielen radikalen Umbrüchen und Bruchlandungen in den letzten hundert Jahren, freut sich unsereins, wenn es auf einen vertrauten Namen im Annoncement trifft, an den sich auch persönliche Erinnerungen knüpfen. Die Gothaische Feuerversicherung, eine der ältesten & damals innovativsten ihrer Art, entsprungen einem mitteldeutschen Zwergstaat zu Goethes Lebzeiten, hatte ihren Hauptsitz in der Nachkriegszeit in mehreren ausgedienten Kasernen in Göttingen gefunden und mein Schulweg führte täglich daran vorbei:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Immerhin, die Gothaische ist auch heute noch in Berlin präsent. Kontinuität seit 1821! Versicherungen gegen Beraubung durch den Fiskus sind allerdings immer noch nicht erfunden. Vielleicht demnext in diesem Theater.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier sehen wir zwei Anzeigen (rot 1913, die nächste 1927), die eine Vererbung eines Geschäfts von Senior auf Junior sichtbar machen: Das Sortiment hat sich zum Teil gewandelt bzw. den Verbraucherwünschen angepasst. Die „Brautausstattungen“ sind nicht mehr fettgedruckt aufgeführt, der Luxus der Vorkriegszeit weicht den profaneren „Borstenwaren“ und Ähnlichem. Aber die Grundstimmung der Solidarität & des reichhaltigen Angebots ist beibehalten. Aber für dieses Vererbungsmodell, das man nostalgisch-verschönernd im Kopfe mit sich schleppt (… „als der Großvadder die Großmuttern nahm…“) ist realiter seltener anzutreffen als gedacht. Man ist schon erfreut, wenn die Kontinuität des Namens gewahrt bleibt. So trägt die „Körner Apotheke“ in der Hauptstraße mit ihrer alten Inneneinrichtung auch seit alters her diesen Namen. Nur die Inhaber wechseln.

 

Auch ist den Meisten sicher noch „Der kleine Ratskeller“ geläufig. Jeder der am Breslauer Platz flanierte und am Markttrubel teilnahm (wer eigentlich nicht?) wird ihn noch bis hinter der Jahrtausendwende wahrgenommen haben. Zumindest von außen. Schon vor Wochenmarkt – Schluss war er gerammelt voll. Manch Standbetreiber ging auch schon mal zwischendurch einen zischen. Manch Ratskellerbesucher wartete sonnabends darauf, bis das Abräumen draußen angesagt war und sorgte, leicht angegangen, für ein volles Netz verbilligter Ware. Man kannte sich und jeder hatte seinen lütten Gewinn. Nun habe ich die Ehre, allen Friedenauer Trunkenbolden & Gelegenheitssüffeln diese altehrwürdige Erinnerung an eine verschwundene Wirkungsstätte zu widmen:

 

 

Ich gedenke auch der Verblichenen vieler Generationen, deren Seelen durch diese Zeilen erwärmt werden könnten. Im „Kleinen Ratskeller“, der weder ein Keller noch „vornehm“ war, vielmehr einen ebenerdigen Schlauch bildet der nach hinten (toilettenwärts) wenig Platz für Tische übrig hatte, war der lange Tresen das Zentrum. Von Halle kann keine Rede sein. Ein Schuppen, eine Kaschemme halt. Sie wird wohl nie das Bürgertum Friedenaus bewirtet haben in ihrer langwährenden Geschichte. Dafür tauchten Typen auf, z.b. Kerle, die von sich behaupteten in Indochina 1954 Dien Bien Phu in vorderster Linie in der Fremdenlegion gekämpft zu haben. Ungemein glaubwürdig & haarklein konnten sie ihre Heldentaten, die sie sich wahrscheinlich in Landserheften erschmökert hatten, auftischen. „Ja damals“… Ich war immer verblüfft & entzückt von dieser ausgefeilten Erzähltechnik.

 

Jeder Mensch ist ja sein Lebenslauf: Ein Bündel aus teils verarbeiteten, teils verworren verschwiemelten oder eingebildeten oder (s.o.) erfundenen Geschichten. Was ist schon die Wahrheit? Wie Max Frisch sagt: „Ein jeder erzählt sich eine Geschichte, die er am Ende für sein Leben hält.“ (Wunderbare Sentenz!)

 

In der Kneipe (ich rede von der „Eckkneipe“, der vertrauten) werden nach und nach diese je individuellen Erzählstränge bis zur letzten Marotte ausgespuckt. Sie treten ans Kneipenlicht und es kommt zum Austausch und unter Umständen zu handfesteren Konfrontationen. Geschichte & Geschichten prallen aufeinander, Weltsichten verknäulen oder konturieren sich. Wie auch immer: Romba Zomba! Prost!

Von den Blondinen oder dem Mannsbild hinter der Theke gar nicht zu reden. Ob schlagfertig („Herz mit Schnauze“), gerissen, gelangweilt oder jovial-gelassen, sie nehmen ihre Beichtmutter- bzw. Vaterrolle an. Notfalls animieren sie, denn Beichten fördert’s Geschäft und verhindert Stillstand, Öde, eigene Langeweile. Die Wirte & Bedienungen sind wahre Therapeuten, die sich einen feuchten Pfeffer um „Therapie“ kümmern. („Wat soll dette denn heißen?“)

 

Heute krankt Friedenau eher an einer Überschwappung von konzessionierten und abrechnungsfähigen „Therapeute/INNEN“. Und „Coacher“ übernahmen die Eckneipen. – Jenun, alles ist flüchtig. Mesdames, Monsieurs, man verzeihe mir meinen elegischen Abgesang auf den „Kleinen Ratskeller“. Die Marktkaschemme lange dichte. Mag ein jüngerer das Loblied auf den vielbesuchten Italiener, der nun daselbst seine Zelte aufgeschlagen hat, anstimmen. Einladend sind seine Tische & Bänke auf dem breiten Bürgersteig vor dem Laden, gewiss. Meine Pflicht aber ist, für die Kogge (Hauptstr./Ecke Stierstr.) ein Ströphlein zu summen. Denn dort ging ich jahraus jahrein vor Anker.

 

 

Der Wirt Günter Liefke übernahm am 1.9.1970 daselbst das Ruder und – unbelievable – er steht noch im März 2013 hinter der Theke. Ein Dinosaurier! Ein biographisches Kontinuitätsbeispiel von äußerstem Seltenheitswert in diesem anstrengenden Gewerbe. Weit über 40 Jahre uff’n Buckel und seine Schwester Edda (Jahrgang 1939) steht ihm immer noch hilfreich zur Seite. Wer hält das aus? Allein den Verlauf und Wandel in diesen Jahrzehnten zu beschreiben, würde auf romanhaften Umfang anschwellen. Schwänke und Überschwang reichlichst. Aber auch in diesem Falle gilt: „die Himmel wechseln ihre Sterne – geh!“ (Gottfried Benn; Epilog-Zyklus)

 

Die nächste Anzeige wurde 1927 gedruckt, dies ist schon daran erkennbar, weil erst in den zwanziger Jahren das einheitliche „Rheingau“-Fernmeldeamt für Friedenau installiert wurde. (vor dem 1. Weltkrieg waren unter anderem „Uhlandstraße, Pfalzburg amtlich vermittelt)

 

 

Der Ratskeller liegt fürwahr im Keller und er dient seit Jahrzehnten als Kantine der Rentner, Handwerker, Gewerbetreibenden und der Mitarbeiter der Behörde (Jugendamt). Dieser Personenkreis schaufelt hier preisgünstig sein Mittagsmahl. Zu Westberliner Inselzeiten wohl eine Goldgrube für den Pächter. Niedrigster Mietzins, Null Energiekosten; alles mit dem Weihnachtsessen für die Behördenmitarbeiter abgegolten. So jedenfalls berichtete man mir von „Kennerseite“.

 

Eine gewisse Witzigkeit sehe ich auch darin, dass der „kleine Ratskeller“ sich so benamst hat, bevor der Grundstein zum Altmanschen Friedenauer Prachtbau gelegt wurde. Die fand erst am 14. Oktober 1913 aus Anlass des 100sten Jahrestages der Völkerschlacht zu Leipzig statt. (Salute! Demnächst vor100 Jahren) Der Gebäudekomplex wurde erst im Kriegsjahr 1917 fertig gestellt. Allerdings wurde der öffentliche Wirts- und Geselligkeitsort bereits am 23. Dezember 1915 eingeweiht, mit Bums und Bier. Im Oktober 1916 wurde daselbst – dies ist ausführlich beschrieben – über die zu schaffende Ortsfahne der Gemeinde Friedenau gestritten. Als Farbe wurde „blau“ vorgeschlagen. Ein Gemeindevertreter unterstrich diese Forderung mit dem Hinweis darauf, dass im Ratskeller schon mancher Einwohner „blau“ geworden sei. Dem wohlgesetzten Bürgermeister Walger kam diese Einrede „krähwinklich“ vor. Jedoch, eine blaue Fahne wurde beschlossen.

 

 

Es war einmal: „eine blaue Fahne flatterte voran …“ Auch ist anzumerken, das im Fortschrittlichen Friedenau bereits am 01.07.1911 eine Auskunfts- und Fürsorgestelle für Alkoholkranke durch die Gemeinde eingerichtet wurde und – wie andernorts auch – eine rührige „Loge Friedenau des internationalen Guttemplerordens“ predigte (weitere Frauenvereine gegen den Missbrauch geistiger Getränke lasse ich hier weg). Alles offensichtlich vergebens, gepichelt wurde weiterhin, denn jeder Verein (ob gemeinnützig, berufsständisch, patriotisch oder vergnüglich) traf sich in seinem Vereinslokal.

 

Im heutigen Friedenau können wir uns allerdings wirklich nicht über mangelhafte Infrastruktur beklagen. Im letzten Jahrzehnt – parallel laufend zu Dachgeschoßausbauten und der Umwandlung in Eigentumswohnungen und dem damit verbundenen Zuzug von solventen Doppelverdienern – sind zahlreiche Restaurants und Läden der kuscheligen Art dazugekommen. Selbst Tortenläden der feinsten Klasse und Süßwarenspezialisten warten mit erlesenen Delikatessen auf. Das bunte Treiben hat auch an prominenten Ecken neue Farbtupfer hinzugewonnen. Die Einbeziehung des Trottoirs und der Vorgärten ins genießende Geschehen macht sichtbare Fortschritte von Saison zu Saison. Das Wagnis zum Besonderen, Verfeinerten und Ausgefallenen wird vom Bürger honoriert. An gut sortierten Weinhandlungen oder Gewürzläden usw. besteht kein Mangel. Die Bio-Bio-Bio-Wellen sind aus den Nischen heraus und inzwischen in wahren Palästen angelandet. Der eine Friedenauer schwärmt von diesem kleinen Portugiesen, der nur drei oder gar zwei Gerichte auftischt – die allerdings sind lecker, lecker, lecker … – und der andere preist jenen Italiener. Unbedingt musst du … kösteln! Auch der türkischstämmige Bäcker backt täglich seine Bleche. Sind die Schleckereien weggeputzt, hat er keine Halbfertigware in petto. Usw. usw. das sind alles sympathische Entwicklungen.

 

Dennoch bedaure ich zutiefst den elendigen Niedergang der Eckkneipe. Sie war ein Hort der geborgenen Geselligkeit des Vereinslebens, von dem über die zu belächelnde Vereinsmeierei wichtige gemeinnützige Impulse ausgingen. Heute wird ja allenthalben der „Stammtisch“ mit seinem Gerede von der Politik & den Medien diffamiert. Wer diesem gar Gehör schenkt, wird als „Populist“ in die Ecke gestellt. Dabei ist der Stammtisch die Keimzelle der demokratischen Auseinandersetzungen gewesen (inklusive des Gezänkes). Was wären denn z.B. die Sozialdemokraten ohne ihre Stammlokale geblieben? Unter dem Bismarckschen Sozialistengesetz (1878) haben sie nur durch ihre Verankerung in Lokalen überwintert. Die heutige Verächtlichmachung der demokratisch – kontroversen Debatten von unten ist himmelschreiende Arroganz einer abgelösten Profipolitikkaste, die den einfachen Bürger & Wähler offensichtlich nur noch als Störfaktor bzw. Stimmvieh sieht. Die Willensbildung von oben nach unten gewinnt an Fahrt!

 

Am „Stammtisch“ konnte nie etwas „alternativlos“ durchgezogen werden. Hier wurde kontrovers und handfest (bis zur Wirtshausschlägerei) argumentiert. Die Karikaturisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie Honoré Daumier, Adolf Oberländer, Wilhelm Busch bis zu den Meistern des Simplicissimus haben dazu manch schönes Blatt geliefert. Die Verlogenheit, die hinter der Metzelung des niederen Volkswillens steckt, wird erst recht deutlich, wenn man einbezieht, das sämtliche „Kungelkreise“ der Parteien, Medienfuzzis und Lobbyisten doch auch in den Hinterzimmern der Lokale oder bei nobeler Machart in den Suiten & Séparées ihren Geschäften nachgehen. Werden nicht mehr als 60 Prozent der Arbeitszeit eines Durchschnittsabgeordneten mit Kungel & Seilschaftstätigkeiten verbracht? – Doppelte Moral auch hier.

 

Stellt Euch vor, Friedenau hatte 1913 weit weit über 100 Gasthäuser, denn die hier abgebildete Liste zählt nur die „Gast- & Schankwirte & Restaurants“ des engeren Friedenau diesseits der Wannseebahn auf. Das „Malerviertel“ (Dürer/Rubens/Menzel/Cranachstraße usw.) ist ausgelassen. Jeder Bewohner der Jetztzeit kann sich seine nächstgelegene Pinte herauspicken, die seine Vorbewohner vor exakt hundert Jahren haben ansteuern können. Zumeist wird der aufmerksame Tüftler herausfinden, dass der Gang auf Puschen möglich gewesen ist. Alles ums Eck!

 

Die Kneipendichte in tout Berlin als damals größte Industriestadt Europas erklärt sich kulturgeschichtlich auch dadurch, dass die Malocher (Proletariat) im Morgengrauen auf Arbeit gingen und die Kachelöfen gegen Abend nur noch wenig Wärme abstrahlten. Wenn es sich überhaupt lohnte, zu heizen. Die Kneipe aber war mollig & man trank nach der Schufterei seine „Molle mit Korn“, schlurfte heimwärts ins klamme Bett. Hatte die nötige Bettschwere. Weder Radio noch Fernseher noch Grammophon waren für die unteren Schichten 1913 verfügbar. Bei Unpässlichkeit wurden die Gören von Vaddern und Muttern ums Eck geschickt. Daher der häufig erwähnte „Syphon – und Kannenversand“. Die Kneipe fungierte bis in die Sechziger – Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als zweites Zuhause und erweiterte „Familie“. Ich habe dieses Milieu noch 1971 in Moabit kennengelernt. Bei Straßenkreuzungen waren häufig alle vier Ecken kneipistisch besetzt.

 

Nuje, aber das bürgerliche Friedenau war wohl auch nicht von Pappe.

 

 

Aus meinem rückwärtigen Fenster sah ich erst kürzlich an einem Sonntag sich binnen zweier Stunden ca. 200 Personen um eine ganz gewöhnlich geschnittene Gartenhauswohnung bewerben. Alle Mietsuchenden machten einen gut betuchten Eindruck. Friedenau scheint sehr begehrt zu sein! Allerdings war ich auch gelinde aufgeschreckt von dieser Kavalkade, die kein Ende nehmen wollte. Vielleicht hat dieses Erschrecken auch einen realistischen Kern, denn der Wandel zeitigt nicht nur gute Folgen. Aus meinem Nachbarhaus sollen über zweidrittel der Altmieter bereits ausgezogen sein. Die große Wohnanlage aus dem Jahre 1911 mit 51 Einheiten und einem denkmalgeschützten Innenhofgarten wurde in Eigentumswohnungen umgewandelt. Ich leugne nicht mögliche Verbesserungen, die aus der Umwandlung erwachsen. Auch das Mietshaus zwei Häuser weiter ist jüngst wieder verkauft worden.

 

Nicht zu leugnen ist aber, dass ein schleichender Austausch der Bevölkerung im Gange ist, der einen alteingesessenen ollen Knacker auch beunruhigt. Alte Beziehungsgefüge brechen weg. Mich jedenfalls gruselt, wenn ein Altbau mit Gesicht binnen eines Jahrzehnts aus Spekulationsgründen dreimal den Besitzer wechselt. Viel Tafelsilber ist bereits nach der Wende 1989 verscherbelt worden (siehe Ceciliengärten!) Auch in meiner Straße gab es einst Kommunalbesitz! Ja, wo ist er geblieben?

 

Ich jedenfalls möchte auf meine alten Tage weder von Düsseldorf, Newyorkien oder Tokio verwaltet werden. Auch den Scientologen, die sich als Religion bezeichnen, (sie hatten in früheren Jahren in Friedenau Sponholzstraße ihre Berliner Zentrale) sollen in meinem Umfeld Häuser aufgekauft und umgewandelt haben. Sie haben den freiwillig … Ausziehenden üppig Handgeld gegeben. Geschah dies aus religiös motivierter Mildtätigkeit oder rechnet es sich? … Man wird ja noch fragen dürfen.

 

„Alles ist flüchtig“. Eine Gedichtüberschrift des alten Benn. Eine Binsenweisheit! Bei der Beschäftigung mit der Friedenauliteratur fällt auf, dass uns die Altvorderen jede Menge preußisch-korrekter Statistik, Fakten, Auflistungen hinterlassen haben. Ihre Sichtweisen, ihr Erleben, ihr alltägliches Leben wird hinter dieser positivistischen Verschanzung weit weniger sichtbar. Ichaussagen (bei aller Bedingtheit) sind Mangelware! Ein Manko und Vorwurf an vorhergegangene Generationen. Wir haben keine farbigen Berichte.

 

 

Um nur ein Beispiel zu nennen: über die Kriegsbewirtschaftung von Grundnahrungsmitteln, die doch für die gesamte Bevölkerung eine einschneidende Maßnahme mit alltäglich spürbaren Folgen war, fehlen anschauliche Berichte. Über Jahre hin herrschte das Markensystem. Dennoch ist es dem Orkus des Vergessens anheimgefallen. Schade!

 

Deshalb sollten wir uns bemühen, die Friedenauer Vergangenheiten zu verlebendigen (soweit es uns überhaupt möglich ist) als auch unsere Friedenauer Gegenwart bei aller Eingeschränktheit des Blickes  möglichst plastisch-farbig zu sichten.

 

 

Barasch’s Streunereien IV

Streifzüge durch die friedenaurelevante Literatur. Ein munteres Blätterrascheln in den Beständen.

 

Wohlgemut und ein wenig großschnäuzig wird hier ein Projekt angekündigt, von dem das Ergebnis nicht feststeht. Ein „work in progress“, welches sich vornimmt – mühsam nährt sich das Eichhörnchen - Titel für Titel anzusaugen, zu sichten und Dokument für Dokument zu würdigen. Eigenwilligkeiten meiner Kommentierung sollten als Würze genossen werden und dazu einladen, sich eigenständig dem jeweiligen Stoff zu nähern, um sich in Reibung mit mir ein eigenes Urteil zu bilden. Jeglicher Tendenz, das demokratische Meinungsspektrum einzuengen, versuche ich lustvoll zu widerstehen. Sei es durch Provokation oder gar Polemik. (Tucho und Hiller zu ihren Friedenau-Zeiten waren Meister darin.) Dogmatischen Positionen und Bevormundungen habe ich nie etwas abgewinnen können. Ein Orientierungs-Leuchtturm bleibt für mich Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) mit seinen „Sudelbüchern“. Selbstredend bin ich nur zwergenhaft angesichts der drei Genannten.

 

1. Motto: „Eine seltsamere Ware als Bücher gibt es wohl schwerlich in der Welt. Von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten die sie nicht verstehen; und nun gar geschrieben von Leuten die sie nicht verstehen.“

Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

 

2. Motto: „Lesen heißt borgen, daraus erfinden, abtragen.“ Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

 

3. Motto: „Das Buch, das in der Welt am ersten verboten verdiente, wäre ein Catalogus von verbotenen Büchern.“ Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)

 

Mit geringer gedanklicher Anstrengung wird ein jeder nachvollziehen, dass diese Sentenzen aus grauer Vorzeit leicht abgewandelt auch in der Internetwelt heute zutreffen.

 

1. Alles reichlich meschugge und in seiner Unermesslichkeit und seiner Machart und Absicht nicht gänzlich verstehbar. Mediale Warenwelt als Wirrwarr (Verheißung und Dummheit dicht beieinander). Die WAHRHEIT gibt es nicht, es gibt nur Sichten!

 

2. Dankbarer und denkbarer (wünschbarer) Umgang mit Medien. Schöpferisches Sichten! Zum Eigendenken anregend!

 

3. Freiheitsdurst! Weder Ausspähung durch Schnüffeldienste noch durch Zensoren, gleich welcher Couleur.

 

Mir schwebt eine „kritische Bibliografie“ der angeschwollenen friedenaubezogenen Literatur vor. Eine Handreichung und Ermunterung zum Stöbern in Geschichte und Gegenwart! Da ich mich nicht allein als „Heimatkundler“ verstehe, erlaube ich mir, auch über den Gartenzaun hinauszublicken. Heimatkunde wird demgemäß verstanden als Weltöffner. Immer von der konkreten Vielgestalt und der Buntheit des begrenzten Umfeldes ausgehend, pirscht sie sich tastend an größere Zusammenhänge heran. Sie erweitert sich und spürt den historischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Einbettungen nach. Auch ästhetische Gesichtspunkte werden objektbezogen diskutiert.

 

Die einzelnen Texte differieren sowohl in puncto Umfang als auch in der literarischen Form. Jegliche Glättungsvorgaben à la Brockhaus oder Wikipedia werden allerdings ignoriert. Objektbesprechungen ohne deutlich gemachten Ich-Filter und Ich-Bezug langweilen mich. Kontroverse Sichten liebe ich! (Nebenbei auch diese oder jene Abschweifung!) Die vorläufige Reihenfolge des Rezensierten ist abhängig von meiner Leselust und Schaffenskraft (Lust-und-Laune-Prinzip). Sie bildet keinen hierarchischen Kanon ab. Jede Besprechung steht für sich selbst ein. Auch auf den ersten Blick Nebensächliches womöglich Drittrangiges kann meinen Appetit reizen. Eine Gruppierung der Einzelteile in einen chronologischen oder andersorientierten sinnvolleren Zusammenhang bleibt einer möglichen Schlussredaktion vorbehalten. Zukunftsmusik mit Fragezeichen. Längere Zitate (Quellen sprudeln lassen!) bildlicher oder textlicher Natur haben den Zweck, den Stoff zu verlebendigen. Wohlan und frischwärts gesichtet!

 

WOLLSCHLAEGER, GÜNTER: CHRONIK FRIEDENAU

Verlag Wort & Bild Specials Berlin, 1986, 103 Seiten und 4 Seiten Verlagsanzeigen. 20 Abbildungen im Text nach überwiegend alten Ansichten.

 

Komisch! Der Titel verheißt eine Darstellung im zeitlichen Ablauf seit der Gründung der Landhauskolonie in den Frühsiebziger Jahren nach Gründung des Deutschen Kaiserreiches. Der Anspruch der Überschrift wird allerdings in keinster Weise erfüllt. Nicht einmal einen tabellarischen Abriss der Eckdaten der Entwicklung wird im Anhang beigefügt. Selbst das Register mit seinen allgemein gehaltenen Stichworten wie „Alltag“, „Verkehrswesen“, „Kirchwesen“ erschließt das Werk höchst mangelhaft. Selbst eine Kapitelgliederung fehlt. Nun wäre es aber voreilig, dieses Buch mit dem irreführenden Titel zuzuklappen und weiter zu eilen. Berücksichtigt man den 1986 vorhandenen Vorrat der Friedenau-Literatur, so wird man schnell zu der Einsicht gelangen, dass hier der erste Versuch vorliegt, eine Gesamtübersicht zu bieten.

 

Was lag denn bis dato vor? Diverse Festschriften der Friedenauer Schulen und Vereine und der Kirche zu ihren Jubiläen von bedingter Ergiebigkeit und einige Vorarbeiten in den „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins.“ Diese Aufsätze (z.B. vom April 1977) sind zudem auch aus der Feder des besprochenen Autors. Die fundierteste Quelle, die sich bot war das – von allen Friedenauautoren nach ihm bis heute abgeschöpfte „Adressbuch für Friedenau 1914, 11 Jahrgang, Stand Oktober 1913, erschienen im Druck und Verlag von Leo Schultz in Friedenau Rheinstr.15. Ohne dieses Jahrhundertwerk, das weit mehr als Adressen zu bieten hat, stünde es um die Geschichtsschreibung wahrlich schlecht. Es verblüfft, dass zwischen 1913 und 1986 nichts Umfassendes und Friedenauspezifisches versucht wurde. Eine gigantische zeitliche Lücke klafft!

 

Erst 1986 erscheint Voluminöses! 1. Die Arbeit des damaligen 2. Vorsitzenden des Vereins für die Geschichte Berlins, der sich als Friedenau-Apostel ein umfangreiches Archiv zum Thema aufgebaut hatte und 2. legte der bis zum heutigen Tage unermüdliche Friedenau-Buddler Hermann Ebling eine umfangreiche Dokumentation über den Zeitabschnitt 1871-1924 vor: Friedenau-Aus dem Leben einer Landgemeinde. Berlin. Zinsmeister & Grass 1986, 195 Seiten. Mit opulenten historischen Ansichten.) Ein großformatiger (24,7 x 26,5 cm) Klopper mit reichhaltigen Faksimiles ausgestattet.

 

Beiden Quellen ist gemein, dass sie kübelweise Materialien über uns ausschütten. Beide Bücher wuchten mit Leidenschaft die wuchernden Sammelvorräte dem Leser bzw. Betrachter vor die Augen. Dschungelgefühle mit gelinden Panikattacken sind die Folge. Eine konsistente Friedenauerzählung im Sinne einer historischen Monografie kann nicht erwartet werden. Auch muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass World Wide Web erst am 30.4.1993 freigegeben wurde und diese Pionierarbeiten allein der Energie und Emsigkeit der Autoren zu verdanken ist.

 

Wollschläger plündert seine in mühevoller Kleinarbeit (auch durch die Befragung diverser Friedenauer Bürger) zusammengetragenen Zettel- und Archivkästen, die er allerdings erstaunlich willkürlich zusammennäht. Der Leser wird gleichsam durch einen chaotischen Rübenacker gehetzt. Neben saftigen Zuckerrüben werden kümmerlich verkrautetes Gewächs, gar „Unkraut“ gleichgewichtig behandelt. Wer zum Deibel kommt da noch mit?

 

Rheingauschule (damals nach der verehrten Königin Luise benamst): „Geschweifte Giebel im teigigen Auseinanderfließen der Konturen, Asymmetrie und Betonung der Mitte kennzeichnen den barockisierenden, trotz aller Monumentalität gefällig wirkenden Jugendstilbau unter französischem Mansardendach. Hans Altmann, der am 1. April dieses Jahres (1904) zum Gemeinderat berufen war, hatte ihn errichtet.“ Schon bis zu dieser Stelle ist verwirrendes zusammengemengt: teigig, asymmetrisch, barockisierend, französisch, Jugendstil. Das mir bekannte Gebäude entsteht nicht vor meinen Augen, sondern flirrt und schwirrt. Aber es kommt noch mehr. Ich fahre im Text fort:

 

„Damals betrat man ihn noch von der Goßlerstraße aus. Auf dem Hofgelände in der Rheingaustraße lag der große Schulgarten, dessen biologischer Teil sich anschaulich in Alpinum, Moorlandschaft und Waldwiese gliedert. Mancher Straßenpassant blieb im Vorübergehen bewundernd vor ihm stehen, und die meisten Friedenauer kannten ihn zu allen Jahreszeiten. Die Jungen waren in den altvertrauten Räumen in der Albestraße unter dem jetzigen Rektor Jaeschke geblieben. Auch der bisherige Schulgarten an der Fehler- und Stubenrauchstraße gehörte ihnen nur allein. Heute ist von beidem nichts mehr zu sehen. Als der Bau der öffentlichen Höheren Mädchenschule entstand, hatte die nun hinter diesem liegende Gemeindeschule den größten Teil des Pausenhofes an ihn abzugeben und den eigenen an die Rheingauschule zu verlegen. Nur die Schülerinnenbeete zwischen Turnhalle und Haus blieben an der Südecke der Ostseite bestehen. Sie versorgten übrigens die Schulküche mit Gemüse und Kartoffeln und unterstanden der Oberleitung Wilhelm Ukrows, der am 1. Oktober 1912 nach 36 Dienstjahren den Ruhestand einreichte.“ (Seite 31)

 

Sorry, ich blicke da nicht mehr durch. Wie war das mit der Südecke der „Ostseite“? Zum Abschnarchen diese und viele ähnliche Zupfereien in den Gärten der Vergangenheit. – Übrigens hat die neuere Forschung herausgefunden, Oberleiter Wilhelm Ukrow sei schon nach 35 Dienstjahren … Summa: Jenseits dieser zitierten Krümelkackereien enthält dieses Buch, holter die polter aneinandergereiht, viele nuggets. Eine Arbeit für Goldgräber! Aber auch diese mussten ihr Sieb unermüdlich schütteln und rütteln. Eine Antichronik mit Goldgekörntem!! Jede spätere Veröffentlichung zu Friedenau hat diese Wollschläger-Sieberei mit Erfolg durchgeführt. P.S.: Übrigens der Verleger des Buches Hans Peter Heinicke hatte als Antiquar in der Rheinstraße in der Nachbarschaft des Juwelier Lorenz acht Jahre sein schmales Ladenquartier gehabt. Später war darinnen ein Innendekorateur (Stoffe/ Bezüge) langjährig am Wirken – Alles Vergangenheit.

 

BÜRKNER, ALFRED

FRIEDENAU – STRASSEN, HÄUSER; MENSCHEN

Berlin: Stapp Verlag 1996 232 Seiten OHKT.

 

Zehn Jahre nach der Wollschlaeger-Chronik legte uns „Don Alfredo“, der aus einer alten Friedenauer Familie stammt, ein Geburtstagsgeschenk zum 125. Jubiläum von Friedenau (exakt gegründet am 9.Juli 1871) auf dem Gabentisch. Im Gegensatz zum Rübenacker der Antichronik durchschreiten wir mit Bürkner einen gleichsam zuchtvoll gehegten preußischen Barockgarten. Das verdienstvolle Werk ist genauso klar und einsichtig gegliedert und gestaltet wie der Ortsteil Friedenau selbst. Es ist als Nachschlagewerk mit musikalischer Kennerschaft komponiert. (Bereits sein gleichnamiger Vater war Klarinettist und Berliner Kammervirtuose und lebte von 1948-1981 in der Baumeisterstraße 8 und die Bürkners sind aus dem musikalischen Treiben in den Kirchen Friedenaus nicht wegzudenken. Jeder hat von den Posaunen Jerichos gehört, den Posaunen Chor Friedenaus aber kann man seit 30 Jahren hörend genießen!)

 

Drei ausführliche Register werden zur Entschlüsselung aufgeboten. Ein Personenregister mit Beifügungen z.B. ANSCHÜTZ, Ottmar, Photograph, Stubenrauchstr. 43 Friedhof (Ruhestätte) Wielandstr. 33 (Wohnung); LUFT, Friedrich, Kritiker Bundesallee 74. Darüber hinaus ein Personenregister nach Berufen geordnet. Bsp.: ALTMANN, Hans, Architekt, nun werden alle seine Bauten gelistet als da wären: Breslauer Platz; Bundesallee 64/ 76/ 86-88; Laubacher Str. 27; Lauterstr. 19-20; Offenbacher Str. 5a; Perelsplatz 1; Rheingaustr. 7; Schwalbacher Str. 3-4; Stubenrauchstr. 43-45; Stubenrauchstr. 67; Südwestkorso 62. (Aus dem Buch S.31) Somit ist einem ortsfremden Architekturfan die ganze Palette der Bauten, die der Friedenauer Stadtbaurat verantwortete bzw. an denen er beteiligt war übersichtlich dargeboten. Der Besucher kann Gebäude für Gebäude mit Stadtplan ohne Mühen seine Erkundungsgänge beginnen. Eine verdienstvolle Handreiche!!

 

Ein drittes Register benennt im weitgefassten Sinne Institutionen und nennt Straße und Hausnummer, wo sie sich dereinst befanden oder gar noch befinden. Alphabetische Beispiele: Askania-Werke Bundesallee 86-88; Diskothek La Belle Hauptstraße 78/79 (da ging am 1986 ein terroristisch gesteuerter Sprengsatz hoch, der zwei Menschenleben vernichtete und 150 zum Teil Schwerverletzte hinterließ); NSDAP Ortsgruppe Friedenau Niedstraße 39; Sowjetische Kommandantur Stubenrauchstraße 5.

 

Allein schon wegen der Register, die auf 33 Seiten übersichtlich dargeboten werden, ist dieses Werk zu rühmen. Sie wurden alle noch per Hand und nicht per Knopfdruck erarbeitet. In seiner Einleitung, welche die äußerst komplizierten Ortsteilgrenzen (Gemarkungen) historisch nachgezeichnet und für seine Arbeit das Terrain definiert, findet sich auch die folgende schöne (da ausgewogene) Formulierung: „Für die in diesem Buch genannten Personen gibt es keine genau definierten „Aufnahmekriterien“; wissenschaftlicher Rang, künstlerische Bedeutsamkeit und Ruhm sind Subjektiv sehr unterschiedlich ausdeutbare Variablen.“

 

So findet sich im Berufsregister auch ein Schornsteinfeger, Stolzenburg, Wilhelm Handjerystraße 40, hingegen macht er vom Popularitätsgebot auf das Rücksicht zu nehmen sei, eine einzige Ausnahme: Günter Grass wird nicht genannt, da „dessen Adresse in der Niedstraße fast zum Allgemeinwissen gehört.“ Auch diese ironisch angekündigte Ausnahme finde ich anmutig. Nach einer kompakten Chronologie, die 1945 (lang ist’s her) zu früh endet, folgt dann der strikt Straßen- bzw. Platz- orientierte Hauptteil vom Adam- Kuckhoff- Platz bis Wilhelmshöher Straße. Die Einträge erfolgen Straßennummer aufwärts.

 

Die Dichte und Güte hängt stark von dem ab, was Bürkner geschürft hat, in Nachschlagewerken aller Art. Eine Kärrner-Arbeit des Zusammentragens. Ein Ausweiden und Abgrasen! Kurzum eine Maloche! Seine Gier nach dicken Wälzern wie Kürschners- Lit. Kalendern oder Bühnen – Jahrbüchern verschiedener Jahre und Jahrzehnte, was über Jahre schier unermesslich. Das kann ich als Ex- Antiquar bezeugen! Auch die beigegeben fotografischen Abbildungen sind eindrucksvoll. Z.B. eine Putte mit Feuerwehrschlauch über der ehemaligen Feuereinfahrt in der Lauterstraße. (Rathausseitentrakt) Erst nach Kenntnisnahme des Fotos habe ich’s vor Ort entdeckt, ich Tölpel. Die Fotos zeichnen das Bild Friedenaus um 1986 aus den verschiedensten Perspektiven! Ein exemplarisches Aufgreifen der Motive. Harsch meine Kritik, dass die Fotografin bzw. der Fotograf nicht erwähnt wird. (Erfuhr soeben, dass Alfred Bürkner höchst selbst sein Licht unter den Scheffel stellte. Pfui!)

 

Zum Abschluss nur zwei Beispiele, die den Ertrag und die Vorgehensweise demonstrieren. Sie wurden im Blindtipp-Verfahren aus dem Buch ermittelt: 1. Friedrich-Wilhelm-Platz 8: Diese verspielte Villa baute sich 1890 der Architekt und spätere Kaiserliche Postbau- Sekretär Paul Kunow. Durch die Neugestaltung des Platzes hat sie leider viel von ihrer organischen Einbettung in die Umgebung verloren. Die Villa ist unter Denkmalschutz gestellt. 2. Stierstraße 14/15: Im Erdgeschoss des Gartenhauses lebte (1920) der Dichter Max Hermann- Neiße (1886-1941 im Exil in London) mit seiner Frau Helene. Er begann als expressionistischer Lyriker, Dramatiker und Erzähler. Sein Werk sah er als brüderlichen Aufruf, gemeinsam die „Trauer der Erde“ zu überwinden. 1933 emigrierte er nach England. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen zählen die Lyrikbände „Empörung, Andacht, Ewigkeit“, 1917; „Im Stern des Schmerzes“, 1924; „Einsame Stimme“, 1927; „Musik der Nacht“, 1932; die Dramen „Joseph der Sieger“, 1919; „Der letzte Mensch“, 1922; die Erzählungen „Cajetan Schaltermann“, 1920; „Der Flüchtling“, 1921; „Der Todeskandidat“, 1927. Vorgarten und Innenhof, gestaltet ab 1911, sind unter Denkmalschutz gestellt.

 

Das Buch kann in seiner von Bürkner eingestandenen Lückenhaftigkeit und Fülle auch uns Jetztzeitigen das Ausmaß des gnadenlosen Vergessens verdeutlichen. Viele zu Lebzeiten berühmte bzw. namenhafte Persönlichkeiten, die im Buch erinnert werden, sind dem Orkus des Verschwindens anheimgefallen. Namen, die keiner mehr kennt! Viele Fäden konnten gar nicht mehr gezupft werden.

Dennoch ist dieser reichgewirkte Flickenteppich als Gesamt in seiner Buntheit und Vielgestalt, die sich in Straßen, Häusern und Menschen und Ereignissen spiegelt einer der gewichtigsten Beiträge zum Friedenauer Leben der Vergangenheit. Wir setzen diese auch nur vorläufig-vorübergehend als Gegenwart fort. P.S.: Auch der um die Berlin-Literatur verdienstvolle Verlag von Wolfgang Stapp, in dem das Buch sorgsam gedruckt wurde, ist längst Vergangenheit.

 

KÖDITZ, GERTRUD UND WILL, DENIS. FRIEDENAU UND SEINE VORGÄRTEN

Berlin, Bauverlag (Berliner Hefte 1) 1985 40. S. Broschur, f.: 26 x 21 cm

 

Welcher Friedenaubewohner bzw. Flaneur ergötzt sich nicht an den schmucken Vorgärten, Eingangsbereichen, Umzäunungen und Steineinfriederungen in diesem Ortsteil? Neben dem üppigen Baum- und Altbaubestand machen Sie den Liebreiz dieser Gegend aus! In dieser Schrift wurden in Zusammenarbeit mit der Gartendenkmalpflege, dem Landeskonservator etc. von einem Planungsbüro die Spezifika der Vorgärten ergründet. Das war eine Pionierleistung, denn gegenüber den großen Parkanlagen, die von einem Lenné oder Fürst Pückler gestaltet wurden, war der bürgerliche Vorgarten der Gründerzeit bis 1914 ein unbeackertes Feld. Mithin ein frühökologisches Projekt mit der Zielsetzung, die Wiederherstellung alter Vorgärten in historischer Form zu fördern bzw. die „ verkehrsgerechte“, Dezimierung oder Verhunzung zu verhindern. Vorgartenüppigkeiten sind ja immer abhängig von den Vorgegebenen baupolizeilichen Baufluchtlinien und wir können heilfroh sein, Nachfahren einer preußisch kommandierten Provinz zu sein, denn im Kommentar zum Fluchtliniengesetz vom 2.7.1875 heißt es bereits: „Vorgärten dienen zum Schmuck. Sie gewähren den Vorteil, dass trotz geringer Breite der Straße … doch Licht und Luft reichlich zugeführt wird. Die Vorgärten sollen als Gärten die hinter ihnen liegenden Bauwerke durch Zuführung von Licht und Luft und durch Pflanzenzuwuchs zu gesünderen Wohnstätten machen, sowie ihnen und der Straße zur Zierde dienen.“

 

Aber auch dieser schöne Kommentar hält - daran hat sich wohl bis heute nichts geändert- sein Hintertürchen offen: Eine nötige Verbreiterung der Straße würde auch mit geringeren Kosten verbunden sein. So sind dann auch bald alle Vorgärten in der Haupt- und Rheinstraße beseitigt und in den Folgejahrzehnten manch Straßenzug verkehrsgerecht bereinigt worden. Allerdings wurden in Friedenauien – wie andernorts vielfach geschehen - keine Vorgärten zu Autoparkplätzen barbarisiert. Als oberste Maxime der Altvorderen galt und sollte fürder gelten, dass der Vorgarten sowohl vom Haus als auch von der Straße als anmutiges Geviert gesehen wird, durch das ein einladender Eingangsweg zum Haustore führt.

 

Schlendernd durch Friedenau sehen wir allerorten Mosaikpflasterflächen mit Bändern und/oder Ornamenten, Flächen mit sog. Mettlacher Fliesen (die sind zumeist geriffelt und können verschiedene Farbtöne aufweisen). Häufig sehen wir weißgetönte Sternornamente die sich von der anderen Pflasterung abheben. Anderswo Terrazzoflächen mit Mustern und Ornamenten oder eingelegten Jahreszahlen geschmückt. Als Einfassungskante im Eingangsbereich und zum Bürgersteig hin wurde in Friedenau sehr häufig als Material glasierter Klinker verwendet. Zeigen Sie es ihren Kindern. Die glasierten Klinker mit einer abgerundeten Ecke werden Sie häufig in der Farbe weiß finden, jedoch sind auch andere Farben verwendet worden und heute noch mancherorts im Kiez zu entdecken. Wo? – Lasset die Kinder suchen und finden! Augen auf!

 

Das Autorengespann geht auf die Pflanzenauswahl, und die architektonische Ausstattung des Vorgartens ein. Alles kurz und prägnant und mit anschaulichen Bildern belegt: „Alte Tuffsteinanlage mit Resten der ursprünglichen Bepflanzung, wie z.B. Farnen“, „Verwilderter Vorgarten mit überwiegender Spontanvegetation“. (Wogegen ich als Rezensent gar nichts habe. Solch herrlich wucherndes Dickicht hab ich selbst vorm Balkone!).

 

Wir sind jetzt erst bei Seite 17 (von 40 Seiten) angelangt. Schluss mit der Texterei! Der Rest nur (was heißt hier nur?) noch exemplarisch auf fotografische Wiedergaben begrenzt. Vier Themen: Zäune/ Details (der Zäune)/ Eingänge zum Haus/ Pflasterungen. Dieser Augenschmaus macht jeden in fünf Minuten klüger und für den nächsten Spaziergang durchs Quartier neugieriger und gerüsteter. Die einzige Kritik an dieser unscheinbaren wie nahrhaften Broschüre. Die Autoren machen keine Angaben zum Standort des Porträtierten. Wo zum Beispiel – herrjottchen- ist der „letzte Frontzaun aus Holz in Friedenau in Kombination mit Pfeilen und Sockel aus Kunststein“ aufzufinden? Heiliger Bimbam: Barasch will das Ding sehen!! Muss wohl öfters mit offenen Oogen auf Wanderschaft gehen. (Die großf. Broschüre ist in der Gerhart Hauptmann Bibliothek vorhanden!)

 

Das Büchl ist zugeklappt und wir biegen nun von der hinter dem Breslauer Platz beginnenden Rheinstraße rechts ab und in die Schmargendorfer Straße ein. Sie führt zum René Sintenis Platz und wird von vielen benutzt, die entweder zur Post oder zur U-Bahnstation Friedrich Wilhelm Platz wollen.

Bis kurz vor dem Platz sind alle Vorgärten dem Handel und Wandel geopfert worden. Erst die Nummer 6 auf der rechten Seiten und der herrlich umfangreiche vor dem Gartenlokal unmittelbar am Sintenis Platz blieben erhalten. Letzter verdient eine eigene Würdigung! Denn dieser „Biergarten“ ist eine Lustbarkeit ersten Ranges. Da wird auch ein verwöhntes Bajuware oder Schwabe jauchzen!

 

Die Abbildung zeigt das Haus in der vollen alten Pracht. Das Foto stammt aus der Frühzeit der Weimarer Republik. Mit der Lupe identifizierte ich die Inschrift auf dem rechten Eingangspfosten. Da steht: „Schöneberg-Friedenauer-Bank“, welche nach 1920 aus der „Friedenauer Spar- und Darlehenskasse“ des Kaiserreichs hervorging. Das Haus war von Kriegsschäden gezeichnet, die erst nach 1956 beseitigt werden konnten. Wie die heutige Frontansicht (s. Abb.) zeigt, ist die Fassade des Zierrates beraubt worden. Der 1904 angelegte Vorgarten hingegen wurde bereits 1958 nach alten Vorlagen wiederhergestellt. Die Einfriedung des Mietshauses blieb im Originalzustand gänzlich erhalten. Straßenseitig bildet ein schmiedeeisernes Gitter auf einem Klinkersockel die Begrenzung. Für den Sockel wurden auch hier weiß glasierte Klinker- Verblendsteine verwendet. Die vierkantigen Eingangssäulen sind zusätzlich mit einem Putzstreifen und gerundeten Hauben versehen. Im Eingangsbereich finden wir dann auch den weißen Klinkersockel mit den abgerundeten Ecken, welche die Vorgartenflächen einfrieden. Die Flächen bestehen überwiegend aus schlichtem Rasen und der raumwirksamen Rotdornreihe an der Straßenseite.

 

Hinter dem René Sintenis Platz reihen sich dann noch weit schmuckere Vorgärten. Schaut selber nach! Die folgenden hinguckerischen Fotos sind nicht der besprochenen Broschüre, sondern dem „Schatzkästlein“ der friedenaubegeisterten Ines Kersting entnommen. Eine Einladung zum Umherwandern! Merci!

 

STREIFZÜGE DURCH DEN BERLINER SÜDWESTEN

Hrsg. vom Johannisthaler Technikverein e.V. Berlin, Sept. 2004 136 S. Querformat (14,7x21 cm). Mit zahlr. Kleinform. (4,5x3,5 cm) Fotogr. und Lageplänen zu den dargestellten Einrichtungen und Objekten.

 

Ein agiler Verein mit zahlreichen Mitwirkenden erobert bekannte und verschwiegen gelegene Sehenswürdigkeiten der Bezirke Tempelhof, Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf. Spaziergänge per pedes und per Rad, sowie einzelne Objekte werden ausführlich diskutiert und grafisch vorzüglich dargeboten. Der Schöneberger Teil der Hauptstraße wird zwar abgegrast, die Fortsetzung bleibt ausgespart. Leider sind die neugierigen Erkundungsvergnügten an Friedenau vorbeigeradelt. Von den 128 Besichtigungen wird allein das „ Berliner Uhrenmuseum“ des Juwelier Lorenz und der an der Ortsteilgrenze liegende Titaniapalast gewürdigt. Schad drum.

 

Ich liebe den Titania-Palast als architektonisches Erlebnis. Allerdings ist er nunmehr durch Schachtelarchitektur und Werbungsflächen der letzten Jahrzehnte immer mehr umsäumt, verstellt und zurückgedrängt worden ins Einerlei. Dabei ist er eine berlinrelevante Institution der Nachkriegszeit gewesen, weil die meisten der historischen Versammlungsstätten dieser Größenordnung wie Philharmonie, Oper etc. durch den alliierten Bombenhagel in Trümmern unbespielbar daniederlagen.

Die glanzvolle Titania-Wirkung wie bei Franz Hessel in seinem schönen „Spazieren in Berlin“ (1929) auf den Flaneur hatte, ist dahinne:

 

„Wo die Kaiserallee in die Schlossstraße mündet, fängt Steglitz an. Es beginnt hochmodern mit einem stolz ragenden Filmpalast, an dessen Flanken in strahlenden Röhren das Licht flutet, in dessen Innerem strenge Linien und kühne Wölbungen Zuschauer- und Bühnenraum umschweife …“ Ein Wahrzeichen der Moderne als Auftakt zu Steglitz, welches Hessel ansonsten als „eine der älteren berlinischen Kleinstädte“ erlebte.

 

EGGERT, STEFAN: SPAZIERGÄNGE IN SCHÖNEBERG

Bln. Haude und Spener, 1997 (Berlinische Reminiszenzen Nr. 78). 109 Seiten, zahlreiche Abbildungen mit einer Abschweifung zum Marlene Dietrich-Kult.

 

In dieser populären Reihe dieses traditionsgesättigten Berliner Verlages werden drei Spaziergänge und andere Exkursionen und Exkurse dargeboten. Angepriesen wird vom Marketing: „Vergessenes und Bekanntes, Merkwürdiges und Überraschendes geben in der Darstellung des Autors dem Bezirk sein unverwechselbares Gesicht.“ Ich beschnuppere hier nur den Friedenaubezogenen Teil. Das Friedhofskapital zu Friedenau eröffnet mit? … Erraten!! „In den letzten Jahren ist dieser Friedhof in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit geraten, da 1992 die große Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich nach langem Pariser Exil („Wohnaufenthalt“ oder „Wahlheimat“ klänge wohl zu wenig pathetisch? – RB) dort bestattet wurde“.

 

Bekanntlich ist die Dietrich aber mit ihrem Regisseur Josef von Sternberg kurz nach ihrem Welterfolg als Lola in „Der blaue Engel“ (Premiere 1. April 1930) aus freien Stücken nach Hollywood gegangen. Schon bei der Premierenfeier im Nobelrestaurant Borchardt habe sie und der Regisseur durch Abwesenheit geglänzt und in Hollywood gelang es ihr im Handstreich, ihre legendäre Karriere als Weltstar auszubauen. Von Exil also keine Rede. Ihre Charaktergröße bestand darin, den Verlockungen des Propagandaministers Joseph Goebbels, der ihr unsäglich hohe Gagen und freie Auswahl bei Drehbüchern und Rollenbesetzungen versprach (bis 1936) widerstanden zu haben. Als Preußin sagt sie entschieden „Nein“ zu dem, was 1933 eingerührt wurde. Mit allen – auch bitteren – Konsequenzen.

 

Zurück zum Stubenrauchfriedhof: Das „schlichte Grab“ sei eine „Huldigungsstätte“, der „Mythos ‚Marlene’ lebt!“ Dass die Berliner ihr bei Rückkehr 1945 in amerikanischer Uniform ihr nicht die Füße küssten, scheint mir verständlich. Die Großdiven der Truppenerbauung und – Anspornung, heißen sie nun Marlene oder auf deutscher Seite die Schwedin (!) Zarah Leander, haben für mich auch heute noch etwas Zwielichtiges an sich. Das bezieht sich auch auf Animateure jeglicher Couleur und jeden Geschlechts in jetzigen und künftigen kriegerischen Auseinandersetzungen. Der Bombenterror der Alliierten, der allein 50.000 Berliner Menschen das Leben kostete, war noch der Generation, die dies erleiden musste, allgegenwärtig vor Augen und weder leiblich noch seelisch verkraftet.

 

In meiner Huldigung an Marlene schließe ich mich den Sätzen des Schriftstellers und Kabarettisten Christoph Stählin an, die er anlässlich des 100. Geburtstages der Mythos-Lady in der FAZ am 27.12.2001 feinsinnig-ironisch formulierte:

„Der preußische Geist hatte sich gegen Ende noch zum Ziel gesetzt, etwas wahrhaft Erotisches zu erzeugen, und es wäre ein Wunder, wenn ihm das bei all seiner Zielstrebigkeit, Disziplin und konsequenter Planung nicht gelungen wäre. So ist Marlene Dietrich in die Welt gekommen, ein ideales Wesen von distanzierender Attraktivität und faszinierender Kühle, das den Verdacht des Unerotischen ebenso entschieden von sich weist, wie es sich jeglicher Verniedlichung verbittet.“ Christoph Stählin, Schriftsteller und Kabarettist

 

Wenn ich die Marlene-Kavalkaden auf dem „Künstlerfriedhof“ betrachte, die dort häufig ihren Gedenkkitsch hinterlassen, vermute ich, dass die Dietrich von vielen heute primär als Avantgardistin einer „Quer-Ideologie“ gesehen wird, wie sie besonders penetrant und respektheischend von Berliner Jackwerth-Verlag trompetet wird. Die monatlich erscheinenden Gratismagazine wie „Siegessäule“ (2005 bereits 48.000 Auflage) Du & ich, L-MAG (Lesben Magazin), die sich von den eindeutigen/ einschlägigen Kontaktanzeigen nähren (auch der brutalsten!) versammeln alle schräg queren Lobbyistengrüppchen und – Verbände. Die Visitenkarten der Szene!

 

2005 konnte der Verlag naturellemento im Beisein unseres Regierenden Bürgermeisters bereits sein zehnjähriges Jubiläum abfeiern. Wowereits Flughafengelände ohne Bruchlandungsgefahren! 2013 sind die respektheischenden Minderheiten medial spitzenmäßig platziert, so dass allein der Vorwurf „homophob“ nahezu gleichrangig mit „antisemitisch“ gehandelt wird. Das heißt: Ende der Karriere, ab ins Eck! Aus Verfolgten werden Verfolger!

 

Weltgeschichtlich jesehen keen Novum! Gesetze werden dem Zeitgeist angebiedert. Selbst das Grundgesetz wird abenteuerlich hingebogen. Möglich, dass die „fesche Lola“ mit ihren herrlich lasziven Chansons („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt!“ usw.) und ihren vielen amourösen Beziehungen zu Männlein und Weiblein (Eggert u.a. listen sie im einzelnen akribisch auf), selbst beigetragen hat, dass sie zur Galionsfigur dieses Spektrums avancierte. Sie hätte sich allerdings in ihrer Vornehmheit nie dazu herabgelassen, sexuelle Orientierung oder gar Fickgeschichten zum propagierten Zentrum ihres Schaffens zu machen. Wer hätte das Recht sie als Sängerin schwuler himmlischer Heerscharen oder lesbischer Kohorten zu vereinnahmen? Sie hat immer ihr Recht auf Privatsphäre verteidigt. Ich würdige sie auch als Frau, die sich elf Jahre hermetisch den widerlichen Paparazzis verweigerte. Als Frau, die sich leidend gegen diese Meute abschirmte. Die bittere Kehrseite von Berühmtheit hat sie im Alter wahrlich leiblich erlitten!

Von ihr ist bekannt, dass sie eine große Lyrikfreundin war und wie viele Frauen ihrer Generation Rainer Maria Rilke verehrte und überhaupt eine intensive Leserin war. Sie war nie Opportunistin! Das unterscheidet sie von der anderen Galionsfigur Zarah Leander, die auch als Ikone oben geschilderter „Bewegungen“ angehimmelt wird.

 

Man verzeihe mir die ausfransende Buchkritik! Frecherweise setze ich sogar noch eins drauf! Denn in diesem Zusammenhang wird dem Leser eine der schönsten Parodien des 20. Jahrhunderts in Erinnerung gerufen. Dieses brillante Stück deutscher Prosa wurde von den unvergesslichen Kabarettisten-Duo Carl Merz (1906-1979)/Helmut Qualtinger (1928-1986) nach Erscheinen der Zarah- Memoiren (Es war so wunderbar: Mein Leben 1959/60) gefertigt. Es kommt aus der wienerischen subversiven Schmähecke. Hat wohl nix mit Friedenau zu tun (?). Bei mir erntet der Text jedesmal Lachsalven und die Tränen kullern. In der Überzeichnung ist bestürzende Wahrhaftigkeit eingebettet. Ein Kleinod! Einfach hinreißend dieses Satirestück! Viel Vergnügen am Lehrstück über das, was Ranschmeißen und Opportunismus zu allen Zeiten ausmachte:

 

Parodie „Also sprach Zarah…“

Ich war rothaarig“, erinnert sich Zarah Leander, „und deshalb hasste ich die Braunen. Und die Braunen hassten mich. Besonders der allmächtige Goebbels, dem nicht nur die Schauspielerinnen, sondern das gesamte Filmwesen unterstanden, war mein erbitterter Feind. Und so wurde ich der beliebteste Filmstar des Dritten Reiches. Ich hatte eine vier Meter lange Leibgarde, bestehend aus zwei Männern à zwei Meter, die „Z. L.“ eingestrickt hatten und vor mir hergehen mussten. In ihrem Schutze schritt ich widerstrebend von einem Empfang der braunen Machthaber zum anderen, von einem Gelage zum nächsten und studierte die Bonzen, um später in meinen Memoiren berichten zu können, wie sehr ich sie verabscheute. Manchmal konnte ich aus meinen Antipathien kein Hehl mehr machen und trank die Reichsminister unter den Tisch; in meiner schwedischen Heimat herrschte damals nämlich Alkoholverbot. Überall, wo ich hinkam, war ich der Mittelpunkt des Festes, mein Dekolleté erregte mehr Aufsehen als das von Göring, und sogar Hitler küsste mir die Hand. Was ich gelitten habe!

 

Rothaarige sind unpolitisch

Man hat mir später oft zum Vorwurf gemacht, dass ich mich mit den Nazis eingelassen hätte. Ich war politisch völlig ahnungslos. Denn ich war, wie gesagt, rothaarig. Waren die Männer, mit denen ich zu tun hatte, Nazis? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nie gefragt. …

 

Zu wenig Bomben - zu wenig Filme

Als die Bombenangriffe auf Berlin immer heftiger wurden, konnte ich das Leid des deutschen Volkes nicht mehr mit ansehen und ging nach Schweden, wohin ich immer die Hälfte meiner Gagen überwiesen hatte. Dadurch sank das Niveau der deutschen Filme rapide. Sie wurden so schlecht, dass es die deutschen Offiziere nicht länger ertragen konnten und am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler inszenierten. Es war leider von vorneherein zum Scheitern verurteilt, denn ich war sowieso nicht mehr da.

 

Ich sollte als Wunderwaffe eingesetzt werden

Der Ruhm meiner Filme war weit über die Grenzen Deutschlands hinausgedrungen. Von allen Seiten kamen daher die alliierten Armeen, um Berlin zu erobern. Die Rote Armee, die von meinen roten Haaren gehört hatte, war zuerst da. Als sie sich der Reichskanzlei näherte, rief mich Hitler in Schweden an. Ich sollte kommen, um seiner SS vor dem Endkampf das Lied „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ vorzusingen. Aber ich lehnte ab und sagte kühl, ich wäre schon immer eine Widerstandskämpferin gewesen. Das war das Ende des Dritten Reiches. (Zitiert aus der 9. Folge der „Literazzia“ des unvergessenem Hans REIMANN- Die 9. Folge der jährlich gesammelten Buchkritiken erschien 1960)

 

Nach dieser lustvollen Ausschweifung retour nach Friedenau: Auf ihrem Grabmal steht „Hier stehe ich an den Marken meiner Tage“, wobei das Wort „Marken“ als Grenze zum Lebensende/Tod gelesen werden muss. (Auch die Mark Brandenburg war und ist heute wieder Grenzland.) Ich habe die Zeile immer Rilke oder Fontane zugeschrieben, aber allüberall wird es dem Lützowschen Jäger Theodor Körner zugeordnet, der blutjung mit seinen 21 Jahren bei Gadebusch in den Befreiungskriegen am 26.8.1813 vor 200 Jahren verblutete. Ich habe meine Körner- Ausgaben durchgewühlt und die Zeile bisher nicht verifizieren können. Schreibt hier einer vom anderen ab? Oder muss ich mich noch seinen dramatischen Versuchen widmen? Vielleicht weiß einer der Leser mehr.

Wie dem auch sei, die Zeile, die sie selbst auswählte, deutet auf ihre aufrechte Gelassenheit hin, die sie lebenslang prägte. Sich nichts vorzumachen, mehr sein als scheinen, da wird für mich wieder die preußische Grundmelodie ihres Lebens sichtbar.

 

Die Dietrichschen Memoiren habe ich allerdings nicht gelesen. Ich gehe davon aus, dass sie nicht von der geschwätzigen Machart einer Leander sind. Ungeachtet dessen hat die Zarah als Sängerin mich mit ihrer verrauchten voluminösen Stimme auch betört und umjehauen! Verrucht und zugenäht! So ist’s. Im Übrigen ist Friedenau vielgestaltiger als man denken sollte. Eine „first lady“ oder „queen“ unter der Erde sollte nicht zum Mittelpunkt der Ortsbetrachtung aufrücken. Ach, lieber Leser, nu ist der arme Stefan Eggert völlig außer Blick geraten. Jenun, ich werd’ ihn andernmal wieder reanimieren, bzw. als Aufhänger missbrauchen.

 

BAEDEKERS BERLI-SCHÖNEBERG BEZIRKSFÜHRER

5. Auflage (mit Druckkostenzuschuss des Bezirksamtes) und Vorwort des damaligen Bürgermeisters, 48 Seiten Register Broschur — angereichert um kritische Blicke eines Außenstehenden auf das evangelische Kirchentreiben in Friedenau.

 

Die erste Auflage 1967 verfasste der selige Kurt Pomplun (1910-1977) „Kutte kennt sich aus!“ Seitdem ist nichts hinzugetreten. Schmalhans ist Küchenmeister. Auf zweieindrittel Druckseiten das denkbar knappste gesagt. Die liebevolle Zeichnung einer friedenauspezifischen Landhausvilla wurde allerdings eingespart. Aber der gebürtige Schöneberger Pomplun bewegt sich auf sicherem Boden und die präzise Erfassung historischer Zäsuren gelingt ihm in bewährter Baedekerscher Tradition: „Im nördlichen Verlauf unterfährt die Bundesallee seit 1967 in einer Tunnelstrecke die S-Bahn, den im Bau befindlichen Südring der Stadtautobahn und den Ostwestverkehr am Bundesplatz.“

 

In der Tat wurde im Zuge dieser Großbuddelei der vorher wunderschön gestaltete Friedrich-Willhelm-Platz im Herzen des Ortsteils lieblos verkleinert und verhunzt. Die von Carl Doflein 1892-1894 errichtete evangelische Hauptkirche „Zum guten Hirten“ steht seitdem um einiges nackichter (verkehrsumfluteter) da. Das neugotische Brunnen-Denkmal von Ludwig Diehn (eingeweiht 1901) im roten Sandstein ausgeführt an der Nordseite des Platzes wurde Stiekum auf Nimmerwiedersehen abgeräumt (1966). Dabei wirkte es in einer Platzierung und Gestaltung kontrapunktisch zur Kirche und erhöhte den Reiz der Anlage. Generationen von Friedenauer Familien haben am Brunnenrand hier – nach Kirchgang – fotografieren lassen. Der Park war eine Oase, die zum Lustwandeln einlud. Heute eine umflutete Insel ohne den alten gestalteten Charme. Viele säumende Bäume fielen der verkehrsgerechten Straßenerweiterung zum Opfer. Untertunnelungen der Trasse führten dazu, dass an längeren Abschnitten ein Überqueren der Großachse unmöglich geworden ist. Die ehemalige majestätische Nord-Süd- Magistrale (Kaiserallee) wurde zur Trenn- und Rennstrecke Bundesallee, wobei der Alleen- Charakter fast zur Gänze geopfert wurde und nur in der Benennung erhalten blieb.

 

Friedenau hat seitdem auch etwas Zweigeteiltes an sich. Zerfiel in Ost- und Westhälfte. Dem Mobilitätszwang zuliebe geopfert. Dies zum Thema „Fortschritt“.

 

Pompluns endet mit der Beschreibung der „Philippuskirche, Stierstraße, Evangelisch“, welche 1962 „von Florian Breuer mit einem wandfüllenden farbigen Glasfenster geschmückt“ wurde. Allerdings, lieber Kutte, diese Glasintarsien werfen auch noch über 50 Jahre später wunderbares Licht – überwiegend blau und grün gehalten – in den Innenraum. Zweifellos meisterhaft und ähnlich erhaben wie die Glaslichtarchitektur der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von Meister Egon Eiermann.

 

Der Architekt Hansrudolf Plarre hat sich hingegen nicht mit Ruhm bekleckert. Im Mai 2010 musste die Kirche wegen gravierender statischer Probleme (Einsturzgefahr) gesichert werden und es galt „Betreten verboten“. Der zeltartige Bau, der einer sechseckigen Figur folgt, wurde durch Stützpfeiler gerahmt und das kirchliche Leben wurde in den rückwärts gelegenen Sozialstation- Riegel eingebracht. Über etliche Monate! Ein Abriss des Kirchengebäudes musste in Erwägung gezogen werden, denn die Sanierungskosten überschritten bei weitem die finanziellen Möglichkeiten. Die Philippus Gemeinde hatte 1962 10.000 Mitglieder, 1987, also 25 Jahre später, waren es noch 5.000 Schäflein, 2010 waren es – hüstel, hüstel – mit Sicherheit nicht mehr geworden. Kurzum der Kirche entlaufen die Leute. Sie aber sucht sich neue Berechtigungsfelder bei existentieller Gefährdung: Zeitgeistaffin! Zumindest der architektonisch-bauliche Niedergang konnte unter anderem durch die Erweiterung (auch baulich) nach dem Subsidiaritätsprinzip mit öffentlichen Geldern geförderten „sozialstaatlichen Aufgabenspektrums“ aufgefangen werden. Aber eine Quelle der Geldbeschaffung muss hier gerühmt werden. Pfarrer Blech und einem Opernsänger von der Staatsoper, der in der hiesigen Kindertagesstätten seine drei Blagen hatte, gelang es im großen Stil, Künstler für Benefizkonzerte zu gewinnen.

 

Über ein Jahr wurden an verschiedenen Örtlichkeiten Veranstaltungen dargeboten und auf noble Weise und zu Freuden der Musikliebhaber Geld eingespielt. Diese tätige Bürgersinnigkeit nötigt auch dem Kirchenskeptiker Respekt ab. Hier ging es um Konkretes und nicht um die ansonsten in appellativer Sollenssprache verkündeten Sprüche wie „Bewahrung der Schöpfung“ und den „Weltfrieden“ und die „Verantwortung gegenüber der Dritten Welt“ etc. mit denen man ansonsten traktiert wird. Ein Kindergarten (immer gut ausgelastet) war ja bereits schon 1960 für ca. 45 Kids eingerichtet worden, ein Jugendgästehaus war bis zum Mauerfall dito ausgelastet. Ferner warf ein großer Parkplatz mit seinen Dauermieten auch Gewinn ab. Selbst auf den Platz in dem freistehenden Kirchturmgehäuse, das straßenwärts keine Wand hat, stand jahrelang ein Jeepähnliches KFZ. So erinnere ich mich.

 

Kurzum, nach Aufstockung des hinteren Traktes durch Aufsattelung einer „Tagespflegeeinrichtung für Senioren“ und durch mir nicht bekannte weitere Finanzhilfen, konnte ein Abriss abgewendet werden. Im Zuge der Rekonstruktion wurde der Parkplatz weiter verhässlicht durch ein gummiartig aufliegendes Gittergewerk, das große Teile der ehemaligen Rasenfläche zur Zufahrtstraße „veredelt“ hat. Auch das neuangelegte Käfiggehege für den Mülltonnenpark an der zweiten schrankenbewehrten Zufahrtsstraße schindet: Eindruck!

 

Uwe Johnson (1934- 1984), der gegenüber in der Stierstraße 3 einst wohnte, hat sich in seinen „Berliner Sachen“ über das misstönende Geläut der Kirche höllisch geärgert. Auch dieses Gebimmel wurde längst veredelt. Nur die Reliefmauer aus Betonguss mit Skulpturen des Bildhauers Gerson Fehrenbach (1932- 2004, begraben unter einer selbstgearbeiteten spannungsreichen Großskulptur auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße. Sein Atelier befand sich ums Eck in der Offenbacher Straße) wurde beiseite gerückt und deplaziert hinter den Glockenturm verschoben. Zum Thema „Philippus und Nathanael“ erkundigt euch anderswärts.

 

Um auch weitere positive Eindrücke beizusteuern: Die Kinder, als auch die Mütter und Väter, die sie nachmittags aus dem Kindergarten abholen, machen auf mich zumeist einen zufriedenen und heiter- gelösten Eindruck. Auch freut es mich, wenn ich Halbwüchsige, die großes Instrumentgerät schultern (manchmal fast so groß wie das Kind selbst) zur musikalischen Ertüchtigungen bzw. Verlustierung schreiten sehe. Und dies aus freier Entscheidung. Das musikalische protestantische Erbe wird hier noch gepflegt! Als kirchlich ungebundene Type, die aber religiösen Fragestellungen nicht kalt gegenübersteht, stimme ich – o heiliger Philippus- mit den orthodoxen Kalvinisten der Niederlande überein, die von den Lutheranern als den „tralala-evangelischen“ sprechen. Der kirchenspezifische Schaukasten mit seinen aus meiner Sicht inhaltsleeren wie dümmlichen Losungen wirkt auf mich so attraktiv wie eine Tui-Reklame. (Hab Jesus im Herzen… hab Sonne im Herzen.)

 

Auf den Stolperstein- Initiativen- Schaukasten der unter der herrlichen Blutbuche prangt bzw. prunkt werde ich gewiss noch ausführlicher zu sprechen kommen: Geduld! Anlässlich eines kirchlichen „Volksfestes“ bei Philippus habe ich als Geschenk das Dürersche Kupferstich Porträt des Melanchthon mitgebracht. Ein edler Reichsdruck mit seltenem Originalrahmen. Immerhin war Melanchthon der gelehrte Geburtshelfer der Reformation. Mit meinem Geschenk stieß ich auf freundlich getarntes Unverständnis. Nuja, vielleicht bin ich ja nur an die falsche Repräsentantin des Pastoralen geraten. Sonntäglich sehe ich nur wenige gottesdienstlich Gläubige pilgern. Manchmal Großfamilien aus anderen Kontinenten in feiertäglicher Gewandung. Wahrscheinlich Verfolgte und Vertriebene christlicher Minderheiten. Auf diesen Gesichtern sehe ich Glaubensfreude und – Zuversicht. Aber unsereins hat nicht das Recht noch die Lust, die Regsamkeit des Religiösen zu messen und zu gewichten. Meine gemischten Gefühle hinsichtlich der Zeitgeistwendigkeit und –Windigkeit verstärken sich aber wenn ich das Kruzifix betrachte, welches vom „international renommierten“ Bildhauer Waldmar Otto in den Frühsechziger Jahren geschaffen wurde und im Kircheninneren den Augenfang über dem Altar bildet. Ein unförmlich froschähnlicher Leib ohne identifizierbares Antlitz. Spirrige Ärmchen hängen am Kreuze. Kopf waagerecht vornüber. Jesaja 53, 2b und 3 (AT) herausgepickt und plakativ unterstrichen in dem skulpturierten Gebündel: „Er hatte keine Gestalt noch Schöne.“ – Wahrscheinlich eine originelle Neufönerversion, seinerzeit.

 

Der Wesenskern des christlichen Glaubens besteht in der Inkarnation, und das heißt „Fleischwerdung“. „Im Anfang das Wort“ heißt es im Johannes-Evangelium-Prolog und dieser definiert was bei Jesu Geburt geschah „Und das Wort ist Fleisch geworden.“. Und daraus ist zu folgern, dass der Schöpfergott die Gestalt seiner eigenen Schöpfung (die des Menschen) angenommen, um den Menschen zur alten verlorenen Gottebenbildlichkeit zurückgelangen zu lassen. Gut, ich bin keen Theologe nicht und stütze mich in meiner Interpretation auf Martin Mosebach. Was dieser als Kern des Glaubens im Neuen Testament herausarbeitet widerspricht allerdings der Gesichtslosigkeit (keine Gestalt noch Schöne) der Kirchenfigur. Auch als Schmerzensmann, der am Kreuze das Leid auf sich nimmt, ist er also Sohn Gottes und Mensch mit Ausdruck und Gestalt. Auch Schmerz und Qual spiegeln sich im Antlitz.

 

Seit Jahren ist dieselbe Gemeinde Zentrum der Friedenauer Stolperstein-Bewegung und „übergibt“ Jahr für Jahr (seit 2007) mit volkserzieherischer Absicht und religiösem Eifer und mit Rückenwind und einer anonymen „Öffentlichkeit“, die nie befragt wurde, ihre auf den Bürgersteigen vor den Hauseingängen verlegten Gedenkplaketten. Das Motto der Aktion, welches wieder und wieder verkündigt wird, lautet „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

 

Stimmt dies überhaupt? Ist der innewohnende Anspruch berechtigt? Ist er überhaupt einlösbar? Der Sinngehalt derartiger Parolen der Verkündigung wird allerdings von keinem mehr befragt. Wie meist dienen Parolen zum sinnentleerten Nachplappern. Dieses Credo sei uns heilig! Noch befriedigender wäre es, ihnen ein menschliches Antlitz zu geben, so wie in Yad Yashem in Israel, wo einer riesigen „Halle der Namen“ den Opfern der Verfolgung im Dritten Reich ein Gesicht gegeben wird.

 

Allerdings, bei der Zentralfigur ihres Glaubens haben sie es vergessen!

 

Nachdenkenswert!

 

Ich werde weiterhin in dieser Sache argumentieren und zwar so, dass meine 92 Jährige Friedenauer Freundin nicht bange sein muss, dass ich in Tegel (Knast) lande. …“ Aber Herr Barasch, da kann ich Sie doch gar nicht mehr besuchen.“ … Man warte ab! Noch ist die Argumentation in diesem Lande nicht geächtet. Zu den Verheißungen des Grundgesetztes stehe ich… Bis später!

6. September 2013, Ende Lieferung 1