Dieter E. Zimmer, 1999. Foto Giovanni Castell, Webseite

Zum Tod von Dieter E. Zimmer

 

Die Geschichte von Dieter E. Zimmer ist kein Ruhmesblatt für DIE ZEIT. Der am 24. November 1934 in Pankow geborene Publizist wurde 1959 Redakteur der Wochenzeitung, 1973 sogar Feuilletonchef. 1977 wollte ihn die Kulturredaktion „nicht mehr schreiben lassen“. Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff sorgte wohl dafür, dass er weiterhin als ressortfreier Autor für das Blatt schrieb, über Psychologie, Biologie, Anthropologie, Medizin, Linguistik. Von 1989 bis 2017 fungierte er bei Rowohlt als Herausgeber der Gesammelten Werke von Vladimir Nabokov in 24 Bänden. Als freier Autor lebte er ab 2002 wieder in Berlin. Am 12. April 2006 startete er seine Webseite http://www.d-e-zimmer.de. Die letzten Beiträge stammen vom 28. November 2019.

 

Dort entdeckten wir den 2005 entstandenen Beitrag „Bombenkrieg“ mit den Stichworten Friedenau, Steglitz und Wilmersdorf. Auf diesen präzis formulierten und genau recherchierten Text wollten wir seit langem auf unserer Webseite hinweisen. Nun ist der große Publizist und Sprachliebhaber am 19. Juni 2020 in seiner Geburtsstadt Berlin im Alter von 85 Jahren gestorben. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet Dieter E. Zimmer im Nachruf  als den letzten Universalfeuilletonisten. Zimmers Stil verband Klarheit, Klugheit und Kürze. Beobachtungsgenauigkeit und Analysefähigkeit zeichnen ihn aus.

 

 

 

Aus Bombenkrieg von Dieter E. Zimmer (Auszug)

 

Ich habe mein Leben lang gedacht, ich hätte von den allerersten Fliegeralarmen kaum etwas gemerkt und sei erst bei dem dritten oder vierten aufgeschreckt worden, als ein Angriff ein in der Luftlinie siebenhundert Meter entferntes Wohnviertel in Friedenau traf. Nachts hatte es besonders laut und nahe gekracht, morgens schwirrten Gerüchte, in denen die Namen bekannter Straßen vorkamen, und nachmittags gingen die Eltern mit mir in eine der getroffenen Straßen, um den Schaden zu besehen. Es war die Stubenrauchstraße. Zwei Häuser waren von Sprengbomben ramponiert. Bei einem war die ganze Vorderfront abgerissen und lag als Schutthaufen im Vorgarten. Die möblierten Zimmer lagen frei da wie Puppenstuben in einem Puppenhaus. Die gutbürgerlichen fremden Wohnzimmer, jetzt unbetretbar und indiskreten Blicken ausgesetzt, versetzten mir einen tiefen Schreck. Ein paar Nächte lang konnte ich nicht schlafen. Alles konnte jetzt also von innen nach außen gekehrt werden und plötzlich in sich zusammenstürzen. Die Welt hatte ihre bisherige Solidität eingebüßt.

 

Erst jetzt habe ich eruiert, wann jene Bomben gefallen sind, die mir sozusagen den Urschreck meines Lebens versetzt haben: am Sonntag, dem 7. September 1941 war es. Um 23 Uhr 18 hatte es Voralarm gegeben, um 23.29 Alarm, um 3.47 Entwarnung. Es war einer der schwersten Angriffe bis dato: 199 Sprengbomben, davon 22 Blindgänger, 2000 Brandbomben, 57 Flakgranaten, davon 10 Blindgänger. Eine 1800-Kilo-Bombe hatte ein Haus am Pariser Platz zerstört, es gab 27 Tote. In Friedenau wurden getroffen: Stubenrauchstraße 58, Schwalbacher Straße 9-13, Rheingaustraße 7, Wilhelmshöher Straße 4/5, Hertelstraße 1, 2, 4, Homuthstraße 2-4.

 

Aber das war überhaupt nicht der dritte oder vierte, es war schon der 84. Fliegeralarm! In den Zeitungen jener Jahre ist es nicht festzustellen. Aber es gab eine pedantische Chronik – die vertraulichen Berichte der „Hauptluftschutzstelle“ beim Berliner Oberbürgermeister, die heute im Landesarchiv verwahrt sind. In den ersten Jahren listeten sie penibel jedes beschädigte Gebäude auf, wenn auch (wie ich am Beispiel der Steglitzer Markelstraße genau erkennen kann) zunehmend ungenau, da offen-bar bald niemand mehr die rechte Übersicht hatte. Nach diesen Berichten hatten wir seit Ende August 1940 jede dritte oder vierte Nacht im Keller verbracht. Die ersten Bomben waren ganz weit draußen gefallen, in Rosenthal und Wartenberg, man sagte: in Laubenkolonien, und lächelte überlegen und bänglich. Der erste veritable Luftangriff auf das Stadtgebiet hatte in der Nacht vom 28. auf den 29. August 1940 kurz nach Mitternacht stattgefunden und ein paar Häuser weit weg in Kreuzberg an der Kottbusser und der Mariannenstraße getroffen. In der nächsten Nacht war Neukölln an der Reihe, und während die Zeitungen Tag für Tag voll waren von Jubelberichten über den deutschen Bombenhagel auf England und gleichzeitig, teilweise unter einer gemeinsamen Überschrift, die britische Bomben auf deutsche Wohnviertel für unfair erklärten, gab es in den nächsten drei Wochen acht weitere Nachtangriffe auf Berlin: Wedding, Moabit, Pariser Platz, nördliche Vororte ...

 

Nach den fünf allerschwersten Angriffen vom 22. bis 26. November 1943 wurden in diesen Berichten keine einzelnen Gebäude mehr benannt, nur noch „bemerkenswerte Schadensstellen“ wie Fabriken, Dienststellen, Krankenhäuser, Schulen. Aber es wurde bis zum Ende genau gezählt: Vom 1. September 1939 bis zum 16. April 1945 gab es in Berlin 378 Alarme; die letzten zehn Tage des Krieges waren ein einziger Alarm, den keiner mehr registrierte. Sie begannen meist kurz vor Mitternacht und dauerten eine halbe bis zu fünf Stunden, die meisten etwa zwei. Ab August 1943 fielen auch „Luftminen“, die ganze Häuserreihen zum Einsturz brachten. Jene vertraulichen Berichte machen nebenbei klar, was meiner Erinnerung nach der Bevölkerung verschwiegen wurde: dass ein großer Teil dieser frühen Schäden gar nicht von britischen Bomben angerichtet wurde, sondern von deutschen Flakgranaten, die ihre Ziele verfehlt hatten und irgendwo im Häusermeer einschlugen. Ein besonders absurdes Beispiel ist der 14./15. November 1940. Da fielen insgesamt 20 britische Sprengbomben, von denen 15 „Blindgänger“ waren; gleichzeitig krepierten 36 Flakgeschosse am Boden, drei blieben irgendwo als Blindgänger stecken. In dieser Nacht wurde von diesem Flakgeballer ein britisches Flugzeug, eine Wellington, abgeschossen und stürzte auf die Domäne Dahlem, wo sie den Kuhstall in Brand setzte und mehrere Kühe tötete ...

 

Dabei waren die Einschläge 1940/41 schon mehrmals recht nahe gekommen. Am 23. September war eine Flakgranate ins Dachgeschoss der Holsteinischen Straße 25 eingeschlagen, am 5. Oktober 1940 waren in Steglitz vier Flakgranaten am Boden krepiert, am 7. Oktober hatte eine Bombe, eher auch eine Granate, eine Wand im Obergeschoss der Lepsiusstraße 99 durchschlagen, am 14. November war eine Flakgranate in der Feuerbachstraße 13 explodiert, am 20. Dezember eine Brandbombe in der Schloßstraße 42, und am Hindenburgdamm 64 hatte es vier Tote gegeben. Irgendwann war lange nach dem Alarm an der Ecke des Bornmarkts, gegenüber vom Eingang des Titania-Palasts, eine Zeitzünderbombe oder ein Blindgänger explodiert und hatte einen Haufen Menschen zerfetzt, die Körperteile lagen weit gestreut herum ...

 

Am 16. Januar 1943 ruinierte eine Sprengbombe das Hinterhaus Schloßstraße 89, und Brandbomben zündeten in der Albrechtstraße. Am 1. März (der 101. Fliegeralarm) konzentrierte sich der bis dahin schwerste Angriff auf Steglitz. 257 viermotorige Maschinen erschienen um Viertel vor zehn am Himmel. Es war der erste Angriff, bei dem blockbusters (Wohnblockknacker) von 1800 Kilo Gewicht und Sprengbomben in Kombination mit Brandbomben eingesetzt wurden (die Sprengbomben rissen die Häuser auf, die dann umso leichter abbrannten). Eine erste Welle ging auf Wilmersdorf und die Gegend um den Prager Platz nieder. Dann folgte Steglitz. Allein in „unserer“ Gegend: Markelstraße 62 und 63 zerstört (tatsächlich nur die Nummer 62, die Ruine wurde nach dem Krieg von einem „Trecker“ abgerissen, heute steht dort eine Karstadt-Filiale), der Titania-Palast beschädigt, ferner Rheinstraße 56, Holsteinische Straße 10, Schloßstraße 73, 74, 121 (Ecke Feuerbachstraße), Feuerbachstraße 7/9, 19/21, 22, 23, 24, 54, Lepsiusstraße 102, 103, 104. In der Feuerbachstraße 62 stürzte der ÖLSR ein, drei Schwerverletzte ...

 

Es gab noch einen zweiten schweren Angriff auf Steglitz. Er leitete die Phase schwerster Angriffe ein, bei denen die Behörden dann bald die Übersicht verloren. Es war der 126. Fliegeralarm. Er begann am 23. August 1943 um 23 Uhr 42 und endete um 2 Uhr 35. Britische Halifax, Lancaster, Stirling und einige Mosquito hatten sich in sechstausend Meter Höhe über der Müritz gesammelt, Leuchtmarkierungen über Berlin gesetzt und ihre Fracht dann über dem ganzen Stadtgebiet von ausgeklinkt: 30 Minenbomben, 189 Sprengbomben, 50000 Brandbomben, auch wieder einige blockbusters. Es gab (die vollständigen Schadensberichte liefen erst in den folgenden Tagen ein) 476 Tote, davon 174 in Steglitz, 1227 Verletzte, 88 Vermisste, 34 977 Ausgebombte und insgesamt 2685 Schadenstellen, davon in Steglitz 2100. Die Zoogegend stand in Flammen. Am Potsdamer Platz brannten das Haus Vaterland, der Potsdamer Bahnhof und die Philharmonie, auch viele Häuser in der Wilhelm- und der Friedrichstraße. Die meisten Bombenteppiche oder „-fächer“ gingen auf Lichterfelde und Lankwitz nieder, die weniger dicht besiedelt waren als unsere Gegend von Steglitz. In dieser traf es die Schloßstraße 18, 28, 101. Ein Blindgänger fand sich in der Lepsiusstraße 8. In der Birkbuschstraße waren die Hausnummern 6, 91, 92, 94/95 zerstört. Wahrscheinlich war es bei dieser Gelegenheit, dass wir die Birkbuschstraße besichtigen gingen, da der Schaden von einer Luftmine herrühren sollte und wir wissen wollten, was uns blühte. Aber anders als damals in Friedenau wurde niemand in die Nähe gelassen. Wir sahen die „Schadenstelle“ nur von fern: tatsächlich, alles kaputt, ein großer Trümmerhaufen ...

 

Insgesamt hat der Bombenkrieg in Berlin 50 000 gezählte Tote und ungezählte Vermisste (Verschüttete, Verbrannte) gekostet. In 30 000 Wohngebäuden wurden 556 500 Wohnungen zerstört, 37 Prozent des Bestandes.

 

Den kompletten Text finden Sie auf nachfolgender PDF und auf der Webseite http://www.d-e-zimmer.de.

 

Bombenkrieg von Dieter F. Zimmer

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