Marktplatz - Lauterplatz - Breslauer Platz

 

Ein Jahr nach der Gründung von Friedenau wurde am 22. Oktober 1875 durch den Gemeindevorstand bekannt gemacht, dass die bisherige „Grenzstraße“ in „Lauterstraße“ umbenannt wird. Bis dahin markierte sie die Grenze zwischen dem Friedenauer Terrain des „Landerwerb und Bauverein auf Aktien“ und den Schöneberger Terrainbesitzern jenseits der Straße. Erst 1903 ist die Fregestraße als Grenze zwischen den Gemarkungen Friedenau und Schöneberg eingetragen.

 

Das Dreieck zwischen Hauptstraße (damals Friedenauer Straße), Lauterstraße und Niedstraße blieb zunächst namenlos. Mitunter wurde er Schulplatz genannt, was darauf zurückzuführen ist, dass 1875 in unmittelbarer Nähe in der Albestraße Nr. 31/32 die I. Gemeindeschule eröffnet worden war. Gebräuchlich war auch der Name „Marktplatz“. Im Herbst 1881 fand hier zum ersten Mal ein Markt statt. Sieben Jahre nach der Gründung von Friedenau, immer noch unzureichenden Wegen nach Berlin, war Gemeindevorsteher Georg Roenneberg erst einmal froh, dass den Zugezogenen überhaupt „etwas“ angeboten wurde. Da das Chaos mit Pferdefuhrwerken und Händlerbuden überhandnahm, erließ die Gemeinde 1909 eine „Polizei-Verordnung und Orts-Statute für den Amts- und Gemeindebezirk Friedenau bei Berlin“.

 

Im § 1 hieß es: „Die Wochenmärkte in Friedenau werden Mittwoch und Sonnabend abgehalten. Fällt auf einen dieser Markttage ein Festtag, so wird der Markt an dem darauf folgenden Wochentage abgehalten. Nach § 2 durften feilgehalten werden: Erzeugnisse des Bodens, der Land- und Forstwirtschaft, der Jagd und Fischerei.“ Lang ist‘s her. Irgendwann kam der Donnerstagnachmittag hinzu, so dass heute mittwochs 8-13 Uhr, donnerstags 12-17 Uhr und samstags 8-13 Uhr Markt abgehalten wird.

 

Am 13. Oktober 1913 erfolgte die Grundsteinlegung für das Friedenauer Rathaus und 1917 die Eröffnung – unter der Adresse Niedstraße Nr. 1 und 2. In den amtlichen Adressbüchern von Friedenau ist weder 1913 noch 1917 ein „Lauterplatz“ aufgeführt. Zu den unmittelbar am Platz liegenden Eckhäusern der Lauterstraße ist vermerkt: „Nr. 14/15 siehe auch Niedstraße Nr. 40/ 41; Nr. 18 gehört zur Schmargendorfer Straße Nr. 1.“ Im Jahr 1927 erwähnt „Griebens Reiseführer“ erstmals die Bezeichnung „Lauterplatz“ und das „1913/15 von Altmann in Sandstein erbaute Rathaus mit gut gegliederter Fassade.“ Seit 1909 hielten hier die Straßenbahnlinien, die von der Endhaltestelle Rubens- Ecke Canovastraße über Beckerstraße, Saarstraße, Rheinstraße, Hauptstraße nach Potsdamer Platz führten. Offiziell hieß die Haltestelle „Rathaus Friedenau“. Erst nach dem Weltkrieg findet sich im Fahrplan der Linie 88 die Bezeichnung „Lauterplatz“. Das blieb so bis zum 1. Oktober 1964. Da war „Kalter Krieg“.

 

Bereits 1950 hatte Ost-Berlin nach Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze für den „Schlesischen Bahnhof“ den Bezug zu ehemaligen deutschen Ostgebieten getilgt und in „Ostbahnhof“ umbenannt. Als dann am 20. März 1964 die im Ostteil liegende Breslauer Straße umbenannt wurde, „musste“ Westberlin die Erinnerung an die verlorengegangenen deutschen Ostgebiete wachhalten. Da Schöneberg „Patenbezirk für Schlesiens“ war, wurde die Umbenennung von Lauterplatz in Breslauer Platz beschlossen. Bezirksbürgermeister Josef Brunner (SPD) ignorierte in seiner Rede, dass die Hauptstadt des aus historischer Sicht zweifellos von Deutschen geprägten Schlesiens seit 1945 zu Polen gehört und Wroclaw heißt. Die Friedenauer sollen sich mit der Bezeichnung lange nicht angefreundet und daher den Begriff „Breslauter Platz“ geprägt haben.I

 

Literaturnobelpreisträger Günter Grass, einst in Danzig geboren, was nun polnisch war und Gdańsk hieß, hat die Umbenennung von Lauterplatz zu Breslauer Platz noch 1972 im „Tagebuch einer Schnecke“ ignoriert: „Wenn wir am Sonnabend auf unseren Friedenauer Wochenmarkt gehen, dann kaufen wir Dill und Gurken, Havelaal und Heilbutt, Birnen und Pfifferlinge, Hasenläufe und Vierländer Mastenten.“ Lang ist’s her. Mit der Zeit verkam der Platz an marktfreien Tagen zum Parkülatz.

 

„Der Bürgerplatz vor dem Rathaus Friedenau gilt als das Herz von Friedenau“. Unter diesem Slogan plante das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg eine „Neugestaltung dieses Stadtplatzes“, allerdings erst, als das Rathaus Friedenau als Verwaltungssitz aufgegeben worden war. Im Jahr 2011 trat eine „Bürgerinitiative Breslauer Platz“ auf den Plan. Die ersten Ideen, damals noch von Fachleuten geliefert, waren überzeugend. Die Lauterstraße sollte bis hin zur Ecke Schmargendorfer Straße wieder beidseitig mit Linden bepflanzt werden – sogar an eine „Neupflanzung von [4] Bäumen“ auf dem Platz war angedacht.

 

Was als „Bürgerbeteiligung“ vorgesehen war, nutzte die „Bürgerinitiative“ alsbald als „Mitmachfalle“ aus. Plötzlich gab es „Arbeitsgruppen“ und „Führungskräfte“ für die Abteilungen Behörden, Botanik, Kulturhaltestelle, Platzgestaltung, Wasserstelle und Marktstände. Es begann ein trickreiches Spiel zwischen dem fachlich kompetenten Baustadtrat (CDU) und den ausufernd-spinnenden BI-Vertretern, die sich je nach Sachlage mit den nichtzuständigen Stadträten von SPD und GRÜNEN „verbündeten“. Bezirksstadträtin Christian Heiß (GRÜNE) brachte es am 24. März 2018 endlich auf den Punkt: „Ich rede ständig mit Mitgliedern der Bürgerinitiative und bekomme immer unterschiedliche Meinungen zu hören. So geht das nicht.“ Sie werde solche individuellen Gespräche in Zukunft ablehnen und nur noch auf öffentliche und transparente Diskussionen setzen.

 

Mit der „Bürgerinitiative Breslauer Platz“ geriet der angedachte „Bürgerplatz“ ins Abseits. In den Mittelpunkt rückte der denkmalgeschützte Pavillon mit Kiosk, Wartehalle und Imbiss von Baumeister Heinrich Lassen. Eine unterirdische „Kulturhaltestelle“ mit Aktionsraum sollte entstehen, auch eine Wasserstelle (sprich Brunnen). Nach langem Hin und Her zwischen BI und Bezirksamt, was einiges an Mehrkosten verursachte, gab es (oft ungenutzte) Sitzbänke zwischen modischen Blumenkübeln, die (teilweise) eine Sperrung der Lauterstraße zwischen Nied- und Schmargendorfer Straße für den Autoverkehr – und vor allem die „Aufpflasterung“ von Lauter- und Niedstraße „zur Vergrößerung des Marktplatzes“. Entstanden ist ein steinerner Aufmarschplatz, dessen Pflasterung ziemlich an das Nürnberger Parteitagsgelände erinnert, aber gar nichts mit Friedenau gemein hat.

 

Auf allen historischen Photographien von 1906 bis zu diesem „Umbau“ ist ersichtlich, dass die Lauterstraße vom Ringbahndamm an der Bennigsenstraße bis zur Ecke Schmargendorfer Straße über den Marktplatz hinweg beidseitig mit Bäumen bepflanzt war. Diese vier Bäume fehlen. Sie strukturierten Straße und Platz. Sie würden den heutigen Aufmarschplatz „erträglicher“ machen. Marktleiter König würde auch an den „engeren“ Samstagen sicher eine Lösung finden. Es geht um den Platz: „Wenn kein Wochenmarkt stattfindet, dann tut sich dort nämlich nichts. Ich sehe an marktfreien Tagen kaum einen Menschen.“

 

 

Polizei-Verordnung von 1909

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