Vom Markt zum Platz

 

Marktplatz 1906

 

 

Der dreieckige Platz, der von Niedstraße (Name ab 1875, zuvor seit 1872 Querstraße III), Schmargendorfer Straße (Name ab 1872), Lauterstraße (Name ab 1875, zuvor seit 1872 Grenzstraße) und Hauptstraße (Name ab 1907, zuvor von 1791-1840 Potsdamer Chaussee, später bis 1881 Botanische Gartenstraße und schließlich bis 1907 Friedenauer Straße) begrenzt wird, hatte lange Zeit überhaupt keinen Namen. Die Lauterstraße bildete die Grenze zwischen dem Terrain des „Landerwerb und Bauverein auf Aktien“ – also dem eigentlichen Friedenau des Gründungsjahres 1874 – und diversen Terrainbesitzern jenseits der früheren Potsdamer Chaussee, darunter – auf Schöneberger Gebiet – die Unternehmer Baumeister Ewald Utz und August Sponholz. Erst auf dem Plan von 1903 ist die Fregestraße als Grenze zwischen den Gemarkungen Friedenau und Schöneberg eingetragen.

 

Der Platz soll meist als Schulplatz bezeichnet worden sein, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass 1875 in unmittelbarer Nähe in der Albestraße Nr. 31/32 die I. Gemeindeschule von Friedenau eröffnet worden war. Auf allen verfügbaren Ansichtskarten von damals ist ersichtlich, dass die Lauterstraße von der Bennigsenstraße bis zur Ecke Schmargendorfer Straße – also auch auf diesem Platz – beidseitig mit Lindenbäumen bepflanzt war.

 

Im Herbst 1881 fand hier zum ersten Mal ein Markt statt. Sieben Jahre nach der Gründung von Friedenau und den unzureichenden Straßenverbindungen nach Berlin war die Gemeindeverwaltung erst einmal froh, dass den Zugezogenen überhaupt „etwas“ angeboten wurde. Da wohl das Chaos überhandnahm, sah sich die Verwaltung im Jahr 1909 zur „Polizei-Verordnung und Orts-Statute für den Amts- und Gemeindebezirk Friedenau bei Berlin“ gezwungen.

 

Im § 1 hieß es: „Die Wochenmärkte in Friedenau werden Mittwoch und Sonnabend abgehalten. Fällt auf einen dieser Markttage ein Festtag, so wird der Markt an dem darauf folgenden Wochentage abgehalten. Nach § 2 durften feilgehalten werden: Erzeugnisse des Bodens, der Land- und Forstwirtschaft, der Jagd und Fischerei.“ Lang ists her. Irgendwann kam der Donnerstag hinzu, so dass heute mittwochs 8-13 Uhr, donnerstags 12-17 Uhr und samstags 8-13 Uhr Markt abgehalten wird. Aus der Historie heraus sind diese Markttage nachvollziehbar, aber einhundert Jahre später halten sich Händler, Angebot und Besucher auf dem nun erweiterten steinernen Aufmarschplatz in ziemlich überschaubaren Grenzen – ausgenommen vielleicht der Sonnabend bei schönem Wetter.

 

Geblieben ist über diesen Markt nur noch Literatur, zum Beispiel Günter Grass und sein „Tagebuch einer Schnecke“: „Wenn wir am Sonnabend auf unseren Friedenauer Wochenmarkt gehen, dann kaufen wir Dill und Gurken, Havelaal und Heilbutt, Birnen und Pfifferlinge, Hasenläufe und Vierländer Mastenten.“ Das war 1972.

 

Auf dem Plan von 1916 findet sich erstmals zwischen Lauter-, Nied- und Hauptstraße der Eintrag „Raths. i. B.“. Nicht ganz aktuell, da die Grundsteinlegung für das Friedenauer Rathaus am 18. Oktober 1913 erfolgte und Teile der Verwaltung bereits 1915 in das Haus einzogen – offizielle Adresse Niedstraße Nr. 1-2. Der Name Lauterplatz taucht erstmals auf einem offiziellen Plan von 1939 auf. Das blieb so bis zum 1. Oktober 1964, als während des Kalten Krieges die Erinnerung an die verlorengegangenen deutschen Ostgebiete wachgehalten werden sollte und der Lauterplatz per Beschluss zum Breslauer Platz wurde. Ignoriert wurde, dass die Hauptstadt des aus historischer Sicht zweifellos von Deutschen geprägten Schlesiens seit 1945 zu Polen gehört und Wroclaw heißt.

 

Die Friedenauer konnten sich mit der Bezeichnung lange nicht anfreunden und sollen den Begriff „Breslauter Platz“ geprägt haben. Auch der Kabarettist Wolfgang Neuss (1923-1989) soll über diese Umbenennung hergezogen sein. Da Neuss irrtümlich angenommen hatte – was bei diesem informierten Zeitgenossen kaum vorstellbar ist – dass der Lauterplatz nach dem Chefarzt des Sankt-Gertrauden-Krankenhauses Dr. Sigismund Lauter (1891-1954) benannt worden war, soll er in seinem Programm „Das jüngste Gerücht“ gefragt haben: „Wer war eigentlich dieser Doktor Breslauer?“

 

Unter der Überschrift „Der Bürgerplatz vor dem Rathaus Friedenau gilt als das Herz von Friedenau“ plante das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg seit längerem eine „Neugestaltung dieses Stadtplatzes“. Im Jahr 2011 trat eine „Bürgerinitiative Breslauer Platz“ auf den Plan. Von Anfang hatte diese Initiative nicht den Platz, sondern den denkmalgeschützten Pavillon mit Zeitungskiosk, Wartehalle und Imbiss von Heinrich Lassen im Sinn. Er sollte, obwohl am Rand liegend, im Mittelpunkt der Platzgestaltung stehen. Eine „Kulturhaltestelle“ sollte daraus werden, mit Aktionsraum für Ausstellungen, Lesungen und Präsentationen, „ggf. betrieben von einem von der BI zu gründenden gemeinnützigen Verein“. Um den zukünftigen Ansturm bewältigen zu können, sollte die „Lauterstraße für den Autoverkehr gesperrt und die Niedstraße vor dem Rathaus durch eine Aufpflasterung zur Vergrößerung des Marktplatzes“ beitragen. Auf die damals angedachte „Neupflanzung von Bäumen“ musste daher verzichtet werden.

 

 

Polizei-Verordnung von 1909

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Marktplatz 1907
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