James Ruhemann. Archiv Alexander Scholz

James Ruhemann

(1865-1931)

 

Der Architekt James Ruhemann hat in Friedenau, Schöneberg und Steglitz eine Vielzahl von Mietshäusern errichtet, die so attraktiv sind, dass die Immobilienbranche für eine 3-Zimmer-Wohnung von 143,08 m² heute einen Kaufpreis von 787.000 € fordern kann. An ihn erinnerte das Landesdenkmalamt Berlin allerdings erst im Mai 2019. Da stellte das Amt fest, dass seine 1892/93 entstandenen Bauten vom Fuhrhof Pählchen, der ehemaligen Friedenauer Müllabfuhr mit Pferdestall & Remise & Kontor & Kutscherhaus in der Görresstraße Nr. 23 Denkmale sind – ganz im Widerspruch zur Unteren Denkmalschutzbehörde von Tempelhof-Schöneberg, die der Bauwert AG von Dr. Jürgen Leibfried, wir machen Bauwerke zu Bauwerten, bereits eine Abrissgenehmigung in Aussicht gestellt hatte.

 

Kaum hatten wir diesen Skandal öffentlich gemacht, stellte uns Herr Alexander Scholz aus der Wielandstraße im Januar 2021 Texte und Fotos zur Verfügung, so dass wir über seine Bauten hinaus auch den Lebensweg von James Ruhemann nachzeichnen konnten. Dafür herzlichen Dank.

 

James Ruhemann wurde am 16. Mai 1865 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren. Sein Vater war der aus Zempelburg in Westpreußen gebürtige Tapezierer und Dekorateur Julius Ruhemann, seine Mutter die Berlinerin Mathilde Speyer. Im Berliner Adressbuch von 1865 taucht der Name Ruhemann erstmals auf: Julius Ruhemann, Kaufmann, Manufactur- u. Posamentierwarengeschäft, Roßstraße Nr. 1., Geschäftslocal: Roßstraße Nr. 1a. Im Jahr 1870 heißt es Ruhemann, J. Tapezirer u. Decorateur, Rosenthalerstraße Nr. 52, III. Etage.

 

Er wird Maurer, macht den Meister und eröffnet 1892 in der Friedenauer Handjerystraße Nr. 74 das Atelier für Architektur und Bauausführungen. Da konnte der 27-Jährige bereits mit einigen Bauten aufwarten, darunter Fuhrhof Pählchen in der Wilhelmstraße (heute Görresstraße Nr. 23) mit Pferdestall, Remise, Kontor und Kutscherhaus, die Müllabfuhr von Friedenau sowie mit Mietshäusern in Wieland-, Albe- und Handjerystraße. Ruhemann kennt das Geschäft. Inzwischen ist er Mitglied der Baugewerksinnung, zu der die Inhaber von Maurer-, Zimmer- und Baugeschäften von Steglitz, Friedenau, Schöneberg, Deutsch-Wilmersdorf, Groß-Lichterfelde, Zehlendorf und Mariendorf gehören. Am 28. März 1898 tritt er zu den Kommunalwahlen in Friedenau an. Er macht mit einem Leserbrief im Friedenauer Lokal-Anzeiger Werbung für die eigene Sache, in dem er sich in die Kommunalpolitik einmischt. Nach seiner Ansicht sei ein großer Theil der Rheinstraßenbewohner mit dem Ausbau der Straße, wie er ausgeführt ist, zufrieden.

 

Mit der Berliner Bauordnung von 1887 konnten auch in den Vororten mehrgeschossige Mietshäuser gebaut werden. So verkündete der Friedenauer Lokal-Anzeiger immer wieder Grundstücksumsätze behufs Bebauung in unserem Orte: Herr Architekt Ruhemann hat das Grundstück Rheinstraße 24/25 (zwischen dem Goetzeschen Hause und dem Eckneubau) von Herrn Klemme erworben (1898). Die Bauthätigkeit in unserem Orte verspricht demnach im kommenden Sommer eine echt emsige zu werden. 1899 offeriert er als Architekt und Hauseigentümer in der Rheinstraße Hochherrschaftliche Wohnungen von 4, 5. u. 6 Zimmern mit allem Comfort der Neuzeit. In diesem Jahr ist das unbebaute Grundstück Handjerystraße Nr. 14, dem Kaufmann Hampe in Dresden gehörig, in den Besitz des Architekten Herrn Ruhemann übergegangen, welcher auf der Parzelle drei Wohngebäude zu erbauen beabsichtigt. Und: Architekt Ruhemann hat die Bauparzelle Ecke Goßler- und Blankenburgstraße neben dem noch nicht fertigen Neubau gekauft. Er beabsichtigt auf dem Grundstück kleine Wohnungen zu bauen.

 

Vor dem Haus- und Grundbesitzerverein begrüßt er die neue Bauordnung für die Vororte von Berlin als den Wünschen der Baumeister und Architekten mehr entgegenkommend, und hebt hervor, dass die Anlage von störenden Betrieben, Fabriken usw. für Friedenau nicht mehr gestattet ist, allerdings auch, dass Künstlerateliers ebenfalls nicht mehr gebaut werden dürfen. Nachdem er 1906 das Grundstück Kaiserallee Nr. 114 erworben hatte, entsteht bis 1908 nach seinem Entwurf ein Mietswohnhaus – natürlich ohne Künstleratelier – in dem der ledige Architekt wohnt und sein Büro unterbringt. Auffallend in all den Jahren ist, dass an seiner Seite immer die Namen H. Ruland (Oberingenieur) und S. Pazderski (Architekt) auftauchen.

 

1925 geht das Anwesen Kaiserallee Nr. 114 in den Besitz des 1923 gegründeten jüdischen Gewerbebetriebs Terra Aktiengesellschaft für Grundbesitz über – mit Ruhemann als Verwalter. Ab 1926 ist er Mieter. Eigentümer wird Lesser, L. Konfektion, eine Firma, die seit 1915 Herren- und Knabenkonfektion herstellt. James Ruhemann stirbt am 12. September 1931 im Vinzenz Krankenhaus in Lichterfelde, das 1923 als Forschungskrankenhaus für die Bekämpfung von Krebs und Tbc gegründet worden war.

 

In den Lokalzeitungen erschienen Todesanzeige und Nachruf: Im Alter von 66 Jahren ist der Architekt und Maurermeister James Ruhemann, Kaiserallee 114, gestorben. R. war einer der ältesten Friedenauer Einwohner. Er kam 1892 nach dem damals in seinen Anfangsgründen befindlichen Ort und hat dessen Entwicklung nicht nur miterlebt, sondern tatkräftig dazu beigetragen. Zahlreiche Friedenauer Häuser wurden von ihm gebaut, darunter viele große Eckhäuser in der Rheinstraße. Im Friedenauer Haus- und Grundbesitzerverein spielte der Verstorbene eine wichtige Rolle, auch der Friedenauer Gemeindevertretung gehörte er an. Seit 1907 war er Mitglied des Friedenauer Krieger- und Landwehrvereins. Durch sein freundliches Wesen und seinen geraden Charakter hatte der Verstorbene sich überall Freunde erworben. James Ruhemann wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Die Grabstätte ist erhalten.

 

 

Bauten von James Ruhemann

 

Mietshäuser Viktoriapark

Ensembleteil Zimmermannstraße 2 & 3 & 4 (1902-1903)

Ausführung Maurermeister Robert Metzger

Bauherr Richter & Dankburg & Metzger

 

Mietshäuser Viktoriapark

Ensembleteil Zimmermannstraße 5 & 6 & 7 (1903-1904)

 

Mietshaus Wielandstraße 9 (1900)

 

Mietshaus Wielandstraße 11 (1891-1893)

Bauherr Maurermeister Hermann Ette

Bauherr Ferdinand Reimann

 

Mietshaus Wielandstraße 12 (1894)

 

Mietshaus Wielandstraße 36 (1896)

 

Mietshaus Handjerystraße 65 Schmiljanstraße 12 (1893)

Ausführung & Bauherr Otto Kaiser

 

Mietshaus Handjerystraße 72 (1892-1896)

Bauherr Rudolf Straus

 

Mietshaus Albestraße 19 (1892-1893)

Bauherr Kunstbauschlosser Heinrich Klemme

 

Mietshaus Albestraße 20 (1892-1893)

Bauherr Schlossermeister R. Sotscheck

 

Fuhrhof Pählchen Görresstraße 23 (1892-1893)

Teilobjekt Pferdestall & Remise & Kontor & Kutscherhaus

 

Mietshaus Rheinstraße 55/Moselstraße 13 (1896)

Bauherr Elisabeth Koch

 

Mietshaus Roennebergstraße 4 (1901-1902)

 

Mietshaus Schloßstraße 27/Zimmermannstraße 39 (1900-1901)

Ausführung Maurermeister Wilhelm Reiche

Bauherr A. Gericke (Kohlenhändler)

 

Mietshaus Muthesiusstraße 6 (1906)

 

Mietshaus Rubensstraße 70 (1907-1908)

Bauherr Ingenieur Georg Gallandi