Friedhof Stubenrauchstraße, Ausgewählte Gräber. Stand Dezember 2019

 

Friedhof an der Stubenrauchstraße

 

Es ist einfach Unsinn, den Friedhof an der Stubenrauchstraße auf einen Künstlerfriedhof zu reduzieren. Das war Marketing der Edition Friedenauer Brücke für ein fragwürdiges Buch mit vielen falschen Angaben. Es führte dazu, dass der traditionelle Quartiersfriedhof als Künstlerfriedhof beschrieben wird - und Touristen immer nur das Grab von Marlene suchen.

 

Anders als Schöneberg, Steglitz oder Wilmersdorf geht Friedenau nicht auf einen historischen Dorfkern mit Kirche und Kirchhof zurück. Friedenau entstand auf dem Reißbrett und sollte ein Geschäft werden. Für den Tod war kein Platz. Drei Jahre nach der Gründung musste die Gemeinde über einen eigenen Friedhof nachdenken, da Wilmersdorf die Bestattung von Friedenauer Toten auf seinem Friedhof aus Platzgründen nicht mehr gestatten wollte.

 

Von den vier im Bebauungsplan vorgesehenen Schmuckplätzen, Schmargendorfer Platz (Schillerplatz), Wilmersdorfer Platz (Renée Sintenis-Platz), Berliner Platz (Perelsplatz) und Hamburger Platz, war nur noch die Gegend um den Hamburger Platz unbebaut. Der Gemeinderat setzte sich über die Einsprüche der Anrainer hinweg. Der Platz wurde geopfert. Was für vorübergehend und nur provisorisch gedacht war, blieb. Am 20. Mai 1881 wurde der Friedhof eingeweiht. 1888/89 kam die Backsteinkapelle. Als mit der Feuerbestattung eine weitere Bestattungsart möglich wurde, entstand 1914/16 für Urnenbestattungen das Columbarium. Die Anlage wurde mehrfach erweitert, schließlich mit einer Mauer eingefasst und umschließt heute eine Fläche von 21.062 Quadratmetern. Auf den nachfolgenden Seiten finden Sie Beiträge zu Persönlichkeiten, die auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ihre letzte Ruhe gefunden haben.

 

Wir bedauern, dass auf interessante Lebensgeschichten von Friedenauern, ob Elektriker, Fleischer, Maurer, Schlosser oder Schneider, die das Wesen des Quartiersfriedhofs eigentlich ausmachen, aus Datenschutzgründen nur teilweise eingehen können.

 

Kapelle. Foto Hahn & Stich, 2006

Kapelle

 

Über die Baugeschichte der Friedhofskapelle ist (leider) wenig bekannt. Aus der im Jahr 2000 erschienenen Dokumentation Topographie Schöneberg/Friedenau ist zu erfahren: Die Friedhofskapelle wurde 1888-89 nach Plänen des Architekten W. Spieß als ostwestausgerichteter, einschiffiger Saalbau in Rohziegelbauweise mit Satteldach errichtet. Dem Ostgiebel der Kapelle ist ein kleiner Portalvorbau vorgesetzt, der über mehrere Stufen den Eintritt ins Innere öffnet. Der Innenraum wird von drei Spitzbogenfenstern in jeder Längswand erhellt. Der Dachstuhl mit dem Hängewerk ist offen, die Dachuntersicht verschalt. In die westliche Giebelwand ist eine flache spitzbogige Altarnische eingetieft. Der Altar steht um einige Stufen erhöht. An den Westgiebel ist später ein eingeschossiger Flachbau für die Verwaltung des Friedhofs angebaut worden.

 

 

 

 

 

 

 

Der Friedenauer Lokal-Anzeiger berichtet am 21.08.1913, dass die Erneuerungsarbeiten in der Friedhofskapelle jetzt beendet sind. Das Innere der Kapelle macht nun einen dem Zweck des Raumes würdigen Eindruck. Die Fenster haben eine bunte Verglasung erhalten und die ganze Halle ist in dunklen Tönen ausgemalt worden. Verschwunden sind die Vorhänge, die nur als Staubfänger dienten, ebenso ist die Altarnische verkleinert worden. Die Halle hat elektrische Beleuchtung erhalten, auch die Lichtkandelaber wurden mit elektrischen Kerzen versehen. Der Leichenkeller ist gleichfalls ausgebessert worden. Er hat ein Fenster erhalten, sodass Tageslicht hinein kann; die Wände sind mit weißen Kacheln bekleidet. Auch hier ist elektrische Beleuchtung eingeführt.

 

Vorausgegangen waren heftige Auseinandersetzungen in der Gemeindeversammlung über den Zustand der Kapelle auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Sie sind allerdings vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Gemeindevorstand und Baurat Hans Altmann den neuen Friedenauer Waldfriedhof in Gütergotz favorisierten, obwohl die Bürgerschaft gar nicht nach Gütergotz gehen will.

 

Laut Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 07.06.1912 befindet sich die Kapelle auf unserem Friedhof in einem Zustande, der den Zwecken, denen die Kapelle dient, nicht entspricht. Der Zustand ist so wenig schön, dass er abgeändert werden muss. Wenn man die Kapelle betritt, so glaubt man nicht in einen weihevollen Raum, sondern in eine Räucherkammer zu treten. Der Altar befindet sich in einer Nische, die von den Kerzen total verräuchert ist, auch an den Stellen, wo die Ofenrohre in die Wand gehen, ist aller verräuchert. Ferner ist der Anstrich an vielen Stellen abgeplatzt. An den Fenstern hängen Zuggardinen von der billigsten Zugleinwand, die sich an nicht verdeckten eisernen Stangen befinden und Spinnengewebe und Raupennester bergen. Die Friedhofsvorhänge an den Türen sind von Motten ganz durchfressen und sind überdies voller Staub, so dass dort eine ganze Bazillenkolonie angelegt ist. Die Gemeinde sei verpflichtet, den Raum, der ein weihevoller sein soll, in dem man sich sammeln will und wo unsere Bürger den letzten Abschied von ihren Lieben nehmen, in einen würdigen Zustand zu versetzen.

 

Spätestens seit 1898 hatten Gemeindeverordneter Paul Kunow und Schöffe Ferdinand Wossidlo gefordert, dass die ganze Kapelle umgeändert werden müsse. Denn dort wohne auch der Friedhofswärter und unter dessen Wohnung befindet sich der Aufbewahrungsraum für die Leichen. Danach seien 12000 M. gesammelt worden, um die Kapelle größer zu bauen. Es fehlt hier die Vorhalle“. Die Gemeindeverordneten glaubten, dass auch später, wenn wir in Gütergotz beerdigen, die hiesige Kapelle zu Trauerfeiern mehr benutzt werde, als die Kapelle in Gütergotz. Es sei ja unmöglich, jedesmal den Geistlichen mit hinauszunehmen, es gehe diesem ja ein halber Tag dadurch verloren. Man werde da vielleicht einen besonderen Geistlichen in Gütergotz anstellen müssen. Nach ihrer Ansicht wäre es daher besser, hier eine große Kapelle zu errichten und in Gütergotz nur eine kleine. Am 11.06.1912 einigte man sich darauf, eine größere Renovierung der hiesigen Kapelle vorzunehmen.

 

In Gütergotz entstanden auf einer Fläche von 12, 6 ha Kapelle, Verwaltungsgebäude, Blumenladen, Wirtschaftshof und Gärtnerei. Nachdem am 25. März 1914 die Friedhofs- und Gebührenordnung beschlossen war, wurde die Begräbnisstätte als Waldfriedhof Friedenau in Gütergotz eröffnet.

 

Columbarium. Foto Hahn & Stich, 2006

Columbarium

 

Die Urnenhalle (Columbarium) auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ist laut Friedenauer Lokal-Anzeiger vom 16. August 1916 nach den Plänen unseres Gemeindebaurats Hans Altmann als ein langgestreckter Hallenbau errichtet. Nachdem der Gemeindevorstand am 30. August 1916 die Benutzungs- und Gebührenordnung erlassen hatte, fanden die bereits ihrer Beisetzung harrenden 18 Urnen ihren Platz in den Nischen der Aschenkammern.

 

Vorausgegangen waren 1913 bereits Verhandlungen der Stadtverwaltung von Wilmersdorf und der Gemeinde Friedenau, ein gemeinsames Krematorium nebst Urnenhalle an der Laubacher Straße Ecke Kreuznacher Straße zu errichten. Da die Friedenauer offensichtlich den weiten Weg nach dem 1914 eröffneten Waldfriedhof Friedenau in Gütergotz scheuten“, suchte die Gemeinde für die Unterbringung von Urnen allerdings nach einer würdigen Lösung in nächster Nähe.

 

 

 

 

 

 

Gemeindebaurat Hans Altmann, der den Entwurf für die III. Gemeindeschule auf dem Grundstück Laubacher Straße Ecke Offenbacher Straße als Doppelschule aus rotem Sichtziegelmauerwerk und Terrakotta-Bauschmuck geschaffen hatte, entschied sich auch für die Urnenhalle für roten Backstein und Keramikverzierung. Die Anlage besteht aus einem Kuppelbau, dem sich nach rechts fünf und nach links drei als Arkaden mit Balustraden angelegte Flügelbauten anschließen, in denen sich die Nischenabteilungen für die Urnen (Aschenkammern) befinden. Die Arkaden wurden mit halbhohen Balustraden bedacht, die einen freien Blick zum Friedhof ermöglichen. Der Kuppelbau ist als Empfangsraum und Gedächtnishalle gedacht. Von ihm führen rechts und links Treppen in das Untergeschoss. Beide Geschosse sind mit Durchgängen verbunden. Für Tageslicht und Belüftung der einzelnen unterirdischen Kammern sorgen sogenannte Opäen (Deckendurchbrechungen). Die ununterbrochene Folge und gleichmäßige Ausstattung der unterirdischen Aschenkammern und Urnennischen erwecken jedoch den ziemlich gewöhnungsbedürftigen Eindruck von Katakomben.

 

Die Urnenhalle war ursprünglich eine kostengünstige Alternative zum Urnengrab auf dem Friedhofsgelände. Die Urne wird entweder in einer offenen Wandnische untergebracht oder aber mit einer Abdeckplatte verschlossen. In der Regel erhält die Urne eine Aufschrift mit Namen und Geburts- und Sterbetag. Das Grundprinzip der Anlage hat seinen Ursprung in den südeuropäischen Ländern. Dort werden Urnen in reihenweise übereinander angebrachten Nischen untergebracht, genannt Columbarium, ein Begriff aus dem Lateinischen, der wegen gewisser äußerer Ähnlichkeiten vom Taubenschlag (columba gleich Taube) abgeleitet wurde.

 

Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts ging eine gravierende Veränderung der Begräbniskultur einher. Davon blieb auch der kommunale Friedhof Stubenrauchstraße nicht verschont. Vorschriften von anno dazumal und erhebliche Kosten, gepaart mit einer auffälligen Vernachlässigung der Begräbnisstätte durch die Friedhofsverwaltung führten auch dazu, dass außergewöhnlich viele Grabstellen nicht belegt sind. Das Bezirksamt Schöneberg hat – außer der Variante Gemeinschaftsgrabstätte – für den Quartiersfriedhof kein zukunftsfähiges Konzept entwickelt. Das trifft auch auf das Tiefgeschoss des Columbariums zu – ein höchst unwürdiger und verwahrloster Ort.

 

Dort befindet sich nicht nur die Urne des Schauspielers Herbert Grünbaum (1903-1981), der sich 1939 über die Niederlande nach Palästina rettete und 1953 nach Deutschland zurückkehrte (Grabstelle C 46-44), sondern im Raum 45 Nr. 97 auch die Urne der Malerin Jeanne Mammen (1890-1976), deren Grabstelle am 6. November 2018 vom Senat zur Ehrengrabstätte des Landes Berlin erhoben wurde – peinlich für die Schöneberger Friedhofsverwaltung und die zuständige (grüne) Bezirksstadträtin, wenn die Bilder vom Zustand des Raumes nun öffentlich werden.

 

Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft

 

Das Gräbergesetz des Bundes verpflichtet die Länder, die auf ihrem Gebiet liegenden Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft festzustellen und einzurichten sowie zu pflegen und zu erhalten. Das Gräbergesetz ist auf die Gräber folgender Personen anzuwenden: Kriegstote des I. Weltkrieges (nur Militärangehörige), Kriegstote des II. Weltkrieges, die in Ausübung oder Folge eines militärischen oder militärähnlichen Dienstes ums Leben gekommen sind oder innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Kriegsgefangenschaft gestorben sind, Kriegstote des II. Weltkrieges, die als Zivilisten durch Kriegseinwirkungen ihr Leben verloren haben. Auf dem Friedhof Stubenrauchstraße befinden sich 321 Einzelgräber. Der Friedenauer Lokal-Anzeiger veröffentlichte im ersten Kriegsjahr zwischen Juli und Dezember 1914 nachfolgende Todesanzeigen:

 

Erbbegräbnis Prowe. Foto Hahn & Stich, 2014

Wandgräber der Abteilung 12

 

Da ist guter Rat teuer! Pate/Patin gesucht! Bei Interesse an einer Grabpatenschaft für diese historische Grabstätte, melden Sie sich bitte bei der Friedhofsverwaltung. Das Schild auf der seit 1824 bestehenden Grabstätte der Familie Familie Carl Wendt (Abt. 12, 9-12) macht die Misere deutlich.

 

Auf dem Friedhof befinden sich in der Abt.12 zahlreiche repräsentative Erbbegräbnisse des 19. und 20. Jahrhunderts, die zum Teil von namhaften Vertretern der späten Berliner Bildhauerschule gestaltet wurden und von kultur- und kunsthistorischer Bedeutung sind. Die imposanten Wandgräber waren gleichsam Logenplätze für Familien des gehobenen Bürgertums. Die Stellung im Leben sollte sich auch in der letzten Ruhestätte widerspiegeln. Leider sind die Grabstätten heute in keinem guten Zustand. Nutzungszeiten sind abgelaufen. Grabpflege findet nicht mehr statt. Die Standsicherheit der hohen Grabbauten ist nicht mehr gewährleistet.

 

Nicht immer gelang es, Paten zu finden, die die Kosten für Restaurierung und Sicherung eines historischen Grabmals übernehmen oder aber die Option in Anspruch zu nehmen, sich oder ihre Angehörigen in dieser Grabstätte beisetzen zu lassen. So kam es, dass in der Abteilung 12 bereits einige Wandgräber abgerissen und davor einfache Einzelgräber gesetzt wurden. Ein Verlust für das historische Gedächtnis von Friedenau.

 

 

 

 

Das Land Berlin hat – anders als Wien und Paris – versäumt, neben den Ehrengräbern eine Kategorie historische Grabstätten einzuführen, mit der kulturgeschichtlich bedeutende und handwerklich hochwertige Grabstätten durch die öffentliche Hand gerettet werden können. Denn: Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft. (Wilhelm von Humboldt).

 

Reihenfolge der Wandgräber Abteilung 12

 

1-4 Falk (vorher Metz)

5-8 Drengwitz (vorher Berg)

9-12 Wendt

13-15 Oscar Haustein (Liebet einander wie ich euch geliebt habe)

16-17 Gustav Haustein

18-19 Franke

20 Slowik (Ekkehardt)

21-22 Matschke

23-25 Hirt

26-30 Prowe

31-33 Schettler

34-35 Ohff

36-37 Henning

38-39 Bolle

40-42 Stephan

43-45 Sachs

46-48 Herms

49-50 Keller

51 Rückert

52 Lowsky

53 nicht belegt

54-55 Beil

56-58 Moeller

59-61 Reisner

 

Das nachfolgende Video soll einen Überblick über die Abteilung 12 geben. Beschreibungen zu den Grabdenkmälern finden Sie unter Friedhof Stubenrauchstraße.

 

Ehrengrab Land Berlin. Foto Hahn & Stich, 2016

Berliner Problem: Ehrengräber

 

Für das Land Berlin sind Ehrengräber Ausdruck der Ehrung Verstorbener, die zu Lebzeiten hervorragende Leistungen mit engem Bezug zu Berlin erbracht oder sich durch ihr überragendes Lebenswerk um die Stadt verdient gemacht haben.

 

Nichts gegen die Ehrengrabstätten auf dem Friedhof Stubenrauchstraße, aber nachdenklich macht die derzeitige Auswahl schon. Das Sammelsurium wirft die Frage auf, ob für den Quartiersfriedhof noch regionalgeschichtliche Aspekte relevant sind.

 

Das Chaos entstand 2008, als der Senat für die Anerkennung von Ehrengrabstätten neue Auswahlkriterien festlegte. Von da an gab es Ehrengräber nur noch für Personen die in der breiteren Öffentlichkeit deutlich präsent sind und ihre Verdienste einen engen Berlin-Bezug haben. Damit war klar, dass Gräber von Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts verschwinden werden, da diese in der allgemeinen Öffentlichkeit kaum bekannt sein dürften.

 

 

 

 

Mit diesem Verfahren hat der Senat dem historischen Gedächtnis der Stadt nachhaltigen Schaden zugefügt. Anders als beispielsweise Wien und Paris hat es Berlin versäumt, eine Kategorie historische Grabstätten einzufühen, mit der kulturgeschichtlich bedeutende und handwerklich hochwertige Grabstätten gerettet werden. Nur so kann die Gefahr gebannt werden, dass diese Gräber nicht ausgelöscht, geschleift oder gar eingeebnet werden.

 

Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft. Wilhelm von Humboldt

 

Urnenhalle Satzung und Gebührenordnung 1916. Friedenauer Lokal-Anzeiger