Vom Hamburger Platz zum Friedhof an der Stubenrauchstraße

 

Es ist einfach Unsinn, den Friedenauer Friedhof an der Stubenrauchstraße immer wieder auf einen „Künstlerfriedhof“ reduzieren zu wollen. Der Begräbnisplatz ist ein Quartiersfriedhof – für die Friedenauer. Daran werden die Gräber von Ferruccio Busoni, Marlene Dietrich oder Helmut Newton nichts ändern. Anders als Schöneberg, Steglitz oder Wilmersdorf geht Friedenau nicht auf einen historisch gewachsenen Dorfkern mit Kirche und Kirchhof zurück. Friedenau entstand auf dem Reißbrett. Für die Initiatoren Johann Anton Wilhelm Carstenn, David Born und Städteplaner Johannes Otzen war es ein Geschäft. Für den Tod war in ihren Plänen kein Platz. Doch bereits drei Jahre nach der Gründung musste der Gemeinderat über einen eigenen Friedhof nachdenken, da Wilmersdorf die Bestattung von Friedenauer Toten auf seinem Friedhof aus Platzgründen nicht mehr gestatten wollte.

 

Von den vier im Bebauungsplan vorgesehenen „Schmuckplätzen“, Schmargendorfer-, Wilmersdorfer-, Berliner- und Hamburger Platz, war zu diesem Zeitpunkt nur noch die Gegend um den Hamburger Platz unbebaut. Der Gemeinderat setzte sich über die Einsprüche der Anrainer hinweg. Der Platz wurde „geopfert“. Was für „vorübergehend“ und nur „provisorisch“ gedacht war, blieb. Am 20. Mai 1881 wurde der Friedhof eingeweiht. Die ersten Begräbnisse: Gemeindevertreter Robert Hertel (1886), Eduard Roenneberg (1888), Karl Bamberg (1892). Die Backsteinkapelle entstand 1888/89. In den Jahren zwischen 1894 und 1912 wurde die Anlage mehrfach bis zu ihrer heutigen Größe von 21.062 Quadratmetern erweitert und schließlich auch mit einer Mauer eingefasst. Da die Kapazität bald erreicht schien, erwarb die Gemeinde ein 12 ha großes Gelände unmittelbar neben dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof für die Anlage einer weiteren Begräbnisstätte. Die Planung und Ausführung oblag dem Architekten und Gemeindebaurat Hans Altmann. 1914 wurde der „Waldfriedhof Friedenau“ eingeweiht, der heute „Wilmersdorfer Waldfriedhof Güterfelde“ genannt wird.

 

Da mit der Einführung der Feuerbestattung eine weitere Beisetzungsart möglich wurde, entschloss sich die Gemeinde Friedenau 1914/16 zum Bau des Columbariums mit Erd- und Untergeschoss. In diesem aus mehreren Kammern bestehenden „Taubenschlag“ ist in den übereinander angeordneten Nischen die Aufnahme vieler Aschenurnen möglich. Zwei Weltkriege, die Teilung Deutschlands und eine veränderte Bestattungskultur haben zu neuen Prognosen über den Friedhofsflächenbedarf geführt. Der ehemalige Waldfriedhof Friedenau wird längst nur noch als „Grünfläche“ ausgewiesen, und auf dem Friedhof an der Stubenrauchstraße stehen hinreichend Grabflächen zur Verfügung.

 

 

Ausgewählte Grabstätten auf dem Friedhof Stubenrauchstraße
Kapelle. Foto H&S, 2006

Kapelle

 

Kapelle und Leichenhalle entstanden 1888/89 nach Entwürfen des Architekten W. Spieß. Der an den Westgiebel angesetzte eingeschossige Flachbau für die Friedhofsverwaltung ist aus jüngerer Zeit. Für die aus Rohziegeln errichtete Kapelle entschied sich Spieß für eine „gotisierende“ Gestaltung, die er mit einem Satteldach versah. Dem dreijochigen Bau wurde ein Portal vorgesetzt, von dem Stufen in das Innere führen. An den beiden Längsseiten sorgen jeweils drei Spitzbogenfenster für eine ausreichende Beleuchtung des Innenraums. Am westlichen Ende der Kapelle befindet sich der etwas erhöht gestellte Altar. In den Jahren 1913/17 soll die Kapelle instandgesetzt und umgebaut worden sein. Näheres konnte dazu bisher nicht recherchiert werden.

 

Columbarium. Foto H&S, 2006

Columbarium

 

Das Columbarium (Urnenhalle) soll 1916/17 nach einem Entwurf des Architekten Hans Altmann erbaut worden sein – nach anderen Quellen 1914/16 von Architekt M. Scherler. Im letzteren Fall darf man annehmen, dass der Entwurf vom damaligen Gemeindebaumeister Hans Altmann beeinflusst worden ist.

 

„Die Urnenhalle setzt sich aus einem zweigeschossigen Rundbau mit Kuppel und zwei eingeschossigen, asymmetrischen Flügeln mit Satteldach zusammen. Der Südflügel weist drei, der Nordflügel fünf Arkaden auf. Das Columbarium besteht aus je acht Kammern im Unter- und im Erdgeschoss. Im Untergeschoss hat jede Kammer vier Reihen mit Urnennischen, im Erdgeschoss nur drei Reihen übereinander. Im Kuppelrundbau befinden sich Treppenabgänge zum Untergeschoss. Der Rundbau im Erdgeschoss dient als Versammlungsraum. Die Kammern des Columbariums sind in beiden Geschossen mit Durchgängen verbunden, außerdem fällt in die Kammern im Untergeschoss durch Opäen mit Gittern von oben Licht ein. Die Kammern im Erdgeschoss sind durch Arkaden zum Friedhof hin getrennt. Der Rundbau hat ein offenes Keramik-Rundbogenportal, dessen Schlußstein einen Phoenix über Flammen zeigt, und zwei Engelsköpfchen tragen einen Kämpfer aus Keramik mit dem ‚Auge Gottes‘ im Dreieck.“ (Quelle Denkmaldatenbank Berlin)

 

Das Columbarium ist eine kostengünstige Alternative zum Urnengrab. Die Urne mit der Asche des Verstorbenen wird in einer Wandnische beigesetzt. Nach der Beisetzung wird die Nische mit einer Abdeckplatte verschlossen, die in der Regel eine Aufschrift mit dem Namen des Verstorbenen trägt. Bei Wikipedia findet sich folgende Erklärung: „Kolumbarium, auch Columbarium (lateinisch columbarium ‚Taubenschlag‘, zu columba ‚Taube‘), war ursprünglich die Bezeichnung für einen Taubenschlag; wegen der optischen Ähnlichkeit wurden dann auch altrömische Grabkammern mit reihenweise übereinander angebrachten Nischen zur Aufnahme von Urnen nach Feuerbestattungen so benannt. Heute bezeichnet man als Kolumbarium ein meist oberirdisches Bauwerk, das der Aufbewahrung von Urnen oder Särgen dient und oft einem Friedhof oder Krematorium angegliedert ist. Vor allem in südlichen Ländern sind Kolumbarien ein weitverbreiteter Bestandteil der Begräbniskultur, hier werden Kolumbarien häufig im Freien in Form langer, teilweise überdachter Mauern errichtet, oft an den Außenmauern der Friedhöfe.“

 

Ungewöhnliche Grabgestaltungen

 

Es ist einfach Unsinn, den Friedenauer Friedhof immer wieder zum „Künstlerfriedhof“ erheben zu wollen. Der Begräbnisplatz ist ein durch und durch traditioneller Quartiersfriedhof. Daran werden weder die prominenten Neuzugänge Marlene Dietrich und Helmut Newton noch die konstruierte Nähe zu einer längst untergegangenen „roten Künstlerkolonie“ im benachbarten Wilmersdorf etwas ändern. Friedenau sollte ein Geschäft werden. Für Künstler und Tod war da kein Raum. Zur rechten Zeit kaufte der Unternehmer Johann Anton Wilhelm Carstenn dem Rittergut Deutsch-Wilmersdorf einige Hundert Morgen ab. Ein „Landerwerb- und Bauverein auf Actien“ nahm die Parzellierung vor, der Architekt Johannes Otzen erstellte den Bebauungsplan und 1871 stand die erste Villa. Am 9. November 1874 wurde Friedenau selbstständige Gemeinde des Kreises Teltow.

 

Der Vorort erlebte den Aufschwung und Carstenn den Konkurs. Da er Preußen aber einst das Land zum Bau der Preußischen Haupt-Kadettenanstalt geschenkt hatte, erhielt er von Kaiser Wilhelm I. den Adelstitel „von Carstenn-Lichterfelde“ und einen Ehrensold bis zu seinem Tode 1896 in der Schöneberger Nervenheilanstalt. Anders als Mariendorf, Rixdorf, Wilmersdorf oder Zehlendorf geht Friedenau nicht auf einen historisch gewachsenen Kern mit Kirche und Kirchhof zurück. Der Ort entstand auf dem Reißbrett, konzipiert als Villensiedlung, später freigegeben zur Mietshausbebauung mit vier Geschossen. Doch die Hauptstadt des Deutschen Reiches breitete sich weiter aus, die Vororte wuchsen mit. Friedenau hatte noch immer keinen Friedhof, da die Bauherren darauf setzten, die Toten weiterhin in Wilmersdorf bestatten zu können.

 

Da aber auch dort der Begräbnisplatz knapp wurde, mußte der Friedenauer Gemeinderat 1881 im Karree Südwestkorso, Fehler-, Laubacher- und Stubenrauchstraße eine freigehaltene Fläche für einen gemeindeeigenen Friedhof „opfern“. Vorübergehend und provisorisch, wie festgeschrieben wurde, da für das Gelände als Pendant zum östlich gelegenen Perelsplatz eine wohlgestaltete Anlage vorgesehen war. Es blieb beim Plan.

 

Mit der Beisetzung des Königlich Preußischen Stadtbauschreibers Eduard Roenneberg ging es im Januar 1888 los. Später fanden in diesem Grab auch Georg und Albert Roenneberg, der erste und zweite  Gemeindevorsteher, ihre letzte Ruhe. Das Gittergrab der Familie (Abteilung 8, Nummer 30) markiert den Auftakt für den bürgerlichen Quartiersfriedhof. Danach folgten - mitunter in Ehrengräbern oder sogar als Ehrenbürger der Gemeinde Friedenau - Gemeindeältester, Baumeister, Apotheker, Kommerzienrat, Pfarrer, Rittergutsbesitzer, Schöffe, Ziegeleibesitzer, Studienrat, Polizeisekretär, Holzgroßkaufmann. Zwei Persönlichkeiten sind weit über diese Grenzen hinaus bekannt geworden: Carl Bamberg, der in seinen Askania Werken Präzisionsinstrumente für Navigation, Zeitmessung, Geodäsie und Astronomie fertigte (7-1), und Ottmar Anschütz, der 1884 mit den Reihenfotografien von Störchen den Bildern „das Laufen beibrachte“ (Ehrengrab, 31-23/24).

 

Wie sehr der Tod auch zum Leben gehört, kann die Gegend nicht deutlicher ausdrücken. Die Straßen ringsherum tragen die Namen jener Toten, Fehler, Hertel, Homuth, Roenneberg, auch Bache, Büsing, Frege, Hähnel, Handjery, Stier, Stubenrauch, die sich um die Siedlung verdient gemacht hatten. Im Süden lehnen sich die monumentalen Wandgräber an die Mietshäuser, im Westen stehen die rotglasierten Klinkerbauten von Urnenhalle und Gemeindeschulen Wand an Wand, über die Mauer schallen die Anfeuerungen für die Mannschaften des „Friedenauer TSC 1886 e.V.“. Nördlich und östlich, wo sich einst die Comedian Harmonists fanden, schwappt das Balkonleben fast über die Friedhofsmauer. Ein anheimelnder Friedhof, ein Garten, beinahe wie bei Laubenpiepers.

 

In diesen beiden Straßen, benannt nach dem Friedenauer Schöffen Adolf Fehler und dem Teltower Landrat Ernst von Stubenrauch, liegen die Zugänge. Betont wurde einzig der Hauptweg vom Eingang in der Stubenrauchstraße als Lindenallee, an deren Ende unmittelbar nach der ersten Beisetzung eine backsteinerne Kapelle nebst Leichenhalle gebaut wurden. Das Eigenwillige an diesem Friedhof, er ist geometrisch gegliedert, aber diese Gleichmäßigkeit fällt nicht auf, weil Buchen, Ahorne und Birken ihr ausuferndes Blattwerk darüber gelegt haben. Die Struktur des Totengartens aus den Jahren zwischen 1888 und 1914 hat sich bis heute weitgehend erhalten.

 

Zu seinen Besonderheiten gehört das 1916 fertiggestellte Columbarium. Es ist davon auszugehen, daß der 1906 zum Gemeindebaurat von Friedenau berufene Architekt Hans Altmann wesentlichen Einfluß auf Gestaltung, Gruppierung und Ausführung ausübte. Seine weiteren stadtbildprägenden Bauten, Friedenauer Rathaus, Doppelschule sowie Bauten der Askania-Werke sprechen dafür. Das Columbarium ist kein Taubenschlag, wie der Begriff wörtlich zu übersetzen wäre, sondern die preiswerte Alternative zur Sargbestattung. Der langgestreckte Backsteinbau entpuppt sich als zweigeschossige Urnenwandgrabstätte mit einem zentralen Kuppelrundturm. Nach beiden Seiten schließen sich offene und begehbare Arkaden an. Dort sowie im Tiefgeschoß werden die Urnen in Wandnischen gesetzt und mit Steinplatte, Glasscheibe oder Gitter verschlossen. Für die Nachwelt bleiben Namen und Daten von Anfang und Ende, manchmal auch weniger: Ruhestätte Nowak, Ella Krause und gar nur Gebhardt. Es ist eben vorbei.

 

Marlene, in diesen Straßen aufgewachsen, schaut nun auf das Columbarium, mit Theodor Körners Spruch „Hier steh ich an den Marken meiner Tage“ als Wehr und Halt im Rücken (Ehrengrab, 34-363). Drei Grabstellen weiter ein Revolutionär der Modefotografie, Helmut Newton (Ehrengrab, 34-367), der 1920 als Jude Helmut Neustädter drüben in der Innsbrucker Straße 24 geboren wurde und Deutschland verlassen mußte. An diese und andere schlimme Zeiten erinnern auch die „im Felde gefallenen Friedenauer Kriegsteilnehmer 1914/18", die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und 324 Einzelgräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

 

Wenden wir uns angenehmeren menschlichen Betätigungen zu: Einige der Grabdenkmale aus dem 19. und 20. Jahrhundert wurden von namhaften Bildhauern gestaltet. Der in Venedig geborene Valentino Casal ist einer davon. In seiner Werkstatt in der Bachestraße entstanden 1906 das Wandgrab für die Familie des Apothekers Albert Hirt (12-23/24) - eine auf einem Granitsockel plazierte Engelsfigur - und das weiße Marmorwandgrab für den Gutsbesitzer Wilhelm Prowe (12-25/30). Das „antike Tempeltor“ mit der Trauernden vor einer Scheintür entstand 1908. Es gilt als das bedeutendste Werk von Casal. Oft vergessen, weil ziemlich in die Ecke gedrängt, das Architekturgrabmal des Friedenauer Ehrenbürgers Hugo Moellers (12-58/59), gestaltet vom Sepulkralplastiker Hans Dammann. Gleich zwei Bildhauer wurden damit beauftragt, Ferruccio Busoni der Nachwelt zu erhalten. Nachdem der Komponist am 27. Juli 1924 in seiner Schöneberger Wohnung am Viktoria-Luise-Platz 11 verstorben war, nahm Kurt Kroner die Totenmaske ab, und Georg Kolbe erhielt vom Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung den Auftrag für ein Gedenkstätte. Zu besichtigen ist seither in der Abteilung 6 Nr. 56 ein gleichermaßen beeindruckendes wie schlichtes Ehrengrab, in dessen Mitte ein heller konischer Steinpfeiler mit einer Bronzeplastik gesetzt wurde.

 

Als Busoni zu Grabe getragen wurde, war Friedenau schon nicht mehr eigenständig und Teil von Schöneberg. Unter diesem Namen wurden sie ein Stadtbezirk von Groß-Berlin. Die Carstennsche Siedlung, durch das rasante Werden der Hauptstadt immer wieder herausgefordert, blieb sich irgendwie doch selbst treu. 1875 gab es eintausend Einwohner, dreißig Jahre später waren es vierzigtausend. Das hatte auch zur Folge, daß der Begräbnisplatz bis 1912 in drei Etappen auf 21.062 Quadratmeter erweitert werden mußte. Da die Kapazität dennoch bald erreicht schien, beschloß die Gemeinde den Ankauf von 13 Hektar in der dreißig Kilometer entfernten Gemarkung Gütergotz/Güterfelde (heute Stahnsdorf).

 

Dort draußen entstand nach dem „Südwestkirchhof der Berliner Stadtsynode“ (1909) und vor dem städtischen „Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf“ (1920) unter Gemeindebaumeister Hans Altmann „ein zweites Friedenau“. Der Grundriß, halbkreisförmige Wege, Schmuckplätze und Kapelle aus Klinkersteinen legen diesen Vergleich nah. Die erste Beisetzung fand im Juli 1914 statt. In den Jahrzehnten danach haben nicht viel mehr Friedenauer ihre letzte Reise dorthin angetreten. Für einen Quartiersfriedhof war es zu weit. Identität konnte auch nicht aufkommen, da die Anlage mehr und mehr in den Berliner Strudel geriet: Innerhalb von zwanzig Jahren bekam sie vier Namen: Friedenauer Friedhof Güterfelde, Waldfriedhof Güterfelde, Waldfriedhof Schöneberg und seit 1935 bis heute Wilmersdorfer Waldfriedhof Güterfelde. Der Friedhof von Hans Altmann repräsentiert heute zusammen mit dem Südwestkirchhof des „synodalen“ Garteningenieurs Louis Meyer und dem Wilmersdorfer Waldfriedhof des Groß-Berliner Gartendirektors Erwin Barth einen Totengarten von Rang. Nirgendwo anders läßt sich die Friedhofsentwicklung von der parkartigen Gestaltung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hin zu geometrischen Grundrissen des 20. Jahrhunderts so kompakt und beeindruckend erleben. Friedenau in Güterfelde ist mehr als nur ein Bindeglied.

 

Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Berliner Senat mit dem „Friedhofsentwicklungsplan“ (FEP) auf das Überangebot von Friedhofsflächen reagiert. Die Prognosen nach der Wiedervereinigung waren von Euphorie getrübt. 700 Hektar werden überflüssig, darunter die 175 Hektar der drei Berliner Friedhöfe in der Mark Brandenburg. Inzwischen sind sie als Grünfläche ausgewiesen. Auf den beiden landeseigenen Friedhöfen finden seit letztem Jahr schon keine Neubestattungen statt. Da alle drei aber unter Denkmalschutz stehen und sich auf ihnen neben Ehren-, Soldaten- und Opfergräbern herausragende Grabdenkmale befinden, wird das Ganze wohl als „Friedhofspark“ eine Zukunft haben.

 

In Schöneberg bleiben die konfessionellen Bestattungsflächen „Alt-Schöneberg“ (der einzig historisch gewachsene Kirchhof), „St. Matthäus-Kirchhof“, „Alter und Neuer Zwölf-Apostel-Friedhof“ sowie die landeseigenen Anlagen Eisackstraße, Eythstraße, Priesterweg und der Friedenauer Friedhof in der Stubenrauchstraße bestehen. Hier, wo Grabstellen zu Westberliner Zeiten Mangelware waren, werden derzeit Kapazitäten für Sarg und Urne von 661 bis 1297 Euro offeriert.

 

Beschaulich ist es dort noch immer, obwohl Friedenaus Beschaulichkeit „mit seinen skurrilen, tantenhaften Straßen, die schwer von Kastanien beschattet sind“ durch den Ausbau der Bundesallee in den sechziger Jahren nun zweigeteilt daherkommt. Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson, die hier einst für Unruhe gesorgt hatten, konnten das nicht verhindern. Und Günter Grass, der engagierte Wahlkämpfer von 1969, setzte sich in der Niedstraße 13 an seinen Schreibtisch und ließ seine Lisbeth Stomma lieber auf dem Friedhof „mit den Grabstellen kurze und familiäre Gespräche“ führen. Das war auch Friedenau. „Sie kannte ziemlich viele Tote. Doch war es nicht die Neugierde und ungehemmte Anteilnahme älterer Frauen, die als regelmäßige Friedhofsbesucherinnen Kurzweil suchen. Niemals stand Lisbeth Begräbnissen daneben. Keinem trug sie ihr Beileid an. Sie störte niemanden, pflegte aber fremde vernachlässigte Gräber.“

 

Lisbeth Stomma vermißt man heute auf dem Friedenauer Friedhof, auch am Grab der „vergessenen“ Schriftstellerin Dinah Nelken (24-372), die wohl als einzige aus der „roten Künstlerkolonie“ hier ihre letzte Ruhe gefunden hat. „Was immer mir an Berlin gefällt oder nicht gefällt, es gab Gelegenheit genug, es lachend oder schimpfend auszusprechen.“ Günter Grass.

 

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