Quartiersfriedhof statt Künstlerfriedhof

 

Es ist einfach Unsinn, den Friedhof Stubenrauchstraße auf einen „Künstlerfriedhof“ zu reduzieren. Der Begräbnisplatz ist ein Quartiersfriedhof. Daran werden die Gräber von Ferruccio Busoni, Marlene Dietrich oder Helmut Newton nichts ändern. Anders als Schöneberg, Steglitz oder Wilmersdorf geht Friedenau nicht auf einen historischen Dorfkern mit Kirche und Kirchhof zurück. Friedenau entstand auf dem Reißbrett und sollte ein Geschäft werden. Für den Tod war kein Platz. Drei Jahre nach der Gründung musste die Gemeinde über einen eigenen Friedhof nachdenken, da Wilmersdorf die Bestattung von Friedenauer Toten auf seinem Friedhof aus Platzgründen nicht mehr gestatten wollte.

 

Von den vier im Bebauungsplan vorgesehenen „Schmuckplätzen“, Schmargendorfer Platz (Schillerplatz), Wilmersdorfer Platz (Renée Sintenis-Platz), Berliner Platz (Perelsplatz) und Hamburger Platz, war nur noch die Gegend um den Hamburger Platz unbebaut. Der Gemeinderat setzte sich über die Einsprüche der Anrainer hinweg. Der Platz wurde „geopfert“. Was für „vorübergehend“ und nur „provisorisch“ gedacht war, blieb. Am 20. Mai 1881 wurde der Friedhof eingeweiht. 1888/89 kam die Backsteinkapelle. Als mit der Feuerbestattung eine weitere Bestattungsart möglich wurde, entstand 1914/16 für Urnenbestattungen das Columbarium. Die Anlage wurde mehrfach erweitert, schließlich mit einer Mauer eingefasst und umschließt heute eine Fläche von 21.062 Quadratmetern.

 

Auf den nachfolgenden Seiten finden Sie Beiträge zu Persönlichkeiten, die auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ihre letzte Ruhe gefunden haben. Wir bedauern, dass auf die Geschichte vieler Friedenauer, ob nun Elektriker, Fleischer, Maurer, Schlosser oder Schneider, die das Wesen des Quartiersfriedhofs ausmachen, mitunter mit künstlerisch herausragenden Grabdenkmalen bedacht wurden, aus Datenschutzgründen nicht näher eingegangen werden kann.      

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Ausgewählte Grabstätten auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Stand 28.07.2018
Kapelle. Foto H&S, 2006

Kapelle

 

Über die Baugeschichte der Friedhofskapelle ist (leider) wenig bekannt. Aus der im Jahr 2000 erschienenen Dokumentation „Topographie Schöneberg/Friedenau“ ist zu erfahren: „Die Friedhofskapelle wurde 1888-89 nach Plänen des Architekten W. Spieß als ostwestausgerichteter, einschiffiger Saalbau in Rohziegelbauweise mit Satteldach errichtet. Dem Ostgiebel der Kapelle ist ein kleiner Portalvorbau vorgesetzt, der über mehrere Stufen den Eintritt ins Innere öffnet. Der Innenraum wird von drei Spitzbogenfenstern in jeder Längswand erhellt. Der Dachstuhl mit dem Hängewerk ist offen, die Dachuntersicht verschalt. In die westliche Giebelwand ist eine flache spitzbogige Altarnische eingetieft. Der Altar steht um einige Stufen erhöht. An den Westgiebel ist später ein eingeschossiger Flachbau für die Verwaltung des Friedhofs angebaut worden.“

 

 

 

 

 

 

Der „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ berichtet am 21.08.1913, dass „die Erneuerungsarbeiten in der Friedhofskapelle jetzt beendet sind. Das Innere der Kapelle macht nun einen dem Zweck des Raumes würdigen Eindruck. Die Fenster haben eine bunte Verglasung erhalten und die ganze Halle ist in dunklen Tönen ausgemalt worden. Verschwunden sind die Vorhänge, die nur als Staubfänger dienten, ebenso ist die Altarnische verkleinert worden. Die Halle hat elektrische Beleuchtung erhalten, auch die Lichtkandelaber wurden mit elektrischen Kerzen versehen. Der Leichenkeller ist gleichfalls ausgebessert worden. Er hat ein Fenster erhalten, sodass Tageslicht hinein kann; die Wände sind mit weißen Kacheln bekleidet. Auch hier ist elektrische Beleuchtung eingeführt“.

 

Vorausgegangen waren heftige Auseinandersetzungen in der Gemeindeversammlung über den Zustand der Kapelle auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. Sie sind allerdings vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Gemeindevorstand und Baurat Hans Altmann den neuen Friedenauer Waldfriedhof in Gütergotz favorisierten, obwohl „die Bürgerschaft gar nicht nach Gütergotz gehen will“.

 

Laut „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ vom 07.06.1912 „befindet sich die Kapelle auf unserem Friedhof in einem Zustande, der den Zwecken, denen die Kapelle dient, nicht entspricht. Der Zustand ist so wenig schön, dass er abgeändert werden muss. Wenn man die Kapelle betritt, so glaubt man nicht in einen weihevollen Raum, sondern in eine Räucherkammer zu treten. Der Altar befindet sich in einer Nische, die von den Kerzen total verräuchert ist, auch an den Stellen, wo die Ofenrohre in die Wand gehen, ist aller verräuchert. Ferner ist der Anstrich an vielen Stellen abgeplatzt. An den Fenstern hängen Zuggardinen von der billigsten Zugleinwand, die sich an nicht verdeckten eisernen Stangen befinden und Spinnengewebe und Raupennester bergen. Die Friedhofsvorhänge an den Türen sind von Motten ganz durchfressen und sind überdies voller Staub, so dass dort eine ganze Bazillenkolonie angelegt ist. Die Gemeinde sei verpflichtet, den Raum, der ein weihevoller sein soll, in dem man sich sammeln will und wo unsere Bürger den letzten Abschied von ihren Lieben nehmen, in einen würdigen Zustand zu versetzen“.

 

Spätestens seit 1898 hatten Gemeindeverordneter Paul Kunow und Schöffe Ferdinand Wossidlo gefordert, dass „die ganze Kapelle umgeändert werden müsse. Denn dort wohne auch der Friedhofswärter und unter dessen Wohnung befindet sich der Aufbewahrungsraum für die Leichen“. Danach seien „12000 M. gesammelt worden, um die Kapelle größer zu bauen. Es fehlt hier die Vorhalle“. Die Gemeindeverordneten glaubten, „dass auch später, wenn wir in Gütergotz beerdigen, die hiesige Kapelle zu Trauerfeiern mehr benutzt werde, als die Kapelle in Gütergotz. Es sei ja unmöglich, jedesmal den Geistlichen mit hinauszunehmen, es gehe diesem ja ein halber Tag dadurch verloren. Man werde da vielleicht einen besonderen Geistlichen in Gütergotz anstellen müssen. Nach ihrer Ansicht wäre es daher besser, hier eine große Kapelle zu errichten und in Gütergotz nur eine kleine“. Am 11.06.1912 einigte man sich darauf, „eine größere Renovierung der hiesigen Kapelle“ vorzunehmen.

 

In Gütergotz entstanden auf einer Fläche von 12, 6 ha Kapelle, Verwaltungsgebäude, Blumenladen, Wirtschaftshof und Gärtnerei. Nachdem am 25. März 1914 die Friedhofs- und Gebührenordnung beschlossen war, wurde die Begräbnisstätte als „Waldfriedhof Friedenau in Gütergotz“ eröffnet.

 

Columbarium. Foto H&S, 2006

Columbarium

 

Die Urnenhalle (Columbarium) auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ist laut „Friedenauer Lokal-Anzeiger“ vom 16. August 1916 „nach den Plänen unseres Gemeindebaurats Hans Altmann als ein langgestreckter Hallenbau errichtet“. Nachdem der Gemeindevorstand am 30. August 1916 die „Benutzungs- und Gebührenordnung“ erlassen hatte, fanden die „bereits ihrer Beisetzung harrenden 18 Urnen“ ihren Platz in den Nischen der Aschenkammern.

 

Vorausgegangen waren 1913 bereits Verhandlungen der Stadtverwaltung von Wilmersdorf und der Gemeinde Friedenau, ein gemeinsames Krematorium nebst Urnenhalle an der Laubacher Straße Ecke Kreuznacher Straße zu errichten. Da die Friedenauer offensichtlich „den weiten Weg nach dem 1914 eröffneten Waldfriedhof Friedenau in Gütergotz scheuten“, suchte die Gemeinde für die Unterbringung von Urnen allerdings nach einer „würdigen Lösung in nächster Nähe“.

 

 

 

 

 

 

Gemeindebaurat Hans Altmann, der den Entwurf für die III. Gemeindeschule auf dem Grundstück Laubacher Straße Ecke Offenbacher Straße als Doppelschule aus rotem Sichtziegelmauerwerk und Terrakotta-Bauschmuck geschaffen hatte, entschied sich auch für die Urnenhalle für roten Backstein und Keramikverzierung. Die Anlage besteht aus einem Kuppelbau, dem sich nach rechts fünf und nach links drei als Arkaden mit Balustraden angelegte Flügelbauten anschließen, in denen sich die Nischenabteilungen für die Urnen (Aschenkammern) befinden. Die Arkaden wurden mit halbhohen Balustraden bedacht, die einen freien Blick zum Friedhof ermöglichen. Der Kuppelbau ist als Empfangsraum und Gedächtnishalle gedacht. Von ihm führen rechts und links Treppen in das Untergeschoss. Beide Geschosse sind mit Durchgängen verbunden. Für Tageslicht und Belüftung der einzelnen unterirdischen Kammern sorgen sogenannte Opäen (Deckendurchbrechungen). Die ununterbrochene Folge und gleichmäßige Ausstattung der unterirdischen Aschenkammern und Urnennischen erwecken jedoch den ziemlich gewöhnungsbedürftigen Eindruck von Katakomben.

 

Die Urnenhalle war ursprünglich eine kostengünstige Alternative zum Urnengrab auf dem Friedhofsgelände. Die Urne wird entweder in einer offenen Wandnische untergebracht oder aber mit einer Abdeckplatte verschlossen. In der Regel erhält die Urne eine Aufschrift mit Namen und Geburts- und Sterbetag. Das Grundprinzip der Anlage hat seinen Ursprung in den südeuropäischen Ländern. Dort werden Urnen in reihenweise übereinander angebrachten Nischen untergebracht, genannt Columbarium, ein Begriff aus dem Lateinischen, der wegen gewisser äußerer Ähnlichkeiten vom „Taubenschlag“ (columba gleich Taube) abgeleitet wurde.

 

Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts ging eine gravierende Veränderung der Begräbniskultur einher. Davon blieb auch der kommunale Friedhof Stubenrauchstraße nicht verschont. Vorschriften von anno dazumal und erhebliche Kosten, gepaart mit einer auffälligen Vernachlässigung der Begräbnisstätte durch die Friedhofsverwaltung führten auch dazu, dass außergewöhnlich viele Grabstellen nicht belegt sind. Das Bezirksamt Schöneberg hat – außer der Variante „Gemeinschaftsgrabstätte“ – für den Quartiersfriedhof kein zukunftsfähiges Konzept entwickelt. Das trifft auch auf das Tiefgeschoss des Columbariums zu – ein höchst unwürdiger und verwahrloster Ort.

 

Dort befindet sich nicht nur die Urne des Schauspielers Herbert Grünbaum (1903-1981), der sich 1939 über die Niederlande nach Palästina rettete und 1953 nach Deutschland zurückkehrte (Grabstelle C 46-44), sondern im Raum 45 Nr. 97 auch die Urne der Malerin Jeanne Mammen (1890-1976), deren Grabstelle am 6. November 2018 vom Senat zur Ehrengrabstätte des Landes Berlin erhoben wurde – peinlich für die Schöneberger Friedhofsverwaltung und die zuständige (grüne) Bezirksstadträtin, wenn die Bilder vom Zustand des Raumes nun öffentlich werden.

 

Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft

 

Das Gräbergesetz des Bundes verpflichtet die Länder, die auf ihrem Gebiet liegenden Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft festzustellen und einzurichten sowie zu pflegen und zu erhalten. Das Gräbergesetz ist auf die Gräber folgender Personen anzuwenden: Kriegstote des I. Weltkrieges (nur Militärangehörige), Kriegstote des II. Weltkrieges, die in Ausübung oder Folge eines militärischen oder militärähnlichen Dienstes ums Leben gekommen sind oder innerhalb eines Jahres nach Beendigung der Kriegsgefangenschaft gestorben sind, Kriegstote des II. Weltkrieges, die als Zivilisten durch Kriegseinwirkungen ihr Leben verloren haben. Auf dem Friedhof Stubenrauchstraße befinden sich 321 Einzelgräber.

 

Der Friedenauer Lokal-Anzeiger veröffentlichte im ersten Kriegsjahr zwischen Juli und Dezember 1914 nachfolgende Todesanzeigen:

 

Hier steh ich an den Marken meiner Tage. FAZ, 12.10.2006

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Die nachfolgenden Zeichnungen von Heinrich Dreidoppel entstanden 2010 auf dem Friedhof Stubenrauchstraße. „ In jenen superheißen Augusttagen war das für mich damals ein kleines Projekt, an das ich mich gern erinnere, zumal ich beim Zeichnen etliche Mäuse und Eichhörnchen um mich herum beobachten konnte. Dauernd stieß ein großer Raubvogel, der seinen Horst in einem der großen Bäume hatte, durchdringende gellend-spitze Schreie aus“. Heinrich Dreidoppel (geb. 1938) studierte von 1958 bis 1962 an der Kunstakademie Düsseldorf Zeichnung, Malerei, Grafik, Kunsterziehung und von 1962 bis 1965 Germanistik an der Universität Köln. Von 1989 bis 2003 war er Professor für „Ästhetische Erziehung, Kunst- und Kulturwissenschaften“ an der Universität der Künste Berlin. Seine 1990/91 entstandenen „Stadtzeichnungen Berlin-Mitte“ wurden 2013 in den Räumen der Friedenauer Kammerkonzerte erstmals ausgestellt. Seit 2015 gehören sie zur Grafik-Sammlung des Deutschen Historischen Museums Berlin. Heinrich Dreidoppel lebt in Friedenau.

 

Urnenhalle Satzung und Gebührenordnung 1916. Friedenauer Lokal-Anzeiger
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