Richard Scheibe im Atelier. Foto Fritz Eschen

Richard Scheibe (1879-1964)

Wilhelmstraße Nr. 16 (heute Görresstraße Nr. 21)

 

Mit dem Bildhauer Richard Scheibe tut sich die Bundesrepublik Deutschland schwer. Überall finden sich zu ihm nur biographische Bruchstücke: Für das Georg Kolbe Museum übernahm er in Berlin ein Meisteratelier an der Akademie der Künste, wo er bis Kriegsende unterrichtete. 1945 wurde er an die Hochschule der bildenden Künste berufen. Das Deutsche Historische Museum klammert die Jahre von 1942 bis 1945 komplett aus. Das Städelmuseum orientiert auf das Denkmal für Friedrich Ebert, das 1926 an der Paulskirche angebracht, nach heftigen Protesten wieder abgebaut und 1950 durch eine von Richard Scheibe neu geschaffene Version (Kopf weniger kantig, runder und statt nach links nach rechts schauend). Immerhin gesteht Frankfurt ein, dass Scheibe nach 1933 dem herrschenden Geschmack entgegen kommt. Scheibes Geburtsstadt Chemnitz ernennt ihn 1949 sogar zum Ehrenbürger.

 

Vergessen ist, dass Scheibe ab 1937 regelmäßig auf der Großen Deutschen Kunstausstellung vertreten war, Hitler seine Skulptur Denker erwarb, Goebbels die Zeichnung Abend am Main sowie die Statue Flora und der Führer ihn 1944 in die Gottbegnadeten-Liste aufnahm. Keiner erinnert an den Text im Völkischen Beobachter vom 14. April 1945, in dem er sich als Deutscher verpflichtet fühle, mich in dieser Stunde der höchsten Bewährung ausdrücklich zu meinem Vaterland und seinem Kampf zu bekennen.

 

 

 

 

Kaum war dieser Kampf verloren, ließ sich Richard Scheibe 1945 an die Hochschule für bildende Künste Berlin berufen, weil wir für die Erziehung unserer Jugend neue Fundamente brauchen, eine klare und bewusste Zielsetzung. Lehrkräfte, die am Aufbau unserer Schule mitarbeiten, müssen von dieser Aufgabe durchdrungen sein.

 

Den Rest besorgte der Kunsthistoriker und Mitbegründer des Tagesspiegel Edwin Redslob. Er spricht Scheibe und sein Werk heilig und erteilt dem deutschen Volk hernach die Generalabsolution: Um die Gestalten Scheibes weht ein Hauch der Einsamkeit, es ist, als stünden sie außerhalb unserer Welt, an deren Bösem sie keinen Anteil haben. Dass diese Abkehr von allem, was körperlich und seelisch hässlich ist, in einer Zeit denkbar war, in der so unsagbar viel Brutalstes geschah, erscheint wie ein Geschenk der Gnade. Es rechtfertigt eine ganze Generation vor dem Richterstuhl der Geschichte.

 

Damit war 1953 der Weg für das Ehrenmal der Opfer des 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock frei. Für Redslob erfasste Scheibes Bronzefigur eines nackten jungen Mannes mit gebundenen Händen das Bleibende des heroisch-verzweifelten Widerstandes und seiner Bedeutung für die kommende Zeit. Die Skulptur kam aufs Podest. Darunter Redlobs Inschrift in Versalien:

 

IHR TRUGT DIE SCHANDE NICHT

IHR WEHRTET EUCH

IHR GABT DAS GROSSE EWIG WACHE ZEICHEN

DER UMKEHR

OPFERND EUER HEISSES LEBEN

FÜR FREIHEIT RECHT UND EHRE.

 

Richard Scheibe selbst hatte wohl Bedenken: Da eine Gestaltung des Denkmals im modernen Stil bei den Hinterbliebenen der Opfer, meist ehemalige Offiziere und Beamte, wohl Verdruss erregt hätte, musste man damit noch einmal auf mich zurückgreifen. So kam es, dass Scheibe noch einmal Gelegenheit bekam, einen seiner Prachtburschen – nun allerdings mit gefesselten Händen – zu präsentieren.

 

Das wurde honoriert: Ehrendoktor der Freien Universität, Bundesverdienstkreuz, Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main, Ehrensenator der Hochschule für bildende Künste Berlin (zum Senator hatten ihn bereits die Nazis gemacht), Ehrengrabstätte der Stadt Berlin.

 

1980 wurde die Gedenkstätte Deutscher Widerstand umgestaltet. Scheibes Jüngling mit gebundenen Händen wurde vom Podest genommen und auf das Pflaster des Innenhofs gestellt. In einigem Abstand wurde eine Bronzetafel mit der Redslobschen Inschrift in die Pflasterung eingelassen. Dazu kamen einige informative Bronzetafeln: Hier im ehemaligen Oberkommando des Heeres organisierten Deutsche den Versuch, am 20. Juli 1944 die nationalsozialistische Unrechtsherrschaft zu stürzen. Dafür opferten sie ihr Leben. Hier starben für Deutschland am 20. Juli 1944 Generaloberst Ludwig Beck, General der Infanterie Friedrich Olbricht, Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Oberstleutnant Werner von Haeften.

 

Es bleibt ein schaler Beigeschmack, weil die Figur mit der veränderten Armhaltung und den gefesselten Händen letztendlich nur eine Variation jener Skulpturen ist, die unter den Titeln Symbol für die Bereitschaft der Luftwaffe (1937), Zehnkämpfer, Denker (1937) Hoheitszeichen (1937) oder Jüngling (1938) von Richard Scheibe für die Nationalsozialisten geschaffen wurden.

 

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Richard Scheibe. Einführung von Edwin Redslob. Rembrandt-Verlag, Berlin, 1955

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