Ganz weit weg

 

 

Die Dichter-Mutter mochte es heiß. FAZ, 19.12.2002

Die Dichter-Mutter mochte es heiß

Julia „Dodó“ Mann und Brasiliens Costa Verde

Frankfurter Allgemeine, 19.12.2002

Von Peter Hahn

 

Im Urwald war es, „nahe dem Atlantischen Ozean, südlich des Äquators, wo Dodó das Licht der Welt erblickte. Unter Affen und Papageien“, wie ihr der Vater später erzählte. „Ach, was gab es dort nicht an schönen und guten Dingen! Außer Kokos und Bananen noch die Pinhão, die Mani, die Ananas, die großen dunkelroten saftigen Limona. Wie herrlich, wenn sie auf dem Bache in einer Art Waschzuber Kahn fuhr, wie so schön und ernst die schwarzgrau gefiederten und krummgeschnäbelten Urubu auf den Büschen am Bachesrand saßen und hoheitsvoll auf Dodó schauten.“

 

 

 

 

Der Bach könnte Río Perequê-Açú heißen, und, wenn nicht, was bedeutet es zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, wo Hunderte von Rinnsalen, Bächen und Flüssen auch namenlos in den Atlantik münden. An den „fürchterlichen Tropenregen“, erinnert sich Dodó, „der wohl sehr plötzlich heruntergekommen sein wird“. Sie träumt von den Plantagen, wo „man ihr ein Stück des frisch geschnittenen Zuckerrohres zum Aussaugen des Saftes gab“, sie denkt an den Karneval, „die vielen bunten Masken, die verschiedenen Musikinstrumente, deren sich die Masken bedienten, das wilde Treiben draußen“.

 

Draußen, auch das weiß Dodó noch, das war „in Parati und in Boa Vista und in Angra dos Reis“, wo sie als Tochter eines deutschen Plantagenbesitzers unter der Obhut der schwarzen Sklavin Ana aufwächst. Aus diesem „tropischen, sinnlichen, katholischen Brasilien“ wird die Siebenjährige im Jahre 1858 nun unter ihrem eigentlichen Vornamen Julia zur Großmutter „in das kalte, nüchterne, protestantische Lübeck verpflanzt“. Jahre später wird aus Dodó Frau „Senatorin“ Julia Mann geborene da Silva Bruhns, die Mutter von Heinrich und Thomas Mann.

 

Äußerlich gelang ihr die Anpassung an die neue Umwelt. Nach und nach lernt sie die deutschen Worte, findet Freunde, erlebt Schnee und Weihnacht und spricht schließlich hochdeutsch mit lübeckschem Tonfall. Immer wieder aber kommt die Sehnsucht nach dem Süden auf. Brasilien wurde ihr zum Mythos. Am Ende, erinnert sich Viktor Mann, als die Mutter im Gasthof zu Weßling im Sterben lag, „sprach sie mit stark rollenden R-Lauten“. Es war wie das Deutsch von Portugiesen und Brasilianern, „es war der Klang von drüben, vom bunten Sonnenland, wieder da“. Der innere Konflikt war geblieben, und es blieb „ein Leben zwischen zwei Kulturen“.

 

Parati ist eine schöne Stadt. Was aber ist dort schön? Es gibt zwei Paratyis: Das neue und häßliche gehört den Einheimischen und dem Leben, das alte und schöne den Touristen und der Künstlichkeit. Hier der heute so typisch brasilianische Cocktail von Supermercados und Straßenhändlern, von Werkstätten und Kneipen, Tankstellen und Busbahnhof, quicklebendig, schmuddelig, wohlig, dort eine komplett erhaltene Stadt der Kolonialzeit mit Wehranlagen und Friedhof, mit Lagerhäusern und Hospital, jetzt vom touristischen Schnickschnack beherrscht, fein herausgeputzt, wie es früher nie und nimmer war, gepflegt und sauber, chic und doch irgendwie steril.

 

Was haben sie vor Jahren - und selbst von der Kanzel - gewettert, daß ihr Hafen nicht ausgebaut wird, daß sie keinen Bahnanschluß bekommen, daß die Küstenstraße von Santos nach Rio de Janeiro weit vom Ort gebaut wird. Nun sind sie froh und glücklich, sehen im Tourismus das neue Gold, sperren die Gassen mit schweren Ketten ab, stellen rund um die Uhr sogar Polizisten hin, damit sich auch jeder Besucher der aufgemöbelten Historie ungestört hingeben kann. Parati taucht im fünfzehnten Jahrhundert auf. 1660 wird der Ort „Vila“. Im achtzehnten Jahrhundert vollzieht sich der Aufstieg zur zweitwichtigsten Hafenstadt an der brasilianischen Küste. Der Autofahrer, der sich heute über die als SP 171 ausgewiesene „Goldstraße“ durch die Serra do Mar wagt und diese ohne Schaden vielleicht auch meistert, wird sich dennoch kaum vorstellen können, daß auf dem steilen Verbindungspfad von Cunha hinunter nach Parati einst das Gold von Minas Gerais in den Hafen gebracht wurde. Als der „Caminho do Ouro“ später nach Rio und Santos führte, weil die Bucht für größere Schiffe zu flach war, konnten die Plantagen für Zuckerrohr und Kaffee den Niedergang nicht aufhalten. Es ist kurios: Stagnation und Stillstand haben die Bausubstanz der goldenen Zeit bewahrt.

 

Der Ort gehört zu den frühesten „geplanten“ Städten Brasiliens. Rechter Winkel und Parallelität dominieren. Gerade Straßen von West nach Ost und von Nord nach Süd. Die Regelmäßigkeit des Gesamtkomplexes überrascht. Einzig die Plätze, wohl durchdacht auf dem Areal verteilt, unterbrechen diese Gleichmäßigkeit: Der Largo do Rosário in der Stadtmitte gehört dem Flaneur. Im Quartel da Fortaleza da Patitiba am Hafen haben sich feine Restaurants mit freiem Blick auf die Inselwelt eingerichtet. Die Praça Matriz am Ufer des Río Perequê-Açú beherrschen die Igreja de Nossa Senhora dos Remédios und empfehlenswerte Pousadas mit dem Ambiente des neunzehnten Jahrhunderts. Den Rhythmus aber bestimmen die Gassen.

 

Parati wurde 1966 zum „Monumento Nacional“ erklärt. Ein Kunstreiseführer konstatierte einst, daß „eine beträchtliche Zahl brasilianischer Künstler Häuser erwarben und wesentlich zur Pflege der Baudenkmäler beitrugen“. Das mag sein, aber haben sie mit der Spekulation nicht auch dazu beigetragen, daß hier Denkmalschutz mit Kunstgewerbe verwechselt werden könnte? Nach Gold, Kaffee und Zucker setzt die ehemalige Kolonialstadt nun ganz auf Tourismus. Typisch brasilianisch ist nichts, aktuell alles, voran Musik, Mode, Freizeit und Vergnügen.

 

Zu den wahrhaftigen Attraktionen der Hafenstadt gehört der Cachaça. 10 000 registrierte und 50 000 nichtregistrierte Cachaças soll es im ganzen Land geben, die von hier gehören zu den besten. „Aguardente de cana“ heißt der Branntwein aus grünem Zuckerrohr offiziell. Die Einheimischen sagen „Pinga“. Jedes Jahr kommt er im August zu neuen Ehren, und da Parati inzwischen zum 20. Festival do Pinga bittet, bietet sich eine gute Gelegenheit, die hierzulande offerierten industriellen Produkte mit einem Destillat aus den örtlichen Zuckerrohrplantagen zu vergleichen.

 

Dieser Schnaps ist das Nonplusultra für einen gut gemixten Caipirinha: Nach zwei bis drei Caipirinha ist man in der richtigen Stimmung für die Strände der Costa Verde. Der brasilianische „Guia Rio-Santos“, das einzig nennenswerte Informationsmaterial, gibt auf 64 Seiten ziemlich detailliert preis, was dem Touristen an der knapp 500 Kilometer langen Küstenstraße zwischen Rio de Janeiro und Santos geboten wird: 292 Strände und Inseln, 204 Tips für Hotels, Pousadas, Chalets und Campingplätze, 111 Anmerkungen zu Restaurants und Bars.

 

Was den Reisenden im Detail erwartet, erahnt er erstmals außerhalb der Kolonialstadt auf einer Anhöhe. Der Weg führt zur Marina und zu jenen Plantagen, auf denen der Vater von Julia Mann Kaffee und Zuckerrohr anbaute. In Dodós Tagebuch steht: „Er ließ unterhalb der Wohnräume eine große Mühle betreiben, durch welche Zuckerrohr gepreßt wurde. Diese bestand aus drei oder vier großen Balken, welche von Pferden gedreht wurden.“ Eine „Alambique de pinga“ auf der Fazenda Boa Vista. Auf den achtzig Kilometern von Parati nach Ubatuba präsentiert Brasilien seine pure Natur. Eigentlich ist es nicht zu fassen, daß Cariocas und Paulistas ihre ungezügelte Bauwut hier nicht ausgelassen haben. Der Grenzbereich zwischen den Bundesstaaten Rio de Janeiro und São Paulo ist eine „natürliche“ Pufferzone: Parati als letzte Station für den Auslauf von Rio de Janeiro, Ubatuba jene für São Paulo, dazwischen mit 315 000 Hektar der Parque Estadual da Serra do Mar.

 

Die Berge des Nationalparks fallen vom über zweitausend Meter hohen Pico da Boa Vista steil zum Meer ab. Oft genug hängen die Wolken in den Tälern. Grün und feucht ist es, der Regenwald dicht und undurchdringlich. Reichhaltig soll die Tierwelt sein. Gesehen haben wir weder Klammeraffen noch Riesenameisenbären, gespürt haben wir Moskitos. Direkt hinter der Bundesgrenze, wo der Weg hinunter zu den wildromantischen Stränden von Camburi und Brava abgeht, stürzen die Wassermassen des Cachoeira da Escada über mehrere Felssprünge aus den Bergen.

 

Wer sich an einem Freitag oder kurz vor Feiertagen am Strand fragt, warum im Zehnminutentakt Helikopter aus Richtung São Paulo die Ruhe stören, findet die Antwort im „Condomínio Laranjeiras“. An dieses Refugium kommt heran, wer einen Besitzer kennt, eingeladen und angemeldet ist, hinein kommt allerdings nur, wer sowohl an Portaria 1 als auch an Portaria 2 von der privaten Security nach telefonischen Rücksprachen ein O. K. erhält.

 

Laranjeiras, das sind zwei tief in die Serra do Mar eindringende Meeresbuchten, die zwischen dem Ostufer und jenem im Westen einen Streifen flaches Land gelassen haben. Auf diesem Areal gibt es für 150 Familien 150 Grundstücke, auf denen 150 Sommerhäuser stehen, die korrekt als 150 Villen und noch korrekter als 150 Paläste beschrieben werden müßten. Hier residiert, für maximal vier Wochen im Jahr, wer in São Paulo den Ton angibt. Umhüllt werden sie von edlen tropischen Gewächsen und geschützt von Bergen mit sattgrüner Natur, deren dichtes, stacheldrahtiges Unterholz jegliches Eindringen verhindert. Anderes wird wohl die Security besorgen. Durch das Gelände schlängeln sich zwei Hauptstraßen. An denen liegen sogenannte Quadra, in denen von Quadra 1 bis Quadra 19 jeweils sechs bis zehn Villen auf parkähnlichen Grundstücken stehen. Ausgenommen ist Quadra 17, das noch vor dem Portaria 2 und der Security liegt und die Wohnblöcke des Personals beherbergt. Den Mittelpunkt der Villenstadt bildet das Centro Social mit Supermarkt, Lavanderia, Spielhalle, Schwimmbad, Hotel, Restaurant, Café, Bar und Centro Médico - selbstverständlich exklusiv für Bewohner und deren Angehörige. Drum herum Marina, Golfplatz und Hafen mit "eigenen" Fischern, zwischendrin joggende Teenies.

 

Zum Essen kommen wir in Quadra 8 zu spät. Macht nichts, Brasilianer kennen sich damit aus. Das Sommerhaus ist kein Palast, aber eine Villa, in der im Moment 26 Personen komfortabel untergebracht sind. An der hauseigenen Bar wartet ein schwarzer Bediensteter in weißer Uniform auf seinen Einsatz. Im Salon für Entertainment versuchen sich die jungen Leute beim Karaoke. Während das Personal für uns noch einmal alle Gänge kocht, wird nachmittags um 3 bei 36 Grad Champagner serviert, Grande Cuvée von Krug, extra aus São Paulo herangeschafft wie alles, was gut, teuer und Hauptsache aus Europa ist. Der Ausblick von der Parkterrasse ist allerdings hausgemacht: vorne die Praia da Fazenda, dann das Cabo dos Vagalhões, dessen Felsenriff weit ins Meer ragt, und dahinter die Praia do Sobrado am Atlantik, ein wunderbarer Dreiklang. „Condomínio Laranjeiras“ aber, das vergißt man in solch seltenen Momenten, ist ein komplett abgeschottetes Refugium - mit eigenem Wasser, Strom und Sender auch fast unabhängig von der Welt. Ungefähr zwanzig Kilometer weiter und etwa in der Mitte zwischen Parati und Ubatuba, wenn die Berge der Serra do Mar zurücktreten und der Küste mehr Raum geben, breitet sich der kilometerlange, flache, weiße und stets menschenleere Sandstrand der Praia da Fazenda aus.

 

Eine Tafel am Straßenrand annonciert den Bürositz des Parque Estadual da Serra do Mar - Núcleo Picinguaba. Mitten im Tropenwald und 14 000 km von Deutschland entfernt, traut man den Augen nicht. Kreditanstalt für Wiederaufbau steht da und Programa de Cooperação Financeira Brasil-Alemanha. Die Homepage der Bank klärt auf: Zum Schutz des tropischen Küstenwaldes der Mata Atlântica stellt die deutsche Regierung erhebliche Geldmittel zur Verfügung. In Vila Picinguaba, dem traditionellen und einzigen Fischerdorf im Naturschutzgebiet, wurde bisher weder in Abwasser noch in Abfall investiert. Seit Jahrhunderten leben hier Dutzende von Fischerfamilien, seit Jahrzehnten zusätzlich auch Dutzende von Paulistas: Sie machen Ferien, wie Antonieta Bergamo, die sich mit ihrem „Projeto Anchieta“ um die Ausbildung von zweihundert Straßenkindern kümmert. In ihren Sommerhäusern produzieren sie Abfall, der irgendwo landet, keiner weiß wo, und Abwasser, das direkt in den kleinen Fischerhafen fließt. Das wissen sie allerdings. Lange ging's gut, aber auch hier geht der Krug eben nur so lange zum Wasser, bis er bricht. Noch ist Picinguaba schön und einmalig: eine Kirche, eine Adventistengemeinde, eine Bushaltestelle, eine Pousada, ein Restaurant, eine Bäckerei, eine Schule, ein Bolzplatz und eine Fischerkneipe, wo es Ademar und Nilsa rund ums Jahr gelingt, bei Cerveja und Caipirinha, bei Manioca, Feijãos und Peixe eine Gesellschaft zu versammeln.

 

„Ach, was gab es dort nicht an schönen und guten Dingen.“ Von sich selbst aber sagt Julia Mann in ihrer Autobiographie: „Je älter Dodó wird, desto mehr und lieber gedenkt sie ihrer Kindheit und sucht immer sehnsüchtiger, den Schleier, der sich immer dichter davorlegt, zu durchforschen; immer märchenhafter, unerreichbarer und schattenhafter aus einer versunkenen Welt taucht Dodós Kindheit vor ihren Augen auf, unwiederbringlich.“

 

Die Märchenstadt zwischen den Wüsten. Frankfurter Allgemeine, 28.12.1995

Die Märchenstadt zwischen den Wüsten

In der usbekischen Oase Chiwa

Frankfurter Allgemeine, 28.12.1995

Von Peter Hahn

 

Warum nur haben die Dichter des Orients ihre Leier nicht hier erklingen lassen? Sie besangen Samarkand als die "Perle des Orients" und priesen Buchara als das "zweite orientalische Wunder", in denen man heute die alte Zeit mühsam zusammensuchen muß. Chiwa aber ist die vollkommene Märchenstadt. Weil es in dieser wüsten Gegend immer ein Hin und Her gab und Chiwa sich mit den Kara-Kalpaken, Kasachen und Turkmenen ohnehin im ständigen Kampf befand, haben die Menschen vor Jahrhunderten in nur sechs Tagen einen hohen und sechs Kilometer langen Mauergürtel mit Doppeltoren und Schutzwällen um diesen Ort gezogen. Dahinter hat sich wie im provenzalischen Avignon oder im toskanischen Lucca alles erhalten: Medresen, Moscheen, Minarette, Mausoleen.

 

Chiwa ist eine alte Oase. Als Alexander der Große um 334 vor Christus in Zentralasien einfiel, mag der Ort noch an dem im Abendland unter dem griechischen Namen Oxus bekannten Strom Amu-Darja gelegen haben. Doch schon Peter der Große mußte 1715 das alte Flussbett suchen lassen, als er einen bequemeren Weg nach Indien wünschte. Er wollte die Flussmündung in den Aral-See abschneiden und das Wasser wie einst in das Kaspische Meer fließen lassen. Chiwa kämpfte dagegen, und das zaristische Heer wurde vernichtend geschlagen. Knapp dreihundert Jahre später hätte sich das erübrigt, weil die kläglichen Wasserreste des Amu-Darja inzwischen irgendwo im Sand der Wüste Kyzyl-Kum versickern und den See überhaupt nicht mehr erreichen. Das aber ist eine andere Geschichte.

 

Die Touristikunternehmen propagieren einen Dreiklang und nennen Samarkand, Buchara und Chiwa die Städte des "Goldenen Ringes". In der Realität sieht das anders aus. Während man den Reisenden für Samarkand und Buchara meist je zwei Tage einräumt, billigt man ihnen in Chiwa nur Stunden zu. Danach bringt man sie in die unwirtliche Retortenstadt Urgentsch, und schlafen dürfen sie im ehemaligen Intourist-Hotel "Choresm".

 

Sicher, der Oasenort stand seit jeher im Schatten der beiden Konkurrenten. Die glasierten Majoliken hatten nicht die Leuchtkraft der orientalischen Hochkultur, weil es hier auch keinen grausamen Herrscher Tamerlan - oder Timur Lenk - gab, der nach Samarkand von überall her Künstler verschleppte und sie umbringen ließ, wenn sie ihr schönes Werk vollendet hatten. Was dort golden ist und aus dem 12. Jahrhundert, ist hier braun, erdig, lehmig und viel jünger, immer aber von den Einheimischen selbst gemacht. Die Stadt war Provinz und ist Provinz geblieben. Was aber in Buchara noch einigermaßen und in Samarkand nur mit äußersten Mühen vermittelt werden kann, nämlich das tiefe Eindringen in eine vom Islam geprägte Lebenswelt und der Blick zurück in vergangene Jahrhunderte, gelingt im mittelalterlichen Chiwa mit seiner Mischung von steinerner Kunst und quirligem Leben sofort.

 

Allein schon der Weg nach Chiwa ist eine Reise wert. Ob man nun ankommt oder abfährt, ob man das Flugzeug nimmt oder das Auto - um die beiden riesigen Wüstenlandschaften kommt man nicht herum. Eine Stunde lang fliegt die kleine Maschine von Taschkent nach Urgentsch in geringer Höhe über das Land, und dabei beginnt man die Dimensionen und die Struktur des zentralasiatischen Territoriums zu begreifen. Wie eine Bruchlinie zerschneidet das hellsilbern glänzende Bett des Amu-Darja die beiden öden Sandgebiete der Region - nördlich und in weiten Teilen die zu Usbekistan gehörende Kyzyl-Kum-Wüste und im Süden jenseits des Flusses und der Grenze zur Republik Turkmenistan die sagenhafte Kara-Kum.

 

Je näher man Chiwa und dem kleinen Flughafen Urgentsch kommt, um so mehr versteht man, warum dem Aral-See das Wasser ausgeht und die einstige Hafenstadt Mujnak heute bereits achtzig Kilometer vom Ufer entfernt liegt. An den Rändern des Amu-Darja sind im Wüstensand blühende Felder entstanden, durch die sich wie Adern unzählige Kanäle ziehen - Baumwollplantagen und Melonengärten vor allem und die unendlich viel - zerstörerisch viel - Wasser aufsaugenden Reis-Pflanzungen.

 

Mit den Geschichten aus "Tausendundeine Nacht" hat man heute seine Probleme. Es gibt kaum mehr einen Ort im Nahen und Fernen Osten, im Vorderen Orient, in Zentralasien oder in Arabien, an dem man die Ruhe fände, den Märchen, Menschen und Mythen auf die Spur zu kommen. Doch in Chiwa ist dies möglich.

 

Mächtige Tore hat die Stadt und noch mehr wundervolle Türen, in deren Holz sich wahre Meister mit virtuosen Schnitzereien verewigt haben. Wer hindurchschreitet, ist nicht mehr in der Republik Usbekistan des Präsidenten Karimow. Er ist im Chanat Chiwa, in das einst über die Karawanenwege die Silberschmiede aus Buchara durch das "Pachlavan"-Tor im Osten kamen, die persischen Teppichknüpfer das "Tasch darvaza" durchschritten, die Türken am Westtor anklopften und die Russen am "Buchara"-Tor im Norden Einlass begehrten. Doch diese Zeit ist Vergangenheit. Was sie aber übriggelassen hat, verdient Superlative: ein einzigartiges, unbeschädigtes Ensemble der orientalischen Städtebaukunst.

 

Das Leben ist hier ruhig und beschaulich geworden. Warten hat man gelernt. Manchmal kommt eine Reisegruppe, dann gibt es auch etwas zu verdienen, manchmal kommt den ganzen Tag niemand. Dem Kamel im Sand vor der Medrese ist das egal, aber seinen beiden Herren - Vater und Sohn - fehlen jetzt die paar Sum, von denen die Familie lebt.

 

Weil die Europäer wahrscheinlich in alter Zeit über das riesige Doppeltor "Atadarvaza" in die Stadt gekommen sind, hat man die Tradition für die Touristen von heute übernommen. Vor dem Tor und noch in der Außenstadt "Dischan-Kala" liegt die Neuzeit mit dem Parkplatz und den vielen Denkmalsockeln, auf denen statt Lenin, Hammer und Sichel nun so manch streng dreinschauender Mufti zu Ehren kommt. Gleich dahinter in der Innenstadt "Itschan-Kala" steht die Medrese "Muhammad Amin Khan" und das Minarett "Kalta-Minar". Seine blau-grünen und weiß-gelben Majolikakacheln sind wie breite Bauchbinden um den Stamm gelegt. Als 1855 mit dem Bau begonnen wurde, wollte man den höchsten Turm in der islamischen Welt errichten, doch bei 26 Meter war dann Schluss. Seither steht das Minarett mit einem Basisdurchmesser von vierzehn Metern wie ein buntgekachelter Kühlturm unvollendet vor der Medrese.

 

Diese zweigeschossige Koranschule wurde zwischen 1852 und 1855 gebaut. 260 Schüler waren einst in dem weiträumigen Ziegelbau untergebracht. Jede Zelle hat ihren eigenen Eingang, den man nur über den quadratisch angelegten Innenhof erreichen, aber auch gut kontrollieren kann. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Gefängnis während der Stalin-Ära in den Jahren nach 1937 hat man diesen Bau für die Ausflüge der Moskauer Olympia-Gäste 1980 in ein Hotel und den Innenhof der nebenan liegenden Medrese in ein überdachtes Restaurant verwandelt: Schlafen und Essen unter Allahs Schutz.

 

Die Zellen sind, obwohl Badezimmer und Toiletten eingebaut wurden, in ihrer Grundstruktur erhalten, karg noch heute mit Schrank, Tisch, Stuhl und zwei schmalen getrennten Betten, weil es anders nicht passt. Doch wenn auch eine kalte Dusche und schmuddelige Bäder nicht jedermanns Sache sind - in Chiwa zu wohnen, am frühen Morgen bei Sonnenaufgang oder nachts bei Halbmond durch die Gassen zu laufen und das Spiel von Licht und Schatten an den alten Mauern zu erleben, wiegt manche Zumutung auf.

 

Nach einer Legende hat Noahs Sohn hier eine Quelle entdeckt. Inzwischen ist sie gefasst und trägt neben dem Namen "Chejwak" das Schild "10. Jahrhundert". Doch der Wüstenort ist über 2000 Jahre alt. Er lag an einer Karawanenhauptstraße, die vom 500 Kilometer entfernten Persien bis nach Südsibirien führte, aber eben doch abseits der Seidenstraße. Erobert wurde diese Gegend immer wieder: von den Mongolen, den Arabern, den Türken. Im 16. Jahrhundert kamen die Usbeken und gründeten das Chanat Chiwa. Sie machten aus der Oase die Hauptstadt von Chorasmien und ließen von hier aus die Wüste bis hin zum Aral-See kontrollieren. 1873 rückten die Soldaten des Zaren an und stellten das Chanat unter russisches Protektorat. Fern von St. Petersburg konnte eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt werden, bis 1920 die Sowjets den letzten regierenden Fürsten nach Moskau zitierten und ihn die Volksrepublik Chiwa ausrufen ließen. Wenig später wurde aus den Chanaten von Buchara und Chiwa und Teilen von Turkestan die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik.

 

Die erste Versammlung der USSR fand 1924 allerdings außerhalb der Stadtmauern in der Sommerresidenz des Chans und nicht in den traditionellen Palästen statt. Von denen gibt es zwei. Aus dem 18. Jahrhundert stammt die Festung "Kunja-Ark" mit ihren lehmigen Bauten, von derem hochgelegenen Aiwan, der sonnengeschützten offenen Terrasse, man über die grünen Felder der Oase weit auf die Sandhügel der Wüste Kara-Kum schauen kann. Der jüngere Palast "Tasch-Chauli" besteht aus drei Teilen, dem Gerichtshof, dem Audienzsaal und dem geräumigen Harem. 165 Zimmer soll es für den Chan und seine vom Koran gestatteten vier Gattinnen und die inoffiziellen Frauen gegeben haben. Angenehm hat man hier einst um den rechteckigen Platz gelebt. In der Mitte steht der Brunnen, dessen Wasser auch heute noch ein köstlicher Trank ist, drumherum gruppieren sich in zweistöckigen Gebäuden die getrennten Wohnungen, deren Dächer von kunstvoll geschnitzten Holzsäulen getragen werden.

 

Das Schlafzimmer des Chans ist rundum mit glasierten Majolikakacheln belegt, deren dunkles Blau von feinlinigen weißen Ornament-Motiven durchbrochen wird. In den Wänden sind kleine Nischen eingearbeitet, in denen früher Flaschen, Dosen, Gläser und Geschirr aufbewahrt wurde. Braune und blaue Töne dominieren und geben dem Ganzen ein wohliges und anregendes Ambiente. Das Fenster zum Hof hat als Füllung eine zarte, fein durchbrochene Holzsägearbeit, durch die man vom dunklen Inneren alles, vom hellen Außen nichts sehen kann.

 

Zurückhaltender und öffentlicher ging es im prunkvollen Palasthof zu. Von der Anlage her erinnert dieser von Ziegelmauern umschlossene Raum an eine Freilichtbühne, in die ein Guckkasten gesetzt wurde: ein idealer Ort für Zeremonien und Empfänge - unten die Statisten oder die Gesandten und oben auf der Terrassenbühne vor den hohen mit blauweißen Majoliken gestalteten Wänden der Chan. Damit sich auch alles auf ihn konzentrierte, hat man dort, wo im Theater links und rechts die Proszeniumslogen übereinanderliegen, flankierend zwei schlanke Türmchen gebaut. Die "Bühnen"-Decke, ein in Gold, Braun, Rot ausgemalter Holzplafond, wird von zwei auf Steinsockeln ruhenden hohen Holzsäulen gestützt. Man könnte vieles an diesem Ort beginnen, wenn nicht der Thron fehlen würde. Der aber befindet sich in Moskau und wird derzeit zurückgefordert.

 

Neben Palast, und das ist auch in der Provinzstadt Chiwa nicht anders, sind Moschee und Minarett als Kern der islamischen Baukunst zweites Zentrum des Ortes. Sie sind für das Hauptgebet der volljährigen männlichen Muslime am Freitagmittag errichtet. Die Grundstruktur ist immer gleich. Weil Allah die sich Reinigenden liebt und der Koran ihnen vorschreibt, "wenn ihr hintretet zum Gebet, so waschet euer Gesicht und eure Hände bis zu den Ellbogen und wischet eure Häupter und eure Füße bis zu den kleinen Knöcheln ab", steht mitten im viereckigen Hof "Haram" der Brunnen. An seiner Ostseite liegt das nach Mekka zeigende Gebetshaus. Dieser durch und durch "hölzerne" Raum strömt etwas höchst Eigenwilliges aus. Eine wuchtige Holzdecke, in der längs- und quer gelegte Balken den Kassetteneffekt erzeugen, wird von Dutzenden zum Teil aus dem 10. Jahrhundert stammenden Holzsäulen getragen. Wenn man hier drinnen weilt, die Schnitzereien sieht, das Zusammenspiel auch mit dem teppichbedeckten Boden, der Gebetsnische "Mihrab" und der Kanzel "Minbar", vor der am Freitag die Predigt gehalten wird, aufnimmt, kann man sich dieser - für uns noch immer fremden - Welt kaum entziehen. Ob nun in Chiwa mit der "Dshuma- Moschee" eines der ältesten Bauwerke Mittelasiens steht, spielt da keine Rolle mehr.

 

Der Grundriss der alten Stadt ist unregelmäßig. Ein eigentliches Zentrum gibt es nicht. Der Vergleich mit einem rechteckigen Sportfeld, das ringsherum von steil aufragenden hohen Lehmmauern umgeben ist, ist zwar nicht ganz zutreffend, gibt aber doch am ehesten einen Begriff für die Struktur des Ortes. Die Mittellinie ist die Hauptverbindungsachse für den Steinweg vom westlichen zum östlichen Tor. Von ihr aus breiten sich nach links und rechts die offiziellen Anlagen aus: der Palast, die vielen zwischen 1617 und 1894 erbauten Medresen, die Moscheen, die Minarette, das Mausoleum für den verehrten Nationaldichter Pachlawan Machmud (1825), der erstaunlich große Residenzplatz, der Kerker "Sindan", das Badehaus "Anusch-Chan" von 1657 und die Karawanserei. Hinter diesen monumentalen und mit Majolikafliesen verkleideten Ziegelbauten schließen sich dann in Richtung Nord- und Südtor die einstöckigen Häuser des "Volkes" an.

 

Das ist der Reiz und der Charme von Chiwa: Die 420 Familien, die mit ihren Schafen, Kühen, Ziegen, Hühnern und Tauben in den alten Mauern leben - 3000 Menschen immerhin, weil nach alter Tradition zu jeder Familie sieben bis acht Personen gehören (und die jungen Väter zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren doch mindestens vier bis fünf Kinder zeugen müssen) -, machen aus einem architektonischen Stadt-Museum, was der Ort natürlich vor allem ist, eine lebendige Stadt, in der man das orientalische Leben authentisch erleben kann.

 

Es fällt auf, daß unser Stadtführer großen Wert auf den Unterschied von "Itschan-Kala" und "Dischan-Kala" legt. Aegambergan Madamin Oglu lebt zwischen beiden. In der neuen Stadt wohnt er in einem jener typischen einstöckigen Machalla-Häuser mit Hof, Garten und Mauer drumherum. In der alten Stadt steht sein Elternhaus aus Lehm und Ziegeln, wo er hin und wieder Zimmer an Reisende vermieten kann: in der nachsozialistischen Zeit muß man sehen, wo man bleibt. Denn für seine Anstellung beim Hotel bekommt er monatlich 600 Sum - ungefähr 22 Mark pro Monat. Das reicht nicht zum Leben, wenn das Brot heute 9 Sum anstatt früher 20 Kopeken kostet.

 

In den wenigen Jahren seit der Unabhängigkeit der Republik Usbekistan hat sich die Lage erstaunlich verändert. Obwohl Moskau alles unternahm, um die islamische Religion, die ethnischen Besonderheiten und die orientalischen Lebensgewohnheiten zu unterdrücken, hat vieles, eigentlich fast alles, die siebzig kommunistischen Jahre unbeschädigt überstanden. Als wir an der von wuchtigen Doppelmauern gesicherten Karawanserei vorbei und zu jenem kurzen Abschnitt der alten Wehrmauer kamen, der nur noch teilweise erhalten ist und jetzt unter Aufsicht von Wissenschaftlern ergänzt und restauriert wird, machte uns Aegambergan auf Mängel aufmerksam. So ganz scheint es noch nicht zu klappen mit der Handwerkskunst aus alten Zeiten. Die Mauer wird zwar wie einst aus einem Gemisch von Flechtwerk, gebrannten Ziegeln und Lehm in die Höhe gezogen, doch im Lehm sind Risse zu sehen. "Das macht die Sonne. Als man damals Chiwa baute, hat man länger und stärker darauf herumgetreten und damit alles dichter zusammengepresst."

 

Aegambergan Madamin Oglu ist ein wunderbarer Stadtführer. Er hat die Ruhe und vor allem die Geduld, auf tausend Fragen zu dieser so fremden Kultur Antworten zu geben. Müde wird er niemals. Und wenn er dann noch in den Steinplatten der Gassen mit den Fingern die tiefen Spuren abtastet, die von den Karren über Jahrhunderte hineingetrieben wurden, an anderer Stelle mit einer Handbewegung die in den späten siebziger Jahren schnell und modisch restaurierten Steinwege abtut, dann weiß man, daß dieser Mensch nicht nur einen Job macht.

 

Sein Chef und Hoteldirektor Ibrahimow Schamyrat ist da zupackender. Nicht ohne Stolz zeigt er uns im Innenhof seinen alten Sim. Die schwarze Karosse, mit der Lenin, Stalin und Chruschtschow gefahren sein könnten, läßt sich nicht mehr bewegen. Ob wir ihm für das schöne Stück einen Mercedes-Motor besorgen könnten? Da wir das nicht können und obendrein auch gar nicht einsehen, warum in eine sowjetische Antiquität eine schwäbische Verbrennungsmaschine eingesetzt werden soll, sprechen wir über die Majoliken an der Fassade, wo dunkelblaue originale und hellblaue neue Kacheln zu sehen sind. "Es mußte halt damals vor den Olympischen Spielen alles sehr schnell gehen", sagt er, "heute kann man das besser."

 

Ibrahimow Schamyrat hat uns in sein Haus eingeladen. Die Frauen kochten in der Küche und blieben den ganzen Abend unsichtbar. Auf dem flachen Tisch türmten sich Schalen mit Trauben, Nüssen, Gurken und Tomaten, von denen man während des Essens immer wieder nascht. Die Zeremonie beginnt damit, daß der Hausherr die runden Fladenbrote in kleine Stücke reißt und jedem an den Teller legt. Sie endet geheimnisvoll, indem die Einheimischen ihre beiden Handflächen an die Stirn legen und diese mit einer schönen Geste von oben nach unten zum Oberkörper gleiten lassen. Zwischen Anfang und Ende servierte sein Sohn eine große Schüssel mit "Plow". Diesem Gericht aus Reis und gebratenen Rindfleischstückchen, Zwiebeln, Möhren, Dill, Knoblauch, Öl, Salz und Pfeffer begegnet man überall. Anfangen muß der Gast. Wir nehmen den Löffel, er, wie das so üblich ist, holt sich mit den fünf eng zusammengelegten Fingern eine Portion. Ob der russische Wodka, den man am Schluss trinken muß, auch zur Tradition von Chorasmien gehört, haben wir allerdings nie erfahren.

 

Unser Gastgeber hatte zu später Stunde noch eine besondere Überraschung parat. Er führte uns über die Gasse in ein Nachbarhaus, und nachdem wir die überaus herzliche Begrüßung durch die vielen Familienmitglieder absolviert hatten, kamen wir in einen Raum, in dem zwei Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren vor einem riesigen Rahmen saßen und noch nach uralter Manier einen Teppich knüpften. Die Arbeit geht ihnen so flink von der Hand, daß man sie mehrmals bitten muß, den Vorgang einmal langsam zu zeigen.

 

Für das "Knüpfen" sind senkrechte dicke Fäden auf ein Rahmengestell gespannt. Um, in und zwischen diese werden immer und immer wieder kurze und verschiedenfarbige Fadenstücke herumgeschlungen, festgedrückt und der überstehende Rest mit der Klinge abgetrennt. Rote Farbtöne herrschen vor. Was da an traditionellen Ornamenten eingearbeitet wird, braucht keine Vorlage. Die Mädchen haben das im Kopf. Geknüpft wird der sogenannte türkische Knoten, der Gördesknoten, bei dem die farbigen Fäden vor zwei helle Längsfäden gelegt und die Enden zwischen diesen beiden gemeinsam wieder hervorgezogen werden. Das alles klingt komplizierter, als es ist.

 

Da Teppich nicht gleich Teppich ist, legt man großen Wert auf den Unterschied zwischen anatolischer, kaukasischer, persischer, afghanischer und turkmenischer Ware. Für den Laien ist es oft nicht leicht, die in Farbe, Kontrast, Musterung, Ornamentik, Schur und Flor voneinander abweichenden Stücke einzuordnen. Da es für Teppichhändler die Sorte "Usbekisch" nicht gibt, werden Teppiche aus Buchara oder Chiwa, die allerdings meistens nicht aus Buchara oder Chiwa kommen, ebenso zu den turkmenischen Schöpfungen gezählt wie alle Teppiche unter der Bezeichnung "Samarkand", hinter der sich die weithergeholten Namen Beschir, Herat, Jamud, Saryk, Kaschgar, Khotan und Yarkand verbergen.

 

Als der ungarische Orientalist Hermann Vàmbéry 1863 nach Chiwa kam, glaubte er, "daß Chiwa mir deswegen so schön vorgekommen ist, weil es einen Kontrast gegen die Wüste bildete, deren Schreckensgestalt mir noch vor Augen schwebte. Aber ich finde Chiwas Umgebung mit seinen kleinen burgförmigen Hawlis (Gehöften), die von hohen Pappeln beschattet sind, mit seinen schönen Wiesen und Äckern, selbst heute, nachdem ich die reizendesten Teile Europas wiedergesehen habe, noch immer schön."

 

Am späten Nachmittag und nicht weit vom Sonnenuntergang entfernt fahren wir hinaus. Die Baumwollplantagen und Reisfelder liegen hinter uns. Das Grün der Oase wird mehr und mehr durch Sand und niedriges Gestrüpp verdrängt. An einem letzten Kanal, der sein Wasser aus dem Amu-Darja bezieht, stehen Angler. Dahinter, wo vor einigen Jahren die Sowjetunion noch lange nicht zu Ende war, beginnt jetzt die Republik Turkmenistan. Keine Staatsflagge dort, keine hier, auch nicht die alte Fahne des Chanats von Chiwa mit Stern und Sichel in Rosa auf grünumrandetem braunem Grund. Eine Grenzstation gibt es hier nicht. Man wandert hinüber und könnte dies noch lange so weiter tun. 600 Kilometer sind es bis Aschabad, der Hauptstadt von Turkmenistan. Dazwischen aber liegt die Wüste Kara-Kum.

 

Aus der kommt wie eine Fata Morgana ein Mann in bunten Kleidern, mit einer schwarzen Pelzmütze auf dem Kopf und einem Gewehr auf der Schulter. Wir dachten zuerst, sein Auftritt sei eigens für Touristen arrangiert, doch erstens trägt man hier am Wüstenrand die Tschoguma immer - im Sommer wegen der Hitze, im Winter wegen der Kälte -, und zweitens ist Norbek Bolabachschi Oglu tatsächlich ein Wüsten-Jäger. Vor allem aber ist er der Sohn von Bolabachschi, der ihm die alten Epen erzählte und so dafür sorgte, daß die Kunst des Dastan lebendig bleibt.

 

Norbek setzte sich hin, nahm eine kleine zweisaitige Laute, die man hier Dombira nennt, und spielte und sang. Was er sang, konnten wir nicht verstehen. Vielleicht war es ein Stück aus dem Epos "Raushan", in dem der Held sich in das Mädchen Zulchumär verliebt und nach vielen Mühen glücklich am Ziel ist: "Hört meine Bitte, Leute! Von fern bin ich gekommen, in Leid und Gram bin ich versunken, denn meine Schöne suche ich." Vielleicht ging es aber auch um etwas ganz anderes, vielleicht improvisierte er nur, nahm die Abendstunde, wie sie war, in der sich die Sonne langsam in den Sand der Kara-Kum grub.

 

Am frühen Morgen machen wir uns auf den Weg nach Buchara. Unterwegs begegnet uns eine Kamelfamilie, verlorengegangen in der Wüste. Fünfhundert Kilometer sind es bis zum zweiten orientalischen Wunder, und viele Sunden fährt man durch die Wüste Kyzyl-Kum, aber langweilig wird es dem Auge nie.

 

Die Terraço Itália in São Paulo. Frankfurter Allgemeine, 28.02.2002

Zum Nachtisch die Aussicht

Die Terraço Itália in São Paulo

Frankfurter Allgemeine, 28.02.2002

Von Peter Hahn

 

How nice, jubelte die Queen auf der Terraço Itália, it is majestic. Der überraschende Gefühlsausbruch ist mehr als dreißig Jahre her. Königin Elisabeth war in Brasilien und São Paulo wartete mit seinen Hochhäusern auf. Dabei waren damals nur zwanzig dieser Einhunderter in den Boden gesetzt. Nach diesem Besuch ging es mit dem Bauen erst richtig los. In den zehn Jahren bis 1979 kamen 16 dazu, bis 1989 noch einmal 56 und bis 1999 sogar 87. Ende dieses Jahres könnte São Paulo die Dame mit 323 Wolkenkratzern entzücken. Kämen die Windsors erst 2003 oder 2004, dann könnte man auch das Edificio Caetano mit 233 Metern und 63 Etagen und das Edifício Xaxim mit 259 Metern und 70 Etagen präsentieren.

 

São Paulo zu lieben, fällt schwer, zu begreifen, erst recht, zu überblicken, vielleicht. Vorausgesetzt es regnet einmal nicht, läßt man sich wie einst die Königin zum Edificio Itália in die Avenida Ipiranga Nr. 344 fahren, nimmt einen der 12 Basisfahrstühle bis zur 30. Etage, wechselt hinüber in den Toplift und betritt Sekunden später in der 41. Etage die Lounge der Terraço Itália. Dort steht von Mittag bis Mitternacht ein junger Mann, der fortwährend damit zu tun hat, potentielle Kunden ins Restaurant und Visiteure wieder in den Fahrstuhl nach unten zu bitten.

 

Die Terraço Itália ist ein Restaurant mit Terrasse, nicht umgekehrt. Das hat seinen Preis: Antipasti von 16 bis 20, Primi Piatti von 26 bis 33, Carni e Pesce von 37 bis 48, Dolci e frutta 9 bis 11 Real. Die Pächterfamilie ist bereits 1948 mit dem Schiff in Santos angekommen, was zur Folge hat, daß einige Regeln der italienischen Küche inzwischen vergessen wurden. Alles ist hier ein bißchen wie die Karte, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch, Englisch. Brasilianisch natürlich auch. Kommen wir deswegen hierher?

 

Ob nice, majestic oder ah und oh, es hat schon was, wenn man vom Dach des Edificio Itália auf die Stadt herabsieht. Es scheint, als stehe man auf dem höchsten Pfahl in einem unübersehbaren Feld von Pfählen. Mal sind sie dick, mal schlank, hoch, niedrig, meist eckig, mitunter aber auch rund, wie das alte Hilton Hotel direkt unter uns. Die Seiten dieser Pfähle sind verglast, verspiegelt, verrastert, verputzt. Besonderes, markantes, auffälliges ist selten. Balkone und Terrassen mit kunstvollem Grün ändern daran nichts. Vom Eiffelturm oder der Reichstagskuppel kann man konkrete Punkte ausmachen. Nicht in São Paulo. Alles ist Masse, allerdings eine überwältigende.

 

Tief unten wuseln nur Menschen durch die Straßen. Autos, Busse, Taxis stehen. Das soll die Stunde für Überfälle und Entführungen sein. Was unten nicht mehr geht oder zu unsicher ist, funktioniert in der Luft. Um uns herum, auf 168 Meter Höhe, ein enormer Betrieb. Helikopter scheinen Vögel und Taxis ersetzt zu haben, fliegen über die Häuser hinweg, landen hier und da auf Dächern, auf denen Landeplätze mit gläsernen Abfertigungsräumen installiert sind.

 

São Paulo ist nicht irgend eine Stadt. 1950 waren es drei, Mitte der achtziger Jahre zehn, heute könnten hier tatsächlich neunzehn Millionen Menschen leben. Keiner zählt sie, weil die Zahl morgen nicht mehr stimmen würde. Auf diesem Hochplateau sind 1747 Quadratkilometer überbaut. Eine gigantische Stadt, die sich auch und vor allem über eine imposante Hochhauskulisse definiert.

 

Angefangen hat das alles in den fünfziger Jahren. Fast gleichzeitig und in unmittelbarer Nachbarschaft starteten Oscar Niemeyer und Adolf Franz Heep an der Avenida Ipiranga ihre Hochhausprojekte: Niemeyer mit dem Edifício Copan in Nr. 200, Heep mit dem Edifício Itália in Nr. 344. Dem erfolgsgewohnten Architekten stand für sein 140 Meter hohes, s-förmig geschwungenes Haus viel Baufläche zur Verfügung. Als es 1957 übergeben wurde, gab es mitten im Centro von São Paulo auf 40 Etagen 800 Appartements mehr.

 

Was Niemeyer in aller Breite plante, konnte Heep nur in der Höhe tun. Sein Edifício mußte für ein schmales Eckgrundstück konzipiert werden. Er entschied sich für einen ovalen Grundriß und setzte auf diesen einen schlanken, himmelstrebenden Wolkenkratzer. Da steht er seit 1956, ein schnittiger Ozeandampfer, mit italienischem Theater im Untergeschoß, Einkaufspassagen, Büros auf 40 Etagen und eben jener grandiosen Idee der Terraço Itália.

 

Beide Architekten setzten an der Ecke der Avenidas Ipiranga und São Luís die Wahrzeichen von São Paulo. Dennoch: der Mythos Niemeyer lebt, der Schöpfer von Edifício und Terraço Itália, so scheint es, gerät in Vergessenheit. Skyscrapers, die umfangreichste Internetplattform über Wolkenkratzer, hilft nach: Adolf Franz Heep wurde 1902 in der Tschechoslowakei geboren und studierte an der Kunstschule in Frankfurt am Main bei Adolf Meyer Architektur. 1929 ging er nach Paris und arbeitete für Le Corbusier. 1948 übersiedelte er nach Brasilien, gründete 1950 in São Paulo sein Architekturbüro und baute von 1952 bis 1956 das Edificio Itália.

 

Vier Jahre nur war der Bau mit seinen 168 Metern der höchste Wolkenkratzer von Südamerika. Dann stand der Palacia Zarzur Kogan: 189 Meter hoch. Dem Heepschen Edifício hat das nichts genommen. Es kommt eben doch auf den Überblick an, und den hat man in São Paulo am besten auf der Terraço Itália.

 

Hier träumt man Europas schönsten Traum. Frankfurter Allgemeine, 18.04.2002

Hier träumt man Europas schönsten Traum

Die Ilhabela der Paulistas

Die letzte Reise der „Siegmund“ als „Therezina“

Frankfurter Allgemeine, 18.04.2002

Von Peter Hahn

 

Es war in der Nacht zum 2. Februar 1919. Drei Monate nach dem Krieg schickte Lloyd Brasileiro wieder ein Schiff nach Europa. Bei strömendem Regen legte die "Therezina" gegen 21 Uhr im Hafen von Santos ab. An Bord des Dampfers siebenunddreißig Mann Besatzung, einige Passagiere und 288 Tonnen Fracht: Maismehl, Kaffee, Zucker, Post. Der Strand von Guaruja blieb bald in der Dunkelheit zurück. Mit zehn Knoten ging es entlang der brasilianischen Küste in den Atlantik. Nach Passieren der Inseln Santo Amaro und Alcatrazes nahm das Schiff direkten Kurs auf die achtzig Seemeilen entfernt liegende Südeinfahrt des Canal de São Sebastião.

 

 

Der Regen wurde stärker, die Wellen wurden höher, die Sicht wurde schlechter. Steuerbords ein Felsenriff. Um vier Uhr morgens war die Reise zu Ende. Seither liegt das Wrack bei 23s 55' 06'' S und 045s 27' 30'' W vor der "Ilha de São Sebastião". "Wir nennen sie die schöne Insel - Ilhabela", korrigiert Anderson Correa. Offiziell heißt sie nur deshalb Ilha de São Sebastião, weil dem italienischen Entdecker Amerigo Vespucci 1502 nichts anderes eingefallen ist. Zu dieser Schönheit macht sich der 39 Jahre alte Anderson immer wieder auf, um dem Neunzehnmillionenmoloch São Paulo wenigstens am Wochenende zu entrinnen. Ob er nun die Küstenstraße über Santos und Bertioga oder die Bergroute über São José dos Campos und Paraibuna durch die Serra do Mar nimmt, immer bleibt die Hoffnung, die zweihundert Straßenkilometer in einer erträglichen Zeit zurückzulegen. Es klappt auch diesmal nicht. Der Himmel über dem südlichen Wendekreis öffnet seine Schleusen. Die Berghänge geben her, was sie hergeben können, und überschütten die Straße mit Fels und Schlamm.

 

Stunden später stehen wir endlich am Fährhafen von São Sebastião. "Vor zehn Jahren sah das hier ganz anders aus. Es gab eine einzige Fähre. Sie fuhr, wann sie wollte, oft genug auch nicht. Stundenlang mußten wir warten. Da hatten wir viel Zeit für das Geschehen am Kanal." São Sebastião ist eine quirlige Hafenstadt: Pousadas, Mercados, Pastelarias, Churrascarias, Marisqueiras und Discotecas bestimmen das Bild, übertroffen nur von einer Flut von Werbeschildern für diverse "Menu turistico". Fünfunddreißigtausend Menschen leben hier, viele junge Leute, auffallend auch die Durchmischung von Rassen und Farben. Mit Stolz propagiert das Tourismusbüro ein Centro Histórico, aber stünde da an der Praça Major João Fernando nicht die Igreja Matriz aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert, wir kämen kaum auf die Idee, daß dieser Ort irgendeine Tradition hat. Die scheint auch nicht zu interessieren. Die Attraktionen heißen hier Pontal da Cruz, Baraqueçaba, Pítangueiras, Guaecá, Figueiras, Arrastão, Toque Toque Grande oder Toque Toque Pequeno, mehr als achtzig Kilometer Strände, an denen gesonnt, geschwommen, gesurft, getaucht, gesegelt, gewandert, geritten, gefischt, gespielt und geliebt wird.

 

Der etwa dreißig Kilometer lange "Canal de São Sebastião", eingekeilt zwischen den hohen Massiven der Serra do Mar und den vulkanischen Bergen der 340 Quadratkilometer großen Insel, hatte von jeher eine enorme strategische Bedeutung. Wer von Buenos Aires, Montevideo oder Santos nach Rio de Janeiro oder gar nach Europa wollte, nahm diese natürliche Wasserstraße. Wo Schiffe einst Schutz vor den Atlantikstürmen suchten und der Umschlag von Zuckerrohr, Gold und Kaffee betrieben wurde, liegen heute riesige Öltanker der brasilianischen Petrobrás auf Reede und warten darauf, ihre Ladung zu löschen.

 

Lange warten müssen wir an diesem Donnerstag nicht. Vier Autofähren sind im Einsatz. Das Übersetzen dauert fünfzehn Minuten. Während der Fahrt über den Kanal, irritiert durch den Anblick von rostigen Tankern und endlosen Pipelines, wollen wir von Anderson wissen, was "die Schöne" eigentlich für die Paulistas ausmacht. "Wir lieben diese Insel, finden sie schön, weil sie so vielfältig ist, vieles und verschiedenes bietet und doch irgendwie immer eine Harmonie ausstrahlt. Schön ist doch alles, was wir mit Liebe betrachten."

 

Dazu gehört natürlich auch eine "Hauptstadt": Vila Ilhabela. Sie liegt nördlich vom Fähranleger, und auf der Fahrt dorthin präsentiert uns Anderson ein erstes verlockendes Angebot: die Palmenstrände von Pereque, Itaguassú, Itaquanduba, Saco da Capeia, den Tennisclub, den Yachthafen, die Basen für Surfen, Segeln, Tauchen und Zuckerrohrfelder, aus denen sich die alte Fazenda Engenho d'Agua erhebt, deren wichtigstes Produkt wohl noch immer der "Aguardente de Cana" ist, ohne den ein brasilianischer Caipirinha undenkbar wäre.

 

Vila Ilhabela ist eine liebliche Kleinstadt, ein Platz, dessen Charme aus einer gelungenen Mixtur von Brasilianischem und Europäischem sprüht. Dazu gehören Promenade, Park und Pier, einst aus Holz gebaut, inzwischen mit Beton rekonstruiert. Dennoch haben sich einige Zeugen der Kolonialzeit erhalten, vor allem die barocke Igreja da Matriz de Nossa Senhora da Ajuda aus dem Jahre 1532. Diese Kirche, die Treppenkonstruktion hinauf, die Brunnen davor, die Anlagen mit Palmen und Koniferen, aber auch die niedrigen Häuser und engen Gassen um sie herum, führen meisterlich vor, wie der Ort durch die portugiesische Mentalität geprägt wurde. "Kolonialbarock", sagt Anderson anerkennend, "geplant und gebaut mit Respekt vor der Schönheit der Landschaft".

 

Auf der Ilhabela gibt es eine Küstenstraße von Norden nach Süden. Links und rechts dieser vierzig Kilometer spielt sich alles Leben ab, im Winter für die dreizehntausend Einwohner, im Sommer für zusätzlich hunderttausend Paulistas. Dann ist die Insel schön und voll. Das Problem wurde gerade noch rechtzeitig erkannt. Was unter dem Zugriff von São Paulo stehen könnte, muß geschützt werden: 1977 wurden 85 Prozent der Inselfläche staatliches Naturschutzgebiet. Die steil aufragenden Gipfel des Archipels, zu dem auch die Inseln Lagoa, Vitória, Búzios, Sumitica, Serraria und Cabras gehören, verraten den vulkanischen Ursprung. Ein dichter tropischer Urwald hat die Landschaft in ein sattgrünes Gewand gehüllt. Was wir auch sehen, Bananen, Orangen, Zitronen oder Mango, Papaya, Maracuja, alles gedeiht in einer verwirrenden Üppigkeit, offenbar bis hinauf zu den 1378 Metern des Pico de São Sebastião. Auf der "Mapa Turístico Ilhabela", die noch dürftiger ist als alle anderen brasilianischen Landkarten, entdecken wir eine breite Straße durch den Naturpark. Sie führt vom Westen über die Berge an die Ostküste. Annonciert werden der Cachoeira da Toca, einer von über dreihundert Wasserfällen, die Flußtäler von Engenho und Riscada, der Wanderweg zum 1048 Meter hohen Pico do Baepi, das Surfparadies an der Praia da Figueira am offenen Atlantik. "Das ist keine Straße." Für Anderson ist das ein Gebirgsweg, der selbst für Geländewagen schwierig ist: "Dort sollte man eigentlich nur wandern, aber in diesem subtropischen Klima ist das mühsam. Wenn ihr mehr von der Insel sehen wollt, nehmen wir das Boot. Auf der anderen Seite suchen sie in der Bucht von Saco do Sombrio immer noch nach den Schätzen des Piraten."

 

Dieser Pirat hieß Thomas Cavendish. Der Engländer absolvierte zwei Weltreisen. In den Jahren 1586 bis 1588 gelang ihm in vierhundertachtzig Tagen die schnellste Erdumseglung. Als er zurückkam, brachte er neben neuen See- und Landkarten auch eine Entdeckung mit: Sternanis. Dieses Gewürz, unserem Anis ähnlich, in Aroma und Geschmack aber voller, feuriger und schwerer, wurde schnell beliebt, am Zarenhof für den Tee, in Nürnberg für die Lebkuchen. "1592 kam Cavendish noch einmal. Er überfiel Santos und steckte die Stadt in Brand. Wenig später starb er an Bord seines Schiffes."

 

Anderson Correa drängt zum Aufbruch. Unsere Fahrt geht in den südlichen Teil der Insel. Avenue Brasil steht auf dem Straßenschild. Sind wir in Brasilien? Oder ist das nicht doch die Küste im Süden von Frankreich oder Italien? Wir sind hier und da zugleich. Was in São Paulo an Vergangenheit abgeräumt wurde, hier finden wir es wieder. Behutsam wurde mit Landschaft und Strukturen umgegangen. Die "Ilha de São Sebastião" ist tatsächlich die schöne, vielleicht auch deshalb, weil die Brasilianer hier ihren Träumen vom alten Europa nachhängen können.

 

Anderson Correa kommt aus einfachen Verhältnissen. Da mußte jeder frühzeitig zupacken. Seine Leidenschaft ist das Spiel. Die teilt er mit vielen Brasilianern. Sie spielen, wann und wo sie können, und sie spielen mit dem, was sie können. Auf dem Campão der Favela vor allem mit dem Fußball, auf der Ilhabela doch eher mit dem Tennisball, immer in der Hoffnung, irgendwann einmal das große Los zu ziehen. Anderson machte das Beste daraus und brachte reichen Kindern das Tennisspielen bei. Er lernte mauern und zimmern, planen und gestalten. Nun ist er Baumeister und Architekt und baut für seine einstigen Schüler Häuser.

 

Bei Borrifos hat er sich seinen eigenen Traum erfüllt: ein Haus am "Canal de São Sebastião". Mutig hat er es in die Landschaft gesetzt. Er hat den Tropenwald ringsum belassen und nur darauf geachtet, daß das ständig wuchernde Grün nicht zu nahe kommt. Luftig ist es, hell, freundlich, praktisch.Weit vorgezogene Dächer garantieren Schutz vor Sonne und Regen. Sein ganzer Stolz aber ist der Pool. Geschickt hat er ihn in die Klippen gesetzt, umbaut mit großflächigen Holzterrassen und versorgt mit ständig fließendem Wasser aus der eigenen Quelle.

 

Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück sitzen, ankert kaum zwanzig Meter vom Haus ein Boot zwischen den Felsenriffen. "Mergulhos", beruhigt Anderson, "Taucher, die kommen oft. Sie tauchen zu einem Wrack." Davon gibt es viele um die Insel. Der Kanal ist eine begehrte Schiffsroute. Die Fahrrinne ist schmal. Unter Wasser gibt es viele Felsen. Kein Wunder, daß so manches Schiff seinen Hafen nicht erreicht hat.

 

Die Schöne und der Tod halten einen seltsamen brasilianischen Rekord. Geschichten oder gar Legenden wecken Neugier und Abenteuerlust. Weil Wracktauchen auch hier als "herausragendes Erlebnis in der Welt unter Wasser" propagiert wird, hat sich auf der Insel ein regelrechter Markt etabliert. Die Bedingungen sind für Betreiber und Kunden ideal. Über den Zustand der Wracks gibt es detaillierte Auflistungen. Was da unten ist, liegt meist in einer geringen Tiefe. Das Wasser ist warm. Die Sonne bringt das Licht. Kompliziertes Tauchgerät erübrigt sich. Das Risiko ist minimal. Wracktauchen wird zum Spiel.

 

Die "Lista dos Naufrágios de São Paulo" verzeichnet immerhin zwanzig Schiffswracks rund um die Insel. Als Anderson sein Grundstück erworben hatte, ahnte er nicht, daß in der See vor seinem Haus einige davon liegen. Zwischen dem ersten registrierten Untergang des englischen Frachters "Crest" im Jahre 1882 und dem bisher letzten des brasilianischen Tankers "Alina P" im Jahre 1991 sind an dieser Südspitze auch die "Dart", die "Velasquez", die "Aymoré" und die "São Janeco" gestrandet.

 

Vor einiger Zeit entdeckten Taucher in einer Tiefe zwischen acht und siebzehn Metern am Rumpf eines weiteren Wracks eine Bronzetafel: "Therezina ex. Zigmound, construído em Hamburgo 1905". Was da in Hamburg "konstruiert" worden sein soll, wurde tatsächlich im englischen West Hartlepool für die Hamburger Dampfschiffreederei Union gebaut. Die "Zigmound", hierzulande als "Siegmund" archiviert, gehörte zu jenen Dampfern, die mit ihren 3034 BRT neben siebenunddreißig Mann Besatzung und hundert Passagieren auch noch Tonnen von Fracht beförderten. Die Hapag übernahm das fast hundert Meter lange Schiff und stellte es 1907 in den Südamerikadienst. Als im August 1914 der Weltkrieg ausbrach, ereilte es das gleiche Schicksal wie die übrigen fünfundvierzig deutschen Schiffe, die sich in fremden Häfen befanden. Die "Siegmund" wurde in Santos interniert und von Brasilien beschlagnahmt. Als "Therezina" trat sie im Februar 1919 ihre letzte Reise an.

 

Green Point Stadion Kapstadt, 10.02.2009

Green Point Stadion

Kapstadt, 10.02.2009

 

Januar 2009. Das Stadion wird fertig. Der Rohbau ist abgeschlossen. Das Grundtragwerk für die Halteseile der Dachkonstruktion ist oben. Im September hat die Arena ihr Dach. Im Oktober zählt die FIFA die Plätze. Im Dezember erfolgt die Übergabe an die City of Cape Town. Nach der Auslosung für den „FIFA World Cap South Afrika 2010“ kann das neue Green Point Stadion am 4. Dezember 2009 besichtigt werden – sieben Monate vor dem ersten Vorrundenspiel.

 

Wohl deshalb sitzen die deutschen Architekten Volkwin Marg und Robert Hormes an diesem hochsommerlichen Januartag ziemlich gelassen im 3. Rang des Stadions - natürlich nicht auf den zum Test montierten kunterbunten Sitzschalen, sondern demonstrativ auf „ihren“ hellgrauen Betonstufen. Über die Farbe ist noch nicht entschieden. So viel verraten die Herren allerdings: „Für die Sitze wird es ein Zufallsmuster von vier Grautönen geben, von mittelgrau bis fast weiß. Es soll schillern und schimmern, wie das Perlmutt einer Muschel. Wir wollen den Innenraum neutral gestalten. Die eigentliche Farbigkeit kommt mit den Leuten ins Stadion.“

 

Zu den Idealen von Volkwin Marg gehört es, „die Dinge so einfach zu gestalten, dass sie inhaltlich und zeitlich Bestand haben“. Dieser Devise ist der heute 75-Jährige immer treu geblieben – seit 1974, als die jungen Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg mit der Eröffnung „ihres“ Flughafens Berlin-Tegel einen geradezu sensationellen Start absolvierten. Dreißig Jahre später musste das Architekturbüro „von Gerkan, Marg und Partner“ in dieser Stadt unverständliche Eingriffe der Bauherren hinnehmen: Auf „Wunsch“ der Deutschen Bahn AG wurde das geplante 321 Meter lange Glasdach der Ost-West-Halle des Hauptbahnhofs um 110 Meter verkürzt. Seither ist in der Berliner Mitte ein Torso zu besichtigen. Beim Umbau des Olympiastadions, dem historischen Sportkomplex der Olympiade von 1936, setzte die dort doch nur als Mieter geduldete „Hertha“ ihre blaue Vereinsfarbe auf der Laufbahn durch. Corporate Identity auf Kosten anderer.

 

Dieser Kleingeist bleibt den Architekten an der Atlantikküste wohl erspart. Ihre architektonischen Selbstverständlichkeiten werden bereits in dieser Bauphase deutlich. Die Konstruktion ist plausibel. Der Bau passt in die Landschaft. Die Gebrauchstüchtigkeit wird sich alsbald herausstellen. Die Reise nach Kapstadt kann also gebucht werden. Immerhin finden im Green Point Stadion zwischen dem 11. Juni und 6. Juli 2010 sechs Vorrundenspiele, ein Viertel- und ein Halbfinale statt.

 

Dazwischen gibt es immer wieder fußballfreie Tage, an denen Tafelberg, Zwölf-Apostel-Bergkette, Kaphalbinsel, Weinland, Garden Route und Juwelen von Golfanlagen locken, vorausgesetzt, es bleibt bei den in dieser Jahreszeit üblichen Temperaturen um 12 Grad, und der südafrikanische Winter hält sich etwas zurück. Sollten Regenschauer und Sturmböen über das Land ziehen, dann warten zwischen Atlantik und Indischem Ozean immer noch vorzügliche Restaurants und köstliche Weine (zu ziemlich moderaten Preisen) auf die Gäste von der nördlichen Halbkugel.

 

Das Faszinierende an Kapstadt, ob mit oder ohne „South Easter“ und „Table Cloth“, ist dieses einzigartige Zusammenspiel von Tafelbergmassiv, Signal Hill und der zum Atlantischen Ozean hin auslaufenden sanft-hügeligen Landschaft, dem Greenpoint Common. Diese weitläufige Grünanlage wurde bisher von Golf, Cricket und Rugby dominiert. Nun fügt sich in dieses Ensemble das neue Green Point Stadion als Solitär respektvoll ein.

 

Die WM 2010 wird an zehn Orten ausgetragen, in den vorhandenen und teilweise rekonstruierten Arenen von Rustenburg, Mangaung/Bloemfonteins, Tshwane/Pretoria und Johannesburg (Ellis Park und Soccer City) sowie in den fünf Neubauten von Nelspruit, Polokwane, Durban, Port Elizabeth und Kapstadt. Die Entfernungen zwischen den Stadien sind gewaltig. Während die „läppischen“ 756 Kilometer von Kapstadt nach Port Elizabeth noch per Mietwagen über die gut ausgebaute N 2 zurückgelegt werden können, empfiehlt sich für die 1660 Kilometer nach Durban das Flugzeug.

 

Michèle Rüegg kennt die Strecken. Seit drei Jahren leitet die von den Universitäten St. Gallen, Zürich und Harvard geprägte Architektin und Ökonomin das Büro „gmp-Architects“ in Südafrika. Noch während ihrer Tätigkeit als Projektleiterin für den „Ort der Information“ in der Langemarckhalle am Berliner Olympiastadion zur WM Deutschland 2006 erhielt das Architekturbüro „von Gerkan, Marg und Partner“ den Auftrag für den Bau der Stadien in Port Elizabeth, Durban und Kapstadt. Nun kümmert sie sich „um alles, von Finanzen bis Management, vor allem um Koordination und Kommunikation zwischen Bauherren, Planern und späteren Nutzern. Seit dem Ende der Apartheid ist Südafrika eine große Konsensgesellschaft. Es ist sehr wichtig, dass jeder bei der Entscheidungsfindung integriert wird. Das führt zu vielen Dialogen und Diskussionen. Geduld, aber auch Durchsetzungsvermögen sind also gefragt“.

 

Kapstadt wurde für das Entwurfsteam um Volkwin Marg, Hubert Nienhoff und Robert Hormes zur großen Herausforderung. „Idealerweise buddelt man ein Stadion in die Erde hinein“, so Projektleiter Robert Hormes. „Das bedeutet weniger Kosten, weil man das ganze nicht hochbocken muss. Man hat wenig Arbeit, den Unterrang zu bauen. Das ging hier nicht, weil der Fels des Signal Hill bis hierher runter kommt. Wir haben nur zwei bis vier Meter Erde. Deshalb wachsen im Green Point Common auch keine großen Bäume.“

 

Der 35-jährige Hormes gilt in der Branche bereits als erfahrener Stadienbauer. Wohl deshalb möchte er zur Abwechslung „mal einen Flughafen entwerfen“, vielleicht auch ein Shoppingcenter, falls Bauherren sich von jenen Vorstellungen lösen könnten, die viel mit furchtbarem Schloss-Kitsch und nichts mit zeitgemäßer Ästhetik zu tun haben. Mitgeplant hat er für Köln das Rhein-Energie-Stadion und für Dubai die weltweit erste am Reißbrett entworfene „Sports City“.

 

In Kapstadt war mehr als Reißbrett und Computer gefordert. Ursprünglich sollte die neue Arena „auf der Fläche des alten Rugby-Stadions entstehen. Durch den Fels konnten wir den Bau nicht tiefer in den Boden setzen. Eine Umweltverträglichkeitsstudie ergab zudem, dass die Sichtbeziehung von der Stadtmitte zum Green Point Lighthouse nachhaltig gestört worden wäre. Das Stadion hätte zu massiv gewirkt, das Gelände des Green Point Common wäre stark zerschnitten gewesen. Deshalb haben wir den Bauplatz weiter zur Küste gerückt“.

 

Auch dort ruht das Green Point Stadion unmittelbar auf dem Fels. Da aber „die Entscheidung, was und wie gebaut wird, letztendlich die Gesellschaft trifft“, so Volkwin Marg, „.haben wir Architekten die Verpflichtung, ja die Verantwortung, uns diesem Dialog zu stellen“. Aus Sicht der Fußballfans heißt das, dass sie hereinkommen und in eine Schüssel hinunterschauen wollen. Um dieses Erlebnis auch liefern zu können, ergänzt Robert Hormes, „sind wir so weit in die Erde hineingegangen, wie es ging, so dass wir mit der Drainage für den Rasen auf dem Fels sitzen“.

 

Da dies den Architekten nicht auszureichen schien, kamen sie auf die Idee, das neue Stadion mit einem „Podest“ zu umbauen. In Zukunft werden die Zuschauer (aus der Stadt und zu Fuß) auf dem bisherigen Niveau des Green Point Common ankommen. Nachdem dort die Einlasskontrollen absolviert sind, erreichen sie über ansteigende Rampen einen großflächigen Platz, „wir nennen das Plattform“, von dem die Stadioneingänge auf der Höhe zwischen Unter- und Mittelrang abgehen.

 

Das Green Point Stadion wird 72 Sitzblöcke mit insgesamt 68.000 Plätzen haben, darunter 8.000 Plätze für Ehrengäste und Presse, Logen für die laut FIFA „ultimative Privatsuiten-Hospitality-Erfahrung“ sowie auf den hochliegenden Rängen im Westen und Osten zwei mobile Tribünenteile mit 12.000 Plätzen. „Im Grunde genommen“, so Hormes, „bauen wir ein Rugby-Stadion, weil Cape Town, anders als Johannesburg, eindeutig eine Metropole für Rugby ist.“ Da die Arena auch nach der WM eine Zukunft haben muss, wird die Spielfläche bereits dafür ausgelegt. Für Länderspiele schreibt die FIFA ein Fußballfeld von 68x105 Meter vor. Beim Rugby darf das eigentliche Spielfeld eine Länge von 100 Meter und eine Breite von 70 Meter nicht überschreiten. Da sich an beiden Enden die sogenannten Malfelder anschließen, jene Zonen, in denen der Ball abgelegt werden muss, ist für sie eine Höchstlänge von jeweils 22 Meter vorgeschrieben, so dass eine Gesamtlänge von 144 Metern herauskommt.

 

Was dort auch immer nach 2010 gespielt wird, die Akteure auf der Spielfläche haben Wind, Sonne und Regen auszuhalten, die Zuschauer werden gut beschirmt in den drei Rängen sitzen. Konstruktion und Tragkonzept für das Dach lassen sich mit einem (horizontal gelegten) Rad eines Drahtesels vergleichen. Die 72 Pylone, die fünf Meter tief in den Fels gerammt wurden, und den gesamten Bau einkreisen, übernehmen die Funktion einer Felge. Von dort führen 72 einzelne Kabel wie Speichen zu einem Stahlring, der Nabe. Mucksmäuschenstill werden die derzeit auf der Baustelle tätigen 2143 Menschen sein, wenn in der Arena Kabel und Stahlring gleichzeitig hydraulisch hochgezogen werden, bis endlich alles zusammen oben über dem Spielfeld „schwebt“.

 

Inzwischen sorgt nicht nur das Green Point Stadion bei den touristischen Heerscharen, die Tag und Nacht zum Schauen, Hören, Shoppen, Essen und Trinken in die „Victoria & Alfred Waterfront“ pilgern, für manche Überraschung. Der „Roggebaai“ gehört dazu, über dessen Kanäle man von den Hafenbecken bis an das Zentrum heranschippern kann, ebenso das im Sommer 2003 eröffnete „Cape Town International Convention Centre (CTICC)“, neben Johannesburg eines der beiden FIFA-Hauptquartiere für die WM 2010. In diesem weitläufig angelegten Ensemble mit Auditorien, Meetingräumen und 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche ließ der kürzlich verstorbene Münchner Unternehmer Stefan Schörghuber sein „Arabella Sheraton Grand Hotel“ errichten, das nun von der als Franchise-Geber auftretenden amerikanischen Starwood-Verwaltungsgesellschaft „genötigt“ wurde, unter dem Namen „Westin Grand“ zu firmieren (womit selbst Kapstädter Taxifahrer nichts anfangen können). Die Renaissance der Beach Road Promenade von Sea Point und das „angesagte“ Quartier um die ehemalige Foundry-Fabrik jenseits der Somerset Road tun das ihre dazu. Da ist etwas im Entstehen, was dem aufgemöbelten Werftviertel Paroli bietet. Der Innenstadt tut dies gut, weil „V&A“ zwar in Kapstadt, aber nicht Kapstadt ist.

 

Es ist eben nicht irgendeine Kiste, die Volkwin Marg, Hubert Nienhoff und Robert Hormes in das Stadtbild von Kapstadt hineinstellen wollten, sondern eine Architektur „mit geschwungenen Linien“, deren Eleganz verblüfft. Dazu gehört, dass die 72 Pylone (Stützpfeiler) nicht wie bei Kolonnaden- oder Kolosseumsbauten senkrecht, sondern schräg in den Boden gesetzt wurden. Der Bau erhält dadurch eine Dynamik, auch eine Leichtigkeit.

 

Das Auffälligste und weithin Sichtbarste an diesem Stadion sind zwei unterschiedlich ausgeformte und sich überlagernde „Wellen“. Die stärker ausgeprägte Welle der Zuschauertribüne erhielt „vier Hochpunkte und vier Täler“, so dass an manchen Stellen mehr, an anderen weniger Reihen entstehen. Allein dieses Auf und Ab ist eine Augenweide. Über dem Ganzen liegt dann die Welle des Daches, von minimal vier Metern bis maximal 16 Metern über der jeweils letzten Sitzreihe. In der Architektensprache von Volkwin Marg heißt das: „Wir haben uns auf eine mathematisch darstellbare Form beschränkt, die nicht vom Architekten erdacht ist. Die Welle entsteht durch eine natürliche Verschneidung von Geometrie“.

 

Der springende Punkt bei all diesen beeindruckenden Überlegungen wird sein, ob diese Wellenstruktur auch nach der Fertigstellung des Baus noch sichtbar ist. Im Büro von „gmp-Architects“ in der Alfred Street sollen unsere Zweifel endgültig beseitigt werden. Hormes nimmt ein Stück Gewebe zur Hand und legt es am Fenster an. Tatsächlich sehen wir durch dieses Geweberaster hindurch die halbe Stadt. Das ganze Green Point Stadion wird mit dieser durchscheinenden Außenhaut umhüllt, ein mit Teflon beschichtetes Glasfasergewebe, dessen „offenporige Unterseite 20 Prozent Löcher hat“, ein Material, dass die Architekten bereits erfolgreich am Dach des Berliner Olympiastadions eingesetzt haben.

 

Kapstadt, so viel ist sicher, gehört zu jenen Städten auf der Welt, in denen mehr Fotoshootings, mehr Werbeaufnahmen und mehr Filme gemacht werden als anderswo. Das hängt mit dem hervorragenden Licht zusammen. Kein Wunder, dass sich Marg, Nienhoff und Hormes an diesem Ort mit der Wirkung von Licht und Schatten befassten. Diesen besonderen Effekt wollten sie sich nicht entgehen lassen. Getreu dem Merkspruch „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf, im Westen will sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn“, wird das jeweils anders einfallende Licht das Aussehen des Stadions permanent beeinflussen, ob es nun vom Tafelberg, vom Green Point Lighthouse oder vom Atlantik kommt. In der Nacht, bei Flutlichtspielen sowieso, kommt das Licht von Innen nach Außen. Dafür werden die Architekten sorgen, erst recht für die Zeit nach der WM, damit die Haut verschwindet und die beiden Wellen als Silhouette sichtbar werden.

 

Als wir uns von Volkwin Marg und Robert Hormes unbeobachtet fühlten, prüften, ob wir auf den Rängen über den Kopf des Vordermannes drüber ohne Einschränkung zum Spielfeld schauen könnten, werden wir ertappt. „Der Mensch braucht ungefähr 85 Zentimeter, um komfortabel zu sitzen, sein Sitz ist 40 Zentimeter hoch und sein Augenpunkt ist im Durchschnitt 1,20 Meter. So werden die Sichtlinien von jedem Sitz in den rund 70 Reihen ermittelt.“ Den Grundschulkurs haken wir ab. Die Sicht ist gut, für wohl alle 68.000 Zuschauer. Spieler und Ball, die wir uns jetzt nur vorstellen können, zum Greifen nah. In Kapstadt finden zwei Spiele am Nachmittag statt, wo die tiefstehende Sonne vom Süden nach Westen wandert. Vorsichtshalber empfehlen wir daher Plätze auf der Westtribüne, möglicherweise mit Blick auf den Tafelberg.

 

Es gab viele Diskussionen um diesen Neubau. Kapstadt hat gewiss gewichtigere Dinge anzupacken. Die Folgen der Apartheid sind immer noch sichtbar. Schwarze und Weiße, die Spanne zwischen arm und reich ist nach wie vor groß. Auch Kapstadts Bürgermeisterin Hellen Zille wird daran erst einmal wenig ändern können. Als die gelernte Journalistin und engagierte Anti-Apartheidaktivistin 2006 ihr neues Amt antrat, stoppte sie den Bau des WM-Stadions. Später gab sie schließlich nach. Auf Druck der FIFA?

 

Hier weiß kaum jemand, dass ihre familiären Wurzeln in Berlin und Essen liegen. Nach der Flucht aus Deutschland lernten sich ihre Eltern, die jüdischen Emigranten Wolfgang Zille und Mila Cosmann, in Johannesburg kennen. Dort wurde Helen Zille 1951 geboren. Sie wuchs in einem Land auf, in dem die Rassentrennung bis in die 1990er Jahre offizielle Politik war. Der Pinselheinrich gehört zu meinen Vorfahren. Ich bin stolz auf ihn. Der Vetter meines Großvaters war ein Freund des kleines Mannes“. In ihrem Büro steht das im Jahre 1929 unter Mitarbeit von Heinrich Zille erschienene „Zille Buch“.

 

Inzwischen sieht die Bürgermeisterin die Vorteile, die Kapstadt durch die Investitionen entstehen. Der Flughafen wird ausgebaut, der Hauptbahnhof, die Stromversorgung. Ein Schnellbussystem entsteht, neue Nahverkehrszüge kommen, Arbeitsplätze werden geschaffen. „Hätten wir dem Stadionbau nicht zugestimmt, wäre keine dieser Verbesserungen möglich gewesen."

 

Bis zur ersten FIFA Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent ist in Kapstadt noch einiges zu tun. Das vergammelte Areal des Green Point Common rund um das Stadion gehört dazu. Seit ewigen Zeiten haben 17 Vereine Flächen von der City of Cape Town gepachtet. Viele Jahre nach dem Ende der Apartheid werden die Sportplätze seltener genutzt und noch weniger gepflegt. Da der Metropolitan Golf Course für den Stadionbau Fläche hergeben musste, bekommt er nun 90.000 Quadratmeter, und kann aus seinem eigentlich nur 9 Loch Kurs einen weniger kompakten weitläufigeren Golfplatz kreieren. Das ist ein Anfang. Inzwischen existieren Pläne, dem Green Point Common eine breitere Öffentlichkeit zu ermöglichen. Marg, Nienhoff und Hormes, die das Gelände gerne entwickelt hätten, wünschen sich jedenfalls, dass Helen Zille dieses Projekt durchsetzen kann, damit das Stadion nicht einziger Glanzpunkt bleibt.

 

PS: Der Ärger mit dem Naturrasen wird auch Kapstadt nicht erspart bleiben. Wer die Zuschauer möglichst nah an das Spielfeld heranbringen möchte, daher hoch bauen läßt, steile Ränge und dann noch ein Dach darüber wünscht, der unterbricht den Luftkreislauf. Die kalte Luft sinkt nach unten und liegt auf dem Rasen. Da es dort weder Entlüftung noch Windbewegungen gibt, reagiert jeder Rollrasen empfindlich. Vorsorglich werden im nahen Somerset West bereits drei komplette Rasenflächen vorbereitet.

 

Israel: Die unheilige Heilige. Märkische Allgemeine, 11.10.1997

Israel: Die unheilige Heilige

Märkische Allgemeine, 11.10.1997

Von Peter Hahn

 

Die Reise ins Heilige Land fing gut an. Als Gideon von unserem Kommen erfährt, gab es Proteste. „Was wollt ihr in Jerusalem wohnen? Alles ist da oben so orthodox geworden. Ihr müsst in Tel Aviv wohnen.“ Hat er nicht recht? Sind nicht Mohammed, David und Jesus in weite Ferne gerückt? Aber warum sollte man sonst nach Israel reisen?

 

Für Israel müssen Reisepass und Visum her. Wer vor 1928 geboren wurde, muss aus sehr verständlichen Gründen erklären, ob er in der NSDAP oder gar SS war. Warum diese Erklärung nicht von den Österreichern verlangt wird, hängt wohl damit zusammen, dass Beethoven inzwischen ein Österreicher und Hitler ein Deutscher wurde.

 

Zwei Stunden vor Abflug hat man am Flughafen zu erscheinen. Bevor der Koffer ausgeräumt, betastet, überprüft wird, hat man Befragungen zu überstehen: Wohin? Warum? Weshalb? Wieso? Kontakte? Welche? Wo? Woher? Wie lange? Beim deutschen Israelspezialisten „Biblische Reisen“ werden „die Beschwerden darüber so massiv, dass die Leute lieber auf eine Reise ins Heilige Land verzichten“.

 

Vor dem Heimflug das gleiche Spiel. Wenn ein Pilger auf das „Have you been in the occupied territories?“ mit „Yes, in East-Jerusalem and Bethlehem“ antworten würde, hätte er die Sicherheit sicherlich nicht gefährdet, seinen Rückflug in die Heimat mit Sicherheit verpasst. Selbst Israelis empfehlen für diese Tortur Zurückhaltung.

 

Diese Reise kann weder eine Pilgerreise noch ein Badeurlaub sein. Sie ist stets ein politischer Akt. Das beginnt bei den Landkarten. Weil auf der 1993 vom „Ministry of Tourism, Jerusalem“ publizierten Karte jegliche Grenzlinien zwischen Israel und den syrischen Golan-Höhen, der West-Bank und dem Gaza-Streifen getilgt sind, sollte man sich bereits hier objektiveres Material zulegen.

 

Wohin geht die Reise, wenn man ein Ticket nach Tel Aviv in der Tasche und Jerusalem, Jericho, Nazareth, den See Genezareth und das Tote Meer vor sich hat? Palästina? Autonomes Gebiet? Israel? Bewusst wird das Problem erst, wenn über Reisen nach Gaza, Hebron, Nablus, Ramallah oder zur Geburtskirche im christlich-moslemischen Bethlehem die israelische Armee entscheidet.

 

Mit dem „Wir können dort keine Sicherheit garantieren“ wird die Angst des einzelnen politisch missbraucht. Soll man nicht sehen, was zu sehen ist? Als Europäer hat man in den besetzten, autonomen oder den unter Militärverwaltung stehenden Gebieten der Westbank, des Gaza-Streifens und der Golan-Höhen keine Probleme. Für Arafats Tourismusminister Freidsch, der auch Bürgermeister von Bethlehem ist, kam in seiner Stadt „noch keiner zu Schaden, weil es hier auch keine Siedler gibt, die Israel zu schützen hätte“.

 

In vorauseilendem Gehorsam aber teilen deutsche Reiseveranstalter ihren gläubigen Kunden schon vorab mit, dass aus sicherheitspolitischen Gründen in den besetzten und autonomen Gebieten Änderungen vor Ort vorbehalten bleiben müssen. Was aber, wenn ein Christ „Weihnachten in Bethlehem“ gebucht hat und ein israelischer Soldat ihn am Heilig Abend von der Mitternachtsmesse in der Geburtskirche abhält?

 

Den Pilgern bleibt dann der kleinmütige Einzug in die Heilige Stadt. Den hatten wir schon einmal, triumphal und schrecklich, Kreuzzüge nannte sich das, und damals erhob sich Jubel, als das Heer Jerusalem erblickte. Für den Chronisten flohen Muslime und Juden am 15. Juli 1099 von den Mauern, „und die Unsrigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und niedersäbelnd, bis zum Tempel Salomons, wo es ein solches Blutbad gab, dass die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten. Dann, glücklich und vor Freude weinend, gingen die Unsrigen hin, um das Grab unseres Erlösers zu verehren“.

 

Heute leben hier 550.000 Menschen. Die Christen nennen es Jerusalem, Yerushalayim, die Stadt des Friedens, ist sie für die Juden, und die Araber gaben ihr den Namen El Quds, die Heilige. Wohl deshalb wurden Stadt und Land mit dem Wort „Heilig“ geschmückt. Dabei hat sich seit über 3000 Jahren vor und nach Christi kein anderer Flecken dieser Welt so um den Titel „unheilig“ verdient gemacht.

 

Juden, Muslime und Christen haben in Palästina ihre Wurzeln. Für Christen ist hier Jesus geboren, gestorben und auferstanden. Für Muslime ist Jerusalem nach Mekka und Medina die heiligste Stadt, weil Mohammed hier gen Himmel ritt. Für die älteste Religion der Welt, das Judentum, nahm hier sowieso alles seinen Anfang. Was spielt es bei zwei- und dreitausend Jahre Glaubensgeschichte für eine Rolle, wer einige Jahre früher da war, wem was irgendwann einmal von bis gehörte.

 

Der Blick vom Ölberg macht deutlich, wie eng ihre Häuser beieinander stehen, wie Gassen ineinander übergehen, ohne sich um religiöse Grenzen zu kümmern. Irgendwann müssen sie friedlich miteinander ausgekommen sein. Dicht stehen auch die Heiligtümer beieinander: Da ist der Felsendom mit der goldenen Kuppel. Jene von den Arabern verehrte Moschee, die vor 1300 Jahren dort errichtet wurde, wo mit dem zweiten Tempel das Zentrum der jüdischen Religion lag, trifft den Nerv der religiösen Auseinandersetzungen. Geblieben ist den Juden nur die nächste Nähe, ein Rest der westlichen Stützmauer des Tempelberges, der Kothel, die Klagemauer.

 

Hier ist „the new part of the tour, the Western Wall Tunnels in Jerusalem, Israel“. Dass der guide mit dieser Besitzerformel den Boden der Sachlichkeit verläßt, wird von den Touristen aus den USA mit Wohlwollen registriert. „Any questions?“ Nein, keine Fragen. Wir sind so uneins mit uns selbst, weil wir endlich die mit Blut befleckte touristische Attraktion in Augenschein nehmen können.

 

Den 488 Meter langen Tunnel längs der herodianischen Tempelbergmauer zwischen Kothel und der ersten Station des Kreuzweg Jesu an der Verurteilungskapelle gab es schon immer. Dass er vor der jüdischen Westmauer, aber unter dem muslimischen Viertel liegt, dürfte unstrittig sein. Hinter den „Herodian Columns“ tut sich nun eine steinerne Schlucht auf, die sich der Besucher mit einem Wasserlauf teilen muss. Glaubensgeschichte ist hier durchgekrochen. Abgesehen von dem „absichtlichen Irrsinn“ der Öffnung, wie es die Zeitung „Yediot Ahronot“ formuliert, hat die jetzige Wegführung auch historisch keine Berechtigung, weil der Ausgang nicht original, sondern „für touristische Zwecke“ durch meterdicken Fels gebrochen wurde.

 

Danach steht man, gesichert von Militärs, in der Via Dolorosa gegenüber jener Stelle, wo Pontius Pilatus Jesus zum Tod verurteilt und seine Hände in Unschuld gewaschen haben soll. Eigentlich bleibt einem nichts anderes übrig als sein Kreuz über die vierzehn Leidensstationen zu tragen. Man überlässt den touristischen Schnickschnack anderen und kommt auch ohne diese Last zur Grabeskirche. Abseits liegt sie im Gassengewirr, wie das Christentum von der Gegenwart entfernt.

 

Die Grabeskirche dokumentiert mit dem Wirrwarr von Kapellen und Altären die unterschiedlichen christlichen Interpretationen. Was muss das für ein Gerangel unter den Konfessionen gewesen sein, bis jede ihren Platz um das Grab hatte! Geregelt ist alles, neben den Lithurgien auch die Kollekte, und geregelt ist nichts, weil der bauliche Zustand des von armenischer, äthiopischer, griechisch-orthodoxer, koptischer, syrischer und römisch-katholischer Kirche beanspruchten Heiligtums die christliche Zerrissenheit nicht besser ausdrücken kann.

 

Des einen Leid, des anderen Freud. Die Gegenwart wird vom „Cuius regio, eius religio“ bestimmt. So handeln die israelischen Hardliner nach dem Motto „Wem das Land gehört, dessen Religion muss das Land annehmen.“ Legitimiert ist das durch nichts. Obwohl die israelische Demokratie sich als Staat für alle Bürger „ausgab“, waren für den Historiker Moshe Zuckermann „die arabischen Bürger in ihr de facto immer Bürger zweiter Klasse.“ Welche andere Erklärung gäbe es dafür, dass die Israelis darüber entscheiden, wer von den Arabern wann zu Tempelberg, Felsendom und Aqsa-Moschee kann.

 

Jerusalem hat sich verändert. Hier erlebt man, dass Israel seine Bevölkerung ‘importieren’ musste, damit das Land bestehen kann. Die Araber sprechen von „Judaisierung“, weil 50 Prozent der Kinder aus ultraorthodoxen Familien stammen und nun ringsherum für die Gerufenen riesige Siedlungen in den arabischen Wüstenfels gebaut werden. Es stören nicht die vielen forschen Chassidim mit ihren schwarzen Gewändern, Kippah, Wadenstrümpfen und Peiyotzöpfen, die nun auch außerhalb ihres Viertels Mea She’arim das Bild bestimmen, es schmerzt der sichtbare Verlust des schönen Nebeneinander.

 

Für Moshe Zuckermann „ist Jerusalem so geteilt wie keine andere Stadt der Welt“. Weil aber von einem homogenen Denken in dieser Gesellschaft keine Rede sein kann und der Analytiker nur eine Hälfte repräsentiert, wird er von den anderen in die Schublade gesteckt: „Die, die anderer Meinung sind, sind eben Verräter, wenn Israelis, oder Antisemiten, wenn Nichtjuden“. Der Historiker kennt diese Argumentation. Für ihn muss gerade deshalb „Jerusalem die gemeinsame Hauptstadt von Israel und die des souveränen palästinensischen Staates sein“.

 

Die älteste Stadt der Welt, Jericho, ist nicht souverän, aber autonom. Wer wie David und Jesus den direkten Weg von Jerusalem über das Wadi el-Kelt-Tal nehmen will, hat den Plan ohne Armee und Straßensperrung gemacht. Wir kommen dann doch unten im Jordantal an und erhalten eine Lektion in Demokratie und Freiheit. Dem arabischen Jericho wurde eine palästinensische Selbstverwaltung zugestanden. In der Realität heißt das: Über dem Ort auf dem Hügel die beobachtende israelische Armee, vor der Stadt die unüberwindbaren israelischen Sicherungsanlagen zur jordanischen Grenze, links und rechts von Jericho militärisch gesicherte israelische Siedlungen. Wohl deshalb wäre für Zuckermann ein „eigenständiger palästinensischer Staates politisches Nahziel, zunächst mal, um dem Bedürfnis der Palästinenser nach nationaler Selbstbestimmung nachzukommen“.

 

In Anbetracht der dürftigen Infrastruktur hält er „aber diesen Staat auch in Zukunft für ökonomisch von Israel abhängig“. Auf der Fahrt durchs Jordantal wird das verständlich. Während auf den von Arabern bestellten Flächen Frauen und Kinder durch die Furchen krauchen, setzen die Kibuzz-Bauern auf den annektierten Feldern Maschinen ein. Für realistische Israelis lassen sich „diese Unterdrückungsstrukturen langfristig nicht halten“.

 

Solange keine Grundsatzentscheidung getroffen wird, kommt die Gegend nicht zur Ruhe, weil ein „Groß-Israel“ die Integration von Millionen Arabern in die israelische Gesellschaft bedeutet. Das aber widerspricht dem Anspruch, Israel als jüdischen Staat erhalten zu wollen. Der innere Riss wird immer tiefer werden. Weil „der klassische Zionismus ins Wanken gekommen ist“, betrachten heute vor allem die Europäer die Entwicklung im Nahen Osten kritischer.

 

Kritik provoziert auch der Ausbau von Masada und die sich dahinter verbergende Ideologie. Herodes ließ diese Festung auf dem Felsmassiv über dem Toten Meer bauen. Eines Tages besetzten jüdische Zeloten Masada. Da sie über Vorräte verfügten, schied ein Aushungern aus. Der römische Feldherr Flavius Silva ließ an der Westseite eine Steinrampe an das Massiv schütten und eine Bresche in die Mauer schlagen. Als der Bau gestürmt wurde, hatten 960 Männer, Frauen und Kinder nach Maßgabe ihres Anführers Eleazar Selbstmord begangen: „Derjenige, den das Schicksal dazu auserkoren hat, soll zunächst die anderen neun und dann sich selbst töten.“ Zuckermann nennt den Akt aus dem Jahre 73 n. Chr. „die Tat einer Sekte von Wahnsinnigen“.

 

Obwohl dieses „Symbol der Freiheit Israels“ in Frage gestellt wird und längst auch Rekruten dort nicht mehr den Eid „Masada wird nie wieder fallen“ ablegen müssen, genießt die Festung derzeit eine Zuwendung, die der historischen Wahrheit nicht gerecht wird. Die Zeloten waren Fanatiker, Radikale und vor allem blinde Glaubenseiferer.

 

Dennoch soll jeder Tourist hinauf gebracht werden und möglichst bequem. Eine zweite Seilbahn schafft die Leute nun auf den höchsten Punkt des Plateaus. Dass die betonierte Bergstation die historischen Umrisse des Masada-Felsens verändert, wird billigend in Kauf genommen. Oben wird emsig rekonstruiert. Obwohl schwarze Linien im Mauerwerk deutlich machen sollen, dass das, was darunter ist, historisch ist, und jenes, was darüber ist, nun hinzugefügt wurde, hat man Zweifel, ob hier nicht Archäologen durch orthodoxe Disneylandler ersetzt wurden. Sicher ist manches Original erhalten, Mosaikböden, Treppen, Zisterne, aber wird mit den eindruckschindenden Zubauten nicht bereits an einem schlimmen erpresserischen Fanal gearbeitet?

 

Inzwischen spürt man vom offenen Tel Aviv bis hinauf ins enge Jerusalem den schärferen Wind. Schwindende Sympathien und ausbleibende Gäste treffen ein Land hart, wenn der Tourismus wichtigster Wirtschaftsfaktor ist. „Mit 25 Prozent weniger Buchungen für 1997“ muss sich Geschäftsführerin Gisela Meyer-Amler von „Biblische Reisen“ abfinden. Pinchas Millo vom Tourismus-Ministerium hat den Schuldigen ausgemacht: „Europa mag uns nicht.“

 

Der Tourismus-Direktor im christlichen Nazareth Antoine H. Shaheen setzt daher auf das Jahr 2000. Weil der Engel Gabriel Maria die Geburt des Sohnes verkündet und Jesus auf den Hügeln der Stadt seine Kindheit verbracht haben soll, hofft er auf einen Papst-Besuch. Woher er seine Hoffnung nimmt, bleibt offen, weil sich niemand daran erinnert, wann sich die römisch-katholische Kirche im Heiligen Land vermittelnd engagiert hat. Und wenn er kommen sollte, was für ein Geschick müsste der Heilige Stuhl aufbieten, weil für die griechisch-orthodoxen Christen der Engel nicht in der Verkündigungskirche, sondern etwas weiter in der Gabrielskirche erschienen ist.

 

Wer auf das Ereignis nicht warten will, findet in dieser Gegend auch weniger heilige Orte, in die er sich nach den Mühen mit der Gegenwart zurückziehen kann. Das quirlige Tel Aviv an der Mittelmeerküste ist eine solche Oase. Die offiziell inoffizielle Hauptstadt steht für das andere, das weltoffenere, das menschlichere Israel.

 

„Ihr müsst in Tel Aviv wohnen“, forderte Gideon vor der Reise. Die letzten Abende haben wir bis tief in die Nacht in den Fischerkneipen im Hafen von Jaffa verbracht. War es nicht der in Saarbrücken geborene Gideon, der uns in all den Jahren immer wieder seine zweite Heimat gezeigt hat? „Kommt ihr bald wieder nach Tel Aviv“, fragt er beim Abschied. Ja, aber nicht nur, das andere im unheiligen heiligen Land gehört dazu. Warum sollte man sonst hierher kommen?

 

Çeşme: Und zum Abschied Quittenkonfitüre. Frankfurter Allgemeine, 02.05.2002

Çeşme: Und zum Abschied Quittenkonfitüre

Frankfurter Allgemeine, 02.05.2002

Von Peter Hahn

 

Balnea, vina, venus: tribus his sum factus egenus. Dieses Sprichwort wollte mir nicht einfallen, als sich mein etwas fleischiger Whirlpoolnachbar darüber mokierte, dass der Whisky in diesem Fünfsternehotel zu teuer sei. Statt ihn auf die Erkenntnis der Römer hinzuweisen, wonach Bäder, Wein und Liebe bekanntlich arm machen, empfahl ich den Supermarkt. Er sei für drei Wochen in Çeşme und nun überlege er, ob er „nedd verlängern soll. Des warme Thermalwasser is subber un de Massasch nach de Hamman tut mer rischtisch gut. Iwwer des Büfedd kann man a nedd meckern“. Als ich ihn nachts an der Hotelbar sah, dachte er noch immer über die Verlängerung nach. Bei einem Whisky.

 

 

 

Diesen türkischen Ort wird also vor allem derjenige aufsuchen, der Wellness braucht und Kultur entbehren kann. Es ist zweifellos der Vorzug dieser Gegend, dass sie das Bedürfnis nach Romantik, nach Meer, Wind, Sonne und Strand, befriedigen kann und obendrein noch einiges für den verwöhnten Luxusmenschen übrig hat. Ob klassisches Spa, Thermalife, Thalasso, Kur, Beauty, Fitness, Reha oder eben nun Wellness, hier wird alles nach dem Geschmack der Zeit serviert.

 

Hammãn, Büfett und Bar meines Wellnesspartners befinden sich allerdings nicht in der Hafenstadt Çeşme, sondern im Badeort Ilica, was einen gravierenden Unterschied ausmacht – wie überhaupt die Orte hier, das griechische Alaçati, das Fischerdorf Dalyan, das Schlammbad Sifne, nicht verschiedener sein können. Sie alle liegen auf der Halbinsel von Çeşme, die wiederum ein Teil des größten Landkreises von Westanatolien ist. 80 km sind es zur Viermillionenstadt Izmir. Eine sechsspurige Autobahn, nagelneu, gebührenpflichtig und leer, garantiert den schnellen Transfer vom Flughafen.

 

Ilica ist ein Ort an der nördlichen Ägäischen Küste, den, so scheint es nicht nur, die betuchten Türken aus Izmir, Istanbul und Ankara, aber auch aus Berlin und New York, für sich und ihre Sommerhäuser reserviert haben. Die drei Millionen deutschen Urlauber, die sich jährlich den preiswerten Urlaub gönnen, werden an die Türkische Riviera, sprich Antalya, Kemer, Belek, Side, Alanya, und an die Lykische Küste von Dalaman über Bodrum bis hin nach Kusadasi verfrachtet.

 

Weil einst die erste Neugier auf die Türkei dem antiken Griechenland jenseits der griechischen Küsten galt, und weil heute weder das eine noch das andere sonderlich interessiert, sei daran erinnert, dass an der türkischen Ägäisküste noch immer die hellenischen Stätten von Ephesus, Troja und Pergamon liegen. Efes, Truva und Bergama nennen sie sich jetzt. Vielleicht auch deshalb wurde das berühmteste Stück des Altars von Pergamon auf die Berliner Museumsinsel geschafft – mit Genehmigung des Sultans. Schließlich, das sei den Freunden der Offenbachschen Operette gesagt, fand in dieser Gegend auch der Trojanische Krieg statt, dessen legendärer Anlass die Entführung der schönen Helena durch den Prinzen Paris war. Kurzum und geographisch, die östlichsten griechischen Inseln Lemnos, Lesbos, Chios und Samos liegen hautnah vor der türkischen Küste, deren westlichster Punkt wiederum die Halbinsel Çeşme ist.

 

Mit der Historie hat Çeşme wenig im Sinn. Das Tor nach Griechenland und Italien, wo die Fährschiffe aus Chios, Bari, Brindisi, Venedig und Ancona an- und ablegen, scheint sich für die Türken nicht richtig zu öffnen. Dass die Stadt im 11. Jahrhundert von den Griechen erbaut und belebt wurde, erfährt man aus den Büchern. Die Burg, eine mächtige Anlage mit Türmen, Zinnen und Arenatheater, immerhin 700 Jahre alt, wird derzeit restauriert. Denkmalschützer werden nicht gefragt. Arme Genuesen, möchte ich ausrufen, was habt ihr damals geleistet, Stein auf Stein habt ihr die hohen Festungsmauern an den Hang gesetzt, passgerecht auch die Steinplatten auf Wehrgängen und Innenhöfen verlegt, nun wird alles mit Beton zugekleistert, werden tiefe Kabelschächte in das Gemäuer geschlagen und schmiedeeiserner Schnickschnack montiert. Warum das alles? „Sie sollten wissen", so die Hotelgemeinschaft ÇEŞTOB, „dass Çeşme während des Sommers eine Zentrale des Vergnügens ist“, und das Publikum der Festivals für Musik, Film, Literatur und Kunst in den Gemäuern offensichtlich einen repräsentativen Rahmen erwartet.

 

Direkt am stadtnahen Fährhafen zur griechischen Insel Chios steht die Karawanserei. Ein architektonisches Schmuckstück. Die zweigeschossige ottomanische Anlage von 1529 wird als komfortables „Hotel Kervansaray“ angepriesen, das „die damalige Architektur wiederaufleben lässt“. Die Dame des Hauses empfing mich unter den Palmen im Innenhof recht freundlich, wollte mich sofort durch die Galerien führen, die Zimmer zeigen, das Restaurant, die Bar, aber Ach, sie musste mein Entsetzen bemerkt haben. „Wir bauen im Moment um, bereiten alles für die Saison vor. Sie sehen es ja.“

 

Ich sehe weder Bauarbeiter noch Bauarbeiten, dafür aber Müllberge, kaputte Türen, fehlende Fenster, modrige Wände, sehe Räume für Gäste, die wohl seit Jahren keinen Gast im Raum gesehen haben. Da hier nichts mehr zu machen ist, frage ich ortskundige Freunde: Die Anlage gehört der Staatlichen Stiftungsbehörde Vakiflar Genel Müdürlüĝü. Bis vor acht Jahren wurde das Hotel erfolgreich bewirtschaftet und bewahrt. Danach wurde es auf den üblichen unübersichtlichen türkischen Wegen einem Unternehmer anvertraut, der den Bau heruntergewirtschaftet hat. Nun soll, betont wird das soll, nun soll das Tourismusministerium entscheiden, ob dem Betreiber die Lizenz entzogen werden – soll.

 

Çeşme hat auch viele Moscheen, nicht zuletzt deshalb, weil nur 3 Prozent der Türkei zu Europa und der große Rest zu Asien gehören, und damit 99 Prozent der Bevölkerung der islamischen Religion verbunden sind. Die Häuser Allahs sind hier alle nicht so alt, da sie erst ab 1827 nach den Kriegen zwischen Türken und Griechen und deren Vertreibung errichtet werden konnten. Gebraucht werden derzeit für die Gebete nur noch vier: Haci Memis Aĝa, Haci Mehmet Aĝa, Osman Aĝa und Memis Aĝa Alaçati. Der „Kulturkampf“ zwischen den wenigen daheim gebliebenen Islamisten und den vielen aufgeklärten Rückkehrern aus Europa findet also auch hier statt. Der Fremde registriert es, auch wenn dies nur zwischen den Zeilen auftaucht.

 

Gewisse Tendenzen könnten sich in der Einkaufsstraße von Çeşme ablesen lassen. Ob aber Net Parfüm, Star Leather, Tattoo Shop und Wine Plaza schon eine Antwort geben, bleibt offen und ungeklärt wie das Schicksal der griechisch-orthodoxen Kirche. Die mächtige Steinbasilika wurde im 17. Jahrhundert errichtet. Seit der Vertreibung der Griechen steht sie leer. Die eine Seite diagnostiziert den Zerfall, dem ich zustimmen möchte, die andere offeriert ihr Kulturzentrum. Die einen behaupten, dass die Fresken überputzt wurden, dem ich auch zustimmen möchte, die anderen schreiben, dass „die Fresken dank einer Gipsbedeckung gut erhalten sind“. Im letzten Jahr haben griechische Architekten angeboten, die Fresken freizulegen, die Kirche zu renovieren und zum Beten für die Touristen freizugeben. Daraufhin boten die Türken an, die Moschee von Chios zu renovieren und für islamische Gebete freizugeben, wohlwissend, dass es dort keine Moslems gibt. Das Angebot liegt auf Eis.

 

Bringen wir es endlich auf den Punkt: Çeşme wortwörtlich übersetzt bedeutet Wasserhahn. Von diesen gibt es eine Menge. Eingelassen sind sie in Brunnen aus rotem und hellem Sandstein. Errichtet wurden sie, damit sich die Menschen vor allem im heißen Sommer erfrischen konnten. Der älteste ist der Brunnen „Mehmet Kethuda“, gebaut 1738. Kunstvolle kleine Bauwerke sind es, meist noch mit entzifferbaren Inschriften aus osmanischer Zeit, mal quadratisch, mal abgerundet gebaut, mit Nischen und Säulen und oft mit einer Haube bedeckt. Steinerne Simse laden zum Verweilen ein. Das wars dann auch schon, denn nicht aus einem dieser Brunnen fließt noch Wasser. Çeşme, der Wasserhahn, hat seine Wasserhähne komplett trockengelegt.

 

Etwa sechs Kilometer von dieser Misere entfernt liegt Ilica. Das Taxi kostet 5.000.000 Türk Lirasi, was etwa 2 Euro bedeutet. Am Sandstrand steht seit kurzem ein respektables Hotel, das im Stil von Sheraton betrieben wird. Hausherr ist der in Volmerdingsen geborene Michael Seufert. Der Generalmanager gilt in der Branche als Spezialist für komplizierte Hoteleröffnungen. Seine Stationen hießen Sheraton München, Park Tower London, Istanbul, Abu Dhabi, Beirut. Seinen gefährlichsten Job absolvierte er beim Neubau des Sheraton Zagreb. Gleich mehrmals musste er vor den serbischen Granaten ins sichere Graz flüchten. „Meine wichtigste und wohl auch schönste Aufgabe war aber die Arbeit mit dem Architekten Michael Graves in El Gouna.“ Graves, den Zeitgeistern bekannt als Designer von Alassi, baute am ägyptischen Roten Meer in einer Mischung von mediterranen und arabischen Stilelementen das Luxushotel „Miramar“ auf einer Gruppe von neun kleinen Inseln: Für einen Hoteldirektor wahrlich eine organisatorische Herausforderung.

 

Nun also ist Seufert Entwicklungshelfer für gehobene türkische Hotellerie, und, da es sich bis Anatolien herumgesprochen hat, dass die deutsche Wellness-Branche „jährlich mehr als 20 Milliarden Euro umsetzt“, ist er obendrein auch zuständig für die Renaissance der Badekultur auf der Halbinsel von Çeşme. „Siehe, Allah liebt die sich Bekehrenden und liebt die sich reinigenden.“ Die Voraussetzungen sind ideal: vor sich hat er Meerwasser, unter sich Thermalwasser und hinter sich eine Tradition, die aus dem Zusammenwirken von antikem und islamischem Bad einen neuerlichen Erfolg machen könnte.

Sanus per aquam. Viel Neues braucht es in der Türkei für den Modetrend nicht. Was korrekt mit „Gesund durch Wasser“ übersetzt werden müsste, wird nun auch in Ilica mit „Wohlbefinden durch Wasser“ propagiert. Die Gegend ist auf einem geothermischen Gürtel gebettet. Temperatur und Zusammensetzung des Wassers sollen qualitativ besser sein als das der meisten europäischen Plätze. Die Quelle liegt in einem unterirdischen Depot, aus dem das begehrte Nass mit 42 bis 61 Grad Celsius entweder ganz freimütig aus dem Boden dringt oder aber an die Oberfläche gepumpt wird. Was darin enthalten ist, soll gut sein für Bandscheibe, Gelenk, Wirbelsäule, Kreuz, Schulter, also bei jenen Wehwehchen, die die Zeit am PC einfach so mit sich bringt.

 

Weil natürlich auch in Ilica jeglicher kranker Geruch von vorneherein getilgt werden soll, nennt man das Unternehmen Thermalife, Spa und Wellness. An Wellness ist aber nur eines (fast) neu, der Begriff, den sich der nordamerikanische Sozialmediziner Dr. Halbert Dunn in den siebziger Jahren aus fit-ness und well-beeing einfallen ließ. Nicht neu ist, das Dr. Christoph Wilhelm Hufeland bereits im frühen 19. Jahrhundert seinem gestressten Patienten Goethe für die Badereisen angenehmes Klima, freundliche Umgebung, Geselligkeit, Freizeitvergnügen, gesellschaftliche Veranstaltungen und zwischenmenschliche Kontakte verordnete. Und so konnte der Kurgast am 7. Juli 1806 an Christiane Vulpius schreiben, dass "das Wasser eine recht gute Wirkung auf mich gemacht hat. Die Verdauung fängt schon an, recht gut ihren Gang zu gehen. Übrigens mutet man sich hier viel mehr zu als zu Hause. Man steht um 5 Uhr auf, geht bey jedem Wetter an den Brunnen, spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabey".

 

Das Badeleben beschränkte sich zu keiner Zeit auf die körperliche Reinigung. Griechen und Römer schätzten vor oder nach dem Bad die sportliche Betätigung, die Terrassen zum Sonnen, die weitläufigen Wandelhallen, Essen und Trinken. Der Aufenthalt dauerte Stunden, manchmal auch den ganzen Tag. Hübsche Knaben besorgten die Massagen. Sklaven salbten den Körper ein. Bedienstete kümmerten sich um Maniküre, Pediküre und Frisuren.

 

Was früher schlicht und einfach klang, verkauft Wellness heute aufgemotzt und kompliziert: Balneotherapie in der Therapiewanne, Druckstrahldusche nach Kneipp, Affusionsmassage mit der Affusionsdusche, Algenauflage, Schlammpackung, Körperpeeling, Thalgo-Gesichtsbehandlungen, Augenränderglättung, Physiotherapie, Körpermassage, Ionozonbad in der Dampfkabine, Pressotherapie im Therapiestiefel, Hydrojetmassage im automatischen Massagewasserbett und last but not least Alpha Spa in einer Therapiekuppel im Raumfahrtdesign mit „sechs verschieden fein abgestimmten und digital gesteuerten Antistressprogrammen, kombinierbar mit Aromatherapie und Körperpackungen“.

 

„Mens sana in corpore sano“, notierte der alte Grieche Hippokrates, und weil eben in einem gesunden Körper manchmal doch auch ein gesunder Geist wirkt, offeriert das Wellness-Hotel von Ilica neben Thermalwasserbecken, Süßwasserpool, Hammãn und komplettem technischem Schnickschnack eines Fitness-Centers vor der Haustür auch das schöne Wasser der Ägäis.

 

Bis zu 480 junge Menschen betüteln den Gast, überaus freundlich sind sie, aufmerksam, bemühen sich immerfort, den Fremden in seiner Sprache anzusprechen. Von weit her kommen sie, vom Schwarzen Meer und den ostanatolischen Bergen, froh, hier einen Job gefunden zu haben, Geld zu verdienen, gefragt zu sein. Haben sie heute keine Ahnung vom Wein, den sie gerade servieren, morgen beten sie ihr ganzes Wissen über die türkischen Sorten Doluca, Marmara, Kavaklidere, Trakya und Buzbag augenzwinkernd und charmant herunter.

 

Man muss sich förmlich zwingen, an diesem Ort seine Begierden und Bequemlichkeiten zu überwinden. Ab und an muss man sich aufraffen und einfach in die Türkei reisen, damit sich der Aufenthalt in Ilica nicht wie in jedem gleichrangigen Haus eines beliebigen Landes gestaltet.

 

Auf meinen Spaziergängen durch das alte Zentrum von Ilica, hin über das Villenviertel, zurück über den Strand, erfuhr ich tatsächlich noch ein Stück Türkei, wenigstens lasse ich mir das nicht nehmen. Einen Ruck musste ich mir geben, bevor ich endlich das Lokal betrat. Die Männer, die da Tee tranken, Pfeife rauchten, beim Brettspiel saßen, mussten meine Unsicherheit bemerkt haben. Meine Neugier auch. Herzlich wurde ich aufgenommen, Çay wurde serviert, eine Nargile angezündet, zu einer Partie Tavla eingeladen, und erklärt, dass dieses einfache Etablissement ein Çayhane, eine Teestube ist. Den herrlichen türkischen Kaffee, jenes aufgebrühte Gesöff aus feingemahlenen Kaffeebohnen und Puderzucker, echt türkisch nur mit Schaum, darauf bestehen sie, „den gibt es hier nicht. Zu teuer. Vielleicht im Sheraton“. Wo sonst, wenn nicht an diesem Ort, hätte ich schließlich erfahren können, dass in dem Balkonzimmer gegenüber irgendwann einmal für zwei Nächte der hochverehrte Atatürk abgestiegen war.

 

Ob ich schon im Badehaus war? Ja, hätte ich sagen sollen, weil nach dem Nein die Gesellschaft sich aufmachte, mir das Etablissement zu präsentieren. Vorgeführt werden Umkleidekabinen, Duschen und im Innenhof ein Pool mit einem vergoldeten Löwenkopf, aus dessen Rachen sich glasklares, dampfendes Wasser in das Becken ergießt. Die Überraschung: im Seitenflügel steckt das Herz dieser Anlage. In zwei steinernen Einfassungen, fast zu ebener Erde, keinesfalls tiefer als einen halben Meter, wo für mich normalerweise nur Grundwasser ist, Thermalwasser pur, 60 Grad Celsius heiß.

 

Was damit geschieht, ist ganz simpel. Weil dieses rotbraun gefärbte Wasser vorerst gelagert wird, setzt sich der Schlamm ab. Aus dem Bassin wird dann ab und an klares Thermalwasser in das Schwimmbecken geleitet, so dass bei natürlicher Abkühlung eine körperverträgliche Temperatur von 40 Grad erreicht wird. Manches Haus ringsum hat damit seine eigene Heil- und Wärmequelle - kostenlos natürlich.

 

Ob kalte oder warme Ägäis, noch einfacher und preiswerter ist Wellness direkt am Strand von Ilica zu haben, vorausgesetzt, man befolgt das alte Sprichwort, wonach man nach dem Essen tausend Schritte tun soll. Auf einem dieser Spaziergänge entdeckte ich draußen bei der Mole eine besondere Idylle: Heiße Quellen im Meer, wo sich kaltes Meerwasser und heißes Thermalwasser zu einer höchst angenehmen Badetemperatur vermischen. Einheimische und Fremde, „Männer und Frauen, haben gemeinsame Bäder und legen mit ihren Kleidern auch die Tugend ab“, klagte einst der prüde Klemens von Alexandrien, „aber sie baden zugleich mit ihren Dienern und entkleiden sich bis zur Nacktheit vor den Sklaven, lassen sich von ihnen massieren und verstatten so der lauernden Begierde freie Betastung.“ Orient und Okzident werden hier eins. Was will man mehr.

 

Wellness sollte man auch nicht übertreiben. Kaldarium hin und Frigidarium her, es kann nicht alles sein. Ich erinnerte mich, dass ich vor meiner Reise gegenüber Freunden auch den Ort Alaçati erwähnte. Die Surfer unter ihnen gerieten ganz aus dem Häuschen: Der optimalste Fun-Learn-Spot! Ich ahnte nicht, dass die Bucht mit ihren Winden für sie wie ein Märchen aus 1001 ist. Da mir das einsame Surfen ein bisschen zu wenig für mein Verlangen nach Gesellschaft und Geselligkeit schien, ließ ich Bucht und Surfer sein und machte mich an Alaçati heran.

 

Die Vergangenheit ist unübersehbar. Es ist, als ob die Griechen erst gestern verschwunden wären. Die Ortsmitte nimmt der mit schwarzen Mosaiken belegte Platz ein. Die Architektur der Moschee verrät das ehemalige Kirchenschiff, an das irgendwann das Minarett gesetzt wurde. Lautstark ruft der Muezzim die Gläubigen zum Gebet. Keiner in den Cafés und Teehäusern lässt sich dadurch von seinen Vergnügungen abhalten, auch nicht die türkische Familienrunde, die ich in der Halle eines ehrwürdigen griechischen Eckhauses beim Kaffeeklatsch störte: der Vater Architekt, die Mutter Absolventin des Münchner Konservatoriums und die Tochter Ex-Managerin von Henkel.

 

Als Zeynep Özis Kutluay vom Waschpulver genug hatte, kaufte sie dieses Grundstück und machte aus einer halben Ruine ihr kleines TAŞ OTEL. Taş bedeutet Stein, und helle Steine und dunkle Hölzer sind es dann auch, die in den Hotelzimmern und Gasträumen jene Atmosphäre schaffen, die wir an diesem Ort vielleicht im 19. Jahrhundert vorgefunden hätten. So harmonisch und stilvoll finden Management und Ästhetik jedenfalls selten zusammen.

 

Eigentlich ist es ganz einfach: Das Steinhaus ist ein exzellentes Beispiel für das alte Alaçati. Weil die Hausherrin die Architektur dieses griechischen Hauses aus dem Jahre 1853 respektierte, gibt es auf der türkischen Halbinsel wieder ein Stück Geschichte mehr. Mit Wellness kann Zeynep Özis Kutluay allerdings nicht aufwarten. Dafür schenkte sie mir zum Abschied hausgemachte Quittenkonfitüre. Als ich am Abend noch in die Hotelbar schaute, saß mein Wellnesspartner wieder bei seinem Whisky. Leutselig wie er nun mal war, suchte er das Gespräch. „Wou kumme Sie denn jetz so schpät her?“ Aus Alaçati. „Un was hawwe Sie denn da in dem Glasbescher?“ Hausgemachte Quittenkonfitüre. „Was Sie nedd alles unnernehmen.“