Es war Otto von Bismarck, der 1884 den Bau einer Gasanstalt an der Ringbahnstation Wilmersdorf-Friedenau untersagte, da diese dem besonderen Charakter des Vorortes Friedenau als Villenanlage und als ein für Sommerwohnungen gesuchter Ort nicht zulasse. 1897 entstand auf dem Gelände der Sportpark Friedenau. Anfangs fuhren die Züge auf der Ringbahn nachmittags nach Bedarf, sonntags regelmäßig, an anderen Tagen nur, wenn im Sportpark irgendetwas los war, also nur selten. Das Ende war eingeläutet. Inzwischen plädierten Gemeindevertreter für eine Bebauung mit Wohnhäusern. 1904 verkaufte die Gemeinde Friedenau das Gelände an den Kaufmann Georg Haberland und seine Berlinische Boden-Gesellschaft, der zuvor dafür gesorgt hatte, daß Friedenau die Berliner Traufhöhe von 22 Metern für den Bebauungsplan übernahm.

 

Zwischen Kaiserallee, Bismarckstraße, Handjerystraße und der Ringbahntrasse im Norden entstand das Wagner-Viertel mit dem quadratischen Wagnerplatz, in dessem Inneren ein Rondell mit Fontäne angelegt wurde. Die vier Seiten des Platzes wurden jeweils von zwei Wohnhäusern dominiert: Nr. 1 & Nr.2 zwischen Elsa- und Sentastraße, Nr. 3 & Nr. 4 zwischen Senta- und Brünnhildestraße, Nr. 5 & Nr. 6 zwischen Brünnhilde- und Evastraße, Nr. 7 & Nr. 8 zwischen Eva- und Elsastraße.

 

Über die Benennung der Straßen wurde viel diskutiert: Patrioten, Militär, Altgermanen. Andere wollten die unerfreuliche Tatsache aus der Welt schaffen, dass keine Straße in Friedenau einen weiblichen Vornamen hat. Am 25. Juni 1906 brachte Amtsvorsteher Schnackenburg zur öffentlichen Kenntnis, daß die Straßen und der Platz auf dem früheren Sportparkgelände wie folgt benannt worden sind: Platz G: Wagner-Platz; Straße A: Isoldestraße; Straße B zwischen Handjerystraße und Wagner-Platz: Evastraße; zwischen Wagner-Platz und Kaiser-Allee: Sentastraße: Straße C von der Bismarckstraße bis zum Wagner-Platz: Elsastraße und vom Wagner-Platz bis Varziner Straße: Brünnhildestraße; Straße D: Kundrystraße; Straße E: Ortrudstraße; Straße F: Sieglindestraße. Am 4. Oktober 1906 waren die Parzellierung mit Nummerierung der Grundstücke abgeschlossen.

 

Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges war das Viertel mit durchweg viergeschossigen Mietshäusern und Satteldächern errichtet. Entstanden waren bis zu 6-Zimmer-Wohnungen mit gehobenem Standard. Die Entwürfe stammten von verschiedenen Architekten, darunter das Atelier für Architectur und Bauausführungen von Wilhelm Mixius & Heinrich Förstchen mit drei Bauten sowie die Baumeister Albert Beyer, Theodor Jaretzki, Bruno Schneidereit, Fritz Schönknecht, Willy Steinwirker.  

 

Da Umbenennungen von Straßen und Plätzen derzeit en vogue sind, sei daran erinnert, daß der Wagnerplatz 1935 in Cosimaplatz umbenannt wurde. Zu befürchten ist, daß demnächst eine weitere Umbenennung ansteht. Dem Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn liegt seit 2021 ein Dossier der Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen vor, erstellt in seinem Auftrag vom Politikwissenschafler Felix Sassmannshausen. Für Wilhelm-Hauff-Straße, Görresstraße und Friedrich-Wilhelm-Platz schlägt er Kontextualisierungen vor. Bei den Ceciliengärten ist er unentschlossen. Zum Cosimaplatz schreibt er: Benannt nach der Musikerin und Leiterin der Bayreuther Festspiele Cosima Wagner. Sie vertrat, wie auch ihr Ehemann Richard Wagner, ein offen antisemitistisches Weltbild. Handlungsempfehlung: Umbenennung. Das aber wäre Aktionismus pur und eine ideologische Verengung. Von den selbsternannten Umbenennungs-Experten muss man eine differenziertere Auseinandersetzung verlangen dürfen.

 

Bekanntmachung vom 4. Oktober 1906

 

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Wagnerplatz Ecke Elsastraße 1910, Restaurant Zum Wagnerplatz

Cosimaplatz Nr. 1

 

Das Atelier für Architectur und Bauausführungen Wilhelm Mixius & Heinrich Förstchen erwarb 1907 von der Berlinischen Boden-Gesellschaft die baureife Parzelle Wagnerplatz 1 Ecke Elsastraße 3. Das Grundstück blieb bis in die 1930er Jahre im Besitz von Wilhelm Mixius. Im Erdgeschoss entstand das Restaurant Zum Wagnerplatz, in das Pächter August Huhn für Sonnabend, 26. September 1908, abends 8 Uhr, zu einem Abendtisch einlud. Für vorzügliche Speisen und beste Getränke wird gesorgt, ebenso soll gute Unterhaltung geboten werden. Offensichtlich sollten mit diesem Abendtisch erste Akzente für das Etablissement gesetzt werden.

 

Nächster Höhepunkt war das Konzert, verbunden mit einem 5 Uhr Nachmittagstee, des ‚Gesanglich-musikalischen Klubs‘, geleitet von der bestens bekannten Gattin des Kgl. Rat Dr. Kuhut-Manstein, Hofopernsängerin und Gesangsmeisterin und Frau Dr. Hanni Krämer Konzertsängerin und Gesangsmeisterin. Hervorragende Sänger, Instrumentalisten und Rezitatoren wirken mit, so dass ein hoher künstlerischer Genuss zu erwarten steht. Der Klub, der die besten Kreise der Gesellschaft zu seinen Mitgliedern zählt, ist bekannt durch seine gediegenen und exklusiven Leistungen.

 

1914 gab Restaurateur August Huhn auf. Inhaber wurde Gustav Radtke, der die Lokalität zuerst als Weinhandlung und später bis in die Weltkriegsjahre als Weinrestaurant Wagner-Casino führte. Daraus wurde 1966 das Bulgaria-Casino, eine Lokalität, die von den Militärs der Westalliierten bevorzugt worden sein soll. Das Restaurant mit Terrasse zum Platz ist seit langem geschlossen. Da wir dort vor Jahren einmal von einer privaten Gesellschaft zu einem Vortrag über das Wagner-Viertel eingeladen waren, können wir berichten, daß dieses Etablissement doch ab und an gebucht werden kann.

 

 

Rudi Dutschke beim Einkaufen. Foto Thomas Hesterberg, 1968

Cosimaplatz Nr. 2

Rudi Dutschke (1940-1979)

 

Am 19. Februar 1967 besetzten neun Männer und Frauen und ein Kleinkind das Haus von Hans Magnus Enzensberger in der Fregestraße Nr. 19, wenig später auch Atelier- und Familienwohnung von Uwe Johnson in der Niedstraße Nr. 14 und der Stierstraße Nr. 3 – die Kommune I. Rudi Dutschke ist in keine dieser Wohnungen eingezogen. Im Sommer 1964 hatte er im Café am Steinplatz in Charlottenburg die Theologiestudentin Gretchen Klotz kennengelernt. Sie wollten zusammenleben, was von den Kommunarden abgelehnt wurde. Feste Bindungen waren verpönt. Im Dezember 1965 bezogen Gretchen Klotz und Rudi Dutschke eine Wohnung am Cosimaplatz Nr. 2, im März 1966 wurde geheiratet, im Januar 1968 Sohn Hosea-Che Dutschke geboren.

 

 

 

 

 

Alfred Willi Rudolf Dutschke wurde 1940 in Schönefeld bei Luckenwalde geboren. Die Jugendjahre in der DDR prägten ihn. Er war in der evangelischen Jungen Gemeinde, betrieb Leistungssport, wollte Sportjournalistik studieren und Sportreporter werden. 1956 trat er in die FDJ ein. Nachdem er sich 1957 als religiöser Sozialist an der Oberschule gegen den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee ausgesprochen hatte, rügte der Schulleiter dessen falsch verstandenen Pazifismus. Dutschke zitierte daraufhin pazifistische Gedichte aus Schulbüchern, die kurz zuvor noch Lehrstoff waren, und betonte, nicht er, sondern die Schulleitung habe sich geändert. Damit hatte er sich den direkten Weg zum Studium verbaut. Der Versuch, nach der Ausbildung zum Industriekaufmann doch noch zum Studium zugelassen zu werden, scheiterte.

 

Um dennoch studieren zu können, pendelte er von Oktober 1960 bis Juni 1961 zwischen Luckenwalde und Westberlin, absolvierte am Askanischen Gymnasium in Tempelhof einen Abiturkurs und zog am 10. August 1961 in den Westen – seine Flucht aus der DDR. Als drei Tage später die Berliner Mauer gebaut wurde, ließ er sich im Notaufnahmelager Marienfelde als politischer Flüchtling registrieren. Das Sportreporterstudium war passè. Er studierte an der Freien Universität Soziologie und wurde zur Symbolfigur der Studentenbewegung.

 

Der Journalist Günter Gauß bemühte sich mit einem Interview in der ARD am 3. Dezember 1967, den Blick vom bösen Geist der 68er auf Leben und Denken von Dutschke in Ost und West zu lenken. Bewirkt hat es bei den Bundesrepublikanern nichts. In den Hausflur Cosimaplatz Nr. 2 wurde das Graffiti Vergast Dutschke! gesprüht, Rauchbomben in den Eingang geworfen, Kot vor seine Tür gelegt. Ein Bundestagsabgeordneter aus Bayern bezeichnete Rudi Dutschke im Februar 1968 als ungewaschene, verlauste und verdreckte Kreatur.

 

Im Januar 1968 startet Wolfgang Venohr für stern-tv mit den Dreharbeiten für Rudi Dutschke – Sein jüngstes Portrait. Das Filmporträt beginnt mit einer Straßenumfrage: Dutschke?Verbrennen müsste man so was! Vergasen! Det wär’ richtig! -– Na ja, er sollte man richtig n Arsch vollkriegen, auf Deutsch gesagt, damit det, wat sein Vater versäumt hat, noch nachgeholt werden könnte.Na Gott, tja, Abschaum der Menschheit, nicht, Randalierer ersten Grades.Er geht nach der Zersetzung der Demokratie, also für mich ist klar, der wird vom Osten bezahlt.Tja, den sollt man in ’n Sack stecken und über die Mauer schmeißen. Venohr fragt Dutschke, ob er sich wegen solcher Schmierereien nicht bedroht fühle. Ich fühle mich persönlich überhaupt nicht bedroht. Es gebe zwar pogromartige Ansätze, doch die seien ganz normal. Venohr hakte nach: Haben Sie nicht manchmal Angst, dass Ihnen einer über ’n Kopf haut? Dutschke schloss nicht aus, dass irgend ’n Neurotiker oder Wahnsinniger mal ’ne Kurzschlusshandlung durchführen könnte.

 

Noch bevor der Film fertiggestellt war, feuerte der Hilfsarbeiter Josef Bachmann am 11. April 1968 vor dem Büro des Sozialistischen Deutschen Stundenbundes am Kurfürstendamm Nr. 140 drei Schüsse auf Rudi Dutschke ab. Nach einer mehrstündigen Operation prognostizierten die Ärzte, dass er sich über eine langwierige Therapie wieder mühsam Sprache und Gedächtnis aneignen könnte. Im Juni 1968 entschloss sich die Familie, die Bundesrepublik zu verlassen. Nach Aufenthalten in der Schweiz, Italien und Großbritannien folgte 1971 Dänemark, wo er Dozent an der Universität Aarhus wurde. 1973 promovierte er an der FU Berlin im Fach Soziologie. Rudi Dutschke starb am 24. Dezember 1979 im Alter von 39 Jahren in Aarhus – elf Jahre nach dem Anschlag.

 

Günter Gaus im Gespräch mit Rudi Dutschke (1967)

https://www.youtube.com/watch?v=SeIsyuoNfOg

 

Rudi Dutschke – Sein jüngstes Portrait. Filmportrait von Wolfgang Venohr (1968)

https://www.youtube.com/watch?v=SIuz9XLyLD4 Venohr Dutschke

 

 

Rudi Dutschke – Sein jüngstes Portrait. Filmportrait von Wolfgang Venohr (1968)

Cosimaplatz 3 & 4, Blick in die Brünnhildestraße um 1920

Cosimaplatz Nr. 3

 

Das Grundstück Wagnerplatz Nr. 3 erwarben 1907/08 Alwin und Carl Würzbach, damals wohnhaft Friedenau, Wiesbadener Straße Nr. 6, von der Berlinischen Bodengesellschaft. Zwei Jahre später kam das Wagnerplatz Nr. 3 Ecke Sentastraße Nr. 4 belegene, im Grundbuche von Friedenau, Band 26, Blatt Nr. 1265 zur Zeit der Eintragung des Versteigerungsvermerkes auf den Namen 1. des Steuersekretärs Alwin Würzbach, 2. des Architekten Carl Würzbach, beide zu Lankwitz bei Groß-Lichterfelde, Luisenstraße 26, eingetragene Grundstück zur Zwangsversteigerung.

 

Das Grundstück, ein Eckwohnhaus mit 2 Seitenflügeln und Hofraum, Kartenblatt 7 Parzelle 2822/67 ist 11 ar 93 qm groß und mit 12.600 Mark jährlichem Nutzungswert zur Gebäudesteuer veranlagt, ging an den  Kaufmann Otto Heise.

 

 

 

Ab 1925 wohnte in diesem Haus der Geologe Rudolf Cramer (1882-1949), der als Mitglied der Preußischen Geologischen Landesanstalt (PGLA) 1940 zum Regierungsgeologen ernannt wurde. 1938 zog Gauamtsleiter und SS-Obersturmführer Gustav-Adolf Schulte-Schomburg ein, der zum Leiter der Parteiverbindungsstelle beim Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ernannt wurde.

 

Cosimaplatz 4, Blick in die Brünnhildestraße

Cosimaplatz Nr. 4

 

Für das Haus Cosimaplatz Nr. 4 Ecke Brünnhildestraße mit zwei Seitenflügeln und einem Gartenhaus werden die Architekten Fuchs & Frieser aus Wilmersdorf genannt. Kaum war der Bau 1910 bezogen, übernahm die Konstant Grundstücks Verwertungsgesellschaft als Eigentümer das Anwesen. Der Besitz wechselte laufend, zuletzt 1943 eingetragen B. Forstensen (Norwegen). Über die weitere Geschichte ist nichts bekannt.

Cosimaplatz 5 & 6. Foto Jürgen Henschel, 1978. Museum Schöneberg

Cosimaplatz Nr. 5

 

Das viergeschossige Mietswohnhaus Nr. 5 wurde 1909/10 nach einem Entwurf von Architekt Willy Steinwirker errichtet. In den Adressbüchern taucht sein Name erstmals 1900 in Berlin NW, Stendaler Straße 21 auf. Nachdem die Berlinische Boden-Gesellschaft 1900 mit dem Bau des Bayerischen Viertels begonnen hatte, firmierte er unter Architekt u. Maurermeister, Baugeschäft GmbH, begr. 1902, Berlin W35, Genthiner Straße 7, Wohnung Schöneberg, Grunewaldstraße 98/98a. Nach der Parzellierung des Wagner-Viertels 1906 durch die Berlinische Boden-Gesellschaft ist er wieder dabei. Er errichtet das Haus Isoldestraße Nr. 3, wird Eigentümer und zieht in die erste Etage. Offensichtlich hatte er sich übernommen.

 

 

 

 

 

 

Am 30. November 1909 stand für Wagnerplatz Nr. 5 Ecke Brünnhildestraße Nr. 5 die Zwangsversteigerung an. Das Eckwohnhaus mit zwei Seitenflügeln, Quergebäude und Hofraum war zur Zeit der Eintragung des Versteigerungsvermerkes auf den Namen des Architekten Willy Steinwirker eingetragen: 11 ar 93 qm groß und mit 14.400 M. jährlichem Nutzungswert zur Gebäudesteuer veranlagt. Mit dem Gebot von 242.100 M. Hypothekenübernahme blieb der Rentier Dr. Oskar Koeberlin in Friedenau, Südwestkorso 76, Meistbietender. 1925 ging das Anwesen an die Koeberlin’schen Erben.

 

Cosimaplatz 5 & 6. Foto Hahn & Stich, 2021

Cosimaplatz Nr. 6

 

Cosimaplatz Nr. 6 Ecke Evastraße Nr. 4 war 1910 von einem bisher unbekannten Architekten errichtet worden. Eigentümer war der Kaufmann Fritz Galisch. 1943 sind die Gebrüder Bolck als Eigentümer eingetragen.

 

Die Bomben der Alliierten, die für den Güterbahnhof Wilmersdorf-Friedenau gedacht waren, machten während des Zweiten Weltkriegs aus den Wohnhäusern Cosimaplatz 5, 6 & 7, Evastraße 1, 2, 3 & 6, Bismarckstraße (Sarrazinstraße) 2, 4 & 6 Ruinen. Über das Weitere gibt eine Aufnahme des Fotografen Jürgen Henschel vom 30. Oktober 1979 Auskunft. Auf den Grundstücken Cosimaplatz Nr. 5 und Nr. 6 war ein fünfgeschossiger schlichter Wohnblock mit Balkons und Flachdach entstanden.

 

 

 

Vier Jahrzehnte später wurden die Bauten aufgepeppt. Das Satteldach kam wieder und mit ihm protzige zweigeschossige Dachwohnungen. Um dieser Gentrifizierung etwas entgegen zu setzen, wurden wohl am 5. Oktober 2014 vor Nr. 5 Stolpersteine verlegt – im Zentrum Friedrich Friedemann, der 1933 unter Wagnerplatz Nr. 5 (Cosimaplatz) eine Buchhandlung eröffnet hatte. Im Adressbuch von 1929 taucht sein Name erstmals in Friedenau auf: Friedemann, F., Buchhalter, Brünnhildestraße Nr. 1, IV. Etage (Postscheckkonto 106 144). Was die Stolperstein-Aktivisten über ihn zusammengeschrieben haben, basiert wohl wesentlich auf dem Entschädigungsantrag, den seine 1939 nach England ausgewanderte Tochter Ursula Friedemann nach der NS-Zeit gestellt hatte. Friedrich Friedemann bleibt dennoch ein Unbekannter. Vor allem stellt sich die Frage, warum er nach dem Ersten Weltkrieg seine Chancen nicht nutzte – und offensichtlich auf die Mitgift seiner Ehefrau Else geborene Marcuse setzte. Am 2. April 1942 wurden Else und Friedrich Friedemann in das Warschauer Ghetto überführt. Der Zeitpunkt ihres Todes ist unbekannt. Im Adressbuch von 1943 steht unter Cosimaplatz Nr. 5 dennoch Friedemann, F. Buchhandlung. Das ist unheimlich.

 

Schadenskarte von 1947

Cosimaplatz Nr. 7

 

Das Haus Cosimaplatz Nr. 7 (Wagnerplatz) Ecke Evastraße Nr. 5 wurde 1910/11 nach Plänen des Architekten und Magistratsbaurats Josef Reuters (1871-1937) errichtet. Nach diversen Besitzern ging das Anwesen 1936 an die Abraham-Joseph’schen Erben (Ausland). 1940 wird als Eigentümer die Wohlfahrtskasse des Deutschen Herold in Berlin SW 68, Friedrichstraße 219/220 genannt.

 

Auf der Schadenskarte von 1947 werden die Häuser Cosimaplatz 7 und Evastraße 5 als total zerstört (Rot) eingestuft. Für die Häuser Evastraße 6 und Sarrazinstraße 2, 4 und 6 (Blau) ist der Abbruch empfehlenswert. Ende der 1950er Jahre hielt es der Senat für vorrangig, auf diesen Grundstücken ein Finanzamt zu errichten. 1964 wurde Finanzamt Schöneberg für Erbschafts-, Schenkungs- und Grundsteuer eröffnet. Entstanden waren fünf- bis siebenstöckige Bauten, die weit über der Traufhöhe von 22 Meter lagen. Negiert wurden auch die festgelegten Baufluchtlinien für Cosimaplatz, Eva- und Sarrazinstraße. Ein Fremdkörper in einer traditionellen Wohngegend.

 

Als 2018 eine energetische Gebäudesanierung verkündet wurde, finanziert durch Europäische Union und Land Berlin im Rahmen des Programms für Nachhaltige Entwicklung, bestand die Hoffnung auf eine angemessene Korrektur dieser Bausünden. Weit gefehlt. Das von der Berliner Immobilienmanagement GmbH mit der Sanierung beauftragte Architekturbüro von Dipl. Ing. Felix Neubronner Berlin kleidete die vormals helle Fassade mit weißgrauen Schieferplättchen ein. In der Baubeschreibung wurde formuliert: Durch die Gleichbehandlung der Fassade aus vorgehängten Faserbetonplatten bilden die Gebäudeteile eine Einheit, die den Eindruck eines ‚herausgeschnittenen Blocks‘ betonen. Baukosten 3,70 Mio. Euro.

 

 

Cosimaplatz 8. Entwurf Architekt Bruno Schneidereit. Bauarchiv Schöneberg

Cosimaplatz Nr. 8

Eine Entdeckung: Dekorationen von Max Pechstein

 

 

Am 21. Januar 1909 reichte der Architekt Bruno Schneidereit bei der Gemeinde Friedenau ein Projekt für einen Neubau in Friedenau ein – Wagnerplatz Ecke Elsastraße, Herrn Kaufmann Paul Viering, Friedenau, Roennebergstraße 16 gehörig. Am 17. März 1909 wurde der Bau durch Gemeindebaurat Hans Altmann genehmigt. Am 1. Oktober 1909 erfolgte die Gebrauchsabnahme. Ende des Jahres erschien im Friedenauer Lokal-Anzeiger eine Annonce: Wagnerplatz 8 Ecke Elsastraße, 2 Min. vom Ringbahnhof Wilmersdorf-Friedenau, gediegen u. praktisch ausgestattete Wohnungen von 5, 4 u. 3 Zimmern, große, helle, schöne Räume mit allem Komfort per 1. Oktober 1909 zu vermieten. Keine Durchgangszimmer, nur Vorderwohnungen, moderne Oefen, Warmwasserversorgung für Küche, Bad u. ein Schlafz., elektr. Station, Vakuumanlage, 2 Toiletten, Mädchenbad, Rollkammer, reichliches Nebengelaß. Prominenter Mieter war von 1924 bis 1928 der Komponist Franz Doelle (1883-1965), der 1928 mit dem Text von Fritz Rotter den Schlager Wenn der weiße Flieder wieder blüht kreierte.

 

Am 7. September 1939 ging das Anwesen an Fräulein Ilse Viering, wohnhaft in Berlin-Wannsee, Am Wildgatter 43. Am 1. Mai 1954 verkaufte sie das Haus für eine Barzahlung von 130.000 DM an die Pensionskasse der BEWAG. 1962 zogen Berlins Wirtschaftssenator Karl König (1910-1979) und seine Ehefrau, die Theaterfotografin Ruth Wilhelmi (1904-1977), ein.

 

Aus der Bauakte geht hervor, daß das Haus im Zweiten Weltkrieg durch Bomben teilweise beschädigt, doch in den Nachkriegsjahren nur unzureichend wiederhergestellt wurde. Am 21 Mai 1992 ging ein Fax vom Architekturbüro Hans-Jürgen Klotz, Preußenallee 40, 1000 Berlin 19, an Herrn Martin Pechstein, Dürerstraße 25 A, 1000 Berlin 45 – der Enkel von Hermann Max Pechstein:

 

Sehr geehrter Herr Pechstein, bei Instandsetzungsarbeiten in der Wohnanlage Cosimaplatz 8 in Berlin-Friedenau (Eigentümerin Pensionskasse der BEWAG) wurde im ersten Hauptpodest des Treppenhauses eine ornamentale Wand- und Deckenausmalung freigelegt. Nachforschungen haben ergeben, daß es sich hierbei um eine Arbeit von Hermann Max Pechstein handelt. Im Auftrag der Eigentümerin, der Pensionskasse der BEWAG, wurde die Restaurierung der Wand- und Deckenausmalung veranlaßt. Wir würden uns freuen, Sie zu der Präsentation der restaurierten Arbeit von Max Pechstein begrüßen zu können. Mit freundlichem Gruß Hans-Jürgen Klotz.

 

Die Dokumentation dieser Restaurierung befindet sich seit 1992 im Archiv der Max Pechstein Stiftung Hamburg – und ist nach seinen Innenraum-Dekorationen in den Häusern Offenbacher Straße Nr. 1 (1912/1913) und Offenbacher Straße Nr. 8 (1913/1918) eine dritte (bisher unbekannte) Arbeit von Pechstein in seinen Friedenauer Jahren. Auf unsere Bitte, das Dokument veröffentlichen zu dürfen, schrieb uns Enkelin Julia Pechstein: Das Einverständnis von Seiten der Max Pechstein Stiftung kann ich so nicht geben, da die Urheberschaft bei dem Architekten Klotz liegt.

 

Wir machten uns an die Arbeit. Für die Architektenkammer Berlin gibt es keine Hinweise auf eine Zusammenarbeit von Klotz mit einem anderen Büro oder einen eventuellen Rechtsnachfolger. Die Restauratorin Elke Renner ließ uns wissen, daß die restauratorischen Arbeiten damals unter der Leitung von Diplomrestaurator Jochen Hochsieder liefen. Von ihm erhielten wir keine Antwort. In der Bauakte Cosimaplatz 8 fanden wir keinen Hinweis auf eine Innenraumgestaltung.

 

2011 erschien bei Hirmer Max Pechstein – Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, herausgegeben von der Max Pechstein-Urheberrechtsgemeinschaft. Die Experten waren sich einig: Keiner, der sich mit dem deutschen Expressionismus befasst, kommt an diesem 1200-seitigen, mit exzellenten 1340 Abbildungen in Farbe und 537 in Schwarz-Weiß erarbeiteten Katalog der Kunsthistorikern Aya Soika vorbei. Die beiden Bände ermöglichen erstmals einen umfassenden Blick auf das malerische Gesamtwerk Max Pechsteins. Obwohl Werke, Wohnorte und Ateliers von Pechstein in Wilmersdorf und Friedenau zwischen September 1908 und August 1918 detailliert dokumentiert sind, wird die Klotz’sche Dokumentation von 1992 zum Haus Cosimaplatz 8 nicht erwähnt.

 

Das ist bedauerlich, da es letztendlich auch um ein Stück Friedenauer Geschichte geht. Nachdem wir die Urheberschaft einigermaßen klären konnten, stellte uns die Max Pechstein Stiftung Hamburg die Dokumentation für eine Veröffentlichung auf dieser Webseite zur Verfügung. Auf der nachfolgenden PDF finden Sie die komplette Dokumentation.

 

 

Restaurationsbericht Architekturbüro Klotz, 1992
Restaurationsbericht Architekturbüro Klo[...]
PDF-Dokument [15.3 MB]

 

***

 

Noch bevor wir die Dokumentation zum Cosimaplatz Nr. 8 zum 1. Advent 2025 online stellen konnten, überraschte die F:A.Z. mit der Schlagzeile Es geht wieder um Millionen – Ein lange verborgenes Bild von Max Pechstein aus einer anonymen Sammlung gehört zu den Spitzenlosen der kommenden Auktion am 5. und 6. Dezember 2025 bei Ketterer in München.

 

Ganz so verborgen war das nicht. Das nun für einen Schätzpreis von 2 Millionen Euro aufgerufene Werk hat eine etwas komplizierte Provenienz. Das Gemälde – mit Vorder- und Rückseite – entstand 1910 in Pechsteins Atelierwohnung in der Durlacher Straße Nr. 14 in Wilmersdorf. Die Kunsthistorikerin Aya Soika machte 2011 darauf aufmerksam. Im Pechstein-Werkverzeichnis wurden die Bilder erstmals betitelt als Inder und Frauenakt (1910/54) und Früchte (1910/3) und jeweils unter eigener Nummer registriert. Die nacholgenden Seiten 216 und 268 aus dem Pechstein-Werkverzeichnis von Aya Soika stellte uns die Max Pechstein Stiftung freundlicher Weise zur Verfügung.

 

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Seite 268: 1910 / 54 INDER UND FRAUENAKT. Rückseite von Früchte (1910 / 3). Öl auf Leinwand

71 x 82 cm. Unbezeichnet. Anmerkung: Der große Inder (1910/52). Die ursprünglich übermalte und beschriftete Rückseite von Früchte (1910/3) zeigt eine eigenständige Komposition, die zu der Serie der Inder-Bilder Pechsteins gehört. Die handgeschnitzte und bemalte Fruchtschale unten links taucht auf den Gemälden Orangen (1909/5) und Inder, hockend (1910/55) auf. Die über die Komposition gesetzte Bezeichnung M. Pechtstein / Berlin-Wilmersdorf / Durlacherstr. 14 / Früchte / 500 Mark wurde 1989 entfent. Vgl. Abb. Rechts: Die Komposition vor der Entfernung des Schriftfeldes.

 

Seite 216: 1910 / 3. FRÜCHTE. Öl auf Leinwand. 70 x 80 cm. Monogrammiert und datiert unten rechts HMP, 1910. Privatsammlung Süddeutschland.

 

Nun tut das Auktionshaus kund, daß Pechstein wohl aus Leinwandmangel noch im selben Jahr mit einem Früchtestillleben die Rückseite des Aktgemäldes mit Leimfarbe überstrich. Erst bei deren Entfernung 1989 kam die Vorderseite mit dem Aktbild von Pechsteins späterer Frau Charlotte Lotte Kaprolat zum Vorschein. Eigentümer Alfred Eisenlohr (1875-1962), Mitinhaber des Piper-Verlages, hatte das Gemälde um/vor 1915 erworben und wohl keine Kenntnis von der Komposition Früchte. Das Bild war bis 1986 im Familienbesitz.

 

Weitere Angaben aus dem Katalog von Ketterer Kunst München:

Hermann Max Pechstein

Inder und Frauenakt (Vorderseite) / Früchte (Rückseite), 1910

Schätzpreis 2.000.000 €

Öl auf Leinwand, beidseitig bemalt

Das Stillleben „Früchte II“ rechts unten monogrammiert (ligiert) und datiert

71,5 x 82,5 cm (28,1 x 32,4 In) 

 

Aufrufzeit: 05.12.2025 – ca. 17.44 h ± 20 Min.

€ 2.000.000 – 3.000.000 (R7/F)

$ 2,320,000 – 3,480,000